Wickersdorf
[Gemeinde]

Lokation

Wickersdorf
07318 Wickersdorf

50.588726, 11.2534

Weiterführende Informationen

Wickersdorf

Autor

Detlef Ignasiak

Das literarische Thüringen, Bucha 2014

Wenn man die von Saal­feld nach Neu­haus füh­rende Bun­des­straße hin­ter dem idyl­lisch gele­ge­nen Gast­hof von Hohen­ei­che rechterhand ver­lässt, kommt man in das auf wal­di­ger Höhe lie­gende W., das fast das ganze 20. Jh. hin­durch als Schul­ort weit über Thü­rin­gen hin­aus einen Namen hatte.

Die »Freie Schul­ge­meinde Wickers­dorf«, 1906 von Gus­tav Wyne­ken und Paul Geheeb gegrün­det, exis­tierte bis 1945 in den Gebäu­den des Domä­nen­gu­tes Wickers­dorf. Nach dem Wil­len ihrer Grün­der sollte das tra­di­tio­nelle Leh­rer-Schü­ler-Ver­hält­nis völ­lig auf­ge­bro­chen und die Schule demo­kra­tisch regiert wer­den. Doch schon 1909 ver­ließ Paul Geheeb im Streit das Schul­pro­jekt, wäh­rend sich Gus­tav Wyne­ken mit der Mei­nin­ger Schul­ver­wal­tung anlegte und seine Leh­rer­tä­tig­keit ein­schrän­ken musste. Doch behielt Wyne­ken über die von ihm gelei­tete Jugend­zei­tung »Der Anfang« gro­ßen Ein­fluss, bis ihm 1920 sexu­el­ler Miss­brauch von Schü­lern vor­ge­wor­fen wurde und er sei­nen Dienst end­gül­tig quit­tie­ren musste.

Der Dich­ter Ste­fan George schrieb: »Wer aus Wickers­dorf kommt, ist hoff­nungs­los ver­dor­ben.« Die kri­ti­sierte Wickers­dor­fer Welt fin­det ihre Dar­stel­lung in Erich Eber­may­ers (1900–70) mehr­fach über­setz­ten Roman »Kampf um den Odi­li­en­berg« (1929), der Gus­tav Wyne­ken gewid­met ist, den die FAZ (13. 5. 2012) vor dem Hin­ter­grund der Skan­dale um die Oden­wald­schule (auf die sich der Roman bezieht) als »eine Art Hand­buch für Päd­eras­mus« bezeich­net hat. Tat­säch­lich geht es darin nicht nur um den »Kampf zweier Füh­rer und Ver­tre­ter ver­schie­de­ner Genera­tio­nen und Welt­an­schau­un­gen«, son­dern auch um »Lie­bes­hän­del« zwi­schen Leh­rern und Schü­lern.

Auch der Natur­ly­ri­ker Wil­helm Leh­mann (1882–1968), dem die Groß­stadt­zi­vi­li­sa­tion früh frag­wür­dig gewor­den war, hat die Wickers­dor­fer Schule in die­ser Zeit (1912–20) als Leh­rer erlebt. Emp­foh­len wurde er von Moritz Heimann, dem legen­dä­ren Lek­tor des Ber­li­ner S. Fischer Ver­la­ges. Seine zwie­späl­ti­gen Erfah­run­gen hat er in dem Roman »Der Bil­der­stür­mer« (1916) nie­der­ge­legt. In der lite­ra­ri­schen Gestalt des Ernst Mager­hold por­trä­tiert er den anfangs bewun­der­ten, spä­ter als Dämon emp­fun­de­nen Wyne­ken. In sei­nem Kün­di­gungs­schrei­ben lässt Leh­mann die­sen wis­sen: »Falls in Wickers­dorf nicht so gear­bei­tet wird, dass die Jugend nicht auf den Punkt gebannt bleibt, wo sie mit blo­ßen Ideen leich­ter zu ver­keh­ren weiß als mit voll­kom­me­nen, irdisch voll­kom­me­nen Pro­duk­ten, führt Ihre Revo­lu­tio­nie­rung ins Leere.«

Trotz der Skan­dale erlebt die Schule in den 20er Jah­ren eine Blü­te­zeit, in der Mar­tin Luserke, der zusam­men mit dem Musik­päd­ago­gen und Kom­po­nis­ten August Halm (1869–1929), 1906 bis 1910 und 1920 bis 1929 als Leh­rer in Wickers­dorf ein hohes musi­sches Niveau durch­set­zen konnte, zu einer Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur wurde, wie auch Peter Suhr­kamp, der schon vor dem Ers­ten Welt­krieg und von Herbst 1920 bis August 1921 Leh­rer in Wickers­dorf war und die Ver­hält­nisse gut kannte.

Wäh­rend die Schule in der Nazi­zeit wenigs­tens teil­weise ihre Unab­hän­gig­keit bewah­ren konnte, gelang dies nach 1945 nicht mehr. Sie blieb zwar Inter­nats­schule, wurde aber völ­lig gleich­ge­schal­tet, woran auch der aus Bad Fran­ken­hau­sen stam­mende Rai­ner Kerndl Anteil hatte, als er 1952–1954 hier als haupt­amt­li­cher FDJ-Sekre­tär arbei­tete und sein ers­tes Buch ver­fasste (»… und kei­ner bleibt zurück«, 1954). In Kerndls Agi­ta­ti­ons­ro­man für den Auf­bau der FDJ spielt Wickers­dorf und seine Geschichte keine Rolle. Als Kerndls Mit­glied­schaft in der Waf­fen-SS bekannt wurde, trennte man sich von ihm, reha­bi­li­tierte ihn aber schon 1955. 1964 erfolgte die Umwand­lung in eine Spe­zi­al­ober­schule zur Vor­be­rei­tung auf ein Rus­sisch­leh­rer-Stu­dium. Diese Zeit beschreibt Ines Gei­pel, die bis 1977 Schü­le­rin in Wickers­dorf war, in ihrem im Jahr 2000 erschie­nen Roman »Das Heft«.

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