Goethes Abglanz – Weimar in der nachklassischen Zeit
4 : Gerhard Rohlfs in der Villa »Meinheim«

Personen

Gerhard Rohlfs

Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach

Orte

Weimar

Villa Meinheim

Thema

Von Goethes Tod bis zur Novemberrevolution

Autor

Konrad Guenther

Gerhard Rohlfs – Lebensbild eines Afrikaforschers, Freiburg im Breisgau 1912.

Als das Haus in der Belvedereallee eingerichtet war, kam der Großherzog mit der Prinzessin Elisabeth, nachmaliger Prinzessin Johann Albrecht von Mecklenburg, um sich die Villa von oben bis unten anzusehen. Von der schönen, von alten Bäumen überschatteten Belvedereallee trat man durch einen hohen weißen gotischen Bogen, den Unterkiefer eines Walfisches, von der Heimatstadt Vegesack auf Anregung des Dichters Hermann Allmers dem Reisenden geschenkt, in den Vorgarten. An der Front des Hauses las man das trau­liche Wort »Meinheim«. Öffnete sich die Tür, so sah sich der Eintretende einem riesigen ausgestopften Krokodil gegenüber, einem Geschenk Schweinfurths, das im Vorraum an der Wand hing, umgeben von anderen afrikanischen Merkwürdigkeiten. Das helle Eßzimmer war von dem guten Freunde des Ehe­paars, dem Maler Carl Boppo (jetzt in Düsseldorf) mit Fres­ken ausgemalt, die sich auf die Mahlzeiten bezogen, befreun­dete Dichter, wie Bodenstedt, Julius Grosse, Geibel, Probst Lehmann hatten Sinnsprüche dazu geliefert. In die Wände waren Schränke eingelassen, in denen Glas und Porzellan aufbewahrt war, alles war mit Stickereien ausgelegt. Über­haupt hatte das Haus schöne Decken und andere Handarbeiten aufzuweisen, besonders eine Tante der Hausfrau, Frau Pau­line Wagner, hatte manches prächtige Erzeugnis ihrer Kunst­fertigkeit geschenkt. »So was habe ich noch nie gesehen«, sagte der Großherzog, und das war wohl möglich, denn der­artig genau hatte er noch kein Haus in Weimar durchmustert. Sogar einen kleinen, aber sehr notwendigen Raum besichtigte seine königliche Hoheit und amüsierte sich köstlich darüber, daß man im Hause Rohlfs »unter Palmen saß«, denn die durchgehenden Rohre hatten die Künstler als Palmenstämme angestrichen und an der Decke von ihnen lange gefiederte Blätter ausgehen lassen.

An das Eßzimmer schloß sich der Salon an, in dem der schöne Flügel stand, auf dem Liszt, d’Albert und andere Künstler so oft in gemütlichem Kreise spielten. Die Wände waren mit afrikanischen Fellen behangen, darunter fielen ein Löwenfell und ein schwarzes Panterfell besonders auf. Letzteres hatte der Kaiser von Abessinien Rohlfs geschenkt und je ein anderes an Kaiser Wilhelm und Bismarck. Da­zwischen hingen Bilder, so eines von Kaiser Wilhelm I., vom Großherzog von Weimar, ein Geschenk des Fürsten, dann verschiedene Ölgemälde, unter diesen ein vorzügliches Brustbild von Schweinfurth und eines von Rohlfs selbst, gemalt von Bohnstedt. Auf dem Tische lag als Decke ein pracht­volles Ehrenkleid, von der Königin von Madagaskar dem Reisenden geschenkt.

