Thüringer Anthologie Nr. 121 – Sylvia Weigelt über Heinrich Hetzbold von Weißensee

Person

Heinrich Hetzbold von Weißensee

Ort

Weißensee

Thema

Die »Thüringer Anthologie«

Autor

Sylvia Weigelt

Erstdruck: Thüringer Allgemeine, 09.07.2016

Heinrich Hetzbold von Weißensee

Wol mich der stunde

 

Wol mich der stunde, / von rôtem munde
mir liep geschach! / den sach ich machen
ein zar­tes lachen, / des ich dô jach.
ir mün­del vre­che, / daz gestel­let sich,
alsz »viunviu« spre­che, / gar durch­si­uver­lich.

Ach, swer daz kuste, / zwâr den geluste
vröude âne nôt. / sîn lachen lôse,
ez enwart nie rôse mê halb sô rôt.
kel unde hende / wîzer danne ein snê!
liep trût ân ende, wes tuost dû mir wê?

Wilt dü mich twinge, / durch daz ich singe /
dir offen­bar? / trœste mich eine,
sît ich dich meine / mit tri­uwen gar.
mîn zucker­krût­ken, / tuo mir helfe schîn!
trût her­zen trût­ken, jâ bin ich ie dîn.

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Geprie­sen sei der Augen­blick, / ein roter Mund
hat sich mir freund­lich zuge­wen­det! / Der schenkte mir
ein klei­nes Lächeln, / das konnte ich da wohl sagen.
Ihr mut­wil­li­ger klei­ner Mund, / der gibt sich so,
als sagte er »Fünf«, / aber auf ganz und gar feine Art.

Ach, wer den küßte, / wahr­haf­tig, der schwelgte
in unge­trüb­tem Glück. / Sein mun­te­res Lächeln,
in den Schat­ten stellt es / das Rot aller Rosen.
Dazu Hals und Hände / wei­ßer als Schnee!
Mein unend­lich gelieb­ter Lieb­ling, / warum läßt du mich lei­den?

Willst du mich dafür bedrü­cken, / daß ich mit Lie­dern
dein Lob ver­breite? / Ach, gib mir Ein­sa­men doch Mut,
denn nur dich / habe ich ja getreu­lich im Sinn.
Mein Zucker­kräut­lein, / offen­bare mir deine hilf­rei­che Kraft!
Du aller­liebste kleine Her­zens­ge­liebte, / für immer und ewig bin ich ja dein.

aus: Thü­rin­gi­sche Min­ne­lie­der. Frouwe, Frouwe, Frouwe mîn,
hg. Von Ger­hard Tän­zer, Bucha 2005.

 

Sylvia Weigelt

Der Minnesänger auf der Hatz

 

Das Gefühl ent­täusch­ter Hoff­nung, das uns Hein­rich Hetz­bold von Wei­ßen­see hier ver­mit­telt, ist wohl all­seits bekannt. So ließe sich der Text ohne wei­te­res als Erleb­nis­ly­rik, als Refle­xion ech­ter Gefühle deu­ten: Der Sän­ger umwirbt die schöne Dame, die sein Herz ent­flammt. Allein bei dem Gedan­ken an einen Kuss von ihr schwelgt er »in unge­trüb­tem Glück«. Seine Hoff­nung ist nicht unbe­grün­det; denn »ihr mut­wil­li­ger klei­ner Mund« formt das Wort »fünf«, ein­deu­ti­ges Zei­chen eines Kus­ses. Und den­noch gibt es keine Erlö­sung für den Sän­ger, ganz im Gegen­teil: Die Schöne mei­det ihn, weil er sie öffent­lich preist.

Diese Kon­stel­la­tion gehört zum übli­chen Mus­ter des höfi­schen Min­ne­sangs. Dabei muss die Dame nicht zwin­gend real exis­tie­ren. Wahr­schein­lich ist sie nur ein Phan­ta­sie­ge­bilde des Dich­ters, das er vor der Hof­ge­sell­schaft erste­hen lässt. – Doch Hein­richs Lied bie­tet auch Neues: Mit der volks­tüm­li­chen Anrede der Gelieb­ten als »mein Zucker­kräut­lein« und »aller­liebste kleine Her­zens­ge­liebte« über­schrei­tet es die Gren­zen des für den klas­si­schen Min­ne­sang Übli­chen und ten­diert zu einem ech­ten Lie­bes­lied. Und wenn sich der ent­täuschte Hof­fende in einem ande­ren Lied gar als »tum­mer affe« beti­telt, übt er sogar offene Kri­tik am höfi­schen Sang.

So ist Hein­rich der letzte uns bekannte Min­ne­sän­ger Thü­rin­gens, und er ist zugleich der erste, der – auch dies gegen die übli­chen Spiel­re­geln – sei­nen Namen nennt. »Dir sin­get Hez­ze­bolt« heißt es am Schluss der ers­ten sei­ner ins­ge­samt acht drei­stro­phi­gen Min­ne­kan­zo­nen, die in der Gro­ßen Hei­del­ber­ger Lie­der­hand­schrift über­lie­fert sind.

Urkund­lich ist der aus nie­de­rem Adel stam­mende Hein­rich nach­ge­wie­sen. Zwi­schen 1306 und 1345 stand er als Burg­vogt im Dienst der Thü­rin­ger Land­gra­fen auf der Run­ne­burg in Wei­ßen­see (hier gibt es ein Min­ne­sän­ger-Denk­mal) und in Schönstedt (b. Bad Lan­gen­salza). Sein Bei­name Hetz­bold (Het­zer, Hetz­jä­ger) ist wohl der Grund, dass ihn die ihm zuge­ord­nete Minia­tur der Lie­der­hand­schrift auf der Wild­schwein­jagd in Szene setzt.

 

Bio­gra­phi­sche Anga­ben

  • Hein­rich Hetz­bold von Wei­ßen­see, (* um 1310; † 1345), war Ange­hö­ri­ger des nie­de­ren Adels, stand im Dienst der Thü­rin­ger Land­gra­fen in Wei­ßen­see; Burg­mann und Vogt zu Wei­ßen­see und Schönstedt b. Söm­merda.
  • Dr. Syl­via Wei­gelt, gebo­ren 1952, Stu­dium der Ger­ma­nis­tik und Geschichte, bis 2006 Dozen­tin für Ältere deut­sche Spra­che und Lite­ra­tur an der FSU Jena, seit 2007 frei­be­ruf­li­che Publi­zis­tin, lebt in Kunitz bei Jena.
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