Literatur aus Buchenwald
6 : Eugen Kogon – KL-»Freizeitgestaltung«

Person

Eugen Kogon

Ort

Gedenkstätte Buchenwald

Thema

Thüringen im literarischen Spiegel

Autor

Eugen Kogon

Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, Auszug, © 1974 Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg [K 00585].

Das Leben im KL war mit Skla­ven­ar­beit und Kampf um die nackte Exis­tenz bis oben­hin aus­ge­füllt. Frei­zeit? Es gab natür­lich auch eine Frei­zeit im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, aber sie war kärg­lich, im Nu ver­braucht durch das not­wen­dige Rei­ni­gen der Klei­dung, des Schuh­werks, der Spinde, und sie wurde von der SS noch bei jeder Gele­gen­heit beschnit­ten. In Betracht kamen über­haupt nur einige Abend­stun­den und der Sonn­tag. Oft genug musste aber das ganze Lager, regel­mä­ßig nach dem Abend­essen, erneut bis tief in die Nacht hin­ein zur Arbeit antre­ten. Die Schein­wer­fer über­strahl­ten das Gelände, um die nötige Helle für Arbeit und Kon­trolle zu schaf­fen. Von 1939 an war in Buchen­wald die Nacht­ar­beit ein »Pri­vi­leg« der Juden, bis im Jahre 1942 die interne Häft­lings­la­ger­lei­tung durch­drückte, dass auch andere Häft­lings­ka­te­go­rien her­an­ge­zo­gen wur­den und die Juden sie nur mehr zwei– bis drei­mal wöchent­lich zu leis­ten hat­ten. Der Arbeits­effekt war natür­lich nahezu Null, aber die Frei­zeit war weg, und nicht bloß die Frei­zeit, son­dern sogar der Schlaf.

Sonn­tags­ar­beit musste jah­re­lang, in man­chen Lagern immer, bis mit­tags oder nach­mit­tags mit ver­hält­nis­mä­ßig kur­zen Unter­bre­chun­gen geleis­tet wer­den. Die Spe­zia­li­tä­ten waren an die­sen Tagen Baum­stäm­me­schlep­pen und Stei­ne­tra­gen. Die zum Sonn­tags­dienst ein­ge­teil­ten Block­füh­rer – die regu­läre Arbeit der meis­ten Kom­man­dos ruhte, so dass die Kom­man­do­füh­rer frei hat­ten – räch­ten sich für den Ver­lust ihrer Frei­zeit durch Son­der­grau­sam­kei­ten.

Die Straf­kom­pa­nien hat­ten so gut wie über­haupt nie Frei­zeit. In der Nacht tönte es x‑mal plötz­lich durch die Laut­spre­cher: »50 Häft­linge der Straf­kom­pa­nie sofort ans Tor! Schot­ter abla­den!« Und wenn sie nach dem Ein­rü­cken am Sonn­tag­mit­tag, falls wirk­lich Sonn­tag­nach­mit­tag frei­gegeben wurde, nicht gleich am Tor, ohne Essen, stun­den­lang ste­hen­blei­ben muss­ten (sie star­ben nicht aus, weil ihre Zahl ja immer wie­der ergänzt wurde), dann hieß es bestimmt 30 oder 45 Minu­ten spä­ter: »Stu­ben­dienst her­hö­ren! Die Essen­kü­bel sofort zur Küche! Tee abho­len! Straf­kom­pa­nie ans Tor!«

Was man sich nun an wirk­li­cher Frei­zeit zusam­men­krat­zen konnte, manch­mal zehn Minu­ten, zuwei­len eine Stunde, sel­ten einen Nach­mit­tag, am ehes­ten noch im Win­ter, wenn der Arbeits­schluss frü­her lag, die Abende vor dem Zubett­ge­hen, das wurde in ganz ver­schie­de­ner Weise zur Erho­lung benutzt.

