»Harald Gerlach nicht zu vergessen« – Wulf Kirsten

Personen

Harald Gerlach

Wulf Kirsten

Orte

Römhild

Rudolstadt

Erfurt

Thema

Nachrufe & Gedenken

Autor

Wulf Kirsten

Thüringer Literaturrat e.V.

Als ich im Mai 2013 mit Michael Wüstefeld zwei Tage in Südthüringen unterwegs war, merkte ich, daß ich mein Wissen von den landschaftlichen Gegebenheiten ausschließlich Harald Gerlach zu danken habe, der mich in den siebziger Jahren als kundiger Thebaner dort einführte dank immenser Kenntnisse, auf denen seine Verbundenheit gründete. Als wir vor dem Grab auf dem Römhilder Friedhof standen, erschrak ich in tiefster Seele ob des Sterbedatums. Seit zwölf Jahren nicht mehr am Leben. Bereits 2001 hatte ihn eine tückische Krankheit mit 61 Jahren aus dem Leben gerissen. Auch er einer von den Kollegen nächster thüringischer Nähe, die wenige Jahre nach ihrem Tod der Erinnerung, Verteidigung bedürfen, um nicht der Vergessenheit anheimzufallen. Ich denke an Hanns Cibulka (1920-2004), an Walter Werner (1922-1995) und muß Harald Gerlach hinzusetzen.

Von diesem Autor aus Erfurt vernahm ich zuerst 1969, als die »Neue Deutsche Literatur« ihn mit acht Gedichten vorstellte. Ein auffälliges Debüt, das mir naheging. Diesen Autor wollte ich sogleich kennenlernen. Wie Gerlach war auch ich erst mit dreißig öffentlich aufgetreten. Außerdem gehörte ich im Aufbau-Verlag zu einer Gruppe von Autoren, die vom Lektorat für zeitgenössische deutsche Literatur unter Stabführung von Günter Caspar beauftragt waren, nach neuen Autoren Ausschau zu halten. Für junge Autoren waren günstige Zeiten angebrochen, nachdem der Stamm der aus dem Exil zurückgekehrten Autoren das Verlagsprogramm nicht mehr füllte. So nahm ich mich rasch des neuen Autors aus meiner nächsten Umgebung an, wie späterhin auch Annerose Kirchner und Ulrich Berkes. Leicht zu erkennen, daß Harald Gerlach einer war, der auf der Bobrowski-Welle schwamm. Angestachelt, ermutigt zur virtuellen Landnahme einer bestimmten Landschaft, in der er sich auskannte, die ihn autobiographisch geprägt hatte. Gerade diese territoriale Abgrenzung mit ihren Möglichkeiten, ins Detail zu gehen, faszinierte mich. Das sollte uns verbünden. Wie für die meisten Stimmen unserer Generation, die sich in den sech­ziger Jahren zu Wort meldeten, war ein starkes Geschichts­bewußtsein typisch. Bald ließ sich bei Gerlach erkennen, daß es neben den regionalen Bindekräften auch für einen, der ausnahmsweise nicht Germanistik studiert hatte, ein ungewöhnliches, subtiles literarhistorisches »Netzwerk« von Gestalten gab, in denen er Vorbilder sah. Für die zwei ersten Veröffentlichungen innerhalb der Reihe »Edition Neue Texte« des Aufbau-Verlages fungierte ich mehr als Mentor

denn als Lektor. Danach hatte er sich so freigeschwommen, daß er dieser Mittlerdienste rasch entwachsen war. Was nicht ausschloß, daß wir über kommende Buchprojekte redeten, debattierten, so wie ich ihm auch mal eins glatt ausredete. Im Detail entsinne ich mich kaum noch an langwierige, ausgiebige Arbeiten an den Texten. Aber etwas anderes, das unsere Freundschaft fest werden ließ, gewann dann unversehens die Oberhand; die uns ungeachtet aller Verschiedenheit beiden gleichermaßen antreibende peregrinische Leidenschaft, die Welt mit Füßen ab- und auszumessen.

