Japanische Literatur ohne Kirschblüten-Romantik: Der Cass-Verlag Bad Berka

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Autor

Jens Kirsten

Thüringer Literaturrat e.V.

Jens Kirs­ten im Gespräch mit dem Ver­le­ger­ehe­paar Dr. Katja-Cas­sing und Dr. Jür­gen Stalph.

Frau Cas­sing, Herr Stalph, Sie sind die Inha­ber des Cass-Ver­la­ges. Vor allem aber sind Sie beide aus­ge­wie­sene Japa­no­lo­gen. Wann und wodurch wurde Ihr Inter­esse an Japan, sei­ner Kul­tur und Lite­ra­tur geweckt?

Katja Cas­sing: Japa­nisch war ein Glücks­fall für mich. In Trier lehrte Prof. Irmela Hijiya-Kir­sch­ne­r­eit, die ein­zige in Deutsch­land, die zu der Zeit moderne japa­ni­sche Lite­ra­tur unter­rich­tete. Da ich mich sehr für Lite­ra­tur und Spra­chen inter­es­sierte, war das die rich­tige Kom­bi­na­tion für mich. Nach zwei Jah­ren ging ich nach Japan und hab dann die Hälfte mei­nes Stu­di­ums dort absol­viert. Noch wäh­rend der Stu­di­en­zeit begann ich im Wis­sen­schafts­be­reich zu arbei­ten. Da nur sehr weni­gen eine aka­de­mi­sche Kar­riere mög­lich ist, die eine Stel­lung auf Lebens­zeit bie­tet, über­legte ich, was ich beruf­lich machen kann. Warum also meine Liebe zur japa­ni­schen Spra­che und zu sei­ner Lite­ra­tur nicht mit­ein­an­der ver­bin­den und einen Ver­lag grün­den? Japa­ni­sche Kri­mis in deut­scher Über­set­zung gab es zum Zeit­punkt der Ver­lags­grün­dung so gut wie keine. So lag die Über­le­gung nahe, den Ver­lags­schwer­punkt auf Kri­mi­nal­li­te­ra­tur zu legen.

Und das Japa­no­lo­gie-Stu­dium hat Ihnen dabei gehol­fen?

Katja Cas­sing: Der Erwerb der japa­ni­schen Spra­che ist nur ein klei­ner Bestand­teil des Stu­di­ums, der vor allem auf das Lesen und nicht auf die Kom­mu­ni­ka­tion aus­ge­rich­tet ist. Als ich nach zwei Jah­ren Stu­dium in Japan ankam, war ich nicht in der Lage, mich zu ver­stän­di­gen. Ich schei­terte bereits beim Kauf einer Brief­marke. Und das nach zwei Jah­ren Sprach­er­werb, Klau­su­ren und Prü­fun­gen. Obwohl ich viele Zei­chen lesen konnte, war es ein Schock, als ich den Ein­stu­fungs­test nicht bestand, ja, nicht ein­mal die gestell­ten Fra­gen ver­stand. Ich konnte nur den lee­ren Fra­ge­bo­gen abge­ben. Alle, die mit mir nach Japan kamen, wur­den dann in den mitt­le­ren Sprach­kurs geschickt. Nur ein oder zwei Stu­den­ten, die schon vor­her ein­mal in Japan gelebt hat­ten, kamen in den Kurs für Fort­ge­schrit­tene. Im ers­ten Jahr habe ich gefühlt die gesamte erlernte Gram­ma­tik und alle gelern­ten Zei­chen ver­ges­sen und dafür das Spre­chen und das Ver­ste­hen der Spra­che gelernt. Nach einem Jahr, als das Sti­pen­dium endete, wusste ich, dass mein Wis­sens­stand über­haupt nicht aus­rei­chend war. Also blieb ich gleich zwei­ein­halb Jahre in Japan. Nach­dem ich etwas bes­ser fol­gen konnte, durfte ich den einen oder ande­ren Kurs über­sprin­gen, so dass ich dann auch den Uni­ver­si­täts­vor­be­rei­tungs­kurs absol­vie­ren konnte. Das war ein her­vor­ra­gen­des Sprach­trai­ning, um das mich mein Mann bis heute ein biss­chen benei­det, weil ich dort auch die Höf­lich­keits­spra­che lernte.

Jür­gen Stalph: Und jetzt ist sie auf Welt­ni­veau.

Was stu­diert man neben dem Sprach­er­werb?

