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Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft
Bernd Ritter
Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Bernd Ritter
»Die Eltern vertrauen uns das Wertvollste an: ihre Kinder«
Andreas Schultze ist Jugendsozialarbeiter in Bad Tabarz
Das Treffen war vereinbart, die Fragen waren notiert. Die Antworten sollen das Bild eines Menschen zeichnen, der sich um Kinder und Jugendliche außerhalb von Schule und elterlichem Zuhause kümmert, dessen Tätigkeit also die dritte Säule der Arbeit mit Heranwachsenden darstellt. Andreas Schultze, 47 Jahre alt, Jugendsozialarbeiter, angestellt beim Kreisjugendring Gotha e.V. begrüßt mich vor seinem Wohnhaus in Bad Tabarz. Das Haus sei um 1900 erbaut und ständig erweitert worden, erklärt er. An die Leidenschaft des Großvaters, den Anbau von Gemüse und Blumen, erinnere ein Gewächshaus im hinteren Teil des Anwesens. Vom Großvater wird noch die Rede sein. Ein Gartenhaus im nordischen Stil fällt mir auf: die Wände schwedenrot gestrichen. Zwischen Gartenhaus und Garage ist eine Nische ausgebaut, überdacht und verkleidet worden: ein Refugium hinter Holzspalier, woran sich Weinreben räkeln. Der Gastgeber lädt mich ein in diese schattige Oase.
Carlo Pedersoli, den die Welt als Bud Spencer kennt, war nie in Tabarz gewesen und auch Jim Morrison, der charismatische Frontmann der Kultband The Doors hat unseren Ort am Fuße des Inselsbergs nie betreten. Doch auf geheimnisvolle Weise sind beide an jenem Nachmittag zugegen: der eine durch die Ähnlichkeit mit meinem Gegenüber, der andere durch seine Songs: … the old get old, and the joung get stronger …
Andreas Schultze und ich, wir kennen uns seit über zwei Jahren. Als ich ihn zum ersten Mal sah, dachte ich: den kennst du doch…dieses Gesicht mit diesem Bart, irgendwoher kommt dir das bekannt vor…und wieder einmal auf unserem ortseigenen Walk of Fame in der Lauchagrundstraße – wo Prominente verewigt sind, die Tabarz besucht oder zeitweise hier gelebt haben: wie der Kinderpsychiater und Kinderbuchautor Heinrich Hoffmann (1809–1894), Schöpfer des »Struwwelpeter«; Sigmund Jähn (1937–2019), Kosmonaut und erster Deutscher im All; Max Alvary (1856–1898), weltberühmter Wagner-Tenor oder Gunther Emmerlich (1944–2023), Opernsänger und Entertainer in der DDR und im geeinten Deutschland – kam mir beim Erinnern an Gesichter und Bärte die Erleuchtung: Ich erkannte Ähnlichkeiten im Äußeren zwischen der gutherzigen Hälfte des verschlagenen Duos Hill / Spencer der Italo-Western der siebziger und achtziger Jahre und meinem Bekannten aus der laufenden Schul-AG, die wir beide – vom Bürgermeister Ortmann unterstützt – betreuen.
Andreas Schultze wurde 1977 in Friedrichroda geboren. Der Vater war Küchenleiter des FDGB Erholungsheims »Parkterrasse« in Fischbach. Die Mutter arbeitete als Verkäuferin in Tabarz.
»Das Ferienheim war voller Leben, Kinderstimmen überall. Die Bergbühne Fischbach gleich nebenan. An das Stück Das Wirtshaus im Spessart erinnere ich mich besonders gut. Wir Kinder haben oft in den Kulissen gespielt. Die blieben den ganzen Sommer über stehen. Ab und zu half ich als Kartenabreißer und Parkplatzeinweiser.«
1990 wird er 13 Jahre alt. Pubertät. Eine Wende im persönlichen Leben inmitten der gesellschaftlichen. »Ich war kein Stubenhocker. Bücher habe ich nie freiwillig gelesen. Ich war auch kein guter Schüler«. Soviel Ehrlichkeit überrascht mich nicht bei einem Menschen, der längst in der Gegenwart angekommen ist. Hinterm Bart glaube ich ein Schmunzeln zu entdecken: »Aber ein lieber Kerl muss ich wohl gewesen sein, denn die Lehrerinnen und Lehrer von damals halten noch heute Kontakt zu mir, dem Jugendsozialarbeiter.« Da zeige sich Wertschätzung, denke ich.