War auch meine Biographie bis zum Herbst 1965 nicht eben geradlinig-zielstrebig verlaufen, stellten Gerlachs Ab- und Umbrüche, die Schlingerbewegungen auf dem Weg zur Selbstfindung meine Mäander weit in den Schatten. Seine Ausbrüche mit existentiellen Grenzerfahrungen ließen ihn mir als Abenteurer erscheinen.

Auch wenn dann der unentwegte Aufstieg am Erfurter Theater vom Hofarbeiter zum Dramaturgen und fest angestellten Hausdramatiker ihn bändigten oder nur äußerlich zu bändigen schienen, gab er mir auch späterhin Gelegenheit, ihn für einen Abenteurer aus Leidenschaft fürs Unstete, Vagantische zu nehmen, so daß unsere Freundschaft mitunter pausierte. Als wir in Kontakt traten, ich ihn des öfteren am Nonnenrain sieben im Kreise seiner Familie heimsuchte, war er wohl gerade zum Bühnenmeister mit entsprechender Abschlußprüfung aufgestiegen. Er zog mich an sein Theater, kaum eine Pre­miere, die ich versäumte, solange er ein Wort dort mitzureden hatte. Gerlach verbrauchte viel Kräfte, um sich als Theaterautor wenigstens in Erfurt durchzusetzen. Mißtrauisch beargwöhnt als unsicherer Kantonist wurde so einer wie er a priori. Dramatiker der DDR hatten es generell weit schwerer als Lyriker, denen ob der niedrigen Bandauflagen doch mehr oder weniger ein gewisser Spielraum von Narren­freiheit zugebilligt wurde. In die Inszenierungen hingegen redeten ständig Leute hinein, die vom Metier keinen blassen Schimmer hatten, aber sich auf Wortklaubereien spezialisiert hatten. Kleinkarierte Spießbürger, die sich als Hüter der reinen Lehre gerierten. Was Minderwertig­keitskomplexe an schlechtem Gewissen hervorbringen, konnte seinerzeit in Reinkultur studiert werden. Wobei dann in Erfurt erschwerend hinzukam, daß die bezirksgeleiteten Duodezfürstentümchen die besseren Ideologiewahrer als die Berliner aufzubieten trachteten. So wie mir bescheinigt wurde, es sei nicht erlaubt, eigenmächtig Gedichte zu verfassen und zu verbreiten. Ich hatte um eine Druckgenehmigung für Neujahrsgrüße nachsuchen müssen.

Zehn Jahre lang galten wir beide innerhalb der Bezirks­grenzen als geächtet. In russifizierter Sprachgebung hieß das: »Mit denen wird nicht gearbeitet.« Erst nach einem Besuch von Minister Klaus Höpcke wurde dieses Verdikt aufgehoben.

Als es galt, den für die Buchreihe erfundenen »Nachsatz« zu liefern, bot seine Vita überreichlich Stoff. Allein das illegale Verlassen der DDR und der winterliche Römerzug bis hin zu dem mißglückten Versuch, wiederum illegal in die angestammten thüringischen Gefilde zurückzukehren, konnte von mir nur in einer Kurzfassung geboten werden. Der Band erschien 1973. Im Jahr zuvor war ihm bereits das »Poesiealbum« 56 gewidmet worden. In der Folge sollte Gerlach kontinuierlich mit Veröffentlichungen und Auf­führungen auf sich aufmerksam machen. Erstaunlich die Zahl der Bücher. Bereits mit dem zweiten Gedichtband »Mauerstücke« (1979) war er deutlich über die Anfänge hinausgewachsen. Die Fülle der Einflüsse hatte er einge­schmolzen in einen unverkennbar eigenen Schreibstil, wie er dies dann auch in den folgenden Gedichtsammlungen einlegte. Mit dem ersten Prosaband »Das Graupenhaus« führte er mich in Südthüringen ein. Um den Nachsatz schreiben zu können, mußte ich selbst nachsehen, um mir ein Bild von diesem Schauplatz machen zu können.

