Von Altenburg nach Hummelshain – Wilhelm von Kügelgens Jugenderinnerungen
6 : Nachtquartier im Unterholz

Person

Wilhelm von Kügelgen

Thema

Von Goethes Tod bis zur Novemberrevolution

Autor

Wilhelm von Kügelgen

Jugenderinnerungen eines alten Mannes, Berlin 1870.

Durch die Rast im Wirts­haus, den Aqua­vit im Stie­fel und die freu­dige Aus­sicht, nun bald und sicher bei Oheim und Muhme ein­zu­tref­fen, war ich wie neu gebo­ren. Ich schritt wie­der rüs­tig in den dun­keln­den Wald hin­ein und amü­sierte mich an den Geschich­ten mei­nes Füh­rers, der durch das letzte Schnäps­chen, das schon eine gute Grund­lage gefun­den haben mochte, ganz begeis­tert war. Nament­lich erin­nerte er sich der Kriegs­zei­ten und sei­ner Fahr­ten mit den Rus­sen, deren Cha­rak­ter er sehr lobte. Ganze Kerle wären es gewe­sen, das müsse er sagen, und hät­ten gewußt, wo Bart­hel Most holt; aber die Wege hier im Holze hät­ten sie doch nicht gewußt. Da hät­ten sie ihn denn auf ein Pferd gesetzt, ihm einen Sarraß ange­han­gen und sich von ihm anfüh­ren las­sen. Wie ein Gene­ral hätte er sich aus­ge­nom­men und man­ches Kopf­stück ver­dient, denn das Geld hät­ten sie sich nicht dau­ern las­sen.

Da ich mich nun ver­lau­ten ließ, daß ich auch so etwas wie ein Russe sei, fiel mir der Schlin­gel plötz­lich um den Hals. »Lands­mann!« schrie er, »nun laufe ich mit dir hin bis Hum­mels­hain, und sollte ich auch die ganze Grum­me­ternte darum ver­lie­ren!«

Ich erwi­derte, wenn er mich etwa Sie nen­nen wollte, so nähme ich’s auch nicht übel.

Ich wollte ihn wohl nicht aner­ken­nen?

»Als Duz­bru­der nicht,« sagte ich; sonst woll­ten wir ja gute Lands­leute und Freunde blei­ben.

»Ja!« seufzte jener, »die Art kann einer schon gebrau­chen. Sehen Sie, Herr Lands­mann! Ich habe Mal­heur gehabt, wie man zu sagen pflegt: ein biß­chen Holz gele­sen – kann sein, daß was Grü­nes mit unter­ge­lau­fen ist – und dafür eine Tracht Stock­prü­gel auf den nächs­ten Frei­tag. Die könn­ten Sie mir abneh­men, Herr Baron!«

Erklä­rend setzte er hinzu, weil der Herr Ober­forst­meis­ter doch meine Freund­schaft wären, so könnte ich viel­leicht ein gutes Werk tun für einen unglück­li­chen Fami­li­en­va­ter. Ich ver­sprach, mich für ihn zu ver­wen­den.

Unter sol­chen Reden waren wir durch dick und dünn auf schma­lem Fuß­weg an einen Durch­hau gelangt, der sich in schnur­ge­ra­der Rich­tung weit­hin durch den Wald zog. Hier machte der Lands­mann Halt, erklä­rend, dies sei der Punkt, bis zu wel­chem er sich ver­dun­gen habe. Ich solle nur immer auf der Blöße blei­ben, so würde ich in einer klei­nen hal­ben Stunde an den Hetz­gar­ten anren­nen.

Ich erwi­derte, er habe mir ja ver­spro­chen, mich bis Hum­mels­hain zu brin­gen! Aber er ver­schwor sich hoch und teuer, daß er für sei­nen Herrn Lands­mann schon ein übri­ges getan, jetzt aber keine Zeit mehr habe. Ich bot dop­pel­ten Lohn. Umsonst, er war nicht zu bewe­gen. Feh­len, sagte er, könne kein Teu­fel in sol­cher Rinne von Durch­hau, auch nicht der Dümmste! Er aber müsse retour, käme mor­gen früh sonst nicht zu rech­ter Zeit ins Grum­met.

