Literatur und Landschaft – Texte zum Wandern
3 : Ulrich Grober – Mit leichtem Gepäck – Plädoyer für ein zukunftsfähiges Wandern

Thema

Literatur und Landschaft

Autor

Ulrich Grober

Begleitbuch zur Ausstellung »Wanderlust oder Die Sehnsucht nach dem Paradies« / Thüringer Literaturrat e.V.

Aus Anlass der Aus­stel­lung »Wan­der­lust oder Die Sehn­sucht nach dem Para­dies« im Stadt­schloss Eisen­ach, 1. Juli bis 29. Okto­ber 2017.

 

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Drei »Mani­feste der Wan­der­lust« aus jeweils weni­gen Wör­tern spie­geln und prä­gen ein Stück Zeit­geist im 21. Jahr­hun­dert:  Draus­sen zu Hause – Wer­be­slo­gan eines Out­door-Aus­rüs­ters von 2002 – betont den Wert noma­di­scher Natur­ver­bun­den­heit und das Gefühl von Sicher­heit und Gebor­gen­heit unter freiem Him­mel. Ich bin dann mal weg – Buch­ti­tel des Comedy-Stars Hape Ker­ke­ling von 2006 – akzen­tu­iert die Sehn­sucht nach Uner­reich­bar­keit und spi­ri­tu­el­ler Selbst­su­che. Denn es reist sich bes­ser / mit leich­tem Gepäck. Der Refrain eines Songs der Band Sil­ber­mond von 2015 – fei­ert den Mut zum Weni­ger, den Wil­len, mit Weni­gem aus­zu­kom­men, die Kunst der  Selbst­be­schrän­kung.

 

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Das neue Wan­dern ist für alle zugäng­lich: jung und alt, männ­lich und weib­lich, arm und reich.  Es schließt unter­schied­li­che Prak­ti­ken mit ein: Trek­king, das junge wilde Wan­dern, und Pil­gern, das »Gebet mit den Füßen«, das Fla­nie­ren in urba­nen Räu­men und das Genuss­wan­dern in der Kul­tur­land­schaft. Die neue Lust am Wan­dern lässt sich viel­fäl­tig aus­le­ben: als gesel­li­ger Frei­zeit­spaß oder Sur­vi­val-Trai­ning, als sanf­ter Natur­sport, medi­ta­tive Übung oder nach­hal­ti­ger Tou­ris­mus. Alles hat seine Berech­ti­gung, nichts ist unmög­lich: Wan­der­stie­fel oder bar­fuß, Turn­schuhe oder Schnee­schuhe. Inter­es­sant ist die ganze Band­breite. Span­nend ist die nach oben offene Skala der Mög­lich­kei­ten. Die flie­ßen­den Über­gänge, wo das Wan­der­erleb­nis in die tiefe Erfah­rung von Natur und Kos­mos über­geht, wo die Kunst des Wan­derns sich berührt mit Lebens­kunst und deren Kern: Selbst­er­fah­rung und Selbst­sorge. Wo beim Gehen das Tag­träu­men ein­setzt – und die Sinn­su­che. Wie kön­nen auf den Wegen durch das Land Glücks­mo­mente, Flow-Gefühle und Gip­fel­er­leb­nisse ent­ste­hen? Das neue Wan­dern ist ein Ele­ment des »guten Lebens« im 21. Jahr­hun­dert. In Zei­ten, die »aus den Fugen« zu gera­ten dro­hen, und in denen starke Kräfte dar­auf abzie­len, sich gegen­sei­tig das Leben zur Hölle zu machen, öff­net es neue Hori­zonte.

 

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Wan­dern ist Ein­spruch gegen den Stress der Beschleu­ni­gung. Eine Wan­de­rung nimmt für eine begrenzte Zeit das Tempo aus dem All­tag, redu­ziert es auf das mensch­li­che Maß – den Fuß, den Schritt, die drei bis fünf Kilo­me­ter pro Stunde. Also das Maß, das dem Men­schen von sei­ner Ana­to­mie vor­ge­ge­ben ist, seit er in der Mor­gen­röte sei­ner Evo­lu­tion den auf­rech­ten Gang ent­deckte. Eine Wan­de­rung – egal ob drei Stun­den, drei Tage oder drei Wochen – ist die ein­fachste und natür­lichste Form der Ent­schleu­ni­gung. In die­ser »Aus­zeit« klinkst du dich ein in die »Echt­zeit« von Sonne, Mond und Ster­nen, in die Zyklen und Rhyth­men der Tages‑, Jah­res- und Lebens­zei­ten.