Wenn mich meine Erinnerungen nicht täuschen, baute darauf eine Vielzahl gemeinsamer Wanderungen.

Unter den Prosastücken der DDR-Literatur sticht Harald Gerlachs Powestj (Lang-Erzählung oder Kurz-Roman) »Das Graupenhaus« als Unikat heraus, Dieses Prosadebüt bleibt ein großer Wurf seitab der gängigen Muster. Mich begeisterte und überzeugte, wie er seinen von Krieg und Hungerjahren des Nachkriegs gezeichneten Gestaltenzug in eine poetische Sprache umgesetzt hatte. Sicher haben seine großen Vorbilder Bobrowski und Babel als Anreger, Bestärker mitgewirkt. Aber viel stärker trug ihn selbsterlebtes Leben durch dieses Figuren-Tableau von den Erziehern des Jugend­werkhofes im Römhilder Stadtschloß Glücksburg und ihren Schützlingen, als Strandgut des Krieges von den Straßen aufgelesen. Gerlachs kriegeversehrter und heimatlos gewordener Vater lebte mit seiner Familie in dem Schloß, so daß Harald Gerlach intensiv Anteil nahm am Verhalten der bunt zusammen­gewürfelten und gebeutelten Existenzen, allerdings per Distanz. Die entscheidende Position, um darüber frei schreiben zu können. Dabei blieb eine Nähe bestehen, als sei er selbst einer der Aufgelesenen gewesen. Das Abenteuerliche, das dann späterhin in Gerlach virulent rumorte, dürfte zu einem Gutteil auf die Erlebnisse im Schloß zurückgehen, in dem die Insassen vorwiegend mit Graupen ernährt wurden. Als ich mich in Gerlachs Graupenhaus-Welt einführen ließ, hatte die aus der Not geborene, an Pestalozzi und Falk er­innernde, Einrichtung ihre Aufgabe erfüllt. Das Schloß diente längst anderen Zwecken. In der Kleinstadt dominierten die Grenzbewacher des Grabfeldschlauchs, der bis kurz vor Mellrichstadt ins Bayrische hineinreichte. Normal Sterblichen streng verwehrtes Sperrgebiet, so.daß wir uns auf das Gleichberg-Gebiet konzentrierten. Aufstieg auf den Kleinen Gleichberg wie vor uns Hölderlin, als er 1793/94 in Waltershausen nahebei bei Charlotte von Kalb als Hauslehrer angestellt war. Wir stapften bei winterlichem Wetter auf die keltische Fliehburg. Die dreifach abriegelnden Basaltwälle unwiederbringlich vorzeiten von Banausen zerstört.

Das Gelände bis in die Gegenwart von Grabräubern geplündert. Eine bewunderte Vorbildgestalt hauste am Nordfuß des Berges. Gerlachs Schilderungen von diesem Oberförster im Ruhestand Emil Gundelwein, den ich nie zu Gesicht bekam, erhielten einen literarischen Glanz, der sich in meinem von Gerlach genährten Erinnerungsfundus nie verlor. Erst als ich im Mai 2013 mit Michael Wüstefeld unterwegs war, drangen wir auf Umwegen bis zu dem Anwesen vor, inzwischen in ein wohl-behütetes, modernisiertes Wochenendgrundstück entzaubert. Auch was ich von dem Dorf Bedheim mit der Schwalbennestorgel und dem kaum noch als Schloß zu erkennenden Landsitz der Rühle von Liliensterns im Gedächtnis bewahrt hatte, danke ich dem geländekundigen Wegemeister der siebziger Jahre, der mir gerade die südthüringische Region so vertraut machte, als wäre ich wie er dort heimisch. Die Vergleiche, die ich nach langer Abwesenheit zog, bestärkten mich

nun erst recht aufs neue in diesem Verbundenheitsgefühl.

