Michael Opitz – »Wolfgang Hilbig. Eine Biographie«

Personen

Wolfgang Hilbig

Dietmar Jacobsen

Ort

Meuselwitz

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Dietmar Jacobsen

Thüringer Literaturrat e.V. / Die Reihe »Gelesen & Wiedergelesen« entstand mit freundlicher Unterstützung der Thüringer Staatskanzlei.

Gele­sen von Diet­mar Jacob­sen

Ein Weltliterat aus Meuselwitz

 

Wolf­gang Hil­bigs (1941–2007) Werk zieht mitt­ler­weile eine lange Reihe von Sekun­där­li­te­ra­tur hin­ter sich her. Kaum ein Text die­ses Dich­ters, der, obwohl er der Arbei­ter­klasse ent­stammte und als Schrift­stel­ler Auto­di­dakt war, in der auf Arbei­ter­li­te­ra­tur nach­ge­rade ver­ses­se­nen DDR den­noch nicht ver­legt wurde, blieb unbe­ach­tet, kein Vers unkom­men­tiert. Und den­noch fehlte bis dato ein Gesamt­blick auf das Leben des aus dem thü­rin­gi­schen Meu­sel­witz stam­men­den Autors.

Die­ses Desi­de­rats hat sich nun der 1953 in Ber­lin (Ost) gebo­rene Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und -kri­ti­ker Michael Opitz mit der ers­ten umfang­rei­chen Bio­gra­phie Hil­bigs ange­nom­men. Er hat Freunde und Lebens­ge­fähr­tin­nen des Dich­ters um Ein­bli­cke in ihre Brief­wech­sel mit Hil­big gebe­ten, sich in die neun Akten­ord­ner, die das Minis­te­rium für Staats­si­cher­heit im Laufe von mehr als zwei­ein­halb Jahr­zehn­ten über den unge­lieb­ten Autor füllte, ver­tieft und sich den in 46 Archiv­käs­ten bei der Aka­de­mie der Künste gesam­mel­ten Dich­ter­nach­lass – eine wahre Fund­grube für alle an Wolf­gang Hil­bigs Werk Inter­es­sier­ten – genau ange­schaut. Ent­stan­den ist dabei eine akri­bisch aus den Quel­len gear­bei­tete, Leben und Werk ineins set­zende, umfang­rei­che Stu­die, die das Zeug zum Stan­dard­werk besitzt.

Opitz nähert sich einem der sprachmäch­tigs­ten deutsch­spra­chi­gen Autoren der zwei­ten Hälfte des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts in sechs gro­ßen Kapi­teln, von denen jedes noch ein­mal in fünf Unter­ka­pi­tel zer­fällt. Als Über­schrif­ten sämt­li­cher Abschnitte hat er durch­gän­gig Zitate aus Hil­bigs Tex­ten gewählt. Damit wird von vorn­her­ein unter­stri­chen: Der Mann und sein Werk sind genauso wenig zu tren­nen wie die Welt sei­ner Bücher von der­je­ni­gen sei­nes fami­liä­ren und geo­gra­fi­schen­Her­kom­mens. Wer Hil­big ver­ste­hen will, ohne des­sen Gedichte, Erzäh­lun­gen, Romane und theo­re­ti­schen Ein­las­sun­gen ein­zu­be­zie­hen, ist von vorn­her­ein zum Schei­tern ver­ur­teilt. Denn Leben und Schrei­ben die­ses Man­nes waren prak­tisch eines. Jen­seits sei­ner Schrift­stel­ler­exis­tenz exis­tierte zwar die »Pri­vat­per­son« Wolf­gang Hil­big, doch zu deren Kern drang kaum jemand durch. Und die­je­ni­gen, denen es gelang, den Men­schen hin­ter dem Autor ken­nen­zu­ler­nen, bezahl­ten diese Nähe nicht sel­ten mit Leid und Erschüt­te­rung.

Natür­lich ist es die Kind­heit Hil­bigs, aus der sich vie­les in Hin­sicht auf seine spä­tere Außen­sei­ter­rolle – im Lite­ra­tur­be­trieb wie im gesell­schaft­li­chen Leben – erklärt. Da sein Vater an der Ost­front geblie­ben war, über­nahm der Groß­va­ter müt­ter­li­cher­seits, Kasi­mir Star­tek, der in den 20er Jah­ren als Berg­ar­bei­ter aus sei­ner ost­pol­ni­schen Hei­mat nach Meu­sel­witz gekom­men war, dort gehei­ra­tet und sich nie­der­ge­las­sen hatte, das Amt des Erzie­hers. Er tat dies mit har­ter Hand und – da er selbst Deutsch weder lesen noch schrei­ben konnte – ohne Rück­sicht auf das beson­dere Talent sei­nes Enkels, das sich bereits in des­sen Schul­zeit andeu­tete.

