Anke Engelmann – »Weimar, 9. März 2022«

Thema

Stimmen gegen den Krieg

Autor

Anke Engelmann

Alle Rechte bei der Autorin. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Heute habe ich die ers­ten Ankömm­linge aus der Ukraine gese­hen. Ich habe sie an ihren grauen Gesich­tern erkannt, an ihren gebeug­ten Schul­tern, den schwe­ren Män­teln. Einer der jun­gen Frauen flat­ter­ten die Klap­pen ihrer Pelz­sch­apka um die Ohren. Ich fuhr an ihnen vor­über und schämte mich: für die Früh­lings­sonne, für das Zwit­schern der Mei­sen und den kichern­den Grün­specht, für die Kro­kusse und das fri­sche Grün an den Sträu­chern und dafür, dass ich auf mei­nem Fahr­rad an ihnen vor­bei­fah­ren konnte, wäh­rend sie doch nichts mehr hat­ten – nicht ein­mal ein Fahrrad.

Seit Krieg ist, suchen wir stän­dig im Netz nach Infor­ma­tio­nen aus der Ukraine. Wenn die Nach­rich­ten kom­men, dre­hen wir das Radio lau­ter und müs­sen an uns hal­ten, um nicht mit Kom­men­ta­ren her­aus­zu­plat­zen. Wie absurd, dass unser All­tag wei­ter­geht, wäh­rend Mil­lio­nen Men­schen gerade alles ver­lie­ren, ihre Sicher­heit, ihre Woh­nung, ihren Besitz. Ich kann den Was­ser­hahn auf­dre­hen, das Licht anschal­ten, zum Arzt gehen. Mein Bett, meine Woh­nung, mein Kühl­schrank. Wie ist es, den Mann, den Bru­der, den Sohn in den Krieg zu ver­ab­schie­den? Fort­zu­ge­hen und die alten Eltern zurück­zu­las­sen? Was hat noch Wert, im Ange­sicht eines Krie­ges? Lohnt es sich, wei­ter an einem Roman zu arbei­ten? Wer wird ihn lesen wollen?

Ich schreibe eine Liste mit Din­gen, die ich bei einer Flucht unbe­dingt mit­neh­men muss: Aus­weis, Stu­di­en­ab­schluss, Bar­geld, Geburts­ur­kunde. Einen Stick oder eine Fest­platte mit mei­nen Tex­ten. Wel­ches Buch könnte mich unter­wegs trös­ten: Gedichte? Von Käs­t­ner, der Kaschnitz? Goe­thes Faust? Grimms Mär­chen? Der Sim­pli­cis­si­mus? Oder gar – mich Ungläu­bige – die Bibel? Wo würde ich die Katze unter­brin­gen? Ein­fach zurück­las­sen könnte ich sie nicht, unser über­ge­wich­ti­ges und lebensun­klu­ges Stu­ben­tier, zu viel Angst hätte ich, dass sie ver­hun­gert oder bei einer Hun­gers­not in einem Koch­topf landet.

Fas­sungs­los, dass die Siche­rungs­sys­teme ver­sa­gen, die nach den Krie­gen des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts einen neuen ein für alle Mal ver­hin­dern soll­ten. Dass aus­ge­rech­net Russ­land einen neuen Krieg beginnt, Russ­land, das im letz­ten Krieg, von dem meine Mut­ter noch erzählt, unter so vie­len Opfern den Frie­den gebracht hat. Fas­sungs­los, dass Diplo­ma­tie und Sank­tio­nen ins Leere lau­fen. Fas­sungs­los über die Feind­schaft, die den Rus­sen jetzt ent­ge­gen­schlägt, wegen eines ein­zi­gen Men­schen, der seine sorg­sam auf­ge­baute Macht­fülle skru­pel­los einsetzt.

Wir dis­ku­tie­ren die Optio­nen: Ver­han­deln? Den Geld­hahn zudre­hen? Stärke zei­gen? Oder Zurück­hal­tung und nur nicht mit den Säbeln ras­seln? Auch Hit­ler hät­ten die Alli­ier­ten sofort und kon­se­quent stop­pen müs­sen, sagt einer. Man müsse die­sem Wahn­sin­ni­gen Ein­halt gebie­ten. Mit allen Mit­teln! Ich nicke. ABER, denke ich spä­ter: Hit­ler hatte keine Atom­waf­fen. Mit einem Knopf­druck könnte Putin Europa aus­lö­schen und die Welt jen­seits des Atlan­tiks. Oder die ganze Welt und sich selbst dazu. Was ist das Rich­tige? Wer kann besänf­ti­gen, wer kann vermitteln?

