Fragen an Anne Gallinat

Person

Anne Gallinat

Ort

Saalfeld/Saale

Thema

Fragen an Thüringer Schriftstellerinnen und Schriftsteller

Autor

Anne Gallinat

Reihe »Fragen an Thüringer Schriftstellerinnen und Schriftsteller« / Thüringer Literaturrat e.V.

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Auf­ge­wach­sen bin ich in Pots­dam – also, wenn man so will – im fla­chen Land. Als ich noch ein Kind war, ist meine Fami­lie im Urlaub immer in die Berge gefah­ren: zuerst in die Lau­sitz, manch­mal ins Vogt­land, oft nach Thü­rin­gen. Berg­land­schaf­ten – das war für mich der Inbe­griff von Weite. Im fla­chen Land kann man so weit sehen, wie das Auge reicht. Bes­ten­falls. Im Gebirge kann man auf einen Berg stei­gen… und wei­ter sehen, als das Auge reicht. So habe ich es jeden­falls immer emp­fun­den, auch wenn diese These sicher­lich aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht nicht halt­bar ist.

Als ich 1995 nach Thü­rin­gen gezo­gen bin, war ich meh­rere Monate in »Urlaubs­stim­mung« – Inzwi­schen sind mir »meine Berge« ver­traut. Der »Urlaubs­ort« ist zu einer zwei­ten Hei­mat gewor­den. Aber es kommt vor, dass ich plötz­lich mit­ten in der All­täg­lich­keit wie­der den »Urlaubs­zau­ber« der Thü­rin­ger Berg­land­schaft emp­finde.

 

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Man sagt viel­leicht nicht umsonst: Schrei­ben ist The­ra­pie.

Zum Schrei­ben brin­gen mich meine eige­nen Pro­bleme: Pro­bleme mit mir selbst und      ande­ren; Kon­flikte mit mei­nem Umfeld, mit gesell­schaft­li­chen und sozia­len       Rea­li­tä­ten. Antrieb ist für mich Trau­rig­keit, Ver­zweif­lung. Nicht sel­ten auch Wut.

Wenn ich schreibe, suche ich manch­mal nach Lösun­gen. Manch­mal kann ich meine     Trau­rig­keit, Ver­zweif­lung und Wut wie ein Frem­der von außen sehen. Und manch­mal hoffe ich, dass meine Trau­rig­keit, Ver­zweif­lung, Wut auch die Trau­rig­keit,       Ver­zweif­lung und Wut von ande­ren, von mei­nen Lesern ist. Dass sie sich ver­stan­den         füh­len und ich mich nicht mehr so alleine.

Schrei­ben ist für mich auch, mir selbst und ande­ren Pro­bleme ins Bewusst­sein zu         rücken, Kon­flikte nicht ein­fach weg­zu­schie­ben und am Ende zu ver­drän­gen.

 

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Mein Gedächt­nis ist mein Tage­buch. Meis­tens kann ich sofort abru­fen, was ich für       meine Geschichte gerade an Ideen, Atmo­sphä­ren, Epi­so­den brau­che.

Mein Vater hat mal gesagt: »Wer ein Buch schreibt, arbei­tet eigent­lich unun­ter­bro­chen.« Ich stimme zu und würde es viel­leicht für mich so for­mu­lie­ren: Es arbei­tet in mir. Egal, was ich tue. Ob ich Geschirr spüle, Wäsche wasche, ein­kaufe oder koche: die Geschichte bewegt sich, bewegt mich, ent­wi­ckelt sich in mir. Wenn ich am Schreib­tisch sitze, weiß ich in der Regel ganz genau, was ich schrei­ben werde.

Am Schreib­tisch geht es mehr oder weni­ger nur noch darum, den Text in Form zu       brin­gen und sprach­lich zu gestal­ten.

Gele­gent­lich notiere ich mir Vari­an­ten, Mög­lich­kei­ten, um das Gedan­ken­chaos zu ord­nen, um letz­lich zu ent­schei­den: Was ist wich­tig für meine Geschichte? Was lasse    ich weg.

 

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?

Ich habe einen sehr struk­tu­rier­ten Arbeits­tag. Da ich alleine lebe, arbeite ich meis­tens   – mit klei­nen Unter­bre­chun­gen – von mor­gens bis abends.

Aller­dings habe ich noch einen klei­nen Neben­job als Stadt­füh­re­rin, den ich sehr liebe   und ein gro­ßes Hobby als Lei­te­rin eines his­to­ri­schen Mario­net­ten­thea­ters in Saal­feld, das ich noch mehr liebe.

Durch Pro­ben, Lesun­gen, Stadt­füh­run­gen gerät mein Arbeits­tag gele­gent­lich ein           biss­chen durch­ein­an­der. Doch diese Unter­bre­chun­gen emp­finde ich eher sel­ten als Stö­rung. Meis­tens als Bele­bung, um Kraft zu tan­ken für die ein­sa­men   Schreib­tisch­stun­den.