Als Volks­schü­ler schrieb Hil­big Wild­west- und Aben­teu­er­ge­schich­ten im Stile der damals von Hand zu Hand gehen­den Buf­falo Bill -Heft­chen. Ob man diese frü­hen lite­ra­ri­schen Ver­su­che, die das Renom­mee des 13-/14-Jäh­ri­gen unter sei­nen Mit­schü­lern deut­lich auf­bes­ser­ten, tat­säch­lich, wie Opitz das tut, als eine erste Phase in Hil­bigs Gesamt­werk anse­hen kann, scheint mir deren Bedeu­tung – Hil­big selbst hat einen Groß­teil der Texte, die vor 1965 ent­stan­den, spä­ter ver­nich­tet – ein wenig zu hoch zu ver­an­schla­gen. Immer­hin fehlte dem sich mehr und mehr dem Schrei­ben zuwen­den­den jun­gen Mann, der nach Abschluss der ach­ten Klasse eine Fach­ar­bei­ter­aus­bil­dung als Bohr­werk­dre­her absol­vierte und anschlie­ßend in ver­schie­de­nen Beru­fen arbei­tete, von denen der des Hei­zers lite­ra­risch am deut­lichs­ten zu Buche schlug, von Anfang an sowohl das fami­liäre Ver­ständ­nis wie auch die fami­liäre Unter­stüt­zung für jene Rich­tung, in die sich sein Leben ab dem Ende der 50er Jahre ent­wi­ckelte.

Trotz­dem ging Hil­big kon­se­quent den ein­mal ein­ge­schla­ge­nen Weg, der um die Mitte der 60er Jahre herum dann zu Gedich­ten und Erzähl­tex­ten führte, die sich von den roman­tisch inspi­rier­ten Erzäh­lun­gen – Ein­flüsse von Nova­lis und E.T.A.Hoffmann sind deut­lich nach­weis­bar – der spä­ten 50er/frühen 60er Jahre absetz­ten und die Gegen­wart als ihr Thema ent­deck­ten – eine Gegen­wart aller­dings, die in Hil­big Wer­ken immer unter­kel­lert ist von jenen Räu­men, in denen die Schre­cken deut­scher Ver­gan­gen­heit nur dar­auf zu war­ten schei­nen, wie­der her­vor­zu­bre­chen.

Dass er es mit sol­cher­art Tex­ten und der Art und Weise, wie er in ihnen Arbei­ter­le­ben zu einer ein­zig­ar­tig arti­fi­zi­el­len Spra­che brachte, in einem »Arbei­ter-und-Bau­ern-Staat«, als den sich die offi­zi­elle DDR ver­stand, nicht leicht haben würde, war von vorn­her­ein abseh­bar. Die Tat­sa­che, dass bis zu dem epo­cha­len his­to­ri­schen Ein­schnitt in der deut­schen Nach­kriegs­ge­schichte, den die Jahre 1989 und 1990 dar­stell­ten, eine ein­zige selb­stän­dige Publi­ka­tion von Wolf­gang Hil­big in der DDR erschien – der von Franz Füh­mann ent­schei­dend mit auf den Weg gebrachte Band Stimme Stimme 1983 im Leip­zi­ger Reclam-Ver­lag -, spricht in die­ser Hin­sicht Bände.

Im sel­ben Zeit­raum wuchs die Zahl sei­ner im S. Fischer Ver­lag Frankfurt/Main seit 1979 erschei­nen­den Bücher auf sechs: zwei Gedicht-, drei Erzäh­lungs­bände und der Roman Eine Über­tre­tung (1989). Hält man sich dies vor Augen, erscheint die Zuord­nung Hil­bigs zu dem Kom­plex »DDR-Lite­ra­tur« zumin­dest pro­ble­ma­tisch und recht­fer­tigt sich höchs­tens dadurch, dass fast alle seine – auch die nach 1990 geschrie­be­nen und publi­zier­ten – Texte ihre Orte im deut­schen Osten, meis­tens zwi­schen Meu­sel­witz, Leip­zig und Ber­lin – die bei ihm zu M., L. und B. ver­kürzt wur­den -, den Stät­ten also, an denen Hil­big den Groß­teil sei­nes Lebens ver­brachte, besa­ßen. Ihn für die Welt der Lite­ra­tur ent­deckt und ent­spre­chend geför­dert zu haben, kön­nen sich frei­lich am ehes­ten der Frank­fur­ter Ver­lag, dem er bis zum Ende sei­nes Lebens treu blieb, und sein ers­ter Lek­tor Tho­mas Becker­mann auf die Fah­nen schrei­ben – es ist dies kein gerin­ges Ver­dienst.