Katja Cas­sing: Im Grund­stu­dium stu­diert man Poli­tik, Geschichte, Kul­tur, Lite­ra­tur. Es gibt in Deutsch­land nur wenige Japa­no­lo­gien, meist nur mit einer Pro­fes­sur. Für zeit­ge­nös­si­sche Lite­ra­tur war und ist die Kory­phäe die schon erwähnte Pro­fes­so­rin Hijiya-Kir­sch­ne­r­eit. In Hei­del­berg wurde vor­mo­derne Lite­ra­tur gelehrt, über­haupt gibt es dort eine grö­ßere Japa­no­lo­gie.

Jür­gen Stalph: In Ber­lin gab es zwei Lehr­stühle. Feder­füh­rend war dabei die Japa­no­lo­gie der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät im Osten, Lehr­stuhl­in­ha­ber war Jür­gen Berndt. Die Hum­boldt-Uni­ver­si­tät war im Bereich der Japa­no­lo­gie sehr gut. Das war das Aus­hän­ge­schild. Des­we­gen hat man bei den älte­ren Lite­ra­tur­über­set­zun­gen aus Japan zwei Schie­nen. Auf der einen Seite Oscar Benl in Ham­burg, auf der ande­ren Jür­gen Berndt aus Ber­lin. Jür­gen Berndt war auch einer der ers­ten, der Japa­nisch spre­chen konnte. Die älte­ren Pro­fes­so­ren konn­ten Japa­nisch nicht spre­chen. Es war für die deut­schen Uni­ver­si­tä­ten eine tote Spra­che, die ver­mit­telt wurde wie Latein und Alt­grie­chisch. Die DDR hat viel mehr Wert auf die gespro­chene Spra­che gelegt als die Kol­le­gen im Wes­ten. Sie schick­ten regel­mä­ßig Sti­pen­dia­ten nach Tokio. Aus dem Wes­ten gin­gen natür­lich auch einige Stu­den­ten nach Japan.

Ich selbst habe mein Stu­dium auf Lin­gu­is­tik aus­ge­rich­tet und ging dafür nach Bonn und spä­ter nach Bochum, weil der Bon­ner Lehr­stuhl mit einem Eth­no­lo­gen neu besetzt wurde und der Lehr­stuhl in Bochum auf Spra­che und Lite­ra­tur aus­ge­rich­tet war. Bochum war damals das größte Zen­trum für Japa­no­lo­gie in Europa. Man konnte Geschichte als Schwer­punkt wäh­len, Geo­gra­phie, Poli­tik, Öko­no­mie und ein inter­dis­zi­pli­när aus­ge­rich­te­tes Stu­dium, das sich auf Japan, Korea und China erstreckte.

Herr Stalph, wie erging es Ihnen mit dem Ler­nen der Spra­che?

Als ich aus Bonn nach Japan kam, machte ich ähn­li­che Erfah­run­gen wie meine Frau. In Bonn war die Kory­phäe Pro­fes­sor Zachert, der wäh­rend des Krie­ges in Japan gelebt hatte und einer der weni­gen war, die flie­ßend spra­chen. Als ich in den sieb­zi­ger Jah­ren zu stu­die­ren begann – wir waren viel­leicht fünf Neu­linge – saßen alle Stu­den­ten vom ers­ten bis zum zwan­zigs­ten Semes­ter in sei­nen Lehr­ver­an­stal­tun­gen. Als Anfän­ger konn­ten wir nicht ein­mal das Sil­ben­al­pha­bet lesen, von Zei­chen ganz zu schwei­gen. Den­noch muss­ten wir bei Pro­fes­sor Zacherts Ver­an­stal­tun­gen sit­zen und höf­lich nicken, obwohl wir über­haupt nichts ver­stan­den. Als ich spä­ter, nach mei­nem ers­ten Auf­ent­halt in Japan, nach Bochum wech­selte, sah ich, dass es dort Sprach­kurse gab. Die gab Wolf­ram Mül­ler-Yokota, der auch flie­ßend Japa­nisch sprach. Ich konnte nach mei­nen ers­ten zwei Jah­ren in Japan schon mit­hal­ten. Wei­tere Auf­ent­halte in Japan folg­ten. Den Magis­ter machte ich in Deutsch­land irgend­wann nach und die Pro­mo­tion schloss sich an. Ins­ge­samt kam ich auf acht­zehn Jahre in Japan, meine Frau auf zwölf Jahre. Im Gegen­satz zu mei­ner Frau, die her­vor­ra­gende Sprach­kurse absol­vierte, gehörte ich zu denen, die die Gram­ma­tik ganz gut beherrsch­ten. Als ich mich um ein Pro­mo­ti­ons­sti­pen­dium bewarb, wurde ich in die Bot­schaft ein­ge­la­den. Beim Eig­nungs­test fie­len alle durch, außer mir – und das war schlecht. Da ich den Test gut bestan­den hatte, durfte ich unmit­tel­bar an die Uni­ver­si­tät gehen, wäh­rend die ande­ren – wie meine Frau – zunächst einen Sprach­kurs bele­gen muss­ten. Ich konnte in Japan ebenso wenig spre­chen wie meine Frau, aber ich war direkt an der Uni. Japa­nisch lernte ich dann auf der Straße und in Knei­pen. Mein Japa­nisch ist auch ziem­lich gut, aber was die Höf­lich­keits­spra­che anbe­langt, ist mir meine Frau weit über­le­gen.