War das Wet­ter schön, so machte man auf den Lager­stra­ßen, sofern dies erlaubt war – und es war weder immer noch über­haupt in allen La­gern erlaubt –, einen »Spa­zier­gang«. Die­ses Wort kommt mir, wäh­rend ich es nie­der­schreibe, in der Erin­ne­rung an das Lager unge­heuer lächer­lich vor! Immer­hin: man ging, allein oder mit einem Kame­ra­den, zwi­schen den Blocks, im Dreck, stets auf der Lauer vor auf­tau­chen­den Schar­füh­rern, ange­sto­ßen von drän­gen­den, ren­nen­den Mit­ge­fan­ge­nen, auf­ge­scheucht von dem rau­hen Ruf irgend­wel­cher Essens­trä­ger: »Ach­tung – du Trot­tel!«, man ging also auf sol­che Weise »spa­zie­ren«. Oder man legte sich am Sonn­tagnachmittag in die Sonne – falls sie schien, was in den meist rauh ge­legenen KL nicht sehr häu­fig zutraf, und falls noch ein Plätz­chen zu fin­den war, und falls man wirk­lich alles Drin­gen­dere hin­ter sich hatte, und falls…und falls…Bis 1941 gab es in Buchen­wald inner­halb des eigent­lichen Lagers noch so etwas wie einen Baum­be­stand, also »Wald«, wo man (falls…) auf dem etwas abschüs­si­gen Boden lie­gen oder über den Sta­chel­draht hin­weg, zwi­schen den Wach­tür­men hin­durch ins Thü­rin­ger Land hin­aus­schauen konnte; in der Ferne, weit in der Ferne sah man die Umrisse des Harz­ge­bir­ges und an beson­ders hel­len Tagen den Kyff­häu­ser. Und Bau­ern stapf­ten über die Fel­der, drau­ßen, ein paar Pferde zogen am Pflug, ein Dorf mit einem Kirch­turm lag dahin­ter, blauer Rauch stieg irgendwo zwi­schen den Dächern auf … Da drau­ßen, ja, da lebte also das deut­sche Volk. Hm. Und dann ereig­nete sich fol­gen­des: 1939 kam ein SS-Mann mit dem schö­nen Namen Kraut­wurst in den »Wald« und war erbost dar­über, dass da so viele Häft­linge in ihrer Frei­zeit her­um­la­gen. Er brachte 70 – von denen min­des­tens 50 in dem Sinne »schul­dig« waren, dass sie nicht recht­zei­tig »abge­hauen« waren – zur Mel­dung, die nun an meh­re­ren Sonn­tag­nach­mit­ta­gen hin­ter­ein­an­der in der Gärt­ne­rei »Scheiße tra­gen« muss­ten. Frei­zeit im KL.

Kurio­ser­weise gab es im Lager so etwas wie Sport. Die Bedin­gun­gen dazu waren, wie man begrei­fen wird, nicht gerade rosig. Trotz­dem fan­den sich junge Leute, die noch über­schüs­sige Kräfte zu haben glaub­ten. (Und man­che, in ent­spre­chen­den Kom­man­dos, hat­ten sie ja auch.) Sie brach­ten es fer­tig, von der SS-Füh­rung die Erlaub­nis zum Fuß­ball­spiel zu erhal­ten! Die SS scheint es als eine Art Rekla­me­schild für den guten Zustand und die pracht­volle Laune der Häft­linge ange­se­hen zu haben. Es bil­de­ten sich meh­rere Mann­schaf­ten, die auf dem Platz hin­ter der letz­ten Block­reihe zu üben und zu Wett­spie­len anzu­tre­ten pfleg­ten. Zeit­weise spiel­ten in Buchen­wald 12 Mann­schaf­ten, anfangs auch eine Juden­mann­schaft, die aber spä­ter ver­bo­ten wurde. Die meis­ten Mann­schaf­ten tra­ten in tadel­lo­ser Fuß­ball­klei­dung an, auch die Fuß­ball­schuhe waren in Ord­nung. Woher? Geheim­nisse der Kor­rup­tion im Lager. Außer Fuß­ball betrie­ben einige Hand­ball, Faust­ball, Schlag­ball, bis jeder Fleck Erde inner­halb des Stachel­drahtes für den Bara­cken­bau benö­tigt wurde. Dann, ab 1943, als die SS in Buchen­wald (bei­leibe nicht in Auf­bau­la­gern!) nicht mehr so all­ge­mein zu schla­gen pflegte, wie es vor­her der Fall gewe­sen war, wurde von den Häft­lin­gen der Box­sport ein­ge­führt! Es ist irr­sin­nig, aber wahr: das KL hatte Bul­len, die sogar Schau­vor­stel­lun­gen ihrer unge­bro­che­nen Kraft und Geschick­lich­keit im Hiebe aus­tei­len gaben. Und die Schwa­chen, soweit sie noch gehen konn­ten, die Aus­ge­mer­gel­ten, die Halb­to­ten auf schwanken­den Bei­nen, die Aus­ge­hun­ger­ten sahen mit Ver­gnü­gen zu. Geheim­nisse der mensch­li­chen Natur.