In der Folge bauten wir aus und unternahmen gemeinsame Wanderungen, meist eher Tagesmärsche, wofür uns Thüringen wie auch meine sächsischen Territorien zahlreiche Spiel­räume boten, ohne dabei auf Sensationen und Rekordleistungen aus zu sein. Uns trugen die jeweiligen landschaft­lichen Gegebenheiten, die Möglichkeit, bei diesen Okular-Inspektionen kleinteilig-gründlich aufzunehmen. Mitunter waren wir eine Woche unterwegs. Gerlach stets mit Zelt ausgerüstet für den Fall, keine Herberge zu finden, in der für eine Nacht Quartier zu bekommen gewesen wäre. So liefen wir einmal von Grimma aus, nachdem uns Seume in Hohnstädt den Reisesegen gespendet hatte, an der Mulde entlang via Kloster Nimbschen, Colditz, Rochlitz bis Penig, um von dort mittels öffentlicher Verkehrsmittel von Freiberg aus die Fußtour entlang der Bobritzsch fortzusetzen, um dann von meinen angestammten meißnischen Gefilden aus die Elbnebentäler zwischen Meißen und Dresden auszumessen. Unsicher bin ich, ob wir damals auch nach Batzdorf und Schloß Scharfenberg gelangten. Damals noch in der festen Annahme, in dem ehemaligen Teehaus hoch über der Elbe habe

sich 1799 Novalis aufgehalten. Was aber bei genaueren Recherchen wohl auf Monica von Miltitz zurückgeht, wenn nicht bereits vor ihr von Otto Eduard Schmidt in die Welt gesetzt wurde, um diese Örtlichkeit als Nebenschauplatz sächsischer Romantik literarhistorisch bedeutender zu machen, als er in Wirklichkeit war. Was aber nicht geflunkert ist. Von unser beider Aufenthalt vor dem verschlossenen Teehaus, wie vor Schloß Scharfenberg und vor der Kirche zu Constappel bei Gauernitz existierte eine Serie von Gerlach-Fotos, die unsere Touren glaubhaft zu untermauern vermögen. Eines der Fotos dürfte auch in einen Literaturkalender des Aufbau-Verlages Eingang gefunden haben. Eine Zeitlang trugen wir uns mit dem Gedanken, dem Leben Friedrich Lambertys, genannt Muck (1891 Straßburg – 1984 Bruchermühle bei Oberlahr im Westerwald), legendenumwehter Flagellant der Jugendbewegung, auf die Spur zu kommen.

Mir war er als Gestalt aus Kindertagen geläufig. Die engste Freundin meiner Mutter war bei ihm Dienstmädchen, als er in Naumburg als Drechsler Fuß gefaßt hatte, eher als Inhaber eines Betriebes, der Dürerhäuser mit Drechsler- und Galanteriewaren be­lieferte. Die Beziehungen zu ihm gestalteten sich so auf- und eindringlich, daß sie rasch die Flucht ergreifen mußte. Was wir bei unseren Recherchen von alten Drechslern erfuhren, die Muck beliefert hatten, warf ob seiner Praktiken bei den Handelsbeziehungen kein gutes Licht auf die von uns angesteuerte Biographie. Was letzt­lich dazu führte, Abstand von unserem Projekt zu nehmen. Dies bestärkte dann auch die Begegnung mit einer Frau, die zu seiner Schar auf der Leuchtenburg gehört hatte und mit ihm im Winter 1920/21 über die Dörfer gelaufen war, um bei Bauern um Lebensmittel zu betteln. Als ich dem hochbetagten Muck schrieb, war im Grunde nur zu vernehmen, daß er liebendgern noch einmal auf die Leuchtenburg zurückgekehrt wäre. Jedoch verfügte ich nicht über die nötigen Armlängen, um dies Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ein Kapitel für sich, das nun ungeschrieben bleibt. In Gerlachs Abenteurer-Galerie hätte sich dieser entsprungene Marine­soldat, der zum anarchistischen Revolutionsheiligen mutierte, wunderbar einfügen lassen.