Wie lange braucht man, um Japa­nisch spre­chen zu kön­nen?

Katja Cas­sing: Wenn man Japa­nisch nur spre­chen kön­nen möchte, nicht Lesen und Schrei­ben, dann ist das gar nicht so schwer, wie man denkt. Es ist keine Ton­spra­che, es gibt keine kom­pli­zier­ten Laute, es wird nicht flek­tiert, es gibt eine Prä­sens­form, es gibt eine Ver­gan­gen­heits­form, es gibt kein Futur, es gibt keine Arti­kel. Eine Reihe von läs­ti­gen Din­gen, die etwa Ler­nern des Deut­schen den Sprach­er­werb so schwer machen, fal­len im Japa­ni­schen weg. Japa­nisch ist eine agglu­ti­nie­rende Spra­che, was für uns etwas gewöh­nungs­be­dürf­tig ist, aber die Spra­che als sol­che ist wirk­lich nicht so schwie­rig – wenn man sagt: Ich möchte nur ein wenig spre­chen kön­nen. Ich habe an der TU in Ilmenau zum Spaß ein wenig Japa­nisch unter­rich­tet und meine Stu­die­ren­den hat­ten sehr schnell Lern­er­folge. Bereits nach einem Semes­ter waren sie in der Lage, kleine Kon­ver­sa­tio­nen zu füh­ren.

Hät­ten sie eine Brief­marke auf der Post in Tokio kau­fen kön­nen?

Katja Cas­sing: Und ob. Wenn man jedoch lesen und schrei­ben kön­nen möchte, dann ist es eine ganz andere Sache. Die japa­ni­sche Schrift­spra­che gilt zu Recht als die schwie­rigste Spra­che über­haupt. Das rührt daher, dass das Japa­ni­sche drei Schrift­zei­chen­sys­teme hat. Das Japa­ni­sche hat sich nicht nur chi­ne­si­sche Schrift­zei­chen zu eigen gemacht, son­dern für diese zugleich unter­schied­li­che Lesun­gen impor­tiert. Im Chi­ne­si­schen weiß man, dass ein bestimm­tes Zei­chen so und so gespro­chen wird. Im Japa­ni­schen gibt es für ein Zei­chen 100 oder 200 Les­ar­ten, je nach­dem, in wel­chem Kon­text es erscheint.

Sprach­erfolge stel­len sich etwa nach einem Jahr ein, aber dann spricht man noch kein gutes Japa­nisch, oder?

Jür­gen Stalph: Wer wirk­lich gut spre­chen kön­nen möchte, auch mit Blick auf die Höf­lich­keits­spra­che, der muss min­des­tens drei bis vier Jahre im Land gewe­sen sein. Natür­lich gibt es auch Aus­nah­me­ta­lente; ein nor­mal begab­ter Ler­ner braucht jedoch diese Zeit. Nach fünf Jah­ren ist man gut. Das lässt sich aus euro­päi­scher Sicht nicht mit dem Erwerb einer roma­ni­schen Spra­che ver­glei­chen. Was die Les­ar­ten der Zei­chen anbe­langt, erkläre ich das Deut­schen gern mit dem Zei­chen für Herz. Schreibt man »Ich ♥ dich.« liest man für Herz »liebe«. Im medi­zi­ni­schen Kon­text stünde hin­ter dem ♥ »iolo­gie« und man liest für Herz »Kard«(iologie). »Du bist mein ♥.« liest man als »Herz«. Damit erge­ben sich schon drei Lesun­gen. Dazu kom­men wei­tere mög­li­che Lesun­gen. Bei den Japa­nern kommt noch hinzu, dass sie viel von der Über­macht China ent­lie­hen haben. Diese Ent­lei­hun­gen erfolg­ten zu ver­schie­de­nen his­to­ri­schen Zei­ten. Als die chi­ne­si­sche Haupt­stadt in Chang’an und nicht in Peking war, war die Lesung eine ganz andere als zu einer ande­ren his­to­ri­schen Peri­ode. So hat man oft drei Lesun­gen für ein Zei­chen. Das alles ergibt eine rie­sige Mischung, die bis heute lebt. Als Sprach­ler­ner beherrscht man rela­tiv bald einen gewis­sen Wort­schatz, auf den man auf­bauen kann. Fremd­wör­ter aus ande­ren Spra­chen, wie Geo­gra­phie oder Topo­gra­phie aus dem Grie­chi­schen, wer­den in Japan genau so ver­wen­det. Japa­nisch ist eine Spra­che wie jede andere – mit gewis­sen Pro­ble­men. Viele, die nach Japan gehen, blei­ben auf die­ser Grun­de­bene der gespro­che­nen Spra­che ste­hen, wenn sie die Schrift­spra­che nicht erler­nen. Sie kön­nen kei­nen Roman lesen, auch keine Zei­tung. Es sind Analpha­be­ten mit einer gewis­sen Grund­kennt­nis – wie Kin­der im Grunde genom­men. Wenn aus dem Par­la­ment etwas über­tra­gen wird, ver­ste­hen sie kein Wort. Es gibt auf Grund der zahl­rei­chen Homo­phone – die Spra­che ist rela­tiv laut­arm – Schwie­rig­kei­ten des Ver­ste­hens und bei den Nach­rich­ten wer­den Unter­ti­tel ein­ge­blen­det. Beherrscht man 2.500 Zei­chen, kann man Zei­tung lesen.