»Anfang der Neunziger waren mir Kumpels, Freundin und Moped wichtiger als Lernen und Hausaufgaben machen. Ich spielte Fußball, oft und gern. In der 8.Klasse entdeckte ich die Musik der Doors. Die waren da schon Legende und viele meiner Freunde hörten ganz andere Klänge, aber mein Idol wurde Jim Morrison.
You know that it would be untrue, You know that it would be a liar… Diese Musik begeistere ihn noch heute, nicht aber die Drogen-Geschichten.
»Im Gegenteil. Die sind ein Grund, weshalb mir Suchtprävention so wichtig ist. Wir konfrontieren Jugendliche mit jungen Erwachsenen, die über ihre Drogenkarriere sprechen. Ich hoffe immer, dass der körperliche und geistige Verfall der noch immer Süchtigen die jungen Zuhörer davon abhält, ja abschreckt, sich mit diesem Teufelszeug einzulassen. Crystal Meth macht sofort süchtig und in kurzer Zeit bist du ein menschliches Wrack. Drogen sind auch bei uns hier eine ständige Bedrohung.«
1995 absolviert Andreas Schultze die 10.Klasse. Im Anschluss beginnt er eine Lehre als Heizungs- und Lüftungsbauer, die er nach dreieinhalb Jahre erfolgreich beendet. »Die Theorie hat mich gelangweilt, der praktische Teil der Lehre war mir wichtiger. Zu den Arbeitskollegen hatte ich engen Kontakt. Den gibt’s noch heute. Da das Geld immer knapp war – 475 DM im ersten, 540 DM im vierten Lehrjahr –, habe ich mit Freunden an vielen Wochenenden im Phönix-Werk Waltershausen Maschinen geputzt.«
Inzwischen war er von Fischbach nach Tabarz gezogen. 2004 kaufte er das Haus der Großeltern.
»Mein Großvater war, was man ein Original nennt. Es gibt sogar ein Büchlein in unsrer Bibliothek, da wird er erwähnt: Gurken-Ede. Ich hatte meine Probleme mit ihm, konnte ihm nie etwas recht machen. Unser Verhältnis war nie richtig gut. Meine Großmutter versuchte ständig, die Wogen zu glätten und die Familie zusammen zu halten. 1997 arbeitete ich bereits ehrenamtlich im Jugendclub der AWO hier im Ort. Gemeinsam mit anderen sicherte ich die Öffnungszeiten in den Nachmittags- und Abendstunden ab. Der Club war gut besucht. Die Kinder blieben lieber unter sich als in einem Zuhause voll Spannungen. Die Arbeitslosigkeit in unsrer Region schien anzustecken, sie grassierte wie eine Pandemie.«
Die Einsätze in der AWO seien die beste Vorbereitung für ihn als Jugendsozialarbeiter gewesen. Meine Frage nach dem Grund für seine Berufswahl war beantwortet.
Am 1. April 1999 begann Andreas Schultze seine Tätigkeit als Jugendsozialarbeiter im Kreisjugendring Gotha e.V. Als Quereinsteiger bildet er sich ständig weiter, absolvierte ein zweijähriges berufsbegleitendes Studium an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena und besucht u.a. sozialpädagogische Lehrgängen am Thüringer Institut für Lehrerfortbildung in Bad Berka. Der Kreisjugendring ist als eingetragener Verein gemeinnützig und die Kosten der Mitarbeiter werden vom Land Thüringen, vom Kreis Gotha und von den Städten und Gemeinden anteilig finanziell getragen.