Von Sebnitz aus müssen wir auf einer unserer Wanderungen in den hintersten Winkel Sachsens vorgedrungen sein, über Schäferräumicht, Bammelweg ins menschenleere Heidelbachtal bis zur Kirnitzsch, via »Im Loch« (Zweihäuserwaldweiler) nach Hinterhermsdorf, wo eine meiner Großmütter herstammt. Ein mir seit 1948 vertrautes Dorf, das sich als Appendix in tschechische Waldgebiete hineindrängt, also weitgehend von ihnen umgeben ist. Übernachtung zeltüberdacht in einem Dorfgarten, allwo uns freundlicherweise »Baufreiheit« gewährt wurde.

Dann in Eilmärschen quer durch die Sächsische Schweiz bis Bad Schandau. Ich weiß nur, daß ich auf dem Schrammstein-Gratweg anfing zu schuspeln, nicht mehr wegfest war, stürzte, mir das Knie aufschlug und ich dabei knapp einem Sturz in die Tiefe entging. Ein andermal versuchten wir das Fernweh mit einer Thüringen-Querung zu besänftigen, ohne daß meine Erinnerung zu berichten weiß, wer uns diese Route eingab. Von Stadtroda pilgerten wir bis zu den Plothener Teichen. In einer Jugendherberge verbrachten wir die Nacht. Anderntags setzten wir fort, hielten Kurs auf Crispendorf, Schloß Burgk, Bleilochtalsperre bis Saalburg, wo Harald kurzerhand ein Versteck suchte, um das Zelt aufzuschlagen. Was ihm zu meiner Bewunderung stets im Handumdrehen gelang. Der dritte Tag sollte uns über das abge­dankte reußische Duodezfürstentümchen Ebersdorf und Schönbrunn bis in das grenznahe Städtchen Lobenstein führen. Glücklicherweise müssen wir sehr gute Südsicht gehabt haben. So bekamen wir rechtzeitig Wind von einer jagdähnlichen personenreichen Aktion. Wie bald zu rekonstruieren war, daß da nach einem oder mehreren »Grenzverletzern« gefahndet wurde. Die Gefahr, Verdächtigungen mit zeitspieligem ungewissem Ausgang auf uns zu ziehen, ließ uns schleunigst ab­biegen, seitwärts in die Büsche Richtung Sormitztal.

Zu lange liefen wir dann auf Asphalt, was unser beider Füßen nicht bekam, so daß wir in Leutenberg abbrachen und uns der Bahn bis Saalfeld anvertrauten. So leicht konnten

zwei friedfertige Thüringen-Enthusiasten per pedes apostolorum mit den politischen Gegebenheiten kollidieren, nahezu jedenfalls, um ein Haar.

Jahrelang trugen wir uns mit dem Gedanken, mit einer Wanderung von Frankenhain bei Crawinkel am Rande des Thüringer Waldes nach Erfurt eine Jakob-van-Hoddis­-Gedenkwanderung einzulegen (30 bis 40 km Tagesmarsch). Von 1915 bis 1922 war van Hoddis bei dem Lehrer Siegling und seiner Familie in privater Pflege. Wie von einer in Arnstadt lebenden Siegling-Tochter und alteingesessenen Dorfbewohnern zu ermitteln, die sich des »Schnell-Läufers« erinnerten, unternahm er in jenen Jahren regelmäßig in eigener Regie ausgedehnte Fußmärsche, wobei er auch einmal als Spion verdächtigt wurde. Zweimal brach er bei miserablem Wetter aus, um nach Erfurt zu gelangen, wo er Freunde wußte, die er in Berlin im »Neuen Club« kennengelernt hatte. Ein Wunder bleibt, daß und wie er sie tatsächlich fand. Sie sorgten dann dafür, daß er nach Frankenhain zurück­gebracht wurde. Ohne genau zu wissen, wie zielstrebig oder auf welchen Umwegen er diese Tour steeple-chase durch den Erdenschlamm bewältigte, wollten wir mit der Wanderung an den mir besonders nahen visionären Expressio­nisten erinnern. Immer wieder aufgeschoben, konnte dieser langgehegte Vorsatz endlich 1998 in die Tat umgesetzt werden. Nun als Projekt in Gruppe. Jeder Teilnehmer war vergattert worden, sich in einem Beitrag zur Wanderung

oder zu dem Dichter zu äußern. So kam als Dokumentation dieser Unternehmung der Band »Wandern über dem Abgrund. Jakob van Hoddis nachgegangen« (1999) zustande. Dies sollte meine letzte Wanderung mit Harald Gerlach bleiben.

