Goethes Abglanz – Weimar in der nachklassischen Zeit
6 : Lily Braun – »Zaubernetz und Schatten der Vergangenheit«

Person

Lily Braun

Orte

Weimar

Goethe- und Schiller-Archiv

Thema

Von Goethes Tod bis zur Novemberrevolution

Autor

Lily Braun

Memoiren einer Sozialistin. Gesammelte Werke, Bd. 2., Berlin 1923.

Ver­träumt und erstaunt sah ich um mich, als ich acht Tage spä­ter in Wei­mar ankam. Stand die Zeit hier seit zehn Jah­ren still?! Der­selbe helle Mai­en­abend wie damals emp­fing mich. Und in das­selbe alte Haus an der Acker­wand führte mich die Hofe­qui­page, wie einst, als die Groß­mutter ihr Enkel­kind zum ers­ten­mal her­ge­lei­tete. Sie frei­lich war nicht mehr da, und doch war mir’s, als ob ihr Kleid neben mir die Treppe hin­auf rauschte. Auch ihr Bru­der war lange tot, und doch schien’s, als wäre der schöne, tief brü­nette Mann mit den schma­len Hän­den und dem leicht gebeug­ten Nacken, der mich emp­fing, kein ande­rer als er.

Im Roko­ko­saal mit den vie­len Minia­tu­ren über dem gra­ziö­sen Sofa und den ver­blaß­ten Pas­tell­bil­dern an der mart­blauen Sei­den­ta­pete erhob sich aus dem gold­ge­schnitz­ten Lehn­stuhl am Fens­ter ein schlan­kes Frau­en­bild und streckte mir mit einem süß-zärt­li­chen Lächeln ein wei­ßes Händ­chen ent­ge­gen. War das wirk­lich die Grä­fin Wend­land – meine Tante –, oder war es nicht Frau von Stein, deren Schat­ten sich aus dem Neben­haus hier­her ver­irrt hatte?! Dann kamen die Kin­der und begrüß­ten mich, – lau­ter kleine Elfen mit allzu schwar­zen Haa­ren auf den fei­nen Köpf­chen und allzu gro­ßen Blau­au­gen über den schma­len Wangen.

Drau­ßen vor mei­nem Zim­mer plät­scherte der Brun­nen, wie vor uralten Zei­ten, und die Bäume rausch­ten fei­er­lich, als träfe ihre Kro­nen nie­mals ein Wirbelsturm.

Am nächs­ten Mor­gen besuchte mich der Groß­her­zog. Er kam zu Fuß und unan­ge­mel­det, mit den raschen elas­ti­schen Schrit­ten eines jun­gen Man­nes; ich hatte kaum Zeit, ihm bis zum Trep­pen­auf­gang ent­ge­gen­zu­ge­hen. Und dann saß er mir im Roko­ko­sa­lon gegen­über, und je län­ger er sprach – mit hel­ler Stimme und in dem ele­gan­ten Fran­zö­sisch des ancien régime –, desto tie­fer ver­sank die Gegen­wart, und in mys­ti­schem Halb­dun­kel stieg die Ver­gan­gen­heit empor. Von der Groß­mutter erzählte er mir zuerst, wie schön und wie gut und wie klug sie gewe­sen wäre, wie sie Wei­mars Geist in sich ver­kör­pert habe, wie er nie habe ver­ste­hen kön­nen, daß sie anderswo als in ihrer See­len­hei­mat zu leben imstande gewe­sen war. Zuwei­len legte er die Hand über die Augen, eine gelb­li­che, blut­leere mus­kel­lose Hand, die gewiß nie­mals fest zuzu­pa­cken ver­mocht hatte, und lehnte sich, als käme plötz­lich die Erin­ne­rung an das eigene Alter über ihn, tief in den Stuhl zurück. Aber gleich dar­auf reckte sich sein schma­ler Ober­kör­per krampf­haft auf, die Hände umschlos­sen die Sei­ten­leh­nen, die Augen wei­te­ten sich, und mit dem ste­reo­ty­pen ange­lern­ten Fürs­ten­lä­cheln, das über jede Emp­fin­dung hin­weg täu­schen soll, begann er wie­der zu reden. Nun war ich nicht mehr das Enkel­kind der Freun­din sei­ner Jugend, son­dern die Schrift­stel­le­rin, von der er die Erfül­lung eines lang­ge­heg­ten Wun­sches erwar­tete. Die Geschichte der Gesell­schaft Wei­mars sollte ich schrei­ben, jener Gesell­schaft, die seit Goe­thes Ankunft in der Resi­denz Karl Augusts »getreu ihrer Tra­di­tion, Künst­ler und Dich­ter als gleich­be­rech­tigte auf­ge­nom­men und ihnen den Weg zum Ruhm gebahnt hat«. Und von den vie­len erzählte er, denen Wei­mar ein Sprung­brett ins Leben gewe­sen war, die hier zuerst die Aner­ken­nung fan­den, die die Welt drau­ßen ihnen ver­sagte. Er begeis­terte sich an sei­nem eige­nen Gedan­ken­gang, sein farb­lo­ses Gesicht  über­zog sich mit einer ganz fei­nen bläu­li­chen Röte, und in sei­nen ver­schlei­er­ten Augen ent­zün­dete sich ein stil­les Licht.

