Jens F. Dwars – »Es«

Thema

Wasser – Wald – Asphalt

Autor

Jens-F. Dwars

Thüringer Literaturrat e.V.

Es wächst, dachte er, als er es das erste Mal sah, das erste Mal wahr­nahm, daß da etwas wuchs, wucherte, jeden Ast des Gesträuchs hatte es mit gelb-grü­nen Fle­cken über­zo­gen, als hätte das Gewächs einen Aus­schlag. Ein schorf­ar­ti­ges Gebilde, das die Rinde zu befal­len schien, seine Haut, sie umschlie­ßend, bis sie erstickt war, aus­ge­trock­net, ein brü­chi­ges Ske­lett mit halb ver­dorr­ten Blät­tern, die mit­ten im Som­mer schon abfie­len, als sei Herbst und peitsch­ten die Stürme den kah­len Strauch, der wie ein alter Mann mit schloh­wei­ßem Haar am Hoch­ufer stand.

Das wird der Wind sein, dachte er, der den Atem der Stadt übers Meer trägt, die Aus­düns­tun­gen der Fabri­ken, die Rauch­wol­ken, die er aus einem Kühl­turm am Hori­zont paus­bä­ckig in den Him­mel auf­stei­gen sah. Der Sand­dorn, hieß es, sei schon auf rät­sel­hafte Weise ver­schwun­den. Tat­säch­lich: etwas hatte sich ver­än­dert, ohne daß sie es ver­mißt hät­ten beim ers­ten Gang zum Ufer, wie an jedem Abend ihrer Ankunft. Erst als ihr Ver­mie­ter davon sprach, bemerk­ten sie das Feh­lende: Das dor­nige Gestrüpp säumte noch immer den Weg, doch die Bee­ren, die sich sonst zu die­ser Zeit leuch­tend orange zu fär­ben began­nen, waren nicht mehr auf­find­bar. Nir­gends, an der gan­zen Küste keine Spur von den sau­ren Früch­ten, die doch ein Mar­ken­zei­chen der Halb­in­sel waren. Eine Sand­dorn-Manu­fak­tur gab es noch im nächs­ten Dorf, doch die bezog ihren Roh­stoff aus Polen und die Arbei­ter gleich mit.

Es wächst, es stirbt. Wir sehen, was wir wis­sen. Von nun an sah er es über­all, die­ses Wuchern, diese grin­di­gen Aus­wüchse. Nicht nur an der Küste, nicht nur im West­wind der Fabri­ken. Inmit­ten des Wal­des sah er es im nächs­ten Früh­jahr, hoch über der Stadt, auf einer Lich­tung, die vol­ler Kirsch­bäume stand. Vor zwan­zig Jahre hat­ten sie das letzte Mal dort geses­sen, mit den Kin­dern, die noch tage­lang davon schwärm­ten, von die­sem Meer aus Blü­ten, in dem es brummte und summte. Jetzt waren die Bäume nicht wie­der­zu­er­ken­nen, die Äste dürr, das Blatt­werk kahl, die Früchte klein und knor­pe­lig, als hät­ten sie sich vor Scham in sich selbst ver­kro­chen. Nur an den Stäm­men schim­merte etwas, das wuchs und wuchs.

Viel­leicht war sie zu alt, diese her­un­ter­ge­kom­mene Plan­tage auf der Lich­tung, die man vor zwei­hun­dert Jah­ren schon das Luft­schiff nannte, wo einst ein Gast­hof zu Aus­flü­gen lockte. Aber auch in den Gär­ten der Stadt kroch der grün­gelb blü­hende Aus­schlag den Stamm hin­auf in die aus­ge­lich­te­ten Kro­nen kräf­ti­ger Kirsch- und Apfel­bäume. Je mehr er dar­auf acht gab, desto häu­fi­ger sah er nun die­ses wuchernde Etwas, das auch von ihm selbst Besitz zu ergrei­fen, in sein Inners­tes hin­ein zu wach­sen drohte. Sah denn kei­ner, was da geschah? Daß die Blät­ter der Kas­ta­nie, die eben noch mit ihrem Blü­ten­ker­zen wie baro­cke Kan­de­la­ber prang­ten, schon Ende Juni braune Fle­cken beka­men und spä­tes­tens im August, gespens­tisch ver­formt in einem letz­ten Sich­auf­bäu­men, zu Rost zer­fie­len, daran hatte man sich gewöhnt. Man sprach von der Minier­motte, die in den acht­zi­ger Jah­ren aus Maze­do­nien über den Bal­kan nach Öster­reich kam und seit­dem ganz Europa erobert hatte. Das Wort, das Wis­sen um eine natur­ge­ge­bene Ursa­che einer wider­na­tür­lich häß­li­chen Erschei­nung wirkte beru­hi­gend, man hatte eine Erklä­rung für das Uner­klär­li­che. Und man hatte die Hoff­nung, auch der unschein­bare Fal­ter werde einen Feind fin­den, der ihn ver­tilge, weil die Natur dafür sorge, daß ein jedes Wesen von einem ande­ren ver­schlun­gen werde, um das Gleich­ge­wicht der Kräfte zu wah­ren. Nur der Mensch, dachte er, hat kei­nen Feind, außer sich selbst.

