Freundeswort zum Lebensabschied für Eberhard Haufe – von Wulf Kirsten

Thema

Nachrufe & Gedenken

Autor

Wulf Kirsten

Thüringer Literaturrat e.V.

Kurz nach seinem 82. Geburtstag ging das Leben Eberhard Haufes nach jahrelangen mit großer Geduld ertragenen Leiden, die seine Möglichkeiten am öffentlichen Leben teilzunehmen, stufenweise reduzierten, in erzwungener Eingezogenheit zu Ende. In den letzten Jahren dominierte in seinem Zimmer des Seebachstifts die Einsamkeit, während einst sein jahrzehntelanges Domizil in der Cranachstraße 1 ein Anlaufpunkt für so viele Weimarbesucher war, die das Gespräch, den Austausch mit dem Gelehrten suchten, darunter viele Germanisten, Schriftsteller, Intellektuelle aus dem westlichen wie östlichen Deutschland und vieler Herren Länder, stand Eberhard Haufe doch quasi als Überlebender, als verlän­gerter Arm der Weimarer Klassik, als einer der kompetentesten, glaubwürdigsten, integersten Ansprechpartner in dieser unserer Stadt. Könnte ich, wollte ich das Besucherregister einigermaßen erschöpfend aufzählen, wäre die schickliche Zeit einer Trauerrede ausgeschöpft. Ich entsinne mich an die alljährlichen Besuche von Agnes und Ad den Besten, den calvinistischen Kirchenlieddichter, Hölderlin-Übersetzer, Hochschulprofessor, Herausgeber der Anthologie »Deutsche Lyrik auf der anderen Seite. Gedichte aus Ost- und Mitteldeutschland«, erschienen 1960 im Hanser Verlag München.

Ich denke an den Germanisten Axel Vieregg, der aus Neuseeland kam, an Inge und Walter Jens, mit denen wir dann auch unterwegs waren zwischen Naumburg und Memleben an der Unstrut, mit Zwischenaufenthalt auf dem Campo Santo zu Buttstädt, von dem der Barockspezialist Eberhard Haufe stets zu betonen pflegte, der einzige Barockfriedhof nördlich  der Alpen. Wie oft sah ich den russischen Publizisten Sergej Lwow auf dem Ehrenstuhl sitzen? Der Bobrowski-Verehrer und Lyriker Manfred Peter Hein kam aus Helsinki. Zu den engeren Freunden zählte Professor Werner Keller, seinerzeit Präsident der Goethe-Gesellschaft und Direktor am Germa­nistischen Institut der Universitit Köln. Als einen Höhepunkt unter der Legion von Besuchern sehe ich den Abend 1978 mit zwei Uralten, die 1933 aus Deutschland vertrieben wurden, den Schriftsteller und Literaturkritiker Werner Kraft mit seiner Frau Erna, seit 1934 in Jerusalem, der Letzte aus der Generation und dem Freundeskreis von Martin Buber und Walter Benjamin. Gar zu gern wäre der mit dem Werk Goethes Vertraute öffentlich in Weimar aufgetreten. Aber seine Frau untersagte ihm dies strikt. Sie fürchtete um den Sohn, seinerzeit israelischer Diplomat in Nepal. Einer der Besucher könnte von diesem Abend berichten und die Westpresse könnte davon Wind bekommen. So blieb es bei der klandestinen Lesung im engsten Freundeskreis Eberhard Haufes in dessen Wohnung. Dies nur einige wenige Personen und Ereignisse, die sich mir besonders nachhaltig eingeprägt haben. Uns galten sie als Ausdruck eines vorwiegend inoffiziell existerenden Weimar, in dem auf Wahrheit setzende Gegensprache gedacht und gesprochen wurde.

