Ulrich Grober – Mit leichtem Gepäck – Plädoyer für ein zukunftsfähiges Wandern

Person

Ulrich Grober

Ort

Eisenach

Thema

Wanderlust oder Die Sehnsucht nach dem Paradies

Autor

Ulrich Grober

Begleitbuch zur Ausstellung »Wanderlust oder Die Sehnsucht nach dem Paradies« / Thüringer Literaturrat e.V.

Aus Anlass der Aus­stel­lung »Wan­der­lust oder Die Sehn­sucht nach dem Para­dies« im Stadt­schloss Eisen­ach, 1. Juli bis 29. Okto­ber 2017.

 

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Drei »Mani­feste der Wan­der­lust« aus jeweils weni­gen Wör­tern spie­geln und prä­gen ein Stück Zeit­geist im 21. Jahr­hun­dert:  Draus­sen zu Hause – Wer­be­slo­gan eines Out­door-Aus­rüs­ters von 2002 – betont den Wert noma­di­scher Natur­ver­bun­den­heit und das Gefühl von Sicher­heit und Gebor­gen­heit unter freiem Him­mel. Ich bin dann mal weg – Buch­ti­tel des Comedy-Stars Hape Ker­ke­ling von 2006 – akzen­tu­iert die Sehn­sucht nach Uner­reich­bar­keit und spi­ri­tu­el­ler Selbst­su­che. Denn es reist sich bes­ser / mit leich­tem Gepäck. Der Refrain eines Songs der Band Sil­ber­mond von 2015 – fei­ert den Mut zum Weni­ger, den Wil­len, mit Weni­gem aus­zu­kom­men, die Kunst der  Selbstbeschränkung.

 

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Das neue Wan­dern ist für alle zugäng­lich: jung und alt, männ­lich und weib­lich, arm und reich.  Es schließt unter­schied­li­che Prak­ti­ken mit ein: Trek­king, das junge wilde Wan­dern, und Pil­gern, das »Gebet mit den Füßen«, das Fla­nie­ren in urba­nen Räu­men und das Genuss­wan­dern in der Kul­tur­land­schaft. Die neue Lust am Wan­dern lässt sich viel­fäl­tig aus­le­ben: als gesel­li­ger Frei­zeit­spaß oder Sur­vi­val-Trai­ning, als sanf­ter Natur­sport, medi­ta­tive Übung oder nach­hal­ti­ger Tou­ris­mus. Alles hat seine Berech­ti­gung, nichts ist unmög­lich: Wan­der­stie­fel oder bar­fuß, Turn­schuhe oder Schnee­schuhe. Inter­es­sant ist die ganze Band­breite. Span­nend ist die nach oben offene Skala der Mög­lich­kei­ten. Die flie­ßen­den Über­gänge, wo das Wan­der­erleb­nis in die tiefe Erfah­rung von Natur und Kos­mos über­geht, wo die Kunst des Wan­derns sich berührt mit Lebens­kunst und deren Kern: Selbst­er­fah­rung und Selbst­sorge. Wo beim Gehen das Tag­träu­men ein­setzt – und die Sinn­su­che. Wie kön­nen auf den Wegen durch das Land Glücks­mo­mente, Flow-Gefühle und Gip­fel­er­leb­nisse ent­ste­hen? Das neue Wan­dern ist ein Ele­ment des »guten Lebens« im 21. Jahr­hun­dert. In Zei­ten, die »aus den Fugen« zu gera­ten dro­hen, und in denen starke Kräfte dar­auf abzie­len, sich gegen­sei­tig das Leben zur Hölle zu machen, öff­net es neue Horizonte.

 

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Wan­dern ist Ein­spruch gegen den Stress der Beschleu­ni­gung. Eine Wan­de­rung nimmt für eine begrenzte Zeit das Tempo aus dem All­tag, redu­ziert es auf das mensch­li­che Maß – den Fuß, den Schritt, die drei bis fünf Kilo­me­ter pro Stunde. Also das Maß, das dem Men­schen von sei­ner Ana­to­mie vor­ge­ge­ben ist, seit er in der Mor­gen­röte sei­ner Evo­lu­tion den auf­rech­ten Gang ent­deckte. Eine Wan­de­rung – egal ob drei Stun­den, drei Tage oder drei Wochen – ist die ein­fachste und natür­lichste Form der Ent­schleu­ni­gung. In die­ser »Aus­zeit« klinkst du dich ein in die »Echt­zeit« von Sonne, Mond und Ster­nen, in die Zyklen und Rhyth­men der Tages‑, Jah­res- und Lebenszeiten.