Das interessanteste Zimmer des Hauses war die Bibliothek. Die Wände des großen schönen Raumes trugen in prächtigen Fresken die Oasen, die Rohlfs besucht hatte, vor allem die von ihm entdeckte Kufraoase. Die Bilder waren nach Zeichnungen des Reisenden von dem Maler Professor Weichberger in schönen Farben ausgeführt. Unter den Fresken zogen sich Reihen von Bücherschäften hin, in denen man die wichtigsten Werke der Afrikaliteratur, viele von den Verfassern selbst geschenkt, erblicken konnte. Auf ihnen standen zahlreiche altgriechische Vasen, von Rohlfs in der Cyrenaica ausgegraben und andere Merkwürdigkeiten, darunter auch zwei Straußen­eier. In der Mitte erhob sich ein großer Tisch, der mit Zeit­schriften bedeckt war. Dem Großherzog fiel die große Zahl derselben auf, und er fragte Rohlfs, warum er so viele hielte. Darauf erwiderte dieser, bei einigen wäre er Mitarbeiter, andere erhielte er als Ehrenmitglied der betreffenden herausgebenden Gesellschaft. Da deutete seine königliche Hoheit auf die »Modenwelt« und fragte: »sind Sie hier auch Mitarbeiter?« Auch eine andere für die Frauen bestimmte Zeitschrift lag auf dem Tische, sie wurde von Frau Dr. Kettler, der Gattin des Direktors des Geographischen Instituts in Weimar heraus­gegeben und war die erste ihrer Art. Der Großherzog fragte: »Wer ist Frau Kettler?« »Die gescheiteste Frau in Weimar«, antwortete Rohlfs und setzte nach einer kleinen Pause hinzu: »ausgenommen natürlich die Frau Großherzogin.« »Das kommt ein bißchen spät, mein Lieber«, sagte hierauf lachend der Fürst.

Im Erdgeschoß befanden sich noch Schlafzimmer und ein Arbeitszimmer von Rohlfs; unter dem Eßzimmer lag die Küche, mit jenem durch einen Aufzug verbunden. In den Dachräumen lagen die Gastzimmer und ein als kleines Mu­seum bestimmter Raum. Rohlfs hatte zwar die meisten und vor allem die wertvollsten ethnologischen Sachen und andere Funde seiner Reisen an die verschiedenen Museen geschenkt, aber doch noch eine Anzahl behalten, die hier in offenen Schränken aufgestellt waren.

Außer alten Vasen, vornehmlich aus der Cyrenaica, afrikanischen Gefäßen, Teppichen, Fellen, einer großen, sehr wertvollen abessinischen Gobelinmalerei, die Schlacht bei Gudda Guddi darstellend, hatte das Rohlfssche Haus auch noch andere Sehenswürdigkeiten aufzuweisen. Da war eine ziem­lich vollständige Schuhsammlung aus der ganzen Welt, ein Album mit Photographien, von den Dargestellten selbst ge­schenkt, meist mit begleitenden Worten. Fast alle Afrikaforscher waren darin vertreten, ferner Bismarck, der alte Wrangel, Bismarcks Söhne als Bonner Studenten, dann fast alle Dichter der 70er und 80er Jahre, darunter Geibel, Reuter, Scheffel, Bodenstedt, Grosse, Hackländer, Gerstäcker. Auch eine Handschriftensammlung bot viel Interessantes. Sie ent­hielt Briefwechsel zwischen Rohlfs und Bismarck, Roon und Moltke, Reuter, Freiligrath. Ein langer Brief von König Leopold II. von Belgien war vorhanden, ein anderer vom Khediv Ismaïl, außerdem sah man da eigenhändige Unter­schriften von Kaiser Wilhelm I., Kronprinz Friedrich Wil­helm und vielen anderen Berühmtheiten der Zeit. Hand­schriften von Napoleon I., Alexander von Humboldt, Tausig hatte Rohlfs geschenkt erhalten.

Nach mehreren Stunden verließ der Großherzog das interessante Haus. Er sagte dabei, nun wolle er dem Spruche Bodenstedts folgen. Dieser hatte nämlich ins Eßzimmer die Worte gesetzt:

Klug ist, wer stets zur rechten Stunde kommt,
Doch klüger, wer zu geh’n weiß, wenn es frommt.

 Goethes Abglanz – Weimar in der nachklassischen Zeit:

  1. Aus der Musenphilisterstadt
  2. Böcklin bei Hofe
  3. Diogenes in der Tonne
  4. Gerhard Rohlfs in der Villa »Meinheim«
  5. Zaubernetz und Schatten der Vergangenheit
  6. Schwankende Gestalten
  7. Detlev von Liliencron: Brief an Alma Holtdorf
  8. Harry Graf Kessler: Reinkulturen menschlichen Schimmelpilzes
  9. Edwin Redslob: Ein neues Weimar
  10. Rainer Maria Rilke: Brief an Helene von Nostitz
  11. Otto von Taube: Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Weimarer Goethe-Institut
  12. Eine neue Menschenart: Die Goethe-Philologen

Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio

Gestaltung und Umsetzung XP.DT © 2011-14 [http://www.xp-dt.de]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]

URL dieser Seite: [http://www.literaturland-thueringen.de/artikel/weimar-in-der-nachklassischen-zeit-ein-literarischer-spaziergang/gerhard-rohlfs-in-der-villa-meinheim/]