Kathrin Groß-Striffler – »Der arme Poet. Roman«

Personen

Ulrich Kaufmann

Kathrin Groß-Striffler

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Ulrich Kaufmann

Erstdruck: Palmbaum 2/2018 / Thüringer Literaturrat e.V.

Gele­sen von Ulrich Kauf­mann

 

»Prinz auf der Erbse«

 

Arme Poe­ten kennt die Lite­ra­tur­ge­schichte seit es Dich­tung gibt. 1812 stellt August von Kot­ze­bue einen sol­chen auf die Bühne. Jahr­zehnte spä­ter wird ein armer Dich­ter lie­be­voll- iro­nisch von Carl Spitz­weg gemalt, mit Nacht­mütze, krän­kelnd im Ses­sel. Die gestan­dene Jenaer Erzäh­le­rin Kat­rin Groß-Striff­ler, Döblin-Preis­trä­ge­rin, kennt die Här­ten, Tücken und Eitel­kei­ten des heu­ti­gen Lite­ra­tur­be­triebs genau­es­tens. Durch einen Geschlech­ter­tausch schafft sie Distanz, um gro­tesk über­stei­gert Schaf­fens­pro­bleme Schrei­ben­der am Bei­spiel eines fik­ti­ven männ­li­chen Kol­le­gen dar­zu­stel­len.

Ein Lite­ra­tur­kri­ti­ker sollte mit Autoren sorg­sam und vor­sich­tig umge­hen. Er könnte sonst – wie im vor­lie­gen­den Buch – tra­gisch enden. In Anleh­nung an Mar­tin Walsers Roman »Tod eines Kri­ti­kers« wird in der Buch­mitte detail­liert geschil­dert, wie der Schrift­stel­ler und Ich-Erzäh­ler Sven Bogner sei­nen Rezen­sen­ten bes­tia­lisch ermor­det. Grund war ein Ver­riss in der »Zeit«: »DA LACHEN DIE HÜHNER«. Ob die­ser Tat­be­stand der »Wahr­heit« ent­spricht oder nur in den Tag- und Nacht­träu­men Bogners statt­fand, möge der auf­merk­same Leser erkun­den.

Auf beson­dere Weise wurde der Titel »Der arme Poet« auf das Cover gedruckt. Das »a« im Adjek­tiv kippt nach vorn. Dies könnte auf Hei­ter-Komi­sches ver­wei­sen. Unser Prot­ago­nist hat wahr­lich viele Pro­bleme. Nach lan­ger Bedenk­zeit will er die Groß­stadt ver­las­sen und zu sei­ner Frau, die ihn im mehr­fa­chen Sinne aus­hält, in ein Kaff zie­hen. Sei­ner Schreib­krise folgt nach der Umzugs­de­pres­sion die Schreib­blo­ckade. Auch nach Fahr­ten auf die Dör­fer und in die Natur, die die Gat­tin The­resa anregte, küsst ihn die Muse nicht. Zum Schrei­ben unfä­hig, schil­dert er dem Publi­kum (das er gele­gent­lich beschimpft) münd­lich sein akti­ons­ar­mes Leben als erfolg­lo­ser Poet und lebens­un­tüch­ti­ger Haus­mann. Bogners ärm­li­ches Leben lie­fert den Stoff für die­ses »Romän­chen«, wäh­rend der Prot­ago­nist selbst über Jahre ver­ge­bens auf Stoff­su­che war. Bei den meis­ten der geschil­der­ten Aktio­nen han­delt es sich um immer fins­ter wer­dende Fan­ta­sien Bogners.

In das Kaff passt Sven Bogner nicht. Er hält sich als Intel­lek­tu­el­ler in sei­nem Loden­man­tel mit hoch­ste­hen­dem Kra­gen für etwas Bes­se­res. Immer wie­der lässt er den Ober­leh­rer raus­hän­gen, spreizt sich als »Latei­ner«, brei­tet sein lite­ra­ri­sches Wis­sen aus. Um sei­nem Geschwätz einige Tiefe zu ver­lei­hen, befragt er stets und stän­dig sein „Ety­mo­lo­gi­sches Wör­ter­buch«. Wie­der­holt stellt er sich neben Franz Kafka und Tho­mas Bern­hard, auch um sich noch deut­li­cher von jenen »Schrott­au­toren« abzu­he­ben, die das Schau­fens­ter des ein­zi­gen Buch­la­dens im Kaff »zie­ren«. Bogners jüngs­tes Buch hin­ge­gen ist dort nicht zu fin­den.