 

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Wan­dern ist Ein­spruch gegen die über­mä­ßige Digi­ta­li­sie­rung und damit gegen die Ent­sinn­li­chung des All­tags. Wer schon mal frei schwei­fend gewan­dert ist, kennt Alter­na­ti­ven zum regle­men­tier­ten stop-and-go-Ver­kehr der Metro­po­len­räume. Wer die Far­ben­pracht eines herbst­li­chen Laub­wal­des gese­hen hat, nutzt die Farb­ska­len der Desi­gner-Soft­ware sou­ve­rä­ner. Ohne die direkte Erfah­rung von Nah­räu­men, so scheint es, bleibt die Wahr­neh­mung glo­ba­ler Räume ober­fläch­lich. Ohne das eigene Erle­ben in begeh­ba­ren Räu­men ist man den medial ver­mit­tel­ten Bil­dern aus­ge­lie­fert. Vir­tu­elle Rea­li­tä­ten wer­den nur im Gegen­licht von rea­len Erfah­run­gen pro­duk­tiv. Erst im Pen­deln zwi­schen den Wel­ten, in der Kon­tras­ter­fah­rung erschließt sich die ganze Fülle des Lebens. Es geht um die Öko­lo­gie der Sinne. »Mit allen Sin­nen« wahr­neh­men: Blick­ach­sen, Hör­räume, Duft­fel­der, das Mikro­klima, den Boden unter den Füßen.  Und immer wie­der pen­deln: Zur Innen­schau, der Zwie­spra­che mit sich selbst, dem Hören auf die innere Stimme. Tag­träu­men ist die Keim­zelle von Krea­ti­vi­tät. Wan­dern stillt den Hun­ger nach Rea­li­tät, nach Sinn­lich­keit und Schön­heit.

 

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Wan­dern ist ein Lebens­eli­xier. Man fühlt sich auf eine ganz beson­dere Weise… leben­dig. Regel­mä­ßige Bewe­gung – d.h. Eigen­be­we­gung, Bewe­gung aus eige­ner Kör­per­kraft – und gesunde Ernäh­rung bil­den die Basis der eige­nen Gesund­heit und Krea­ti­vi­tät. Bes­ser als Krank­hei­ten hei­len ist: gar nicht erst krank wer­den. Damit rücken die Ent­ste­hung und Erhal­tung der Gesund­heit, die »Salu­to­ge­nese«, in den Fokus. Jetzt geht es um die Stär­kung der Resi­li­enz, d.h. der Wider­stands­kraft von Orga­nis­mus und Seele gegen Stö­run­gen aller Art. Ziel ist die Mobi­li­sie­rung von Selbst­hei­lungs­kräf­ten. Was macht Men­schen stark? Resi­li­enz ist: fle­xi­ble Stärke. Sie ist Teil von Selbst­sorge und Selbst­er­mäch­ti­gung. Nicht zuletzt trägt sie dazu bei, ein soli­da­ri­sches und bezahl­ba­res Gesund­heits­we­sen auf Dauer zu erhal­ten. Eigen­be­we­gung ist nach­hal­tig. Mus­kel­kraft ist eine erneu­er­bare Ener­gie. Sie speist sich aus nach­wach­sen­den Roh­stof­fen. Die Leich­tig­keit des Seins ist eine kost­bare Zutat heu­ti­ger Lebens­qua­li­tät und Lebens­kunst.

 

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Well­ness ist nicht alles. Auch die Stra­paze gehört zum Wan­dern. Manch­mal gehst du an deine Gren­zen, aber dosiert, selbst­be­stimmt, ohne die Kon­trolle zu ver­lie­ren. Dann merkst du, die Grenze bleibt nicht an der­sel­ben Stelle. Sie ver­schiebt sich. Oder bes­ser gesagt: Du ver­schiebst sie. Deine Fähig­kei­ten wach­sen mit den Anfor­de­run­gen, die du erfolg­reich bewäl­tigt hast. Die Erfah­rung, dass du stand­hältst, ist von enor­mer Bedeu­tung bei der Bil­dung von Resi­li­enz. Ins­be­son­dere für Kin­der, die sich ja mit­ten in Wachs­tums­pro­zes­sen – kör­per­lich, emo­tio­nal, see­lisch – befin­den. Wer beim Wan­dern sol­che Situa­tio­nen bewäl­tigt hat, geht mit Stress-Situa­tio­nen im All­tag gelas­se­ner um. Du weisst: Da geht noch was.