 

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Wan­dern ist Ein­spruch gegen die über­mä­ßige Digi­ta­li­sie­rung und damit gegen die Ent­sinn­li­chung des All­tags. Wer schon mal frei schwei­fend gewan­dert ist, kennt Alter­na­ti­ven zum regle­men­tier­ten stop-and-go-Ver­kehr der Metro­po­len­räume. Wer die Far­ben­pracht eines herbst­li­chen Laub­wal­des gese­hen hat, nutzt die Farb­ska­len der Desi­gner-Soft­ware sou­ve­rä­ner. Ohne die direkte Erfah­rung von Nah­räu­men, so scheint es, bleibt die Wahr­neh­mung glo­ba­ler Räume ober­fläch­lich. Ohne das eigene Erle­ben in begeh­ba­ren Räu­men ist man den medial ver­mit­tel­ten Bil­dern aus­ge­lie­fert. Vir­tu­elle Rea­li­tä­ten wer­den nur im Gegen­licht von rea­len Erfah­run­gen pro­duk­tiv. Erst im Pen­deln zwi­schen den Wel­ten, in der Kon­tras­ter­fah­rung erschließt sich die ganze Fülle des Lebens. Es geht um die Öko­lo­gie der Sinne. »Mit allen Sin­nen« wahr­neh­men: Blick­ach­sen, Hör­räume, Duft­fel­der, das Mikro­klima, den Boden unter den Füßen.  Und immer wie­der pen­deln: Zur Innen­schau, der Zwie­spra­che mit sich selbst, dem Hören auf die innere Stimme. Tag­träu­men ist die Keim­zelle von Krea­ti­vi­tät. Wan­dern stillt den Hun­ger nach Rea­li­tät, nach Sinn­lich­keit und Schönheit.

 

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Wan­dern ist ein Lebens­eli­xier. Man fühlt sich auf eine ganz beson­dere Weise… leben­dig. Regel­mä­ßige Bewe­gung – d.h. Eigen­be­we­gung, Bewe­gung aus eige­ner Kör­per­kraft – und gesunde Ernäh­rung bil­den die Basis der eige­nen Gesund­heit und Krea­ti­vi­tät. Bes­ser als Krank­hei­ten hei­len ist: gar nicht erst krank wer­den. Damit rücken die Ent­ste­hung und Erhal­tung der Gesund­heit, die »Salu­to­ge­nese«, in den Fokus. Jetzt geht es um die Stär­kung der Resi­li­enz, d.h. der Wider­stands­kraft von Orga­nis­mus und Seele gegen Stö­run­gen aller Art. Ziel ist die Mobi­li­sie­rung von Selbst­hei­lungs­kräf­ten. Was macht Men­schen stark? Resi­li­enz ist: fle­xi­ble Stärke. Sie ist Teil von Selbst­sorge und Selbst­er­mäch­ti­gung. Nicht zuletzt trägt sie dazu bei, ein soli­da­ri­sches und bezahl­ba­res Gesund­heits­we­sen auf Dauer zu erhal­ten. Eigen­be­we­gung ist nach­hal­tig. Mus­kel­kraft ist eine erneu­er­bare Ener­gie. Sie speist sich aus nach­wach­sen­den Roh­stof­fen. Die Leich­tig­keit des Seins ist eine kost­bare Zutat heu­ti­ger Lebens­qua­li­tät und Lebenskunst.

 

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Well­ness ist nicht alles. Auch die Stra­paze gehört zum Wan­dern. Manch­mal gehst du an deine Gren­zen, aber dosiert, selbst­be­stimmt, ohne die Kon­trolle zu ver­lie­ren. Dann merkst du, die Grenze bleibt nicht an der­sel­ben Stelle. Sie ver­schiebt sich. Oder bes­ser gesagt: Du ver­schiebst sie. Deine Fähig­kei­ten wach­sen mit den Anfor­de­run­gen, die du erfolg­reich bewäl­tigt hast. Die Erfah­rung, dass du stand­hältst, ist von enor­mer Bedeu­tung bei der Bil­dung von Resi­li­enz. Ins­be­son­dere für Kin­der, die sich ja mit­ten in Wachs­tums­pro­zes­sen – kör­per­lich, emo­tio­nal, see­lisch – befin­den. Wer beim Wan­dern sol­che Situa­tio­nen bewäl­tigt hat, geht mit Stress-Situa­tio­nen im All­tag gelas­se­ner um. Du weisst: Da geht noch was.

