Freundeswort zum Lebensabschied für Eberhard Haufe – von Wulf Kirsten

Thema

Nachrufe & Gedenken

Autor

Wulf Kirsten

Thüringer Literaturrat e.V.

Kurz nach sei­nem 82. Geburts­tag ging das Leben Eber­hard Hau­fes nach jah­re­lan­gen mit gro­ßer Geduld ertra­ge­nen Lei­den, die seine Mög­lich­kei­ten am öffent­li­chen Leben teil­zu­neh­men, stu­fen­weise redu­zier­ten, in erzwun­ge­ner Ein­ge­zo­gen­heit zu Ende. In den letz­ten Jah­ren domi­nierte in sei­nem Zim­mer des See­bach­stifts die Ein­sam­keit, wäh­rend einst sein jahr­zehn­te­lan­ges Domi­zil in der Cra­nach­straße 1 ein Anlauf­punkt für so viele Weim­ar­be­su­cher war, die das Gespräch, den Aus­tausch mit dem Gelehr­ten such­ten, dar­un­ter viele Ger­ma­nis­ten, Schrift­stel­ler, Intel­lek­tu­elle aus dem west­li­chen wie öst­li­chen Deutsch­land und vie­ler Her­ren Län­der, stand Eber­hard Haufe doch quasi als Über­le­ben­der, als verlän­gerter Arm der Wei­ma­rer Klas­sik, als einer der kom­pe­ten­tes­ten, glaub­wür­digs­ten, inte­gers­ten Ansprech­part­ner in die­ser unse­rer Stadt. Könnte ich, wollte ich das Besu­cher­re­gis­ter eini­ger­ma­ßen erschöp­fend auf­zäh­len, wäre die schick­li­che Zeit einer Trau­er­rede aus­ge­schöpft. Ich ent­sinne mich an die all­jähr­li­chen Besu­che von Agnes und Ad den Bes­ten, den cal­vi­nis­ti­schen Kir­chen­lied­dich­ter, Höl­der­lin-Über­set­zer, Hoch­schul­pro­fes­sor, Her­aus­ge­ber der Antho­lo­gie »Deut­sche Lyrik auf der ande­ren Seite. Gedichte aus Ost- und Mit­tel­deutsch­land«, erschie­nen 1960 im Han­ser Ver­lag Mün­chen.

Ich denke an den Ger­ma­nis­ten Axel Vier­egg, der aus Neu­see­land kam, an Inge und Wal­ter Jens, mit denen wir dann auch unter­wegs waren zwi­schen Naum­burg und Mem­le­ben an der Unstrut, mit Zwi­schen­auf­ent­halt auf dem Campo Santo zu Butt­städt, von dem der Barock­spe­zia­list Eber­hard Haufe stets zu beto­nen pflegte, der ein­zige Barock­fried­hof nörd­lich  der Alpen. Wie oft sah ich den rus­si­schen Publi­zis­ten Ser­gej Lwow auf dem Ehren­stuhl sit­zen? Der Bob­row­ski-Ver­eh­rer und Lyri­ker Man­fred Peter Hein kam aus Hel­sinki. Zu den enge­ren Freun­den zählte Pro­fes­sor Wer­ner Kel­ler, sei­ner­zeit Prä­si­dent der Goe­the-Gesell­schaft und Direk­tor am Germa­nistischen Insti­tut der Uni­ver­si­tit Köln. Als einen Höhe­punkt unter der Legion von Besu­chern sehe ich den Abend 1978 mit zwei Uralten, die 1933 aus Deutsch­land ver­trie­ben wur­den, den Schrift­stel­ler und Lite­ra­tur­kri­ti­ker Wer­ner Kraft mit sei­ner Frau Erna, seit 1934 in Jeru­sa­lem, der Letzte aus der Genera­tion und dem Freun­des­kreis von Mar­tin Buber und Wal­ter Ben­ja­min. Gar zu gern wäre der mit dem Werk Goe­thes Ver­traute öffent­lich in Wei­mar auf­ge­tre­ten. Aber seine Frau unter­sagte ihm dies strikt. Sie fürch­tete um den Sohn, sei­ner­zeit israe­li­scher Diplo­mat in Nepal. Einer der Besu­cher könnte von die­sem Abend berich­ten und die West­presse könnte davon Wind bekom­men. So blieb es bei der klan­des­ti­nen Lesung im engs­ten Freun­des­kreis Eber­hard Hau­fes in des­sen Woh­nung. Dies nur einige wenige Per­so­nen und Ereig­nisse, die sich mir beson­ders nach­hal­tig ein­ge­prägt haben. Uns gal­ten sie als Aus­druck eines vor­wie­gend inof­fi­zi­ell exis­ter­en­den Wei­mar, in dem auf Wahr­heit set­zende Gegen­spra­che gedacht und gespro­chen wurde.

