Edelbert Richter – »Für ein Ende der Halbwahrheiten. Korrekturen an unserem Bild von Judentum und Nationalsozialismus«

Ort

Weimar

Thema

Gelesen & Wiedergelesen

Autor

Jens-Fietje Dwars

Erstdruck in: Palmbaum, Heft 2/2019.

Gele­sen von Jens‑F. Dwars

Die Schuld des Wes­tens

 

Dies ist ein muti­ges Buch …“ So habe ich vor drei Jah­ren die Bespre­chung des Ban­des Deut­sche Ver­nunft – Angel­säch­si­scher Ver­stand (2015) von Edel­bert Rich­ter ein­ge­lei­tet (Palm­baum 2/2016). Und so könnte ich auch jetzt wie­der begin­nen. Denn das neue Buch ist in Inhalt, Ton und Bri­sanz die Fort­set­zung, ja Stei­ge­rung des vor­her­ge­hen­den.

Schon damals wider­sprach er der über­all nach­ge­be­te­ten Legende vom ver­meint­lich allein schäd­li­chen Son­der­weg der Deut­schen, der gera­de­wegs in die Ver­bre­chen des NS gemün­det habe. Rich­ter leug­net diese Ver­bre­chen nicht. Als Theo­loge vor der Wende Dozent an der Pre­di­ger­schule in Erfurt, gehörte er der kirsch­li­chen Frie­dens- und Öko­lo­gie­be­we­gung an, wurde Mit­be­grün­der des „Demo­kra­ti­schen Auf­bruchs“, war 1994 bis 2002 Bundestags­abgeordneter der SPD sowie 1991 bis 2005 Mit­glied in der Grund­wer­te­kom­mis­sion des Par­tei­vor­stan­des und wech­selte 2007 aus Pro­test gegen die „Agenda 2010“ zur Lin­ken.

Die­ser Autor steht links und doch erscheint sein jüngs­tes Buch in einem rechts­las­tig neo­kon­ser­va­ti­ven Ver­lag, weil kein lin­ker es dru­cken wollte. Für die meis­ten Rezen­sen­ten ist das Grund genug, die Fin­ger davon zu las­sen oder es von vorn­her­ein zu ver­dam­men. Ging es ihm 2015 um die öko­lo­gi­sche Dimen­sion der deut­schen Ver­nunft-Tra­di­tion im Gegen­satz zum angel­säch­si­schen­Ver- stan­des­den­ken, so will er sich nun Klar­heit dar­über ver­schaf­fen, was es mit der „Schuld des Vol­kes“ auf sich habe, dem er ange­höre.

Bloße Bekennt­nisse zur Schuld, zumal zu einer kol­lek­ti­ven, an der nach­wach­sende Genera­tio­nen gar nicht betei­ligt gewe­sen sein kön­nen, sind ja nicht nur unpro­duk­tiv, son­dern gefähr­lich, wenn sie an die Stelle der nöti­gen Erkennt­nis fort­wir­ken­der Wider­sprü­che tre­ten. Nicht nur das Ver­bre­chen, ein gan­zes Volk in Todes­fa­bri­ken aus­lö­schen zu wol­len, war mon­trös, auch der Eifer, sich zu die­ser Schuld zu beken­nen, ist es. Gegen die­sen „Schuld-Kult“ setzt Rich­ter nicht wie die Rech­ten einen trot­zig dümm­li­chen „Stolz, Deut­scher zu sein“. Er sucht nach einem Ver­ste­hen, das die Ver­bre­chen erklärt, ohne sie zu recht­fer­ti­gen! Allein für ein sol­ches Ver­lan­gen aber muss man sich heute schon recht­fer­ti­gen, weil Ver­ste­hen mit Rela­ti­vie­ren und die­ses wie­derum mit Ver­harm­lo­sen ver­wech­selt wird. Dabei heißt Ver­ste­hen das Ergrün­den einer Tat und ist das Erken­nen der Gründe eine Bedin­gung, kom­mende Unta­ten zu ver­hin­dern.

