Lutz Rathenow – »Früher ist morgen. Gedichte«

Person

Lutz Rathenow

Ort

Jena

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Michael Hametner

Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. Erstdruck in: der Freitag, Nr. 28, 10.07.2025.

Michael Hamet­ner

Eine Höhle mit Wän­den aus Glas

 

Geheim­tipp: Man­che erin­nern sich noch an den DDR-Bür­ger­recht­ler Lutz Rathe­now, den Lyri­ker gilt es immer noch zu ent­de­cken, »Frü­her ist mor­gen« ver­sam­melt 111 Gedichte

Bis zur fried­li­chen Revo­lu­tion war er eine der pro­fi­lier­tes­ten Stim­men der Oppo­si­ti­ons­be­we­gung in der DDR. Aber das sind Lor­bee­ren für den kri­ti­schen Geist von einst. Für den Schrift­stel­ler, mit dem alles anfing, sind sie aus­ge­blie­ben. Dabei kann Lutz Rathe­now auf eine stolze Ver­öf­fent­li­chungs­liste von rund 30 Büchern ver­wei­sen, vor allem Lyrik­bände, aber auch Kin­der­bü­cher, Prosa und Texte in Bild­bän­den des Foto­gra­fen Harald Hauswald.

In sei­nem neuen Lyrik­band »Frü­her ist mor­gen“ nutzt Rathe­now das vierte Kapi­tel, um seine Bio­gra­fie mit Gedich­ten vor­zu­stel­len. Darin auch das wohl frü­heste Gedicht. Es stammt vom damals 19-Jäh­ri­gen und beschreibt die Erfah­rung als Arbei­ter beim Vor­zei­ge­be­trieb Carl Zeiss Jena: »dann Ende / der Schicht. Für heute ent­las­sen / sitzt du dann vor dir; / die Maschine«. Die gespürte Ent­frem­dung bleibt sprach­lich Teil des Erleb­nis­ses. Es fin­det keine Kom­men­tie­rung statt, viel­leicht naiv, viel­leicht schon bewusst bleibt die Poe­sie gewahrt. Es sind die ers­ten Bewe­gun­gen in Rich­tung Poe­sie, 1973 im Arbeits­kreis Lite­ra­tur und Lyrik in Jena. Gleich­wohl las die Stasi in sol­chen Tex­ten einen poli­ti­schen dop­pel­ten Boden und sorgte bald für das Ver­bot des Arbeitskreises.

Der neue Gedicht­band des 72-Jäh­ri­gen erscheint wie­der ein­mal in einem Klein­ver­lag. Was heißt schon Klein­ver­lag, wenn es sich um den Ver­lag Ralf Liebe in Wei­ler­swist, ganz im Süd­wes­ten von Nord­rhein-West­fa­len, han­delt. Bei ihm ist Rathe­now zum x‑ten Mal gut auf­ge­ho­ben. Die Gedichte beglei­ten zehn gedank­lich weit­räu­mige Holz­schnitte von Katja Zwirn­mann. Die Stif­tung Buch­kunst hat den Band jetzt sogar auf ihre Short­list für das schönste Buch gesetzt.

Nie sage ein Dich­ter unbe­dacht, der Ver­lag sei ihm zu klein. Trotz­dem scheint es, als würde der Ruhm des Dich­ters Rathe­now nach drei Dut­zend Büchern in einem Dut­zend Klein­ver­la­gen und dem zehn­jäh­ri­gen Enga­ge­ment von 2011 bis 2021 als Säch­si­scher Lan­des­be­auf­trag­ter zur Auf­ar­bei­tung der SED-Dik­ta­tur auf der Stelle treten.

Debüts kön­nen nichts wei­ter als ein ers­tes Buch sein – oder die Eröff­nung eines Werks. Schaut man auf Rathe­nows Debüt »Mit dem Schlimms­ten wurde schon gerech­net“ aus dem Jahr 1980, dann fin­det sich ein viel­ver­spre­chen­der Anfang. Doch das Buch des vom Ver­öf­fent­li­chungs­ver­bot betrof­fe­nen Debü­tan­ten erschien im West-Ber­li­ner Ull­stein-Ver­lag und ging an der Mehr­heit der DDR-Leser vor­bei. Dabei hätte es ein nach­wir­ken­der Auf­schlag sein kön­nen, denn es han­delte sich um beste schwarze Prosa à la Daniil Charms. Rathe­now schloss an die gro­tes­ken Sze­nen der damals bei Stu­den­ten­thea­tern in der DDR ange­sagte pol­ni­schen Dra­ma­ti­ker Tade­usz Róże­wicz und Sła­wo­mir Mrożek an. Deren Tech­nik der gro­tesk bis absurd ein­ge­färb­ten Para­bel fas­zi­nierte ihn und sie fin­det sich bis­wei­len auch in sei­nen Gedichten.

Den Dich­ter erspürt man in ande­ren Tex­ten des Ban­des, die sich poe­tisch hin­ter Chif­fren aus Wider­sinn ver­ste­cken. Lie­bes­ge­dichte, die den »Duft die­ser Haut“ ver­strö­men, Gedichte vom Dich­ter-Sein, denen Sätze schwe­ben und leben und eine »Höhle mit Wän­den aus Glas“ bil­den. Ur es gibt Gedichte, die ein Spiel­platz für Worte sind: regel­los, offen, freizügig.

Ein 72-Jäh­ri­ger sollte auch vom Alter spre­chen. Rathe­now lässt in »Frü­her ist mor­gen“ den Tod in seine Gedichte ein­tre­ten und gibt zu, dass er ihm lang­sam ent­ge­gen­lebe. Durch die immer noch spür­bare Freude für das Absurde schwingt jetzt eine End­gül­tig­keit. Man­che der Gedichte sind aus alten Zei­ten und der Dich­ter hat sie sich noch ein­mal vor­ge­nom­men, andere sind nur aus alten Zei­ten, aber das meiste ist neu. Diese Viel­falt macht es, dass am Ende der Lek­türe der Lek­türe der 111 Gedichte ein Werk erscheint, das vom Kri­ti­ker zu wür­di­gen ist und vom Leser zu entdecken.

 

  • Lutz Rathe­now: Frü­her ist mor­gen – 111 Gedichte, Ver­lag Ralf Liebe, Wei­ler­swist 2025,150 S., 25 €.
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