Heinz Stade – »bauhaus«

Heinz Stade – »bauhaus«

Jens- F. Dwars

 

Bauhaus-Fibel

 

Mehr als 60 Bände umfasst sie bereits: die Rhino Wes­ten­ta­schen Biblio­thek. Mit nur 8 x 11,5 cm pas­sen die „Klei­nen Rhi­nos“ wirk­lich in jede Wes­ten- oder Jacken­ta­sche. Und auf 96 Sei­ten beinhal­ten sie eine ganze Welt: Mit knap­pen, dich­ten Tex­ten und vie­len, durch­ge­hend far­bi­gen Abbil­dun­gen in zeit­ge­mäß dyna­mi­scher Gestal­tung sind sie infor­ma­tiv und unter­halt­sam zugleich.

Das trifft auch auf den vor­lie­gen­den Band von Heinz Stade zu, der zwar bereits 2016 erschie­nen ist, doch im Bau­haus-Jahr ein prak­ti­scher Hel­fer für jeden sein kann, der die Stät­ten des Bau­hau­ses jen­seits der aus­ge­tre­te­nen Tou­ris­ten­pfade erkun­den möchte. Denn das kleine Büch­lein führt nicht nur zu den berühm­ten Wir­kungs­stät­ten der Bau­häus­ler in Wei­mar, Des­sau und Ber­lin. Es sich­tet auch weni­ger bekannte Bau­haus-Spu­ren in Ber­nau, Leip­zig, Halle, Jena, Qued­lin­burg und selbst in Probst­zella, wo ein stil­ech­tes Bau­haus-Hotel auf die Leser war­tet!

 

  • Heinz Stade: bau­haus, Rhino-Wes­ten­ta­schen-Biblio­thek, Band 52, Rhi­no­Ver­lag, Ilmenau 2016, 96 S. EUR 5,95.

Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb 2019

Der Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerb als Forum für Schreibende in Thüringen findet auch im Jahr 2019 statt

 

Spä­tes­tens mit dem Sie­ges­zug des Poe­try Slam ist der Begriff des Poe­ten, der Poe­tin wie­der in aller Munde und gilt nicht län­ger als ange­staubt und alt­mo­disch. Ein quick­le­ben­di­ger, streit­ba­rer und sprachmäch­ti­ger Poet war auch Eoba­nus Hes­sus (1488–1540). Mit­ten hin­ein­ge­bo­ren in den Über­gang vom Mit­tel­al­ter zur Neu­zeit und damit in einen epo­cha­len Umbruch mit all sei­nen Erschüt­te­run­gen im Den­ken und Füh­len der Men­schen, ent­wi­ckelte sich Eoba­nus Hes­sus in Erfurt, wo er sich 1504 an der Uni­ver­si­tät imma­tri­ku­lierte, zu einem »Dich­ter­kö­nig« und maß­geb­li­chen Ver­tre­ter des deut­schen Huma­nis­mus. Der Pro­fes­sor für Spra­che, Poe­sie und Rhe­to­rik ver­sam­melte in der Erfur­ter Engels­burg Freunde und Mit­strei­ter und machte sie zu einem Ort des leben­di­gen intel­lek­tu­el­len Aus­tau­sches über Lite­ra­tur, Poli­tik und Zeit­ge­sche­hen, zu einer »Poe­ten­burg«, wie sie damals bald genannt wurde.

 

Die Preise

Ver­ge­ben wer­den fol­gende Preise:

Drei Haupt­preise, jeweils mit € 400,00 dotiert
Drei För­der­preise in Form eines Bücher­gut­scheins in Höhe von € 100,00
Ein Publi­kums­preis für die beste Text­dar­bie­tung bei der öffent­li­chen Preis­ver­lei­hung am 6. Dezem­ber im Kul­tur: Haus Dacheröden
Wie nehme ich am Schreib­wett­be­werb teil?

Ein­sen­de­schluss ist der 1. Sep­tem­ber 2019. Alle Ein­sen­dun­gen bitte aus­schließ­lich per E-Mail an eobanus-hessus@herbstlese.de sen­den. Der ein­ge­reichte Text muss anony­mi­siert sein, also ohne Nen­nung des per­sön­li­chen Namens. Außer­dem ist ein Anschrei­ben erfor­der­lich, dem Name, Adresse, E-Mail & Tele­fon, Geburts­da­tum und der Titel des Tex­tes bzw. der Gedichte sowie eine kurze Beschrei­bung zur Per­son und zu den bis­he­ri­gen lite­ra­ri­schen Akti­vi­tä­ten zu ent­neh­men sind.

Die Jury liest alle ein­ge­reich­ten Texte, die die o.g. Kri­te­rien erfül­len, und setzt sich aus fol­gen­den Per­so­nen zusam­men: Ingrid Annel (Schrift­stel­le­rin), Anke Engel­mann (Autorin und Jour­na­lis­tin), Michael Hel­bing (Thü­rin­ger All­ge­meine), Monika Ret­tig (Erfur­ter Herbst­lese e.V.), Ellen Scher­zer (Fried­rich-Böde­cker-Kreis für Thü­rin­gen), Hil­de­gard Sei­del (Lei­te­rin der Stadt­bi­blio­thek Nord­hau­sen).

 

Hintergrundinformationen

Das Stu­den­ten­zen­trum Engels­burg rief 2001 zusam­men mit der Kul­tur­di­rek­tion Erfurt den Schreib­wett­be­werb ins Leben. Der För­der­ver­ein Huma­nis­tenstätte Engels­burg e.V. zählt bis heute zu sei­nen Unter­stüt­zern. Den Staf­fel­stab des Ver­an­stal­ters hat inzwi­schen der Ver­ein Erfur­ter Herbst­lese über­nom­men, der seit 2018 zusam­men mit der Stadt Erfurt den Wett­be­werb aus­rich­tet. Wei­tere Part­ner sind die Spar­kasse Mit­telthü­rin­gen, der Fried­rich-Böde­cker-Kreis für Thü­rin­gen e.V., die Buch­hand­lung Hugen­du­bel in Erfurt, die Lite­ra­ri­sche Gesell­schaft Thü­rin­gen e.V., der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat und der Schrift­stel­ler­ver­band Thü­rin­gen. Als Medi­en­part­ner schaf­fen die Thü­rin­ger All­ge­meine, Radio F.R.E.I. sowie das hEFt für lite­ra­tur, stadt und all­tag die nötige Öffent­lich­keit.

Der Schreib­wett­be­werb möchte junge Lite­ra­tur in Thü­rin­gen för­dern, ihre Band­breite und ihr Poten­zial zei­gen. Ein­ge­la­den zur Teil­nahme sind alle Schrei­ben­den zwi­schen 18 und 30 Jah­ren, die in Thü­rin­gen leben. Es gibt kein über­ge­ord­ne­tes Thema, zu dem Texte ver­fasst wer­den sol­len, ledig­lich die Ein­gren­zung auf die Gat­tun­gen Prosa und Lyrik. Pro­sa­texte dür­fen einen Umfang von maxi­mal 10.000 Zei­chen (inklu­sive Leer­zei­chen) haben, bei der Lyrik kön­nen bis zu drei Gedichte ein­ge­reicht wer­den.

Wie Eoba­nus Hes­sus erle­ben auch wir heute eine Zei­ten­wende – Glo­ba­li­sie­rung, Künst­li­che Intel­li­genz und der Ein­tritt ins digi­tale Zeit­al­ter mögen als Stich­wör­ter genü­gen – und einen rasan­ten Wan­del, der unser Bewusst­sein und unser kon­kre­tes Leben nach­hal­tig beein­flusst. Der Schreib­wett­be­werb im Geiste von Eoba­nus Hes­sus und der mit dem Huma­nis­mus ver­bun­de­nen auf­klä­re­ri­schen Werte der Tole­ranz, indi­vi­du­el­len Frei­heit und Men­schen­würde soll ermun­tern und ermu­ti­gen, sich mit unse­rer Zeit, ihren Her­aus­for­de­run­gen und Wider­sprü­chen lite­ra­risch aus­ein­an­der­zu­set­zen und einen authen­ti­schen Aus­druck zu fin­den für das eigene Erle­ben.

Erlaubt ist inner­halb der oben genann­ten Gren­zen alles – ganz im Sinne des Vol­taire-Wor­tes: »Jede Art zu schrei­ben ist erlaubt, nur nicht die lang­wei­lige.« Es dür­fen also wit­zige, trau­rige, iro­ni­sche, wütende, sati­ri­sche oder sonst wie aus­ge­rich­tete Texte sein. Aus­schlag­ge­bend für die Prä­mie­rung ist am Ende die lite­ra­ri­sche Qua­li­tät des Tex­tes.

 

Über den Verein Erfurter Herbstlese

Der Ver­ein Erfur­ter Herbst­lese betreibt seit Anfang 2017 mit Unter­stüt­zung der Stadt Erfurt das Kul­tur: Haus Dacheröden als offe­nes Bür­ger- und Lite­ra­tur­haus und bringt in die­ses neue Pro­jekt seine über viele Jahre erwor­bene Kom­pe­tenz als lite­ra­ri­scher Ver­an­stal­ter ein. Mit den Fes­ti­vals »Erfur­ter Herbst­lese« und »Früh­lings­lese« hat der Ver­ein eine Erfolgs­ge­schichte geschrie­ben, die anhält und von der sowohl das Kul­tur: Haus Dacheröden als auch der Eoba­nus Hes­sus Schreib­wett­be­werb pro­fi­tie­ren sol­len.

Die Anbin­dung des Wett­be­wer­bes an das Haus Dacheröden mit sei­nen Lesun­gen, Dis­kus­si­ons­fo­ren, einer offe­nen Lese­bühne, Werk­stät­ten für Krea­ti­ves Schrei­ben und Rei­hen, die sich mit lite­ra­ri­scher Pro­duk­ti­vi­tät und dem Lite­ra­tur­be­trieb in all sei­nen Facet­ten befas­sen, eröff­net die Chance, junge Lite­ra­tur aus Thü­rin­gen über den Wett­be­werb hin­aus zu prä­sen­tie­ren und zu dis­ku­tie­ren, zu för­dern und zu ver­net­zen.

Die Preis­ver­lei­hung
Die Preis­ver­lei­hung fin­det am 6. Dezem­ber 2019 im Rah­men des Fes­ti­vals »Erfur­ter Herbst­lese« im Kul­tur: Haus Dacheröden statt. Die Texte des Wett­be­wer­bes wer­den außer­dem im Erfur­ter Maga­zin hEFt ver­öf­fent­licht und fin­den Ein­gang in die Antho­lo­gie der Preis­trä­ge­rin­nen und Preis­trä­ger, die in mehr­jäh­ri­gem Abstand erscheint.

Kon­takt
Erfur­ter Herbst­lese e.V.
Anger 37
99084 Erfurt
Tel.: 0361 644 123 75

 

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Judith Magyar Isaacson – Die Hyäne

Gegen Ende des Win­ters hör­ten wir von eini­gen Fran­zo­sen, daß die Ame­ri­ka­ner das nahe­ge­le­gene Kas­sel besetzt hat­ten, und von da an erwar­te­ten wir sie jeden Tag in Lich­tenau. Der Muni­ti­ons­fa­brik gin­gen die Che­mi­ka­lien aus, und die SS schleppte einige von uns zu einem rie­si­gen hoch­ge­le­ge­nen Wald, um einen Ablauf­ka­nal zu gra­ben. Unser Zug hielt in Helsa, einem mär­chen­haf­ten Dorf, ein­ge­bet­tet in eine eis­zeit­li­che Senke in der Nähe von Lich­tenau. Es gab Fach­werk­häu­ser, auf deren Vor­der­front Leb­ku­chen­mus­ter gemalt waren.

»Wie idyl­lisch«, staunte Éva, »wie eine Abbil­dung für ›Hän­sel und Gre­tel‹«.

»Es könnte ein Büh­nen­bild für eine Oper abge­ben«, sagte Meda Dános.

»Bah!« spuckte Marcsa aus. »Ihr soll­tet euch schä­men, alle beide. Es ist wider­lich deutsch.«

Wir gin­gen in Fün­fer­rei­hen einen sich win­den­den Berg­weg hin­auf, und mir stockte der Atem ange­sichts des sich immer wei­ter aus­brei­ten­den kla­ren Him­mels und der schnee­be­deck­ten Kämme. »Die ger­ma­ni­schen Göt­ter haben sich ein groß­ar­ti­ges Plätz­chen aus­ge­sucht«, mur­melte ich. »Ein Para­dies – für Deut­sche.«

Erschöpft von der Klet­te­rei brachte Mut­ter müh­sam her­vor: »Nächs­tes Jahr wer­den wir mit Papa in die Tatra fah­ren. Das wird himm­lisch …«

Als der Vor­mit­tag halb vor­über war, erreich­ten wir ein son­nen­über­flu­te­tes Pla­teau, das mit halb­ge­tau­ten Kie­fern­na­deln und stel­len­weise mit Schnee bedeckt war. Die SS ver­teilte mit wich­ti­ger Gebärde Stra­ßen­bau­ge­rät, doch die Arbeit war nur ein Vor­wand, um uns zu beschäf­ti­gen: Auf dem gefro­re­nen Boden war mit einer Spitz­ha­cke nichts aus­zu­rich­ten.

Als die Sonne sich ihrem höchs­ten Punkt näherte, lie­ßen die SS-Auf­se­he­rin­nen uns tro­ckene Zweige für ein Lager­feuer sam­meln. Da die Wacht­pos­ten mit dem Gril­len ihrer wür­zig duf­ten­den Würste beschäf­tigt waren, schenk­ten sie uns nur wenig Auf­merk­sam­keit. Unsere Pause nahm sich beschei­de­ner aus: Wir kau­ten Brot, wärm­ten unsere Hände überm Feuer und gin­gen zum Pin­keln in den Wald. Wage­mu­tig blieb ich auf einer son­nen­be­schie­ne­nen Lich­tung zurück in der Hoff­nung, daß die Blut­hunde mich nicht wit­ter­ten. Die erwärmte, feuchte Erde ver­strömte das ste­chende Aroma von Ver­we­sung und Wie­der­ge­burt. Ein Vögel­chen zwit­scherte auf einem Kie­fern­zweig, und mir fiel das fröh­li­che Gedicht »Nyit­ni­kék« von Lörincz Szabó ein, das von der Geduld und Zuver­sicht eines win­zi­gen Vogels han­delt: »Aki­nek tele ross­zabb mint az enyém / és aki mégis csupa remény – Geht der Win­ter dem Ende ent­ge­gen, klingt sein Hoff­nungs­lied rein und ver­we­gen.«

»Wir schaf­fen es bis zum Früh­ling«, sagte ich mei­nem gefie­der­ten Freund.

Plötz­lich schreckte mich die »Hyäne«, unsere häß­lichste Auf­se­he­rin, mit ihrer bar­schen Stimme auf: »Du willst dich wohl drü­cken, du Schlampe!« schnauzte sie mich an. »Statt zu pis­sen, lun­gerst du hier herum. Denkst bestimmt an Män­ner. Haha!« Ich schüt­telte wort­los den Kopf und setzte mich in Rich­tung mei­ner Kame­ra­din­nen in Bewe­gung.

Die »Hyäne« packte mich am Arm und schlug mir auf die Wan­gen. »Lüg mich nicht an!« brüllte sie. »Ich seh’s dir an der Nasen­spitze an. Aber Träume sind das ein­zige, was dir bleibt, du Schlampe. Nach dem Krieg wirst du auf eine ein­same Insel gebracht. Keine Män­ner – nicht mal Ein­ge­bo­rene. Da wird dir dein fei­nes Gesicht viel nüt­zen, in Gesell­schaft von Schlan­gen. Glaubst du, die Ame­ri­ka­ner gewin­nen den Krieg? Das wäre dein Todes­ur­teil. Bevor die Ame­ri­ka­ner kom­men, wer­den wir euch Juden­schlam­pen erschie­ßen – Befehl des Füh­rers. Dein Schick­sal ist besie­gelt, so oder so: keine Män­ner, kein Sex, keine Kin­der Sarahs.«

Die Dro­hun­gen der »Hyäne« rie­fen sexu­elle Phan­ta­sien bei mir wach: Som­mer­nächte am Plat­ten­see, Geschlechts­ver­kehr in einem klei­nen Boot, das nie­mals ken­terte. Der Held mei­ner Träume war ein hin­rei­ßen­der Zwangs­ar­bei­ter, den ich nur vom Sehen kannte. Ich hatte ihn wegen sei­nes ath­le­ti­schen Kör­per­baus, grie­chi­schen Pro­fils und der gra­ziö­sen Art, wie er mit den Gra­na­ten han­tierte, »Dis­kus­wer­fer« getauft.

Andere Dinge nähr­ten diese Gedan­ken auch: das Ende des Krie­ges und der Früh­lings­an­fang. Éva Jám­bor, meine bebrillte Freun­din, bekam von einem hol­län­di­schen Zwangs­ar­bei­ter einen Hei­rats­an­trag. »Er sieht gut aus, er ist blond.« Éva wurde rot, als sie mir von ihm erzählte. »Ich kenne ihn nicht, und er kennt mich nicht. Und doch will er mich nach dem Krieg hei­ra­ten. Ver­rückt, was?«

»Nicht so ver­rückt, wie du denkst.«

Veras bel­gi­scher Ver­eh­rer wollte nicht so lange war­ten. Er ver­riet Vera, daß die SS vor­hatte, alle Juden fort­zu­schaf­fen, bevor die Ame­ri­ka­ner Lich­tenau befrei­ten. Der Bel­gier ver­sprach, den elek­trisch gela­de­nen Draht­zaun durch­zu­schnei­den und Vera zu befreien, sobald das Lager geräumt würde. »Ich werde mich im Lager ver­ste­cken, wenn ihr auf­brecht«, ver­traute Vera mir an.

»Aber wo willst du dich ver­ste­cken?« fragte ich skep­tisch

»Ich werde in ein Latri­nen­loch sprin­gen. Bete für mich, Jutka.«

»Du kannst nie und nim­mer allein da raus­kom­men«, sagte ich erschau­dernd. »Kannst du ihm trauen?«

»Mach’ dir keine Sor­gen, Jutka«, sagte sie und warf ihren bron­ze­far­be­nen Kopf hoch. »Ich kenne mei­nen Mann.«

Ich hätte gewünscht, ich könnte das­selbe von mir sagen. Mein Fran­zose und ich hat­ten schon meh­rere Monate mit­ein­an­der geflir­tet, aber nur aus der Ferne. Ein paar Tage spä­ter nahm er end­lich Ver­bin­dung auf. Als unsere Schicht sich unter­halb sei­nes Arbeits­plat­zes zur Arbeit schleppte, hörte er auf, seine Gra­na­ten zu laden, und ließ ein win­zi­ges Papier­flug­zeug in meine Rich­tung glei­ten. Unsere SS-Auf­se­he­rin mit der gro­ßen Nase, die »Hyäne«, die uns unent­wegt mit Hilfe eines Taschen­spie­gels nach­stellte, bemerkte dies­mal nichts. Auf einem Flü­gel stand in fran­zö­si­scher Spra­che die Anschrift: »An das blaue Kopf­tuch«. Heim­lich gaben es meine Kame­ra­din­nen wei­ter bis zu mir. Rasch ent­fal­tete ich das Papier­flug­zeug und las die Bot­schaft: »Ich habe einen Flucht­plan.« Einen Moment dachte ich an Mut­ter und Magda und beschloß, sie mit­zu­neh­men – in der Hoff­nung, daß mein Fran­zose bes­sere Pläne hatte, als sich in Latri­nen­lö­chern zu ver­ste­cken.

Einige Tage spä­ter setzte er eine wei­tere geflü­gelte Bot­schaft in meine Rich­tung ab. Mit glü­hen­dem Gesicht sah ich die Brief­taube aus Papier auf einem sanf­ten Luft­zug her­schwe­ben. Wird sie mich fin­den? Sie tat es, doch ich hatte keine Gele­gen­heit, die win­zige Schrift zu ent­zif­fern. Die »Hyäne« stürzte sich auf mich, wäh­rend ich noch die Flü­gel ent­fal­tete.

»Ich hab auch hin­ten Augen!« Die SS-Auf­se­he­rin schwenkte tri­um­phie­rend ihren Taschen­spie­gel. »Dafür wird dich der Kom­man­dant erschie­ßen, du Schlampe.« Doch am nächs­ten Tag erreich­ten die Ame­ri­ka­ner die Umge­bung von Lich­tenau, und ich kam unge­straft davon.

Wäh­rend des Mor­gen­ap­pells ver­kün­dete der Kom­man­dant zum Wum­mern des nahen Geschütz­feu­ers: »Die Arbeit in der Fabrik fällt heute aus. Ihr wer­det Gär­ten pflan­zen.« Die Wachen ver­teil­ten eilig Schau­feln und Hacken und lie­ßen uns unge­ach­tet des näher­kom­men­den Artil­le­rie­feu­ers Blu­men­beete anle­gen. Doch keine Stunde ver­ging, bis sie uns befah­len, die Gerät­schaf­ten in den Schup­pen zurück­zu­brin­gen.