 

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Nur wo du zu Fuß warst, warst du wirk­lich. Eine Wan­de­rung machst du drei­mal: Lange vor dem Auf­bruch. Dann näm­lich, wenn die Sehn­sucht in dir zu arbei­ten beginnt. Auf dem Weg. Wo man die Fülle der Ein­drü­cke in sich auf­nimmt. Nach der Rück­kehr. Wenn sich das Erleb­nis des Rau­mes in Erin­ne­rung ver­wan­delt. Was pas­siert da eigent­lich?  Ich lege, indem ich wan­dere, einen Vor­rat an ver­ar­bei­tungs­fä­hi­gen Ein­drü­cken an. Damit erwei­tert und prä­zi­siert sich meine »men­tale Land­karte«. Wer so berei­chert in den All­tag zurück­kehrt, kann ein Leben lang davon zeh­ren. Selbst dann noch, wenn ein­mal die Kräfte nach­las­sen und nur noch für kleine Gänge rei­chen. Wie kann man der men­ta­len Land­karte Dauer ver­lei­hen? Die Basis von allem ist die Acht­sam­keit, mit der man unter­wegs die lau­fen­den Ereig­nisse, die Phä­no­mene von Natur und Kos­mos, von Kul­tur und Schön­heit wahr­nimmt und in sich auf­nimmt. Es pas­siert nichts? Es pas­siert immer etwas. Die Kunst des Wan­derns besteht vor allem darin: Seine »Pfor­ten der Wahr­neh­mung« mög­lichst weit zu öffnen.

 

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Wege sind keine »Mar­ken«, son­dern Gemein­gü­ter. Sie gehö­ren allen – und kei­nem. Das neue Wan­dern braucht eine Infra­struk­tur an Wegen. Sie in Stand zu hal­ten und aus­zu­bauen ist Teil der Daseins­vor­sorge der Gesell­schaft. So wie der Erhalt der Tras­sen für den Ver­kehr und die Anlage von Daten­au­to­bah­nen. Das regio­nale Wege­netz schafft eine lokale Öko­no­mie aus »bed & bre­ak­fast«- Pen­sio­nen und bezahl­ba­ren Quar­tie­ren, Jugend­her­ber­gen, Hof­lä­den, Bäcke­reien, Flei­sche­reien, Wirts­häu­sern, Land­ho­tels, Zelt- und Biwak­plät­zen,. Eine enge Ver­bin­dung besteht zur »grü­nen Infra­struk­tur« des Natur­schut­zes. Das neue Wan­dern braucht, respek­tiert – und genießt – das Wege­netz für den Rück­zug und die Wie­der­aus­brei­tung der hei­mi­schen Flora und Fauna, also einen intak­ten Ver­bund von Schutz­ge­bie­ten und Bio­to­pen. »Ehr­furcht vor dem Leben« (Albert Schweit­zer) ist seine ethi­sche Orientierung.

 

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»Fremd im eige­nen Land«. Das in der Gesell­schaft gerade um sich grei­fende Grund­ge­fühl muss drin­gend ange­spro­chen und über­wun­den wer­den. Bevor die Fun­da­men­ta­lis­ten jeg­li­cher Cou­leur es aus­beu­ten und wei­ter mar­schie­ren, »bis alles in Scher­ben fällt«. Das neue Wan­dern trägt dazu bei, Ver­traut­heit und Ver­bun­den­heit mit den Nah­räu­men her­zu­stel­len oder wie­der zu stär­ken. Wer sich die eigene Region, also die Hei­mat, und benach­barte Regio­nen auf den loka­len, regio­na­len und Fern-Wan­der­wege »erwan­dert«, wird das Gefühl der »Fremd­heit« able­gen und sich im eige­nen Land »zu Hause« füh­len. »This land is your land / this land is my land« (Woody Guthrie, 1948). Er lernt, diese Empa­thie auf unbe­kannte Ter­ri­to­rien zu über­tra­gen: »I feel at home whenever the unknown sur­rounds me« (Björk, »Wan­der­lust«, 2007).

