Jens Kirsten – »paradiesische zeiten«

Thema

Jede Woche ein Gedicht

Autor

Jens Kirsten

Alle Rechte beim Autor. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Jens Kirs­ten

para­die­si­sche zeiten

 

in der park­schänke zu wils­d­ruff, wo laus und floh einst
aus­spän­ner in die falle lock­ten zog eine mäu­se­schar im
sonn­tags­staat mit son­nen­schir­men in paten­tierte fal­len zu
sehen auf kli­schees einer dru­cke­rei, die mein onkel auflöste,
schrott­händ­ler von beruf samm­ler aus lei­den­schaft, drei
häu­ser, eine scheune, ein dorado für aben­teu­rer auf dem
dach­bo­den der scheune klap­perte eine armee von
schreib­ma­schi­nen die lebens­ge­schich­ten der kleinstädter
her­un­ter erzählte ein bäcker­dut­zend grau­grü­ner ledermäntel
bock­steif von gro­ßen zei­ten kamen die läuse aus den lumpen
über uns, als wir räu­ber und schan­dipp­chen spiel­ten oder
war es eine hoch­zeit in bar­chent­kleid, geh­rock und
cha­peau claque? weiß der him­mel, wie oft wir alle nischen
und win­kel durch­streif­ten: hier die küchen­waa­gen, da
die näh­ma­schi­nen, dort kup­ferne wärm­fla­schen im büro
ein grün­der­zeit­buf­fet mit feu­er­zeu­gen aller cou­leur in der
werk­statt über­füllte regale flie­sen­häm­mer, schmiedezangen,
blech­sche­ren, zieh­mes­ser, sen­sen, sicheln, haumesser
von jeder sorte dut­zende auf lager was immer begehrt wurde
rai­ner hatte alles parat nach­mit­tags trug die kundschaft
schätze zu markte manch­mal fla­schen und glä­ser sortiert
am liebs­ten auf der dezi­mal­wage papier gewo­gen vor­sicht
hart­mann machte die pappe nass das bunt­me­tall wog der
onkel per­sön­lich hof haus und scheune gefüllt bis unter jeden
first tre­sore – einer davon pul­ver­ge­si­chert, sackkarren,
kano­nen­öfen, schub­kar­ren, mal eine was­ser­ge­kühlte java
früh­mor­gens durfte ich ein­stei­gen in das last­auto und
mit­fah­ren, zwi­schen fah­rer und bei­fah­rer, die knüppelschaltung
zwi­schen den schen­keln auf dem schrott­platz in Dres­den tauchten
meine arme bis über die ellen­bo­gen ins ölige metall die kugeln
aus­ge­dien­ter lager beul­ten meine taschen andern­tags ging es
hoch­be­la­den mit papier und pappe nach Mun­zig, wo hel­den aus
unrühm­li­cher ver­gan­gen­heit um ret­tung vom band fleh­ten das
unauf­hör­lich lief zum alle geschich­ten ver­schlin­gen­den mahltrichter
ach welch ver­lo­rene biblio­thek, was ich nicht ret­ten konnte, ging
für immer dahin wie meine kindheit

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