Detlef Ignasiak – »Von Luther bis Brecht. Meine Wanderungen durch die deutsche Literatur«

Personen

Katrin Lemke

Detlef Ignasiak

Ort

Jena

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Katrin Lemke

Alle Rechte bei der Autorin. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Erstdruck in: Palmbaum, Heft 1/2026.

Kat­rin Lemke 

Lite­ra­ri­scher Kosmos 

 

Zu sei­nem 75. Geburts­tag hat sich der Thü­rin­ger Ger­ma­nist, Ver­le­ger, Rei­se­un­ter­neh­mer und Ent­de­cker Det­lef Igna­siak ein beson­de­res Geschenk gemacht: Er bescherte sich und uns eine Enzy­klo­pä­die ganz eige­ner Art. Unter dem Titel Von Luther bis Brecht eröff­net sich dem Leser ein höchst sub­jek­tiv ange­leg­ter Kos­mos von his­to­ri­schen, geo­gra­fi­schen und – natür­lich – lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­chen Essays. Über den Jenaer Ver­le­ger­kol­le­gen Eugen Diede­richs (1867–1930) wurde gesagt, sein Ver­lag spie­gele wie kein ande­rer die indi­vi­du­el­len Inter­es­sen des Ver­le­gers. Glei­ches gilt für Det­lef Igna­siak. Er ver­birgt also nicht die sehr per­sön­li­che Ten­denz sei­ner Aus­wahl, im Gegen­teil, er benutzt sie dazu, uns ein far­ben­rei­ches Mosaik von Tex­ten vor­zu­le­gen, das einem Tep­pich gleicht. Man lese nun also in die­sem Gewebe von Betrach­tun­gen wie im Bild­tep­pich von Bayeu, des­sen Länge von ca. acht­zig Metern hier einem Umfang von fast 500 Druck­sei­ten ent­spricht. Dabei umfas­sen die Dar­stel­lun­gen einen Zeit­raum von bei­nahe andert­halb Jahr­tau­sen­den und viele im mit­tel­deut­schen Kul­tur­raum und dar­über hin­aus bedeu­tend gewor­dene Künst­ler, Orte und The­men. Aus dem »far­bi­gen Strom des Gesche­hens, aus dem große Per­sön­lich­kei­ten auf­tau­chen« (Ricarda Huch) und, muss ergänzt wer­den, wie­der unter­ge­hen, greift der Enzy­klo­pä­dist die ihn bewe­gen­den und inter­es­sie­ren­den her­aus, die unver­ges­sen blei­ben sol­len. Von Ven­an­tius For­tu­na­tus, dem Bio­gra­fen der Thü­rin­gi­schen Prin­zes­sin Rade­gunde aus dem 6. Jahr­hun­dert, lesen wir uns vor­wärts bis zu Christa und Ger­hard Wolf, Jean Paul Sartre und Gün­ter Grass, also weit ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein. Immer mit im Blick des Essay­is­ten: die jewei­li­gen Land­schaf­ten sei­ner Dich­ter, die zeit­li­chen Ein­bin­dun­gen ihrer Werke, ihre reel­len, z.T. anek­do­ti­schen Erleb­nisse. Der Ver­fas­ser frönt sei­ner Liebe zum Rei­sen durch Räume und Zei­ten. Aus­führ­lich ver­weilt er im 15. und 16. Jahr­hun­dert bei Luther und Münt­zer, Sebas­tian Brandt und Johann Str­igel, lässt zu Beginn des 17. Jahr­hun­derts Shake­speares Thea­ter­truppe in Thü­rin­gen wei­len, Hein­rich Schütz’ Lebens­orte und damit zugleich seine wun­der­bare Musik auf­er­ste­hen und beschreibt die weit­grei­fende Wir­kung des berühm­tes­ten Romans aus dem 30-jäh­ri­gen Krieg, Grim­mels­hau­sens Sim­pli­zis­si­mus. In allen Essays fin­den sich neben direk­ten Mit­tei­lun­gen zu Leben und Werk des Autors immer auch erhel­lende Quer­ver­bin­dun­gen zu Zeit­ge­nos­sen oder Nach­le­ben­den, die ihr eige­nes Werk auch auf diese Vor­an­ge­gan­ge­nen rück­be­zie­hen. Den klas­si­schen Ambi­tio­nen Det­lef Igna­siaks fol­gend, liegt der Schwer­punkt sei­ner For­schun­gen im 18. und 19. Jahr­hun­dert, bei Goe­the und Schil­ler, Carl August und Anna Ama­lia, also in Wei­mar, Jena und Umge­bung. Die Feuerbach-»Sippe«, die Hum­boldts, Jakob Rein­hold Michael Lenz, Nova­lis und Höl­der­lin – vor den Augen des Lesers ent­steht ein Pan­orama ver­gan­ge­nen Lebens in ein­zel­nen Mis­zel­len, ein über­reich besetz­tes »Pan­dä­mo­nium Ger­ma­ni­cum« mit weit offe­nen Toren bis in die ent­le­gens­ten Gegen­den und die nahe Ver­gan­gen­heit. Wenn der geneigte Leser Lust hat, nehme er Igna­siaks »rei­ches Kom­pen­dium der deut­schen Lite­ra­tur« (Dwars) in die Hand und reise in der nähe­ren oder wei­te­ren Umge­bung umher – durch Wort und Bild gut beglei­tet und reich­hal­tig informiert.

 

  • Det­lef Igna­siak: Von Luther bis Brecht. Meine Wan­de­run­gen durch die deut­sche Lite­ra­tur, quar­tus-Ver­lag, Bucha 2025, 496 S., 25 €.
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