 

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Die Glo­ba­li­sie­rung im Zei­chen des Gel­des, Haupt­ur­sa­che der gras­sie­ren­den Ent­frem­dung, hat offen­bar ihren Schei­tel­punkt über­schrit­ten. Die nächste Welle ist die Wie­der­ent­de­ckung und Auf­wer­tung des Regio­na­len, der Hei­mat. Die Stär­kung einer regio­na­ler Kreis­lauf­wirt­schaft  ist nur ein Aspekt. Damit ein­her geht die Auf­wer­tung der »Nah­erho­lung«. Hier kommt die »Exo­tik der Nähe« ins Spiel. Sie gilt es zu auf­zu­spü­ren und sicht­bar zu machen. Die regio­nale Selbst­ver­sor­gung auch mit imma­te­ri­el­len Wer­ten wie Begeg­nun­gen auf Augen­höhe, Gebor­gen­heit, Zur-Ruhe-kom­men, Schön­heits- und Glücks­er­fah­run­gen ist eben­falls eine Wert­schöp­fungs­kette, ja sogar die pri­märe. Um mög­lichst viele Leute auf die Wege durch das Land zu locken, wären neue, enge Part­ner­schaf­ten – ein Schul­ter­schluss – von regio­na­len, ehren­amt­lich orga­ni­sier­ten Wan­der­ver­bän­den, pro­fes­sio­nell arbei­ten­den Tou­ris­mus-Büros, Natur­schutz, Forst- und Land­wirt­schaft, Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und Medien sinnvoll.

 

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»Land­mar­ken« sind wich­tig, um die leib­lich-see­li­sche Iden­ti­fi­zie­rung der Leute, wo auch immer sie her­kom­men, mit »ihrem« Lebens­raum zu stär­ken. Wir brau­chen eine neue Art von Hei­mat­kunde: die Topo­gra­phie des Zau­bers, die Kennt­nis der Glanz­punkte unse­rer Natur- und Kul­tur­land­schaft. Man muss das Eigene sehr gut ken­nen, um das Fremde wirk­lich wert­schät­zen zu kön­nen. Was sind Land­mar­ken ? Es sind starke, magi­sche, »poe­ti­sche« Orte – Erin­ne­rungs­orte, Reso­nanz­orte. Nicht nur Königs­stuhl und Wart­burg, Extern­steine und Lore­ley, Völk­lin­ger Hütte und Neu­schwan­stein. Es kann ein Bild­stock an einer Weg­ga­be­lung sein oder eine schlichte Ruhe­bank am Berg­hang, die Dorf­be­woh­ner am Punkt der umfas­sends­ten Aus­sicht auf­ge­stellt haben. Auch ein Obst­gar­ten, der einen Quer­schnitt alter Apfel­sor­ten kul­ti­viert. Der poe­ti­sche Ort besitzt eine Aura, die sich der Repro­du­zier­bar­keit ent­zieht. Auf diese Weise hebt er die Geschicht­lich­keit und Iden­ti­tät einer Land­schaft her­vor. Als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­ort macht er den Raum kennt­lich, eine Region von der ande­ren unter­scheid­bar. Auf der Welt ist nichts banal – außer unser Blick. Der Weg ist das Ziel? Ja, aber mar­kante, anzie­hende, »magi­sche« Ziele am Ende – oder am Rande – des Weges sind wich­tig. Wir wären gut bera­ten, wenn wir das Wege­netz für das neue Wan­dern durch die Kar­tie­rung von loka­len, regio­na­len und über­re­gio­na­len Land­mar­ken ergän­zen. Die »Wie­der­ver­zau­be­rung« von Orten bedarf eines beson­ders sorg­fäl­ti­gen und leben­di­gen »Sto­ry­tel­ling«. Hier sind regio­nale kul­tu­relle Initia­ti­ven und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen wie Lite­ra­tur­bü­ros, Lite­ra­tur­räte, Volks­hoch­schu­len gefragt. Sie haben das Know-how, um regio­nale Über­lie­fe­run­gen und deren Fort­schrei­bung in der zeit­ge­nös­si­schen Lite­ra­tur und Kunst zu sam­meln, neu auf­zu­be­rei­ten und öffent­lich zugäng­lich zu machen.