Als nächs­tes ver­teil­ten sie Häft­lings­klei­dung aus Baum­wolle. Unsere ver­dreck­ten Sachen waren zer­schlis­sen, und wir drän­gel­ten und schrien, um die neuen gestreif­ten Klei­dungs­stü­cke in die Hand zu bekom­men, solange der Vor­rat noch reichte. Der Lärm war ohren­be­täu­bend. Neu­man, der älteste unse­rer drei SS-Ober­schar­füh­rer, den Magda »Stief­va­ter« zu nen­nen pflegte, weil er ihr gele­gent­lich etwas zu Essen zusteckte, wurde puter­rot. »Ruhe!« brüllte er und feu­erte in die Menge. Eine Kugel traf Magda Braun aus Kapos­vár in den Bauch. In der nach­fol­gen­den Stille wurde sie hef­tig blu­tend ins Kran­ken­re­vier gebracht, wäh­rend ein flu­chen­der »Stief­va­ter« zur Kom­man­dan­tur stie­felte. Der Tumult hob wie­der an. Ich bekam mein Kleid, Mut­ter und Magda gin­gen leer aus.

Kurze Zeit spä­ter ließ die Lage­räl­teste ihre Pfeife ertö­nen, und es gab noch einen Zähl­ap­pell, unse­ren letz­ten in Lich­tenau. Drei fehl­ten, was die SS rasend machte, aber es war keine Zeit zum Nach­zäh­len. Beglei­tet vom sich nähern­den Artil­le­rie­feuer trie­ben sie uns has­tig zum Bahn­hof.

Ich reckte mei­nen Kopf und suchte die Menge ab: Vera schien zu feh­len. War es Mit­leid, was ich fühlte, oder Neid? Ich dachte an die fehl­ge­schla­ge­nen Pläne mei­nes Fran­zo­sen und an die hüb­sche Vera, die bis zum Hals in Exkre­men­ten steckte, und ich hätte gewünscht, ich könnte für uns beide beten – zu einem Gott, der auch zuhörte.

Ein­mal mehr fuh­ren wir in einem Vieh­zug. Magda ver­ließ das Küchen­per­so­nal und kam zu uns. Nachts schlie­fen wir dicht­ge­drängt, tags­über saßen wir im Schnei­der­sitz auf dem mit Stroh bestreu­ten Boden. Am nächs­ten Mor­gen hielt die Loko­mo­tive auf einem beleb­ten Bahn­hof. Meda Dános rich­tete sich auf und sah aus dem Fens­ter, dann rief sie für alle hör­bar: »Es ist Wei­mar!«

»Goe­thes Wei­mar!« echote Liz eksta­tisch.

»Idio­ten«, spot­tete Marcsa und ver­zog das Gesicht. Sie schob sich durch die kau­ernde Menge, hob ihren zer­lump­ten Rock und hockte sich auf den Eimer. »Die Deut­schen sind Schweine, ges­tern wie heute«, ver­kün­dete sie und pin­kelte geräusch­voll.

Edit mit den wei­chen Haa­ren, die frü­her Leh­re­rin am Gym­na­sium gewe­sen war, war­tete, bis Marcsa sich von dem Eimer wie­der erho­ben hatte, und sagte dann in ihrer ruhi­gen, gezier­ten Weise: »Wei­mar ist ein ganz beson­de­rer Ort. Will jemand die Namen der berühm­ten Per­sön­lich­kei­ten hören, die mit die­ser Stadt ver­bun­den sind?«

»Bitte erzäh­len Sie es uns, Frau Stu­di­en­rä­tin«, sagte Éva wie in der Schule.

Edit kniete sich hin – der Wag­gon war zu nied­rig zum Ste­hen –, fal­tete ihre aus­ge­mer­gel­ten Hände wie zum Gebet und into­nierte andäch­tig jeden ein­zel­nen Namen: »Johann Wolf­gang Goe­the, Fried­rich Schil­ler, Franz Liszt, Wal­ter Gro­pius.«

Spä­ter zog uns die Loko­mo­tive auf ein Abstell­gleis und ließ uns dort ste­hen. Ich dachte an Goe­thes »Wan­de­rers Nacht­lied«, das Gedicht, das ich am Todes­tag mei­nes Groß­va­ters Klein auf­ge­schla­gen vor­ge­fun­den hatte, und wie­der­holte es leise zu mir selbst: »… Warte nur, balde ruhest du auch …« Ich darf den Mut nicht ver­lie­ren, mahnte ich mich.

Vom Nor­den her hör­ten wir das unun­ter­bro­chene Dröh­nen von Bom­ben und Geschüt­zen; die Ame­ri­ka­ner waren nicht mehr weit. »Was liegt nörd­lich von uns, Frau Stu­di­en­rä­tin?« wollte Meda wis­sen.

Edit schüt­telte den Kopf. »Ich hab ein Jahr hier in Wei­mar stu­diert, habe aber nie die Dör­fer besucht.« Keine von uns hatte von dem nur wenige Kilo­me­ter ent­fernt lie­gen­den Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Buchen­wald gehört.

Wer Brot hatte, aß es heim­lich. Kurz bevor wir auf­ge­bro­chen waren, hatte Magda der SS neun gekochte Kar­tof­feln gestoh­len – der kost­barste Besitz, den wir jemals hat­ten. Mit schlech­tem Gewis­sen aßen wir pro Nacht und pro Per­son eine kalte Kar­tof­fel. Sie reich­ten uns drei Tage.

Eine Woche lang saßen wir in dem ver­rie­gel­ten Wag­gon fest. Die Pes­si­mis­ten pro­phe­zei­ten uns ein töd­li­ches Ende, doch wir baten sie, ihre Gedan­ken für sich zu behal­ten. Eine Gruppe ver­sam­melte sich, man­che in Lum­pen, man­che in Häft­lings­klei­dung, in einer Ecke, wo wir ver­such­ten, uns die Zeit zu ver­trei­ben.

Meis­tens san­gen wir oder tausch­ten Koch­re­zepte aus. Ich erin­nere mich an eine lang­at­mige Dis­kus­sion über »rétes«, die außer­or­dent­lich blät­te­ri­gen unga­ri­schen Stru­del. Marcsa mochte sie am liebs­ten mit scharf gepfef­fer­ten, gebra­te­nem Kohl gefüllt, doch die übri­gen moch­ten sie lie­ber süß, mit Äpfeln, Sauer­kir­schen oder sah­ni­gem Hüt­ten­käse. Frau Weiss tischte eine neue Vari­ante auf: »Meine Köchin pflegte sie schicht­weise zu backen«, sagte sie und schmatzte dabei, »dann füllte sie den abge­kühl­ten Blät­ter­teig mit Scho­ko­la­den­creme und ver­zierte das Ganze mit Schlag­sahne, Wir­bel über Wir­bel. Ein­fach köst­lich!« Wäh­rend sie ihr letz­tes Stück Brot her­vor­kramte und es mit ent­rück­tem Blick ver­zehrte, boten die Frauen, die zum größ­ten Teil ihre Des­serts ein­mal selbst her­ge­stellt hat­ten, Dut­zende äußerst üppi­ger Rezepte dar: Creme­spei­sen, »palacsin­tas, tor­tas« – alles mit Schlag­sahne oder Scho­ko­lade gekrönt.

Wir leg­ten nicht die ganze Zeit die Hände in den Schoß und schwatz­ten. Die hoch­ge­wach­sene Puci Dukesz, unsere ehe­ma­lige Blo­ck­äl­teste, besaß eine Nadel und lieh sie frei­ge­big aus. Ich riß einen Strei­fen vom Saum mei­nes gestreif­ten Klei­des und nähte eine große Tasche auf – um an unse­rem nächs­ten Bestim­mungs­ort bes­ser steh­len zu kön­nen, wo immer das sein mochte.

Fritz Lettow – »Arzt in den Höllen« (Auszug)

Wie in allen Haft­an­stal­ten und um so mehr unter den schwie­ri­gen und grau­sa­men Bedin­gun­gen eines KZ gab es nicht sel­ten Unfälle. Viele Häft­linge lit­ten unter schwer hei­len­den Wun­den oder hat­ten innere Erkran­kun­gen. So war auch die SS gezwun­gen, allein schon zur Erhal­tung der not­wen­digs­ten Arbeits­kraft, eine Stätte für die gesund­heit­li­che Behand­lung die­ser Kran­ken zu errich­ten. Diese Kran­ken­sta­tion, wie beim Mili­tär »Revier« genannt, stand zwar nomi­nell unter ihrer Lei­tung, die Arbeit wurde dort aber – wie in allen Ein­rich­tun­gen des Lagers – von den Häft­lin­gen getan, sie hat­ten des­halb in die­sem Bereich des Lagers eine ziem­lich weit­ge­hende Selb­stän­dig­keit erreicht.

Die SS-Ärzte und ihre Gehil­fen aus der SS, die Schar­füh­rer und Unter­schar­füh­rer, waren allein daran inter­es­siert, daß der äußere Ablauf funk­tio­nierte und über­all Sau­ber­keit und Ord­nung herrsch­ten. Es lag ihnen am äuße­ren Schein, den sie ab und an demons­trie­ren woll­ten. Um das wirk­li­che Wohl und Wehe der Pati­en­ten küm­mer­ten sie sich über­haupt nicht, höchs­tens von wei­tem, wenn mal, sel­ten genug, ein beson­ders inter­es­san­ter Fall zu stu­die­ren war. Sie unter­schrie­ben meist nur die täg­li­chen Mel­dun­gen über Auf­nah­men, Ent­las­sun­gen, Bestand, Ster­be­fälle, Anfor­de­run­gen an die Apo­theke, Medi­ka­mente und Ver­bands­stoffe betref­fend, und die nach drau­ßen gehen­den Berichte oder Briefe an Ange­hö­rige. All das muß­ten aber, und zwar eigen­stän­dig, die Häft­lings­arzt­schrei­ber ent­wer­fen und so for­mu­lie­ren, wie es die SS wollte.

Die asep­ti­schen Ope­ra­tio­nen mach­ten die SS-Ärzte – soweit sie das konn­ten –, wobei ihnen Häft­linge als »Sanis« assis­tier­ten, instru­men­tier­ten und die ganze übrige Arbeit taten. Man­che von die­sen Sanis lern­ten all­mäh­lich so viel dazu, daß einige von ihnen, die begab­tes­ten, all­mäh­lich in die Lage ver­setzt wur­den, die Arbeit der Ärzte am OP-Tisch mehr oder weni­ger auch allein zu tun. Die sep­ti­schen, also eit­ri­gen Ope­ra­tio­nen mach­ten sie meist sowieso, und einige von ihnen, wie der als »Auer­hahn« bekannte Vor­ar­bei­ter Klang­warth oder der »Bär« Wal­ter Krä­mer, ver­füg­ten über eine beacht­li­che Geschick­lich­keit im Schnei­den von Wun­den und Abszes­sen. Diese Ein­griffe und Ope­ra­tio­nen waren das Häu­figste, Gewöhn­lichste und für die SS-Ärzte natür­lich Unin­ter­es­san­teste.

Die Sani­tä­ter waren zwar sämt­lich Laien, aber im Laufe der Jahre hat­ten sie sich von den SS-Ärz­ten und den im Lager befind­li­chen Häft­lings­ärz­ten umfas­sen­des medi­zi­ni­sches Wis­sen ange­eig­net, auch über ihre chir­ur­gi­schen Kennt­nisse hin­aus. Und sie besa­ßen wegen der Unmenge von Kran­ken, die sie im Laufe der Zeit behan­deln muß­ten, eine rie­sige Erfah­rung. Sie waren alle intel­li­gent, und viele sahen sich in der Lage, in gewis­sen Din­gen man­chen Arzt aus­zu­ste­chen. Wenn es galt, Wun­den zu behan­deln und gute Ver­bände anzu­le­gen, so waren viele von ihnen erst­klas­sig, und man konnte sich ihnen wohl anver­trauen.

Daß Häft­lings­ärzte im Revier arbei­te­ten, war in den Anfangs­jah­ren des Lagers noch ver­bo­ten, und auch spä­ter woll­ten die Sani­tä­ter auf Grund ihrer immensen Selb­stän­dig­keit und Erfah­rung von Ärz­ten im all­ge­mei­nen nichts wis­sen. Ande­rer­seits gab es jüdi­sche Ärzte im Lager, von denen sie sich auch man­ches absa­hen, die aber ihrer­seits den Sanis schmei­chel­ten, um ihre Pos­ten im Juden­re­vier, das in einer beson­de­ren Bara­cke unter­ge­bracht war, zu behal­ten.

Auch ich durfte in den ers­ten ein­ein­halb Jah­ren nicht im Revier arbei­ten. Ich wurde in die­ser Zeit zunächst als Bau­hilfs­ar­bei­ter, spä­ter in der Effek­ten­kam­mer und danach in der Lager­ka­pelle ein­ge­setzt.

Wäh­rend des Tages wur­den jene ver­bun­den und behan­delt, die in den Lager­werk­stät­ten arbei­te­ten, am Abend kamen die dran, die aus den Außen­kom­man­dos ein­rück­ten. Das war ein nie abrei­ßen­der Strom. Zu Hun­der­ten stan­den sie Schlange, und wäre nicht der »Bär« Wal­ter Krä­mer gewe­sen und hätte er nicht man­chen Drü­cke­ber­ger schon vor­her aus­ge­siebt, die Arbeit wäre nicht zu schaf­fen gewe­sen. Alfred Tit­tel tat sei­nen Dienst in der inne­ren Ambu­lanz, neben ihm die kleine, ver­wach­sene »Wald­fee«. Wäh­rend Alfred durch Serio­si­tät, Ernst und Men­schen­kennt­nis vie­les meis­terte, fer­tigte die kleine »Wald­fee« mit nie ver­le­ge­ner Schnauze die Zudring­li­chen ab. Da waren Drü­cke­ber­ger, die Tem­pe­ra­tu­ren schwin­del­ten, um ins Revier auf­ge­nom­men zu wer­den, wuß­ten sie doch genau, daß hohe Tem­pe­ra­tu­ren ein Grund dazu waren. Man mußte sie so set­zen, daß sie beim Tem­pe­ra­tur­mes­sen beob­ach­tet wer­den konn­ten. Da waren andere, die eine Diar­r­höe vor­täusch­ten, um sich viel­leicht über den Tag im Revier her­um­drü­cken zu kön­nen. Man kon­trol­lierte ihre Anga­ben und wehe, es stimmte nicht.

Nicht Herz­lo­sig­keit war für die­ses unnach­gie­bige Ver­hal­ten bestim­mend. Galt es doch, den wirk­lich Kran­ken zu hel­fen – so gut es unter den herr­schen­den, stark beschränk­ten Bedin­gun­gen eben ging. Einige Medi­ka­mente stan­den zur Ver­fü­gung, ein paar Licht­käs­ten und Bestrah­lungs­lam­pen. Wäh­rend er die Wun­den der einen behan­delte, mußte Alfred in dem­sel­ben Raum gleich­zei­tig die Licht­be­hand­lung geben. Spä­ter wurde dafür ein fast ele­gan­ter Raum gebaut. Auch ein Labo­ra­to­rium kam hinzu, in dem ein erst­klas­si­ger jüdi­scher Bak­te­rio­loge die kom­pli­zier­tes­ten Unter­su­chun­gen aus­führte. Er ging spä­ter nach Schang­hai und wurde dort Direk­tor eines Insti­tuts. Hier aber, in der Haft, mußte er sich die Anpö­be­leien der Sani­tä­ter gefal­len las­sen. Da war vor allem Karl Peix, der alle tyran­ni­sierte. Er war der Ver­traute Wal­ter Krä­mers. Aber Wal­ter, der für die Poli­ti­schen alles tat und der eine »Kanone« war, hatte dadurch sein Leben an einen Men­schen geket­tet, der ihm noch zum Ver­der­ben wer­den sollte.

Die SS-Ärzte grif­fen, wie gesagt, nur sel­ten ein, sie gaben nur Befehle und lie­ßen den Sanis freie Hand. Offen­bar fürch­te­ten sie, daß Häft­lings­ärzte zu viel sehen und berich­ten könn­ten. Und es war dort schon man­ches zu sehen! So gehörte es zu den kras­sen Metho­den der SS-Ärzte, auf ärzt­li­chen Wege Geständ­nisse zu erpres­sen. Dr. Ding, ein jun­ger SS-Arzt, hatte einen Häft­ling vor sich, der über­haupt kein Wort reden wollte, den Stum­men mar­kierte. »Nun, den kriege ich schon«, sagte er und gab ihm eine Brech­spritze. Der Häft­ling erbrach sich win­dend, aber er redete nicht. Dann ver­suchte es der SS-Arzt mit elek­tri­schem Strom, so stark, daß der Häft­ling sich vor Schmer­zen auf­bäumte.

Der elek­tri­sie­rende Sani­tä­ter fuhr auf Befehl des Arz­tes plötz­lich mit der Elek­trode über das Herz des Häft­lings, was der Stumme nicht aus­hielt. Er starb, und obwohl Dr. Ding, dem das pein­lich war, sofort Sprit­zen gab, war er nicht mehr zu erwe­cken.

Ein ande­res war es mit den vie­len aus­sichts­los Kran­ken, den Tuber­ku­lö­sen, Sie­chen. Es hatte sich bald und heim­lich im Lager her­um­ge­spro­chen, daß mit den meis­ten von ihnen irgend etwas pas­sierte. Sie wur­den ins Revier ein­ge­lie­fert, und nach zwei oder drei Tagen waren sie tot. Das war sehr auf­fäl­lig und ging nicht mit rech­ten Din­gen zu, aber es war gefähr­lich, dar­über zu reden. Doch die Fälle waren zu ekla­tant, irgend etwas mußte dort mit den Kran­ken ange­stellt wer­den. Es gelang mir, eini­ges dar­über zu erfah­ren. Irgend­wel­che Sprit­zen schie­nen gege­ben wor­den zu sein, die den Tod zur Folge hat­ten. Mich schau­derte bei die­sem Gedan­ken. Ich wußte damals noch nicht, daß Platz­man­gel in den Revie­ren mög­li­cher­weise zu einer Gewalt­lö­sung zwang. Aber ich hätte es ent­schie­den abge­lehnt, bei einer sol­che Sache mit­zu­tun.

Jene Häft­linge, die anfäng­lich offen­bar auf Befehl der SS-Ärzte diese Dinge mit­ge­macht hat­ten, ver­lo­ren schließ­lich jedes Maß und Ziel. Es kam vor, daß gesunde Leute, meist Juden, die eine kleine Fin­ger- oder Fuß­wunde hat­ten, abends ins Revier auf­ge­nom­men wur­den und schon am Mor­gen tot waren. Hinzu kam, daß Peix offen­sicht­lich per­vers war. Zu jun­gen Häft­lin­gen die Lie­bens­wür­dig­keit selbst, zu alten bru­tal, war er immer dar­auf bedacht, sich aus dem Kreis sei­ner Pati­en­ten hüb­sche junge Men­schen her­an­zu­zie­hen, die er mona­te­lang als Kal­fak­to­ren behielt, und man­cher wußte deli­kate Affä­ren von ihm zu erzäh­len. Irgend­wann kam eine sol­che Affäre her­aus. Der unbe­queme Zeuge war ein bild­hüb­scher jun­ger Pole namens Gor­nick, intel­li­gent und strot­zend vor Gesund­heit. Er hatte es gut im Revier, er hatte nicht zu viel Arbeit, sie war nicht zu schwer für ihn, und er hatte viel und gut zu essen. Und das war für einen Sieb­zehn- oder Acht­zehn­jäh­ri­gen damals im Lager ganz wesent­lich. Wäh­rend die ande­ren her­um­lie­fen und sich etwas gegen den Hun­ger orga­ni­sie­ren muß­ten oder sich den Bauch mit dün­ner Suppe voll­schlu­gen, befand er sich sogar in der Lage, sei­nen Kame­ra­den etwas abzu­ge­ben. Oft sah man sie am Revier­zaun ste­hen, und er steckte ihnen kleine Päck­chen zu. Aber er hatte sich an Peix ver­kauft.

Eines Tages, der Junge war bei vol­ler Gesund­heit, hieß es, er sei plötz­lich ver­stor­ben. Es wurde nicht allzu viel dar­über gere­det, fan­den doch im Lager stän­dig zu viele erre­gende Dinge statt. Aber die den Jun­gen gekannt hat­ten, wur­den blaß vor Schreck: Er hatte zuviel gewußt und war zu unbe­quem gewor­den, des­halb hatte ihn jemand kur­zer­hand besei­tigt.

Spä­ter hörte man von eini­gen die­ser SS-Ärzte schreck­li­che Dinge. Dr. Eisele machte sich ein Ver­gnü­gen dar­aus, kräf­tige Kerle, meist Zigeu­ner oder Aso­ziale von der Lager­straße weg ins Revier zu holen und sie mit einer Spritze zu erle­di­gen. Man nannte ihn darum den »Hen­ker von Buchen­wald«.

Sicher wußte Wal­ter Krä­mer um all diese Dinge. Er mußte die SS-Ärzte gewäh­ren las­sen, aber er ließ auch Peix gewäh­ren. Im übri­gen war Wal­ter von einer gera­dezu fana­ti­schen Arbeits­kraft beseelt, und er hatte ein aus­ge­präg­tes Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl. Über­all war sein dröh­nen­der Baß zu hören, und wo er konnte, sorgte er für das Wohl unse­rer Kum­pels, der Poli­ti­schen. Tag und Nacht war er auf den Bei­nen. Er ahnte, daß er als bekann­ter ehe­ma­li­ger Poli­ti­ker das Lager nicht lebend ver­las­sen würde. Er hat das selbst manch­mal geäu­ßert. Aber er sagte dazu: »Dann will ich wenigs­tens so viel für meine Kum­pels getan haben, daß ich ruhig ster­ben kann.« Und das tat er.

