Thüringer Anthologie Nr. 141 – Roland Bärwinkel über Maik Lippert

Ort

Großheringen

Thema

Die »Thüringer Anthologie«

Autor

Maik Lippert / Roland Bärwinkel

Erstdruck: Thüringer Allgemeine, 26.11.2016.

Maik Lippert

fahrplanumstellungen

 

meine gehei­men geburts­tage
beim ein­stei­gen fie­bere ich
dem plärr­ge­sang der schaff­ne­rin ent­ge­gen
preise durch ver­le­sen von ankunft­zei­ten & anschlüs­sen
meine uni­for­mierte liebe
halb cello halb zer­fah­rene fan­fare
ver­stimm­tes kur­or­ches­ter
mit ein­ge­schränk­tem lied­re­per­toire
vom unvor­her­ge­se­he­nen zwi­schen­halt
am bahn­hof groß­he­rin­gen
wie sie uns in den gehör­gang fährt
die kunst­kopf­ge­sell­schaft in den abtei­len
aus der starre unter kopf­hö­rern weckt
bla­zer mona­den schmoll­mün­der setzt
kata­stro­phe
sturz ins ber­mu­da­drei­eck pro­vinz
zetern sie hin­ter glas
wäh­rend ich heim­kehre
für zwan­zig minu­ten unter fach­werk­gie­beln
im metro­po­lis der mau­er­seg­ler

aus: im rauch­glas des him­mels über dem gewer­be­ge­biet, Edi­tion Thaleia, St. Ing­bert 2006.

 

Roland Bärwinkel

Bahnhof verstehen

 

Im Gedicht­band des 1966 gebo­re­nen Autors fin­den sich etli­che Varia­tio­nen auf das  Rei­sen mit dem Zug. Eine Art der Bewe­gung, in der sich der Fah­rende in eine Abhän­gig­keit von Mensch und Maschine begibt, in der zugleich jede eigene Ver­ant­wor­tung für die Fort­be­we­gung ent­fällt. Tem­po­rär ver­füg­bare Zeit, viel­fäl­tig zu ver­brin­gen, zu über­brü­cken. Hinzu gesellt sich auch eine Her­aus­for­de­rung durch den gro­ßen Feind Lan­ge­weile. Man ist ein Stück aus­ge­lie­fert und abge­schnit­ten, wie erst an einem so sen­si­blen Tag der Fahr­plan­um­stel­lung. Doch man hat ein Ziel vor den Augen. Auf einem Raum ist Zeit abzu­sit­zen, der jede Distanz­zone auf­hebt. Meis­tens mit Frem­den, nicht frei­wil­lig gewähl­ten Nach­barn. Eine Art künst­li­cher Schutz­raum kann es wer­den vor den Zumu­tun­gen des Lebens. Nicht jeder wird gerne dort ankom­men, wohin ihn die Reise führt. Man­chem wird die Zeit zu lang, man­cher wird es als Erleich­te­rung anse­hen, fort­ge­fah­ren zu sein. Ein Ter­rain für Dämo­nen, Tag­träume, Ängste, auch Vor­freude und Eupho­rie. Vor 20 Jah­ren, aus die­ser Zeit stammt das Gedicht, hieß das weib­li­che Zug­be­gleit­per­so­nal Schaff­ne­rin. Gleich zu Beginn des Gedich­tes ver­kehrte Welt: Der Fahr­gast über­nimmt unge­fragt einen Teil der Auf­gabe und Funk­tion der Uni­for­mier­ten, hebelt Hier­ar­chien aus, unter­läuft anar­chisch Erwar­tungs­hal­tun­gen. Dies geschieht, so behaup­tet das lyri­sche Ich, ein­zig um sei­ner Liebe pas­send zum Plärr­ge­sang der Schaff­ne­rin Aus­druck zu ver­lei­hen. Fei­ert es sich nicht auch selbst? In die abge­schot­tete Hör­welt Ver­ein­zel­ter bricht plötz­lich ein unvor­her­ge­se­he­ner Zwi­schen­halt her­ein. Das Uner­war­tete gebiert Schre­cken und Ver­wir­rung, man sieht sie vor sich, die aus der Erre­gung wach­sende zeit­lich limi­tierte Ver­brü­de­rung. Groß­he­rin­gen mit sei­nem wich­ti­gen Eisen­bahn­kno­ten­punkt, ein Nie­man­dsort. Schutz­los ist man in eine Sahel­zone thü­rin­gi­scher Pro­vinz abge­stellt. Der Titel ent­fal­tet im Gedicht seine herr­li­che Mehr­deu­tig­keit. Wer jedoch wie das lyri­sche Ich die­sen Ort begreift, tankt so etwas wie Hei­mat auf. Aus Klein­fah­ner bei Erfurt stammt der Autor. Bei Enzens­ber­ger heißt es: „lies die Fahr­pläne: / sie sind genauer“.

 

Bio­gra­phi­sche Anga­ben

  • Maik Lip­pert, gebo­ren 1966 in Erfurt, 1986–1991 Stu­dium der Öko­no­mie in Mos­kau, 1994–2003 kauf­män­ni­sche Tätig­keit, 2001 Wolf­gang-Wey­rauch-För­der­preis, 2001 Sti­pen­diat des Kla­gen­fur­ter Lite­ra­tur­kur­ses, 2007 Stadt­schrei­ber in Wei­mar 2007; lebt in Ber­lin.
  • Roland Bär­win­kel, gebo­ren 1958 in Mag­de­burg, ist Diplom-Ger­ma­nist und seit 1984 wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter der Her­zo­gin Anna Ama­lia Biblio­thek in Wei­mar.
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