In Dres­den 1931 gebo­ren, als Sohn eines Volks­schul­leh­rers in Groß­röhrs­dorf am Rande der Ober­lau­sitz auf­ge­wach­sen, stu­dierte er 1950–1954 an der Leip­zi­ger Uni­ver­si­tät Ger­ma­nis­tik, Geschichte und Kunst­ge­schichte, war dann bis 1957 der letzte Assis­tent des Goe­the-For­schers Her­mann August Korff, der in Haufe sei­nen begab­tes­ten Schü­ler sah, dann kurze Zeit Assis­tent bei Hans Mayer. Unter sei­nen Schü­lern der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Lyri­ker Peter Horst Neu­mann, der spä­ter­hin des­sen vor­ur­teils­freies Den­ken rühmte. In dem Buch »Zeit­kehre in Deutsch­land« (1991) erin­nerte sich der Phi­lo­soph Man­fred Rie­del an die Semi­nare, in denen Rilke, Klopstock, Nova­lis behan­delt wur­den:

»So habe ich Eber­hard Haufe in Leip­zig ken­nen­ge­lernt: als jenen lau­te­ren und von Grund auf anstän­di­gen Cha­rak­ter, den damals auch Dekan Mar­tin erkannte. Daran erkenne ich ihn wie­der. Sein Ver­hal­ten stimmt mit sei­ner Hal­tung, er, der von den Stür­men der Zeit geschüt­telte Mann, stimmt mit sich und sei­nen Mit­bür­gern über­ein, mit der Menge und ihrem Ruf »Wir sind das Volk!«

Anfang 1958 wurde er nach einem Ber­lin-Auf­ent­halt mit sei­ner Semi­nar­gruppe als poli­tisch-ideo­lo­gi­scher Miß­lie­bi­ger, als Stör­fak­tor ob sei­ner christ­lich-huma­nis­ti­schen Grund­hal­tung und auf Emil Stai­ger und Wolf­gang Kay­ser fußen­den poe­ti­schen Stil­kri­tik und Kunst der Inter­pre­ta­tion von Dok­tri­nä­ren auf dra­ma­tisch-rabiate Weise von der Uni­ver­si­tät rele­giert. Indok­tri­nierte Scharf­ma­cher ver­wei­ger­ten ihm die Pro­mo­tion. Seine Phi­lo­lo­gie ohne Klas­sen­kampf war vor allem der FDJ-Lei­tung ein Dorn im Auge, seine Beliebt­heit bei Stu­den­ten rief Nei­der auf den Plan.

1959 nach Wei­mar über­sie­delt, mußte er sich eine neue Exis­tenz auf­bauen. Zunächst konnte er bis 1971 in der Redak­tion der gesamt­deut­schen Schil­ler-Nati­o­­na1-Aus­gabe arbei­ten. Aus die­ser Tätig­keit ging der mit Diet­rich Ger­mann her­aus­ge­ge­bene Band 42 »Schil­lers Gesprä­che« (1967) her­vor.

Pro­fes­sor Joa­chim Mül­ler pro­mo­vierte ihn 1964 mit der Dis­ser­ta­tion über die Text­bü­cher der Ham­bur­ger Oper, einem Thema, das als ideo­lo­gisch unver­däch­tig galt. Eine phi­lo­lo­gi­sche Pio­nier­ar­beit, die mit summa cum laude bewer­tet wurde. Drei­ßig Jahre spä­ter als Buch erschie­nen. Eine Arbeit zu Rilke, dem Hau­fes beson­dere Wert­schät­zung und Zunei­gung galt, hielt Mül­ler Anfang der sech­zi­ger Jahre, als er selbst wegen sei­nes Vor­tra­ges in der Säch­si­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten zu Yvan Goll, hef­tig ange­grif­fen wor­den war, für zu ris­kant und pro­vo­ka­tiv.