Er hatte sich eine große Erfah­rung im Ope­rie­ren ange­eig­net, und sogar SS-Män­ner woll­ten lie­ber von ihm, als von einem SS-Arzt behan­delt wer­den. Eines Tages ließ ihn sogar der Kom­man­dant im Auto abho­len und kon­sul­tierte ihn. Oft bot er den SS-Ärz­ten mit der ihm eige­nen Ener­gie Trotz und über­zeugte sie von der Unrich­tig­keit man­cher ihrer Maß­nah­men. Aber er wagte auch viel. So ließ er mit Hilfe befreun­de­ter Kapos ein gro­ßes Stein­ge­bäude aus­füh­ren, das als Ope­ra­ti­ons­saal erst­klas­sig ein­ge­rich­tet und benutzt wurde. Ille­gal, ohne Bau­erlaub­nis, war es errich­tet, aber jeder freute sich dar­über.

Aller­dings wurde er den SS-Ärz­ten durch seine Eigen­sin­nig­keit und Eigen­wil­lig­keit all­mäh­lich unbe­quem. Auch seine Ver­fil­zung mit Peix war der SS natür­lich wohl­be­kannt. Spit­zel hat­ten der SS aus­führ­lich über die bei­den berich­tet, die zu viel wuß­ten und des­halb gefähr­lich wur­den.

Eines Tages erschie­nen meh­rere SS-Leute im Ope­ra­ti­ons­saal, wo Wal­ter gerade arbei­tete, und schrien: »Wo ist denn die­ser Schlos­ser? Eine Schande, daß man sol­che Metall­ar­bei­ter auf die Mensch­heit los läßt!« Wal­ter wußte, was die Stunde geschla­gen hatte. Man ver­haf­tete ihn und Peix und brachte beide zum Bun­ker, von wo sie nach kur­zer Zeit weg­ge­bracht wur­den. Spä­ter erfuh­ren wir, daß sie in das Außen­kom­mando Gos­lar gebracht wor­den waren. Sie hat­ten dort zwei Tage mit­ge­ar­bei­tet, waren plötz­lich bei­seite geführt wor­den, einige Schüsse krach­ten in der Ferne, und nie hat man wie­der etwas von ihnen gehört. Alle im Lager trau­er­ten um Wal­ter, ver­miß­ten ihren hilfs­be­rei­ten Kame­ra­den, und sein tra­gi­sches Schick­sal wurde durch Häft­linge, die auf Trans­port gin­gen, in allen KZs schnell bekannt.

Ernst Wiechert – »Der Totenwald« (Auszug)

Es lässt sich schwer beschrei­ben, was Johan­nes seit sei­ner Ankunft im Lager emp­fand. Es war nicht so sehr das Gefühl‹ des Schre­ckens oder der Ver­stö­rung oder einer dump­fen Be­täubtheit. Es war viel­mehr die Emp­fin­dung einer immer zu­nehmenden Kälte, die aus einem bestimm­ten Punkt sei­nes -Innern sich immer wei­ter aus­brei­tete, bis sie sei­nen gan­zen Men­schen erfüllte. Es war ihm, als erfriere sein bis­he­ri­ges Leben und seine ganze Welt und als könne er nur noch wie unter einer blin­den Eis­de­cke auf etwas ganz Fer­nes bli­cken, und in die­ser Ferne beweg­ten sich laut­los und unwirk­lich die Gestal­ten sei­nes bis­he­ri­gen Daseins, seine gelieb­ten Men­schen, seine Bücher, seine Hoff­nun­gen und Ent­würfe. Alle schon von dem Keim des Todes gezeich­net, dem Ver­fall anheim­ge­ge­ben, sinn­los in einer Welt, in der diese Pfar­rers­söhne herrsch­ten. Er fühlte, wie die eisige Kälte seine Träume zer­brach, wie der Frost die Blü­ten­s­ten­gel zer­bricht, wie durch das Bild Got­tes ein Sprung hin­durch­lief, der nicht mehr hei­len würde, und wie nur eines sich laut­los und unge­heuer vor ihm auf­rich­tete, was er frü­her gerne mit Träu­men und Wün­schen ver­ziert und beklei­det hatte: die nackte, er­barmungslose Wirk­lich­keit, das Gesicht des Men­schen, wie es war, wenn man ihm Macht gab, ihn der Fes­seln entklei­dete und ihn zu dem zusam­men­ballte, was man »Masse« nannte.

Es war dies auch die Erkennt­nis, die er in sein künf­ti­ges Le­ben mit­nahm.

Noch wäh­rend der Pfar­rers­sohn seine Erläu­te­run­gen gab, hörte Johan­nes, wie hin­ter ihnen der Appell­platz sich lang­sam belebte. Auch sah er durch das Tor von drau­ßen lange Kolon­nen ein­mar­schie­ren, mit Hacken und Spa­ten über der Schul­ter und in selt­sam zebra­haft gestreif­ter Klei­dung, die Müt­zen in der Hand, mit gescho­re­nen Köp­fen. Er emp­fing den flüch­ti­gen Ein­druck einer müden, stol­pern­den Tier­herde, ohne Hoff­nung, ohne Hei­mat, ja ohne Gesicht, so sehr ähnel­ten sie ein­an­der in der grau­en­haf­ten Ein­tö­nig­keit ihres Bil­des.

Er hörte Kom­man­dos, Mel­dun­gen, eine Stimme, die durch den Laut­spre­cher Num­mern auf­rief, nicht Namen, hörte Flü­che und Schläge und stand regungs­los, nach rück­wärts lau­schend, wo seine Zukunft vor sich ging, in die er bald ein­gereiht würde wie die ande­ren auch, ein Mensch mit einer Num­mer, mit kahl­ge­scho­re­nem Kopf, abge­trennt vom Le­ben, der Schön­heit, der Güte, der Sau­ber­keit, ange­schmie­det an die Galeere eines Staa­tes, der seine Zwei­fel in den Tod schickte.

Dann sah er von der Seite, wie zwei der Gefan­ge­nen – Schutz­häft­linge hie­ßen sie nun – von dem Ende des nied­ri­gen Gebäu­des einen selt­sa­men höl­zer­nen Gegen­stand hol­ten, euren Bock auf vier Füßen, in der Längs­rich­tung zu einer läng­li­chen Mulde ver­tieft, mit Rie­men, die lose her­ab­hin­gen. Und noch, wäh­rend er zu erra­ten ver­suchte, zu wel­chem – wahr­schein­lich bösen – Zweck dies Instru­ment die­nen mochte, hörte er die schar­fen, pfei­fen­den Schläge im Takt fal­len und den hohen, ent­setz­ten Schrei des Geschla­ge­nen. Er sah starr gera­de­aus, über die Buchen­kro­nen in den sich abend­lich fär­ben­den Him­mel hin­ein, aber er zählte, zählte mit, um es nicht zu ver­ges­sen vor jenem gro­ßen Gericht, an das er dachte, zehn, fünf­zehn, zwan­zig, fünf­und­zwan­zig Schläge. Das Schreien war zu einem stimm­lo­sen Röcheln ge­worden, dem Röcheln eines Tie­res, dem das Lebens­blut ent­strömt, und eine kalte Stimme rief : »Halt!«

Eine Pause trat ein, in der Johan­nes nur sein Herz schla­gen hörte, und das­selbe begann von neuem, nur dass das zweite Opfer laut­los blieb. Die­selbe kalte Stimme, die­selbe Pause, und immer wei­ter so, sechs oder acht oder zehn Male.

Spä­ter hat Johan­nes erfah­ren, dass diese Hen­ker­stunde im­mer ange­ord­net wurde, sobald ein neuer Trans­port zum er­sten Mal auf dem Hofe stand, also an jedem Mon­tag und Don­ners­tag. Nicht etwa, dass sie nicht auch auf jeden ande­ren belie­bi­gen Abend gefal­len wäre, aber diese bei­den Tage gehör­ten zum Pro­gramm. Es war ein Teil der neuen Men­schen­er­zie­hung, und es sollte den Neu­an­ge­kom­me­nen schon am ers­ten Abend den Sinn des Wor­tes »Jedem das Seine« erläu­tern.

Dann rück­ten die Kolon­nen ab, und auch sie wur­den zur Kam­mer geführt, um ihre Sachen zu emp­fan­gen. Auf die­sem Wege nun sah Johan­nes zum ers­ten Mal das Lager. Er sah den gro­ßen Appell­platz mit ein paar hohen, küm­mer­li­chen Bu­chen und dahin­ter in lan­gen Rei­hen die nied­ri­gen, grünge­strichenen Bara­cken, zwi­schen denen Stra­ßen ent­lan­glie­fen, die vom Feuer der Maschi­nen­ge­wehre bestri­chen wer­den konn­ten. Dahin­ter stand wie­der Wald, zwi­schen des­sen Bäu­men hier und da ein Stück des hohen grauen Drahtzau­nes durch­schim­merte.

Aber was ihre Bli­cke am meis­ten anzog, war der Gal­gen in der Mitte des Appell­plat­zes. Er war auf einem hohen Sockel errich­tet, zu dem eine Treppe hin­auf­führte, und sein höl­zer­ner Arm mit der Rolle an sei­nem Ende zeigte dro­hend über die Bara­cken hin. »Am liebs­ten möchte ich euch alle dran bau­meln sehen«, bemerkte der sie Füh­rende freund­lich.

Sie emp­fin­gen Rock und Hose aus schlech­tem Kunst­stoff, blau und grau in der Längs­rich­tung gestreift, ein Hemd, eine Unter­hose, ein paar wol­lene Strümpfe, schwere Schnür­schuhe, eine schirm­lose Mütze. Das war nun für Som­mer und Win­ter ihr ein­zi­ges Hab und Gut. In der »Effektenkam­mer« gaben sie alles ab, was sie besa­ßen. Nur eine kleine, bunte Tasche mit Din­gen zur Haut­pflege durfte Johan­nes behal­ten. Sie erschien ihm in die­ser Umge­bung wie etwas von einem frem­den Stern. Dann führte man sie wie­der ins Freie, nackt, und schor ihnen Kopf und Kör­per­haar. Sie emp­fin­gen Num­mern und rote Tuch­drei­ecke, die auf Rock und Hose ange­näht wur­den. Johan­nes hatte die Num­mer 7188. Die rote Farbe bedeu­tete poli­ti­sche Gefan­gene.

Sie waren nun alle wie die ande­ren.

Es dun­kelte schon, und sie waren so müde, dass sie taumel­ten. Man führte sie in eine Not­ba­ra­cke, durch deren Dach die Sterne schie­nen, gab ihnen einen Tel­ler Suppe und ließ sie sich ein Stroh­la­ger auf der Erde suchen. Johan­nes lag unter einem offe­nen Fens­ter, etwas abseits von den zwei- oder drei­hun­dert ande­ren, und noch als ihm die Augen zufie­len und der kühle Nacht­hauch über seine Stirn ging, dachte er, dass man von kei­nem Winde wisse, „von wan­nen er komme und wohin er gehe«. Damit fiel er in einen tie­fen, erschöpf­ten und schwe­ren Schlaf.

Es dau­erte eine geraume Zeit, bis die Welt des Lagers in allen Zusam­men­hän­gen und Ein­zel­hei­ten sich ihm erschloss. Es gab etwa acht­tau­send Gefan­gene – eins von wie vie­len La­gern! –, und sie waren nach ihren far­bi­gen Abzei­chen unter­schieden. An der Spitze von Hal­tung und Ach­tung, wenn von einer sol­chen die Rede sein konnte, stan­den die Roten. Hin­ter ihr folg­ten die Grü­nen, die Berufs­ver­bre­cher, die schwar­zen Abzei­chen der Arbeits­scheuen, die röt­li­chen der Homo­se­xu­el­len, die vio­let­ten der Bibel­for­scher und die gel­ben der Juden. Von die­sen hat­ten die meis­ten ein gel­bes und schwar­zes Drei­eck inein­an­der genäht, so dass sie wie mit einem Stern gezeich­net waren. Rück­fäl­lige, die zum zwei­ten Mal in einem Lager­wa­ren, tru­gen einen schma­len Strei­fen unter ihrem Drei­eck, und die Straf­kom­pa­nie, die Ärms­ten der Armen, hat­ten einen schwar­zen Punkt neben ihrem Abzei­chen. Dane­ben gab es Blinde mit drei schwar­zen Punk­ten und eine Anzahl sol­cher, auf deren Arm­binde das Wort „Blöde« gedruckt war (auch Blinde und Blöde kön­nen einen Staat gefähr­den).

Die Klei­dung war ver­schie­den gestreift, je nach den Vorrä­ten, die man besaß, und die meis­ten der lang­jäh­ri­gen Gefan­genen tru­gen alte Mili­tär­uni­for­men, blau, grün und grau. Das meiste war unsäg­lich abge­ris­sen, Flick auf Flick gesetzt, in allen Far­ben schil­lernd, Bett­ler­klei­der, von Sonne und Re­gen gebleicht, gegen die ein Zucht­haus­kleid ein Staatsge­wand war. Wenn in der Frühe, Ende August noch in der Däm­me­rung, die Tau­sende zum Mor­gen­ap­pell zogen, ge­beugt und frie­rend, im strö­men­den Regen, im Schlamm des Plat­zes, der ihnen bis über die Knö­chel reichte, viele an lan­gen Stö­cken, um sich auf­recht zu erhal­ten, man­che schwer­krank auf den Schul­tern der Kame­ra­den, man­che auf be­helfsmäßigen Bah­ren; wenn der Wind die Nebel­fet­zen um die Kolon­nen trieb, sie ein­hül­lend und wie­der in das blei­che Licht ent­las­send; wenn am Fuße eines der Bäume oder eines Licht­mas­tes‹ ein Ster­ben­der lag, das schon jen­sei­tige Gesicht dem Mor­gen­schein preis­ge­ge­ben; dann war das Ganze wohl ein Bild der Ver­fluch­ten, aus einer Unter­welt wie ein Spuk her­vor­ge­taucht, oder eine Vision aus einer Hölle, an die kein Pin­sel eines der gro­ßen Maler, keine Nadel eines der gro­ßen Radie­rer her­an­reichte, weil keine mensch­li­che Phan­ta­sie und nicht ein­mal die Träume eines Genies an eine Wirk­lich­keit her­an­reich­ten, die ihres­glei­chen nicht in- Jahr­hun­der­ten, ja viel­leicht nie­mals gehabt hatte.

Der erste Tag ver­lief ihnen noch wie Gäs­ten. Sie muss­ten zur Schreib­stube, zur Revier­stube, sie muss­ten auch Bret­ter oder Decken tra­gen oder die schwe­ren Ess­kü­bel, die bei der ge­ringsten Unvor­sich­tig­keit ihnen die Haut der Hände zu Bla­sen ver­brann­ten. Alles im Lager geschah durch ihresglei­chen : die Berei­tung des Essens, die Pflege der Kran­ken (wo­von noch zu spre­chen sein wird), der Bau der Häu­ser und Stra­ßen, die Her­stel­lung der Licht­an­la­gen, die Sorge um Was­ser­lei­tun­gen. Vom Gerings­ten bis zum Größ­ten lag ihrer Hände Arbeit, ihr Schweiß, ihre Trä­nen, ihr Blut in allem, was man sah. In den Bara­cken und Sta­chel­dräh­ten, in den Kaser­nen der SS außer­halb des Lagers, in den Prunk­vil­len der Füh­rer, den Asphalt­stra­ßen, den Gär­ten, den Laut­sprechern, den gro­ßen Raub­vo­gel­häu­sern und Bären­zwin­gern, in der Dres­sur der Blut­hunde, die man zur. Ver­fol­gung der Flüch­ti­gen brauchte, in den Musik­ka­pel­len, die aufge­stellt wur­den, ja selbst in der Anfer­ti­gung der Särge, in denen man die „Erle­dig­ten« zum Wei­ma­rer Kre­ma­to­rium brachte. Ihrer war die Arbeit und die Knecht­schaft, jener war die Macht und das Her­ren­tum. Ihrer war die Leis­tung, das Wis­sen, die Pla­nung, das Schöp­fer­tum aus dem Nichts, jener war die Unwis­sen­heit, die Peit­sche, der Kol­ben, das Rich­ten, die Mar­ter. Hier war das ganze Volk vom Bett­ler bis zum Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­ten, vom namen­los Gebo­re­nen bis zum Frei­herrn, Hand­wer­ker und Gelehrte, Ärzte, Juris­ten und Pfar­rer. Dort war die Uni­form, unter der sich nichts ver­barg als das Gleich­maß einer Welt­an­schau­ung. Dort wa­ren sieb­zehn­jäh­rige Wacht­pos­ten, Knechte nach äuße­rer und inne­rer Bil­dung und Hal­tung, vor denen der Adlige der Geburt oder des Geis­tes mit der Mütze in der Hand zu ste­hen hätte. Dort waren Block­füh­rer, deren Spra­che und Ge­bärden die von Zuhäl­tern waren. Dort war ein Lager­füh­rer, der Schlos­ser­ge­selle gewe­sen war und der im Deli­rium mit der Peit­sche durch die Bun­ker ging.

Da waren zwei Wel­ten, die Johan­nes lang­sam zu begrei­fen trach­tete. Zu begrei­fen, dass dies Teile eines und des­sel­ben Vol­kes waren, die die­selbe Spra­che spra­chen, die ein­mal zu den Füßen des glei­chen Got­tes geses­sen hat­ten, die mit den­selben For­meln die Taufe und die Ein­seg­nung emp­fan­gen hat­ten. Des­sel­ben Vol­kes, in dem Goe­the gelebt hatte, das durch den Drei­ßig­jäh­ri­gen und den Gro­ßen Krieg gegan­gen war und des­sen Müt­ter oder Groß­müt­ter in der Abend­stunde gesun­gen hat­ten „Der Mond ist auf­ge­gan­gen…« Eines Vol­kes, das nun nicht geschie­den war durch Besitz und Armut, durch Got­tes­dienst und Hei­den­dienst, durch zwei Spra­chen, zwei Reli­gio­nen, zwei Natu­ren, son­dern das zer­rissen war durch nichts als ein poli­ti­sches Dogma, durch ein papie­re­nes Kalb, das zur Anbe­tung auf­ge­rich­tet war und von des­sen Ver­eh­rung oder Ver­ach­tung es abhing, ob man auf­stieg auf der Lei­ter der Ehren oder in die Arme des Mo­loch gesto­ßen wurde, geschän­det, gemar­tert, geop­fert, aus­gelöscht aus Leben und Gedächt­nis. Nichts galt, was gewe­sen war, keine Leis­tung, keine Güte, nicht Arbeit und Mühe eines gan­zen Lebens. Nur das Gegen­wär­tige galt. Das Be­kenntnis zum Göt­zen, der Knie­fall vor dem Cäsa­ren, die blinde Wie­der­ho­lung der Phrase, die fal­sche Pathe­tik der Halb­bil­dung, der Schrei des Dem­ago­gen. Mas­sen­in­stinkte, Mas­sen­freu­den und -las­ter, Brot und Spiele, und in den Are­nen der Gla­dia­to­ren stan­den nun sie ohne Waf­fen, ohne Hoff­nung, den Tie­ren preis­ge­ge­ben, die man auf sie los­ließ. Und von den Sit­zen schaute eine „her­ri­sche« Welt ihnen zu, ohne Mit­leid, ohne Gnade, die mit den Stie­fel­spit­zen die Glie­der der Toten auf­hob und fal­len ließ, um zu sehen, ob sie auch wirk­lich tot seien.

Hier stand die wahre Bewäh­rung for­dernd auf, nicht zu ver­gleichen mit einer frü­he­ren, die erbar­mungs­los ihren Fin­ger auf das Letzte im Men­schen legte, um zu prü­fen, ob er beste­hen werde.

Elie Wiesel – »Die Nacht zu begraben, Elischa« (Auszug)

Wir waren in Buchen­wald ange­kom­men.

Am Lager­ein­gang erwar­tete uns die SS. Wir wur­den abge­zählt und zum Appell­platz geführt. Laut­spre­cher bell­ten die Befehle: »Antre­ten in Fün­fer­rei­hen.« »In Grup­pen zu hun­dert.« »Fünf Schritte vor.«

Ich packte mei­nen Vater an der Hand. Es war die alte ver­traute Angst: nur ihn nicht ver­lie­ren.

In nächs­ter Nähe ragte der Schorn­stein der Gas­kam­mer*, aber erschreckte uns nicht mehr, son­dern zog nur unsere Auf­merk­sam­keit auf sich.

Ein Vete­ran von Buchen­wald sagte, wir wür­den eine Dusche bekom­men und dann auf die Blocks ver­teilt wer­den. Der Gedanke an eine heiße Dusche war betö­rend. Mein Vater schwieg und atmete schwer neben mir.