Auch das Wort „Fich­tenster­ben“ hatte etwas Sanf­tes, etwas Besänf­ti­gen­des. Ster­ben, sag­ten die Leute, gehöre zum Leben. Und man sprach von der Tro­cken­heit der Som­mer, vom Streß der Bäume, als seien sie Groß­stadt­be­woh­ner, vom Schwin­den ihrer Wider­stands­kräfte und von den Fol­gen der Mono­kul­tur, dem Wahn einer schnell wach­sen­den Forst­wirt­schaft, die nun zum Fest­mahl für den Bor­ken­kä­fer ver­kam. Misch­wald hieß die neue Hoff­nung, an der Viel­falt der Arten werde das Leben gesun­den. Aber wenn er auf sei­nen mor­gend­li­chen Spa­zier­gän­gen die Stadt sich im Tal räkeln sah, dann konnte er nicht dar­über hin­weg­se­hen, daß auch der Misch­wald ringsum zu ros­ten begann. Immer mehr rot­braune Leer­stel­len zeich­ne­ten sich ab, wo Kie­fern ihre Nadeln ver­lo­ren, obwohl das regen­rei­che Früh­jahr alles grü­nen und die jun­gen Triebe lust­voll auf­schie­ßen ließ.

Es wächst, es stirbt, es wächst. Du mit dei­ner Schwarz­ma­le­rei, sagte seine Frau, als er auf die Wund­male des Wal­des wies. Wund­male, sagte sie, und das Wort klang lächer­lich aus ihrem Mund, so edel, gesucht und hilf­los. So sieh doch, sagte er, und sie nahm sein Gesicht in beide Hände, sie sähe genug, sagte sie. Mein Wel­ten­ret­ter, und lief lachend davon, das ellen­lange Haar zu einem Zopf geflochten.

Flech­ten, schoß es ihm durch den Kopf, Flech­ten nennt man die Wuche­run­gen, die ihm jüngst schon im Traum begeg­net waren, die ihn wie wei­ches Moos umhüllt und ver­schlun­gen hat­ten. Er gab das Wort in die Such­ma­schine sei­nes Rech­ners ein. Bil­der in grün und gelb erschie­nen, halb­ver­dorrte Äste, Stämme mit Fle­cken­be­satz. Er war auf der rich­ti­gen Spur. Die dazu­ge­hö­ri­gen Texte belehr­ten ihn, Flech­ten seien keine Pflan­zen, eine Lebens­ge­mein­schaft aus Pil­zen und Algen, die sich nicht nur auf Bäu­men fände, auch Steine, Fel­sen, san­dige Böden über­zo­gen sie mit einer hauch­dün­nen Schicht. Der Pilz spei­chere das Was­ser, die Alge erzeuge Nähr­stoffe durch Pho­to­syn­these. So leb­ten sie zusam­men Hun­derte von Jah­ren, zuwei­len mehr als ein Jahr­tau­send lang. Eine Lebens­form, deren Effi­zi­enz der mensch­li­chen weit über­le­gen war, ohne die ande­rer zu gefähr­den. Nie­man­dem seien sie schäd­lich, auch den Bäu­men nicht, die sie besie­del­ten, ver­si­cherte gleich der erste Kom­men­tar. Sie seien keine Para­si­ten, beteu­erte der zweite, und der dritte erklärte, sie ent­zö­gen ihren Trä­gern auch keine Stoffe, seien nicht Sym­ptome einer Krank­heit, son­dern viel­mehr Zei­chen einer gesun­den Luft, frei von Schwer­me­tal­len und Schad­stof­fen, die das Wachs­tum die­ser selt­sa­men Gebilde behin­dern würden.