Auch eine Lager­mu­sik­ka­pelle gab es, wie bereits erwähnt. Sie war in Buchen­wald auf Befehl Rödls Ende 1938 ent­stan­den. Zuerst waren es Zigeu­ner mit Gitar­ren oder Har­mo­ni­kas, die eine etwas dürf­tige Musik zusam­men­stell­ten. Spä­ter kam eine Posaune, noch spä­ter eine Trom­mel und eine Trom­pete hinzu. Alle Instru­mente muss­ten die Häft­linge selbst be­zahlen. Die Mit­glie­der der Kapelle arbei­te­ten tags­über im Holz­hof oder in der Zim­me­rei, so dass zum Pro­ben nur die Frei­zeit blieb. Es war grau­en­haft anzu­se­hen und anzu­hö­ren, wie die Zigeu­ner ihre lus­ti­gen Mär­sche spiel­ten, wäh­rend die abge­hetz­ten Gefan­ge­nen die toten oder ster­ben­den Kamera­den an der Musik­ka­pelle vor­bei ins Lager tru­gen, oder wie die Musik zur soge­nann­ten »Aus­zah­lung«, zur Aus­peit­schung von Häft­lin­gen, auf­zuspielen hatte. Ande­rer­seits bleibt mir der frost­klir­rende Neu­jahrs­abend 1939 unver­gess­lich, als ich, durch­fro­ren, hung­rig, kurz vor dem Abpfei­fen auf der Straße zwi­schen der ers­ten und zwei­ten Block­reihe unter­halb des Appell­plat­zes gehend – es war bereits men­schen­leer, still und alles in einer merk­wür­di­gen Ver­zau­be­rung, Eis­blu­men an den Bara­cken­fens­tern, Rau­reif über den Dächern, der Boden vor Kälte knir­schend, ein kla­rer Abend, das Leid und der Schre­cken selbst in Frost erstarrt –, eine Zigeuner­geige aus einem der Blocks spie­len hörte, wie von weit her, aus glück­licheren Zei­ten und Land­stri­chen, Klänge der Pußta, Melo­dien aus Wien und Buda­pest, Hei­mat­lie­der… 1940 ord­nete der Lager­füh­rer Flor­stedt an, dass eine ordent­li­che Blä­ser­ka­pelle gebil­det wer­den solle. Die Bezah­lung der Instru­mente werde die Wirt­schafts­ver­wal­tung über­neh­men. Als sie anka­men, fand er eine für ihn ein­fa­chere Lösung: »Die Musik bezah­len die Juden!« So geschah es. Außer­dem beschlag­nahmte er von den ange­kom­me­nen Instru­men­ten sofort 12 für den Musik­zug der SS. Von da an wur­den die Häft­linge der Lager­ka­pelle von schwe­rer Arbeit befreit, so­dass sie Übungs­stun­den ein­füh­ren konn­ten. Aller­dings pfleg­ten sich die Block­füh­rer ihre Lan­ge­weile im Übungs­raum der Musi­kan­ten zu ver­treiben und sich einen Schla­ger nach dem ändern Vor­spie­len zu las­sen. Die Kapelle wurde der­art in Anspruch genom­men, dass sogar bei die­sem anschei­nend leich­ten Kom­mando sechs Häft­linge wegen Lun­gen­schwä­che und Tuber­ku­lose aus­schei­den muss­ten und einer an Kehl­kopf­tu­ber­ku­lose starb.

Bei Besich­ti­gun­gen des Lagers durch aus­wär­tige Besu­che musste die La­gerkapelle regel­mä­ßig fröh­li­che Wei­sen spie­len. Um einen noch groß­artigeren Ein­druck her­vor­zu­ru­fen, wurde sie 1941 mit Uni­for­men der könig­lich-jugo­sla­wi­schen Garde durch die SS, die das far­ben­rei­che Zeug als »Beu­te­gut« anschleppte, ein­ge­klei­det. Mit ihren Mas­kie­run­gen und dem gan­zen übri­gen Lagert­am­tam sahen die Mit­glie­der der Musik­ka­pelle von da an wie die Zir­kus­di­rek­to­ren aus. An Sonn­ta­gen spiel­ten sie zu­weilen ein­zeln oder in Grup­pen für die Kame­ra­den in den Blocks oder gaben am Appell­platz ein Stand­kon­zert.