 

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Nur wo du zu Fuß warst, warst du wirk­lich. Eine Wan­de­rung machst du drei­mal: Lange vor dem Auf­bruch. Dann näm­lich, wenn die Sehn­sucht in dir zu arbei­ten beginnt. Auf dem Weg. Wo man die Fülle der Ein­drü­cke in sich auf­nimmt. Nach der Rück­kehr. Wenn sich das Erleb­nis des Rau­mes in Erin­ne­rung ver­wan­delt. Was pas­siert da eigent­lich?  Ich lege, indem ich wan­dere, einen Vor­rat an ver­ar­bei­tungs­fä­hi­gen Ein­drü­cken an. Damit erwei­tert und prä­zi­siert sich meine »men­tale Land­karte«. Wer so berei­chert in den All­tag zurück­kehrt, kann ein Leben lang davon zeh­ren. Selbst dann noch, wenn ein­mal die Kräfte nach­las­sen und nur noch für kleine Gänge rei­chen. Wie kann man der men­ta­len Land­karte Dauer ver­lei­hen? Die Basis von allem ist die Acht­sam­keit, mit der man unter­wegs die lau­fen­den Ereig­nisse, die Phä­no­mene von Natur und Kos­mos, von Kul­tur und Schön­heit wahr­nimmt und in sich auf­nimmt. Es pas­siert nichts? Es pas­siert immer etwas. Die Kunst des Wan­derns besteht vor allem darin: Seine »Pfor­ten der Wahr­neh­mung« mög­lichst weit zu öff­nen.

 

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Wege sind keine »Mar­ken«, son­dern Gemein­gü­ter. Sie gehö­ren allen – und kei­nem. Das neue Wan­dern braucht eine Infra­struk­tur an Wegen. Sie in Stand zu hal­ten und aus­zu­bauen ist Teil der Daseins­vor­sorge der Gesell­schaft. So wie der Erhalt der Tras­sen für den Ver­kehr und die Anlage von Daten­au­to­bah­nen. Das regio­nale Wege­netz schafft eine lokale Öko­no­mie aus »bed & bre­ak­fast«- Pen­sio­nen und bezahl­ba­ren Quar­tie­ren, Jugend­her­ber­gen, Hof­lä­den, Bäcke­reien, Flei­sche­reien, Wirts­häu­sern, Land­ho­tels, Zelt- und Biwak­plät­zen,. Eine enge Ver­bin­dung besteht zur »grü­nen Infra­struk­tur« des Natur­schut­zes. Das neue Wan­dern braucht, respek­tiert – und genießt – das Wege­netz für den Rück­zug und die Wie­der­aus­brei­tung der hei­mi­schen Flora und Fauna, also einen intak­ten Ver­bund von Schutz­ge­bie­ten und Bio­to­pen. »Ehr­furcht vor dem Leben« (Albert Schweit­zer) ist seine ethi­sche Ori­en­tie­rung.

 

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»Fremd im eige­nen Land«. Das in der Gesell­schaft gerade um sich grei­fende Grund­ge­fühl muss drin­gend ange­spro­chen und über­wun­den wer­den. Bevor die Fun­da­men­ta­lis­ten jeg­li­cher Cou­leur es aus­beu­ten und wei­ter mar­schie­ren, »bis alles in Scher­ben fällt«. Das neue Wan­dern trägt dazu bei, Ver­traut­heit und Ver­bun­den­heit mit den Nah­räu­men her­zu­stel­len oder wie­der zu stär­ken. Wer sich die eigene Region, also die Hei­mat, und benach­barte Regio­nen auf den loka­len, regio­na­len und Fern-Wan­der­wege »erwan­dert«, wird das Gefühl der »Fremd­heit« able­gen und sich im eige­nen Land »zu Hause« füh­len. »This land is your land / this land is my land« (Woody Guthrie, 1948). Er lernt, diese Empa­thie auf unbe­kannte Ter­ri­to­rien zu über­tra­gen: »I feel at home whenever the unknown sur­rounds me« (Björk, »Wan­der­lust«, 2007).