Natür­lich gefie­len Hil­bigs West­pu­bli­ka­tio­nen weder der ihn seit 1964 obser­vie­ren­den Staats­si­cher­heit – seine mehr­wö­chige Unter­su­chungs­haft von Mai bis Juli 1978 hatte aller­dings weni­ger mit sei­nem Schrei­ben zu tun, wurde aber von der Stasi auch zu Ver­hö­ren genutzt, in denen nach sei­nen West­kon­tak­ten und befreun­de­ten lite­ra­ri­schen Krei­sen in der DDR gefragt  wurde – noch all jenen Kul­tur­ver­ant­wort­li­chen, die in Minis­te­rien, Ver­la­gen, Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und Medien flei­ßig am Bild einer den Auf­bau des Sozia­lis­mus auf ihre Weise unter­stüt­zen­den DDR-Lite­ra­tur bas­tel­ten. Bemer­kens­wert aber ist der Mut, mit dem sich der junge und von sei­nem Werk über­zeugte Autor immer wie­der gegen Kri­tik an sei­nem Schrei­ben und die zahl­lo­sen Ver­su­che, den lite­ra­ri­schen Außen­sei­ter ent­we­der zu dis­zi­pli­nie­ren oder mund­tot zu machen, zur Wehr setzte.

Michael Opitz‹ umfang­rei­che Lebens­be­schrei­bung führt zu den Quel­len von Wolf­gang Hil­bigs ein­zig­ar­tig in der neue­ren deut­schen Lite­ra­tur daste­hen­dem Werk. Der mit Hil­bigs Tex­ten detail­liert ver­traute Autor ver­folgt die Genese von immer wie­der in Gedich­ten, Erzäh­lun­gen und Roma­nen auf­tau­chen­den The­men, Moti­ven, Bil­dern und Figu­ren. Lek­tü­ren, die ihren Ein­fluss hin­ter­lie­ßen, wer­den nam­haft gemacht, Hil­bigs poe­ti­scher Ansatz, der Lite­ra­tur als über­setzte erlebte Rea­li­tät begriff, an zahl­rei­chen Bei­spie­len ver­deut­licht.

Dass Hil­big im Unter­schied zu Zeit­ge­nos­sen und Schrift­stel­ler­kol­le­gen wie Vol­ker Braun, Hei­ner Mül­ler oder Christa Wolf zu kei­nem Zeit­punkt sei­nes Lebens an die Refor­mier­bar­keit des in der DDR prak­ti­zier­ten Sozia­lis­mus glaubte – er, mit Opitz‹ Wor­ten, den Bit­ter­fel­der Weg in die andere Rich­tung beschritt -, machte ihn zu jener Kas­par-Hau­ser-Exis­tenz, als der er sich, wie einige Stel­len in sei­nem Werk bele­gen, selbst ver­stand. Wer Hil­bigs opus magnum, den Roman Das Pro­vi­so­rium (2000) gele­sen hat, weiß, dass sich an die­ser Situa­tion auch nach sei­ner Aus­reise in die Bun­des­re­pu­blik im Novem­ber 1985 nicht änderte. Wolf­gang Hil­big war und blieb ein Außen­sei­ter. Hei­misch zu wer­den gelang ihm weder in den uto­pi­schen Gefil­den eines Staats­so­zia­lis­mus, in dem Ver­spre­chen und Rea­li­tär immer wei­ter aus­ein­an­der­drif­te­ten, noch in den Hal­len einer Waren­welt, die alle Bedürf­nisse zu befrie­di­gen wusste, nur nicht jenes nach einem sinn­erfüll­ten, lebens­wer­ten Dasein, wie er es suchte und letzt­lich nur am Schreib­tisch fand.

 

  • Michael Opitz: Wolf­gang Hil­big. Eine Bio­gra­phie. Frankfurt/Main: S. Fischer Ver­lag 2017, 663 Sei­ten, 28,- Euro, ISBN 978–3-10–057607-1

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