Von Altenburg nach Hummelshain – Wilhelm von Kügelgens Jugenderinnerungen
8 : Hummelshain im angenehmsten Rosenlicht

Person

Wilhelm von Kügelgen

Orte

Hummelshain

Drackendorf

Rudolstadt

Katzhütte

Jena

Thema

Von Goethes Tod bis zur Novemberrevolution

Autor

Wilhelm von Kügelgen

Jugenderinnerungen eines alten Mannes, Berlin 1870.

Mein Hum­mels­hai­ner Leben begann mit einem Schläf­chen, das 36 Stun­den währte. Zwar wurde mir nach­träg­lich berich­tet, ich sei mitt­ler­weile ein­mal geweckt wor­den und wie ein bewußt­lo­ser Sche­men bei Tisch erschie­nen, doch war ich gleich nach der Mahl­zeit wie­der zu Bett gegan­gen und hatte von alle­dem nicht die geringste Erin­ne­rung.

Nach so außer­or­dent­li­cher Erqui­ckung war’s denn kein Wun­der, daß Hum­mels­hain mir im ange­nehms­ten Rosen­licht erschien, zumal ich die erwünschte Gesell­schaft vor­fand. Der Quasi-Vet­ter Her­mann, der­zeit Pri­ma­ner zu Klos­ter Roß­le­ben, hatte wie alle Feri­en­schü­ler nicht nur die beste Laune, son­dern sogar noch ein paar andere Klos­ter­brü­der, von Wan­gen­heim und von Sche­liha, mit­ge­bracht, denen auch nichts weni­ger abging als das Ver­mö­gen, ihr jun­ges Leben zu genie­ßen. Sogar unser alter bewähr­ter Genosse von ehe­mals, Herr Han­ni­bal Ante­por­tas, der­zeit wohl­be­stall­ter Page am Rudol­städ­ter Höf­chen, war auf Urlaub bei den Eltern und stets mit uns zusam­men. Da ertön­ten denn die Hal­len des alten Schlos­ses, in das man uns logiert, des­sen­glei­chen Hof und Gar­ten von jugend­li­chem Froh­sinn, star­ken Gesän­gen, wohl­ge­mu­ten Reden und dem Klir­ren der Rapiere, die wir flei­ßig in Bewe­gung setz­ten; dazu ward zwei­mal täg­lich geba­det und dem­ge­mäß geges­sen. Kurz, es war ein Feri­en­le­ben, wie es im Buche steht.

End­lich wur­den jene schö­nen Tage noch durch eine Wan­de­rung in die Umge­gend beschlos­sen, wel­che ich mit Her­mann allein, und zwar zum Zweck des Wie­der­se­hens mit alten Freun­den, Gön­nern und Bekann­ten unter­nahm. Wir besuch­ten unter andern in Rudol­stadt den genia­len Schlach­ten­ma­ler Cotta, von dem ich schon frü­her berich­tet, in Kat­zen­hütte unse­ren ehe­ma­li­gen Leh­rer, den Pas­tor Bäring, in Jena From­manns, Köthens und den Stu­den­ten Förs­ter, bei dem ich abtrat, wäh­rend Her­mann allein nach Dra­ken­dorf vor­aus­ging, wo seine Eltern unser war­te­ten.

Unter Förs­ters Ägide sah ich von Stadt und Land so viel, als die kurze Zeit von ein paar Tagen gestat­ten wollte. Auch hos­pi­tier­ten wir bei eini­gen Pro­fes­so­ren, unter denen mich Fries [Fuß­note] am meis­ten inter­es­sierte, den ich übri­gens schon etwas kannte, da er bei gele­gent­li­cher Durch­reise durch Dres­den unser Haus besucht hatte. Von der eigen­tüm­li­chen Rich­tung die­ses Man­nes war des öfte­ren bei uns die Rede.

Fries war von Haus aus Herrn­hu­ter und in Herrn­hu­ti­schen Anschau­un­gen groß­ge­zo­gen, wie sich denn auch in sei­nem gan­zen Wesen und Geha­ben das eigen­tüm­lich freund­li­che und milde Gepräge jener Gemeinde nicht ver­leug­nete, die ihm zeit­le­bens teuer blieb. Ihre theo­lo­gi­sche Rich­tung hatte er frei­lich längst ver­las­sen. Vor dem Lichte wis­sen­schaft­li­chen Erken­nens war ihm der aner­zo­gene Kin­der­glaube wie Nebel vor der Mor­gen­sonne weg­ge­dampft, wenigs­tens in for­mel­ler Hin­sicht, denn dem Wesen nach behaup­tete Fries ihn fest­zu­hal­ten, und zwar nicht bloß mit dem Her­zen, wie der geist­ver­wandte Fach­ge­noß Jakobi, son­dern auch begriff­lich wie der spä­tere Hegel. Es waren ja nur die Tat­sa­chen des Evan­ge­li­ums, wie auch die Dog­men der Kir­che, wel­che sich ihm zu unwe­sent­li­chen Bil­dern und For­meln der gött­li­chen Idee ver­kehrt hat­ten. Die letz­tere, als das Wesent­li­che, wollte er bei­be­hal­ten, nur anders begrün­den, als es die Kir­che tat. Was frei­lich von einer so abge­zwie­bel­ten Idee noch übrig­blei­ben konnte, mußte er am bes­ten wis­sen, indes­sen glaubte er doch an die­sem Reste das Chris­ten­tum zu haben, das er von Her­zen wert hielt. Er ver­kehrte daher auch gern mit gläu­bi­gen Chris­ten, bei denen er sich alle­zeit zu Hause fühlte, wenn sie ihn nur in sei­ner Eigen­tüm­lich­keit gewäh­ren lie­ßen. Sogar nach Herrn­hut zog ihn sein Herz des öfte­ren zurück, sich an den schö­nen Got­tes­diens­ten der Gemeinde zu erbauen, an ihren Lie­bes- und Abend­mah­len teil­zu­neh­men.