Ein Lite­ra­tur­lieb­ha­ber schätzt »seine« Autoren, ver­zeiht ihnen man­ches. Dem Ego­zen­tri­ker Bogner hin­ge­gen, der sich alter­nie­rend gewal­tig über­schätzt, um sich dann selbst über Tage zu bemit­lei­den, gilt kaum die Sym­pa­thie des Lesers. Die aus Rumä­nien stam­mende prag­ma­ti­sche und soli­da­ri­sche Frau The­resa, sein »Ehe­ge­spons«, ist wesent­lich sym­pa­thi­scher. Bogner betrach­tet seine tüch­tige Frau oft abschät­zig, auch weil sie sich angeb­lich »nur« für Man­kells Kri­mis inter­es­siere.

Es ist bemer­kens­wert, wie die Autorin die Innen­welt der Män­ner im All­ge­mei­nen und die Sven Bogners im Beson­de­ren beschreibt. In Bogners Haut zu schlüp­fen heißt, seine def­tige, obszöne und abschät­zige Spra­che zu benut­zen. Hier­bei über­tritt Groß-Striff­ler, etwa in der Mord­szene, gele­gent­lich die Gren­zen des Zumut­ba­ren.

Der Romans ver­zich­tet auf eine Ein­tei­lung in Kapi­tel, wohl um Bogners Rede­schwall nicht zu unter­bre­chen. Hei­te­res und viel Beklem­men­des erlebt der Leser abwech­selnd. Bei einem Drama würde man von einer Tra­gi­ko­mö­die spre­chen. Nicht nur hei­ter ist es, wenn Bogner, um end­lich Geld zu ver­die­nen, an der Volks­hoch­schule sei­nes Kaffs mehr als dürf­tig bezahlte Ver­an­stal­tun­gen zu Büchern Tho­mas Bern­hards anzu­bie­ten gedenkt. Die Orts­schi­cke­ria, falls sie denn liest, bevor­zugt »Schrott­li­te­ra­tur«. Viele Bür­ger in Bogners jet­zi­gem Wohn­ort beherr­schen nicht ein­mal die gram­ma­ti­schen Grund­re­geln ihrer Mut­ter­spra­che. Dies gilt auch für die üppige Eva, in die sich der Dich­ter in sei­ner Ver­zweif­lung glaubt ver­liebt zu haben. Einige der Begeg­nun­gen fin­den gar in einem para­die­si­schen Gar­ten unter Apfel­bäu­men statt.

Das Roman­co­ver nutzt ein Detail aus dem Gemälde »Schla­raf­fen­land« (1556) von Pie­ter Brueg­hel d. Ä. Diese Quelle ver­schweigt das Impres­sum. Man sieht ein auf­ge­schla­ge­nes Ei, das auf Hüh­ner­bei­nen steht. Im Buch kommt Groß-Striff­ler auf die­ses Detail zu spre­chen, auch als sie schil­dert, wie Bogner, DÖBLINPREISTRÄGER wie sie, grü­belnd-abwä­gend plant, Spie­gel­eier zu bra­ten…

Der Autorin ist ein geist­rei­cher, locker kom­po­nier­ter Roman mit einer impo­san­ten und para­bel­haf­ten Expo­si­tion gelun­gen. Diese steht im Kon­trast zu einem den Text umrah­men­den knap­pen Schluss, der noch­mals die fan­tas­ti­schen Züge des Erzähl­ten ver­deut­licht. Kat­rin Groß-Striff­lers kaum zu bän­dige Lust am Fabu­lie­ren, an der Spra­che, am Wort­witz wir­ken anste­ckend. Trotz des hei­te­ren Sujets geht es um die große Frage, wel­chen Platz her­aus­ra­gende und andere Künst­ler in unse­rer sich hek­tisch wan­deln­den Gesell­schaft haben ober haben soll­ten.

  • Kath­rin Groß-Striff­ler: Der arme Poet. Roman. Mit­tel­deut­scher Ver­lag Halle 2018, 232 Sei­ten, 18 Euro.

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