 

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Die Glo­ba­li­sie­rung im Zei­chen des Gel­des, Haupt­ur­sa­che der gras­sie­ren­den Ent­frem­dung, hat offen­bar ihren Schei­tel­punkt über­schrit­ten. Die nächste Welle ist die Wie­der­ent­de­ckung und Auf­wer­tung des Regio­na­len, der Hei­mat. Die Stär­kung einer regio­na­ler Kreis­lauf­wirt­schaft  ist nur ein Aspekt. Damit ein­her geht die Auf­wer­tung der »Nah­erho­lung«. Hier kommt die »Exo­tik der Nähe« ins Spiel. Sie gilt es zu auf­zu­spü­ren und sicht­bar zu machen. Die regio­nale Selbst­ver­sor­gung auch mit imma­te­ri­el­len Wer­ten wie Begeg­nun­gen auf Augen­höhe, Gebor­gen­heit, Zur-Ruhe-kom­men, Schön­heits- und Glücks­er­fah­run­gen ist eben­falls eine Wert­schöp­fungs­kette, ja sogar die pri­märe. Um mög­lichst viele Leute auf die Wege durch das Land zu locken, wären neue, enge Part­ner­schaf­ten – ein Schul­ter­schluss – von regio­na­len, ehren­amt­lich orga­ni­sier­ten Wan­der­ver­bän­den, pro­fes­sio­nell arbei­ten­den Tou­ris­mus-Büros, Natur­schutz, Forst- und Land­wirt­schaft, Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und Medien sinn­voll.

 

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»Land­mar­ken« sind wich­tig, um die leib­lich-see­li­sche Iden­ti­fi­zie­rung der Leute, wo auch immer sie her­kom­men, mit »ihrem« Lebens­raum zu stär­ken. Wir brau­chen eine neue Art von Hei­mat­kunde: die Topo­gra­phie des Zau­bers, die Kennt­nis der Glanz­punkte unse­rer Natur- und Kul­tur­land­schaft. Man muss das Eigene sehr gut ken­nen, um das Fremde wirk­lich wert­schät­zen zu kön­nen. Was sind Land­mar­ken ? Es sind starke, magi­sche, »poe­ti­sche« Orte – Erin­ne­rungs­orte, Reso­nanz­orte. Nicht nur Königs­stuhl und Wart­burg, Extern­steine und Lore­ley, Völk­lin­ger Hütte und Neu­schwan­stein. Es kann ein Bild­stock an einer Weg­ga­be­lung sein oder eine schlichte Ruhe­bank am Berg­hang, die Dorf­be­woh­ner am Punkt der umfas­sends­ten Aus­sicht auf­ge­stellt haben. Auch ein Obst­gar­ten, der einen Quer­schnitt alter Apfel­sor­ten kul­ti­viert. Der poe­ti­sche Ort besitzt eine Aura, die sich der Repro­du­zier­bar­keit ent­zieht. Auf diese Weise hebt er die Geschicht­lich­keit und Iden­ti­tät einer Land­schaft her­vor. Als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­ort macht er den Raum kennt­lich, eine Region von der ande­ren unter­scheid­bar. Auf der Welt ist nichts banal – außer unser Blick. Der Weg ist das Ziel? Ja, aber mar­kante, anzie­hende, »magi­sche« Ziele am Ende – oder am Rande – des Weges sind wich­tig. Wir wären gut bera­ten, wenn wir das Wege­netz für das neue Wan­dern durch die Kar­tie­rung von loka­len, regio­na­len und über­re­gio­na­len Land­mar­ken ergän­zen. Die »Wie­der­ver­zau­be­rung« von Orten bedarf eines beson­ders sorg­fäl­ti­gen und leben­di­gen »Sto­ry­tel­ling«. Hier sind regio­nale kul­tu­relle Initia­ti­ven und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen wie Lite­ra­tur­bü­ros, Lite­ra­tur­räte, Volks­hoch­schu­len gefragt. Sie haben das Know-how, um regio­nale Über­lie­fe­run­gen und deren Fort­schrei­bung in der zeit­ge­nös­si­schen Lite­ra­tur und Kunst zu sam­meln, neu auf­zu­be­rei­ten und öffent­lich zugäng­lich zu machen.