Katja Cas­sing: Ich habe nach sie­ben­ein­halb Jah­ren begon­nen zu dol­met­schen. Ins­ge­samt hab ich vier­ein­halb Jahre in Deutsch­land stu­diert, dazu kamen dann die Auf­ent­halte in Japan.

Jür­gen Stalph: Die jun­gen Leute heute sind viel bes­ser als die Ler­ner zu unse­rer Zeit. Die haben keine Berüh­rungs­ängste. Sie schu­len sich über Filme, Ani­mes, Man­gas, sind pho­ne­tisch viel bes­ser als die Stu­den­ten der sieb­zi­ger Jahre. Lei­der wer­den jedoch keine lite­ra­ri­schen Über­set­zer aus­ge­bil­det. Wir suchen hän­de­rin­gend gute Über­set­zer, weil wir nicht alle Bücher selbst über­set­zen kön­nen. Bestünde nicht diese Hürde der qua­li­ta­tiv guten Über­set­zung, dann könn­ten wir gut und gern 20 Titel im Jahr ver­le­gen.

Sie haben beide lange in Japan gelebt und gear­bei­tet. Wann und wes­halb haben Sie sich ent­schie­den, nach Deutsch­land zurück­zu­keh­ren?

Katja Cas­sing: Nor­ma­ler­weise wären wir jetzt noch immer in Japan. Wir arbei­te­ten beide am Deut­schen Insti­tut für Japan­stu­dien in Tokio. Unser mitt­le­rer Sohn, der Fuß­ball spielt, wollte mit 16 in Deutsch­land Fuß­ball spie­len, weil es in Japan ein Liga­sys­tem nicht gab. Aus dem Auf­ent­halt bei sei­ner Tante im Rhein­land ent­stand der Wunsch, das Abitur in Deutsch­land abzu­le­gen.

Ihre Kin­der sind zwei­spra­chig auf­ge­wach­sen?

Jür­gen Stalph: Ja, die Kin­der gin­gen auf die Deut­sche Schule Tokio-Yoko­hama. Alle drei spre­chen akzent­frei Japa­nisch. Unser ältes­ter Sohn lebt in Japan. Er ist gerade Trai­ner eines Pro­fi­fuß­ball-Ver­eins gewor­den – als jüngs­ter Trai­ner der japa­ni­schen Fuß­ball­ge­schichte, der mitt­lere Sohn hat an der Köl­ner Sport­hoch­schule stu­diert und lebt in Deutsch­land; für unsere Toch­ter ist Deutsch nur die zweite Spra­che, sie ist ganz in Japan zuhause. Da unser mitt­le­rer Sohn in der 12 Klasse nicht mehr wech­seln konnte, kamen wir also 2005 nach Deutsch­land. Dafür gab ich eine Lebens­stel­lung am Deut­schen Insti­tut für Japan­stu­dien auf, das in den acht­zi­ger Jah­ren gegrün­det wurde, weil Deutsch­land von Japan ler­nen wollte. Das Insti­tut ist eines von acht Aus­lands­in­sti­tu­ten der Bun­des­re­pu­blik.

Sie arbei­ten beide seit vie­len Jah­ren an einem gro­ßen mehr­bän­di­gen Japa­nisch-Deut­schen Wör­ter­buch. Wie sind sie dazu gekom­men, eine sol­che Her­aus­for­de­rung anzu­neh­men?

