Weimar und die »Weimarer Republik« – ein literarischer Streifzug
9 : Mathilde und Maria von Freytag-Loringhoven: Höherer Blödsinn

Person

Mathilde von Freytag-Loringhoven

Ort

Wohnhaus Marienstraße 18

Thema

Weimarer Republik

Autor

Mathilde und Maria von Freytag-Loringhoven

Isolde, die denkende, rechnende und in Zahlen Antwort gebende sibirische Klippenspitzhündin, Weimar 1929

Diens­tag, 22. Okto­ber 1928

Vor der Fürs­tin von Alba­nien, Frau Rost und Frau König (Nel­ken-Nohra) rech­nete und ant­wor­tete Isolde glän­zend. Sie waren als alle drei große Tier­freun­din­nen gera­dezu erschüt­tert. Frag­ten ihn selbst von allen Sei­ten aller­lei. Isolde ant­wor­tete allen. Die Fürs­tin, die sehr lie­be­voll zu ihr war und ihr nach­her gleich Wurst und Scho­ko­lade schickte, exami­nierte sie nach den Tie­ren aus dem Kas­ten. Auch Frau König fragte und gab Rech­nun­gen auf. Frau Rost, der Isolde gerade den Rücken drehte, fragte leise, wie man Men­schen fragt: »Warst du heute aus?«

Isolde ant­wor­tete bei­läu­fig »Ja.«

»Warst du an der Ilm?«

»Nein.«

»Im Park?«

»Ja.«

Die Fürs­tin frage: »Kennst du Goethe?«

»Nein.«

Ich sagte: »Goe­the steht doch mit Schil­ler vor dem Theater.«

Die Fürs­tin fragte: »Liebst du Goethe?«

»Nein.«

»Weil du ihn  nicht kennst?«

»Ja.«

»Lebt Goe­the noch?«

»Nein.«

»Lebt denn Liszt noch?«

»Nein.«

»Aber du lebst?«

»Ja.«

Aus dem Tage­buch über Isol­dens Leis­tun­gen, geführt von ihren Besit­ze­rin­nen Mat­hilde und Maria Frei­in­nen von Frey­tag-Loring­ho­ven. Zur Erin­ne­rung an das wun­der­volle, unver­gleich­li­che Geschöpf Got­tes und an alles was diese Hün­din Stau­nens­wer­tes leis­tete. Zum Bes­ten der Tier­welt und für die Gewiß­heit des selb­stän­di­gen Den­kens der Tiere, als dau­ern­der Beweis für kom­mende Menschengeschlechter.

 Weimar und die »Weimarer Republik« – ein literarischer Streifzug:

  1. Paul Klee: Brief an Lily Klee
  2. Harry Wilde: Der falsche Prophet Louis Haeusser
  3. Joseph Roth – »Sporengeklirr im ›Russischen Hof‹«
  4. Die gute Stube des deutschen Kleinbürgers
  5. Victor Auburtin: An Weimar vorbei
  6. Walter Benjamin: Weimar 1928
  7. Walter Petry: Weimar
  8. Lothar Brieger: Johannes Schlaf zum 70. Geburtstag
  9. Mathilde und Maria von Freytag-Loringhoven: Höherer Blödsinn
  10. Heinrich Wiegand – »Vivat Academiai. Ein Reisebericht«
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