»In der ersten Zeit waren etwa 20 Kinder und Jugendliche im Club, täglich. Sie machten ihre Hausaufgaben und spielten zusammen. Wir kochten gemeinsam. Die Fantasie der Kinder sowohl beim Spielen als auch beim Kochen war grenzenlos. 2003 übernahm ich zusätzlich zu Tabarz noch die Jugendarbeit in der damaligen Einheitsgemeinde Emsetal. Dazu gehörten Fischbach, Winterstein, Schmerbach und Schwarzhausen. Überall renovierten die Kinder ihre Clubräume selbst. Wir wissen: gemeinsames Arbeiten schweißt zusammen. Es bilden sich aber auch Hierarchien heraus. Die unterschiedlichsten Charaktere und Talente entfalten sich und erfahren Anerkennung. Von 2006 an führten wir jährlich wechselseitig Ferienfreizeiten mit Kindern der Partnergemeinde von Emsetal – Hucqueliers in Nordfrankreich – durch. Mit einem Kleinbus fuhr ich unsere Teilnehmer die 760 km zur Atlantikküste. Für alle waren die Begegnungen mit Menschen einer anderen Mentalität und Sprache eine Bereicherung. Mehrfach besuchten wir Paris. Das Organisieren solcher Kontakte ist natürlich sehr stark vom Engagement einzelner Personen auf beiden Seiten abhängig. Scheiden diese aus, durch Alter oder Krankheit, kommen alle Aktivitäten zum Erliegen.«
Seit dem 1. April 2021 ist Andreas Schultze wieder ausschließlich für die Kinder- und Jugendarbeit in Bad Tabarz zuständig. Er organisiert Ferienlager, Spiel- und Kurzfreizeiten, entwickelt Projekte zur Jugendbildung und Kultur, ist beteiligt an einer Schüler AG, motiviert Partner für kompetente Informationen zum Jugendschutz, zur Polizeiarbeit und zur Drogenprävention, sucht den Schulterschluss mit den Eltern, dem Jugendamt, der Schule, der Gemeindeverwaltung und dem Bürgermeister.
»Bildungsfahrten sind besonders wichtig für die Teambildung. Auschwitz, Oswiecim. Ein Ort des Grauens. Wir fahren dorthin und kehren wieder zurück. Für über eine Million Juden Europas war dieser Ort Endstation. Das ist schwer zu begreifen. Stammlager Ausschwitz, Vernichtungslager Auschwitz – Birkenau, Rampe, Gaskammer, Krematorium, Lagertor, Schwarze Wand. Wir legen einen Kranz nieder. Wir schauen den Film Schindlers Liste und besichtigen die Fabrik Oskar Schindlers in Krakau. Die Jugendlichen schweigen, nein, keine Witze, keine dummen Sprüche. Manche haben Kopfhörer auf, hören Musik, als könnten sie damit das Unfassbare ausblenden. Mädchen reden über ihre Gedanken – Jungen schweigen. Ihnen fällt es schwerer, sich zu öffnen, Worte zu finden für ihre Gefühle. Da brauchts Geduld.«
Bei diesen Worten fällt mir ein kurzer Artikel im SPIEGEL ein. Es geht um Bildsequenzen auf TikTok. Mädchen würden sich als Holocaust-Opfer inszenieren und ihre erdachte Leidensgeschichte erzählen. Der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Jörg Skriebeleit, nennt diese Filmchen befremdlich ob ihrer Flachheit, betont aber zugleich, dass sie zuallererst als Versuche zur Kommunikation der Mädchen ernst genommen werden sollten. Kommunikation ist mein Stichwort: »Wie siehst du das, Andreas?«
»Wir können nicht nicht kommunizieren. Kommunikation ist der Kitt, der unsre Gemeinschaft zusammenhält. Wir kommunizieren, um etwas zu bewirken. Wenn wir uns zurückziehen, den Dialog verweigern, nicht zuhören, uns niederschreien, dann ist der Frieden zwischen uns gefährdet. Unsre Gesten, unsre Mimik, Hände, Füße…wir kommunizieren praktisch mit unsrer ganzen Erscheinung. Auch wenn ich die Stimme hebe oder senke, drücke ich etwas aus, sende Signale. Ob das, was ich sage, wahr oder falsch ist, ist erst einmal egal. Wahrheit ist ja keine absolute Größe, wie wir wissen. Wichtig aber ist, dass die Kinder verstehen, was ich von ihnen will. «
