Thema
Georgina Büsching
Alle Rechte bei der Autorin. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Georgina Büsching
Fast alle am Ende der Welt
Die in Brandenburg lebende Anousch Mueller wurde in Erfurt geboren. »Lori«, ist ihr zweiter Roman, eine Wegfindung, die bis in die siebziger Jahre der DDR führt. Ihre Protagonistin Leni wächst mit fünf Geschwistern auf einem Bahnhof in Thüringen auf, der so verlassen ist, dass er nur »das Ende der Welt« genannt wird. Mueller begibt sich auf eine intensive familiäre Spurensuche, in der es um Verdrängung, Wahrheit und Verstehen geht. Am Anfang stehen Bruchstücke und Erinnerungen, eine Familie und etwas, worüber nicht geredet wird, wo »am Ende der Welt« niemand einen Anfang findet. Hier wird vieles gerade so noch zusammengehalten, um nicht verloren zu gehen: Platzwunden und die Spuren eines Sommers, erste Liebe oder das, wofür man sie hält, Geheimnisse, die nur in einem Umschlag zwischen den Ablageordnern ihren Platz finden, eine unvollständige Wand mit Familienporträts. Leni geht, doch die Tragik eines Familienunglücks bleibt. Auf der Suche nach einem anderen Leben kehrt sie zurück, nicht nur zum »Ende der Welt«, sondern weiter in eine Zeit, wo Deutschland noch gespalten war, wo die Wende kurz bevor stand, wo sie auf ihre Mutter und ihre Träume trifft, von dem Leben im Osten und heimlichen Treffen, von Katastrophen und einem Segelausflug im August. Zwei junge Menschen, die bereit waren alles zu geben – und dann war es vorbei.
Mit Einfühlungsvermögen und sprachlicher Genauigkeit erzählt Anousch Mueller über Schuld und Verlust, die über Generationen weitergetragen werden. Manche Anfänge reichen weiter zurück als das, woran sich noch erinnert werden kann und über manche Schicksale fällt es leichter zu schweigen. Doch Mueller findet einen Weg, das Damals, das Dann und das Danach einzufangen, das Unerträgliche greifbar zu machen und die Schwere fühlen zu lassen, wenn das passiert, worüber niemand gerne reden möchte. »Lori« eröffnet einen Blick auf die Herausforderungen von Beziehungen und Verlangen, die in dem Roman insbesondere die Frauen zu tragen haben, das schwierige Spiel mit der Liebe und Begierde, der Druck von Erfüllung und Befriedigung. Zwischen dem Tod eines Kindes und dem Leben, was trotzdem weitergeht, folgt die Autorin den Lebenswegen von Leni und ihrer Mutter Katharina. Auf der einen Seite steht ein Mädchen, das versucht, erwachsen zu werden und nicht mit ihrer Schwester in der Ostsee unterzugehen, auf der anderen ihre Mutter, die unter der Aufsicht des sozialistischen Staates immer schweigsamer wird. Das Geschehen wechselt von Berlin nach Cottbus und landet irgendwo in Thüringen; aus den 2000er Jahren führt Mueller ihren Roman in das Jahr 1973 und fügt erzählerisch gekonnt ein Gewebe, das Leerstellen überbrückt. Irgendwo im Niemandsland befindet sich nicht die erhoffte Freiheit und auch keine Erlösung oder Vergebung von dem, was nicht ungeschehen gemacht werden kann, aber es gibt die Chance auf einen Neuanfang und noch einen und noch einen. So viele eben, wie es braucht, um ein ganzes Leben damit zu füllen, selbst, wenn Teile davon in einem Schuhkarton beiseitegeschoben und erst später wieder hervorgeholt werden können.
›Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio
Gestaltung und Umsetzung XPDT : Marken & Kommunikation © 2011-2026 [XPDT.DE]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]
URL dieser Seite: [https://www.literaturland-thueringen.de/artikel/anousch-mueller-lori/]