Der bei­nahe unun­ter­drück­bare mensch­li­che Wille zum Leben und zur Kul­tur brachte im Lager sogar Streich­quar­tette her­vor, die man­chen wert­vollen Vor­trag ver­an­stal­tet haben. Auch diese Ein­rich­tung hatte lange Zeit gebraucht, bis sie sich durch­set­zen konnte: ein jüdi­scher Blo­ck­äl­tes­ter, der im Win­ter 1939/40 die Geneh­mi­gung zur Bil­dung eines Quar­tetts und zu Vor­trä­gen für die Kame­ra­den gege­ben hatte, ver­lor seine Stel­lung und anschlie­ßend das Leben.

Außer der Lager­mu­sik gab es noch Radio. Die Block­füh­rer, die am Tor Dienst hat­ten, konn­ten die Laut­spre­cher­an­lage an das deut­sche Sende­netz anschlie­ßen, wenn sie woll­ten, und so den Häft­lin­gen die offi­zi­el­len Pro­gramme zu Gehör brin­gen. Außer­halb der Arbeits­zeit geschah dies in man­chen Lagern regel­mä­ßig; in ande­ren nie. Auf­bau­la­ger, deren Zahl beson­ders wäh­rend des Krie­ges stän­dig wuchs, besa­ßen über­haupt keine Radio­an­lage. Die Über­tra­gun­gen, meist Musik, da die SS-Leute an Vor­trägen irgend­wel­cher Art nicht inter­es­siert waren, so dass man von dem Pro­pa­gan­das­trom der Goe­b­bels-Maschine glück­li­cher­weise fast völ­lig ver­schont blieb, konn­ten eine große Annehm­lich­keit bedeu­ten, aber auch eine schwere Belas­tung für viele, beson­ders ältere Leute, wenn die Block­füh­rer bis 11 und 12 Uhr nachts nicht abdreh­ten; viele wur­den dann noch um die weni­gen kost­ba­ren Stun­den ihres Schla­fes gebracht. Am Sonntagnachmit­tag zwi­schen sechs und sie­ben Uhr die Phil­har­mo­ni­schen Kon­zerte des Deutsch­land­sen­ders zu hören, war Ent­span­nung und wirk­li­cher Genuss, – beein­träch­tigt ledig­lich durch den Kra­wall, der natür­lich in den Blocks herrschte, da die meis­ten ihren Pri­vat­an­ge­le­gen­hei­ten nah­gin­gen, ein stän­diges Hin und Her statt­fand mit Holz­schuh­ge­klap­per, Blech­schüs­sel­ge­klirr, und was der­glei­chen Begleit­um­stände mehr waren. Und heute noch darf ich bei der Erin­ne­rung an diese Kon­zerte nicht an die Zehn­tau­sende von Opfern den­ken, die gleich­zei­tig in so vie­len Lagern zu Tode gemar­tert oder ver­gast wur­den! (Obgleich das Pro­blem in die­ser Welt der kaum erträg­li­chen Gegen­sätze ganz all­ge­mein besteht und der Unter­schied zu den KL nur darin zu sehen ist, dass die Dinge hier eng und krass, jeder­mann ins Auge sprin­gend, neben­ein­an­der­la­gen.)