In Dresden 1931 geboren, als Sohn eines Volksschullehrers in Großröhrsdorf am Rande der Oberlausitz aufgewachsen, stu­dierte er 1950-1954 an der Leipziger Universität Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte, war dann bis 1957 der letzte Assistent des Goethe-Forschers Hermann August Korff, der in Haufe seinen begabtesten Schüler sah, dann kurze Zeit Assistent bei Hans Mayer. Unter seinen Schülern der Literaturwissenschaftler und Lyriker Peter Horst Neumann, der späterhin dessen vorurteilsfreies Denken rühmte. In dem Buch “Zeitkehre in Deutschland” (1991) erinnerte sich der Philosoph Manfred Riedel an die Seminare, in denen Rilke, Klopstock, Novalis behandelt wurden:

“So habe ich Eberhard Haufe in Leipzig kennengelernt: als jenen lauteren und von Grund auf anständigen Charakter, den damals auch Dekan Martin erkannte. Daran erkenne ich ihn wieder. Sein Verhalten stimmt mit seiner Haltung, er, der von den Stürmen der Zeit geschüttelte Mann, stimmt mit sich und seinen Mitbürgern überein, mit der Menge und ihrem Ruf »Wir sind das Volk!«

Anfang 1958 wurde er nach einem Berlin-Aufenthalt mit seiner Seminargruppe als politisch-ideologischer Mißliebiger, als Störfaktor ob seiner christlich-humanistischen Grundhaltung und auf Emil Staiger und Wolfgang Kayser fußenden poetischen Stilkritik und Kunst der Interpretation von Doktrinären auf dramatisch-rabiate Weise von der Universität relegiert. Indoktrinierte Scharfmacher verweigerten ihm die Promotion. Seine Philologie ohne Klassenkampf war vor allem der FDJ-Leitung ein Dorn im Auge, seine Beliebtheit bei Studenten rief Neider auf den Plan.

1959 nach Weimar übersiedelt, mußte er sich eine neue Existenz aufbauen. Zunächst konnte er bis 1971 in der Redaktion der gesamtdeutschen Schiller-Natio­na1-Ausgabe arbeiten. Aus dieser Tätigkeit ging der mit Dietrich Germann herausgegebene Band 42 »Schillers Gespräche« (1967) hervor.

Professor Joachim Müller promovierte ihn 1964 mit der Dissertation über die Textbücher der Hamburger Oper, einem Thema, das als ideologisch unverdächtig galt. Eine philologische Pionierarbeit, die mit summa cum laude bewertet wurde. Dreißig Jahre später als Buch erschienen. Eine Arbeit zu Rilke, dem Haufes besondere Wertschätzung und Zuneigung galt, hielt Müller Anfang der sechziger Jahre, als er selbst wegen seines Vortrages in der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Yvan Goll, heftig angegriffen worden war, für zu riskant und provokativ.

1971 mußte Eberhard Haufe nach einem Schlaganfall invali­disiert werden. Fortan arbeitete er freischaffend, mehr oder weniger gesundheitlich eingeschränkt, als Herausgeber und Literaturkritiker. Allein im »Thüringer Tageblatt« steuerte er an die zweihundert Rezensionen bei. In beiden Teilen Deutsch­lands erwarb er sich einen Ruf als äußerst gründlicher, gedie­gener Kommentator, versierter sprachbewußter Essayist. Unver­kennbar blieb dabei stets das christliche Ethos des protestan­tisch Erzogenen, Geprägten, womit er als Literaturwissenschaftler in der DDR eine Ausnahme-Erscheinung wurde und blieb.

