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Lisanne Dörner
Alle Rechte bei der Autorin. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Erstdruck in, Thüringische Landeszeitung, 19.02.2026, S. 3.
Lisanne Dörner
Schreiben über das Unaussprechliche
Kaleb Erdmanns Roman »Die Ausweichschule« ist ein Roman, der sich mit einem zutiefst persönlichen und gesellschaftlich relevanten Ereignis befasst: dem Amoklauf Robert Steinhäusers 2002 an der Gutenberg-Oberschule in Erfurt. Erdmann war damals elf Jahre alt, ein Kind, das plötzlich mit einer Katastrophe konfrontiert wurde, deren Auswirkungen ihn bis ins Erwachsenenalter begleiten. Der Roman ist weder eine nüchterne Tatsachendarstellung noch eine sensationslüsterne Neubewertung, sondern eine literarische Reflexion über Erinnerung, Trauma, Wahrheit und die Frage, wie man über das Unaussprechliche sprechen und nach dem Erfahrenen leben kann.
Der Text bewegt sich zwischen mehreren Zeitebenen. Im Mittelpunkt stehen die Erinnerungen an den Tag des Amoklaufs: die Unmittelbarkeit der Bedrohung, das Chaos, das Gefühl der Verletzlichkeit. Diese Erinnerungen sind fragmentarisch, manchmal verschwommen, überlagert von Medienbildern und sozialen Narrativen. Parallel dazu gibt es die Gegenwartsebene eines erwachsenen Ich-Erzählers, der mit den Mitteln der Literatur ringt. Wie lässt sich ein solches Ereignis darstellen, ohne es zu trivialisieren oder auszubeuten? Ist es zulässig, eine Katastrophe in ein Kunstwerk zu verwandeln? Und wie zuverlässig sind die eigenen Erinnerungen, wenn sie im Laufe der Jahre unbewusst umgestaltet wurden?
Erdmanns Sprache ist bewusst unaufgeregt. Er verzichtet auf große Gesten, schreibt klar, kontrolliert. Beim Lesen gibt es immer wieder Passagen, die tief berühren, nicht weil sie sensationslüstern sind, sondern weil sie alltägliche Erfahrungen hinterfragen. Jeder, der selbst zur Schule gegangen ist, erinnert sich an die Selbstverständlichkeit eines sicheren Ortes, an Routine, Verlässlichkeit und Vertrauen. Erdmanns Beschreibung macht deutlich, wie verheerend es gewesen sein muss, als diese Sicherheit in einem Augenblick zerstört wurde.
Wenn der Erzähler Kindheitserinnerungen rekonstruiert, spürt man die Unsicherheit, die Lücken, die Abgründe, die nicht vollständig geschlossen werden können. Neben der individuellen Ebene wirft der Text auch gesellschaftliche Fragen auf: Wie erinnern wir uns kollektiv? Welche Rolle spielen die Medien, wenn sie Bilder und Erzählungen schaffen, die sich tiefer in unsere Wahrnehmung einprägen als unsere eigenen Erinnerungen. Und wie geht eine Gesellschaft mit Ereignissen um, die einerseits nicht vergessen werden dürfen, andererseits aber schwer in Worte zu fassen sind?
Thematisch dreht sich der Roman um drei Hauptelemente: Erinnerungen und ihre Unzuverlässigkeit, die Nachwirkung von Traumata im Leben eines Menschen und das Schreiben als Form der Annäherung. Besonders eindringlich sind die Passagen, in denen das Schreiben selbst zum Thema wird: Der Erzähler reflektiert nicht nur seine Erfahrung, sondern auch seine eigene Position als Autor. Er setzt sich mit der Frage der Verantwortung, der Angemessenheit literarischer Formen und den Grenzen der Sprache auseinander. So ist »Die Ausweichschule« auch ein Roman über die Literatur selbst, über ihre Möglichkeiten und Unmöglichkeiten angesichts der erlebten Wirklichkeit.
Die Stärke des Buches liegt in dieser Balance zwischen Nähe und Distanz. Erdmann gelingt es, das Grauen greifbar zu machen, ohne dabei in Sensationslust zu verfallen. Manche Leser mögen die emotionale Zurückhaltung als zu distanziert empfinden und tatsächlich lässt der Roman viele Fragen offen. Aber diese Offenheit ist konsequent. Er weigert sich, einfache Antworten zu geben, weil es keine gibt. Stattdessen zeigt der Text, dass Erinnerung ein fortwährender Prozess ist, dass Sprache immer wieder an ihre Grenzen stößt und das Ringen um die adäquate Form des Erzählens selbst Teil des Heilungsprozesses ist.
Kaleb Erdmanns Roman »Die Ausweichschule« zeigt, wie man über Gewalt sprechen kann, ohne sie zu reproduzieren und wie man die eigene Erfahrung mit dem kollektiven Gedächtnis verbinden kann. Wer sich auf den ruhigen, suchenden und zugleich präzisen Erzählstil einlässt, wird mit einem Roman belohnt, der noch lange nach dem Lesen nachwirkt und mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet.
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