Porträts
10 : Doris Weilandt – »Die Provinz greift nach den Sternen«

Thema

Porträts und Podcasts

Autor

Dana Kern

Thüringer Literaturrat e.V.

Wie anfan­gen.
Wie schrei­ben. Über etwas, das unbe­greif­lich bleibt.
Wie reden über einen Men­schen, der gegan­gen ist.
Mir sehr nah war und fehlt: Dana Kern.

 

Som­mer 2018. Es reg­net in Strö­men schon den gan­zen Tag. Am Abend soll im Hof des Mei­nin­ger Schlos­ses ein Kon­zert mit dem fin­ni­schen Akkor­deo­nis­ten Kimmo Poh­jo­nen statt­fin­den. Lange hat sich Kul­tur­che­fin Dana Kern um den Aus­nahme­mu­si­ker bemüht, um einen Auf­tritt wäh­rend des Som­mer­fes­ti­vals GRASGRÜN. Jetzt steht alles unter Was­ser. Eine andere Spiel­stätte muss her. Nach eini­gen Tele­fo­na­ten hat sie den Schlüs­sel für die Stadt­kir­che orga­ni­siert. Mit weni­gen Kol­le­gen wird im Eil­tempo der neue Kon­zert­saal bezo­gen, Bühne, Sound und Licht ein­ge­rich­tet. Kaf­fee gibt es aus der eigen­hän­dig auf­ge­brüh­ten Ther­mos­kanne, das ganze Auto riecht danach. Es gilt, keine Zeit zu ver­lie­ren. Am Ein­gang bil­det sich bereits eine Schlange. Dana Kern begrüßt die War­ten­den mit einem Strah­len und der Aus­kunft, dass das Kon­zert nicht aus­fällt. Dann eilt sie davon. Wenig spä­ter springt sie auf die Bühne, um die Musi­ker vor­zu­stel­len – inhalts­schwere, druck­reife Sätze, die ohne Rede­ma­nu­skript gespro­chen wer­den. Die Span­nung, mit der sie das Kon­zert erwar­tet, ist immer noch da und über­trägt sich auf das Publikum.

Das Fes­ti­val GRASGRÜN ent­steht aus der Idee, die Thea­ter­fe­rien mit einem Som­mer­pro­gramm im Freien zu fül­len. Dana Kern kann begeis­tern, bren­nen für die Arbeit in der Kul­tur. Sie kann strei­ten, andere Mei­nun­gen aus­hal­ten und für die eigene Posi­tion kämp­fen. Das sind sel­tene Eigen­schaf­ten. Als Ermög­li­che­rin gibt sie Künst­lern und Kul­tur­schaf­fen­den Raum, sich zu ver­wirk­li­chen, „Gestal­tungs­spiel­räume eröff­nen und Kul­tur­ein­rich­tun­gen pro­fi­lie­ren“ – kein Aus­ru­hen auf dem Erreich­ten oder dem Erfolg. „Zu mei­nen per­sön­li­chen Stär­ken zähle ich Offen­heit, krea­tive Neu­gier, eine breite inhalt­li­che Kom­pe­tenz und hohe Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit, Selbst­stän­dig­keit und Belast­bar­keit“, schreibt sie wer­bend über sich selbst. Das ist kei­nes­falls über­trie­ben. Als Phi­lo­so­phin und Thea­ter­wis­sen­schaft­le­rin betrach­tet Dana Kern Kul­tur in einem uni­ver­sa­len Sinn, als Anspruch, sich zu bil­den und als täg­lich Brot, das der Mensch zum Leben braucht. In Mei­nin­gen hat sie sich in vie­len Berei­chen durch­ge­setzt, ihre Kon­zepte in Ver­an­stal­tungs­rei­hen gewan­delt. Beim Gang durch die Stadt grüßt jeder.