Sollte er sich so getäuscht haben, hatte sein Gefühl, seine Sehn­sucht nach Schön­heit ihn üppig gedei­hende For­men des Leben­di­gen als Boten des Todes ver­ken­nen las­sen? Merk­wür­dig war nur, daß er den immer glei­chen Text über diese selt­sa­men Gebilde auf einem Dut­zend ver­schie­de­ner Sei­ten jenes Net­zes fand, das mit sei­nen Ten­ta­keln die ganze Erde umspannte, das Wis­sen der Welt auf­saugte, Tag für Tag sich ver­meh­rend, und auf jede Frage eine Ant­wort parat hatte, die es mit rasen­der Geschwin­dig­keit in den ein­sams­ten Win­kel ent­sandt. Wer hatte da von wem abge­schrie­ben? Ein ungu­tes Gefühl beschlich ihn …

Zufall ist das allzu Fäl­lige, hatte er gele­sen. Und einer die­ser Zufälle wollte es, daß er um einen Bei­trag für ein Buch gebe­ten wurde. Was­ser, Wald, Asphalt – der Titel klang harm­los, ein Stab­reim, der die Bit­ter­nis der Bot­schaft ver­süßte: die Wüste wächst, drau­ßen wie drin­nen. So schrieb er auf, was ihn umtrieb, indem er die Bil­der, die ihn heim­such­ten, zu einem Spa­zier­gang in den Mor­gen mon­tierte, ein Pan­orama des Kom­men­den: die ros­ti­gen Wäl­der, die Schrift der Bal­kan­mot­ten auf den Blät­tern der Kas­ta­nie, das strah­lende Gelb der Ori­en­ta­li­schen Zacken­schöt­chen, die, weit her­ge­weht aus den Tie­fen Sibi­ri­ens, seit drei Jahr­zehn­ten an Weg­rän­dern wur­zeln, auf Wie­sen und Wei­den. Die geheim­nis­vol­len Flech­ten, die­ses Wach­sende am Ster­ben­den, wo kam es her, wo führe es hin?

Drei Tage nach Erschei­nen des Ban­des, klin­gelte sein Tele­fon. Eine der gro­ßen Zei­tun­gen erbat ein Inter­view. Er sei da etwas auf der Spur, das inter­es­siere die Öffent­lich­keit. Er mochte die Zei­tung nicht, die ihm zu bunt war, zu laut, zu schrill. Wahr­hei­ten, die man Lesern ins Gesicht schrie, glaub­ten sich sel­ber nicht. Nur leise Worte hal­len im Traum nach, nur in der Stille wächst, was bleibt. Das wußte er, und den­noch sagte er zu, siegte seine Neu­gier auf die­ses Stück Wirk­lich­keit, das sich frei­lich als so banal erwies wie jedes andere Gespräch mit Ver­tre­tern des Nach­rich­ten­be­triebs. Sie tra­fen sich in einem Café, ein Foto­graf bat ihn, das Buch in die Kamera zu hal­ten, drei­mal tippte er auf den Aus­lö­ser und ver­schwand. Die Fra­gen­stel­le­rin, schlank, einem Mode­ka­ta­log ent­stie­gen, stellte ihre Fra­gen, sie lächelte, was den bit­te­ren Zug um ihre schma­len Lip­pen noch betonte, notierte ein paar sei­ner Worte, lächelte noch ein­mal und bestand dar­auf, die Rech­nung zu bezahlen.

Am nächs­ten Tag las er in der bil­der­rei­chen Zei­tung die Schlag­zeile: Inva­sion aus dem Osten. Dar­un­ter stand sein Foto. Er sah es nicht gern, er sah sich nicht gern, er las den Kom­men­tar: Ein emp­find­sa­mer Schrift­stel­ler, ließ man die Leser wis­sen, öffne ihnen die Augen für eine Bedro­hung, deren Spu­ren wohl man­cher schon, ver­ein­zelt, begeg­net sei, deren gan­zes Aus­maß aber erst durch die Phan­ta­sie eines Dich­ters greif­bar werde. Die Gefahr komme aus dem Osten, wie lange wolle die Poli­tik noch taten­los zuse­hen, wie die hei­mi­sche Flora und Fauna von frem­den Lebens­for­men ver­drängt werde.

Er rief die Zei­tung an, das habe er nicht gesagt. So habe er es nicht gesagt. Aber doch wohl gemeint, ent­geg­nete ein Redak­teur. Es herr­sche Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit im Lande, noch gäbe es sie, sagte der Redak­teur, und er könne gern eine Ent­geg­nung schrei­ben, die sie gewiß dru­cken würden.

Im Brief­kas­ten fand er zwei Zet­tel: das Bei­tritts­for­mu­lar einer Par­tei, die er nicht mochte, und ein Papier, auf dem in unge­len­ken Groß­buch­sta­ben stand WIR BEOBACHTEN DICH.

Es wächst. Es stirbt. Es wächst.

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