»Vater«, sagte ich, »nur noch einen Augen­blick. Dann wer­den wir schla­fen kön­nen, in einem rich­ti­gen Bett. Du wirst aus­ru­hen kön­nen …«

Er ant­wor­tete nicht. Ich war selbst so erschöpft, dass sein Schwei­gen mich gleich­gül­tig ließ. Ich hegte den ein­zi­gen Wunsch, so rasch wie mög­lich eine Dusche zu neh­men und ins Bett zu sin­ken.

Es war jedoch nicht leicht, zu den Duschen zu gelan­gen. Hun­derte von Gefan­ge­nen dräng­ten sich dort­hin, und den Wär­tern gelang es nicht, Ord­nung zu schaf­fen. Ohne sicht­ba­res Ergeb­nis teil­ten sie nach allen Sei­ten Prü­gel aus. Andere, die weder die Kraft hat­ten, sich durch­zu­drü­cken noch sich auf den Füßen zu hal­ten, hock­ten sich in den Schnee. Mein Vater wollte es ihnen gleich­tun. Er stöhnte:

»Ich kann nicht mehr … Es ist aus … Ich sterbe …«

Er zog mich zu einem Schnee­hü­gel, aus dem Men­schen­lei­ber und Fet­zen von Decken her­aus­rag­ten.

»Lass mich«, bat er. »Ich kann nicht mehr … Hab’ Mit­leid mit mir … Ich warte hier, bis man uns ins Bad lässt … Du holst mich, wenn es so weit ist.«

Ich hätte heu­len kön­nen vor Wut. Sollte ich mei­nen Vater ster­ben, kläg­lich ver­en­den las­sen, jetzt, wo wir soviel durch­lebt und durch­lit­ten hat­ten? Jetzt, wo uns ein hei­ßes Bad und ein Bett wink­ten?

»Vater!« brüllte ich. »Vater! Steh auf! Sofort! Du willst dich wohl umbrin­gen …«

Ich packte ihn am Arm. Er aber seufzte nur wei­ter:

»Schrei nicht, mein Sohn … Habe Mit­leid mit dei­nem alten Vater … Lass mich hier aus­ru­hen … Nur ein wenig … Ich fleh’ dich an, ich bin so müde … am Ende mei­ner Kräfte …«

Er war wie ein Kind gewor­den: schwach, ängst­lich, ver­letz­lich.

»Vater«, ant­wor­tete ich, »du kannst nicht hier blei­ben.« Ich deu­tete auf die Lei­chen ringsum: »Auch die haben nur ein biss­chen aus­ru­hen wol­len …«

»Ich sehe sie, mein Sohn, ich sehe sie gut. Lass sie schla­fen. Sie haben die Augen so lange nicht mehr zuge­macht. Sie sind erschöpft … erschöpft …«

Seine Stimme war zärt­lich.

Ich schrie in den Wind hin­ein:

»Sie ste­hen nie mehr auf, nie mehr! Ver­stehst du?«

So strit­ten wir eine Weile. Ich fühlte, dass ich nicht mit ihm stritt, son­dern mit dem Tod selbst, mit dem Tod, der er schon gewählt hatte.

Die Sire­nen began­nen zu heu­len. Flie­ger­alarm. Im gan­zen Lager gin­gen die Lam­pen aus. Die Wär­ter trie­ben uns in die Blocks. Im Hand­um­drehn war kein Mensch mehr auf dem Appell­platz zu sehen. Wir waren nur zu froh, nicht mehr in dem eisi­gen Wind ste­hen zu müs­sen. Wir lie­ßen uns auf die Prit­schen fal­len, von denen meh­rere über­ein­an­der­stan­den. Die gefüll­ten Sup­pen­kes­sel am Ein­gang fan­den keine Lieb­ha­ber. Nur schla­fen wollte ein jeder, nichts ande­res.

 

Es war hel­lich­ter Tag, als ich erwachte. Jetzt erin­nerte ich mich daran, dass ich einen Vater hatte. Vom Alarm­zei­chen an war ich der Menge nach­ge­lau­fen, ohne mich um ihn zu küm­mern. Ich wusste, dass er am Ende sei­ner Kräfte, am Rand des Todes­kamp­fes war, und trotz­dem hatte ich ihn ver­las­sen.

Ich machte mich auf die Suche nach ihm.

Aber im sel­ben Augen­blick erwachte der Gedanke in mir: »Wenn ich ihn nicht finde! Wenn ich die­ses tote Gewicht los­würde, damit ich mit allen Kräf­ten für mein eige­nes Über­le­ben kämp­fen könnte und mich nur noch um mich zu küm­mern brauchte!« Und schon emp­fand ich Scham, Scham für das Leben, Scham um mei­net­wil­len.

Stun­den­lang wan­derte ich umher, ohne ihn zu fin­den. Dann kam ich an einen Block, wo man schwar­zen »Kaf­fee« aus­schenkte. Man drängte sich in einer Schlange, man balgte sich.

Eine kla­gende, fle­hende Stimme tönte hin­ter mir:

»Elie­ser, mein Sohn … bring’ mir etwas Kaf­fee …«

Ich lief zu ihm.

»Vater! Ich habe dich so lange gesucht … Wo warst du? Hast du geschla­fen? Wie fühlst du dich?«

Er war fie­ber­heiß. Wie ein wil­des Tier bahnte ich mir einen Weg zum Kaf­fee­kes­sel und erkämpfte mir einen Becher. Ich trank einen Schluck und hob den Rest für ihn auf.

Ich werde nie die Dank­bar­keit ver­ges­sen, die in sei­nen Augen auf­leuch­tete, als er das Gebräu her­un­ter­stürzte. Es war die Dank­bar­keit eines Tie­res. Mit die­sen weni­gen Schlu­cken hei­ßen Kaf­fees machte ich ihn sicher­lich glück­li­cher als ich es in mei­ner gan­zen Kind­heit ver­mocht hatte.

Er lag auf der Prit­sche, grau, mit blei­chen, aus­ge­trock­ne­ten Lip­pen, und schüt­telte sich. Ich konnte jedoch nicht bei ihm blei­ben, weil Befehl erteilt wor­den war, die Säle für die Rei­ni­gung zu räu­men. Nur die Kran­ken durf­ten blei­ben.

Wir blie­ben etwa fünf Stun­den im Freien, wo man uns die Suppe aus­schöpfte. Als man uns erlaubte, in die Blocks zurück­zu­ge­hen, lief ich zu mei­nem Vater:

»Hast du geges­sen?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Man hat uns nichts gege­ben … Man hat uns gesagt, dass wir krank seien, dass wir ohne­hin bald ster­ben wür­den, und dass es schade sei, den Pro­vi­ant zu ver­geu­den … Ich kann nicht mehr …«

Ich gab ihm, frei­lich schwe­ren Her­zens, was von mei­ner Suppe übrig geblie­ben war. Ich fühlte, dass ich die paar Löf­fel unwil­lig abgab. Ich hatte die Probe genau so wenig bestan­den wie Rabbi Eli­a­hus Sohn.

Mein Vater wurde von Tag zu Tag schwä­cher, sein Blick ver­schlei­erte sich zuse­hends, und das Gesicht nahm die Farbe von wel­kem Laub an. Am drit­ten Tag nach unse­rer Ankunft in Buchen­wald muss­ten wir alle zur Dusche gehen, selbst die Kran­ken, die zuletzt an die Reihe kamen.

Nach der Rück­kehr von der Dusche muss­ten wir lange drau­ßen war­ten, weil die Rei­ni­gung der Säle noch nicht been­det war.

Als ich mei­nen Vater in der Ferne erblickte, lief ich ihm ent­ge­gen. Wie ein Schat­ten glitt er an mir vor­über, ohne ste­hen zu blei­ben, ohne mich anzu­bli­cken. Ich rief ihn an, aber er drehte sich nicht um. Ich lief ihm nach:

»Vater, wohin rennst du?«

Er sah mich einen Augen­blick an; sein Blick war ent­rückt, wie trun­ken, es war der Blick eines ande­ren. Einen Lid­schlag lang blieb er ste­hen, dann lief er wei­ter.

 

Mein Vater lag mit Ruhr in sei­ner Box, und fünf andere mit ihm. Ich saß an sei­nem Bett­rand, wachte bei ihm und wagte nicht mehr an sein Über­le­ben zu glau­ben. Trotz­dem tat ich alles, um ihm Hoff­nung ein­zu­flö­ßen.

Plötz­lich setzte er sich auf sei­ner Bett­statt auf und drückte seine fie­ber­hei­ßen Lip­pen an mein Ohr:

»Elie­ser … ich muss dir sagen, wo das Gold und das Sil­ber ist, das ich ver­gra­ben habe … im Kel­ler, weißt du, wo …?«

Er sprach immer rascher, als fürch­tete er, nicht mehr genug Zeit zu haben. Ich ver­suchte ihm zu erklä­ren, dass noch nicht alles ver­lo­ren sei, dass wir zusam­men nach Hause zurück­keh­ren wür­den, aber er wollte nichts davon wis­sen. Ich konnte nicht mehr zuhö­ren. Er war erschöpft. Blu­ti­ger Spei­chel lief ihm aus den Mund­win­keln. Er schloss die Lider, sein Atem ging keu­chend.

 

Für eine Ration Brot gelang es mir, meine Bett­statt mit einem Häft­ling die­ses Blocks zu tau­schen. Nach­mit­tags kam der Arzt. Ich wollte ihm sagen, dass mein Vater sehr krank sei.

»Führ’ ihn her!«

Ich erklärte ihm, dass er sich nicht mehr auf den Bei­nen hal­ten könne. Aber der Arzt wollte davon nichts wis­sen. Er mus­terte ihn und fragte dar­auf tro­cken:

»Was willst du?«

»Mein Vater ist krank«, ant­wor­tete ich für ihn. »Er hat Ruhr …«

»Ruhr? Das geht mich nichts an. Ich bin Chir­urg. Los! Macht Platz für die ande­ren!«

Mein Ein­spruch nützte nichts.

»Ich kann nicht mehr, mein Sohn … Führ’ mich wie­der in die Box.«

Ich gelei­tete ihn hin und half ihm, sich hin­zu­le­gen. Er zit­terte am gan­zen Leib.

»Ver­such’ ein wenig zu schla­fen, Vater. Ver­such’, ein­zu­schla­fen …«

Sein Atem ging schwer und sper­rig. Er hielt die Lider geschlos­sen. Aber ich war über­zeugt, dass er alles sah, dass er jetzt die Wahr­heit aller Dinge sah.

Ein ande­rer Arzt betrat den Block. Aber mein Vater wollte nicht mehr auf­ste­hen, er wusste, dass es nutz­los sein würde.

Im übri­gen kam die­ser Arzt nur, um die Kran­ken zu erle­di­gen. Ich hörte ihn schreien, sie seien Faul­pelze, die nur im Bett blei­ben woll­ten. Einen Augen­blick dachte ich daran, ihm an den Hals zu sprin­gen und ihn zu erwür­gen. Aber ich hatte weder den Mut noch die Kraft dazu. Ich war an den Todes­kampf mei­nes Vaters gefes­selt. Meine Hände waren so ver­krampft, dass sie schmerz­ten. Den Arzt und die ande­ren erwür­gen! Die Welt in Brand ste­cken! Mör­der mei­nes Vaters! Aber der Schrei blieb mir in der Kehle ste­cken.

 

Von der Brot­aus­gabe zurück­keh­rend, fand ich mei­nen Vater in Trä­nen wie ein Kind.

»Mein Sohn, sie schla­gen mich!«

»Wer?«

Ich glaubte, er sei im Deli­rium.

»Er, der Fran­zose … Und der Pole … Sie haben mich geschla­gen.«

Noch eine Wunde im Her­zen, noch einen Hass mehr, noch einen Grund weni­ger, zu leben.

»Elie­ser … Elie­ser … sag’ ihnen, sie sol­len mich nicht schla­gen … Ich habe ihnen doch nichts getan … Warum schla­gen sie mich …?«

Ich begann auf seine Nach­barn ein­zu­schimp­fen. Sie lach­ten mich nur aus. Ich ver­sprach ihnen Brot und Suppe. Sie lach­ten nur. Dann wur­den sie zor­nig und sag­ten, sie könn­ten mei­nen Vater nicht mehr ertra­gen, der nicht mehr auf­ste­hen könne, um drau­ßen seine Not­durft zu ver­rich­ten.

 

Am nächs­ten Mor­gen klagte er, man habe ihm seine Brot­ra­tion gestoh­len.

»Wäh­rend du schliefst?«

»Nein, ich schlief nicht. Sie haben mich über­fal­len und mir mein Brot aus der Hand geris­sen … Sie haben mich noch ein­mal ver­prü­gelt … Ich kann nicht mehr, mein Sohn … Was­ser, bitte etwas Was­ser …«

Ich wusste, dass er nicht trin­ken durfte. Aber er bet­telte so lange, bis ich nach­gab. Was­ser war Gift für ihn, aber was konnte ich sonst für ihn tun? Mit oder ohne Was­ser ging es ohne­hin bald mit ihm zu Ende …

»Hab du wenigs­tens Erbar­men mit mir …«

Erbar­men mit ihm haben! Ich, sein ein­zi­ger Sohn!

 

So ver­strich eine Woche.

»Ist das dein Vater?« fragte mich der Blo­ck­äl­teste.

»Ja.«

»Er ist schwer­krank.«

»Der Arzt will nichts für ihn tun.«

Er sah mir in die Augen:

»Der Arzt kann nichts mehr für ihn tun, und du auch nicht.«

Er legte seine schwere, behaarte Hand auf meine Schul­tern und fügte hinzu:

»Hör mich an, Klei­ner. Ver­giss nicht, dass du in einem Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger bist. Hier muss jeder für sich kämp­fen und darf nicht an die ande­ren den­ken. Nicht ein­mal an sei­nen eige­nen Vater. Hier gibt es weder Vater noch Bru­der noch Freund. Hier lebt und stirbt jeder für sich. Ich gebe dir einen guter Rat: gib dei­nem alten Vater keine Brot- oder Sup­pen­ra­tion mehr. Für ihn kannst du nichts mehr tun. Und du mor­dest dich dabei nur selbst. Du müss­test im Gegen­teil auch seine Ration essen …«

Ich hörte ihn an, ohne ihn zu unter­bre­chen. Er hatte recht, dachte ich ins­ge­heim, ohne es mir ein­ge­ste­hen zu wol­len. Zu spät, dei­nen alten Vater zu ret­ten, sagte ich mir. Statt des­sen könn­test du zwei Ratio­nen Brot, zwei Tel­ler Suppe haben …

Ich dachte es nur den Bruch­teil einer Sekunde, und doch fühlte ich mich schul­dig. Ich lief und holte ein paar Löf­fel Suppe und gab sie mei­nem Vater. Aber er zeigte kein Ver­lan­gen danach, er wollte nur Was­ser.

»Trink kein Was­ser, iss die Suppe …«

»Ich ver­brenne … Warum bist du so böse mit mir, mein Sohn? Was­ser …«

Ich brachte ihm Was­ser. Dann ver­ließ ich den Block, um anzu­tre­ten, machte jedoch auf hal­bem Wege kehrt und legte mich auf die Prit­sche über ihm. Die Kran­ken durf­ten ja im Block blei­ben. Ich war also krank. Ich wollte mei­nen Vater unter kei­nen Umstän­den ver­las­sen.

Bis auf das Stöh­nen herrschte ringsum tiefe Stille. Drau­ßen rie­fen die SS-Män­ner Befehle. Dann schritt ein Offi­zier die Bet­ten ab. Mein Vater flehte:

»Mein Sohn, Was­ser … Ich ver­brenne … Mein Bauch …«

»Ruhe, dort!« brüllte ein Offi­zier.

»Elie­ser«, rief mein Vater in einem fort, »Was­ser …«

Der Offi­zier trat heran und schrie, er solle den Mund hal­ten. Aber mein Vater hörte ihn nicht und rief in einem fort. Der Offi­zier schlug ihm mit sei­nem Knüp­pel auf den Kopf.

Ich rührte mich nicht. Ich fürch­tete, mein Kör­per fürch­tete, auch einen Schlag zu bekom­men.

Nun röchelte mein Vater, und ich hörte mei­nen Namen:

»Elie­ser.«

Ich sah ihn noch stoß­weise atmen und rührte mich nicht.

Als ich nach dem Appell von mei­ner Prit­sche stieg, konnte ich noch seine zit­tern­den Lip­pen mur­meln sehen. Über ihn gebeugt, betrach­tete ich ihn eine gute Stunde lang, um sein blut­über­ström­tes Gesicht, sei­nen zer­schmet­ter­ten Schä­del im Gedächt­nis zu bewah­ren.

Dann war Nacht­ruhe, und ich klet­terte auf meine Prit­sche über mei­nem Vater, der noch immer lebte. Es war der 28. Januar 1945.

Am 29. Januar erwachte ich im Mor­gen­grauen. An Stelle mei­nes Vaters lag ein ande­rer Kran­ker auf der Prit­sche unter mir. Ver­mut­lich hatte man ihn vor Tages­an­bruch in die Gas­kam­mer gebracht. Viel­leicht atmete er noch …

Es wur­den keine Gebete über sei­nem Grab gespro­chen, zu sei­nem Andenken wurde keine Kerze ent­zün­det. Sein letz­tes Wort war mein Name gewe­sen. Ein Ruf, den ich nicht beant­wor­tet hatte.

Ich weinte nicht, und es tat mir weh, nicht wei­nen zu kön­nen. Aber ich hatte keine Trä­nen mehr. Hätte ich mein schwa­ches Gewis­sen bis ins Tiefste erforscht, viel­leicht hätte ich dort etwas wie das Wört­chen »end­lich frei!« ent­deckt …

 

* Wie­sel meint offen­sicht­lich den Schorn­stein des Kre­ma­to­ri­ums. In Buchen­wald exis­tierte zu kei­nem Zeit­punkt eine Gas­kam­mer.

Karl Stojka – »Auf der ganzen Welt zuhause« (Auszug)

Wir kamen Ende August 1944 in Buchen­wald an. Auch dort hat es immer wie­der Selek­tio­nen unter den Häft­lin­gen gege­ben, immer mehr Men­schen wur­den aus­sor­tiert und getö­tet, jeder hat gewusst, wenn er selek­tiert wird, ist das sein Tod. Selbst uns Kin­dern war das klar. Ende 1944 hieß es auf ein­mal, alle Kin­der unter 14 Jah­ren sofort antre­ten. 81 Kin­der waren wir damals, die auf­ge­stellt wur­den. Ich war auch in der Reihe, aber nicht mein Bru­der. Er suchte mich und ver­wen­dete unse­ren Pfiff. Ich habe zurück­ge­pfif­fen, und so hat er mich unter den Tau­sen­den Men­schen gefun­den.

Als mein Bru­der gese­hen hat, dass ich unter den Aus­se­lek­tier­ten war, ist er sofort zu mei­nem Onkel gelau­fen und hat ihn um Hilfe ersucht. Sie sind zur Selek­tion gelau­fen, und mein Onkel hat sich an den SSler gewen­det und hat gesagt: »Bitte, Herr Gene­ral, dort steht mein Enkel, der ist schon älter als 14, aber er ist ein Zwerg, der gehört nicht dazu.« Der SS-Mann hat gelacht und hat gesagt, ich soll ver­schwin­den. Geglaubt hat er mei­nem Onkel sicher nicht, aber der war ein rich­ti­ger Zigeu­ner und hat ein Auf­tre­ten gehabt wie ein alter Fürst, und viel­leicht hat das dem SS-Mann gefal­len. Man wusste ja nie, wie man sich die­sen Leu­ten gegen­über ver­hal­ten sollte. Irgend­eine unbe­deu­tende Bemer­kung konnte einen SS-Pos­ten dazu brin­gen, einen zu prü­geln oder zu erschie­ßen, manch­mal konnte man aber auch mit Witz und Frech­heit und Ver­zweif­lung Dinge errei­chen. Nach ein paar Tagen haben wir gehört, dass die 80 Kin­der sich selbst ihr Grab hat­ten schau­feln müs­sen, und man sie dort erschos­sen hatte.* Mein Onkel und mein Bru­der haben es aber geschafft, den Nazis ein Opfer weg­zu­neh­men.

Buchen­wald war die Hölle auf Erden, und um zu über­le­ben, musste man beson­ders als Kind böse und bru­tal wer­den, denn dass du ein Kind warst, hat dort nichts gezählt.

Ich habe in Buchen­wald ein­mal wochen­lang einen Mann beob­ach­tet, der jeden Tag lie­be­voll einen Ziga­ret­ten­spitz poliert hat, wahr­schein­lich war es das Letzte, was er von sei­nem vor­he­ri­gen Leben noch hatte, ich habe aber nur ein wert­vol­les Tausch­ob­jekt darin gese­hen. Als mir klar war, was für einen Wert der Ziga­ret­ten­spitz hatte, bin ich zum Lager der poli­ti­schen Häft­linge gelau­fen und habe ver­ein­bart, ein Rot-Kreuz-Paket gegen den Spitz zu tau­schen. Und dann stahl ich dem Mann den Spitz, bes­ser gesagt, ich sauste an ihm vor­bei und hatte ihn schon in der Hand. Er ver­suchte nicht ein­mal, sich zu weh­ren oder mir nach­zu­lau­fen, nur als ich mich umdrehte, sah ich, dass er weinte. Aber sein Schmerz war mein Über­le­ben, und leben wollte ich. Im Rot-Kreuz-Paket, das ich dafür bekam, waren alle Herr­lich­kei­ten auf Erden, Kekse, Wurst, Cor­ned beef, Sar­di­nen und Scho­ko­lade, genug davon, um einige Wochen zu über­le­ben. Alles gab es in Buchen­wald im Win­ter 1944/45. Es gab Kan­ni­ba­lis­mus unter den Häft­lin­gen, ein­mal hat ein Häft­ling ver­sucht, an einem Feuer ein Stück Fleisch zu rös­ten, von dem man sehen konnte, dass es Men­schen­fleisch war. Aber nie­mand hat etwas gesagt, die Men­schen waren zu abge­stumpft, und außer­dem hatte auch er ein Recht zu über­le­ben. Auch die SS wurde immer grau­sa­mer, Men­schen ver­schwan­den von einem Tag auf den ande­ren, beson­ders sol­che mit Täto­wie­run­gen, es ging das Gerücht um, die SS mache aus ihrer Haut Taschen und Lam­pen­schirme.

