Fragen an Rosemarie Züge-Gutsche, Inhaberin von Brendels Buchhandlung in Gera

Ort

Gera

Thema

Buchhändlerinnen und Buchhändler im Gespräch

Autor

Rosemarie Züge-Gutsche / Jens Kirsten

Thüringer Literaturrat e.V.

Mit Rose­ma­rie Züge-Gut­sche, Inha­be­rin von Bren­dels Buch­hand­lung in Gera, sprach Jens Kirs­ten, Geschäfts­füh­rer des Thü­rin­ger Lite­ra­tur­ra­tes.

 

Wes­halb sind Sie Buch­händ­le­rin und Inha­be­rin einer Buch­hand­lung gewor­den?

Weil Lesen schon immer das wich­tigste für mich war. Ich habe mir Lesen bei­gebracht bevor ich in die Schule kam. 1956 war das natür­lich nicht gern gese­hen. Und als sich 1984 in Gera die Chance bot, habe ich mich für die Bren­dels Buch­hand­lung bewor­ben und 1989 den Zuschlag bekom­men. Denn wenn man einen Traum hat, dann sollte man alles ver­su­chen um sein Ziel zu errei­chen. Für mich hieß das, eine eigene Buch­hand­lung! Seit die­sem Tage lebe ich mei­nen Traum.

 

Wie lange gibt es Bren­dels Buch­hand­lung und wie lange arbei­ten Sie in ihr?

Ursprüng­lich wurde die Buch­hand­lung 1842 als Lese­insti­tut gegrün­det, in dem Bücher ent­lie­hen wer­den konn­ten. Sie hat zwei Welt­kriege über­stan­den, ist in Gera viel­fach umge­zo­gen und gehört seit nun­mehr 176 Jah­ren zur Kul­tur­ge­schichte der Stadt. Immer wie­der erhielt sie von Kun­den ein­zelne Bücher geschenkt, in denen noch der Stem­pel von Bren­dels Lese­insti­tut zu fin­den war. Seit 1950 ist die Buch­hand­lung hier am Platz. Ich habe das Haus in der Gro­ßen Kirch­straße 12 im Som­mer 1989 gekauft und mit viel Mühen umge­baut. Im Februar 1995 eröff­ne­ten wir im neuen Glanz und auf 140qm ver­grö­ßert. Seit­dem arbeite ich gern und viel in mei­nem Laden. Eine Idee hatte ich seit­dem auch noch im Kopf. Wir haben unter der Buch­hand­lung einen his­to­ri­schen Höh­ler den wir lie­be­voll vor 10 Jah­ren zu einem Ver­an­stal­tungs­raum umge­baut haben. Und zwar mit allem Drum und Dran: ein­ge­baute Küche, Toi­let­ten und ein Raum für Lesun­gen usw.

 

Was gibt es für Ver­an­stal­tun­gen in Ihrem Buch­kel­ler?

Übri­gens, unser Buch­kel­ler heißt BuKe. Das setzt sich zusam­men aus: Bücher, Unter­hal­tung, Kuli­na­ri­sches und Ent­span­nung. Wir haben über den Herbst und den Win­ter eigent­lich fast jeden Mitt­woch eine Ver­an­stal­tung. Ent­we­der sind es Lesun­gen oder Kaba­rett aber auch eine Zau­ber­show und andere For­mate wer­den bedient. Wir unter­stüt­zen auch unbe­kannte Autoren. Auch Kin­der­gär­ten und Schu­len nut­zen unsere Ver­an­stal­tun­gen, z.B. »Welt­tag des Buches«, Kin­der­tag, Schul­feste usw.

 

Haben Sie nach so vie­len Berufs­jah­ren über­haupt noch Lust zu lesen? Und wenn ja, wie viele Bücher lesen Sie im Monat?

Ja! Nach wie vor nutze ich jede freie Minute und lese fast alles was mir zwi­schen die Fin­ger kommt. Trotz mei­ner ande­ren Hob­bys wie Gar­ten­ar­beit, Kochen und Backen. Aber Lesen ist mir immer noch das Liebste. Und da kön­nen es schon ein­mal bis zu 20 Bücher/Büchlein im Monat wer­den.

 

Wie sieht ein typi­scher Arbeits­tag bei Ihnen aus?