Wahr­schein­lich hatte die­ser Russe sich in sei­ner Brannt­wein­be­geis­te­rung selbst ver­lau­fen, und es mochte ihm der akkor­dierte Lohn daher viel lie­ber sein als gar nichts. Ich mußte ihn aus­zah­len und lau­fen las­sen, wenn er es nicht vor­zog, unter dem nächs­ten Busche aus­zu­schla­fen. Nichts­des­to­we­ni­ger legte ich spä­ter die ver­spro­chene Für­bitte noch für ihn ein, wie­wohl umsonst, denn er war ein lie­der­li­cher Strick und höchst ver­ru­fe­ner Holz­dieb, dem nach Ansicht ver­nünf­ti­ger Leute nichts nach­tei­li­ger gewe­sen wäre als Nach­sicht.

Ich war also nun wie­der ein­mal allein im wil­den Walde; aber das schöne Sprich­wort: »Bea­tus qui solus«, das mir heute mor­gen so ver­ständ­lich gewe­sen, leuch­tete mir jetzt min­der ein. Zwei­felnd, ob jener zwei­deu­tige Kerl mich auch recht gewie­sen, setzte ich mei­nen Marsch in der ange­ge­be­nen Rich­tung fort; aber es ver­ging ein hal­bes Stünd­chen nach dem ande­ren, und der ersehnte Hetz­gar­ten wollte immer noch nicht erschei­nen. Dazu war die Brannt­wein­kraft in den Stie­feln ver­dampft, die Füße waren wund und über die Maßen schmerz­haft, und der Ran­zen auf dem Rücken las­tete wie ein Gebirge. Frei­lich blink­ten auch heute wie­der die freund­li­chen Sterne auf mich nie­der wie ges­tern abend, aber ich beach­tete sie nicht: es war mir gleich­gül­tig, wie sie hie­ßen, und ob das Ron­ne­bur­ger Mäd­chen ihren Lieb­ling dar­un­ter hatte oder nicht. Ich hatte nur einen ein­zi­gen Gedan­ken, näm­lich, daß der Hetz­gar­ten erschei­nen möchte, ehe ich, wie jene mir vor­aus­ge­sagt, am Boden läge.

Die­ser Wunsch ging nie­mals in Erfül­lung. Der Durch­hau, in wel­chem ich bis dahin fort­ge­kro­chen, nahm zwar sein Ende, aber nicht der Wald. Ich war in einen Sack gera­ten, ohne Spur von Aus­weg. Nach sol­chem suchend, schleppte ich mich ver­ge­bens am Dickicht hin – doch über­all die glei­chen Stämme, das glei­che Hei­de­kraut, die glei­che Fins­ter­nis.

Was sollte nun wer­den? Wäre ich bei Kräf­ten gewe­sen, so hätte ich mich viel­leicht nach dem letzt­ver­las­se­nen Dorfe zurück­ge­fun­den. Aber seit vier­und­zwan­zig Stun­den fast unun­ter­bro­chen auf den Füßen, ohne Schlaf und ordent­li­che Nah­rung, war ich wie ein ver­lö­schen­des Licht. Es war mir unmög­lich, mich län­ger auf­recht­zu­hal­ten, und ich beschloß daher oder glaubte viel­mehr, mich dar­ein erge­ben zu müs­sen, die Nacht da zuzu­brin­gen, wo ich mich befand. Dann aber auch zurück, und zwar wei­ter als bis zur letz­ten Schenke! Ich war in mise­ra­bler Stim­mung, zwar resi­gniert, aber kei­nes­wegs erge­ben in Got­tes Fügung. Es war ein böser Trotz der Schwä­che, der sich mei­ner bemäch­tigt hatte und mich mit Bit­ter­keit erfüllte. Was habe ich für einen Beruf, so dachte ich, mit Auf­op­fe­rung mei­nes Lebens dies alberne Hum­mels­hain zu suchen, auf das sich ohne Zwei­fel der Teu­fel gesetzt hat, es zu ver­de­cken? Möge es denn unter sei­nen ange­neh­men Schlei­ern blei­ben, wo es bleibt: ich wenigs­tens werde es nicht wei­ter suchen. Soll ich hier ster­ben, muß ich’s lei­den; lebe ich aber mor­gen noch und kann mich rüh­ren, so gehe ich gera­des­wegs zurück nach Dres­den, und Zie­gesars wer­den dann zu spät erfah­ren, wel­che Freude ihnen ent­gan­gen ist.