Einer der bru­tals­ten Auf­se­her war Kurt, der Öster­rei­cher, wie wir ihn nann­ten, der es beson­ders auf uns Kin­der abge­se­hen hatte. Er schlug und prü­gelte uns immer, wenn er uns bloß sah. Eines Tages holte er mich aus der Bara­cke in sein Zim­mer, und als ich rein­kam, glaubte ich zu träu­men. Es war warm, hell, und der Tisch war voll Essen, und er sagte, ich dürfe mir neh­men, soviel ich wolle. Ich dachte nicht lange nach, warum er auf ein­mal so freund­lich war, son­dern schlug mir den Bauch voll, ohne mich auch nur zu fra­gen oder miss­trau­isch zu wer­den. Wenn man halb ver­hun­gert ist, kommt zuerst das Essen und dann erst das Den­ken. Spät in der Nacht aber stand auf ein­mal Kurt, der Öster­rei­cher, vor mei­ner Prit­sche, und ich musste auf­ste­hen und mit ihm gehen. Mein Bru­der, der das sah, fing zu wei­nen an, weil er glaubte, der erschlägt mich jetzt. Kurt brachte mich in sei­nen Raum, und ich musste mich aus­zie­hen und dre­hen, und er sah mich lange von allen Sei­ten an, wäh­rend er offen­bar immer erreg­ter wurde. Plötz­lich warf er mir meine Klei­der zu und warf mich nackt, wie ich war, aus dem Zim­mer in den Schnee hin­aus und schrie, ich solle mich zurück in die Bara­cke sche­ren. Spä­ter erst habe ich erfah­ren, dass ich der jüngste Häft­ling in Buchen­wald war und seine Auf­merk­sam­keit erregt hatte.

Weil aber die Alli­ier­ten immer näher kamen, wur­den wir Anfang 1945 von Buchen­wald nach Flos­sen­bürg ver­legt. Wir wur­den mit dem Zug, mit Last­au­tos und zu Fuß hin­ge­bracht. Es waren Hun­derte von Zigeu­nern dort, und wir haben uns zusam­men­ge­schlos­sen, weil wir gefühlt haben, dass es jetzt dar­auf ankommt, nur noch ein paar Monate zu über­le­ben, dann würde das Dritte Reich am Ende sein, und wir wären wie­der frei.

 

* Die­ses Ereig­nis ist his­to­risch nicht belegt. Ver­mut­lich spie­gelt diese Beschrei­bung die im Sep­tem­ber 1944 durch die SS erfolgte Zusam­men­trei­bung aller Sinti- und Roma-Kin­der des Lagers wider, die dann nach Ausch­witz abtrans­por­tiert wur­den.

Ivan Ivanji – »Schattenspringen« (Auszug)

Ich kann mich nicht mehr daran erin­nern, was der Kleine gedacht hat, als er unter den blü­hen­den Kirsch­bäu­men die Land­straße in Thü­rin­gen ent­lang­mar­schierte. Für die Hun­deblumen am Rand des Stra­ßen­gra­bens wird er kaum einen Blick gehabt haben. Er wusste nicht, dass von die­sem Augen­blick an das Lager­le­ben in die Ver­gan­gen­heit zu ver­sin­ken begann.

Nie­mand hatte ihnen mit­ge­teilt, die Deut­schen seien weg, sie seien frei, könn­ten gehen, wohin sie woll­ten. Die drei sag­ten ein­an­der nichts über mög­li­che Gefah­ren. Ich kann mich nicht erin­nern, dass sie müde waren.

Im Gän­se­marsch gin­gen sie, einer hin­ter dem ande­ren, Lada vor­aus, dann Hand­ler, der Kleine hin­ter­her. Drei Sol­da­ten kamen ihnen mit Maschi­nen­pis­to­len im Anschlag ent­ge­gen, aber in einer ande­ren For­ma­tion: einer, in der Mitte der Straße, vor­aus, die ande­ren drei Schritte hin­ter ihm, links und rechts. Ihre Uni­for­men waren nicht grün­lich-feld­grau, son­dern braun.

Im glei­chen Augen­blick blie­ben alle ste­hen. Die Häft­linge, weil sie noch vor allem Angst hat­ten. Die ame­ri­ka­ni­sche Patrouille, weil sie sich im Nie­mands­land befand. Der Ser­geant schien zu wis­sen, was die gestreif­ten Uni­for­men be­deuteten. Ich weiß nicht, ob die Ange­hö­ri­gen der amerika­nischen Infan­te­rie poli­ti­schen Unter­richt über Konzentra­tionslager der Nazis hat­ten, aber die zebra­ge­streif­ten Lum­pen bedeu­ten über­all auf der Welt das­selbe und die abge­ma­ger­ten Gestal­ten, die aus­ge­mer­gel­ten Gesich­ter waren ver­ständ­lich genug.

Die Ame­ri­ka­ner kamen näher, und der Strei­fen­füh­rer hob abweh­rend die Hand:

»Umarmt uns nicht, ihr habt bestimmt Läuse!«

Das waren die ers­ten Worte der Befreier, die der Kleine zu hören bekam, die ers­ten Worte der Frei­heit, gespro­chen auf Eng­lisch. So etwas merkt man sich. Die Sol­da­ten müs­sen also doch poli­ti­schen Unter­richt gehabt haben: »Hütet euch vor deut­schen Mäd­chen, sonst kriegt ihr Syphi­lis; hütet euch vor unge­koch­tem Was­ser, es dro­hen Cho­lera und die Ruhr; hütet euch vor ehe­ma­li­gen Häft­lin­gen, die haben Läuse und ver­brei­ten Fleck­ty­phus. «

Hand­ler konnte Eng­lisch, ver­suchte zu erklä­ren, dass einige Hun­dert Meter von hier ein Lager war. Dort starb man vor Hun­ger! Ja, doch, die Deut­schen seien schon vor­ges­tern geflo­hen. »Was sonst in der Umge­bung ist, das wis­sen wir nicht. Wir ken­nen nur den Weg vom Lager zum Tunnel­system in den Ber­gen.«

Das inter­es­sierte den Strei­fen­füh­rer mehr als die ster­ben­den Häft­linge.

»Muss unser Kom­man­dant erfah­ren! « Er begann die zahllo­sen Taschen sei­ner Uni­form abzu­tas­ten. »Habt ihr noch ein Lunch-Paket?« wandte er sich ärger­lich an seine Män­ner. »Diese Leute da wer­den hung­rig sein!«

Szene für eine Film­ko­mö­die. Drei Ame­ri­ka­ner in Feldaus­rüstung ent­lee­ren ihre Taschen, Brief­ta­schen kom­men her­vor, Fotos, Kämme, Prä­ser­va­tive. Einer fin­det Kau­gummi und gibt das Päck­chen dem Klei­nen. Die drei aus dem Lager beneh­men sich wie höf­li­che Hunde, die vor dem Ess­tisch hocken, nicht auf­fäl­lig bet­teln, aber erwar­tungs­voll nach oben bli­cken. Der Kleine schält das Sil­ber­pa­pier ab, beißt, ver­sucht zu schlu­cken, man kann das Zeug so nicht essen, der Pfef­fer­minz­ge­schmack ist zu stark. Warum macht ein gro­ßes Volk, wie das ame­ri­ka­ni­sche, so etwas? Auch spä­ter habe ich mich nie mit Kau­gummi anfreun­den kön­nen. Hand­ler hat eine huma­nis­ti­sche Bil­dung, er ver­sucht noch ein­mal auf das Lager hin­zu­wei­sen, aber die drei Ame­ri­ka­ner haben jetzt eine andere Auf­gabe, als Lebens­ret­ter zu spie­len. »Berich­tet das unse­rer Kom­man­do­stelle. Wo sie jetzt ist, weiß ich nicht. Ver­gesst nicht, alles über die Tun­nels zu erzäh­len. Das kann wich­tig sein.«

Die ers­ten Dorf­häu­ser. Die Fens­ter waren zu. Hun­de­ge­bell. Hunde ärgern sich immer über arme Men­schen, Post­bo­ten, Rauch­fang­keh­rer, Vaga­bun­den. Die Stra­ßen­kreu­zung. Eine geöff­nete Bäcke­rei, vor der ältere Män­ner stan­den.

»Sind die Ame­ri­ka­ner schon da?« fragte Hand­ler, weil er sich nicht traute, zu fra­gen, ob die Deut­schen abge­zo­gen wären, denn die Bau­ern waren ja Deut­sche.

»Die zie­hen stän­dig vor­über, die Amis …«

»Und euer Mili­tär? …«, der Kleine wagte es aus­zu­spre­chen.

»Hit­ler kaputt!« erklärte ein dicker Mann mit wei­ßer Schür­ze und zeigte auf das Haus­dach. Dort wehte eine weiße Fahne. Er holte einen Laib Brot, brach ihn in drei Teile. »Sie müs­sen nicht zah­len«, sagte er groß­zü­gig. »Heute neh­me ich auch keine Lebens­mit­tel­kar­ten.«

Das Brot war noch warm. Irgendwo hatte der Kleine gele­sen, wenn man aus­ge­hun­gert ist, soll man nicht gie­rig essen, wahr­schein­lich in einem Aben­teu­er­ro­man. Es war beschä­mend, vor den gut ernähr­ten Bau­ern ste­hend ins Brot zu bei­ßen. Sie hat­ten sau­bere Hem­den an, heute woll­ten sie sicher keine Feld­ar­bei­ten ver­rich­ten. Den Krieg sah man nicht, aber man hörte ihn aus der Ferne.

»Wis­sen Sie, wo eine ame­ri­ka­ni­sche Kom­man­dan­tur ist?« »Viel­leicht in Hal­ber­stadt.«

Man wies die Rich­tung. Sechs Kilo­me­ter soll­ten es sein. Viel spä­ter dachte der Kleine an die Bau­ern aus Lan­gen­stein. Es waren ältere Men­schen, ihre Söhne bestimmt an der Front. Kei­ner von ihnen kann heute noch am Leben sein. Viel­leicht hat ein Kind hin­ter den Gar­di­nen gestan­den und sich die ers­ten Lager­häft­linge gemerkt. Groß­papa hat ihnen Brot ohne Lebens­mit­tel­kar­ten geschenkt! Mit die­sem Kind, falls es exis­tiert, würde ich gerne Gedan­ken aus­tau­schen. Alle Erin­ne­run­gen sind ver­weht. Sie tref­fen sich nir­gendwo. Die Land­straße Rich­tung Hal­ber­stadt war brei­ter. Schnell hat­ten sie gelernt allein aus­zu­schrei­ten, ohne Pos­ten, die die Marsch­ge­schwin­dig­keit bestimm­ten. Angst hat­ten sie nicht mehr, hier war befrei­tes Gebiet. Für sie. Für die Deut­schen Hei­mat unter frem­der Besat­zungs­macht. Alle, die fähig wa­ren, das Lager zu ver­las­sen, hat­ten es wohl getan, hat­ten von ande­ren Ame­ri­ka­nern Kau­gummi, von ande­ren deut­schen Bäckern Brot bekom­men. Aber viele star­ben noch. Für sie musste man Hilfe suchen.

Danach würde man nach Hause fah­ren. Was die­ses »zu Hause« war, hatte noch keine kla­ren For­men ange­nom­men. Für den Klei­nen war es Betsch­kerek, die Woh­nung auf der ers­ten Etage ober­halb der Apo­theke. Vater. Vor allem der Vater, erst nach ihm die Mut­ter, die Schwes­ter. Zu Hause waren die Couch, Bücher, Früh­stück mit Kakao, But­ter und Salami. Ein­an­der erzäh­len, was man erlebt hat. Vater hatte ver­spro­chen, dass er am Leben blei­ben würde, er hat nie sein Wort gebro­chen.

Die Stille hat­ten sie nicht wahr­ge­nom­men, bevor sie vom Moto­ren­ge­dröhn zer­ris­sen wurde. Sie dreh­ten sich um, spran­gen in den Stra­ßen­gra­ben. Pan­zer, Zug­ma­schi­nen mit Geschüt­zen, Last­kraft­wa­gen mit behelm­ten Sol­da­ten for­derten die ganze Breite der Straße. Grauer Stahl, weiße Sterne. Bis zum Him­mel war die Luft vol­ler Lärm und Ben­zin­ge­stank. Die Sol­da­ten wink­ten, erkann­ten die Zebra­uni­for­men, war­fen grüne und braune Päck­chen, Schach­teln aus was­ser­fes­tem Kar­ton, schwer auf­zu­rei­ßen mit nack­ten Fin­gern. Die Ame­ri­ka­ner hat­ten Mes­ser. Im Lager wa­ren Mes­ser ver­bo­ten, heim­lich machte man sich in den Werk­stät­ten Schnei­den aus Blech, um das Brot auf­zu­tei­len. Mit die­sem Werk­zeug bohrte der Kleine ein Loch in den Papp­kar­ton, riss sich dann doch die Fin­ger blu­tig. Kekse, Kon­ser­ven mit Leber­pas­tete, Ziga­ret­ten und Streich­höl­zer, sogar Toi­let­ten­pa­pier. Wie­der etwas silb­rig Ein­ge­wi­ckel­tes, aber jetzt war es Scho­ko­lade.

Der Kleine aß sie im Gehen.

Der Lärm ver­lor sich mit der auf­ge­wir­bel­ten Staub­wolke. Die Scho­ko­lade hatte den Geschmack der Kind­heit, den Geschmack von »zu Hause«. Die Schat­ten der die Landstra­ße ent­lang ste­hen­den Bäume form­ten Git­ter­stäbe im Staub. Der Kleine ver­gaß die Begeg­nung mit den Fahr­zeu­gen, die für andere den Tod brach­ten, ihm jedoch Din­ner- und Break fast-Pakete zuwar­fen. Er musste seine Gang­art so ver­ändern, dass er kei­nen Schat­ten berührte. Auf einen Schat­ten darf man nicht tre­ten, man muss über ihn sprin­gen, wie man es als Kind gemacht hat. Schat­ten auf der Land­straße sind wie ein Zaun oder Git­ter. Er rannte mit einer Schach­tel in der Hand vor­aus, mit Kek­sen, ame­ri­ka­ni­schem Käse … Er konnte nicht mehr frei lau­fen wegen die­ser Schat­ten und der Milch­scho­ko­lade im Mund, musste sprin­gen, hüp­fen, dem Schat­ten aus­wei­chen, er glaubte, er könne flie­gen und tanzte über die Schat­ten hin­weg. Die bei­den älte­ren Kame­ra­den hatte er weit hin­ter sich zurück­ge­las­sen.

War ihm zum Wei­nen zumute oder lachte er dabei? Sein Gesicht war im Lager nicht für immer ver­stei­nert, nur zu Eis gefro­ren, taute jetzt lang­sam auf unter der April­sonne, wurde kin­di­scher. Er hatte etwas wie­der­ent­deckt, was er schon ganz ver­ges­sen gehabt hatte: die Freude. Oder zumin­dest etwas Ähn­li­ches.

Er wandte sich um. Kamen Hand­lee- und Lada nach? Ja. Ihre Gesich­ter waren tie­fernst und sie hat­ten auch begrif­fen, dass sie auf kei­nen Schat­ten tre­ten durf­ten, im Lauf­schritt hüpf­ten sie über die Schat­ten hin­weg und hat­ten ihn schon fast ein­ge­holt.

Fritz Löhner-Beda – »Buchenwaldlied«

Wenn der Tag erwacht, eh die Sonne lacht,
die Kolon­nen ziehn zu des Tages Mühn
hin­ein in den grau­en­den Mor­gen.
Und der Wald ist schwarz und der Him­mel rot
und wir tra­gen im Brot­sack ein Stück­chen Brot
und im Her­zen, im Her­zen die Sor­gen.

O Buchen­wald, ich kann dich nicht ver­ges­sen,
weil du mein Schick­sal bist.
Wer dich ver­ließ, der kann es erst ermes­sen,
wie wun­der­voll die Frei­heit ist.
O Buchen­wald, wir jam­mern nicht und kla­gen,
und was auch unser Schick­sal sei,
wir wol­len trotz­dem ja zum Leben sagen,
denn ein­mal kommt der Tag; dann sind wir frei!

Und das Blut ist heiß und das Mädel fern,
und der Wind singt leis, und ich hab sie so gern,
wenn treu sie, ja, treu sie nur bliebe!
Und die Steine sind hart, aber fest unser Tritt,
und wir tra­gen die Picken und Spa­ten mit
und im Her­zen, im Her­zen die Liebe.

O Buchen­wald, ich kann …

Und die Nacht ist kurz, und der Tag ist so lang,
doch ein Lied erklingt, das die Hei­mat sang:
wir las­sen den Mut uns nicht rau­ben!
Halte Schritt, Kame­rad, und ver­lier nicht den Mut,
denn wir tra­gen den Wil­len zum Leben im Blut
und im Her­zen, im Her­zen den Glau­ben.
O Buchen­wald, ich kann …

Literatur aus Buchenwald

Über 200 Per­so­nen, unter ihnen zahl­rei­che Schrift­stel­ler von Welt­gel­tung, schrie­ben nach 1945 über ihr im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Buchen­wald und des­sen Außen­la­gern erfah­re­nes Leid.

2002 gaben Holm und Wulf Kirs­ten das im Wall­stein-Ver­lag Göt­tin­gen erschie­nene Lese­buch »Stim­men aus Buch­nwald« her­aus, das über 60 Texte ver­sam­melt und heute in der vier­ten Auf­lage vor­liegt. Eine Antho­lo­gie, die auf die wich­tigs­ten lite­ra­ri­schen Zeug­nisse auf­merk­sam macht, die über Buchen­wald ent­stan­den. Ebenso lesens­wert ist die von Annette See­mann und Wulf Kirs­ten her­aus­ge­ge­bene Lyrik­an­tho­lo­gie »Der gefes­selte Wald. Gedichte aus Buchen­wald«, die 2013 im Wall­stein-Ver­lag erschien.

Da das »Lite­ra­tur­land Thü­rin­gen« nicht ohne diese Dich­ter und Schrift­stel­ler zu den­ken ist, möch­ten wir an die­ser Stelle eini­gen Autoren eine Stimme ver­lei­hen, die pars pro toto für all jene ste­hen, die über Buchen­wald schrie­ben und alle, die nicht selbst nicht Zeug­nis von ihren Erfah­run­gen abzu­le­gen ver­moch­ten.

Thüringer Anthologie Nr. 039 – Marie-Elisabeth Lüdde über Sophie Mereau

Sophie Mereau

An einen Baum am Spalier

 

Armer Baum! – an dei­ner kal­ten Mauer
fest­ge­bun­den, stehst du trau­rig da,
füh­lest kaum den Zephyr, der mit süßem Schauer
in den Blät­tern freier Bäume weilt
und bey dei­nen leicht vor­über­eilt.
O! dein Anblick geht mir nah!
und die bil­der­rei­che Phan­ta­sie
stellt mit ihrer flüch­ti­gen Magie
eine mensch­li­che Gestalt schnell vor mich hin,
die, auf ewig von dem freien Sinn
der Natur ent­fernt, ein frem­der Drang
auch wie dich in steife For­men zwang.

 

aus: Gedichte, Band 1, Ber­lin 1800.