»Sie sind prä­de­sti­niert, dies Werk zu schaf­fen: Getränkt mit Wei­mars Erin­ne­run­gen, erzo­gen in Wei­mars Geist, gelei­tet von dem unfehl­ba­ren Takt der Aris­to­kra­tin,« sagte er, indem er sich erhob und mir die Hand reichte. »Von Ihnen brau­che ich keine jener wider­wär­ti­gen Ent­hül­lun­gen zu fürch­ten, die die Kunst beschmut­zen, das Leben ver­gif­ten. Meine Archive ste­hen Ihnen offen; das­selbe glaube ich auch im Namen der Groß­her­zo­gin ver­spre­chen zu dür­fen. Ich hoffe, Sie oft zu sehen –«

Zu einer Ant­wort ließ er mir keine Zeit mehr, – daß ich nicht nein sagen könnte und dürfte, war ihm selbst­ver­ständ­lich. Ich hatte mich nur noch tief und dank­bar zu verneigen.

Und immer enger spann sich Wei­mars Zau­ber­netz mir um Geist und Sinne.  Mit offe­nen Armen, wie eine Heim­keh­rende, ward ich über­all auf­ge­nom­men. Wäh­rend lan­ger Audi­en­zen besprach die Groß­her­zo­gin meine Arbeit im Goe­the-Archiv mit mir. Sie blieb stets in jedem Wort und jeder Bewe­gung die unnah­bare Fürs­tin, und doch lag ein  müt­ter­li­cher Aus­druck auf ihren Zügen, wenn ich ein­trat. Der kleine, derbe Erb­groß­her­zog,  in allen Stü­cken das Gegen­teil sei­nes Vaters, glich ihm mir gegen­über in der Freund­lich­keit, die durch sei­nen brei­ten Wei­ma­rer Dia­lekt und seine mit einer gewis­sen Absicht­lich­keit über­trie­bene Ver­ach­tung aller Form noch um einen Schein herz­li­cher war, und seine gute, dicke Frau, die gewiß eine präch­tige Land­pas­to­rin abge­ge­ben hätte, unter­stützte ihn darin. Mit der hal­ben Hof­ge­sell­schaft ver­ban­den mich ver­wandt­schaft­li­che Bezie­hun­gen; Vet­tern und Kusi­nen sechs­ten und ach­ten Gra­des behan­del­ten ein­an­der hier in dem fest­ge­schlos­se­nen Kreise wie nahe Bluts­ver­wandte. Wir waren in gro­ßer Gesell­schaft, wenn kaum einer unter uns nicht »Du« zu dem ande­ren sagte.

Wie ein süßer Duft ver­lösch­ter Wachs­ker­zen schwebte die Erin­ne­rung an das acht­zehnte Jahr­hun­dert über all die­sen Men­schen und ihrer Umge­bung. Alles war ver­blaßt, was damals in Far­ben und Gefüh­len gejauchzt und geschwelgt hatte: die Rosen­tep­pi­che, – die gemal­ten Wan­gen, – die Liebe. Und die rascheln­den bau­schen­den Gewän­der, die Schön­p­fläs­ter­chen, die bun­ten Wes­ten, die wei­ßen Perü­cken und Galan­te­rie­de­gen hat­ten die Damen und Her­ren abge­legt. Sie sahen darum oft recht dürf­tig und unge­schickt aus. Nur wenn im Schloß die Lüs­ter brann­ten und das blanke Par­kett und die hohen Spie­gel ihr Licht tau­send­fäl­tig wie­der­ga­ben, schie­nen sie sich des alten Lebens bewußt zu wer­den. Sie tanz­ten und lach­ten und neig­ten sich und nipp­ten vom süßen Weine, und ich selbst mit­ten darin kam mir vor wie ihres­glei­chen: ein Schat­ten der Vergangenheit.

 Goethes Abglanz – Weimar in der nachklassischen Zeit:

  1. Fritz Daum – »Aus der Musenphilisterstadt«
  2. Angela Böcklin – »Böcklin bei Hofe«
  3. Hermann Schlittgen – »Diogenes in der Tonne«
  4. Konrad Guenther – »Gerhard Rohlfs in der Villa Meinheim«
  5. Gabriele Reuter – »Ibsen in Weimar«
  6. Lily Braun – »Zaubernetz und Schatten der Vergangenheit«
  7. Richard Voß – »Schwankende Gestalten«
  8. Detlev von Liliencron: Brief an Alma Holtdorf
  9. Harry Graf Kessler – »Reinkulturen menschlichen Schimmelpilzes«
  10. Edwin Redslob – »Ein neues Weimar«
  11. Rainer Maria Rilke – »Brief an Helene von Nostitz«
  12. Otto von Taube – »Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Weimarer Goethe-Institut«
  13. Hermann Bahr – »Eine neue Menschenart: Die Goethe-Philologen«
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