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Ulrich Kaufmann
Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Ulrich Kaufmann
Von der »0ase« in den »Gegen Wind« – Rückkehr einer Stimme
Zu Gerti Tetzners verhindertem Roman (1981/2026)
Im Mitteldeutschen Kulturraum hat man Gerti Tetzner jüngst mehrfach vor allem als Thüringer Autorin wahrgenommen. In Wiegleben (bei Bad Langensalza) wurde sie 1936 geboren. Ihre Schulbildung bis zum Abitur erlebte Tetzner im thüringischen Gotha. (S. Fischer, »Thüringische Landeszeitung«, 22.8. 2026) Die Protagonistin in ihrem ersten, autobiographisch grundierten Roman »Karen W.« geht mit 30 Jahren – nach einer Krise in der Partnerschaft – für einige Monate in die »grünsüchtige« Landschaft ihrer Jugend, in ihr »Hinterland« zurück. Ist Gerti Tetzner deshalb eine Thüringer Schriftstellerin? Im Autorenlexikon des Thüringer Literaturrats findet man ihren Namen. Ein Großteil ihres Lebens hat die unangepasste Erzählerin in Leipzig verbracht, wo sie Jura und bis zur Biermann-Krise am Becher-Institut Literatur studierte. Anschließend lebt sie in (Ost-) Berlin – bis heute.
Nachdem 2025 im Berliner Aufbau Verlag Gerti Tetzners fast vergessenes Erzähldebüt »Karen W.« von 1975 – das im Titel an Christa Wolfs »Christa T.« denken lässt – neu erschien, war ihr Name nach Jahrzehnten wieder »da«. Die Kulturmedien erwachten: Man diskutierte über sie im »Literarischen Quartett«. In der Wochenzeitung »Die Zeit« (35/2025) schilderte Volker Weidemann auf einer ganzen Seite seinen Besuch bei der Romanautorin in ihrer kleinen Mietwohnung in Pankow… Die fast Neunzigjährige, die auch drei Kinderbücher geschrieben hat, erlebt nunmehr fast mehr Rummel, als dies für sie möglicherweise gut ist. Denn sie verspürt wieder Lust am Schreiben, sitzt am dritten Roman, stellt ihren ersten Band mit Erzählungen zusammen und denkt, wie oft, über ihren Vater nach, der ein Nazi war. Tetzners »neuer« Roman »Gegen Wind« aus den siebziger Jahren war 1981 fertig. Das Manuskript, das zunächst mit »Die Oase« überschrieben war, wurde vor dem möglichen Druck im Mitteldeutschen Verlag Halle von einem dortigen »Lektor« – der eher ein Grobian war – als »letzter Dreck« bezeichnet. Der Luchterhand Verlag, der bereits ihren viel übersetzten Erstlingsroman »Karen W.« (1974) herausgebracht hatte, zeigte hingegen Interesse und bereitete den Vertrag vor. Ein »Herr«, ein »Typ«, besuchte daraufhin die Autorin: Sollte sie den Text »ohne Erlaubnis im Westen veröffentlichen«, könne sie ihre »Sachen packen«. Das Verlassen der DDR war für die Schriftstellerin und Mutter zu keiner Zeit eine Option.
Die vorliegende Publikation des unterdrückten Romans kommt einer Sensation gleich. Zudem hat der Band zwei Besonderheiten: Der Aufbau Verlag legte eine unpaginierte Leseprobe des ersten Romans bei. Auch fehlt ein übliches Nachwort. Dafür kann man ein 35-seitiges Interview mit der Autorin lesen. Die Fragen stellte nicht irgendwer, sondern der Brigitte-Reimann-Biograf Carsten Gansel, einer der besten Kenner der ostdeutschen Literaturszene. Eröffnet wird der Band durch einen Kurztext Gerti Tetzners. Dort heißt es auf Seite 6: »Eines Tages rief eine befreundete Literaturwissenschaftlerin an. Im Schreibtisch ihres inzwischen verstorbenen Mannes hatte sie ein Exemplar des Romans gefunden. Das ist die Vorlage für diesen Abdruck.« Die Anruferin war Eva Kaufmann, eine Berliner Germanistin. Im Jahre 2000 stellte sie in ihrem Band »Aussichtsreiche Randfiguren« als Erste Tetzners Roman vor. Als Buch hatte die 2019 verstorbene Wissenschaftlerin das Erzählwerk niemals in ihren Händen gehalten. Der »Besitzer« des Schreibtischs war der zu Beginn des Jahres 2000 verstorbenen Heine-Forscher Hans Kaufmann. Dieser hatte Ende Mai 1975 Tetzners kritischen Romanerstling ausgiebig im »Neuen Deutschland« besprochen. Am 3. Januar des gleichen Jahres hatte ihn die Erzählerin von aus Leipzig gebeten, eine »unhöfliche, konstruktive Kritik« zu schreiben.