 

 

Marie-Elisabeth Lüdde

Ein Leben zwischen Liebe und Freiheit

 

Sophie Mereau (*1770 in Alten­burg, gest. 1806 in Hei­del­berg) gehörte zum Kreis der Jenaer Früh­ro­man­tik. Gebil­det und begabt war sie eine der ers­ten erfolg­rei­chen Berufs­schrift­stel­le­rin­nen über­haupt. Ihre Werke umfas­sen Erzäh­lun­gen, Romane, Gedichte und Über­set­zun­gen aus vie­len Spra­chen. Dar­über hin­aus galt sie als anmu­tig und unkon­ven­tio­nell. Mit ihrem ers­ten Mann – F. J. K. Mereau, Pro­fes­sor der Rechte – stand sie im Mit­tel­punkt des Jenaer Uni­ver­si­täts­le­bens. Aller­dings war diese Ehe unglück­lich, sodass Sophie sich schei­den ließ, als erste Frau im Her­zog­tum Sach­sen-Wei­mar-Eisen­ach; das war damals eine Sen­sa­tion. Da waren ihre bei­den klei­nen Söhne schon gestor­ben; mit ihrer Toch­ter  baute sie sich eine eigene Exis­tenz auf. In ihren Gedich­ten ori­en­tierte sie sich an Schil­ler. Hin und her geris­sen zwi­schen Bewun­de­rung und Abwer­tung schrieb er 1797 an Goe­the: „Für die Horen hat mir unsere Dich­te­rin Mereau jetzt ein sehr ange­neh­mes Geschenk gemacht, …Ich muss mich doch wirk­lich dar­über wun­dern, wie unsere Wei­ber jetzt, auf bloß dilet­tan­ti­schem Wege, eine gewiße Schreib­ge­schick­lich­keit sich zu ver­schaf­fen wißen, die der Kunst nahe kommt.“ Cle­mens Bren­tano kannte sie bereits einige tur­bu­lente Jahre, als sie ihn 1803 hei­ra­tete. Er war von ihr höchst fas­zi­niert, quälte sie aber mit Eifer­sucht und Besitz­an­sprü­chen. Diese Ehe war ein Unter­fan­gen zwi­schen Him­mel und Hölle, wie sie bekannte. Von der lite­ra­ri­schen Öffent­lich­keit zog sie sich zurück, gebar in jedem Jahr ein Kind, das nach der Geburt starb, an der letz­ten, der drit­ten in drei Jah­ren, starb sie selbst; da war sie erst 36 Jahre alt. Sophie Mereau lebte ein Leben zwi­schen den Polen „lei­den­schaft­li­che Liebe“ und „Frei­heit“. Im Grunde war es eine moderne Hal­tung, die vor mehr als 200 Jah­ren – jeden­falls für eine Frau – alle Gren­zen des Anstan­des sprengte. Und genau das beschreibt sie in ihrem Gedicht von die­sem Baum, der nicht frei wach­sen und mit dem Wind spie­len darf, son­dern ein­ge­zwängt in eine unna­tür­li­che Hal­tung an einer Mauer dahin­ve­ge­tiert. In die­sem Baum ent­deckt sie sich selbst, künst­lich in eine steife Form gezwun­gen. Ihr gro­ßes Ziel, frei zu sein, hat die Dich­te­rin nicht erreicht.

 

 

Bio­gra­phi­sche Anga­ben

  • Sophie Mereau-Bren­tano (1770–1806), hei­ra­tete 1793 den Jura­pro­fes­sor Fried­rich Ernst Carl Mereau, mit dem sie zwei Kin­der hatte. Schil­ler för­derte sie und druckte ihre Gedichte in den „Horen“. In zwei­ter Ehe war sie ab 1803 mit Cle­mens Bren­tano ver­hei­ra­tet, mit dem sie drei Kin­der hatte; sie starb 1806 im Alter von 36 Jah­ren im Kind­bett.
  • Prof. Dr. Marie-Eli­sa­beth Lüdde, Jahr­gang 1951, stu­dierte Theo­lo­gie, war Pfar­re­rin und Pro­fes­so­rin für evan­ge­li­sche Theo­lo­gie. Seit 2001 ist sie frei­schaf­fende Schrift­stel­le­rin. Sie ist Vor­sit­zende des Thü­rin­ger Lite­ra­tur­ra­tes und Vize­prä­si­den­tin des Kul­tur­ra­tes Thü­rin­gen.

Thüringer Anthologie Nr. 150 – Wulf Kirsten über Georg Philipp Schmidt von Lübeck

Georg Philipp Schmidt von Lübeck

Abschied von Jena. An Sophie Mereau 1796

 

So sahn wir uns zum letz­ten Male!
Dahin, dahin ist all das Glück.
Ich fliehe trü­ber als die Saale
Mit ihr aus dem gelieb­ten Tale,
Und nur Erinn­rung bleibt zurück.

Ich werde mich zu Tode här­men,
Du wirst darum nicht bläs­ser blühn.
Es wer­den andre dich umschwär­men
Und sich an dei­ner Sonne wär­men,
Mich wird der Nor­den nicht erglühn.

Und wirst du mei­ner wohl geden­ken,
Des Armen, der am Sunde schweift,
Des Bli­cke sich nach Süden len­ken
Und in die schwarze Flut ver­sen­ken,
Wenn Nebel ihm das Haar bereift?

Und zieht dich wohl ein­mal Ver­lan­gen
Zu dem ver­lor­nen Freunde hin?
Ach wohl! Was küm­mert dich des Ban­gen!
Ver­gan­gen­heit ist dir ver­gan­gen,
Und die Minute nur Gewinn.

Ich werde dich im Her­zen tra­gen
So wie das Bild­nis an der Brust,
Wohin auch je der Rei­se­wa­gen
Und Mee­res­wo­gen mich ver­schla­gen –
Du, leb und liebe, wie du mußt.“

aus: Der Wagen, Lübeck 1961.

 

 

Wulf Kirsten

Schmerzensschreie eines enttäuschten Liebhabers

 

Wie Peter Hille, Jakob van Hod­dis und so manch ande­rer Lyri­ker grün­det sich deren Über­le­ben auf ein ein­zi­ges Gedicht. Dies gilt im beson­de­ren von Georg Phil­ipp Schmidt von Lübeck (1766–1849). Sein Gedicht „Des Fremd­lings Abend­lied“ hielt sich bis in die Gegen­wart in zahl­rei­chen Antho­lo­gien. So auch in Ste­phan Hermlins „Deut­schem Lese­buch. Von Luther bis Lieb­knecht“ (Leip­zig 1978). Nicht uner­heb­lich zu die­sem Nach­ruhm trug frei­lich Franz Schu­berts Ver­to­nung bei. Kaum bekannt ist das in die­ser Kolumne vor­ge­stellte Lie­bes-Ver­zicht-Gedicht. Wäh­rend sei­nes Stu­di­ums in Jena 1794–1797 gehörte auch jener Schmidt aus Lübeck zu den Stu­diosi, jun­gen Gelehr­ten, für die Sophie Mereau zu einem all­seits fre­quen­tier­ten Anzie­hungs­punkt wurde. Wäh­rend er von die­ser Liai­son ein Leben lang zehrte, träumte, keine Ehe ein­ging, blieb er für sie nur eine Epi­sode. Welch ein Skan­dal einer gut­bür­ger­lich ver­hei­ra­te­ten Frau die Flucht mit einem ihrer Lieb­ha­ber nach Ber­lin im Herbst 1796. Wäh­rend für Sophie Mereau das kurze Zwi­schen­spiel damit endete, sollte es für den sich getäuscht sehen­den und füh­len­den Lieb­ha­ber zu einem unver­gäng­li­chen Lebens-Höhe­punkt wer­den. Gedichte wie Briefe bezeu­gen, dass er sich immer wie­der Hoff­nun­gen machte. Es blieb beim „Abschied von der Ein­zi­gen“.

Das fünf­stro­phige Gedicht des „volks­tüm­li­chen Lyri­kers in klas­si­scher Zeit“, dem immer­hin eine „mehr als mit­tel­mä­ßige Bega­bung“ attes­tiert wurde, gab der Autor erst fünf­zig Jahre nach sei­ner Ent­ste­hung der Öffent­lich­keit preis. Von Jena war er als Dr. med. geschie­den. Bereits 1799 gab er die Arzt­pra­xis in Lübeck auf. Seit 1818 fun­gierte er als Bank­di­rek­tor in Altona. Eine Samm­lung sei­ner „Lie­der“ erschien erst­mals 1821. Wie­der ein­mal mehr bin ich ver­sucht, Elke Erbs ebenso genia­len wie treff­si­che­ren ein­fa­chen deut­schen Aus­sa­ge­satz zu zitie­ren: „Die Dich­ter woh­nen in den Jahr­hun­der­ten.“ Aus dem berühmt gewor­de­nen, geblie­be­nen Gedicht „Des Fremd­lings Abend­lied“ tönt es „Ich bin ein Fremd­ling über­all.“ – „Dort wo du nicht bist, dort ist das Glück.“

 

 

Bio­gra­phi­sche Anga­ben

 

  • Georg Phil­ipp Schmidt von Lübeck, gebo­ren 1766 in Lübeck, Jura­stu­dium in Jena, Wech­sel zur Theo­lo­gie, spä­ter zur Medi­zin, 1797 Dr. med. in Kiel; Rei­sen durch Deutsch­land, Leh­rer auf der Insel Fünen; im däni­schen Staats­dienst, Direk­tor des könig­lich däni­schen Fische­rei- und Han­dels­in­sti­tuts in Altona, Bank­di­rek­tor; 1818 könig­lisch-däni­scher Staats­rat. Er starb 1849 in Otten­sen.
  • Wulf Kirs­ten, geb. 1934 in Klipp­hau­sen bei Mei­ßen, lebt seit 1965 als Schrift­stel­ler in Wei­mar.

Gerhard Tänzer – »Ach, Kyffhäuser«

Vom Küchen­fens­ter der win­zi­gen Man­sarde am obe­ren Nord­häu­ser Stadt­rand, in der wir nach der Zer­stö­rung der Stadt im April 1945 Obdach gefun­den hat­ten, konn­ten wir, mein Bru­der, meine Mut­ter und ich, den Höhen­zug des Kyff­häu­ser sehen und bei kla­rer Sicht auch die Sil­hou­ette des Kyff­häu­ser­turms und die Rothen­burg rot in der Sonne. Meine Mut­ter erzählte uns, in einer Höhle des Ber­ges hause der Kai­ser Bar­ba­rossa, weil sein Reich unter­ge­gan­gen sei vor vie­len Jah­ren. Dass das deut­sche Reich unter­ge­gan­gen war, wuss­ten auch mein klei­ner Bru­der und ich, wir brauch­ten nur ein paar Schritte wei­ter­zu­ge­hen bis zu den Trüm­mern. Groß­mutter, die nach den Bom­ben­an­grif­fen in dem Dorf Herin­gen bei einem Bau­ern unter­ge­kom­men war, konnte uns zu dem Kai­ser Bar­ba­rossa sogar ein Gedicht vor­tra­gen. In dem saß der Kai­ser in einer Höhle auf einem Elfen­bein­stuhl, und sein Bart war durch den mar­mor­nen Tisch gewach­sen. Der Kai­ser schlafe und träume vor sich hin, aber ab und an schi­cke er einen Kna­ben hin­aus, der solle ihm sagen, ob die Raben noch um den Berg flö­gen. Und wenn sie das täten, müsse er wie­derum hun­dert Jahre schla­fen, und mit ihm des Rei­ches Herr­lich­keit.

Die Raben in Fried­rich Rück­erts Gedicht aus dem Jahr 1817 erklärte Leh­re­rin Wer­ner ein paar Jahre spä­ter ihren Schü­lern als die deut­schen Fürs­ten, die nach dem Nie­der­gang des deut­schen Rei­ches des­sen Län­de­reien an sich geris­sen hät­ten und sich unab­läs­sig um sie strit­ten. An einem Früh­som­mer­tag setzte sie sich mit uns in den Bum­mel­zug, und von der Sta­tion Berga mar­schier­ten wir auf der Land­straße nach Kel­bra. Dort schlu­gen wir den Feld­weg zum Kyff­häu­ser­ge­birge ein, hoch vor uns auf einer Berg­kuppe die Rothen­burg. Am Weg­rand lagen grau­röt­li­che, leicht glit­zernde Baum­stämme, die waren ver­stei­nert. Vor Jahr­mil­lio­nen habe hier ein Wüs­ten­klima geherrscht, erklärte die Leh­re­rin. Und Perl­mutt fan­den wir auch, hier war auch ein­mal ein Meer gewe­sen. Der Pfad steil berg­auf führte uns hin­ein in die Ruine der Burg. Ein Turm aus neue­rer Zeit, ein dicker Berg­fried, ein schma­les spitz­bo­gi­ges Ein­tritts­tor, die schö­nen Wände des Palas. Der Sand­stein so rot, wie ich ihn vom Küchen­fens­ter unse­rer Man­sarde gese­hen hatte. Wir blick­ten zu der Hei­mat­stadt in der Ferne. In der Tiefe brei­te­ten sich die noch grü­nen Korn­fel­der des Hel­me­tals aus, und Fräu­lein Wer­ner erzählte, der Graf von Rothen­burg habe, in der Zeit der Kreuz­züge, gesagt: »Ich lasse jedem das Gelobte Land und lobe mir dafür meine Gol­dene Aue.«

Am Kyff­häu­ser­denk­mal saß der Kai­ser Fried­rich Bar­ba­rossa in einem Gewölbe auf einer Bank, ein gewal­ti­ger alter Mann mit lang­sträh­ni­gem Bart bis zu den Knien und einer Krone auf dem Haupt. Mit der Rech­ten umfasste er ein Schwert, er hatte Krieg geführt gegen die unge­hor­sa­men ober­ita­lie­ni­schen Städte und gegen den unge­hor­sa­men Hein­rich den Löwen, der hin­wie­derum die Königs­sied­lung Nord­hau­sen in Schutt und Asche gelegt hatte. Über dem Gewölbe erhob sich der Turm, und an dem saß, auf einem Sockel, Kai­ser Wil­helm I. hoch zu Ross, mit Backen­bart und mit einem Sol­da­ten­helm auf dem Haupt. Des­sen Kanz­ler hatte das zer­fal­lene deut­sche Reich wie­der­errich­tet im Jahr 1871 nach einem Krieg gegen Frank­reich. Fräu­lein Wer­ner ließ es damit bewen­den. Wir war­fen Stein­chen in den Burg­brun­nen und zähl­ten die Sekun­den, bis wir den Auf­schlag hör­ten, setz­ten uns auf die Denk­mals­treppe und hol­ten unsere Früh­stücks­brote her­vor, und in der Gast­stätte gab es Spru­del­was­ser zu kau­fen. Dann erklom­men wir die über zwei­hun­dert Stu­fen des Turms. Die Gol­dene Aue lag unter uns in der Sonne, gegen­über die dunk­len Wäl­der der Harz­berge. Über uns am Him­mel erglänz­ten immer wie­der von neuem silb­rige Flug­zeuge. Die flo­gen nach West­ber­lin, dem hatte die rus­si­sche Besat­zungs­macht im Streit mit den west­li­chen Besat­zungs­mäch­ten die Zufahrts­wege ver­sperrt. Dar­über ver­lor Fräu­lein Wer­ner kein Wort. Auf dem Rück­weg zur Bahn­sta­tion fie­len wir am Fuße des Ber­ges in eine Kir­schen­plan­tage ein. Da mochte die sonst so strenge Leh­re­rin nicht schel­ten noch dro­hen.

Mein Lebens­weg führte mich dann, da die Uni­ver­si­tät Jena kei­nen Stu­di­en­platz für mich zu haben meinte, an die Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen, ohne­hin die mei­ner Hei­mat­stadt nächst­ge­le­gene Hoch­schule, wären nor­male Zei­ten gewe­sen. Und von dort, an der Hand einer Frau aus Frank­reich, in einen loth­rin­gi­schen Grenz­ort und an ein Gym­na­sium im Saar­land. Schul­tag für Schul­tag über­querte ich die Grenze, die deut­schen wie die fran­zö­si­schen Zoll­be­am­ten wink­ten mich als­bald nur noch durch. Und ich sah, wie sich diese Grenze all­mäh­lich in Luft auf­löste und jene, hin­ter der Thü­rin­gen lag, immer undurch­dring­li­cher wurde. In einem Lyrik­band des Klett Ver­lags für die Ober­stufe begeg­nete mir Gün­ter Kun­erts »Neuere Bal­lade infolge älte­rer Sage«, im Jahr 1967 in einer Antho­lo­gie des Frank­fur­ter Fischer Ver­lags erschie­nen. In dem Gedicht nimmt sich Gün­ter Kun­ert der Bar­ba­rossa-Sage an, teils mit gereim­ten vier­zei­li­gen Stro­phen im Stil Fried­rich Rück­erts, teils mit dazwi­schen gestell­ten kom­men­tie­ren­den Ver­sen im freien Rhyth­mus. Kun­ert fügt den in Klein­asien ertrun­ke­nen Kai­ser in eine Reihe unse­li­ger Suche nach deut­scher Größe im Aus­land, mit dem Ergeb­nis ange­ta­nen und erfah­re­nen Leids und, nach den Schlach­ten von Sta­lin­grad, Nar­vik und El Ala­mein, eines geschrumpf­ten Fle­ckens Schorf am Glo­bus, ja, mit Blick auf die dem Kyff­häu­ser nahe Grenze, »als wär Deutsch­land nie gewe­sen«. Dem Traum­bild vom unter­ir­di­schen Erret­ter stellt Kun­ert die beid­seits mit Rake­ten bestück­ten Flug­zeuge am Him­mel ent­ge­gen, vor allem aber sein eige­nes Wunsch­bild, näm­lich Deut­sche, nicht eherne Gefolgs­leute, son­dern » die ihr Geschick betrei­ben um kei­nes Kai­sers Bart, in kei­nes Namen als ihrem eige­nen«. Das Gedicht endet jedoch im älte­ren Stro­phen­stil: »Tief in Höh­len des Kyff­häu­ser lebt nur noch als Schim­mel­pilz eine alte deut­sche Sage: die betro­gne Hoff­nung wills.« Ein Satz zum Grü­beln. Ein Jahr­zehnt spä­ter ver­lor Gün­ter Kun­ert die Hoff­nung auf den »real­so­zia­lis­ti­schen« Staat und sie­delte von Ber­lin-Ost über nach Schles­wig-Hol­stein.

Im Jahr 1989 fiel die Ber­li­ner Mauer, im Jahr 1990 machte ich mich mit mei­nem Sohn, so alt wie ich damals im Jahr 1949, auf den Weg zum Kyff­häu­ser. Wir näch­tig­ten im Kel­braer Gast­haus »Sach­sen­hof«, von den Kell­ne­rin­nen freund­lich bedient und ver­wun­dert betrach­tet, als ich mir Malz­kaf­fee bestellte. Es war ein fri­scher son­ni­ger Mor­gen, als wir den Feld­weg zur Rothen­burg ein­schlu­gen. An sei­nem Rand lagen nicht mehr die ver­stei­ner­ten Stämme, lebende Bäume fass­ten ihn zu einer klei­nen Allee. Wir erstie­gen auf dem Berg­pfad die Rothen­burg. Der Sand­stein leuch­tete warm in der Sonne, und ich gewahrte die schö­nen vier­tei­li­gen Klee­blatt­fens­ter in der Mauer des Palas, mit dem blauen Him­mel als Hin­ter­grund. Ich erzählte mei­nem Kind den Aus­spruch des Gra­fen von Rothen­burg, und wir blick­ten in die Gol­dene Aue. Ein Falke schwebte über der Burg, und mir fiel der Min­ne­sän­ger ein, der hier als Burg­mann gedient hatte.

Die Hotel­an­lage neben der Burg fan­den wir mit einer Schranke ver­sperrt, und ein Wacht­pos­ten in der Uni­form der Natio­na­len Volks­ar­mee bedeu­tete uns wei­ter­zu­ge­hen. Nahe der Gast­stätte am Kyff­häu­ser­denk­mal rief ein über die Straße gespann­tes Spruch­band: »Thü­rin­gen!«. Der Land­kreis Artern hatte zum Bezirk Halle gehört, und es war nicht sicher gewe­sen, dass er dem wie­der­erstan­de­nen Land Thü­rin­gen zuge­schla­gen würde. Am Denk­mal erklärte ich mei­nem Kind den aus Sand­stein gehaue­nen lang­bär­ti­gen Bar­ba­rossa und den mit Grün­span über­zo­ge­nen Kai­ser Wil­helm I. auf sei­nem Pferd. Die küm­mer­li­chen Reste der Reichs­burg. Im Jahr 1190 war Bar­ba­rossa von sei­nem Weg ins Gelobte Land nicht wie­der­ge­kehrt, vor genau acht­hun­dert Jah­ren. Wir erklet­ter­ten die Aus­sichts­platt­form unter der stei­ner­nen Krone. Die Harz­berge lagen vor uns, am Hori­zont schim­merte meine Hei­mat­stadt, und in der Aue arbei­te­ten, klein, doch erkenn­bar, Bau­ern mit ihrem Gefährt auf den Äckern und Wie­sen.

Wenn ich in den fol­gen­den Jah­ren das thü­rin­gi­sche Land bereiste, nahm ich fast immer den Weg über die Rothen­burg. Nach der Natio­na­len Volks­ar­mee war die Bun­des­wehr in die Hotel­an­lage ein­ge­zo­gen, und dann geriet mir in einer Zei­tung eine große Anzeige vor Augen, in der stellte der Frei­staat Thü­rin­gen den Hotel­kom­plex ein­schließ­lich der Rothen­burg zum Ver­kauf. Die Rothen­burg! Im dar­auf­fol­gen­den Jahr sah ich die Fens­ter der Hotel­an­lage zer­schla­gen, und in der Gast­stätte des Kyff­häu­ser­denk­mals erzählte mir die Kell­ne­rin, ein thü­rin­gi­scher Auto­händ­ler habe das Hotel für die Tou­ris­ten auf­be­rei­ten wol­len, und über Nacht hät­ten Unbe­kannte ihm die ganze Innen­ein­rich­tung zer­trüm­mert. Bei mei­nem nächs­ten Besuch fehl­ten die Hin­weis­schil­der an der Land­straße, und den Zugang zur Rothen­burg ver­sperrte eine Bret­ter­wand. Daran änderte sich auch unter den nach­fol­gen­den Eigen­tü­mern nichts. Die Rothen­burg und der Wan­der­weg zur Gol­de­nen Aue waren ver­lo­ren.