 

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Die »blaue Blume« ist das roman­ti­sche Sym­bol für die Sehn­sucht nach dem Unend­li­chen und für die »Ein­füh­lung« in alles Leben­dige. Zum ers­ten­mal von ihr geträumt wurde in Eisen­ach. Das Ein­gangs­ka­pi­tel von Nova­lis‹ Roman »Hein­rich von Ofter­din­gen« aus dem Jahr 1802 spielt in der Stadt unter­halb von Wart­burg und Renn­steig. Der Dich­ter hat auch das Pro­gramm der deut­schen Roman­tik umris­sen: »Die Welt muss roman­ti­siert wer­den«. Ein Ele­ment war die Wie­der­ver­zau­be­rung einer ent­zau­ber­ten und aus­ge­beu­te­ten Natur. Das andere die Nobi­li­tie­rung, die Auf­wer­tung des ein­fa­chen Lebens und der ein­fa­chen Leute. Fern­weh ver­schränkte sich mit Heim­weh: »Wohin gehen wir denn? Immer nach Hause« (Nova­lis). Die auf­kei­mende Öko­lo­gie ver­schränkte sich mit einer neuen Kos­mo­lo­gie: »O Stern und Blume, Geist und Kleid, / Lieb, Leid und Zeit und Ewig­keit« (Cle­mens Brentano).»Einfühlung« ist die Blau­pause unse­res moder­nen Begriffs »Empa­thie«. Aus »Heim­weh« wurde der ursprüng­lich medi­zi­ni­sche Fach­aus­druck »Nost­al­gia« geprägt. Des­sen Bedeu­tung erwei­terte sich spä­ter zur Sehn­sucht nach einem in der Ver­gan­gen­heit mög­li­chen Glück. Las­sen sich die Urtexte aus der Roman­tik heute vor­sich­tig vergegenwärtigen?

 

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Das deut­sche Lehn­wort »Wan­der­lust« meint im heu­ti­gen Eng­lisch, der Spra­che der Glo­ba­li­sie­rung, vor allem: Lust am freien Schwei­fen, an selbs­be­stimm­ter Ori­en­tie­rung – Frei­heits­drang. Die neue Wan­der­lust ant­wor­tet auf das Noma­di­sche in unse­rem Bewusst­sein. Der uto­pi­sche Gehalt des Wan­derns: Wir gewin­nen Fähig­kei­ten zurück, die mit der Beschleu­ni­gung des Lebenstem­pos ver­lo­ren gehen – Zeit­sou­ve­rä­ni­tät, Bewe­gungs­frei­heit und die Auf­merk­sam­keit für die innere Stimme. In den Wor­ten des Wan­der-Phi­lo­so­phen Hans-Jür­gen von der Wense: »Wan­dern ist der höchste Zustand von Frei­heit«. Sein Lebens­motto »Die Erde ist ein Stern. Wir leben im Him­mel« ent­hält die Essenz sei­nes Wan­der­le­bens. Die Ära der bemann­ten Mond­flüge hat sie bekräf­tigt. Die Astro­nau­ten sahen beim Blick zurück »den schöns­ten Stern am Fir­ma­ment«. Sie kre­ierten eine schöne Faust­for­mel für eine hand­hab­bare Kos­mo­lo­gie im 21. Jahrhundert.

 