Könnte dieser »alte« Roman, der, nach Weidemann, »eine Lücke in der Literaturgeschichte geschlossen« hat, auf heutiges Interesse treffen? Zentral geht es um eine selbstbewusste Kindergärtnerin, um frühkindliche Bildung in einer staatlichen Einrichtung. Von einer Betonsiedlung ist die Rede, die den Kindergarten, die »Oase«, das »grüne Haus«, umgibt. Im Gegensatz zu »Karen W.« fungiert hier mit Hinrich, ein »Anstreicher« und vormaligen Leistungssportler, ein männlicher Erzähler. (Die Idee Christoph Heins, seine erste Novelle »Der fremde Freund« ‚1982, aus der Perspektive einer Frau zu erzählen, hat bei Gerti Tetzner Pate gestanden. Tetzner und Hein hatten sich auf einer Lesung kennengelernt.) Es ist auffallend, mit welcher Präzision und Empathie die Autorin die Innensicht dieses Arbeiters darstellt.
Gerti Tetzner, vormals Spitzenstudentin und Juristin, eine Intellektuelle, schied in jungen Jahren als Notarin aus dem Staatsdienst aus, begann zu schreiben. In der Landwirtschaft suchte sie Arbeit, war mit körperlich schweren Tätigkeiten vertraut. In ihrem zweiten Roman hat sie den »doppelten Blick«. Sie kann sich in Figuren aus anderen sozialen Schichten problemlos hineinversetzen.
Wir lernen den Freundeskreis der Protagonistin Kristina kennen. Gemeinsam ringt man um die aktuelle Frage, inwiefern man staatliche Vorgaben im Bildungswesen durch eigene, kreative Vorstellungen ersetzen könnte. Flüsterecken, die Kristina für die Kinder geschaffen hatte, waren wichtiger als Kriegsspielzeug. Als Kristina die Kinder anregt, außerhalb des »grünen Hauses« mit Ölfarbe zu malen, schrillen erstmals die Alarmglocken, gerät sie in das Räderwerk der Macht.
Im Leben des Freundeskreises spielen – wie auch bei Gerti Tetzner selbst – Eigentum, Prestige, Karriere und Geld keine entscheidende Rolle. Wesentlicher sind für die Schöpfer der »Oase« Geselligkeit, Lebensfreude, Vertrauen, Solidarität, Freude an einfachen Genüssen. Diese, vor Jahrzehnten »gelebte Utopie« könnte im wiedervereinigten Deutschland Anregung, gar Provokation sein.
Tetzner ist ein sensibler und sinnlicher Roman gelungen. Geschickt verknüpft die Erzählerin die vorsichtige Annäherung von Kristina und Hinrich mit dem langsamen Werden des Projekts für die Kinder, an dem sie über fünf Jahre gearbeitet haben. Beide verbindet bis zum letzten Tag, bis zur letzten Buchseite, ihre Oase, das »grüne Haus«. Die Farbe Grün wird in diesem Roman mehr und mehr zu einem Leitmotiv. (Für Seghers war es »Das wirkliche Blau«.)
Warum, müsste man sich fragen, hat diese ostdeutsche Geschichte, die in einer Katastrophe endet, in der DDR keine Chance gehabt? Sicher ist es nicht das Faktum gewesen, dass die Schriftstellerin ihre Geschichte immer wieder in den großen Kontext der späten siebziger Jahre gestellt hat. Sie spricht von Kriegsangst, vom Wettrüsten in West und Ost, vom Kalten Krieg. Schwerer wiegt wohl, dass Gerti Tetzner in ihrem DDR-Roman Drill und Dogmatismus scharf beobachtet: in der Armee, im Leistungssport im Bildungswesen, namentlich bei der frühkindlichen Erziehung.