Ohne daß es hier auch nur annähernd möglich ist, seine reiche Gelehrtenarbeit auszubreiten, möchte ich nur einige der herausragenden zentralen Themen, spezielle Zeit­abschnitte erwähnen, mit denen er beispielhafte Editionen vorlegte und die ihn immerhin umrißhaft kenntlich machen. Über zwei Jahrzehnte widmete er sich dem Werk und der Persönlichkeit Johannes Bobrowskis, der zu seinem geistigen Lebensmittelpunkt wurde. Auch er einer der wenigen Stand­haften, mit einer nicht zu beirrenden Haltung aus christlich-humanisti­schen Grundüberzeugungen heraus. Auch er einer der wenigen Poeten im Lande Deutsch-Fernost, die es sich nicht versagten, in einem gesamtdeutschen Kontext zu denken und zu wirken, allen Abschottungen, Ummauerungen aus der Welt heraus und allen damit verbundenen Restriktionen zum Trotz. Die vier Bände der Werkausgabe mit umfangreichen Kommentierungen gehören zu seinen beachtlichsten editorischen Leistungen. Leider zogen sich die Querelen mit dem Union-Verlag um die beiden Briefbände derart in die Länge, daß die Ausgabe nicht zustande kam, für die er jahrelang recherchiert und gesammelt hatte.

Die Arbeiten zur vorklassischen Zeit gipfeln in der zweibändigen Anthologie »Wir vergehn wie Rauch von starken Winden. Deutsche Gedichte des 17. Jahrhunderts« (1985). Eine fundamentale Sammlung von mehr als tausend Seiten, die ein Säkulum in Ge­dichten ausführen. Ich habe miterlebt, mit welcher Besessen­heit und Akribie, mit welcher Intensität der Anthologist am Werke war, wie dem Verlag das auf einen Band geplante, unter der Hand verdoppelte Kompendium als unverzichtbar abgerungen wurde. Keine Mühe wurde gescheut, entlegenste Bände einsehen zu können. So entstand ein monumentales lyrisches Panorama, das an die zweihundert Autoren vereint, in dem die ungewöhn­liche Ausdruckskraft und Vitalität eines ferngerückten, viel zu oft unterschätzten Jahrhunderts im Abglanz geformter Sprache aufscheint. Das nicht ohne Gegenwartsbezug an den Schluß gesetzte Epigramm von Christian Hölmann pocht wiederum auf das wieder und wieder beschworene Wort Wahrheit als zentrale Forderung an die realen Lebensumstände:

Die bösen Poeten

An Tichtern fehlt es nicht bei diesen bösen Zeiten.
Es fehlt an denen nur, die vor die Wahrheit streiten.

In der Sammlung Dieterich erschienen ab 1972 mehrere Auflagen von Christian Reuters Schelmenroman »Schelmuffskys wahrhafftige curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande«. Ein Lebensbild eines Sprachkünstlers, der Stil­schichten zu mischen und verschneiden verstand, das über die Jahrhunderte nichts von seiner witzigen Frische eingebüßt hat. Daß Reuter, der seiner Wirtin, die er als »ehrliche Frau Schlampampe« verspottete, die Miete schuldig blieb, nach einer Denunziation 1699 lebenslänglich relegiert wurde und seine Stadt verlassen mußte, rief bei dem Herausgeber natürlich nur zu beziehungsreich eigene Erlebnisse wach. Eberhard Haufe bewährte sich immer wieder als Entdecker weithin verschollener Randgänger wie etwa Daniel Stoppe mit den derb-dreisten Liedern und Episteln »Der Parnaß im Sättler«, einem Nachfahren der Schlesischen Dichterschule. Ebenfalls Schlesier war Johann Gottlieb Schummel. Seine komi-tragische Geschichte »Spitzbart« wagte der Kiepenheuer Verlag erst nach dem Tod Walter Ulbrichts zum Druck einzureichen. Dank akribischer Recher­chen gelang es Eberhard Haufe, Joseph Rückerts »Bemerkungen über Weimar« der Anonymität zu entreißen und 1969 erstmals in einer Buchpublikation vorzustellen. Zu diesen Entdeckerfreuden, die profunde Kennerschaft voraussetzten, zählen ebenso die spätbarocken Burlesken »Hanswurstische Träume« von Philipp Hafner, dem Begründer der Wiener Volkskomödie.

