Franziska Wilhelm – »Lila Bänke, lila Zehen. Erfurt. Johannesplatz.«

Ort

Erfurt

Thema

Dichters Wort an Dichters Ort

Autor

Franziska Wilhelm

»Wiedergelesen« / Thüringer Literaturrat e.V.

Die Kaufhalle ist jetzt Kampfsportclub. Aber das ist okay. Sie hat sich noch am längsten gehalten. Nach den Achtzigern waren die Läden hier nie von Dauer. In den Neunzigern haben sie noch einmal Hand angelegt, an den Platz, haben einen ganzen Schwung lila Bänke aufgestellt und Vulkansteinbrocken einbetoniert. Drei davon haben Springbrunnendüsen, der Rest liegt rum. Auch das ist okay. Nicht mehr und nicht weniger. Der Johannesplatz ist nicht Lanzarote. Er ist einfach da, seit den Siebzigern ungefähr. Die erste Großwohnsiedlung Erfurts, klein im Vergleich zu den späteren Neubaudschungeln am Stadtrand. Fünf Punkthochhäuser, drei Wohnscheiben, siebzehn versprenkelte Fünfgeschosser. Umhüllt von einer dicken Schale aus Vorstadtaltbau. Irgendwo vergessen im vergessenen Erfurt Nord.

Mir selbst ist nie aufgefallen, dass ich in einem Plattenbauviertel aufgewachsen bin. Vielleicht weil es ein so kleines ist. Vielleicht auch weil man sich als Kind um so etwas nicht kümmert und als Teenager andere Dinge im Kopf hat. Mit sechzehn waren wir sehr damit beschäftigt, normal zu sein. Es waren die Neunziger und alles veränderte sich. Wir setzen uns auf die neuen lila Bänke und fragten uns, wie man zu sein hat. Niemand hatte eine Ahnung. Zu anderen Zeiten hätte man sich einfach gegen das stellen können, wofür die Eltern standen. Aber die Eltern standen für nichts konkretes. Sie versuchten hauptsächlich zurechtzukommen. Im neuen System.

Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals jemand aussprach, aber wir wussten alle, dass wir nicht besonders weit oben waren. Eher so kurz vor unten, um genau zu sein. Wenn jemand kein Fahrrad bekam oder nicht mit zur Klassenfahrt durfte, weil das Geld nicht reichte, dann schwiegen wir. Wir saßen auf unseren leuchtenden lila Bänken, um uns herum bröckelte der Putz und wir hatten keinen besonderen Plan.

Wir waren vermutlich der unspektakulärste Abi-Jahrgang, den unsere Schule je hervorgebracht hat. Wir hatten keine bunten Haare. Wir trugen keine Springerstiefel. Wir waren nicht einmal Hip-Hopper. Bei uns ging es darum, sich anzupassen. Das zu tun, was die Mehrheit tat. Aufzupassen, nirgendwo rauszufallen. Das war oberstes Mantra. Zumindest bis Urs kam.

Urs aus Bayern. Schon sein Name war für uns wie eine Kulturrevolution. Dazu noch die Sache mit den Latschen. Urs kam im September damit zu uns in die elfte Klasse und er trug sie durch den Oktober in den November hinein und den ganzen Winter hindurch. Weiße Birkenstocks. Ohne Socken, denn Socken lehnte Urs ab.

Wir hatten noch nie jemanden getroffen, der Socken ablehnte. Socken waren eine der wenigen unverrückbaren Selbstverständlichkeiten gewesen, vor und nach 89. In der Hofpause schauten wir – verblüfft und beeindruckt – hinunter auf Urs’ nackte Zehen. Es war Anfang Januar und sein großer Onkel fast so lila wie die neuen Bänke. Urs stand ganz ruhig da. Die meisten von uns zitterten vor Kälte. Noch in diesem Monat erfanden wir den Pinguinkreis. Man stellt sich dabei ganz dicht zusammen und macht schnelle, winzige Kniebeuge. So durcheinander wie möglich, denn das wärmt am besten. Der Pinguinkreis rette uns in den Frühling hinein. Obwohl er niemals fror, machte Urs meistens mit.