Jür­gen Stalph: Das Lexi­kon war ein deutsch-japa­ni­sches Pro­jekt. Zunächst war es am Deut­schen Insti­tut für Japan­stu­dien ange­sie­delt, spä­ter hat es dann die FU Ber­lin über­nom­men, an der wir bis heute über Dritt­mit­tel ange­bun­den sind. Betei­ligt sind vier Her­aus­ge­ber und drei Redak­teure. Zwi­schen­zeit­lich gab es weit mehr Bei­trä­ger, aber inzwi­schen arbei­ten wir zu dritt an den Bei­trä­gen. Der dritte und letzte Band wird im Herbst 2019 erschei­nen. Wir haben noch drei, vier Buch­sta­ben vor uns. Die Stelle unse­rer Augs­bur­ger Kol­le­gin läuft im Som­mer aus, dann müs­sen wir den End­spurt allein bewäl­ti­gen. Wir haben noch eine ganze Menge zu tun, eigent­lich zu viel.  Nach Abschluss die­ser Arbeit kön­nen wir uns ganz auf den Ver­lag kon­zen­trie­ren.

Apro­pos Ver­lag: Seit wann gibt es den Ver­lag, des­sen Sitz bis vor kur­zem noch im ost­west­fä­li­schen Löhne lag?

Katja Cas­sing: Den Ver­lag haben wir im Novem­ber 2000 gegrün­det. Wir leb­ten in Yoko­hama und brauch­ten für den deut­schen Ver­lag eine deut­sche Adresse. Also habe ich meine Hei­mat­adresse genom­men. Das erste Buch ist dann 2003 erschie­nen. Am Anfang haben wir – bedingt durch die Arbeit am Lexi­kon – rela­tiv wenige Titel pro­du­ziert. In den letz­ten fünf Jah­ren sind wir bei drei bis vier Titeln pro Jahr ange­langt, Ten­denz stei­gend. Da wir zunächst nicht wuss­ten, ob wir in Deutsch­land blei­ben wer­den, blieb die Ver­lags­adresse Löhne in Ost­west­fa­len, obwohl wir schon in Bad Berka wohn­ten. Wir sind zwar immer noch regel­mä­ßig in Japan, aber jetzt, wo wir wis­sen, dass wir hier leben wer­den, sind wir mit dem Ver­lag nach Thü­rin­gen umge­zo­gen.

Wes­halb haben Sie sich für Thü­rin­gen ent­schie­den?

Katja Cas­sing: Der Zeit­punkt war kein Zufall. Unser Sohn begann nach dem Abitur zu stu­die­ren, hatte eine eigene Woh­nung und wir muss­ten nicht mehr stän­dig in sei­ner Nähe sein. Wir waren plötz­lich frei und konn­ten so unse­ren Wohn­sitz über­all wäh­len. Das begüns­tig­ten zudem unsere Tele­ar­beits­plätze. Und Thü­rin­gen hat uns ein­fach sehr gut gefal­len. In Bad Berka kön­nen wir in alle Rich­tun­gen direkt in den Wald gehen. Das war in Tokio nicht mög­lich. Für uns stand nur die Über­le­gung: ent­we­der eine ganz große Stadt oder eine ganz kleine. Wir haben uns für letz­te­res ent­schie­den. Außer­dem sind wir pas­sio­nierte Wan­de­rer, da kam uns Thü­rin­gen sehr zupass.

Ein Ver­lag, der aus­schließ­lich japa­ni­sche Lite­ra­tur in deut­scher Spra­che ediert, wie geht das? Sind die gro­ßen Ver­lage in Deutsch­land, die auch japa­ni­sche Lite­ra­tur im Pro­gramm haben, keine zu starke Kon­kur­renz?

Katja Cas­sing: Es ist immer gut, ein kla­res Pro­fil zu haben. Sei es Kri­mi­nal­li­te­ra­tur, sei es eine andere the­ma­ti­sche Nische. Es gibt eine rela­tiv breite Schicht, die sich für Japan und seine Kul­tur inter­es­siert. Das geht gerade bei den jün­ge­ren Leu­ten von Man­gas über Ani­mes bis zu ande­ren Fil­men und die japa­ni­sche Kul­tur über­haupt. Und damit gibt es auch Inter­esse für japa­ni­sche Lite­ra­tur. Diese Erfah­rung machen wir bei­spiels­weise bei der Nip­pon Con­nec­tion, einem japa­ni­schen Film­fest in Frank­furt am Main, wenn wir dort mit einem Ver­lags­stand ver­tre­ten sind.

