Robert Sorg – »Feldrandzeichen«

Person

Roland Bärwinkel

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Roland Bärwinkel

Erstdruck: Palmbaum 2/2018 / Thüringer Literaturrat e.V.

Gele­sen von Roland Bär­win­kel

Das Dröhnen der Flügelschläge

 

In dyna­mi­schen Pro­zes­sen wie etwa Bezie­hun­gen ist nicht abzu­se­hen, wie sich die Ände­rung von Aus­gangs­be­din­gun­gen lang­fris­tig auf ein Sys­tem aus­wir­ken. Kann ein Flü­gel­schlag ein Beben aus­lö­sen? Sorg führt in sei­nen Tex­ten pri­vate Momente des laten­ten Umschwungs vor.  Zwi­schen einem Paar, im lyri­schen Sub­jekt selbst. Die Spra­che sucht ein Ich und ein Du auf­zu­spü­ren, zu fas­sen. In Zei­len, Anspie­lun­gen und Bil­dern ruft der Autor auf, was auch uns betrifft, aus­macht: das Janus­köp­fige, Wider­spens­tige, den inne­ren Kampf und das Bild, das wir dabei von uns abge­ben. Was wäre, könnte man meh­rere Leben aus­pro­bie­ren? Und sie dann leben müs­sen. Wie war das alles noch­mal? Diese Frage kann als Ansatz für die Inten­tion des Autors zu lesen sein, sich in Ver­su­chen und Anläu­fen Ver­ge­hen­des zu ver­ge­gen­wär­ti­gen. Aus Erin­ne­rung, Gedächt­nis und Arte­fak­ten als trü­ge­ri­sche Archive Vari­an­ten von Momen­ten mit Bedeu­tung oder einer gewis­sen Sym­bo­lik für das lyri­sche Ich in das Risiko Spra­che zu trans­for­mie­ren. Bevor Augen­bli­cke, die im Schrei­ben ein Eigen­le­ben ent­fal­ten, nicht län­ger auf­ruf­bar wer­den, auch nicht das Wort­lose, Unsag­bare. Das, um Text zu wer­den, ja Wort wer­den muss.

Sorg nutzt mytho­lo­gi­sche Momente als Gleich­nisse, Gedan­ken­spiele für irdi­sches Dasein. Die grau­sam bestrafte Deme­ter. Bar­na­bas, Mis­sio­nie­ren­der und Mär­ty­rer. Trakl und Whit­man wer­den zitiert, Lea­ves of Grass als Nar­ko­ti­kum. Das Herz: ein ein­sa­mer Jäger. Das ist das Herz zwei­fels­ohne. Sorg aber wan­delt den Titel eines berühm­ten Romans ab, in dem ein Taub­stum­mer der Ein­zige ist, von dem sich andere Prot­ago­nis­ten ver­stan­den füh­len, um uns ein Ich vor Augen zu füh­ren, das nach Ursprün­gen sucht, das ver­sucht, sich selbst und seine Situa­tion zu ver­ste­hen. Es gibt mini­ma­lis­ti­sche Gedichte und Über­gänge in Prosa. Ein Ren­ten­for­mu­lar, das online aus­zu­fül­len ist und sich als Offen­ba­rungs­eid ent­puppt. Das Abbild eines Kas­sen­bons, der eine beson­dere Rech­nung auf­macht. Selbst ein Biblio­theks­re­gal tritt als Ort auf. Nun, der Mann ist im Brot­be­ruf Biblio­the­kar. In drei der fünf­zehn Texte ist ein Mes­ser im Spiel. Dem Rezen­sen­ten ist dabei ein­mal Der anda­lu­si­sche Hund ins Auge gefal­len. Das Dröh­nen der Flü­gel­schläge wirkt.

  • Robert Sorg: Feld­rand­zei­chen. Lite­ra­ri­sche Gesell­schaft Thü­rin­gen e.V. Wei­mar 2016. Jah­res­gabe Bd. 15, 20 S., Gra­fi­ken von K. Lang­mann.
Diesen Artikel teilen:

Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio

Gestaltung und Umsetzung XP.DT © 2011-14 [http://www.xp-dt.de]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]

URL dieser Seite: [http://www.literaturland-thueringen.de/artikel/12589-2/]