Natür­lich gibt es Dinge, die mich bei mei­ner Arbeit stö­ren, z.B. Bau­lärm und beharr­li­ches Tele­fon­klin­geln. Unlieb­same Tätig­kei­ten wie Büro­ar­bei­ten und Steu­er­ab­rech­nun­gen emp­finde ich nicht nur als Stö­rung, son­dern als kaum zu        bewäl­ti­gende Zumu­tung. Da kann ich durch­aus auch ein­mal zum »Gele­gen­heits–        Pro­kras­ti­na­teur« wer­den, indem ich das eine nicht tun will und das andere nicht tun   darf…

 

5. Ihr Lieb­lings­ort – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Lieb­lings­orte sind für mich dort, wo ich der been­gen­den All­täg­lich­keit ent­rin­nen kann. Orte, an denen ich das Gefühl habe, für eine kurze Zeit außer­halb mei­ner gewöhn­li­chen, klei­nen Welt zu sein. Dazu kön­nen Wäl­der, Wie­sen, eine ein­same Berg­kuppe und das Meer gehö­ren. Manch­mal aber auch eine fremde Stadt. Oder ein Blick aus dem Fens­ter wäh­rend einer Zug­fahrt oder einer Fahrt mit dem Fern­bus.

 

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Meine The­men finde ich immer wie­der in mei­ner Wirk­lich­keit. Mein letz­tes ver­öf­fent­lich­tes Buch »Han­nes‹ Bis­tro« han­delt von Men­schen, die nur ein Fuß­breit von einem Leben auf der Straße trennt. Meis­tens resul­tie­ren meine Ideen aus Beob­ach­tun­gen oder klei­nen Erleb­nis­sen. So war es auch in die­sem Fall. In mei­ner Wohn­sied­lung habe ich regel­mä­ßig ein son­der­ba­res Pär­chen getrof­fen. Der Mann war über­ge­wich­tig und – man sah es schon sei­nem Gesicht an – nicht beson­ders »helle«. Er ver­kehrte fast täg­lich in einer Kneipte und wurde dort von einer Frau abge­holt, die von ihrer gan­zen Erschei­nung her wie ein jun­ges Mäd­chen wirkte. Zunächst hielt ich die Frau für die Toch­ter des Man­nes,  der meis­tens betrun­ken war, aber auch im nüch­ter­nen Zustand nur über den Wort­schatz eines klei­nen Kin­des ver­fügte. Doch bald ent­deckte ich, dass die Frau kei­nes­falls die Toch­ter des Man­nes war, son­dern seine Lebens­part­ne­rin. Und ich fragte mich: warum lebt diese mäd­chen­hafte Frau mit die­sem stän­dig betrun­ke­nen Töl­pel zusam­men? Die Frage ließ mir keine Ruhe. Sie beschäf­tigte mich mehr und mehr. Noch spä­ter beob­ach­tete ich, dass die Mäd­chen-Frau und der Mann auf dem Sperr­müll nach Gegen­stän­den such­ten, die sie auf dem Trö­del­markt ver­kauf­ten, um ihren Lebens­un­ter­halt auf­zu­bes­sern. Und aus einer Frage, die sich so ohne wei­te­res nicht beant­wor­ten ließ, ent­stand zunächst die Erzäh­lung »Kom­mer­sche und Ilex«. Einige Zeit spä­ter lernte ich einen ehe­ma­li­gen Arzt ken­nen. Ein Arzt, des­sen sozia­ler Abstieg – bedingt durch seine Alko­hol­krank­heit – schon Jahre zurück lag. Der Dok­tor lebte in einer Ruine und war häu­fig in der Stadt auf einem ros­ti­gen, klapp­ri­gen Fahr­rad zu sehen. Aus einer Erzäh­lung wur­den zwei. Dann drei. Und schließ­lich der Roman »Han­nes‹ Bis­tro«.

 

7. Ihr Lieb­lings­buch?

»Krieg und Frie­den« von Lew Tol­stoi

 

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Nein.

 

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Das kann ich nicht sagen.

 

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Musik und Poli­tik.

 

11. Was ist für Sie Stil?

Stil ist für mich die ganz und gar indi­vi­du­elle und des­halb ein­zig­ar­tige Aus­drucks­form eines Autors. Der Stil eines Autors ist untrenn­bar ver­knüpft mit sei­nem Cha­rak­ter. Des­halb muss der Stil eines Autors so unver­wech­sel­bar sein, dass beim Lesen zu erken­nen ist, um wel­chen Autor es sich han­delt.

 

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Es gibt Per­so­nen, die ich sehr schätze, von denen ich viel gelernt habe und die ich manch­mal auch bewun­dere. Aber eine »bedeu­tendste Per­son« kann ich für mich nicht benen­nen.

 

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Ich bin seit mei­ner Jugend eine lei­den­schaft­li­che Lese­rin. In mei­ner Jugend­zeit haben mich vor allem die Klas­si­ker begeis­tert und Tho­mas Mann, Her­mann Hesse, Theo­dor Fon­tane, Tol­stoi, Dos­to­jew­ski, Tur­gen­jew. Um nur einige zu nen­nen. Heute lese ich gerne z.B. Zsuzsa Bank, Peter Stamm, Cle­mens Meyer, Daniel Glattauer und viele andere zeit­ge­nös­si­sche Autoren, aber sehr gerne auch die Bücher mei­ner Kol­le­gen.

 

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

Mein Lieb­lings­volks­lied: »Es geht ein dunkle Wolk her­ein…« … Es muss immer ein biss­chen trau­rig sein… Für Schla­ger kann ich mich über­haupt nicht erwär­men.

 

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

Das Motto ist zwar nicht von mir. Und ich kann nicht ein­mal sagen, von wem es kommt. Sicher ist nur, dass ich es zu mei­nem Lebens­motto gemacht habe:

»Das Gute wird nicht sie­gen. Aber man muss es tun, damit es in der Welt bleibt.«

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