Sicher­hei­ten bre­chen weg wie Schol­len von Glet­scher­eis. Was wird aus uns? Schon jetzt weiß ich, dass ich im Alter mei­nen Lebens­stan­dard nicht hal­ten werde. Wird schon irgend­wie, dachte ich immer. Jetzt nicht mehr. Jetzt kommt die Rech­nung für das gute Leben, das so gut nun auch wie­der nicht war. Dafür, dass es mir bes­ser ging als den meis­ten ande­ren Men­schen auf der Welt, weil ich das Pri­vi­leg hatte, zufäl­lig hier gebo­ren zu sein. Jetzt kommt alles zu uns zurück: der Kli­ma­wan­del. Das Ster­ben der Wäl­der. Corona. Der Krieg.

Schon im ers­ten Lock­down fürch­tete ich den Zusam­men­bruch aller zivi­len Schutz- und Siche­rungs­sys­teme. Ich weiß noch, wie ich dachte: Daran wer­den wir uns erin­nern. Wie es jetzt gewe­sen ist. Als wir noch glaub­ten, wir kämen davon. Im Ver­gleich mit dem Krieg erscheint mir Corona wie eine Klo­pa­pier-Krise. In den Metro-Schutz­höh­len von Kiew, in den über­füll­ten Zügen, auf den Anti-Kriegs-Demons­tra­tio­nen trägt kaum jemand eine Maske. Wer wollte das einfordern?

Auch bei uns wer­den Men­schen hun­gern, mehr, als bis­her. Viele wer­den sich vie­les nicht mehr leis­ten kön­nen. Viel­leicht müs­sen auch wir uns bald eine kleine Woh­nung suchen. Schon jetzt loh­nen sich meine Kurse nicht mehr. Ver­rechne ich mei­nen Ver­dienst, der auch in bes­se­ren Zei­ten knapp bemes­sen ist, mit den Sprit­prei­sen, bleibt nichts übrig. Ich ertappe mich bei den Gedan­ken, dass wir ja nicht die Ein­zi­gen sind, deren magere Erspar­nisse schmel­zen. Und dass die Regie­rung etwas unter­neh­men muss oder die EU. Mag sein, dass meine Ängste klein­lich sind ange­sichts des­sen, was den Men­schen zehn Auto­stun­den ent­fernt gerade wider­fährt, oder denen, die anderswo auf der Flucht sind. Aber ich kann sie nicht abstel­len. Sie hal­ten mich nachts wach. Sie bedrü­cken mich am Tag.

Lite­ra­risch betrach­tet, scheint der Stoff das Poten­tial für ein Drama von Shakespeare’scher Wucht zu haben: Putin, Des­pot und Tyrann, und Selen­skyi, der junge, jüdi­sche Intel­lek­tu­elle, Jurist und Spaß­ma­cher, der über sich hin­aus­wächst, weil er sein Land ret­ten will. Die alten Män­ner an Putins lan­gem Tisch und die Klitschko-Brü­der. Der Chor der Staats­mächte, dar­un­ter unser Land mit Wehr­pflicht und Waf­fen­lie­fe­run­gen. Der Chor der flie­hen­den Men­schen. Doch ich bleibe skep­tisch. Was sehen wir, was sehen wir nicht? Auch Shake­speare ist bei sei­ner Dar­stel­lung von Richard III einer Pro­pa­ganda aufgesessen.

Schrei­ben hilft und ist Ver­ant­wor­tung: zu doku­men­tie­ren, zu mah­nen, den Lesern Mit­tel zur Bewäl­ti­gung anzu­bie­ten und die Ereig­nisse zurecht­zu­rü­cken. Denn die eigent­li­che Tra­gö­die liegt darin, dass der Krieg uns von dem abhält, was wirk­lich drängt: den Kli­ma­wan­del auf­zu­hal­ten und der Erde eine Zukunft zu geben.

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