Eine Mit­strei­te­rin fin­det sie in Syl­via Gra­mann von der Stadt- und Kreis­bi­blio­thek. „Ich war unzu­frie­den mit dem Biblio­thek­s­all­tag und Dana hatte viele Ideen. Wir haben uns ergänzt – sie die Intel­lek­tu­elle und ich die Prak­ti­sche“, erin­nert sich die Biblio­the­ka­rin. Die Mei­nin­ger Lite­ra­tur­tage wer­den gebo­ren. Die Begeg­nung mit Schrift­stel­lern zu Lesun­gen wird Jahr für Jahr um neue For­men erwei­tert und mün­det nach „Die Pro­vinz greift nach den Ster­nen“ in der „Mei­nin­ger Früh­lings­lese“. Einer der Höhe­punkte: der deutsch­land­weite Poe­try-Slam-Wett­be­werb im Mei­nin­ger Thea­ter. „Poe­try Slam muss man nicht ernst neh­men, darf man nicht ein­mal“, zitiert Slam­mer Tobias Kunze den Lite­ra­tur­kri­ti­ker Mar­cel Reich Ranitzki bei der drit­ten Auf­lage. Das Wett­streit­thema „Dead or Alive“ beant­wor­tet Kunze dabei gleich mit. Der Kampf gegen Wind­müh­len, der in Ver­sen besun­gen wird, offen­bart sich in Umwelt­ver­schmut­zung, inkom­pe­ten­ten und kor­rup­ten Poli­ti­kern, der Ver­fla­chung der Bil­dung und einem Reich­tum, der zu sinn­lo­ser Ver­geu­dung führt. Der Poet ver­steht die hohe Kunst des Wort­wit­zes und der geist­rei­chen Unter­hal­tung. Dana Kern reagiert bei der Preis­ver­lei­hung auf das Motto: „Worte sind nicht nur beweg­ter Wind. Sie krie­chen in die Köpfe und dre­hen dort Knöpfe.“ Tobias Kunze denkt gern an den Abend zurück: „Ein Thea­ter­haus ist nicht nur einer der kul­tu­rel­len Leucht­türme einer Stadt, son­dern auch ein gro­ßer Mul­ti­pli­ka­tor und Schau­fens­ter von Dar­bie­tung, Inter­ak­tion und Szene. In Mei­nin­gen hat man die viel­fäl­ti­gen For­men und Spiel­ar­ten von Poe­try Slam früh auch kura­tiert; so ent­stand hier der Sage nach das Team Schel­ler, das im Jahre 2014 den Meis­ter­ti­tel im deutsch­spra­chi­gen Slam-Wett­be­werb holte.“

Am Anfang ver­ste­hen viele Kol­le­gen nicht, was die Kul­tur­re­fe­ren­tin mit dem Wett­be­werb errei­chen möchte. Heute ist er aus dem Kul­tur­ka­len­der nicht mehr weg­zu­den­ken. „Dana hat immer ver­sucht, andere Dinge in das kul­tu­relle Leben der Stadt zu brin­gen. Sie wollte Ange­bote schaf­fen, auch für Jün­gere“, sagt Syl­via Gra­mann. Zusam­men haben sie neue Ver­an­stal­tun­gen kre­iert, die klas­si­sche Form der Lesung mit Schau­spie­lern und Sän­gern gemischt.

Eine der ers­ten Sta­tio­nen der beruf­li­chen Lauf­bahn von Dana Kern ist das Lite­ra­tur­mu­seum im Mei­nin­ger Baum­bach­haus. Neben der wis­sen­schaft­li­chen Arbeit ist sie auch für lite­ra­ri­sche Pro­gramme zustän­dig. Die Gele­gen­heit, das Haus über­re­gio­nal bekannt zu machen, bie­tet sich aber erst Jahre danach von ande­rer Posi­tion. 2001 jährt sich der Geburts­tag des Mär­chen­dich­ters Lud­wig Bech­stein zum 200. Mal. Für sie nicht ein­fach ein run­der Geburts­tag, den es zu wür­di­gen gilt. Sie will etwas Blei­ben­des schaf­fen, ein Fes­ti­val, das wie­der­kehrt und auf das die Welt war­tet. Womit kann man Dich­tung leben­dig hal­ten? Durch einen Preis, den ers­ten Thü­rin­ger Mär­chen- und Sagen­preis. Kris­tin War­detzky erhält ihn für ihre For­schungs­ar­bei­ten an der Uni­ver­si­tät der Künste Ber­lin und für die Grün­dung des Erzähl­thea­ters „Fabul­aDrama“. Alle zwei Jahre wird die Aus­zeich­nung danach an Wis­sen­schaft­ler, Publi­zis­ten, Illus­tra­to­ren und Künst­ler ver­ge­ben. „Das eine ist das Tra­di­tio­nelle. Das andere ist das freie Erzäh­len, das Nar­ra­tive. Es geht immer um das Wei­ter­ge­ben“, beschreibt Dana Kern, wor­auf es ankommt. Wenn ein Erzäh­ler den Raum betritt, braucht es nur wenige Minu­ten, bis Kin­der und Erwach­sene die Rea­li­tät ver­ges­sen und mit in seine Welt ein­tau­chen. Jeder hält den Atem an, wenn er einen Weg beschreibt, der durch Wäl­der führt oder über ori­en­ta­li­sche Basare, von denen ein ver­füh­re­ri­scher Duft auf­steigt. Kör­per­lich lässt er sein Publi­kum mit­er­le­ben, was in der Geschichte pas­siert. 2017 gelingt das der tür­ki­schen Erzäh­le­rin Nazli Çevik Azazi so gut, dass sie den Preis von der Jury zuge­spro­chen bekommt. Zwei Jahre vor­her fas­zi­niert ein afri­ka­ni­scher Mär­chen­er­zäh­ler. Men­sah W. Tok­ponto, Pro­fes­sor für Lite­ra­tur­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Coto­nou (Benin), sam­melt Mär­chen aus sei­ner Hei­mat und hält mit sei­nen Stu­den­ten die Tra­di­tion der münd­li­chen Wei­ter­gabe leben­dig. „Mit jedem Greis, der in Afrika stirbt, ver­brennt eine ganze Biblio­thek“, ist seine Über­zeu­gung. Mei­nin­gen ist zu einem Mekka der Erzähl­kunst und der damit ver­bun­de­nen For­schung gewor­den. Die Pro­vinz, Fluch und Segen für Dana Kern, hat nach den Ster­nen gegrif­fen und ihr Leuch­ten geschenkt bekommen.