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Der Sozio­loge Hart­mut Rosa ent­wi­ckelte kürz­lich »die Idee einer ent­ge­gen­kom­men­den, ant­wor­ten­den Welt, die uns berührt und der wir unse­rer­seits ent­ge­gen­zu­ge­hen ver­mö­gen«. Er spricht von einer neuen »Welt­be­zie­hung«, deren Zen­trum die »Reso­nanz« ist. Eine neue Kunst des Wan­derns, die sich von ange­staub­tem Brauch­tum und von neuen Zwän­gen des Kom­mer­zes frei gemacht hat, könnte sich als ein gang­ba­rer Weg zur Annä­he­rung an sol­che »Reso­nanz­sphä­ren« erwei­sen. Zum einen sind es aus­ge­dehnte Natur­räume, die als »Hand­lungs­sphäre« und »eigen­stän­di­ges Gegen­über« ins Spiel kom­men, »zum Klin­gen« kom­men, »mit eige­ner Stimme spre­chen« und »etwas zu sagen haben«. Zum ande­ren wird beim Wan­dern in der gewach­se­nen Kul­tur­land­schaft die Geschichte zu einem Reso­nanz­raum. Nicht zuletzt indem die Bezie­hun­gen der eige­nen Bio­gra­phie zu der die sie tra­gen­den »Kol­lek­tiv­ge­schichte« spür­bar wer­den und ins Vibrie­ren kom­men. Eine sol­che neue »Welt­be­zie­hung« könne laut Rosa ein Schlüs­sel sein, um die Kluft zwi­schen »Umwelt­be­wusst­sein« und einem dem ange­mes­se­nen »Umwelt­han­deln« zu überbrücken.

 

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Jede Wan­de­rung in der Frei­zeit ist auch eine Vor­schule nach­hal­ti­ger Mobi­li­täts­ge­wohn­hei­ten im  urba­nen All­tag. Wer gerade auf dem »Renn­steig« im grü­nen Her­zen Deutsch­lands unter­wegs war oder zu Fuß die Alpen über­quert hat oder »el camino« gepil­gert ist, wird daheim kaum auf die Idee kom­men, in die Blech­kiste zu stei­gen, um Bröt­chen zu holen. Zu Fuß gehen und Rad­fah­ren  – »die Moto­ren erset­zende Eigen­be­we­gung im All­tag« (Boje Maaßen) – sind genuin nach­hal­tige Prak­ti­ken. Die Eigen­be­we­gung muss wie­der die Basis unse­rer Vor­stel­lung von Mobi­li­tät bil­den. Ent­spre­chend könnte sich das Umwelt­han­deln auch in ande­ren Berei­chen ändern. Wer unter­wegs Momente inti­mer Bezie­hung zum Natur­schö­nen erlebt hat, wird den Ver­lust an Schön­heit und Viel­falt in sei­ner all­täg­li­chen Lebens­welt nicht mehr gleich­gül­tig hin­neh­men. Du wirst viel eher bereit sein, daran mit­zu­ar­bei­ten, kleine nach­hal­tige Struk­tu­ren in die Welt zu set­zen und deren Ent­ste­hen zu för­dern, zu beglei­ten, nach Kräf­ten zu unter­stüt­zen. Das neue Wan­dern macht Lust auf ein Leben, das weit ausgreift.

 

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Kein Kind zurück­las­sen. Die lange Kette der nach­fol­gen­den Genera­tio­nen beginnt mit unse­ren Kin­dern und Enkeln. Sie sind unsere Kon­takt­per­so­nen zur Zukunft. Die erwach­sene Genera­tion muss der jun­gen sicht­bar machen, was ihr wich­tig ist. Sie darf aber nicht erwar­ten, dass diese das 1:1 umsetzt. Denn was ist, wenn Kin­der näher dran sind am »Zau­ber« der Welt? Auf jeden Fall muss die jeweils ältere Genera­tion zulas­sen, dass die Jun­gen die Frei­heit in Anspruch neh­men, eigene Erfah­run­gen zu machen und ihren Weg selbst zu wäh­len. Und trotz­dem: »Wei­ter­ge­ben!« Sein Kön­nen, seine Lebens­er­fah­rung und seine Werte lie­be­voll, klug und gelas­sen an die jün­gere Genera­tion wei­ter­ge­ben – auch das eigene Erleb­nis von Wan­der­lust und Wan­der­glück. Wer von Kin­des­bei­nen an lust­voll gewan­dert ist, wird diese Gewohn­heit lebens­lang bei­be­hal­ten. Oder jeden­falls spä­ter immer wie­der dar­auf zurück­grei­fen können.

 

Zum Wei­ter­le­sen:

  • Ulrich Gro­ber, Vom Wan­dern – neue Wege zu einer alten Kunst. Frank­furt am Main, 2006. Als rororo Taschen­buch 62685, 2011
  • Ulrich Gro­ber, Der leise Atem der Zukunft. Vom Auf­stieg nach­hal­ti­ger Werte in Zei­ten der Krise. oekom Ver­lag, 2016.
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