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Ulrich Kaufmann
Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Ulrich Kaufmann
Sigrid Damm scheibt über »Künstler meines Lebens«
»Die Empfindlichkeit uff die Worte«
(Erwin Strittmatter)
Sechs der Porträtierten sind Frauen. Die kunstsinnige und belesene Rosa Luxemburg ordnet Damm stillschweigend den Kunstschaffenden zu. Freudig überrascht wird der Leser, dass die vormalige Germanistin das Buch mit ihren literarischen Favoriten Iwan S. Turgenjew und Lew N. Tolstoj beginnt und abschließt. Die großen Russen geben dem Band einen Rahmen.
Weniger überrascht wird der Damm-Leser sein, wenn er das Goethe-Porträt im Inhaltsverzeichnis an achter Stelle findet – im Zentrum des Bandes. An anderen Orten platziert die Goethe-Expertin Porträts zu »Christiana« – so steht es auf dem Taufschein – und August von Goethe: zwei Menschen, die dem Dichter als Lebensgefährtin und einziges überlebendes Kind besonders nahestanden. In einigen ihrer Goethe-Bücher hat Sigrid Damm darauf verwiesen, dass August keineswegs eine dem Alkohol zugeneigte Nebenfigur im Weimarer Haus Am Frauenplan gewesen sei. Sie schenkt dem Goethe-Filius nunmehr ein eigenes Lebensbild. Es gehört zu den ergreifendsten in diesem Buch. Fast beiläufig erfährt der Leser, dass auch Ernst Barlach und Käthe Kollwitz den Dichter Goethe verehrten. Für Luxemburg war im Gefängnis der »Faust« die letzte Lektüre. Der auch porträtierte Siegfried Unseld, Damms Verleger über viele Jahre, hat das Standardbuch »Goethe und seine Verleger« geschrieben. Dass der gleichfalls vorgestellte Heine Goethe in Weimar besucht hat und Treffliches zu seinem Leben und Werk zu sagen wusste, ist bekannt.
Mancher Damm-Leser wird sich eventuell an Texte zu Goethes Frau sowie an Essays zu ihren zeitgenössischen Freunden Franz Fühmann sowie an Eva und Erwin Strittmatter erinnern. Auch die Tolstoj- Mütze des zuletzt Genannten bleibt nicht unerwähnt.
Alle Porträts in ihrem neuen Buch beginnen mit dem Tod der Protagonisten. Es schließen sich Lebensbilder an, die entweder das »ganze« Leben (wie bei Else Lasker-Schüler) betrachten oder, wie im Falle Goethes, einen Lebensabschnitt. Sigrid Damm schreibt nicht nur sensibel und anschaulich über Dichter, sondern gleichermaßen über bildende Künstler: die Kollwitz und Barlach, der in ihren Güstrower Jahren, ihr »Nachbar« war. Nur beiläufig wird erwähnt, dass Barlach auch als Dichter wirkte.
Damms Betrachtungen über ihren Lieblingsmaler Caspar Ludwig Friedrich, an den aus Anlass seines 250. Geburtstag im In- und Ausland ausgiebig erinnert wurde, führen uns erneut zu Goethe: Im Herbst 2024 wurde in Weimar eine kleine, aber feine Ausstellung zu Friedrich und Goethe gezeigt, die im Schatten der großen Expositionen stand. Dort wurden die Beziehungen des Malers zu Goethe und dem Weimarer Hof differenzierter betrachtet. Weimar steht am Beginn der Friedrich-Rezeption und bereits 1820, noch zu Goethes Zeiten, war in der Ilm-Stadt eine Caspar-David-Friedrich-Ausstellung zu sehen.
Zu Teilen ist Damms Buch autobiographisch. Manches erfährt man über ihre Bibliothek, ihre Fundgrube, vor allem jedoch über die Söhne und Kindeskinder. Sympathisch ist, wie selbstkritisch Sigrid Damm heute über ihre Wege etwa zu – von Unseld mehrfach edierten – Herrmann Hesse und Eva Strittmatter denkt. Warum hat sie in Calw, wo sie als Stipendiatin an ihrem Schiller-Buch arbeitete, kaum an die Lokalgröße Hesse gedacht? Warum hat sich Sigrid Damm, die zunächst Vorbehalte gegen die Lyrik ihrer späteren Freundin Eva Strittmatter hatte, in Gesprächen niemals zu ihren Gedichten geäußert?
»Wenn ich meinen Fünfjahresrhythmus bedenke und meine Lebensjahre rechne, wird es vielleicht letztmalig die Lektüre dieser Werke gewesen sein.« So endet das Buch. Möge sie sich irren: Tolstoj, Turgenjew und andere Favoritinnen und Favoriten werden ihren Lebensweg weiterhin begleiten, dessen ist sich der Leser angesichts ihrer Reflexionen über literarische Wegbegleiter sicher.
Die Autorin widmete das Buch zu Beginn ihrem Lebensgefährten Hans J. Wiedemann. »Wie immer« geht ein Dank an ihre »langjährige Lektorin Gesine Dammel,« lesen wir am Schluss.
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