Zu den weithin vergessenen Autoren gehörte der Publizist und Sprachdenker Carl Gustav Jochmann (1799-1830). Zu diesem »Selbstdenker in finsterer Zeit« fühlte sich Fherhard Haufe

besonders hingezogen. Zwischen den Editionen und Herausgaben des 17./18. Jahrhunderts und der Konzentration auf Johannes Bobrowski bildet Jochmann als Spätaufklärer des frühen 19. Jahr­hunderts quasi den Mittelpfeiler seines Brückenbaus. Angesichts der überdeutlichen Brisanz und politischen Aktualität geriet die Sammlung von Aphorismen und Glossen, die 1976 in der Gustav-Kiepenheuer-Bücherei unter dem Titel »Die un­zeitige Wahrheit« erschien, zu einer weit über literarhistorische Bezüge und Verdienste hinausreichende Relevanz. Nicht zuletzt faszinierte den Herausgeber, daß für Jochmann Wahrheit als eine zentrale Kategorie galt. In das mir ge­widmete Exemplar schrieb Eberhard Haufe drei der für Jochmanns Denken typischen Aphorismen: »Jede Wahrheit kommt dem zu früh, der jede zu spät erkennt.« – »Aber wenn die Lüge herrscht, wie soll die Wahrheit nicht ein Aufruhr sein!« – »Wo die Wahrheit bekämpft werden muß, da hat sie schon gesiegt.« Wahr­lich fundamentale Erkenntnisse, die für viele Lebensalter gelten, wenn nicht für die Ewigkeit.

Die zahlreichen selbständigen Publikationen und weit ver­streut erschienenen Beiträge bezeugen stupende Belesenheit, profundes Wissen, immensen Fleiß, der sich zu einem beachtlichen Lebenspensum an­reicherte. Für seine Bescheidenheit spricht, daß er dabei nie auf Selbstdarstellungen bedacht war. Erst zu seinem 80. Geburtstag erschien, von Prof. Dr. Gerhard R. Kaiser und Dr. Heinz Härtl ediert, sein opus magnum “Schriften zur deutschen Literatur”, das seine repräsentativen Texte vereint.

Einen entscheidenden Einschnitt in seinem Leben bildeten die politischen Ereignisse vom Herbst 1989. Sofort gehörte er zu den viel zu wenigen Bürgern, die sich aktiv einreihten und an Aktionen beteiligte, die auf Umwälzungen der Gesellschaft setzten, auf Herstellung wahrhaft demokratischer Verhältnisse. So trat er mehrfach als Redner während der Demonstra­tionen auf, die in Weimar dienstags stattfanden. Ich habe sein Engagement aus nächster Nähe miterlebt, die wir uns um Pfarrer Erich Kranz scharten, dessen Bibelwort »Suchet der Stadt Bestes« (Altes Testament, Der Prophet Jeremias, 29,7) uns beflügelte und wir einige historische Sekunden deutscher Geschichte den Himmel über uns sahen und wähnten, wir selbst seien berufen, das Rad der Geschichte zu bewegen. Euphorische Momente, gesteigerte Szenen, die heute nach allen Veränderungen und gravierenden Verwerfungen kaum noch nachzuvollziehen und schon gar nicht in ihrer explosiv aufgeladenen Emotionalität zu vermitteln sind. Wo wir auch auftraten, ob in der Stadt oder irgendwo im Gelände, um Geheimobjekte zu öffnen und von Staatsanwälten versiegeln zu lassen, wie in der »Grauen Eule« zu Neusaalborn geschehen, Eberhard Haufe schonte sich nicht, die Anstrengungen, die er zu bewältigen suchte, gingen über seine Kräfte. Sein politisches Engagement, das auf einen neuen Staat und sehr früh auf Wiedervereinigung setzte, bewies er in dem Untersuchungsausschuß gegen Machtmißbrauch und Korrup­tion. Aus heutiger Sicht unter Verhältnissen einer repräsentativen Demokratie versuchten wir uns in einer sehr laienhaften Laienjustiz, die nur in einigen wenigen Fällen konkrete personelle Veränderungen herbeizuführen vermochte.