Was die gro­ßen Ver­lage angeht, habe ich über­haupt keine Angst. Ganz im Gegen­teil. Die suchen zwar alle Titel aus Japan, um die gän­gi­gen Kli­schees zu bedie­nen. Wir machen in ers­ter Linie gute Lite­ra­tur, dass es japa­ni­sche Lite­ra­tur ist, spielt dabei nicht die wich­tigste Rolle. Lite­ra­tur, die ihren Wert unab­hän­gig von jeg­li­cher Kirsch­blü­ten­ro­man­tik hat und sich im inter­na­tio­na­len Ver­gleich behaup­ten kann. Im Gegen­satz zu uns, die japa­nisch lesen kön­nen, hat man in den Lek­to­ra­ten der gro­ßen Ver­lage nie­man­den, der Japa­nisch lesen kann.

Wie gehen die gro­ßen Ver­lage dann vor?

Katja Cas­sing: Ein Ver­lag wie Dumont hat Haruki Mura­kami, an dem er Jahr um Jahr fest­hält. Die gro­ßen Ver­lage kön­nen ohne das Ver­mö­gen, die Lite­ra­tur im Ori­gi­nal lesen zu kön­nen, nicht so viele Autoren und Titel neu ent­de­cken. Wir kön­nen dage­gen in die Breite gehen. Die japa­ni­sche Lite­ra­tur ist eine unglaub­li­che Schatz­kiste, die Bücher für mehr als einen Ver­lag bereit­hält. Aber man muss diese Schätze für den deut­schen Markt erst heben und sie über­set­zen. Chou­kitsu Kuru­matani, der ein groß­ar­ti­ger Schrift­stel­ler ist, lei­der inzwi­schen ver­stor­ben, hatte kei­nen Agen­ten, der Expo­sés auf Eng­lisch geschrie­ben und kei­nen Ver­lag, der seine Bücher deut­schen Ver­la­gen ange­bo­ten hätte. Die gro­ßen Ver­lage in Deutsch­land ori­en­tie­ren sich ent­we­der an Über­set­zun­gen ins Fran­zö­si­sche oder Eng­li­sche oder sie lesen eng­li­sche Expo­sés der japa­ni­schen Ver­lage.

Jür­gen Stalph: Wir lesen auch Expo­sés, aber wir kön­nen dane­ben auf die direkte Schiene gehen und die Bücher im Ori­gi­nal lesen. Dann ent­schei­den wir, ob wir einen Titel über­set­zen und ver­le­gen möch­ten. Hier gibt es die schöne Anek­dote mit dem Roman »Der Son­nen­schirm des Ter­ro­ris­ten« von Iori Fuji­wara, den wir ver­legt haben. Der Roman war drei Monate auf der Krimi-Bes­ten­liste der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung und des Deutsch­land­funks. Die Zei­tun­gen spra­chen von einer ful­mi­nan­ten Ent­de­ckung. Diese Ent­de­ckung hät­ten wir fast auch nicht gemacht, ebenso wenig wie die ande­ren. Hätte der japa­ni­sche Ver­lag nicht so ein schlech­tes Exposé ange­bo­ten, wäre der Roman bereits vor 20 Jah­ren bei einem ande­ren renom­mier­ten Ver­lag in Deutsch­land erschie­nen. Wir lasen das Exposé, aus dem man nichts ent­neh­men konnte, und war­fen es umge­hend in den Papier­korb. Dann waren wir in Japan auf der Messe beim Ver­lag Kôd­an­sha, den wir gut ken­nen, und der Ver­le­ger gab uns den Roman im Ori­gi­nal mit. Bei der Lek­türe erschloss sich, was für ein span­nen­der Roman das ist. Der Rest ist die Erfolgs­ge­schichte des Titels in Deutsch­land.

Alle Titel, die ich in den letz­ten Jah­ren aus Ihrem Ver­lag gele­sen habe, begeis­ter­ten mich: »Gezeich­net« von Osamu Dazai bei­spiels­weise oder »Vom Ver­such, einen Glücks­gott los­zu­wer­den« von Ko Machida. Ich denke, die wich­tigs­ten lite­ra­ri­schen Ent­de­ckun­gen aus Japan der letz­ten Jah­ren hat der Cass-Ver­lag gemacht.

Katja Cas­sing: Die Neu­über­set­zung von »Der Schlüs­sel« von Juni­chiro Tani­zaki gehört dazu oder Nanae Aoya­mas Bücher. Gerade erschien »Die Rache« von Shu­goro Yama­moto. Wir sind uns bewusst, dass wir ein klei­ner Ver­lag sind und wir wür­den eine Autorin wie Nanae Aoyama auch gern bei einem gro­ßen Ver­lag unter­brin­gen.