Ich habe längst nicht an alle unsere Fußmärsche erinnert. Es könnte so schon der Eindruck entstehen, unsere Freundschaft sei eine rein füßische Angelegenheit gewesen. Von der Hoddis-Wanderung abgesehen, traten wir nie mit dem Vorsatz an, eine der Exkursionen Text werden zu lassen. Das blieb dem Zufall überlassen. Aber die landschaftliche Verbundenheit festigte, bestärkte ebenso literarische Gleichgestimmtheit. Wenn Harald Gerlach auch Massenzusammenkünften mit Vorliebe aus dem Weg ging, so wie sich unser Austausch am konstruktivsten auf den Wanderungen bewährte, im Theatermilieu war dies anders. Da lebte er in einer Welt für sich. War einer seinesgleichen, so wie ich dies per Distanz aus der Warte eines Verlagsmitarbeiters erlebte. Aber ich nahm an den Querelen und Kämpfen teil, die er als Dramatiker zu bestehen hatte und wußte, daß er zumindest innerhalb des Theaters bis zum Intendanten hinauf immer wieder Rücken­deckung erhielt. Leider drang er als Dramatiker außerhalb seines Theaters nicht recht durch. Ich konnte dennoch von Erfurter Aufführungen zehren. So unter anderem von zwei glanzvollen Uraufführungen seiner Stücke beziehungsweise Bearbeitungen. Poetisches Theater, das von dem Anarcho-Außenseiter Alfred Matusche inspiriert war. Mich begeisterte das Johann-Christian-Günther-Stück »Die Straße« und erst recht die turbulente Komödie »Held Ulysses« (1982) nach Ludvig Holberg. Über den meinerseits angeblich allzu-reichlich gespendeten Beifall wissen von der Gauck-Behörde verwahrte Hinterlassenschaften Einschlägiges zu berichten.

Harald Gerlach erwies sich in den drei Jahrzehnten seines Schaffens als ein in allen Genres versierter Autor. Er suchte sich immer wieder thüringische Schauplätze. Vor allem die biographischen Stationen, von denen er seine Bodenhaftung beziehen konnte, beflügelten ihn zu einer Vielzahl von Texten und Büchern, darunter Erzählungen, Romane, Gedichte, Stücke, Opernlibretti in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Komponisten Karl Ottomar Treibmann, eine Lebensgeschichte Friedrich Schillers, die erst nach seinem Tod erschien, Hörspiele, Funksendungen, biografische Abrisse auf CD-ROM, weit verstreut zahlreiche Beiträge

zu Sammelbänden, schwer zu überschauen. Am besten den Band »Dichter und Theatermann« von Kai Agthe und Lothar Ehrlich zu Hilfe nehmen, dem eine gründliche Bibliographie beigegeben ist. Am auffälligsten, für mich der erstaunlichste Zugewinn seines letzten Lebensjahrzehnts die Essayistik. All dies ver­einigt sich zu einem imponierenden Werk, das nicht nur innerhalb des kleinsten deutschen Freistaates zu denken und deuten wäre. Leider geht es ihm wie so manch anderer/anderem seines Metiers, die Rezeption läßt zu wünschen übrig. So teilt er auch die Gefahr, vom Rand ins Vergessen gedrängt zu werden, als ob eine nur noch auf Novitäten erpichte Gesell­schaft von Herkunft nicht viel hält. So hat sich auch sein Verlag, der ihm so lange die Treue hielt, von ihm abgewandt. Wie welthaltig gerade »Provinz« sein kann, hat Harald Gerlach in einem substanziell überzeugend komponierten Stufenbau hinterlassen.

Weimar, November 2013

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