Frank Quilitzsch – Rudolstädter Rentnerlehrling

Personen

Matthias Biskupek

Frank Quilitzsch

Ort

Rudolstadt

Thema

Aktuelles

Autor

Frank Quilitzsch

Erstdruck in: Thüringische Landeszeitung, 22. Oktober 2020 / Der Abdruck verfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Mat­thias Bis­ku­pek fei­ert 70. Geburts­tag und arbei­tet trotz Krank­heit an neuem Buch

 

Rudol­stadt. »In Bad Berka hat man mir feine schwarze und sehr gerade Stri­che auf Bauch und Schul­ter gemalt«, lesen wir am 18. Sep­tem­ber. »Der­lei Kriegs­be­ma­lung dient heute dazu, dem Feind, wer auch immer das ist, anzu­zei­gen, dass man zum Kampfe bereit ist.«

Mat­thias Bis­ku­pek kämpft seit Län­ge­rem gegen den Feind im eige­nen Kör­per, und nicht nur wenn er in der Kli­nik »an die lange Krebs­be­kämp­fungs­leine gefes­selt« ist, hat er Lese­brille, Notiz­heft und Stift dabei. Darf man eine Eloge zum 70. Geburts­tag eines erfolg­rei­chen Autors so beginnen?

Ich meine ja. Bis­ku­pek nimmt auf sei­nem Blog, den er tra­di­tio­nell Tage­buch nennt, seine Leser täg­lich mit auf die Reise durch die Zeit­ge­schichte, blickt mit ihnen auf eine wech­sel­hafte Ver­gan­gen­heit und ficht die eine oder andere Pole­mik aus. Wer will, kann Lust und Leid, Freud und Schmerz mit ihm teilen.

Schwer sind jene Tage, an denen steht: »Heute kein Tage­buch« – für ihn, der Chemo oder Bestrah­lung über sich erge­hen las­sen muss, und für uns, die wir nichts dar­über erfah­ren, was die lite­ra­ri­sche Welt im Inners­ten zusam­men­hält. Kei­ner kennt so viele Mit­glie­der der schrei­ben­den Zunft wie Bis­ku­pek. Kaum, dass er mal einen Geburts­tag oder Todes­tag ver­gisst und nicht an Autoren, Ver­le­ger und Maler erin­nert, die vom gro­ßen Feuil­le­ton über­gan­gen werden.

Blick aus der Thü­rin­ger Pro­vinz
 in die Welt 

Seine Memoi­ren hat er längst ver­fasst, ver­teilt auf gut 40 Bücher in fast 50 Schaf­fens­jah­ren. Denn Bio­gra­fi­sches und Zeit­ge­schicht­li­ches lie­fern ihm den Stoff für seine manch­mal skur­ri­len, meist aber hei­ter-melan­cho­li­schen Geschich­ten. Auch wenn an ers­ter Stelle sein Schel­men­ro­man »Der Quo­ten­sach- se« und das aus 66 Jah­res­rin­gen gewach­sene Lebens­log­buch »Der Rent­ner­lehr­ling« zu nen­nen sind, mag man klang­volle Titel wie »Wir Beu­tel­deut­schen«, »Der Bauch­na­bel und andere schöne Mit­tel­punkte einer Reise zu zweit«, »Hor­rido, Genos­sen!« oder »Das Fremd­geh­ver­kehrs­amt« nicht mis­sen. Und da man bei einem sol­chen Jubi­läum nicht umhin kommt, den Wer­de­gang des Dich­ters zumin­dest anzu­rei­ßen, hier die wich­tigs­ten Sta­tio­nen: Gebo­ren in Chem­nitz und auf­ge­wach­sen im säch­si­schen Mitt­weida, lernte Bis­ku­pek Maschi­nen­bauer, stu­dierte Kyber­ne­tik und stieg zum Sys­tem­ana­ly­ti­ker mit fein­geis­ti­gen Nei­gun­gen auf. Sein Weg zum frei­be­ruf­li­chen Schrift­stel­ler führte über Poet­en­se­mi­nare, das Rudol­städ­ter Thea­ter – siehe: »Eine mora­li­sche Anstalt« – und das Geraer Kaba­rett »Fett­näpp­chen«, für das er textete.

Aus der Pro­vinz blickt er in die Welt. Das haben auch Goe­the und Schil­ler nicht anders gemacht. Aller­dings leis­tet sich Bis­ku­pek eine haupt­städ­ti­sche Absteige, um unter ande­rem seine Kon­takte zur Sati­re­zeit­schrift »Eulen­spie­gel« zu pfle­gen, für die er seit Jahr­zehn­ten Bücher rezen­siert, wobei er mit Lob und Schmäh nicht geizt. Zuwei­len kor­re­spon­dierte das mit den noch um einen Zahn schär­fe­ren Film­kri­ti­ken der 2017 ver­stor­be­nen legen­dä­ren »Kino-Eule« Renate Hol­land-Moritz, deren Anek­do­ten und Briefe er jüngst zusam­men mit Rein­hold Andert her­aus­ge­ge­ben hat. Den Sie­ges­zug des Ban­des »Du mit Dei­ner fre­chen Schnauze« konnte Corona zwar nicht stop­pen, doch fie­len etli­che in Thü­rin­gen geplante Lesun­gen der Pan­de­mie zum Opfer.

Band über das lite­ra­ri­sche Leben sei­ner Heimatstadt 

Bis­ku­pek nutzte die Zeit, um über das lite­ra­ri­sche Leben Rudol­stadts zu recher­chie­ren. Was es heißt, kör­per­lich geschwächt zwi­schen eng gestaf­fel­ten The­ra­pien ein sol­ches Werk, das tat­säch­lich nur er schrei­ben kann, zu Ende zu brin­gen, ist für einen Außen­ste­hen­den kaum nach­voll­zieh­bar. Sei­nen Mit­strei­tern im Thü­rin­ger Lite­ra­tur­quar­tett (TLQ) las der Autor bei einem gemein­sa­men Bene­fiz­auf­tritt in Schmal­kal­den bereits dar­aus vor.

Der Bogen spannt sich vom Haus­hei­li­gen Fried­rich Schil­ler über Arthur Scho­pen­hauer, Hans Fal­lada und Karl Dietz bis zu Inge von Wan­gen­heim, Harald Ger­lach und Stef­fen Men­sching – Buch­pre­miere ist am 1. Dezember.

Zuvor aber, heute sowie am Sams­tag bei einer Fei­er­stunde im Rudol­städ­ter Rat­haus, gilt es, einen enga­gier­ten, streit­ba­ren und uner­müd­lich schaf­fen­den Schrift­stel­ler zu wür­di­gen. Einen, der sich ein­mischt und für Demo­kra­tie, Tole­ranz und eine auf­rich­tige Erin­ne­rungs­kul­tur ein­tritt, auch in die­ser Zei­tung, und längst zum Voll­blutt­hü­rin­ger kon­ver­tiert ist, was sich leicht anhand sei­nes Bier- und Brat­wurst­kon­sums bewei­sen ließe, oder – um mit Bis­ku­pek zu spre­chen – vom Quo­ten­sach­sen zum Rudol­städ­ter Rentnerlehrling.

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