Jür­gen Stalph: Durch die deut­sche Über­set­zung ihrer Texte wurde eine eng­li­sche Lite­ra­tur­zeit­schrift auf die Autorin auf­merk­sam und brachte auch eine ihrer Erzäh­lun­gen her­aus. Das sind sehr schöne Neben­ef­fekte unse­rer Bemü­hun­gen um die japa­ni­sche Lite­ra­tur. Mitt­ler­weile gibt es auch japa­ni­sche Autoren, die gern bei Cass ver­legt wer­den möch­ten.

Wie steht es dabei um die Ver­mark­tung Ihrer Titel?

Es ist für uns ein gro­ßes Pro­blem, dass wir für die Ver­mark­tung oft zu wenig Zeit haben. Wir kau­fen einen Titel ein, über­set­zen ihn und dann rückt der Ter­min der Ver­öf­fent­li­chung heran. Wenn die Ver­tre­ter auf Ver­kaufs­reise gehen, haben sie das Buch noch nicht lesen kön­nen und sind für die Ver­kaufs­ge­sprä­che auf unsere Expo­sés ange­wie­sen. Auch für die Ein­band­ge­stal­ter ist es schwie­rig, sich nur auf solch ein Exposé stüt­zen zu kön­nen. Dann gehen wir mit­un­ter nach Japan, weil ein Künst­ler dort den Text im Ori­gi­nal lesen und direkt an die Arbeit gehen kann.

Die Leser in Deutsch­land beur­tei­len nicht das Ori­gi­nal, son­dern die Über­set­zung. Ihren Büchern merkt man an, dass sie sprach­lich her­vor­ra­gend gear­bei­tet sind.

Katja Cas­sing: Das höre ich heute schon zum zwei­ten Mal. Nanae Aoyama schrieb mir das heute mor­gen in einer Ant­wort auf eine Nach­richt, in der ich ihr ges­tern mit­teilte, dass sie für den LiBe­ra­tur­preis 2019 nomi­niert ist. Nanae Aoyama war übri­gens vor eini­ger Zeit im Rah­men einer Lese­reise mit uns in Wei­mar. Als sie das Goe­the- und Schil­ler-Denk­mal sah, fragte sie, was es mit dem Baum­stamm auf sich habe, vor dem die Dich­ter ste­hen. Mein Mann benutzte ein sehr anti­quier­tes Wort, das nur noch in einem Sprich­wort lebt.

Jür­gen Stalph: Das heißt kuize o mamoru – den Baum­stamm bewah­ren oder den Baum­stamm bewa­chen. Das kommt aus China und geht auf eine Anek­dote zurück. Ein Bauer macht beim Bestel­len sei­nes Ackers eine Pause und lehnt sich an einen Baum­stamm. Aus dem Wald jagt in pani­scher Angst vor einem Jäger ein Hase heran, läuft vor den Baum­stamm und fällt tot um. Der Bauer berei­tet ihn hoch­er­freut über das Geschenk zu und ver­speist ihn. Fortan stellt er sich an den Baum­stamm, lässt das Feld Feld sein und war­tet auf den nächs­ten Hasen. kuize o mamoru bedeu­tet im über­tra­ge­nen Sinn: Sinn­los an Tra­di­tio­nen, an Über­lie­fer­tem fest­hal­ten. Über die Wei­ma­rer »Wäch­ter des Baum­stam­mes« hat Nanae Aoyama dann eine Glosse für die Zei­tung geschrie­ben.

Der Cass-Ver­lag ist der ein­zige Ver­lag aus Thü­rin­gen, der zum Freun­des­kreis der Kurt Wolff Stif­tung gehört. Wie wird man Mit­glied des Freun­des­krei­ses?

Katja Cas­sing: Man muss min­des­tens vier Titel im Jahr pro­du­zie­ren, muss Mit­glied im Bör­sen­ver­ein sein, der Ver­lag muss eine pro­fes­sio­nelle Aus­lie­fe­rung haben.

Jür­gen Stalph: Und es gibt eine Decke­lung des Umsat­zes, die bei 5 Mil­lio­nen Euro im Jahr liegt. Man kann alle Kri­te­rien auf der Web­site der Stif­tung nach­le­sen. Über den Antrag auf Mit­glied­schaft ent­schei­det der Vor­stand. In den jähr­lich erschei­nen­den Kata­log der Stif­tung wer­den 65 Ver­lage auf­ge­nom­men. Wir freuen uns, dass wir dar­un­ter sind.