Mein Gepäck abstrei­fend, kroch ich unter die weit aus­ge­streck­ten Fächer einer alten Fichte, zog den Ran­zen unter den Kopf und, nichts fürch­tend, nichts hof­fend und nichts den­kend, doch im Genusse einer tie­fen, wohl­tu­en­den Ruhe, lag ich wie ein Toter da. Auch möchte ein sol­cher aus mir gewor­den sein, denn ich war heiß vom Gehen, leicht geklei­det und ohne Man­tel – aber jetzt trug sich etwas so Außer­or­dent­li­ches zu, daß ich noch heute eine genü­gende Erklä­rung nicht zu fin­den weiß.

Einer toten­ähn­li­chen Ruhe hin­ge­ge­ben, wie man sie etwa nach ein­ge­tre­te­ner Ohn­macht emp­fin­det, mochte ich etwa zehn Minu­ten lang dage­le­gen haben, als eine eigen­tüm­li­che Ver­än­de­rung mit mir vor­ging. Obgleich ich nicht geschla­fen, hatte ich den­noch die süße Emp­fin­dung all­mäh­li­chen Erwa­chens, und es war, als würde mir ein Schleier abge­zo­gen, der mir bis dahin längst Bekann­tes ver­bor­gen hatte. Die nächt­li­chen, mich zunächst umge­ben­den Gegen­stände erschie­nen mir plötz­lich so hei­misch, wie sie es den Kreuz­schnä­beln und Fin­ken sein moch­ten, die hier genis­tet hat­ten. Ich war kein Frem­der mehr in die­ser Wild­nis; ich kannte alles, die alten Wur­zeln an mei­ner Seite, ja ganz spe­zi­ell die ein­zel­nen Gras­halme und Steine, zwi­schen denen ich lagerte. Und wei­ter­hin der dunkle Wachol­der und jener tot her­ab­hän­gende Ast voll Moos und Flech­ten – ich wußte, daß das alles da sein mußte.

Daß ich an die­ser Stelle viel­leicht schon als Kind gewe­sen, ist nicht unmög­lich, doch ent­sann ich mich des­sen nicht; auch würde diese Annahme weder die genaue Kennt­nis alles ein­zel­nen noch über­haupt mei­nen Zustand erklä­ren, der ein durch­aus unge­wöhn­li­cher und abnor­mer war. Vor­über­ge­hende Momente hat wohl jeder, daß ihm eine neue Situa­tion als wohl­be­kannt und längst erlebt erscheint; so ähn­lich war’s mit mir, nur daß die Illu­sion eine län­gere Dauer hatte. Natür­lich wußte ich jetzt auch, wohin ich mich zu wen­den hatte, um nach Hum­mels­hain zu kom­men, und fühlte Kraft und Mut, es noch heute zu errei­chen.

 Von Altenburg nach Hummelshain – Wilhelm von Kügelgens Jugenderinnerungen:

  1. Mit der Post von Leipzig nach Altenburg
  2. Nachts von Altenburg nach Ronneburg
  3. Nach Hummelshain, nach Hummelshain
  4. Im Gasthaus zur nassen Malzbrühe
  5. Nach Lichtenau
  6. Nachtquartier im Unterholz
  7. Quer durch den Wald nach Hummelshain
  8. Hummelshain im angenehmsten Rosenlicht
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