 

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Die »blaue Blume« ist das roman­ti­sche Sym­bol für die Sehn­sucht nach dem Unend­li­chen und für die »Ein­füh­lung« in alles Leben­dige. Zum ers­ten­mal von ihr geträumt wurde in Eisen­ach. Das Ein­gangs­ka­pi­tel von Nova­lis‹ Roman »Hein­rich von Ofter­din­gen« aus dem Jahr 1802 spielt in der Stadt unter­halb von Wart­burg und Renn­steig. Der Dich­ter hat auch das Pro­gramm der deut­schen Roman­tik umris­sen: »Die Welt muss roman­ti­siert wer­den«. Ein Ele­ment war die Wie­der­ver­zau­be­rung einer ent­zau­ber­ten und aus­ge­beu­te­ten Natur. Das andere die Nobi­li­tie­rung, die Auf­wer­tung des ein­fa­chen Lebens und der ein­fa­chen Leute. Fern­weh ver­schränkte sich mit Heim­weh: »Wohin gehen wir denn? Immer nach Hause« (Nova­lis). Die auf­kei­mende Öko­lo­gie ver­schränkte sich mit einer neuen Kos­mo­lo­gie: »O Stern und Blume, Geist und Kleid, / Lieb, Leid und Zeit und Ewig­keit« (Cle­mens Brentano).»Einfühlung« ist die Blau­pause unse­res moder­nen Begriffs »Empa­thie«. Aus »Heim­weh« wurde der ursprüng­lich medi­zi­ni­sche Fach­aus­druck »Nost­al­gia« geprägt. Des­sen Bedeu­tung erwei­terte sich spä­ter zur Sehn­sucht nach einem in der Ver­gan­gen­heit mög­li­chen Glück. Las­sen sich die Urtexte aus der Roman­tik heute vor­sich­tig ver­ge­gen­wär­ti­gen?

 

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Das deut­sche Lehn­wort »Wan­der­lust« meint im heu­ti­gen Eng­lisch, der Spra­che der Glo­ba­li­sie­rung, vor allem: Lust am freien Schwei­fen, an selbs­be­stimm­ter Ori­en­tie­rung – Frei­heits­drang. Die neue Wan­der­lust ant­wor­tet auf das Noma­di­sche in unse­rem Bewusst­sein. Der uto­pi­sche Gehalt des Wan­derns: Wir gewin­nen Fähig­kei­ten zurück, die mit der Beschleu­ni­gung des Lebenstem­pos ver­lo­ren gehen – Zeit­sou­ve­rä­ni­tät, Bewe­gungs­frei­heit und die Auf­merk­sam­keit für die innere Stimme. In den Wor­ten des Wan­der-Phi­lo­so­phen Hans-Jür­gen von der Wense: »Wan­dern ist der höchste Zustand von Frei­heit«. Sein Lebens­motto »Die Erde ist ein Stern. Wir leben im Him­mel« ent­hält die Essenz sei­nes Wan­der­le­bens. Die Ära der bemann­ten Mond­flüge hat sie bekräf­tigt. Die Astro­nau­ten sahen beim Blick zurück »den schöns­ten Stern am Fir­ma­ment«. Sie kre­ierten eine schöne Faust­for­mel für eine hand­hab­bare Kos­mo­lo­gie im 21. Jahr­hun­dert.

 

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Der Sozio­loge Hart­mut Rosa ent­wi­ckelte kürz­lich »die Idee einer ent­ge­gen­kom­men­den, ant­wor­ten­den Welt, die uns berührt und der wir unse­rer­seits ent­ge­gen­zu­ge­hen ver­mö­gen«. Er spricht von einer neuen »Welt­be­zie­hung«, deren Zen­trum die »Reso­nanz« ist. Eine neue Kunst des Wan­derns, die sich von ange­staub­tem Brauch­tum und von neuen Zwän­gen des Kom­mer­zes frei gemacht hat, könnte sich als ein gang­ba­rer Weg zur Annä­he­rung an sol­che »Reso­nanz­sphä­ren« erwei­sen. Zum einen sind es aus­ge­dehnte Natur­räume, die als »Hand­lungs­sphäre« und »eigen­stän­di­ges Gegen­über« ins Spiel kom­men, »zum Klin­gen« kom­men, »mit eige­ner Stimme spre­chen« und »etwas zu sagen haben«. Zum ande­ren wird beim Wan­dern in der gewach­se­nen Kul­tur­land­schaft die Geschichte zu einem Reso­nanz­raum. Nicht zuletzt indem die Bezie­hun­gen der eige­nen Bio­gra­phie zu der die sie tra­gen­den »Kol­lek­tiv­ge­schichte« spür­bar wer­den und ins Vibrie­ren kom­men. Eine sol­che neue »Welt­be­zie­hung« könne laut Rosa ein Schlüs­sel sein, um die Kluft zwi­schen »Umwelt­be­wusst­sein« und einem dem ange­mes­se­nen »Umwelt­han­deln« zu über­brü­cken.

