Pößneck
[Gemeinde]

Lokation

Markt 1
07381 Pößneck

50.69381, 11.59393

Person

Johann Wolfgang von Goethe

Weiterführende Informationen

Pößneck

Pößneck

Autor

Detlef Ignasiak

Das literarische Thüringen, Bucha 2018.

»Das Städtchen scheint einen guten Stadtrat zu haben, es ist eine Chaussee angelegt, wovon der Stadtrat auch das Chausseegeld einnimmt, sie denken auch, das offene Wasser in der Stadt zu überwölben; überhaupt ist es ein nahrhaftes Städtchen, in welchem sich viele Tuchfabriken befinden, auch sind Gerber daselbst.«

(Goethe, 1795)

 

 

Ein literarisches Kleinod ist die Pößnecker Schöffenspruchsammlung von 1474, die von Johan Jeche, der 1451 bis 1465 Stadtschreiber in Neustadt an der Orla war, nach der »Reimvorrede« angelegt wurde. Sie überragt in ihrer Vollständigkeit alle anderen derartigen deutschen Sammlungen und zeigt das Selbstbewusstsein der reichen Tuchmacherstadt, deren prächtiges Renaissance-Rathaus zur gleichen Zeit gebaut wurde.

Friedrich Widebram, auch Widebrand wurde 1532 in Pößneck geboren. Er war Theologe und neulateinischer Dichter, aus dessen Feder das Buch »Poematum liber primus« von 1601 stammt. Er studierte in Jena und Wittenberg und war dann Gymnasialrektor in Eisenach. Ab 1563 war er Professor in Wittenberg, wurde aber 1577 als Kryptocalvinist entlassen und ging ins Rheinland, wo er sich für die Reformation einsetzte und 1585 in Heidelberg starb.

Goethe machte auf dem Weg in die böhmischen Bäder 1795-1823 achtzehnmal in Pößneck Station, neunmal übernachtete er hier, meist im »Goldenen Löwen«, einem nach seinem Urteil »wohleingerichteten Gasthofe« in der Breiten Straße 18. Am heutigen Nachfolgebau erinnert eine Gedenktafel an Goethes Besuche. 1822 feierte Goethe seinen 73. Geburtstag in Pößneck. Jahrs darauf  arbeitete er hier an der »Marienbader Elegie«, mit der er Abschied von Böhmen und nach der fehlgeschlagenen Beziehung zu Ulrike von Levetzow auch von der Liebe nahm. Am Weißen Turm erinnert eine Gedenk-Tafel aus dem Jahr 1995 mit Zeilen aus »Faust II« an Goethe in Pößneck.

»Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt,
Dem Turme geschworen,
Gefällt mir die Welt«.

Der 1825 in Hildburghausen geborene Eduard Langguth war Lehrer und Heimatforscher. Er verfasste 1873 »Spaziergänge durch die Stadt Pößneck und Umgebung«. Langguth starb 1916 in Pößneck.

Es spricht einiges dafür, dass Goethe in Pößneck das Urbild für jenes Städtchen sah, das er im Versepos »Hermann und Dorothea« (1797) schildert. Es sieht so aus, als habe er darin das Gasthaus nebst seinem »Löwenwirt«, dessen Sohn Hermann als Flüchtling in die Stadt kommt, abgebildet. Der Löwenwirt Johann August Müller (1727-1799) war ein tüchtiger, doch derber und hart gesottener Mann. Goethe lernte auch noch Sohn und Enkel kennen. Auch Rathaus, Marktbrunnen und »Engelapotheke« (die seit 1798 Georg Heinrich Löber führte, der der Sohn eines Goethe bekannten Jenaer Medizin-Professors war, sind in »Hermann und Dorothea« zu erkennen. Auf der Suche nach ihrem Sohn kann man der »Löwenwirtin« folgen: Man biegt von der Breiten Straße in die Brauhausgasse ein, geht an der noch in Resten vorhandenen Stadtmauer vorbei und überquert die Hauptstraße bis zur Anhöhe (das »hohe Gässchen mit seinen 96 Stufen«), wo man sich den »Löwengarten« und die damals noch vorhandenen Weinberge vorstellen kann. Dort oben gesteht Hermann seiner Mutter die Liebe zu Dorothea, jenem Mädchen, das ebenfalls mit den Flüchtlingen in die Stadt gekommen war. Mit Hilfe des Apothekers stimmt dann auch der Vater einer Heirat der beiden zu.

Carl Gustav Vogel (1868-1945), der als Briefmarkenhändler begann, gründete 1891 in Pößneck eden Verlag C. G. Vogel, der sich schnell als bedeutender Fachzeitschriften-Editor profilierte und für den 1910-1924 ein großes  Druckereigebäude errichtet wurde, in dem 1928 die größte Druckmaschine der Welt stand. Aus ihm ging der modernste deutsche Druckereibetrieb hervor, der vor dem II. Weltkrieg über 900 Mitarbeiter beschäftigte. Ludwig Vogel (1900-1982) wehrte sich 1945 gegen die Enteignung und versuchte eine Fortführung der Arbeit, doch musste er 1948 aufgeben. Aus seinem Unternehmen ging der »VEB Karl-Marx-Werk« hervor, der der größte Buchhersteller der DDR wurde und halb Russland mit Schulbüchern belieferte. Vogel setzte die Arbeit zunächst in Coburg, wohin er einen Teil der Betriebsausstattung mitnahm, fort, ab1952 in Würzburg, wo in den 1980er Jahren aus dem Familienunternehmen die »Vogel Business Media« hervorging, die heute zum Bertelsmann-Konzern gehört und als »GGP Media« seit den 1990er Jahren auch das Pößnecker Werk führt, das heute der größte Produzent von Schwarz-Weiß-Büchern in Europa ist, in dem täglich 800.000 Bücher, Kataloge, Broschüren hergestellt werden.

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