Nicht die ach so prak­ti­sche Markt­frau denkt kon­kret, sagt Hegel, die im Hin­zu­rich­ten­den nur den Ver­bre­cher sieht, der seine gerechte Strafe erhält, son­dern der Phi­lo­soph, der fragt, wie aus dem Men­schen ein Ver­bre­cher wer­den konnte.

Und so fragt Rich­ter nach dem Zusam­men­hang zwi­schen dem jüdi­schen Glau­ben, ein aus­er­wähl­tes Volk Got­tes zu sein, und der „poli­ti­schen Reli­gion“ des Natio­nal­so­zia­lis­mus, einer aus­er­wähl­ten Rasse anzu­ge­hö­ren. Dabei erin­nert er, wie 1933 bereits Gott­fried Benn, an die Völ­ker­morde der Israe­li­ten an den Heti­tern, Amo­ri­tern, Kanaa­ni­tern und ande­ren Stäm­men, die das Alte Tes­ta­ment als Got­tes Wille über­lie­fert: „Du wirst alle Völ­ker ver­til­gen. die der HERR, dein Gott, gebo­ten hat.“ Wer hier Kurz­schlüsse zieht, wird zum Zyni­ker. Wer aber das Ganze der Kul­tur­ge­schichte zweier Jahr­tau­sende und nicht nur die 70 Jahre seit dem letz­ten Welt­krieg bedenkt, der wird sich hüten, vor­schnelle Urteile zu fäl­len.

Um die Schuld, oder sagen wir bes­ser: Mit­ver­ant­wor­tung der west­li­chen Indus­trie­staa­ten am Ent­ste­hen die­ses ver­hee­ren­den Krie­ges dreht sich der zweite Teil des Buches.  Rich­ter erin­nert daran, dass die Impe­ri­al­po­li­tik  Groß­bri­tan­ni­ens und der USA das ursprüng­li­che Vor­bild Hit­lers waren, der sehr genau den Ras­sis­mus des wei­ßen Man­nes als deren Grund­lage begriff und ihnen nach­ei­ferte. Wie die ame­ri­ka­ni­schen Sied­ler mit den India­nern umgin­gen, die Bri­ten mit den Indern oder die Skla­ven­händ­ler mit Mil­lio­nen Afri­ka­nern, so soll­ten es die Deut­schen bei der Erobe­rung von „neuem Lebens­raum“ in Ost­eu­ropa tun: sich zu Her­ren der ver­meint­lich min­der­wer­ti­gen Ras­sen auf­schwin­gen oder sie ver­nich­ten.

Und weder Ame­rika noch Eng­land haben je vor Krie­gen zurück­ge­schreckt, wenn es ihnen um die Durch­set­zung ihrer impe­ria­len Macht­in­ter­es­sen ging. Wes­halb der Nürn­ber­ger Pro­zess für Rich­ter so lange ein blo­ßer Akt des Natur­rechts bleibt, des Rechts der Stärke, bis die Sie­ger nicht ihre eigene Macht­po­li­tik infrage stel­len.

Und so fragt er denn auch: Wer mehr Schuld auf sich gela­den habe, „die­je­ni­gen, die mit den Mensch­heits­ver­bre­chen began­nen“ oder die, die sie imi­tier­ten? (S. 380) Die Ers­te­ren, meint Rich­ter, seien die Haupt­schul­di­gen, da sie ein Tabu bra­chen.

Aber was, wenn die ganze Geschichte nur aus Macht und Abschre­ckung besteht? Und aus wohl­fei­lem Mora­li­sie­ren …

 

  • Edel­bert Rich­ter: Für ein Ende der Halb­wahr­hei­ten. Kor­rek­tu­ren an unse­rem Bild von Juden­tum und Natio­nal­so­zia­lis­mus, Edi­tion Son­der­wege. Maniscrip­tum Ver­lags­buch­hand­lung Lüding­hau­sen und Ber­lin 2018, br., 448 S., EUR 24,80
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