Ein Teil der Lager­in­sas­sen benutzte die Frei­zeit zum Lesen. In den Lagern stan­den Zei­tun­gen und Bücher zur Ver­fü­gung. An Tages­zei­tun­gen waren der »Völ­ki­sche Beob­ach­ter« (ein­fach VB oder Ver­blö­dungs­blatt ge­nannt), die Zei­tung aus dem Gau, in dem das Lager sich befand, und jeder­manns Hei­mat­blatt sowie einige Illus­trierte gestat­tet. Häft­lings­bü­che­reien wur­den da und dort eröff­net. Zur Beschaf­fung durf­ten sich die Ge­fangenen viel­fach Bücher von zu Hause schi­cken las­sen, oder sie muss­ten ent­spre­chende Geld­spen­den machen, aus denen die Kom­man­dan­tur natio­nalsozialistische Werke kaufte. Mit meh­re­ren 10.000 Mark hat sie in Buc­henwald jedoch ins­ge­samt nur 1009 Bücher besorgt. Aus eige­nen Mit­teln stif­tete sie 264 Bücher, davon je 60 Exem­plare von Hit­lers »Mein Kampf« und Alfred Rosen­bergs »Mythus des 20. Jahr­hun­derts«. Sie stan­den stets gleich gut erhal­ten, nagel­neu, unab­ge­nützt in den Bücher­re­ga­len. Im Laufe der Jahre stieg der Bestand der Bücher bis auf 13.811 ein­ge­reihte und rund 2000 unge­bun­dene Werke an. Nach Kriegs­aus­bruch soll­ten alle fremd­sprachigen Bücher, deren Her­kunfts­län­der mit Deutsch­land im Kriege stan­den, ver­nich­tet wer­den. Auf­grund der Erklä­rung, dass es sich fast aus­schließ­lich um Fach­li­te­ra­tur handle (was durch­aus nicht der Fall war), wurde geneh­migt, dass sie auf­be­wahrt blei­ben konn­ten, ohne aus­ge­lie­hen zu wer­den. Selbst­ver­ständ­lich wur­den sie nach weni­gen Wochen inter­essierten Kame­ra­den wie­der zur Ver­fü­gung gestellt. Die Büche­reien hat­ten zum Teil sehr wert­volle Werke. Ich selbst habe mich im Win­ter 1942/43, als im Block 42 des KL Buchen­wald Nacht­wa­chen ein­ge­rich­tet wer­den muss­ten, weil aus den Spin­den dau­ernd Brot gestoh­len wurde, mona­te­lang dazu gemel­det, mor­gens zwi­schen drei und sechs Uhr allein im Tages­raum zu sit­zen, um, wenn es herr­lich ruhig dort war, die Zeit zu fin­den, die Schätze der Lager­bi­blio­thek zu stu­die­ren. Welch ein Erleb­nis, mit Pla­tons »Gast­mahl« oder Gals­wor­thys »Swan Song« oder mit Heine, Kla­bund, Mehring unter einer abge­blen­de­ten Lampe zu sit­zen, wäh­rend die oft kaum mehr erträg­li­che »Gemein­schaft«, an deren Rei­hen man sonst auf Gedeih und Ver­derb in jeder Lebens­äu­ße­rung gefes­selt war, nebenan im Schlaf­saal schnarchte! Heine, Kla­bund, Mehring? Ja, auch sie gab es ille­gal im Lager, und zwar aus der soge­nann­ten Alt­ma­te­ri­al­ver­wer­tung. Die Natio­nal­so­zia­lis­ten im Land beschlag­nahm­ten viele Biblio­the­ken von »Staats­fein­den« und gaben sie zum Ein­stamp­fen. Teile davon gelang­ten als Alt­pa­pier in die Lager, wo sie als Klo­sett­pa­pier Ver­wen­dung fan­den. Die Häft­linge sor­tier­ten sorg­fäl­tig aus, was sie brau­chen konn­ten. Es kam vor, dass Jus­ti­ni­ans Pan­dek­ten dar­un­ter waren, berühmte juris­ti­sche Werke oft­mals, sehr häu­fig die Bibel in alten und neuen Aus­ga­ben. Man konnte sie zuwei­len noch vom Klo­sett weg ret­ten, musste dann aller­dings dort, um eine Revolte der Mit­häft­linge zu ver­mei­den, rasch für Ersatz sor­gen, was gar nicht leicht war, da erheb­li­cher Papier­man­gel herrschte. In Dachau hat­ten sie viele Bände der Werke von Karl Kraus; ihn selbst hatte ein gnä­di­ger Tod recht­zei­tig davor bewahrt, »Die letz­ten Tage der Mensch­heit« in neuer Form mit­er­le­ben und mit­er­lei­den zu müs­sen.

Nur unter den geschil­der­ten Aus­nah­me­be­din­gun­gen konnte man ge­legentlich im Lager allein sein, sonst nie. Nie – das will etwas hei­ßen. Die beste Form der Erho­lung blieb einem daher ver­sagt. Für Tau­sende war es wahr­schein­lich gut, dass sie über­haupt nicht zum Nach­den­ken kom­men konn­ten, sie wären sonst trüb­sin­nig gewor­den. Für die weni­gen ande­ren wurde es schlim­mer dadurch.