Nicht mitmachen wollte er dagegen bei der Musterung. Obwohl die Pflicht war, damals, ging er einfach nicht. Vielleicht weil er nicht zur Armee wollte. Vielleicht weil er Ärzte nicht mochte. Vielleicht weil er sich in keine Güteklasse mit T am Anfang stecken ließ. Wir verstanden es nie so ganz, um ehrlich zu sein. Und so wie wir im Winter auf seine lila Zehen geschaut hatten, schauten wir nun zur Klassenraumtür, als das erste Mal ein Trupp Feldjäger eintrat, um Urs abzuholen und in Verwahrung zu nehmen. Wir lernten, dass es einen Preis hat, eine Meinung zu haben, dass es einen Preis hat, stur zu sein und dass es Anwälte gibt, die im Hintergrund dafür sorgen können, dass man ein paar Tage später wieder in der Klasse sitzt.

»Mach doch Zivi«, schlugen wir Urs vor und Urs sagte, dass er Zivildienst okay fände, aber die Musterung eben nicht und die kam davor. Wir seufzten. Und wir schlugen die Hände über dem Kopf zusammen über so viel Sturheit. Und wir lachten ein wenig. Und Urs wurde ein bisschen so etwas wie unser Held. Und wir ließen Urs sein, wie er war. Und Urs ließ uns sein, wie wir sein wollten. Und wir feierten Parties zusammen von denen Urs schon immer um elf Uhr nach Hause ging, weil es ihm dann reichte und er müde wurde, aber auch das war für uns alle okay.

Wir hatten eine gute Zeit. Und es war auch okay, dass wir danach in alle Richtungen auseinandergingen, dass wir uns aus den Augen verloren und nur gelegentlich wiedertrafen. Die lila Bänke stehen immer noch am Platz, ich habe nachgesehen. Andere sitzen jetzt darauf und die Farbe wirkt schon lange nicht mehr neu. Das Viertel ist grüner geworden. Und nicht so leer, wie man befürchtet hatte. Kein Punkthochhaus, keine Wohnscheibe und kein Fünfgeschosser musste zurückgebaut werden. Abends ist immer noch viel Licht in den Fenstern. Vielleicht merken die Leute bis heute nicht, dass sie in einem Plattenbauviertel wohnen, einem ganz kleinen, umhüllt von einer dicken Schale aus Vorstandaltbau, weit genug weg von den Neubaudschungeln an den Rändern der Stadt.

Soweit ich es verstanden habe, ist Urs nie zur Musterung gegangen. Hat sich durchgekämpft mit allen Mitteln, bis er für den Wehrdienst zu alt war. Jedes Jahr, wenn es Winter wird, denke ich an seine lila Zehen. Es ist komisch, sage ich heute, dass ein so sturer Mensch ein so schwaches Herz haben kann. Anfang des Jahres ist es stehen geblieben. Einfach so, während er mit seinem Bruder telefoniert hat. Es heißt, er habe es immer noch abgelehnt, zu irgendwelchen Ärzten zu gehen. Auf das Grab haben sie ihm seine Latschen gestellt, die weißen von Birkenstock. Und wir haben geweint um ihn. Und die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen über so viel Sturheit. Und ein bisschen gelacht haben wir auch wegen der Latschen. Und Urs ist ein bisschen unser Held geblieben. Und wir haben gemerkt, dass wir immer noch dieselben sind und gleichzeitig verändert. Und wenn wir irgendwann mal alle wieder zusammenkommen sollten, dann werden wir eine Party feiern und Urs wird vielleicht auch irgendwie mit dabei sein. Und wenn er dann gegen elf gehen will, weil es ihm reicht und weil er müde ist, dann wäre das für uns alle okay, absolut in Ordnung wäre das.

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