Für manchen Leser könnte das letzte Viertel des Romans zu einer schweren, gar verwirrendenden Lektüre werden. Die Lesenden geraten abschließend selbst in die bösartigen Wirrnisse, die die Protagonisten Kristina und Hinrich erdulden müssen. Warum wird der Leiterin des »Grünes Hauses« amtlicherseits ihr Lebenswerk entrissen? Welche Gründe nennen die Behörden, welche Lügen und Unterstellungen kursieren? Wie unterschiedlich reagieren Fremde, auch Freunde auf die grässliche Situation, auf die offizielle Zerstörung der Oase? Kristina wird zur »Bewährung« in einen beliebigen Kindergarten verwiesen, in die jüngste Kindergruppe. In welchen Stuben muss sie Abbitte leisten? Von der Stasi wird nicht gesprochen, aber nur sie ist gemeint. Wohin hat man die Kindergartenleiterin für Tage verbracht? Wo kann Hinrich seine Frau wiederfinden? Was ist möglich, um seine gebrochene und nunmehr kranke Partnerin zu stützen?
Der Urtext der Tragödie hatte vormals etliche Schlussvarianten. Das neu konstruierte Romanende (S. 200–202), in dem wir von Kristinas Tod und Hinrichs Abschied von ihr erfahren, ist erschütternd.
Tetzners Roman, erschienen im August 2026, hatte schon einen Monat später in ganz Deutschland eine enorme und positive Resonanz: Im »Spiegel«, im »Freitag«, in der »Berliner Zeitung«, in der »Leipziger Volkszeitung«, im »Münchner Merkur«, in der »Märkischen Oderzeitung«, im »Tagesspiegel«, bei »radioo 3, rbb«, im »Deutschland Radio Kultur«…
Der Band wurde als »Flaschenpost«, »Zeitkapsel« und »außergewöhnliches stringentes inneres Porträt« bezeichnet. Immer wieder wird betont, dass der Roman nicht nur ein Rückblick auf die DDR vor 45 Jahren sei. Der Band könne etwa dazu beitragen, Vergleiche zu ziehen. In den siebziger Jahren habe man in der BRD ebenso über freie Erziehung, Ökologie und zivilen Ungehorsam nachgedacht.
Gerti Tetzner und ihr vormaliger Ehemann Reiner haben 1985 einen lesenswerten Text-Bildband über Dänemark herausgegeben. Beide hatten sie dänische Freunde. So ist es kein Wunder, dass es Menschen aus diesem Land sind, die sich im Roman für das Experiment Oase interessieren.
Der Roman »Gegen Wind« wird in der Rezeption keineswegs nur inhaltlich betrachtet. Von einer »eigenwilligen poetischen Sprache« ist die Rede, von »erstaunlicher Gegenwärtigkeit«. Gar wird von einem »Tetzner- Sound« geschrieben. (Wir hätten dies früher wohl »Individualstil« genannt.) Das sprunghafte, subjektive und jugendliche Sprechen, das Auslassen und dann das plötzliche, präzise Erzählen stünde der normierten Sprache des sozialistischen Realismus entgegen. Zu Tetzners eigenwilliger Sprache gehören auch ihre Wortneuschöpfungen: »bebuschte Winkel«, »Überlebenskader«, »Hosenbeinlinge«, »rot betuchte Brüste«. Auch der unvollständigen Satz »Gelbe Farbnasen unter einer Türklinke, dahinter Dunkles« wird herausgehoben.
Mehrfach lobt die Kritik das ungewöhnliche Erzählen aus der männlichen Perspektive. Hinrich bewundert die ungeheure Lebenslust seiner Partnerin. Durch seine bescheidene Zurücknahme erstrahle die Leuchtkraft Kristinas umso mehr.
Die ersten Worte Gerti Tetzners in dem kursiv gesetzten Vorspann des Buches lauten. »Das hier ist die Geschichte einer Freundin. Teils erlebte ich sie mit, teils wurde sie mir erzählt. Auch das Ende ist nicht erfunden. Und doch wurde alles zu einem frei erdachten Roman, der ein Lebensgefühl einfängt, das viele von uns teilten.«
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