Mir schwirren Fragen durch den Kopf, an die ich vor unserem Treffen nicht gedacht hatte: Was ist Wahrheit? Was ist Wahrhaftigkeit? Standpunkt das eine, Haltung das andere? Was hältst du von der Vorbildfunktion Erwachsener? Verstehen wir den Standpunkt eines Kindes? Können wir dem gesunden Menschenverstand vertrauen? Oder unsrer Geschichte? Doch statt zu fragen, höre ich mich sagen: »Jim Morrison singt von Liebe, vom Rausch, aber er singt auch von Gewalt.«
»Ich glaube, er singt von Aggressionen«, meint Andreas Schultze. »Die sind nicht gleich Gewalt. Wir können Gewalt verhindern, wenn wir lernen, über Frust und Wut sachlich zu reden und Möglichkeiten schaffen, Dampf gewaltfrei und friedlich abzulassen. Ich denke an Sport und körperliches Auspowern, aber auch an vertrauensvolle Gespräche.«
Die Zeit ist fast um und wir haben noch nicht über Mobbing, Handy, Handy-Zeiten und gesunde Ernährung gesprochen. Meinen Frage-Zettel kann ich zerreißen. Der Gastgeber holt neuen Kaffee. Ich sitze im Grünen und warte. Beim Warten kommen Gedanken: Wir müssen Empathie entwickeln und die Fähigkeit, sich in andere hinein zu denken…Ein Schulgebäude wird zum Erzähler, der beobachtet, was tagsüber in den Klassenräumen und auf den Fluren – quasi in seinem Bauch – geschieht. Da rumort es. Ein Junge rastet aus, zerschlägt eine Glastür, reißt den Feuerlöscher von der Wand, zertrümmert Schranktüren. Schüler haben Angst, Lehrer sind entsetzt. Dem Psychiater erzählt der Junge später, er kann nicht ertragen, dass das Mädchen, seine große Liebe, nichts von ihm wissen will. Das Schulgebäude überlegt: Ich finde es schade, wenn Freundschaften kaputt gehen oder Liebespaare sich trennen, obwohl ich noch nie eine Freundschaft oder Liebesbeziehung hatte. Ich bin ja nur ein Bau aus Steinen. Wäre es nicht toll, ein Mensch zu sein?
Der Kaffee ist fertig. Die vereinbarte Zeit ist um. Ich stelle eine letzte Frage: Was er sich wünsche … wenn er einen Wunsch offen hätte.
»Privat?«
»Nein, dienstlich.«
»Gut, dann habe ich zwei Wünsche, einer davon ist zur Hälfte privat. Ich wünsche mir, dass unsre Kinder den Mut entwickeln zu sagen, was sie denken und fühlen und die Kraft besitzen, die Konsequenzen ihres Standpunkts auszuhalten. Wir Erwachsenen fürchten zu schnell, mit unserer Meinung falsch zu liegen und einen Shitstorm auszulösen. Wir schweigen lieber. Außerdem frage ich mich, was unsre Nachfahren vom Umgang mit unsrer Geschichte halten sollen. Wir behaupten zwar, aus ihr zu lernen, die Fakten aber korrigieren wir, wenn sie uns aus heutiger Sicht nicht gefallen. Heißt das nicht, wir korrigieren die Vergangenheit rückwirkend aus der Zukunft?«
»Wie meinst du das?«
»Das Wort Indianer sei negativ besetzt, heißt es. Ein 7‑Jähriger hat mich kürzlich belehrt. Was man stattdessen sagen soll, wusste er nicht. Native Americans hatte er sich nicht merken können. Sollen wir Straßen umbenennen, wenn sie das Wort Mohr im Schilde führen? Mohr sei diskriminierend – gut –, aber hat das Wort nicht auch eine Geschichte? Meinetwegen eine Kolonialgeschichte? Wollen wir die ausblenden? Und mein zweiter Wunsch ist: Die Gemeinde Bad Tabarz möge es schaffen, den Schüleraustausch mit der Partnerstadt Vrigne-aux-Bois so anzukurbeln – Fördermittel und Wege dafür gibt es genügend –, dass wieder mal ein Abstecher nach Paris möglich wird. Dann will ich auf den Père Lachaise pilgern, zum Grab von Jim Morrison. Vielleicht begleiten mich sogar ein paar Jugendliche.«
Schmunzelnd verabschieden wir uns.
Der Text erscheint als Teil 15 der Reihe »Mittendrin – literarische Perspektiven auf unsere Gesellschaft«, die der Thüringer Literaturrat e.V. 2025 mit freundlicher Unterstützung der Kulturstiftung des Freistaats Thüringen umsetzte.
Der Thüringer Literaturrat dankt der Thüringischen Landeszeitung für den Abdruck der Reihe.
›Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
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