Nach der ersten freien Wahl 1990 wurde er in die Stadtverordnetenversammlung gewählt, deren erster Vizeprisident er wurde. 1993 mußte er sich aus gesundheitlichen Gründen aus der Kommunalpolitik zurückziehen. Er engagierte sich im Kuratorium Schloß Ettersburg und leitete die Ettersburger Vorträge. 1991 verlieh ihm die Universität München den Titel eines Ehrendoktors, 1992 wurde er von der Leipziger Universität rehabilitiert und er erhielt den Professorentitel. Als er 1993 als einer der ersten den Weimarpreis erhielt, hielt ihm Werner Keller, damals Präsident der Goethe-Gesell­schaft, Direktor am Germanistischen Institut der Universität Köln, die Laudatio. Aus meiner Sicht die gründlichste, treffend­ste, erhellendste Würdigung Eberhard Haufes. Nachdrücklich rühmte er in dem Exkurs über Religiosität und christliches Denken sein protestantisches Arbeitsethos.

Ich werde den Eindruck erweckt haben, Eberhard Haufe sei ausschließlich Gelehrter gewesen. Sicher bilden die dafür stehenden Zeugnisse das Kernstück seines Lebens. »Ausschließlich« jedoch stimmt gerade nicht, wie ich neben gemeinsamem politischen Engagement und einer engen Landschafts- und Naturverbundenheit zu berichten weiß. Ich nenne dies als ganz entscheiden­den existentiellen Beziehungsreichtum mit Bodenhaftung – unsere Flurgängerschaft. Auch da vermag ich nur einige wenige Beispiele zu nennen, wie die wissenschaftliche Gründlichkeit und Detailbesessenheit sich auch auf unseren Fußwanderungen und Radtouren bewährte. Je restriktiver die Grenzen gezogen wurden, um so diffiziler die Erkundungen um Weimar, im Vorland des Thüringer Waldes. Besonders liebte mein Kompagnon die Fuß­wanderungen nach Liebstedt. Ich weiß von Tagestouren zu berichten, die mitunter bis zu 60 km Laufpensum einschlossen. Vermutlich war es Eberhard Haufe, der auf die verwegene Idee kam, nach Orlamünde zu wandern. Aufbruch 6:00 Uhr ab Kipperquelle. Bei jedesmal geänderten Routen. Abends mit der Bahn zurück. Zuvor Einkehr im schönsten Biergarten Thüringens in der »Erholung«unter zerdehnter Traueresche mit Blick übers Saaletal. Später mußten wir abkürzen und begannen in Blankenhain oder Alt-Dörnfeld. Mehrfach begleitete uns Man­fred Peter Hein. Mit ihm liefen wir einmal von Ilmenau nach Arnstadt bei rauhem Wetter und verirrten uns gewaltig in den tückischen Waldungen, so daß wir späterhin auf dieses uns weniger vertraute Terrain verzichteten. Als ähnlich abenteuerlich gestaltete sich die Tour von Kranichfeld nach Paulinzella bei nachwinterlichen Verhältnissen querweltein durch den dicksten Erdenschlamm. Wiederum mit Manfred Peter Hein und Wolf­gang Haak als Kenner der Jenaischen Gefilde zogen wir durchs Jenaer Hinterland. Obwohl Eberhard Haufe wie auch ich mit erfahrenen Gebirgswanderern nicht mithalten konnten, beteiligten wir uns an einer herbstlichen Exkursion im Slowaki­schen Paradies unter Führung von Karl-Heinz Bochow und Walter Steiner, was sich für uns angesichts der Regenfälle und des Hochwassers als grenzwertig erwies. Allein darüber, von Walter Steiner in einer Folge von Fotos festgehalten, wäre ein langer Bericht auszuführen. Radtouren führten uns mit Vorliebe ins Ilmtal zu den Graureihern oder nach Nieder­synderstedt. Mindestens einmal bewegte ich Eberhard Haufe zu einer Fahrt zu meinem Ödland, dem Hohen Berg bei Nieder­zimmern. Mit Ad und Agnes Besten waren wir mehrach auf Kirchenfahrten unterwegs, auch von den Wegen nach Plinz ließen sie sich nicht abschrecken. Mit Uwe und Gunhild Pörksen erlebten wir eine uns gleichermaßen zusagende, begeisternde Don-Giovanni-Aufführung in Bad Lauchstädt via Quedlinburg, Schafstedt. Oder wir inspizierten Schul­pforta, kehrten über die Dornburger Schlösser zurück.