Mei­nen lie­ben Vater setzte sol­che Rich­tung in eini­ges Erstau­nen. Er konnte nicht begrei­fen, wo die Sache her­kom­men sollte, wenn die Ursa­che fehlte, und war der Ansicht, daß, wenn die hei­lige Geschichte wirk­lich gesche­hen sei, so sei sie wahr, und zwar nach Form und Inhalt: wo nicht, nach bei­den Sei­ten falsch. Gegen sol­che Alter­na­tive moch­ten etwa die Äso­pi­schen Fabeln ins Feld geführt wer­den, wie alle Mythen der alten Welt, obgleich sich in bei­den auch nichts ande­res als die pro­fanste Erfah­rungs­weis­heit offen­bart. Aber es schien, daß Fries nicht rech­ten und jedem die Ansicht gön­nen wollte, die ihn befrie­digte, oder daß es sich ihm, wenigs­tens in unse­rem Hause, nur darum handle, den Vater von der Gleich­heit ihrer gegen­sei­ti­gen Glau­bens­rich­tung zu über­zeu­gen. Die Fas­sung mochte ver­schie­den sein: der Edel­stein blieb doch der­selbe. Ob die Evan­ge­lis­ten die Idee, um die sich’s han­delte, in Geschich­ten, die Kir­che in Dog­men und Gebräu­chen, die Kunst in Bil­dern, die Phi­lo­so­phie end­lich in Begrif­fen zu erfas­sen und dar­zu­stel­len strebe, das tan­giere oder ver­än­dere die Idee selbst nicht im gerings­ten, und ganz das­selbe, was mein Vater male, das sei auch das, was er, der Phi­lo­soph, im Hör­saal demons­triere. Es habe ein jeder seine eigene Spra­che.

Von sol­chen Reden war mein Vater zwar nicht son­der­lich erbaut gewe­sen und noch weni­ger die Mut­ter, doch sagte er die­ser spä­ter: »Der Fries wird doch noch ein­mal Christ.« Er hielt den jeden­falls sehr lie­bens­wür­di­gen Mann von Her­zen wert.

Ich hörte Fries damals in Jena von der Würde männ­li­chen Cha­rak­ters reden, die ich denn auch sogleich in mir ver­spürte, und war nahezu ent­zückt von sei­nem Vor­trag. Wie gut, dachte ich, haben es doch die Stu­den­ten! Es geht wahr­haf­tig nichts dar­über, so über­aus behag­lich auf beque­mer Bank zu sit­zen, sich von geist­vol­len und gelehr­ten Män­nern bes­tens unter­hal­ten und wie ein lee­res Faß mit aller Weis­heit fül­len zu las­sen. Von der schwe­ren Not, die man­cher hat, sein Faß nach­her gehö­rig zu verspun­den, wußte ich frei­lich nichts.

Aber noch einen weit berühm­te­ren Mann, als Fries es war, ja den gefei­erts­ten in Deutsch­land, hätte ich damals sehen und auch reden hören kön­nen, wenn ich gewollt hätte, näm­lich den Dich­ter­kai­ser Goe­the, der sich zufäl­lig in Jena auf­hielt. From­manns hat­ten mich recht eigens auf ihn ein­ge­la­den wie auf die größte Deli­ka­tesse, die man einem nicht ganz dum­men Men­schen vor­set­zen konnte. Ich muß aber doch zu dumm gewe­sen sein, oder viel­leicht war ich auch nur zu blöde, in Rei­se­klei­dern vor dem Minis­ter zu erschei­nen – kurz, ich ent­wich ent­setzt nach Dra­ken­dorf, von wo ich mit der gan­zen Zie­gesar­schen Fami­lie nach Hum­mels­hain zurück­kam.

 Von Altenburg nach Hummelshain – Wilhelm von Kügelgens Jugenderinnerungen:

  1. Mit der Post von Leipzig nach Altenburg
  2. Nachts von Altenburg nach Ronneburg
  3. Nach Hummelshain, nach Hummelshain
  4. Im Gasthaus zur nassen Malzbrühe
  5. Nach Lichtenau
  6. Nachtquartier im Unterholz
  7. Quer durch den Wald nach Hummelshain
  8. Hummelshain im angenehmsten Rosenlicht
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