Über ein gro­ßes Tor gelan­gen Mäd­chen und Jun­gen in das Reich des Dra­chen „KiBi“. An sei­ner Erschaf­fung haben sie selbst mit­ge­wirkt. Die Gele­gen­heit, so ein Pro­jekt in Angriff zu neh­men, bie­tet sich, nach­dem die Mei­nin­ger Biblio­thek den Thü­rin­ger Biblio­theks­preis (2010) gewon­nen hat, der mit einem statt­li­chen Preis­geld ver­bun­den ist. Dana Kern und Syl­via Gra­mann kommt es bei der Ein­rich­tung der Kin­der­bi­blio­thek auf die Sicht der Kin­der an. Sie sol­len für das Lesen begeis­tert wer­den. Sven Magnus, ein Spiel­zeug­gestal­ter, wird dazu geholt. Die Ideen vom Dra­chen „KiBi“ und sei­nem Reich neh­men unter sei­ner Hand kon­krete For­men an: Leseh­öhle, Bücher­thron, Hän­ge­ses­sel und Kuschel­ecke. Die Kin­der wäh­len in den Rega­len aus, was ihnen gefällt. Das spricht sich schnell in Mei­nin­gen herum. An den Nach­mit­ta­gen wird die Kin­der­bi­blio­thek gestürmt.

Dana Kern hat nicht an die viel beschwo­rene Lese­mü­dig­keit von Kin­dern geglaubt, nicht an ihr aus­schließ­li­ches Inter­esse an digi­ta­len Medien. Jugend­li­che spricht sie mit Fried­rich Schil­ler an. Der Dich­ter kennt sich aus mit den Gefüh­len Her­an­wach­sen­der, mit Liebe, Rebel­lion und Schmerz. Zusam­men mit ihrer Rudol­städ­ter Kol­le­gin Petra Rott­schalk nutzt sie sei­nen 250. Geburts­tag, um ein Jugend­thea­ter­pro­jekt ins Leben zu rufen. Stü­cke wer­den ein­stu­diert und an unter­schied­li­chen Orten auf­ge­führt. Das Netz­werk erwei­tert sich mit Jena und Wei­mar auf alle vier Schil­ler­städte in Thü­rin­gen. Hel­den, Frei­heit, Welt­bild – jedes Jahr ein neues Thema, jedes Jahr andere Jugend­grup­pen. Lei­den­schaft­lich ringt Dana Kern um den Inhalt und begibt sich selbst hin­ein in Stü­cke. Sie holt Geflüch­tete auf die Bühne. In „Schil­lers „Die Räu­ber“ spie­len sie mit deut­schen Jugend­li­chen in der Räu­ber­bande. Viele ver­ste­hen die Spra­che nicht, wohl aber, was es bedeu­tet, zur Gruppe um Karl Moor zu gehö­ren. Sie füh­len die Wut gegen Unge­rech­tig­keit, den Zusam­men­halt und den Mut, für eine Idee ein­zu­tre­ten, sich poli­tisch zu enga­gie­ren. „Dana Kern war ein Mensch, der keine Angst hatte, künst­le­ri­sche Dinge durch­zu­set­zen. Sie ist ein gro­ßer Ver­lust für die Stadt“, sagt Gabriela Gil­lert, Regis­seu­rin und Lei­te­rin für Jun­ges Theater/Bürgerbühne im Mei­nin­ger Staatstheater.