Mir blieb der Min­ne­sän­ger, Kris­tan von Lup­pin. Die Lup­pi­ner, Hof­be­sit­zer in der Aue bei Kel­bra, gehör­ten zu den »mili­tes et servi« der Rothen­burg, ihr Min­ne­sän­ger Kris­tan ist Ende des 13. und Anfang des 14. Jahr­hun­derts bezeugt. In der Man­es­si­schen Hand­schrift hat ihm der Schrei­ber das Adels­prä­di­kat »Herr« vor sei­nem Namen ver­sagt, aber dafür nennt er ihn einen »Düring«. Ich nahm Frid­rich Pfaffs getreuen Text­ab­druck zur Hand und begann, die sie­ben über­lie­fer­ten Min­ne­lie­der Kris­tans ins Neu­hoch­deut­sche zu über­tra­gen. Und ich stellte mir vor, wie er seine Lie­der im Palas der Rothen­burg vor­ge­tra­gen hatte, bevor er in andere Dienste ging.

22. Thüringer Literatur- und Autorentage – Wer ist: Ich? Wer sind: Wir?

Lite­ra­tur – wenn sie etwas taugt – reizt uns zur Suche nach Selbst­er­kennt­nis. Wor­aus besteht eigent­lich die­ses Ich? Und was macht unsere Gesell­schaft aus? Zum Bei­spiel hier, in Thü­rin­gen, heute, wenige Monate vor der Land­tags­wahl?

Unter dem Titel »Wer ist: Ich? Wer sind: Wir?« laden die 22. Thü­rin­ger Lite­ra­tur­tage dazu ein, in den Spie­gel zu sehen. Auch wenn das nicht ganz unge­fähr­lich ist.

Das kom­plette Pro­gramm fin­den Sie hier.

Literaturland Thüringen aktuell 01/2019

Lite­ra­tur­land Thü­rin­gen aktu­ell 1–2019

Literaturland Thüringen aktuell

»Lite­ra­tur­land Thü­rin­gen aktu­ell« erscheint als Mit­tei­lungs­blatt des Thü­rin­ger Lite­ra­tur­ra­tes e.V. in loser Folge im PDF-For­mat. Es darf für die pri­vate Nut­zung in digi­ta­ler Form oder als Aus­druck in belie­bi­ger Stück­zahl an Inter­es­sen­ten kos­ten­los wei­ter­ge­ge­ben wer­den.

Alle Texte fin­den sich auch auf www.literaturland-thueringen.de. Bei Inter­esse am Abdruck eines Bei­trags wen­den Sie sich bitte per E-Mail an die Adresse:
thueringer-literaturrat@gmx.de.

Ausgaben:

Lite­ra­tur­land Thü­rin­gen aktu­ell 1–2019

hEFt für literatur, stadt und alltag – April 2019

Liebe Lese­rin­nen und Leser,

es ist eines der letz­ten Mys­te­rien der Stadt. Denn auch 630 Jahre nach Grün­dung der Erfur­ter Uni­ver­si­tät und 28 Jah-re nach der der hie­si­gen Fach­hoch­schule sucht man sie oft ver­ge­bens im städ­ti­schen Kul­tur­le­ben: die Stu­die­ren­den. Wäh­rend es frü­her mit der Engels­burg und dem UNI-k.u.m. vor allem die zwei Erfur­ter Stu­den­ten­clubs waren, die ihnen exklu­si­ves Fei­er­asyl boten, gehen heute die fast 10.000 Stu-die­ren­den nach der letz­ten Vor­le­sung wohin? Oder fol­gen sie bei der Frei­zeit­ge­stal­tung eher wirt­schaft­lich-ratio­na­len Mo-tiven und besau­fen sich gleich in der eige­nen WG? Und wo kann man sich eigent­lich auf dem Cam­pus noch kul­tu­rell be-täti­gen? Unsere über­aus fi ndige Redak­ti­ons­gruppe hEFt an der Uni hat es her­aus­ge­fun­den! Die Ergeb­nisse der Befra­gung von immer­hin 250 Stu­die­ren­den zu ihrem Aus­geh­ver­hal­ten gibt es ab Seite 6 die­ser Ausgabe.Michelangelo hat sie gemalt, im Alten Tes­ta­ment taucht sie über 200 Mal auf und im Kos­mos hat man sie sogar gese-hen – wenn auch in 1.300 Licht­jah­ren Ent­fer­nung: die Hand Got­tes. Mit ihr eröff nen wir unser dies­jäh­ri­ges hEFt-Th emen-jahr zu berühm­ten Zita­ten aus der Welt des Sports. In unse-rem Fall hat natür­lich der kleine argen­ti­ni­sche Dampf­plau-derer und größte Fuß­bal­ler sei­ner Zeit Pate gestan­den. Denn erst durch Diego Mara­dona und sein mit der lin­ken Faust erziel­tes Tor bei der Fuß­ball-WM 1986 stieg die Hand Got­tes in den pop­kul­tu­rel­len Him­mel auf. Kein Wun­der also, dass das Th ema der Redak­tion jede Menge Arbeit brachte. So viele Text­ein­sen­dun­gen wie noch nie zuvor fl atter­ten in den elek-tro­ni­schen hEFt-Post­kas­ten. Vie­len Dank an alle Autorin­nen und Autoren! Die Aus­wahl war nicht leicht, aber auch wir lie­ßen uns von Got­tes Hand lei­ten. Was dabei her­aus­ge­kom-men ist, steht im extra­gro­ßen Lite­ra­tur­teil ab Seite 20.

Sport frei!

 

Die Redak­tion

 

Und hier kann man das hEFt online lesen

Menantes-Preis für erotische Dichtung 2019

2019 wird der Men­an­tes-Preis für ero­ti­sche Dich­tung zum sieb­ten Mal vom Men­an­tes-För­der­kreis der Evan­ge­li­schen Kirch­gemeinde Wan­ders­le­ben  im Geburts­ort  des  Dich­ters ver­ge­ben.

Das Werk von Chris­tian Fried­rich Hunold {1680–1721 ), der sich als galan­ter Autor im Jahr 1700 in Ham­burg das Pseud­onym MENANTES zulegte, inspi­rierte bereits sechs Mal Lite­ra­tur­be­geis­terte, die aus der Schweiz, aus Öster­reich und aus Deutsch­land Texte ein­sand­ten. Mit dem Mitteldeut­schen Ver­lag Halle und dem Erfur­ter Herbst­lese e.V. hat der Men­an­tes-För­der­kreis in Wan­ders­le­ben nun neue Part­ner für die Ver­gabe und Prä­sen­ta­tion im Jahr 2019 gefun­den.

Bis zu drei anony­mi­sierte Gedichte oder eine Kurz­ge­schichte mit maxi­mal fünf Manu­skript­sei­ten (2000 Zei­chen) konn­ten bis zum 31. März 2019 ein­ge­sandt wer­den. Eine Jury aus fünf Kri­ti­ke­rin­nen und Kri­ti­kern ermit­telt unter allen Einsen­dungen die fünf ori­gi­nells­ten und lädt deren Ver­fas­ser zu einem Lese­fest am 15. Juni 2019 in den Kul­tur-Pfarr­hof Wan­ders­le­ben ein, bei dem ein Jury-Preis in Höhe von 2.000 Euro sowie ein Preis des Publi­kums ver­ge­ben wird, der mit 500 Euro dotiert ist. Das Preis­geld wird vom Men­an­tes-För­der­kreis gestif­tet.

Eine Antho­lo­gie mit den 30 bes­ten Bei­trä­gen wird im Herbst 2019 im Mit­tel­deut­schen Ver­lag Halle erschei­nen. Mit der Ein­sen­dung der Texte zum Lite­ra­tur­preis stim­men die Autorin­nen und Autoren einem mög­li­chen Abdruck ihres Wer­kes in der Antho­lo­gie zu. Vom Ver­lag erhal­ten die ver­öf­fent­lich­ten Autoren 3 Belegex­emplare.

Am 14. Novem­ber 2019 wird die Antho­lo­gie im Rah­men der Erfur­ter Herbst­lese im Kul­tur: Haus Dacheröden in Erfurt vor­ge­stellt. Die fünf zum Lese­fest ein­ge­la­de­nen Autoren haben dann noch ein­mal die Gele­gen­heit, ihre Bei­träge vor­zu­stel­len.

Die Thüringer kennt in Luxemburg jedes Kind – Literaturland Thüringen unterwegs in Luxemburg

Europa ist ein Gedicht? Europa ist ein Gedicht! Das zumin­dest behaup­ten wir. »Wir alle, Volk von Europa, dem alten Europa, der Stiere und Krie­ger, dem neuen Europa der fried­li­chen Träu­mer, wir, Volk von Europa, so ver­schie­den, so gleich, aus allen Beru­fen, Fächern und Rich­tun­gen, Hand und Ver­stand, ein­fach und stolz, wohl­ha­bend und arm, trau­rig und froh.«

Am Don­ners­tag, dem 28. März 2019, war der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat in der Abtei Neu­müns­ter in Luxem­burg zu Gast, um dort das »Euro­päi­sche Grund­ge­setz in Ver­sen« vor­zu­stel­len. Es ist – wie wir fin­den – nicht nur ein poe­ti­sche Ant­wort auf die nüch­ter­nen und zuwei­len recht abs­trak­ten Geset­zes­texte,  die die Euro­päi­sche Union mit sich bringt. Es ist  vor allem eine Lie­bes­er­klä­rung an Europa.

Nach­dem wir das »Euro­päi­sche Grund­ge­setz in Ver­sen«, ein mit­rei­ßen­des Mani­fest für ein libe­ra­les und gerech­tes Europa einer Gruppe von Brüs­se­ler Dich­tern, in den ver­gan­ge­nen Jah­ren in Erfurt, Ber­lin und in der Thü­rin­ger Lan­des­ver­tre­tung in Brüs­sel vor­ge­stellt hat­ten, gas­tier­ten wir damit nun in Luxem­burg. Aus Brüs­sel kam der Rap­per Manza, der zum Brüs­se­ler Dich­ter­kol­lek­tiv gehört wie auch Geert van Isten­dael, dem spi­ri­tus rec­tor des »Euro­päi­schen Grund­ge­set­zes in Ver­sen«, der aus Krank­heits­grün­den lei­der kurz­fris­tig absa­gen musste. Für ihn sprang der Schau­spie­ler Steve Karier ein. Auf Anre­gung von Marie-Thé­rése Klopp vom Ver­bin­dungs­büro des Euro­päi­schen Par­la­ments in Luxem­burg hat­ten wir den Dich­ter und Schrift­stel­ler Guy Hel­min­ger ein­ge­la­den, der aus Luxem­burg stammt und seit vie­len Jah­ren in Köln lebt und arbei­tet. Wie sich bei der Probe am Nach­mit­tag her­aus­stellte, drück­ten Hel­min­ger und Karier vor vie­len Jah­ren gemein­sam die Schul­bank. Aus Thü­rin­gen kamen Daniela Danz, Chris­toph Schmitz-Schole­mann und Jens Kirs­ten – als Schrift­stel­ler und als Ver­tre­ter des Thü­rin­ger Lite­ra­tur­ra­tes.

Die Koope­ra­tion mit dem Insti­tut Pierre Wer­ner und dem Ver­bin­dungs­büro des Euro­päi­schen Par­la­ments in Luxem­burg erwies sich als aus­ge­spro­che­ner Glücks­fall. Nicht nur die Vor­be­rei­tun­gen lie­fen Hand in Hand – die per­sön­li­che Begeg­nung mit Marie-Thé­rése Klopp und Chris­toph Schrö­der vom Ver­bin­dungs­büro des Euro­päi­schen Par­la­ments zeigte uns, dass ein gemein­sa­mes Nach­den­ken über Europa weit mehr als nur ein Lip­pen­be­kennt­nis sein kann.

Oli­vier Frank und Diane Krü­ger vom Insti­tut »Pierre Wer­ner« emp­fin­gen uns sehr herz­lich. Wäh­rend des Gesprächs im Insti­tut waren wir umge­ben von Pla­ka­ten. Allent­hal­ben Schrift­stel­ler­köpfe, die auch wir von eige­nen Ver­an­stal­tun­gen kann­ten. Unter ihnen die von Jür­gen Becker, Kath­rin Schmidt und , um nur zwei mit Bezug zu Thü­rin­gen zu nen­nen. Poe­sie ver­bin­det über Län­der­gren­zen hin­weg.

Am Abend stan­den wir sechs gemein­sam vor einem vol­len Saal. Sieb­zig Per­so­nen füll­ten die mit Decken­ge­mälde und Altar aus­ge­stat­tete »Cha­pelle«, die heute als Ver­an­stal­tungs­raum die­nende ehe­ma­lige Gefäng­nis-Kapelle in der Abtei. Die größte Gruppe im Publi­kum bil­de­ten  22 Schü­le­rin­nen und Schü­ler eines luxem­bur­gi­schen Gym­na­si­ums. Hier gelang, was in Thü­rin­gen (und anderswo) oft daran schei­tert, dass Abend­ver­an­stal­tun­gen außer­halb der Schul­zeit lie­gen. Obgleich Chris­toph Schmitz-Schole­mann ankün­digte, dass sech­zig Minu­ten Lyrik ein nicht leicht zu bewäl­ti­gen­der Stoff seien, ging  das Publi­kum hör­bar und sicht­bar mit und fühlte sich bes­tens unter­hal­ten und unter­rich­tet: Über das Recht auf Apfel­bäume, das Recht auf Fress­sucht und Kor­pu­lenz und auf Faul­heit ebenso wie über Demo­kra­tie, den Rechts­staat und die Frei­heit. Lang anhal­ten­der, herz­li­cher Applaus und anschlie­ßend beim – vom Europa-Par­la­ment spen­dier­ten klei­nen Umtrunk – enga­gierte und fröh­li­che Gesprä­che mit jeder Menge Lob für die Akteure.

Spä­ter, beim gemein­sa­men Abend­essen, erfuh­ren wir von Guy Hel­min­ger, dass er mehr­fach schon in Thü­rin­gen gele­sen hatte und dass Steve Karier im Sep­tem­ber 2019 auf Ein­la­dung von Rolf C. Hemke beim Kunst­fest in Wei­mar mit einer Per­for­mance dabei sein wird. Er erzählte uns auch, dass in Luxem­burg kein Som­mer­fest ohne Brat­würste denk­bar sei, die hier seit Urzei­ten »Thü­rin­ger« hie­ßen, bis ein fin­di­ger Thü­rin­ger auf die Idee kam, den Begriff »Thü­rin­ger Rost­brat­wurst« schüt­zen zu las­sen. Ob hier das Grund­recht auf Dumm­heit zum Zug kam,  sei dahin­ge­stellt. Dass die­ser Zeit­ge­nosse, der den Luxem­bur­gern ihre Brat­wurst abspens­tig machen wollte, das Zeug zum Anti-Kul­tur­bot­schaf­ter Thü­rin­gens habe, dar­über waren wir uns einig. »Wie nennt man denn nun die Brat­würste in Luxem­burg?«, wollte ich von Steve Karier wis­sen, »Thü­rin­ger« natür­lich, war die ein­fa­che Ant­wort.

Japanische Literatur ohne Kirschblüten-Romantik: Der Cass-Verlag Bad Berka

Jens Kirs­ten im Gespräch mit dem Ver­le­ger­ehe­paar Dr. Katja-Cas­sing und Dr. Jür­gen Stalph.

Frau Cas­sing, Herr Stalph, Sie sind die Inha­ber des Cass-Ver­la­ges. Vor allem aber sind Sie beide aus­ge­wie­sene Japa­no­lo­gen. Wann und wodurch wurde Ihr Inter­esse an Japan, sei­ner Kul­tur und Lite­ra­tur geweckt?

Katja Cas­sing: Japa­nisch war ein Glücks­fall für mich. In Trier lehrte Prof. Irmela Hijiya-Kir­sch­ne­r­eit, die ein­zige in Deutsch­land, die zu der Zeit moderne japa­ni­sche Lite­ra­tur unter­rich­tete. Da ich mich sehr für Lite­ra­tur und Spra­chen inter­es­sierte, war das die rich­tige Kom­bi­na­tion für mich. Nach zwei Jah­ren ging ich nach Japan und hab dann die Hälfte mei­nes Stu­di­ums dort absol­viert. Noch wäh­rend der Stu­di­en­zeit begann ich im Wis­sen­schafts­be­reich zu arbei­ten. Da nur sehr weni­gen eine aka­de­mi­sche Kar­riere mög­lich ist, die eine Stel­lung auf Lebens­zeit bie­tet, über­legte ich, was ich beruf­lich machen kann. Warum also meine Liebe zur japa­ni­schen Spra­che und zu sei­ner Lite­ra­tur nicht mit­ein­an­der ver­bin­den und einen Ver­lag grün­den? Japa­ni­sche Kri­mis in deut­scher Über­set­zung gab es zum Zeit­punkt der Ver­lags­grün­dung so gut wie keine. So lag die Über­le­gung nahe, den Ver­lags­schwer­punkt auf Kri­mi­nal­li­te­ra­tur zu legen.

Und das Japa­no­lo­gie-Stu­dium hat Ihnen dabei gehol­fen?

Katja Cas­sing: Der Erwerb der japa­ni­schen Spra­che ist nur ein klei­ner Bestand­teil des Stu­di­ums, der vor allem auf das Lesen und nicht auf die Kom­mu­ni­ka­tion aus­ge­rich­tet ist. Als ich nach zwei Jah­ren Stu­dium in Japan ankam, war ich nicht in der Lage, mich zu ver­stän­di­gen. Ich schei­terte bereits beim Kauf einer Brief­marke. Und das nach zwei Jah­ren Sprach­er­werb, Klau­su­ren und Prü­fun­gen. Obwohl ich viele Zei­chen lesen konnte, war es ein Schock, als ich den Ein­stu­fungs­test nicht bestand, ja, nicht ein­mal die gestell­ten Fra­gen ver­stand. Ich konnte nur den lee­ren Fra­ge­bo­gen abge­ben. Alle, die mit mir nach Japan kamen, wur­den dann in den mitt­le­ren Sprach­kurs geschickt. Nur ein oder zwei Stu­den­ten, die schon vor­her ein­mal in Japan gelebt hat­ten, kamen in den Kurs für Fort­ge­schrit­tene. Im ers­ten Jahr habe ich gefühlt die gesamte erlernte Gram­ma­tik und alle gelern­ten Zei­chen ver­ges­sen und dafür das Spre­chen und das Ver­ste­hen der Spra­che gelernt. Nach einem Jahr, als das Sti­pen­dium endete, wusste ich, dass mein Wis­sens­stand über­haupt nicht aus­rei­chend war. Also blieb ich gleich zwei­ein­halb Jahre in Japan. Nach­dem ich etwas bes­ser fol­gen konnte, durfte ich den einen oder ande­ren Kurs über­sprin­gen, so dass ich dann auch den Uni­ver­si­täts­vor­be­rei­tungs­kurs absol­vie­ren konnte. Das war ein her­vor­ra­gen­des Sprach­trai­ning, um das mich mein Mann bis heute ein biss­chen benei­det, weil ich dort auch die Höf­lich­keits­spra­che lernte.

Jür­gen Stalph: Und jetzt ist sie auf Welt­ni­veau.

Was stu­diert man neben dem Sprach­er­werb?

Katja Cas­sing: Im Grund­stu­dium stu­diert man Poli­tik, Geschichte, Kul­tur, Lite­ra­tur. Es gibt in Deutsch­land nur wenige Japa­no­lo­gien, meist nur mit einer Pro­fes­sur. Für zeit­ge­nös­si­sche Lite­ra­tur war und ist die Kory­phäe die schon erwähnte Pro­fes­so­rin Hijiya-Kir­sch­ne­r­eit. In Hei­del­berg wurde vor­mo­derne Lite­ra­tur gelehrt, über­haupt gibt es dort eine grö­ßere Japa­no­lo­gie.

Jür­gen Stalph: In Ber­lin gab es zwei Lehr­stühle. Feder­füh­rend war dabei die Japa­no­lo­gie der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät im Osten, Lehr­stuhl­in­ha­ber war Jür­gen Berndt. Die Hum­boldt-Uni­ver­si­tät war im Bereich der Japa­no­lo­gie sehr gut. Das war das Aus­hän­ge­schild. Des­we­gen hat man bei den älte­ren Lite­ra­tur­über­set­zun­gen aus Japan zwei Schie­nen. Auf der einen Seite Oscar Benl in Ham­burg, auf der ande­ren Jür­gen Berndt aus Ber­lin. Jür­gen Berndt war auch einer der ers­ten, der Japa­nisch spre­chen konnte. Die älte­ren Pro­fes­so­ren konn­ten Japa­nisch nicht spre­chen. Es war für die deut­schen Uni­ver­si­tä­ten eine tote Spra­che, die ver­mit­telt wurde wie Latein und Alt­grie­chisch. Die DDR hat viel mehr Wert auf die gespro­chene Spra­che gelegt als die Kol­le­gen im Wes­ten. Sie schick­ten regel­mä­ßig Sti­pen­dia­ten nach Tokio. Aus dem Wes­ten gin­gen natür­lich auch einige Stu­den­ten nach Japan.

