Durch den Thüringer Wald …
3 : Ludwig Bechstein – Wo Stutzel, der Hund, begraben liegt

Personen

Stutzel (von Wangenheim)

Ludwig Bechstein

Ort

Winterstein

Thema

Thüringen im literarischen Spiegel

Autor

Ludwig Bechstein

Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes, 2.Teil, Kesselring, Hildburghausen 1837.

In Winterstein, einem großen Dorfe am Fuß des Inselbergs, das früher auch von lauter Bergleuten bewohnt war, liegt ein zertrümmert Schloß, das die Herren von Wangenheim erbaut und lange besaßen, eine der ältesten Familien Thüringens, davon vornehmlich Fritz von Wangenheim mit großen Rit­terehren genannt wurde, derselbe, der nie vor einem Feinde geflohen, und von dem sich dieserhalb der junge Landgraf Friedrich der Ernsthafte in England zum Ritter schlagen ließ.

Nahe bei der Ruine hinter einet Scheuer am Abhang eines Hügels ragt aus dem Rasen, halb eingesunken, ein niedriger Grabstein empor, mit fast verlöschter Schrift, Denkmal eines treuen Hundes. Diesen besaß ein Jägermeister von Wangenheim, und nach ihm dessen Witwe, im siebzehnten Jahrhun­dert; der Hund ging mit Briefen am Halsband ganz allein nach Friedenstein auf das Schloß zu der Landesherrschaft, und auch wieder zurück, und leistete durch seine Treue vielen Nutzen. Als er endlich starb, erhob die Frau großes Herze­leid, ließ den Hund in einen Sarg legen, kleidete ihre ganze Dienerschaft schwarz und stellte ein feierliches Leichenbe­gängnis an. Man erzählt in Winterstein, sie habe es erzwun­gen, daß der Hund auf dem Gottesacker beerdigt worden sei, allein Pfarrer und Gemeinde hätten sich also sehr dawider gesetzt, daß er habe wieder ausgegraben werden müssen, worauf er an der Stelle verscharrt worden, wo er jetzt liegt. Scherzhaft hat sich im Ort das Sprichwort gebildet: In Win­terstein liegt der Hund begraben, und scherzhaft erzählen sich noch die Leute dort, es habe die Herrin des Hundes von ihrem Gesinde die größte Betrübnis, Weinen und Wehklagen um den Hund erheischt; eine Köchin aber sei nicht zu Tränen zu bringen gewesen, deshalb habe sie auch kein Trauerkleid empfangen. Als aber die Herrin in die Küche gekommen, wo eben die Köchin Zwiebeln schnitt, davon ihr die Augen trän­ten, habe jene gerührt gesprochen: Nicht wahr, nun weinst Du doch noch um den guten Stutzel! und ihr williglich ein Trauerkleid geschenkt. Die Grabschrift des Hundes ist zwar nicht sonderlich, doch mag sie hier aufgeführt werden, denn an Ort und Stelle wird sie kaum noch ein Wanderer entzif­fern:

1650 war der Hund begraben dass ihn nicht sollen fressen die Raben Stutzel war sein Name genannt bei Fuersten und Herren wol bekannt wegen seiner Treu und Munterkeit so er seinen Herrn und Frauen geweiht schickt man ihn hin nach Friedenstein so lief er hurtig gar allein gut hat er sein Sach ausgericht drum hat er diesen Stein gekriegt.

 Durch den Thüringer Wald …:

  1. Friedrich Lienhard – »Jugendjahre«
  2. Karl Emil Franzos – »Paulinzelle«
  3. Ludwig Bechstein – Wo Stutzel, der Hund, begraben liegt
  4. Heinrich Seidel – »Thüringische Kartoffelklöße«

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