Ich komme meist um 8 Uhr ins Geschäft. Zuerst muss die Ware aus­ge­packt wer­den, damit keine Kar­tons her­um­ste­hen, wenn die Buch­hand­lung pünkt­lich um 9.00 Uhr öff­net. Sau­ber­keit ist eine Sache, die nicht von allein ent­steht, d.h. Staub sau­gen, Fens­ter put­zen, Blu­men gie­ßen, Tech­nik hoch­fah­ren, E-Mails bear­bei­ten, Bestel­lun­gen ein­ge­ben die über Nacht zu uns geschickt wur­den usw. Und wenn dann bis zum Öff­nen noch Luft ist, lese ich die Tages­zei­tung, das Buch­jour­nal oder das Bör­sen­blatt. Nicht zuletzt erfahre ich so auch etwas über Neu­erschei­nun­gen. Als Buch­händ­ler muss man umfas­send infor­miert sein, nicht nur über Bücher. Unsere Kun­den, die uns nicht sel­ten um Rat fra­gen, wol­len prak­tisch auf alles eine Ant­wort haben. Wenn wir eine Ver­an­stal­tung haben, dann dau­ert ein Arbeits­tag mit­un­ter schon mal 14 oder 15 Stun­den.

 

Sie haben gerade erwähnt, dass Sie aus der Zei­tung etwas über Neu­erschei­nun­gen erfah­ren. Auf wel­chem Wege erfah­ren Sie noch von neuen Büchern?

Unser wich­tigs­tes Medium ist das wöchent­lich erschei­nende Bör­sen­blatt, das sehr viele Infor­ma­tio­nen über Novi­tä­ten ent­hält, nicht zuletzt auch eine Best­sel­ler­liste mit kur­zen Rezen­sio­nen. Dann spie­len natür­lich die Ver­tre­ter eine große Rolle, von denen uns etwa 20 besu­chen. Das ist uns sehr wich­tig, bekommt man ja auf die­sem Wege Infor­ma­tio­nen, die nicht im Kata­log ste­hen. (Pres­se­ter­mine, Lesun­gen, Fern­seh­auf­tritte usw.)  Und die Kol­le­gen ken­nen uns und unsere Buch­hand­lung mitt­ler­weile so gut, dass sie im Vor­feld bereits wis­sen, was zu uns und unse­rer Leser­schaft passt. Wir sind sehr froh, von den Ver­la­gen so gut betreut zu wer­den. Und genau des­halb ist Paulo Coel­hos Roman »Vero­nika beschließt zu ster­ben« (Dio­ge­nes Ver­lag) auch eines unse­rer Lieb­lings­bü­cher gewor­den. Ent­schei­dend ist aber, dass der Buch­händ­ler hin­ter einem Buch steht und es dem­entspre­chend emp­feh­len kann. Uns die­nen aber auch das Fern­se­hen, das Inter­net und das Radio als Infor­ma­ti­ons­quel­len. Aber auch der Aus­tausch unter­ein­an­der oder mit Kun­den ist inspi­rie­rend und lehr­reich.

 

Sehen Sie in der zuneh­men­den Digi­ta­li­sie­rung des Buch­mark­tes eine Bedro­hung für das Buch?

Nein. Ich habe viele Kun­den, die auf das E-Book setz­ten, als es neu war, aber längst zum Papier­buch zurück­ge­kehrt sind. Ich selbst habe es aus­pro­biert, mag aber das Ori­gi­nal gegen nichts aus­tau­schen. Auf dem Bild­schirm kann ich mich nicht auf den Text kon­zen­trie­ren. Und wohin dann mit den Kle­be­zet­teln für Rand­no­ti­zen? Ich glaube ganz fest an das »Über­le­ben« des Buches. Es wird in Zukunft neben dem Buch eben auch andere Medien zum Lesen geben. Haupt­sa­che es wird gele­sen! Bei uns kann man natür­lich trotz­dem E-Books kau­fen.

 

Wel­che Rolle spie­len Emp­feh­lun­gen für Ihre Kun­den?