Eine Abwechs­lung beson­de­rer Art brachte im Mai 1941 nach Buchen­wald das Kino. Es war das erste in einem deut­schen Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger und scheint das ein­zige geblie­ben zu sein. Die Geneh­mi­gung zur Errich­tung war dadurch erreicht wor­den, dass der Kapo der Pho­to­ab­tei­lung die Sache der SS so schmack­haft wie mög­lich gemacht hatte: bei einem Ein­tritts­preis von 30 Pfen­nig je Kopf und einem Unkos­ten­bei­trag von 35 Mark je alten, abge­spiel­ten Film war die Rein­ein­nahme so hoch, dass es sich für die SS-Ver­wal­tung glän­zend bezahlt machte, den Häft­lin­gen ein Ver­gnügen zu gestat­ten. Man musste die Psy­cho­lo­gie der Lager-SS, wie sie sich um diese Zeit bereits ent­wi­ckelt hatte, gut ken­nen: ihre kor­rupte Geld­gier über­spülte die alten Ziel­vor­stel­lun­gen. Gleich im ers­ten Halb­jahr konn­ten 23.000 RM Rein­ein­nah­men an die Kom­man­dan­tur­kasse zum Ver­sau­fen und Ver­ju­beln abge­lie­fert wer­den. Auch die spä­tere Herab­setzung des Ein­tritts­prei­ses auf 20 Pfen­nig je Kopf erhielt das Geschäft noch ren­ta­bel, da mit dem Anwach­sen der Lager­be­leg­schaft auch die Be­sucherzahlen stie­gen. Die Beschaf­fung der Filme von der UFA Ber­lin war nicht immer ganz ein­fach. Es muss­ten SS-Män­ner kor­rum­piert und diplo­matische Kniffe ange­wandt wer­den, um stets von neuem einen Kurier in die Haupt­stadt schi­cken zu kön­nen. Gebo­ten wur­den wöchent­lich oder zwei­wö­chent­lich mit län­ge­ren Unter­bre­chun­gen Unter­hal­tungs- und Kul­turfilme. Ange­sichts der ent­setz­li­chen all­ge­mei­nen Ver­hält­nisse im Lager brachte es man­cher Kame­rad nie­mals über sich, ins Kino zu gehen. An­deren, die sich aus ebenso berech­tig­ten Grün­den über diese see­li­sche Schwie­rigkeit hin­weg­zu­set­zen ver­moch­ten, haben die weni­gen Stun­den Illu­sion neue Kraft gege­ben.

 Literatur aus Buchenwald:

  1. Bruno Apitz – »Das kleine Lager«
  2. Ruth Elias – »Die Hoffnung erhielt mich am Leben« (Auszug)
  3. Julius Freund – »Der Schriftsteller als Leichenträger – Jura Soyfer«
  4. Ivan Ivanji – »Schattenspringen« (Auszug)
  5. Imre Kertész – »Roman eines Schicksallosen« (Auszug)
  6. Eugen Kogon – KL-»Freizeitgestaltung«
  7. Carl Laszlo – »Erinnerungen eines Überlebenden«
  8. Fritz Lettow – »Arzt in den Höllen« (Auszug)
  9. Fritz Löhner-Beda – »Buchenwaldlied«
  10. Jacques Lusseyran – »Leben und Tod«
  11. Judith Magyar Isaacson – Die Hyäne
  12. Hélie de Saint Marc – »Jenseits des Todes«
  13. Jorge Semprún – »Die Lorelei«
  14. Leonhard Steinwender – »Die Stimme des Rufenden in der Wüste«
  15. Karl Stojka – »Auf der ganzen Welt zuhause« (Auszug)
  16. Ernst Thape – »Befehlsnotstand«
  17. Ernst Wiechert – »Der Totenwald« (Auszug)
  18. Elie Wiesel – »Die Nacht zu begraben, Elischa« (Auszug)
Diesen Artikel teilen:

Literaturland Thüringen‹ ist eine gemeinsame Initiative von
Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen · Thüringer Literaturrat e. V. · MDR-Figaro · MDR Thüringen – Das Radio

Gestaltung und Umsetzung XP.DT © 2011-14 [http://www.xp-dt.de]
© Thüringer Literaturrat e.V. [http://www.thueringer-literaturrat.de]

URL dieser Seite: [http://www.literaturland-thueringen.de/artikel/literatur-aus-buchenwald/eugen-kogon-kl-freizeitgestaltung/]