Thüringer Anthologie Nr. 142 – Michael von Hintzenstern über Johann Matthäus Bechstein

Orte

Meiningen

Dreißigacker

Thema

Die »Thüringer Anthologie«

Autor

Johann Matthäus Bechstein / Michael von Hintzenstern

Erstdruck: Thüringer Allgemeine, 03.12.2016.

Johann Matthäus Bechstein

Das Lied der Nachtigall

 

Tiuu, tiuu, tiuu, tiuu,
Spe tui squa
Tio, tio, tio, tio, tio, tix
Qutio, qutio, qutio, qutio,
Zquo, zquo, zquo, zquo
Tzü, tzü, tzü, tzü, tzü, tzü, tzü, tzü, tzü, tzi,
Quor­ror tiu squa pipi­quisi
Zozozozozozozozozozozozozozozo, zir­ha­ding,
Tsisisi tsisisisisisi
Zorre zorre zorre zorre hi
Zatn, zatn, zatn, zatn, zatn, zatn, zatn zi
DIo, dlo, dlo, dlo, dlo, dlo, dlo
Quiro tr rrrrrrr itz
Lü lü lü lü lü ly ly ly li li li li
Quio didl li lulily
Ha gurr gürr qui­pio
Qui qui qui qui gi gi gi gi gi gi gi
Goll goll goll goll gia had­adoi
Quigi horr ha dia­dia­dillsi
Heze­ze­ze­ze­ze­ze­ze­ze­ze­ze­ze­ze­zeze quar­ho­ze­hoi
Quia quia quia quia quia ti
Qi pipi jo jo jo jojojo pi
Lü ly li le la lo didl io quia
Higai gai gai gai gai gai­gai­gai­gai
Quior zio­zio pi!

(vor 1822)

aus: Sieg­fried Frei­berg (Hg.): Die stumme Krea­tur, Bläschke, St. Michael 1980.

 

Michael von Hintzenstern

Pränataler Dadaismus in Thüringen

 

Beim Lesen die­ses Gedichts stellte ich mir die Frage, ob der Dada­is­mus wirk­lich vor hun­dert Jah­ren im Caba­ret Vol­taire in Zürich seine Geburts­stunde erlebte. Was der 1757 in Wal­ters­hau­sen gebo­rene Orni­tho­loge und Adop­tiv­va­ter des Schrift­stel­lers Lud­wig Bech­stein hier zu Papier gebracht hat, ähnelt in frap­pie­ren­der Weise den Wort­lautschöp­fun­gen eines Hugo Ball oder Kurt Schwit­ters! Den­noch dürf­ten die Autoren unter­schied­li­che Inten­tio­nen gehabt haben! Han­delt es sich doch beim »Lied der Nach­ti­gall« um ein beson­ders schö­nes Bei­spiel der Ono­ma­to­poe­sie – der sprach­li­chen Nach­ah­mung außer­sprach­li­cher Schall­ereig­nisse. Der »Vater der Vogel­kunde« ver­suchte hier­bei in minu­tiö­ser Weise, den »Gesang« einer Nach­ti­gall ver­bal auf­zu­zeich­nen: das Wie­der­ho­len und Fort­spin­nen ein­zel­ner Motive, deren Viel­falt ver­zau­bert. Prä­na­ta­ler Dada­is­mus? Auf jeden Fall ein Vor­bote der Laut-Poe­sie.

Schwit­ters indes­sen ist es mit mit sei­nem »Ober­vo­gel­ge­sang« (1946) gelun­gen, Lyrik und die Krea­tio­nen der gefie­der­ten Sän­ger mit­ein­an­der zu ver­bin­den. Das gilt auch für die »Sonate in Urlau­ten« (1922–1932). So berich­tet sein DADA-Weg­ge­fährte Hans Arp: »In der Krone einer alten Kie­fer am Strande von Wyck auf Föhr hörte ich Schwit­ters jeden Mor­gen seine Laut­so­nate üben. Er zischte, sauste, zirpte, flö­tete, gurrte, buch­sta­bierte.« Die Wahl des Pro­ben­or­tes lässt ver­mu­ten, dass der Rezi­ta­tor eine ähn­li­che Posi­tion wie die Vögel ein­neh­men wollte. Hatte er ihnen viel­leicht doch die­sen oder jenen Laut abge­lauscht?

In ihrer Diplom­ar­beit »Urvö­gel sin­gen die Sonate« (Uni­ver­si­tät für ange­wandte Kunst Wien) unter­nahm Astrid Sema 2010 den Ver­such, die ver­schie­de­nen Laute der Dich­tung ein­zel­nen Vogel­ar­ten zuzu­ord­nen und das Werk mit deren Gesän­gen zu »rekon­stru­ie­ren«. Eine Bezie­hung zwi­schen Lyrik und Orni­tho­lo­gie kann nicht geleug­net wer­den. Bech­steins Gedichte nach Vogel­stim­men neh­men dabei eine nicht zu unter­schät­zende Vor­rei­ter­rolle ein!

 

Bio­gra­phi­sche Anga­ben

  • Johann Mat­thäus Bech­stein, 1757 in Wal­ters­hau­sen bei Gotha gebo­ren; Stu­dium der Theo­lo­gie, Natur­wis­sen­schaf­ten und Forst- und Kame­ral­wis­sen­schaft; Weg­be­rei­ter des Natur­schut­zes und der Orni­tho­lo­gie; Adop­tiv­va­ter von Lud­wig Bech­stein; starb 1822 in Drei­ßig­acker bei Mei­nin­gen.
  • Michael von Hint­zen­stern, gebo­ren 1956 in Eisen­ach, stu­dierte Orgel/Chorleitung in Eisen­ach und Musik­wis­sen­schaft in Halle/Saale; Kom­po­nist und Musi­ker; Initia­tor der Dada-Dekade 2012–2022, lebt in Wei­mar.
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