1971 mußte Eber­hard Haufe nach einem Schlag­an­fall invali­disiert wer­den. Fortan arbei­tete er frei­schaf­fend, mehr oder weni­ger gesund­heit­lich ein­ge­schränkt, als Her­aus­ge­ber und Lite­ra­tur­kri­ti­ker. Allein im »Thü­rin­ger Tage­blatt« steu­erte er an die zwei­hun­dert Rezen­sio­nen bei. In bei­den Tei­len Deutsch­lands erwarb er sich einen Ruf als äußerst gründ­li­cher, gedie­gener Kom­men­ta­tor, ver­sier­ter sprach­be­wuß­ter Essay­ist. Unver­kennbar blieb dabei stets das christ­li­che Ethos des protestan­tisch Erzo­ge­nen, Gepräg­ten, womit er als Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler in der DDR eine Aus­nahme-Erschei­nung wurde und blieb.

Ohne daß es hier auch nur annä­hernd mög­lich ist, seine rei­che Gelehr­ten­ar­beit aus­zu­brei­ten, möchte ich nur einige der her­aus­ra­gen­den zen­tra­len The­men, spe­zi­elle Zeit­abschnitte erwäh­nen, mit denen er bei­spiel­hafte Edi­tio­nen vor­legte und die ihn immer­hin umriß­haft kennt­lich machen. Über zwei Jahr­zehnte wid­mete er sich dem Werk und der Per­sön­lich­keit Johan­nes Bob­row­skis, der zu sei­nem geis­ti­gen Lebens­mit­tel­punkt wurde. Auch er einer der weni­gen Stand­haften, mit einer nicht zu beir­ren­den Hal­tung aus christ­lich-huma­nis­ti­­schen Grund­über­zeu­gun­gen her­aus. Auch er einer der weni­gen Poe­ten im Lande Deutsch-Fern­ost, die es sich nicht ver­sag­ten, in einem gesamt­deut­schen Kon­text zu den­ken und zu wir­ken, allen Abschot­tun­gen, Ummaue­run­gen aus der Welt her­aus und allen damit ver­bun­de­nen Restrik­tio­nen zum Trotz. Die vier Bände der Werk­aus­gabe mit umfang­rei­chen Kom­men­tie­run­gen gehö­ren zu sei­nen beacht­lichs­ten edi­to­ri­schen Leis­tun­gen. Lei­der zogen sich die Que­re­len mit dem Union-Ver­lag um die bei­den Brief­bände der­art in die Länge, daß die Aus­gabe nicht zustande kam, für die er jah­re­lang recher­chiert und gesam­melt hatte.

Die Arbei­ten zur vor­klas­si­schen Zeit gip­feln in der zwei­bän­di­gen Antho­lo­gie »Wir ver­gehn wie Rauch von star­ken Win­den. Deut­sche Gedichte des 17. Jahr­hun­derts« (1985). Eine fun­da­men­tale Samm­lung von mehr als tau­send Sei­ten, die ein Säku­lum in Ge­dichten aus­füh­ren. Ich habe mit­er­lebt, mit wel­cher Besessen­heit und Akri­bie, mit wel­cher Inten­si­tät der Antho­lo­gist am Werke war, wie dem Ver­lag das auf einen Band geplante, unter der Hand ver­dop­pelte Kom­pen­dium als unver­zicht­bar abge­run­gen wurde. Keine Mühe wurde gescheut, ent­le­genste Bände ein­se­hen zu kön­nen. So ent­stand ein monu­men­ta­les lyri­sches Pan­orama, das an die zwei­hun­dert Autoren ver­eint, in dem die ungewöhn­liche Aus­drucks­kraft und Vita­li­tät eines fern­ge­rück­ten, viel zu oft unter­schätz­ten Jahr­hun­derts im Abglanz geform­ter Spra­che auf­scheint. Das nicht ohne Gegen­warts­be­zug an den Schluß gesetzte Epi­gramm von Chris­tian Höl­mann pocht wie­derum auf das wie­der und wie­der beschwo­rene Wort Wahr­heit als zen­trale For­de­rung an die rea­len Lebens­um­stände:

Die bösen Poe­ten

An Tich­tern fehlt es nicht bei die­sen bösen Zei­ten.
Es fehlt an denen nur, die vor die Wahr­heit strei­ten.