Dies nur einige wenige Beispiele, die pars pro toto stehen für gemeinsame landes-, kultur- und naturkundliche In­spektionen, die uns bereicherten, begeisterten und ihr Teil dazu beitrugen, Thüringen zu einem Festhalte- und Bleibeland werden zu lassen, in dem es sich gerade unterwegs frei reden ließ und aus dem wir uns auch in schwierigen Zeiten,

als es nicht nur um die Wahrheit miserabel bestellt war, nicht vertreiben ließen. Unsere Geschichte war älter als die wenigen Jahrzehnte, die die DDR währte. Also wußten wir uns von viel weiter her dem Land und seiner Geschichte zugehörig.

Als Entdecker und Bewahrer hat sich Eberhard Haufe über Jahrzehnte immer wieder aufs neue mit einer Fülle gründlicher Arbeiten ausgewiesen. Wenn von Kulturbürgern unserer Stadt die Rede geht, dann verdient sein Name obenan gesetzt zu werden. Er hat Weimar 54 Jahre die Treue gehalten. Bei Goethe währte der Aufenthalt drei Jahre länger, wovon freilich die Zeit, die er in Italien verbrachte, abgezogen werden müßte. Als bekennender Christ und dezidierter Nichtmarxist früh in eine Außenseiterrolle verwiesen, ließ ihn dies seine Umwelt schärfer kritisch sehen. Zugleich spornte diese Position an, sich zu beweisen durch herausragende Leistungen in einer Nischen-Existenz, aus der heraus durchaus Freiräume zu besetzen waren, wie sein Werk so glanzvoll beweist. Der Wahrheit kompromißlos verpflichtet, war er gewappnet gegen Ver­heißungen, die mit der Realität nicht übereinstimmten, ja, immer stärker von ihr abwichen. Gerade die Reibungen, die sich daraus ergaben, erwiesen sich als konstruktive Steigerungsmöglichkeiten. Von der Verankerung im Religiösen ging die Rede und zeugt beredt sein gesamter Textkorpus, seine Haltung. Über Deinen Tod hinaus, lieber Freund Eberhard, denke ich nach über den gleichermaßen dunklen wie hellsichtigen Kern­satz, der für Dein Leben steht, den ich zitiere: »Der Kosmos der Seele ist der geheime Mittelpunkt« Deiner Schriften, Deines Denkens. Ich bitte Sie, diese biografische Essenz gemeinsam mit mir zu überdenken und weiterzutragen.

1983 schrieb Eberhard Haufe an Pörksens nach Freiburg:

»Dem Wort, dem Text der Autoren zu dienen, ist gewiß oft mühselig und weder gewinn- noch ruhmbringend; aber man weiß, was man getan hat – gegen das Vergessen und Verkennen gegen die immer schlimmere Schnellebigkeit dieser Zeit auch.

Und was ich zuweilen auch noch denke: Wenn jemand ein Recht hat, alt zu werden, dann doch Editoren.«            28.6.1983

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