In der Tat spie­len Emp­feh­lun­gen eine große Rolle. Im Geschäft lan­det ja bereits eine gewisse Vor­auswahl, die wir ein­fach aus Platz­grün­den tref­fen müs­sen. Jedes Buch am Lager zu haben ist schlicht­weg unmög­lich. Und nur so kann man dann auch Bücher gut emp­feh­len. Neben dem Buch habe ich schon zu Beginn der 1990er Jahre damit ange­fan­gen, Arti­kel in das Sor­ti­ment auf­zu­neh­men, die dann als so genannte »Non-Book-Arti­kel« in Mode kamen. Zum Bei­spiel haben wir aus­ge­wählte Spi­ri­tuo­sen, hand­ge­machte Seife aus Eng­land, Scho­ko­lade aus einer Manu­fak­tur, exqui­site Ker­zen (eben­falls aus Eng­land) und noch viele andere Dinge die nicht typisch sind für eine klas­si­sche Buch­hand­lung. D.h. neben dem Buch bie­tet unser Sor­ti­ment doch »fast« für jeden das pas­sende Geschenk. Außer­dem habe ich im »Geraer Anzei­ger« eine Rubrik, in der ich wöchent­lich Bücher für Kin­der emp­fehle. Das wer­den wir zeit­nah mit einer eige­nen Prä­sen­ta­ti­ons­wand auch in der Buch­hand­lung ein­set­zen.

 

Wel­che Rolle spielt regio­nale Lite­ra­tur in Ihrer Buch­hand­lung?

Auch eine große. Wir haben über das ent­spre­chende Regal bewusst »Thü­rin­gen« und nicht »Regio­nale Lite­ra­tur« geschrie­ben, damit sich jeder Kunde sofort zurecht­fin­det. Mit Blick auf Gera haben wir den Ehr­geiz, alles zu haben, auch die kleinste Bro­schüre. Das »Thü­rin­gen-Jour­nal« des MDR zu schauen (wenn ich es schaffe), ist für mich eine täg­li­che Arbeit, weil ich hier viel über Thü­rin­gen und seine lite­ra­ri­schen Neu­hei­ten erfahre. Selbst wenn wir ein aktu­el­les über­re­gio­na­les Buch nicht vor­rä­tig haben, so sind wir zumin­dest dar­über infor­miert.

 

Gibt es ein Thema, wel­ches Ihnen momen­tan unter den Nägeln brennt?

Ja, einen eige­nen, grö­ße­ren Ver­an­stal­tungs­raum zu fin­den. In mei­nem Haus, wo ich an den Sonn­ta­gen im Som­mer ein Café und ein Anti­qua­riat betreibe, gibt es eine ehe­ma­lige Schmiede, die sich in deso­la­tem Zustand befin­det. Die Schmiede war einer der Gründe, wes­halb ich das Haus gekauft habe. Aller­dings müs­sen wir noch viel Ener­gie und Geld in den Aus­bau ste­cken, bis sie zu einem Ver­an­stal­tungs­ort nach mei­nen Vor­stel­lun­gen wer­den kann. Solch einen Raum, in dem wir eine Lesung oder Ähn­li­ches durch­füh­ren könn­ten, das wäre mein »neuer« Traum. Um das ver­wirk­li­chen zu kön­nen, fehlt uns  momen­tan noch das nötige Klein­geld.

 

Wie sehen Sie die Zukunft der Buch­hand­lung?

Wor­über ich sehr glück­lich bin, ist, dass meine Toch­ter Daniela im nächs­ten Jahr, wenn mein 30jähriges Dienst­ju­bi­läum ansteht, die Buch­hand­lung über­neh­men wird. Nach dem Abitur absol­vierte sie die klas­si­sche Buch­händ­ler­aus­bil­dung, arbei­tete dann 13 Jahre hier. Dann wech­selte sie die Per­spek­tive und arbei­tete im Außen­dienst, zuerst zwei Jahre für ein Ver­lags­büro in Leip­zig, dann für die nächs­ten 9 Jahre bei der Ver­lags­gruppe Ran­dom House GmbH in Mün­chen. Diese Erfah­rung bringt sie nun in das Geschäft ein.

Seit Januar 2018 arbei­ten wir nun im Dop­pel­pack. Ab dem 09.09.2019, zum 177jährigen Jubi­läum der Buch­hand­lung, wird meine Toch­ter dann die Regie über­neh­men. Und dafür wün­sche ich ihr alles Glück der Welt und dass meine Kund­schaft zu ihrer Kund­schaft wird!

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