In der Samm­lung Die­te­rich erschie­nen ab 1972 meh­rere Auf­la­gen von Chris­tian Reu­ters Schel­men­ro­man »Schel­muff­skys wahr­haff­tige curiöse und sehr gefähr­li­che Rei­se­be­schrei­bung zu Was­ser und zu Lande«. Ein Lebens­bild eines Sprach­künst­lers, der Stil­schichten zu mischen und ver­schnei­den ver­stand, das über die Jahr­hun­derte nichts von sei­ner wit­zi­gen Fri­sche ein­ge­büßt hat. Daß Reu­ter, der sei­ner Wir­tin, die er als »ehr­li­che Frau Schlam­pampe« ver­spot­tete, die Miete schul­dig blieb, nach einer Denun­zia­tion 1699 lebens­läng­lich rele­giert wurde und seine Stadt ver­las­sen mußte, rief bei dem Her­aus­ge­ber natür­lich nur zu bezie­hungs­reich eigene Erleb­nisse wach. Eber­hard Haufe bewährte sich immer wie­der als Ent­de­cker weit­hin ver­schol­le­ner Rand­gän­ger wie etwa Daniel Stoppe mit den derb-dreis­ten Lie­dern und Epis­teln »Der Par­naß im Sätt­ler«, einem Nach­fah­ren der Schle­si­schen Dich­ter­schule. Eben­falls Schle­sier war Johann Gott­lieb Schum­mel. Seine komi-tra­gi­sche Geschichte »Spitz­bart« wagte der Kie­pen­heuer Ver­lag erst nach dem Tod Wal­ter Ulb­richts zum Druck ein­zu­rei­chen. Dank akri­bi­scher Recher­chen gelang es Eber­hard Haufe, Joseph Rück­erts »Bemer­kun­gen über Wei­mar« der Anony­mi­tät zu ent­rei­ßen und 1969 erst­mals in einer Buch­pu­bli­ka­tion vor­zu­stel­len. Zu die­sen Ent­de­cker­freu­den, die pro­funde Ken­ner­schaft vor­aus­setz­ten, zäh­len ebenso die spät­ba­ro­cken Bur­les­ken »Hans­wurs­ti­sche Träume« von Phil­ipp Haf­ner, dem Begrün­der der Wie­ner Volks­ko­mö­die.

Zu den weit­hin ver­ges­se­nen Autoren gehörte der Publi­zist und Sprach­den­ker Carl Gus­tav Joch­mann (1799–1830). Zu die­sem »Selbst­den­ker in fins­te­rer Zeit« fühlte sich Fher­hard Haufe

beson­ders hin­ge­zo­gen. Zwi­schen den Edi­tio­nen und Her­aus­ga­ben des 17./18. Jahr­hun­derts und der Kon­zen­tra­tion auf Johan­nes Bob­row­ski bil­det Joch­mann als Spät­auf­klä­rer des frü­hen 19. Jahr­hunderts quasi den Mit­tel­pfei­ler sei­nes Brü­cken­baus. Ange­sichts der über­deut­li­chen Bri­sanz und poli­ti­schen Aktua­li­tät geriet die Samm­lung von Apho­ris­men und Glos­sen, die 1976 in der Gus­tav-Kie­pen­heuer-Büche­rei unter dem Titel »Die un­zeitige Wahr­heit« erschien, zu einer weit über literar­his­to­ri­sche Bezüge und Ver­dienste hin­aus­rei­chende Rele­vanz. Nicht zuletzt fas­zi­nierte den Her­aus­ge­ber, daß für Joch­mann Wahr­heit als eine zen­trale Kate­go­rie galt. In das mir ge­widmete Exem­plar schrieb Eber­hard Haufe drei der für Joch­manns Den­ken typi­schen Apho­ris­men: »Jede Wahr­heit kommt dem zu früh, der jede zu spät erkennt.« – »Aber wenn die Lüge herrscht, wie soll die Wahr­heit nicht ein Auf­ruhr sein!« – »Wo die Wahr­heit bekämpft wer­den muß, da hat sie schon gesiegt.« Wahr­lich fun­da­men­tale Erkennt­nisse, die für viele Lebens­al­ter gel­ten, wenn nicht für die Ewig­keit.