 

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Jede Wan­de­rung in der Frei­zeit ist auch eine Vor­schule nach­hal­ti­ger Mobi­li­täts­ge­wohn­hei­ten im  urba­nen All­tag. Wer gerade auf dem »Renn­steig« im grü­nen Her­zen Deutsch­lands unter­wegs war oder zu Fuß die Alpen über­quert hat oder »el camino« gepil­gert ist, wird daheim kaum auf die Idee kom­men, in die Blech­kiste zu stei­gen, um Bröt­chen zu holen. Zu Fuß gehen und Rad­fah­ren  – »die Moto­ren erset­zende Eigen­be­we­gung im All­tag« (Boje Maaßen) – sind genuin nach­hal­tige Prak­ti­ken. Die Eigen­be­we­gung muss wie­der die Basis unse­rer Vor­stel­lung von Mobi­li­tät bil­den. Ent­spre­chend könnte sich das Umwelt­han­deln auch in ande­ren Berei­chen ändern. Wer unter­wegs Momente inti­mer Bezie­hung zum Natur­schö­nen erlebt hat, wird den Ver­lust an Schön­heit und Viel­falt in sei­ner all­täg­li­chen Lebens­welt nicht mehr gleich­gül­tig hin­neh­men. Du wirst viel eher bereit sein, daran mit­zu­ar­bei­ten, kleine nach­hal­tige Struk­tu­ren in die Welt zu set­zen und deren Ent­ste­hen zu för­dern, zu beglei­ten, nach Kräf­ten zu unter­stüt­zen. Das neue Wan­dern macht Lust auf ein Leben, das weit aus­greift.

 

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Kein Kind zurück­las­sen. Die lange Kette der nach­fol­gen­den Genera­tio­nen beginnt mit unse­ren Kin­dern und Enkeln. Sie sind unsere Kon­takt­per­so­nen zur Zukunft. Die erwach­sene Genera­tion muss der jun­gen sicht­bar machen, was ihr wich­tig ist. Sie darf aber nicht erwar­ten, dass diese das 1:1 umsetzt. Denn was ist, wenn Kin­der näher dran sind am »Zau­ber« der Welt? Auf jeden Fall muss die jeweils ältere Genera­tion zulas­sen, dass die Jun­gen die Frei­heit in Anspruch neh­men, eigene Erfah­run­gen zu machen und ihren Weg selbst zu wäh­len. Und trotz­dem: »Wei­ter­ge­ben!« Sein Kön­nen, seine Lebens­er­fah­rung und seine Werte lie­be­voll, klug und gelas­sen an die jün­gere Genera­tion wei­ter­ge­ben – auch das eigene Erleb­nis von Wan­der­lust und Wan­der­glück. Wer von Kin­des­bei­nen an lust­voll gewan­dert ist, wird diese Gewohn­heit lebens­lang bei­be­hal­ten. Oder jeden­falls spä­ter immer wie­der dar­auf zurück­grei­fen kön­nen.

 

Zum Wei­ter­le­sen:

  • Ulrich Gro­ber, Vom Wan­dern – neue Wege zu einer alten Kunst. Frank­furt am Main, 2006. Als rororo Taschen­buch 62685, 2011
  • Ulrich Gro­ber, Der leise Atem der Zukunft. Vom Auf­stieg nach­hal­ti­ger Werte in Zei­ten der Krise. oekom Ver­lag, 2016.

 Literatur und Landschaft – Texte zum Wandern:

  1. Jens Kirsten - Literatur und Landschaft
  2. Hermann Glaser – Philosophie des Wanderns
    Das horizontale Bewusstsein
  3. Ulrich Grober – Mit leichtem Gepäck – Plädoyer für ein zukunftsfähiges Wandern
  4. Hamed Abboud - Der Sohn Adams und die nicht endende Suche
  5. Paul-Josef Raue – Am Todesstreifen
    Eine politische Wanderung entlang der innerdeutschen Grenze
  6. Kathrin Schmidt – Ich bin übern Berg…
  7. Wolfgang Haak – Rast an der Diebeskrippe
  8. Daniela Danz – Gehen
  9. Jan Volker Röhnert – Unterwegs nach Großkochberg, mit Goethe, ohne Charlotte
  10. Wulf Kirsten – Wanderer, kommst du nach Spa...al
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