Anke Engelmann – »Blender«

Person

Anke Engelmann

Ort

Erfurt

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Anne Hahn

Alle Rechte bei der Autorin. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Erstdruck in: Logbuch. kreuzer-Sonderheft zur Leipziger Buchmesse 2026, Leipzig 2026.

Anne Hahn

Per­fekt kopiert

Anke Engel­mann ent­wirft die zwie­lich­tige Lebens­beichte eines Fälschers

 

»Die Fami­lie glaubte mich im Knast, aber mir ging es gut wie nie zuvor. Wie gut, merkte ich erst, als ich alles ver­lor. Ich stürzte, und mich durch­strömte ein Gefühl der Erleichterung.«

Dies ist die Geschichte eines Schei­terns. Der Weg nach unten ver­läuft nicht grad­li­nig, in Wel­len bäumt sich Glück auf. Han­nes Bohn, 1958 in Wei­mar gebo­ren, ist ein begab­ter Zeich­ner, ein schar­fer Beob­ach­ter oben­drein. Schon als Kind wähnt er sei­nen Vater falsch, hält den Phi­lo­so­phen Ernst Bloch für den ech­ten – in sei­nem Semi­nar lern­ten sich die Eltern ken­nen. Die Fami­lie des Ich-Erzäh­lers zieht von Wei­mar nach Karl-Marx-Stadt und wei­ter nach Erfurt, der ein­zige Freund bleibt zurück. Han­nes ver­wei­gert sich dem Abitur, expe­ri­men­tiert mit Kunst, Rausch und der Liebe. Stif­tet Unheil, lügt und täuscht.

Das schmale Buch der 1966 in Wei­mar gebo­re­nen Autorin Anke Engel­mann ent­wirft eine kom­plexe DDR-Bio­gra­fie, die es nie gege­ben hat. Sie erzählt so über­zeu­gend von Han­nes Bohn, dass man glaubt, dabei zu sein. Wie gelingt das? Die Spra­che der gestan­de­nen Jour­na­lis­tin ist prä­zise und fokus­siert. Sie flicht ein gan­zes Bün­del rea­ler Bege­ben­hei­ten in den Lebens­re­port, ohne des­sen Glaub­wür­dig­keit zu ris­kie­ren. Aus­schrei­tun­gen in Erfurt gegen Nord­afri­ka­ner, ein Zug­un­glück bei Eisen­ach und die Arbeit des Malers Wer­ner Tübke nebst Entou­rage am Monu­men­tal­bild­nis des Bau­ern­krie­ges in Bad Fran­ken­hau­sen. Han­nes Bohn – mit­ten­drin. Blues im Her­zen, Haare lang, den Pin­sel in der Hand. Gefäng­nis, Irren­haus, Stasi-Ver­höre, Gothas Gemäl­de­samm­lung und ein Meis­ter­fäl­scher, der Rit­ter Run­kel (Figur eines DDR-Comics) in Tüb­kes Pan­ora­ma­bild schmug­gelt, sind Eck­punkte der Lebens­beichte des Rast­lo­sen. Nur in der Liebe hält der abwärts Tru­delnde Atem­züge lang inne. Grandios!

Schöns­ter Satz: Ein Fäl­scher dient dem Werk, nicht sei­ner Eitelkeit.

  • Anke Engel­mann: Blen­der, Ber­lin: Voland & Quist 2026. 217 S., 23 €
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