Die zahl­rei­chen selb­stän­di­gen Publi­ka­tio­nen und weit ver­streut erschie­ne­nen Bei­träge bezeu­gen stu­pende Bele­sen­heit, pro­fun­des Wis­sen, immensen Fleiß, der sich zu einem beacht­li­chen Leben­spen­sum an­reicherte. Für seine Beschei­den­heit spricht, daß er dabei nie auf Selbst­dar­stel­lun­gen bedacht war. Erst zu sei­nem 80. Geburts­tag erschien, von Prof. Dr. Ger­hard R. Kai­ser und Dr. Heinz Härtl ediert, sein opus magnum »Schrif­ten zur deut­schen Lite­ra­tur«, das seine reprä­sen­ta­ti­ven Texte ver­eint.

Einen ent­schei­den­den Ein­schnitt in sei­nem Leben bil­de­ten die poli­ti­schen Ereig­nisse vom Herbst 1989. Sofort gehörte er zu den viel zu weni­gen Bür­gern, die sich aktiv ein­reih­ten und an Aktio­nen betei­ligte, die auf Umwäl­zun­gen der Gesell­schaft setz­ten, auf Her­stel­lung wahr­haft demo­kra­ti­scher Ver­hält­nisse. So trat er mehr­fach als Red­ner wäh­rend der Demonstra­tionen auf, die in Wei­mar diens­tags statt­fan­den. Ich habe sein Enga­ge­ment aus nächs­ter Nähe mit­er­lebt, die wir uns um Pfar­rer Erich Kranz schar­ten, des­sen Bibel­wort »Suchet der Stadt Bes­tes« (Altes Tes­ta­ment, Der Pro­phet Jere­mias, 29,7) uns beflü­gelte und wir einige his­to­ri­sche Sekun­den deut­scher Geschichte den Him­mel über uns sahen und wähn­ten, wir selbst seien beru­fen, das Rad der Geschichte zu bewe­gen. Eupho­ri­sche Momente, gestei­gerte Sze­nen, die heute nach allen Ver­än­de­run­gen und gra­vie­ren­den Ver­wer­fun­gen kaum noch nach­zu­voll­zie­hen und schon gar nicht in ihrer explo­siv auf­ge­la­de­nen Emo­tio­na­li­tät zu ver­mit­teln sind. Wo wir auch auf­tra­ten, ob in der Stadt oder irgendwo im Gelände, um Geheim­ob­jekte zu öff­nen und von Staats­an­wäl­ten ver­sie­geln zu las­sen, wie in der »Grauen Eule« zu Neu­saal­born gesche­hen, Eber­hard Haufe schonte sich nicht, die Anstren­gun­gen, die er zu bewäl­ti­gen suchte, gin­gen über seine Kräfte. Sein poli­ti­sches Enga­ge­ment, das auf einen neuen Staat und sehr früh auf Wie­der­ver­ei­ni­gung setzte, bewies er in dem Unter­su­chungs­aus­schuß gegen Macht­miß­brauch und Korrup­tion. Aus heu­ti­ger Sicht unter Ver­hält­nis­sen einer reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie ver­such­ten wir uns in einer sehr lai­en­haf­ten Lai­en­jus­tiz, die nur in eini­gen weni­gen Fäl­len kon­krete per­so­nelle Ver­än­de­run­gen her­bei­zu­füh­ren ver­mochte.

Nach der ers­ten freien Wahl 1990 wurde er in die Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung gewählt, deren ers­ter Vize­pris­ident er wurde. 1993 mußte er sich aus gesund­heit­li­chen Grün­den aus der Kom­mu­nal­po­li­tik zurück­zie­hen. Er enga­gierte sich im Kura­to­rium Schloß Etters­burg und lei­tete die Etters­bur­ger Vor­träge. 1991 ver­lieh ihm die Uni­ver­si­tät Mün­chen den Titel eines Ehren­dok­tors, 1992 wurde er von der Leip­zi­ger Uni­ver­si­tät reha­bi­li­tiert und er erhielt den Pro­fes­so­ren­ti­tel. Als er 1993 als einer der ers­ten den Wei­mar­preis erhielt, hielt ihm Wer­ner Kel­ler, damals Prä­si­dent der Goe­the-Gesel­l­­schaft, Direk­tor am Ger­ma­nis­ti­schen Insti­tut der Uni­ver­si­tät Köln, die Lau­da­tio. Aus mei­ner Sicht die gründ­lichste, treffend­ste, erhel­lendste Wür­di­gung Eber­hard Hau­fes. Nach­drück­lich rühmte er in dem Exkurs über Reli­gio­si­tät und christ­li­ches Den­ken sein pro­tes­tan­ti­sches Arbeits­ethos.