Daheim. Von den Fens­tern ihres Hau­ses sieht Dana Kern über die Stadt im Wer­ra­tal. In den letz­ten Jah­ren hat sich eini­ges ver­än­dert, auch in der Kul­tur. Die Rei­bungs­ver­luste wer­den grö­ßer. Der Tou­ris­mus, den sie als tra­gende Säule begriff, ist ihr weg­ge­bro­chen. Auf ihrem Schreib­tisch liegt der Essay „Euro­padäm­me­rung“ von Ivan Kas­tev. Sie denkt nach über seine Worte vom Aus für den Traum vom freien und geein­ten Europa und über die Befürch­tung, dass der Kon­ti­nent in der glo­ba­len Bedeu­tungs­lo­sig­keit ver­schwin­den wird. Des­in­te­gra­tion ist das Wort für den Zer­fall der Euro­päi­schen Union. Den Zer­fall der Werte spürt sie. Er kriecht ihr unter die dünne Haut. Sie frös­telt. Wie etwas gegen eine mäch­tige Welle tun, die droht, alles zu über­flu­ten? Ihre Gedan­ken wan­dern zu Paul Oestrei­cher (*1931), dem gebür­ti­gen Mei­nin­ger, der ihr zum Freund gewor­den ist. Als jüdi­sches Kind musste er seine Hei­mat ver­las­sen. Zurück kam er als Frie­dens­bot­schaf­ter und Zeit­zeuge. Auf Hid­den­see hat ihn Dana Kern besucht, dafür gesorgt, dass er Ehren­bür­ger von Mei­nin­gen wird. Sei­nen 80. Geburts­tag fei­ert er dort. Die Stadt hat zu einem Fest­got­tes­dienst in die Schloss­kir­che gela­den. Paul Oestrei­cher kommt immer wie­der nach Mei­nin­gen, in Schu­len erzählt er den Jugend­li­chen aus sei­nem Leben und dis­ku­tiert mit ihnen. Er hat nie aufgegeben.

Ihr Blick über die Schul­ter. Das Lächeln, das sagt: „Jetzt bre­chen wir auf“. Wir fah­ren aus Mei­nin­gen hin­aus, über klei­ner wer­dende Stra­ßen stän­dig berg­auf und bie­gen in ein Wald­stück ein. Nach meh­re­ren Kur­ven erscheint eine Lich­tung. Wir sind am Jagd­schloss Fasa­ne­rie. Dana Kern liebt die opu­len­ten Tor­ten, die die Wirts­leute backen. Von der Ter­rasse schweift unser Blick weit ins Land, über die kege­li­gen Berge der Rhön. Dazwi­schen kleine Fel­der mit Getreide, Luzerne und Mohn. „Dort war die ehe­ma­lige Grenze“. Dana Kern zeigt auf einen Wach­turm. Dane­ben steht ein Kreuz, das den Frie­dens­weg ent­lang der thü­rin­gisch-bay­ri­schen Grenze mar­kiert. Geschichte, die wir selbst erlebt haben, lange her und doch so gegen­wär­tig. Im leich­ten Wind füh­len wir die Weite und Unbe­grenzt­heit. Ich muss gehen. Du bleibst in der Sonne sit­zen. Adieu, liebste Freundin.

Dana Kern (1957–2019) stu­dierte Phi­lo­so­phie und Thea­ter­wis­sen­schaf­ten in Leip­zig, lang­jäh­rige Kul­tur­re­fe­ren­tin der Stadt Mei­nin­gen und Geschäfts­füh­re­rin des Mei­nin­ger Tou­ris­mus­ver­eins, Mit­ar­beit in über­re­gio­na­len Tou­ris­mus-Ver­bän­den, dar­un­ter Schil­ler-Städte, Mit­be­grün­de­rin und Prä­si­den­tin des Kura­to­ri­ums Kul­tur­stadt Mei­nin­gen e.V., geschie­den, zwei Kinder.

 Porträts:

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  2. Daniela Danz – »Aus Gegensätzen Funken schlagen. Der Verleger, Ausstellungsmacher und Historiker Jens Henkel«
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  10. Doris Weilandt – »Die Provinz greift nach den Sternen«
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