Thüringer Anthologie Nr. 151 – Jens Kirsten über Peter Neumann

Person

Peter Neumann

Thema

Die »Thüringer Anthologie«

Autor

Peter Neumann / Jens Kirsten

Erstdruck: Thüringer Allgemeine, 03.02.2017.

Peter Neumann

earthporn

 

da sit­zen wir beide nun also
und war­ten, ein bus kommt, sit­zen
wir beide, im bus, da sit­zen
wir beide, wäh­rend der andere schon
weg ist zum zug: halle, schko­pau,
leuna, hier zieht das ganze deut­sche mit­tel­al­ter
wie­der auf, pfor­ten, von fackeln
umleuch­tet, die feu­er­türme einer alten
stadt, ich mach dir ein lei­chen­tuch
aus dem bett­la­ken dort auf der leine,
bevor die wilde jagd durch die wäsche
fährt und sie zer­reißt, die toten
tage: von hier an gibt es kein zurück,
der blick dringt unauf­halt­sam vor
bis zu den din­gen, da sind die berge, die tal­gründe,
die saale, ein licht, das unbe­weg­lich
durch die fel­der geht, und die häu­ser ansteckt,
kerze für kerze, siehst du da drü­ben
die gär­ten, diese schö­nen deut­schen gär­ten,
die äpfel, die ich schäle, sind uns
noch immer vor­aus­ge­lau­fen, wie schwer
wie­gen die arme der pap­peln

­
(Erst­druck)

 

Jens Kirsten

Geschichtete Landschaft

 

Bereits im Titel von Peter Neu­manns Gedicht »earth­porn« schwingt mit, dass seine poe­ti­sche Land­schaft eine von zahl­rei­chen Bedeu­tun­gen über­la­gerte ist. Earth­porn steht jugend­sprach­lich für »schöne Land­schaft«. Der ursprüng­li­che Natur­zu­stand lässt sich in der von Men­schen­hand oft bis zur Unkennt­lich­keit bear­bei­te­ten Welt nur noch als his­to­ri­sches Flim­mern erah­nen. Weit­hin leuch­ten statt­des­sen die »Feu­er­türme einer alten Stadt«. Iro­nisch para­phra­siert der Dich­ter so die Abgas­schlote der Fabrik­an­la­gen,
die gleich Kas­tel­len in der zer­sie­del­ten Land­schaft thro­nen.

Der Blick auf das wie­der auf­ge­zo­gene Mit­tel­al­ter nimmt en pas­sant Bezug auf die Stadt Halle als eins­ti­gen mit­tel­al­ter­li­chen Han­dels­platz an der Salz­straße. Die Nen­nung von Schko­pau und Leuna evo­ziert das Bild der geschichts­be­frach­te­ten Region, die im 20. Jahr­hun­dert stark von Indus­trie­kom­ple­xen geprägt wurde, die für Zwangs­ar­beit im Natio­nal­so­zia­lis­mus steht und die weit über ein hal­bes Jahr­hun­dert erfolgte Umwelt­zer­stö­rung. Nicht zuletzt steht das Land auch für die Hoff­nungs­lo­sig­keit der alten und jun­gen Genera­tio­nen nach dem Schei­tern der sozia­lis­ti­schen Uto­pie.

Auf die von der Gesell­schaft Zurück­ge­las­se­nen neh­men »die toten Tage« der Gegen­wart Bezug. Die Tris­tesse des All­tags wird aber nicht zum Sta­gna­ti­ons­punkt, son­dern der Dich­ter öff­net den Blick, in dem er ihn auf die Berge, die Tal­gründe und die Saale lenkt.

Die Per­spek­tive, die er damit eröff­net, rich­tet sich auf die inzwi­schen nach­ge­wach­sene Genera­tion. Junge Men­schen, die sich mit der Ver­ein­nah­mung der Land­schaft, die pars pro toto für Klima, Glo­ba­li­sie­rung, Poli­tik und Gesell­schaft steht, nicht län­ger abfin­den, son­dern eine neue Ver­mes­sung ihrer Welt vor­neh­men. Damit erteilt er unaus­ge­spro­chen all jenen eine Absage, die aus der Resi­gna­tion Res­sen­ti­ments und fal­schen Patrio­tis­mus wach­sen las­sen. Die Freude, die sich beim Lesen die­ses Gedichts ein­stellt, hat vor allem damit zu tun, dass Peter Neu­mann seine Lesern Spiel­raum lässt, das Gedicht zur Refle­xion über all diese Dinge zu nut­zen.

 

Bio­gra­phi­sche Anga­ben

  • Peter Neu­mann„ gebo­ren 1987 in Neu­bran­den­burg, Stu­dium der Phi­lo­so­phie, Poli­tik und Wirt­schaft in Jena und Kopen­ha­gen, lebt in Wei­mar. Zuletzt erschien sein Band »geheuer«. Gedichte, edi­tion Azur, Dres­den 2014.
  • Jens Kirs­ten, gebo­ren 1967 in Wei­mar, ist Geschäfts­füh­rer des Thü­rin­ger Lite­ra­tur­ra­tes e.V.
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