Ich werde den Ein­druck erweckt haben, Eber­hard Haufe sei aus­schließ­lich Gelehr­ter gewe­sen. Sicher bil­den die dafür ste­hen­den Zeug­nisse das Kern­stück sei­nes Lebens. »Aus­schließ­lich« jedoch stimmt gerade nicht, wie ich neben gemein­sa­mem poli­ti­schen Enga­ge­ment und einer engen Land­schafts- und Natur­ver­bun­den­heit zu berich­ten weiß. Ich nenne dies als ganz entscheiden­den exis­ten­ti­el­len Bezie­hungs­reich­tum mit Boden­haf­tung – unsere Flur­gän­ger­schaft. Auch da ver­mag ich nur einige wenige Bei­spiele zu nen­nen, wie die wis­sen­schaft­li­che Gründ­lich­keit und Detail­be­ses­sen­heit sich auch auf unse­ren Fuß­wan­de­run­gen und Rad­tou­ren bewährte. Je restrik­ti­ver die Gren­zen gezo­gen wur­den, um so dif­fi­zi­ler die Erkun­dun­gen um Wei­mar, im Vor­land des Thü­rin­ger Wal­des. Beson­ders liebte mein Kom­pa­gnon die Fuß­wanderungen nach Liebstedt. Ich weiß von Tages­tou­ren zu berich­ten, die mit­un­ter bis zu 60 km Lauf­pen­sum ein­schlos­sen. Ver­mut­lich war es Eber­hard Haufe, der auf die ver­we­gene Idee kam, nach Orla­münde zu wan­dern. Auf­bruch 6:00 Uhr ab Kip­per­quelle. Bei jedes­mal geän­der­ten Rou­ten. Abends mit der Bahn zurück. Zuvor Ein­kehr im schöns­ten Bier­gar­ten Thü­rin­gens in der »Erholung«unter zer­dehn­ter Traue­resche mit Blick übers Saa­le­tal. Spä­ter muß­ten wir abkür­zen und began­nen in Blan­ken­hain oder Alt-Dörn­feld. Mehr­fach beglei­tete uns Man­fred Peter Hein. Mit ihm lie­fen wir ein­mal von Ilmenau nach Arn­stadt bei rau­hem Wet­ter und ver­irr­ten uns gewal­tig in den tücki­schen Wal­dun­gen, so daß wir spä­ter­hin auf die­ses uns weni­ger ver­traute Ter­rain ver­zich­te­ten. Als ähn­lich aben­teu­er­lich gestal­tete sich die Tour von Kra­nich­feld nach Paulin­zella bei nach­win­ter­li­chen Ver­hält­nis­sen quer­welt­ein durch den dicks­ten Erden­schlamm. Wie­derum mit Man­fred Peter Hein und Wolf­gang Haak als Ken­ner der Jenai­schen Gefilde zogen wir durchs Jenaer Hin­ter­land. Obwohl Eber­hard Haufe wie auch ich mit erfah­re­nen Gebirgs­wan­de­rern nicht mit­hal­ten konn­ten, betei­lig­ten wir uns an einer herbst­li­chen Exkur­sion im Slowaki­schen Para­dies unter Füh­rung von Karl-Heinz Bochow und Wal­ter Stei­ner, was sich für uns ange­sichts der Regen­fälle und des Hoch­was­sers als grenz­wer­tig erwies. Allein dar­über, von Wal­ter Stei­ner in einer Folge von Fotos fest­ge­hal­ten, wäre ein lan­ger Bericht aus­zu­füh­ren. Rad­tou­ren führ­ten uns mit Vor­liebe ins Ilm­tal zu den Grau­rei­hern oder nach Nieder­synderstedt. Min­des­tens ein­mal bewegte ich Eber­hard Haufe zu einer Fahrt zu mei­nem Ödland, dem Hohen Berg bei Nieder­zimmern. Mit Ad und Agnes Bes­ten waren wir mehr­ach auf Kir­chen­fahr­ten unter­wegs, auch von den Wegen nach Plinz lie­ßen sie sich nicht abschre­cken. Mit Uwe und Gun­hild Pörk­sen erleb­ten wir eine uns glei­cher­ma­ßen zusa­gende, begeis­ternde Don-Gio­vanni-Auf­füh­rung in Bad Lauch­städt via Qued­lin­burg, Schaf­stedt. Oder wir inspi­zier­ten Schul­pforta, kehr­ten über die Dorn­bur­ger Schlös­ser zurück.