Was wün­schen Sie sich als Ver­le­ger für die Zukunft – nicht nur mit Blick auf den Ver­lags­stand­ort Thü­rin­gen?

Katja Cas­sing: Da wir gerade über die Kurt Wolff Stif­tung spra­chen: Abge­se­hen von Ver­la­gen wie Mat­thes & Seitz, der zu den größ­ten des Freun­des­krei­ses gehört, kön­nen die klei­nen Ver­lage kaum von ihrer ver­le­ge­ri­schen Arbeit leben. In der Schweiz gibt es eine Struk­tur­för­de­rung, die sich über meh­rere Jahre erstreckt. Eine klei­nere För­de­rung wäre ein Ver­lags­preis, den ich mir sehr für Thü­rin­gen wün­sche. Alle Ver­lage sind Wirt­schafts­un­ter­neh­men, die gewinn­ori­en­tiert arbei­ten. Im Gegen­satz zu einem ande­ren Wirt­schafts­un­ter­neh­men leis­ten die Ver­lage jedoch einen erheb­li­chen Kul­tur­bei­trag, der sich nicht in Gewinn­zah­len aus­drü­cken lässt.

Jür­gen Stalph: Ich wün­sche mir einen kom­pe­ten­ten Über­set­zer, der frei und bezahl­bar ist. Das wäre für unsere Arbeit eine große Hilfe.

Katja Cas­sing: Man sollte die Japa­nisch-Aus­bil­dung in Deutsch­land aus­bauen. Wer in Thü­rin­gen Japa­nisch stu­die­ren möchte, fin­det hier keine Uni­ver­si­tät. Die nächste Japa­no­lo­gie ist in Leip­zig.

Jür­gen Stalph: Einem jun­gen Über­set­zer wür­den wir gern eine Chance geben, gesetzt, er bringt die not­wen­di­gen Fähig­kei­ten mit. Es wäre schön, wenn wir ein­mal ein Manu­skript nicht selbst über­set­zen, son­dern nur redi­gie­ren müss­ten.

Mit Blick auf den Kul­tur- und Wirt­schafts­stand­ort Thü­rin­gen erscheint mir die von Ihnen erwähnte Struk­tur­för­de­rung sehr sinn­voll. Für einen Thü­rin­ger Ver­lags­preis haben wir uns nach der Grün­dung des Lite­ra­tur­ra­tes sofort ein­ge­setzt, jetzt hat Monika Grüt­ters mit dem deut­schen Ver­lags­preis einen Vor­stoß in diese Rich­tung unter­nom­men. Aller­dings hat der mit einer struk­tu­rel­len För­de­rung der Thü­rin­ger Ver­lags­land­schaft nur wenig zu tun.

Katja Cas­sing: Wir bemü­hen uns immer, mit regio­na­len Fir­men zusam­men­zu­ar­bei­ten, in Thü­rin­gen dru­cken zu las­sen. Aber per­spek­ti­visch wer­den wir viel­leicht gezwun­gen sein, im euro­päi­schen Aus­land Auf­träge zu ver­ge­ben. Auch der Druck der Früh­jahrs- und Herbst­vor­schauen ist mit gro­ßen Kos­ten ver­bun­den, die nicht 1:1 wie­der ein­ge­spielt wer­den.

Jür­gen Stalph: Viel­leicht könnte man sich ein­mal mit Ver­tre­tern der Staats­kanz­lei und des Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums zusam­men­set­zen und gemein­sam über eine Struk­tur­för­de­rung für Thü­rin­ger Ver­lage nach­den­ken. Wir haben Kon­takte zu Akteu­ren in der Schweiz, die über ihre Erfah­run­gen mit der Struk­tur­för­de­rung berich­ten könn­ten. In dem Zusam­men­hang ließe sich Für und Wider abwä­gen und auch über einen Ver­lags­preis spre­chen. Mit Blick auf die Kos­ten für die Vor­schauen, haben wir die regio­nale LEADER – Akti­ons­gruppe Wei­ma­rer Land – Mit­telthü­rin­gen um Unter­stüt­zung gebe­ten. Das Para­doxe ist, dass zum einen Geld vor­han­den ist und dass auch der Druck för­der­bar wäre, zum ande­ren sind drei ver­glei­chende Ange­bote ein­zu­rei­chen. Damit lan­den wir wie­der bei Saxo­print oder einem ande­ren Bil­lig­an­bie­ter, der sei­nen Sitz nicht in Thü­rin­gen hat. Das führt den Gedan­ken regio­na­ler För­de­rung ad absur­dum.

Frau Cas­sing, Herr Stalph, herz­li­chen Dank für das Gespräch.

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