David Gray – »Umarmung der Barbaren«

Thema

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Autor

Roland Spranger

Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Erstdruck in: Palmbaum, Heft 2/2025.

Roland Spran­ger

The Joy In The Face Of Darkness

 

Um ein Buch wie »Umar­mung der Bar­ba­ren« von David Gray über­haupt in den Hän­den zu hal­ten, braucht es einen wage­mu­ti­gen und leicht ver­rück­ten Ver­lag. Die Edi­tion Out­bird erfüllt diese Vor­ga­ben. Angeb­lich will ja außer mir kei­ner Short Sto­ries und Kurz­prosa lesen… aber: wo kein Ange­bot: da ist auch kein Markt!

Vor der Ver­öf­fent­li­chung mei­ner eige­nen Kurz­ge­schich­ten-Samm­lung »A Kind of Blue« habe ich mir die Frage gestellt, wie ich die Texte anordne. Da der Titel eine Anspie­lung auf eine LP von Miles Davis ist, habe ich mir vor­ge­stellt, dass ich eine Band bin, die ein Album zusam­men­stellt. David Gray sieht sich eher in der Rolle eines Film­ver­leihs, der ganz unter­schied­li­che Werke in die Kinos bringt. Jedem der Texte ist ein eige­nes Genre zuge­ord­net: Von Thril­ler über Melo­dram zu Hor­ror und Wes­tern. Und die Gen­res bedient der Autor mit Raf­fi­nesse und reich­hal­ti­gen pop­kul­tu­rel­len Zita­ten großartig.

In den Genre-Per­len pral­len Men­schen auf­ein­an­der, Sys­teme rei­ben sich auf. Und man selbst sitzt als Leser mit­ten­drin, ohne Sicher­heits­netz. David Gray ist ein Meis­ter des fie­sen Happy Ends. Als Leser ist man schon erleich­tert, wenn am Ende der Name einer Toten an eine Wand gesprayt oder ein bau­fäl­li­ges Gebäude in die Luft gesprengt wird. Selbst der gemein­same Sui­zid meh­re­rer Teen­ager kann einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

David Grays Prot­ago­nis­ten sind ambi­va­lent: weder Hel­den noch Kari­ka­tu­ren, eher Cha­mä­le­ons mit einem Hang zur Selbst­zer­stö­rung. Manch­mal mag man ihnen zuhö­ren, manch­mal möchte man ihnen auf die Fresse hauen.

David Gray legt oft einen distan­zier­ten Schreib­stil an den Tag, der die bru­tale Rea­li­tät erst recht beklem­mend macht. In »Die blei­chen Blu­men des Bösen« zerrt die Fol­ter am Leser. Und auch in »Boot Hill« fie­bert man mit einer Frau, die einer Hin­rich­tung ent­ge­gen sieht.

Die Erzäh­lun­gen sind eine Mischung aus schnei­den­dem Rea­lis­mus, dunk­ler Iro­nie und Figu­ren, die man nicht unbe­dingt im eige­nen Wohn­zim­mer haben möchte. Die meis­ten Geschich­ten sind nicht typisch mit offe­nem Ende oder einem Geheim­nis, son­dern sie sind aus­er­zählt. Mit einem fie­sen Happy End und oft einem Story-Twist wie ein Ell­bo­gen­check. Novel­len, die von einem beson­de­ren Ereig­nis erzäh­len, bei dem man lie­ber nicht dabei gewe­sen sein will.

Eine schöne Aus­nahme ist die Geschichte »One Night Stand«, die das Ende so offen lässt, dass man am liebs­ten selbst in die Geschichte ein­grei­fen würde. Außer­dem schreibt David Gray darin wun­der­bar über eine Rot­haa­rige und Jazz. Und über Sex und Musik muss man erst mal so schrei­ben können.

Die Geschich­ten wan­dern zwi­schen dem reli­giös-durch­ge­knall­ten Wil­den Wes­ten, einer Mili­tär­dik­ta­tur in Latein­ame­rika und der rauen See auf einem Segel­schiff im 19. Jahr­hun­dert. Und immer ist der Autor gut informiert.

Am bes­ten infor­miert wahr­schein­lich in der Titel­story »Umar­mung der Bar­ba­ren«. Die­sen längs­ten Text hat er als »Film­essay« an das Ende des Buchs gestellt.  Wenn David Gray vor dem Beginn der Story behaup­tet, dass nichts der Wahr­heit ent­sprä­che, grinst man als Leser anschlie­ßend bei der Lek­türe. So schön wurde das Genre des »auto­fik­tio­na­len Schrei­bens« sel­ten bedient. Behaupte ich ein­fach mal.

Die ost­deut­sche Sozia­li­sa­tion des Ich-Erzäh­lers trifft auf die Wende – und auf Punk! Natür­lich auch auf Dro­gen. Irgend­wann kommt er an die ori­en­tie­rungs­lose Stelle, an der jeder schon mal in sei­ner Jugend war: »Ich hatte kei­nen Plan, aber trotz­dem Leben übrig«.

Und von 1988 geht es schließ­lich bis 2024. Von Ver­lus­ten zu Trag­träu­men. Ein exis­ten­zi­el­ler Road­mo­vie von Buch­mes­sen zu Geis­ter­er­schei­nun­gen am See hin­ter dem Haus. Man hätte gerne mehr davon gele­sen. Und das ist ja genau der Effekt, den man sich als Autor bei der Lese­rin oder dem Leser wünscht.

Vor »Umar­mung der Bar­ba­ren« hat der Autor ein Zitat von Amanda Pal­mer gestellt, mit der ich auch diese Rezen­sion beende, weil es so pas­send ist: »The joy in the face of darkness is Punk!«.

 

  • David Gray: Umar­mung der Bar­ba­ren, Edi­tion Out­bird, Gera 2025, 292 Sei­ten, br., 15 Euro.
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