Dies nur einige wenige Bei­spiele, die pars pro toto ste­hen für gemein­same landes‑, kul­tur- und natur­kund­li­che In­spektionen, die uns berei­cher­ten, begeis­ter­ten und ihr Teil dazu bei­tru­gen, Thü­rin­gen zu einem Fest­halte- und Blei­be­land wer­den zu las­sen, in dem es sich gerade unter­wegs frei reden ließ und aus dem wir uns auch in schwie­ri­gen Zei­ten,

als es nicht nur um die Wahr­heit mise­ra­bel bestellt war, nicht ver­trei­ben lie­ßen. Unsere Geschichte war älter als die weni­gen Jahr­zehnte, die die DDR währte. Also wuß­ten wir uns von viel wei­ter her dem Land und sei­ner Geschichte zuge­hö­rig.

Als Ent­de­cker und Bewah­rer hat sich Eber­hard Haufe über Jahr­zehnte immer wie­der aufs neue mit einer Fülle gründ­li­cher Arbei­ten aus­ge­wie­sen. Wenn von Kul­tur­bür­gern unse­rer Stadt die Rede geht, dann ver­dient sein Name obenan gesetzt zu wer­den. Er hat Wei­mar 54 Jahre die Treue gehal­ten. Bei Goe­the währte der Auf­ent­halt drei Jahre län­ger, wovon frei­lich die Zeit, die er in Ita­lien ver­brachte, abge­zo­gen wer­den müßte. Als beken­nen­der Christ und dezi­dier­ter Nicht­mar­xist früh in eine Außen­sei­ter­rolle ver­wie­sen, ließ ihn dies seine Umwelt schär­fer kri­tisch sehen. Zugleich spornte diese Posi­tion an, sich zu bewei­sen durch her­aus­ra­gende Leis­tun­gen in einer Nischen-Exis­tenz, aus der her­aus durch­aus Frei­räume zu beset­zen waren, wie sein Werk so glanz­voll beweist. Der Wahr­heit kom­pro­miß­los ver­pflich­tet, war er gewapp­net gegen Ver­heißungen, die mit der Rea­li­tät nicht über­ein­stimm­ten, ja, immer stär­ker von ihr abwi­chen. Gerade die Rei­bun­gen, die sich dar­aus erga­ben, erwie­sen sich als kon­struk­tive Stei­ge­rungs­mög­lich­kei­ten. Von der Ver­an­ke­rung im Reli­giö­sen ging die Rede und zeugt beredt sein gesam­ter Text­kor­pus, seine Hal­tung. Über Dei­nen Tod hin­aus, lie­ber Freund Eber­hard, denke ich nach über den glei­cher­ma­ßen dunk­len wie hell­sich­ti­gen Kern­satz, der für Dein Leben steht, den ich zitiere: »Der Kos­mos der Seele ist der geheime Mit­tel­punkt« Dei­ner Schrif­ten, Dei­nes Den­kens. Ich bitte Sie, diese bio­gra­fi­sche Essenz gemein­sam mit mir zu über­den­ken und wei­ter­zu­tra­gen.

1983 schrieb Eber­hard Haufe an Pörk­sens nach Frei­burg:

»Dem Wort, dem Text der Autoren zu die­nen, ist gewiß oft müh­se­lig und weder gewinn- noch ruhm­brin­gend; aber man weiß, was man getan hat – gegen das Ver­ges­sen und Ver­ken­nen gegen die immer schlim­mere Schnel­le­big­keit die­ser Zeit auch.

Und was ich zuwei­len auch noch denke: Wenn jemand ein Recht hat, alt zu wer­den, dann doch Edi­to­ren.«            28.6.1983

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