Ich selbst habe mein Stu­dium auf Lin­gu­is­tik aus­ge­rich­tet und ging dafür nach Bonn und spä­ter nach Bochum, weil der Bon­ner Lehr­stuhl mit einem Eth­no­lo­gen neu besetzt wurde und der Lehr­stuhl in Bochum auf Spra­che und Lite­ra­tur aus­ge­rich­tet war. Bochum war damals das größte Zen­trum für Japa­no­lo­gie in Europa. Man konnte Geschichte als Schwer­punkt wäh­len, Geo­gra­phie, Poli­tik, Öko­no­mie und ein inter­dis­zi­pli­när aus­ge­rich­te­tes Stu­dium, das sich auf Japan, Korea und China erstreckte.

Herr Stalph, wie erging es Ihnen mit dem Ler­nen der Spra­che?

Als ich aus Bonn nach Japan kam, machte ich ähn­li­che Erfah­run­gen wie meine Frau. In Bonn war die Kory­phäe Pro­fes­sor Zachert, der wäh­rend des Krie­ges in Japan gelebt hatte und einer der weni­gen war, die flie­ßend spra­chen. Als ich in den sieb­zi­ger Jah­ren zu stu­die­ren begann – wir waren viel­leicht fünf Neu­linge – saßen alle Stu­den­ten vom ers­ten bis zum zwan­zigs­ten Semes­ter in sei­nen Lehr­ver­an­stal­tun­gen. Als Anfän­ger konn­ten wir nicht ein­mal das Sil­ben­al­pha­bet lesen, von Zei­chen ganz zu schwei­gen. Den­noch muss­ten wir bei Pro­fes­sor Zacherts Ver­an­stal­tun­gen sit­zen und höf­lich nicken, obwohl wir über­haupt nichts ver­stan­den. Als ich spä­ter, nach mei­nem ers­ten Auf­ent­halt in Japan, nach Bochum wech­selte, sah ich, dass es dort Sprach­kurse gab. Die gab Wolf­ram Mül­ler-Yokota, der auch flie­ßend Japa­nisch sprach. Ich konnte nach mei­nen ers­ten zwei Jah­ren in Japan schon mit­hal­ten. Wei­tere Auf­ent­halte in Japan folg­ten. Den Magis­ter machte ich in Deutsch­land irgend­wann nach und die Pro­mo­tion schloss sich an. Ins­ge­samt kam ich auf acht­zehn Jahre in Japan, meine Frau auf zwölf Jahre. Im Gegen­satz zu mei­ner Frau, die her­vor­ra­gende Sprach­kurse absol­vierte, gehörte ich zu denen, die die Gram­ma­tik ganz gut beherrsch­ten. Als ich mich um ein Pro­mo­ti­ons­sti­pen­dium bewarb, wurde ich in die Bot­schaft ein­ge­la­den. Beim Eig­nungs­test fie­len alle durch, außer mir – und das war schlecht. Da ich den Test gut bestan­den hatte, durfte ich unmit­tel­bar an die Uni­ver­si­tät gehen, wäh­rend die ande­ren – wie meine Frau – zunächst einen Sprach­kurs bele­gen muss­ten. Ich konnte in Japan ebenso wenig spre­chen wie meine Frau, aber ich war direkt an der Uni. Japa­nisch lernte ich dann auf der Straße und in Knei­pen. Mein Japa­nisch ist auch ziem­lich gut, aber was die Höf­lich­keits­spra­che anbe­langt, ist mir meine Frau weit über­le­gen.

Wie lange braucht man, um Japa­nisch spre­chen zu kön­nen?

Katja Cas­sing: Wenn man Japa­nisch nur spre­chen kön­nen möchte, nicht Lesen und Schrei­ben, dann ist das gar nicht so schwer, wie man denkt. Es ist keine Ton­spra­che, es gibt keine kom­pli­zier­ten Laute, es wird nicht flek­tiert, es gibt eine Prä­sens­form, es gibt eine Ver­gan­gen­heits­form, es gibt kein Futur, es gibt keine Arti­kel. Eine Reihe von läs­ti­gen Din­gen, die etwa Ler­nern des Deut­schen den Sprach­er­werb so schwer machen, fal­len im Japa­ni­schen weg. Japa­nisch ist eine agglu­ti­nie­rende Spra­che, was für uns etwas gewöh­nungs­be­dürf­tig ist, aber die Spra­che als sol­che ist wirk­lich nicht so schwie­rig – wenn man sagt: Ich möchte nur ein wenig spre­chen kön­nen. Ich habe an der TU in Ilmenau zum Spaß ein wenig Japa­nisch unter­rich­tet und meine Stu­die­ren­den hat­ten sehr schnell Lern­er­folge. Bereits nach einem Semes­ter waren sie in der Lage, kleine Kon­ver­sa­tio­nen zu füh­ren.

Hät­ten sie eine Brief­marke auf der Post in Tokio kau­fen kön­nen?

Katja Cas­sing: Und ob. Wenn man jedoch lesen und schrei­ben kön­nen möchte, dann ist es eine ganz andere Sache. Die japa­ni­sche Schrift­spra­che gilt zu Recht als die schwie­rigste Spra­che über­haupt. Das rührt daher, dass das Japa­ni­sche drei Schrift­zei­chen­sys­teme hat. Das Japa­ni­sche hat sich nicht nur chi­ne­si­sche Schrift­zei­chen zu eigen gemacht, son­dern für diese zugleich unter­schied­li­che Lesun­gen impor­tiert. Im Chi­ne­si­schen weiß man, dass ein bestimm­tes Zei­chen so und so gespro­chen wird. Im Japa­ni­schen gibt es für ein Zei­chen 100 oder 200 Les­ar­ten, je nach­dem, in wel­chem Kon­text es erscheint.

Sprach­erfolge stel­len sich etwa nach einem Jahr ein, aber dann spricht man noch kein gutes Japa­nisch, oder?

Jür­gen Stalph: Wer wirk­lich gut spre­chen kön­nen möchte, auch mit Blick auf die Höf­lich­keits­spra­che, der muss min­des­tens drei bis vier Jahre im Land gewe­sen sein. Natür­lich gibt es auch Aus­nah­me­ta­lente; ein nor­mal begab­ter Ler­ner braucht jedoch diese Zeit. Nach fünf Jah­ren ist man gut. Das lässt sich aus euro­päi­scher Sicht nicht mit dem Erwerb einer roma­ni­schen Spra­che ver­glei­chen. Was die Les­ar­ten der Zei­chen anbe­langt, erkläre ich das Deut­schen gern mit dem Zei­chen für Herz. Schreibt man »Ich ♥ dich.« liest man für Herz »liebe«. Im medi­zi­ni­schen Kon­text stünde hin­ter dem ♥ »iolo­gie« und man liest für Herz »Kard«(iologie). »Du bist mein ♥.« liest man als »Herz«. Damit erge­ben sich schon drei Lesun­gen. Dazu kom­men wei­tere mög­li­che Lesun­gen. Bei den Japa­nern kommt noch hinzu, dass sie viel von der Über­macht China ent­lie­hen haben. Diese Ent­lei­hun­gen erfolg­ten zu ver­schie­de­nen his­to­ri­schen Zei­ten. Als die chi­ne­si­sche Haupt­stadt in Chang’an und nicht in Peking war, war die Lesung eine ganz andere als zu einer ande­ren his­to­ri­schen Peri­ode. So hat man oft drei Lesun­gen für ein Zei­chen. Das alles ergibt eine rie­sige Mischung, die bis heute lebt. Als Sprach­ler­ner beherrscht man rela­tiv bald einen gewis­sen Wort­schatz, auf den man auf­bauen kann. Fremd­wör­ter aus ande­ren Spra­chen, wie Geo­gra­phie oder Topo­gra­phie aus dem Grie­chi­schen, wer­den in Japan genau so ver­wen­det. Japa­nisch ist eine Spra­che wie jede andere – mit gewis­sen Pro­ble­men. Viele, die nach Japan gehen, blei­ben auf die­ser Grun­de­bene der gespro­che­nen Spra­che ste­hen, wenn sie die Schrift­spra­che nicht erler­nen. Sie kön­nen kei­nen Roman lesen, auch keine Zei­tung. Es sind Analpha­be­ten mit einer gewis­sen Grund­kennt­nis – wie Kin­der im Grunde genom­men. Wenn aus dem Par­la­ment etwas über­tra­gen wird, ver­ste­hen sie kein Wort. Es gibt auf Grund der zahl­rei­chen Homo­phone – die Spra­che ist rela­tiv laut­arm – Schwie­rig­kei­ten des Ver­ste­hens und bei den Nach­rich­ten wer­den Unter­ti­tel ein­ge­blen­det. Beherrscht man 2.500 Zei­chen, kann man Zei­tung lesen.

Katja Cas­sing: Ich habe nach sie­ben­ein­halb Jah­ren begon­nen zu dol­met­schen. Ins­ge­samt hab ich vier­ein­halb Jahre in Deutsch­land stu­diert, dazu kamen dann die Auf­ent­halte in Japan.

Jür­gen Stalph: Die jun­gen Leute heute sind viel bes­ser als die Ler­ner zu unse­rer Zeit. Die haben keine Berüh­rungs­ängste. Sie schu­len sich über Filme, Ani­mes, Man­gas, sind pho­ne­tisch viel bes­ser als die Stu­den­ten der sieb­zi­ger Jahre. Lei­der wer­den jedoch keine lite­ra­ri­schen Über­set­zer aus­ge­bil­det. Wir suchen hän­de­rin­gend gute Über­set­zer, weil wir nicht alle Bücher selbst über­set­zen kön­nen. Bestünde nicht diese Hürde der qua­li­ta­tiv guten Über­set­zung, dann könn­ten wir gut und gern 20 Titel im Jahr ver­le­gen.

Sie haben beide lange in Japan gelebt und gear­bei­tet. Wann und wes­halb haben Sie sich ent­schie­den, nach Deutsch­land zurück­zu­keh­ren?

Katja Cas­sing: Nor­ma­ler­weise wären wir jetzt noch immer in Japan. Wir arbei­te­ten beide am Deut­schen Insti­tut für Japan­stu­dien in Tokio. Unser mitt­le­rer Sohn, der Fuß­ball spielt, wollte mit 16 in Deutsch­land Fuß­ball spie­len, weil es in Japan ein Liga­sys­tem nicht gab. Aus dem Auf­ent­halt bei sei­ner Tante im Rhein­land ent­stand der Wunsch, das Abitur in Deutsch­land abzu­le­gen.

Ihre Kin­der sind zwei­spra­chig auf­ge­wach­sen?

Jür­gen Stalph: Ja, die Kin­der gin­gen auf die Deut­sche Schule Tokio-Yoko­hama. Alle drei spre­chen akzent­frei Japa­nisch. Unser ältes­ter Sohn lebt in Japan. Er ist gerade Trai­ner eines Pro­fi­fuß­ball-Ver­eins gewor­den – als jüngs­ter Trai­ner der japa­ni­schen Fuß­ball­ge­schichte, der mitt­lere Sohn hat an der Köl­ner Sport­hoch­schule stu­diert und lebt in Deutsch­land; für unsere Toch­ter ist Deutsch nur die zweite Spra­che, sie ist ganz in Japan zuhause. Da unser mitt­le­rer Sohn in der 12 Klasse nicht mehr wech­seln konnte, kamen wir also 2005 nach Deutsch­land. Dafür gab ich eine Lebens­stel­lung am Deut­schen Insti­tut für Japan­stu­dien auf, das in den acht­zi­ger Jah­ren gegrün­det wurde, weil Deutsch­land von Japan ler­nen wollte. Das Insti­tut ist eines von acht Aus­lands­in­sti­tu­ten der Bun­des­re­pu­blik.

Sie arbei­ten beide seit vie­len Jah­ren an einem gro­ßen mehr­bän­di­gen Japa­nisch-Deut­schen Wör­ter­buch. Wie sind sie dazu gekom­men, eine sol­che Her­aus­for­de­rung anzu­neh­men?

Jür­gen Stalph: Das Lexi­kon war ein deutsch-japa­ni­sches Pro­jekt. Zunächst war es am Deut­schen Insti­tut für Japan­stu­dien ange­sie­delt, spä­ter hat es dann die FU Ber­lin über­nom­men, an der wir bis heute über Dritt­mit­tel ange­bun­den sind. Betei­ligt sind vier Her­aus­ge­ber und drei Redak­teure. Zwi­schen­zeit­lich gab es weit mehr Bei­trä­ger, aber inzwi­schen arbei­ten wir zu dritt an den Bei­trä­gen. Der dritte und letzte Band wird im Herbst 2019 erschei­nen. Wir haben noch drei, vier Buch­sta­ben vor uns. Die Stelle unse­rer Augs­bur­ger Kol­le­gin läuft im Som­mer aus, dann müs­sen wir den End­spurt allein bewäl­ti­gen. Wir haben noch eine ganze Menge zu tun, eigent­lich zu viel.  Nach Abschluss die­ser Arbeit kön­nen wir uns ganz auf den Ver­lag kon­zen­trie­ren.

Apro­pos Ver­lag: Seit wann gibt es den Ver­lag, des­sen Sitz bis vor kur­zem noch im ost­west­fä­li­schen Löhne lag?

Katja Cas­sing: Den Ver­lag haben wir im Novem­ber 2000 gegrün­det. Wir leb­ten in Yoko­hama und brauch­ten für den deut­schen Ver­lag eine deut­sche Adresse. Also habe ich meine Hei­mat­adresse genom­men. Das erste Buch ist dann 2003 erschie­nen. Am Anfang haben wir – bedingt durch die Arbeit am Lexi­kon – rela­tiv wenige Titel pro­du­ziert. In den letz­ten fünf Jah­ren sind wir bei drei bis vier Titeln pro Jahr ange­langt, Ten­denz stei­gend. Da wir zunächst nicht wuss­ten, ob wir in Deutsch­land blei­ben wer­den, blieb die Ver­lags­adresse Löhne in Ost­west­fa­len, obwohl wir schon in Bad Berka wohn­ten. Wir sind zwar immer noch regel­mä­ßig in Japan, aber jetzt, wo wir wis­sen, dass wir hier leben wer­den, sind wir mit dem Ver­lag nach Thü­rin­gen umge­zo­gen.

Wes­halb haben Sie sich für Thü­rin­gen ent­schie­den?

Katja Cas­sing: Der Zeit­punkt war kein Zufall. Unser Sohn begann nach dem Abitur zu stu­die­ren, hatte eine eigene Woh­nung und wir muss­ten nicht mehr stän­dig in sei­ner Nähe sein. Wir waren plötz­lich frei und konn­ten so unse­ren Wohn­sitz über­all wäh­len. Das begüns­tig­ten zudem unsere Tele­ar­beits­plätze. Und Thü­rin­gen hat uns ein­fach sehr gut gefal­len. In Bad Berka kön­nen wir in alle Rich­tun­gen direkt in den Wald gehen. Das war in Tokio nicht mög­lich. Für uns stand nur die Über­le­gung: ent­we­der eine ganz große Stadt oder eine ganz kleine. Wir haben uns für letz­te­res ent­schie­den. Außer­dem sind wir pas­sio­nierte Wan­de­rer, da kam uns Thü­rin­gen sehr zupass.

Ein Ver­lag, der aus­schließ­lich japa­ni­sche Lite­ra­tur in deut­scher Spra­che ediert, wie geht das? Sind die gro­ßen Ver­lage in Deutsch­land, die auch japa­ni­sche Lite­ra­tur im Pro­gramm haben, keine zu starke Kon­kur­renz?

Katja Cas­sing: Es ist immer gut, ein kla­res Pro­fil zu haben. Sei es Kri­mi­nal­li­te­ra­tur, sei es eine andere the­ma­ti­sche Nische. Es gibt eine rela­tiv breite Schicht, die sich für Japan und seine Kul­tur inter­es­siert. Das geht gerade bei den jün­ge­ren Leu­ten von Man­gas über Ani­mes bis zu ande­ren Fil­men und die japa­ni­sche Kul­tur über­haupt. Und damit gibt es auch Inter­esse für japa­ni­sche Lite­ra­tur. Diese Erfah­rung machen wir bei­spiels­weise bei der Nip­pon Con­nec­tion, einem japa­ni­schen Film­fest in Frank­furt am Main, wenn wir dort mit einem Ver­lags­stand ver­tre­ten sind.

Was die gro­ßen Ver­lage angeht, habe ich über­haupt keine Angst. Ganz im Gegen­teil. Die suchen zwar alle Titel aus Japan, um die gän­gi­gen Kli­schees zu bedie­nen. Wir machen in ers­ter Linie gute Lite­ra­tur, dass es japa­ni­sche Lite­ra­tur ist, spielt dabei nicht die wich­tigste Rolle. Lite­ra­tur, die ihren Wert unab­hän­gig von jeg­li­cher Kirsch­blü­ten­ro­man­tik hat und sich im inter­na­tio­na­len Ver­gleich behaup­ten kann. Im Gegen­satz zu uns, die japa­nisch lesen kön­nen, hat man in den Lek­to­ra­ten der gro­ßen Ver­lage nie­man­den, der Japa­nisch lesen kann.

Wie gehen die gro­ßen Ver­lage dann vor?

Katja Cas­sing: Ein Ver­lag wie Dumont hat Haruki Mura­kami, an dem er Jahr um Jahr fest­hält. Die gro­ßen Ver­lage kön­nen ohne das Ver­mö­gen, die Lite­ra­tur im Ori­gi­nal lesen zu kön­nen, nicht so viele Autoren und Titel neu ent­de­cken. Wir kön­nen dage­gen in die Breite gehen. Die japa­ni­sche Lite­ra­tur ist eine unglaub­li­che Schatz­kiste, die Bücher für mehr als einen Ver­lag bereit­hält. Aber man muss diese Schätze für den deut­schen Markt erst heben und sie über­set­zen. Chou­kitsu Kuru­matani, der ein groß­ar­ti­ger Schrift­stel­ler ist, lei­der inzwi­schen ver­stor­ben, hatte kei­nen Agen­ten, der Expo­sés auf Eng­lisch geschrie­ben und kei­nen Ver­lag, der seine Bücher deut­schen Ver­la­gen ange­bo­ten hätte. Die gro­ßen Ver­lage in Deutsch­land ori­en­tie­ren sich ent­we­der an Über­set­zun­gen ins Fran­zö­si­sche oder Eng­li­sche oder sie lesen eng­li­sche Expo­sés der japa­ni­schen Ver­lage.

Jür­gen Stalph: Wir lesen auch Expo­sés, aber wir kön­nen dane­ben auf die direkte Schiene gehen und die Bücher im Ori­gi­nal lesen. Dann ent­schei­den wir, ob wir einen Titel über­set­zen und ver­le­gen möch­ten. Hier gibt es die schöne Anek­dote mit dem Roman »Der Son­nen­schirm des Ter­ro­ris­ten« von Iori Fuji­wara, den wir ver­legt haben. Der Roman war drei Monate auf der Krimi-Bes­ten­liste der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung und des Deutsch­land­funks. Die Zei­tun­gen spra­chen von einer ful­mi­nan­ten Ent­de­ckung. Diese Ent­de­ckung hät­ten wir fast auch nicht gemacht, ebenso wenig wie die ande­ren. Hätte der japa­ni­sche Ver­lag nicht so ein schlech­tes Exposé ange­bo­ten, wäre der Roman bereits vor 20 Jah­ren bei einem ande­ren renom­mier­ten Ver­lag in Deutsch­land erschie­nen. Wir lasen das Exposé, aus dem man nichts ent­neh­men konnte, und war­fen es umge­hend in den Papier­korb. Dann waren wir in Japan auf der Messe beim Ver­lag Kôd­an­sha, den wir gut ken­nen, und der Ver­le­ger gab uns den Roman im Ori­gi­nal mit. Bei der Lek­türe erschloss sich, was für ein span­nen­der Roman das ist. Der Rest ist die Erfolgs­ge­schichte des Titels in Deutsch­land.

Alle Titel, die ich in den letz­ten Jah­ren aus Ihrem Ver­lag gele­sen habe, begeis­ter­ten mich: »Gezeich­net« von Osamu Dazai bei­spiels­weise oder »Vom Ver­such, einen Glücks­gott los­zu­wer­den« von Ko Machida. Ich denke, die wich­tigs­ten lite­ra­ri­schen Ent­de­ckun­gen aus Japan der letz­ten Jah­ren hat der Cass-Ver­lag gemacht.

Katja Cas­sing: Die Neu­über­set­zung von »Der Schlüs­sel« von Juni­chiro Tani­zaki gehört dazu oder Nanae Aoya­mas Bücher. Gerade erschien »Die Rache« von Shu­goro Yama­moto. Wir sind uns bewusst, dass wir ein klei­ner Ver­lag sind und wir wür­den eine Autorin wie Nanae Aoyama auch gern bei einem gro­ßen Ver­lag unter­brin­gen.

Jür­gen Stalph: Durch die deut­sche Über­set­zung ihrer Texte wurde eine eng­li­sche Lite­ra­tur­zeit­schrift auf die Autorin auf­merk­sam und brachte auch eine ihrer Erzäh­lun­gen her­aus. Das sind sehr schöne Neben­ef­fekte unse­rer Bemü­hun­gen um die japa­ni­sche Lite­ra­tur. Mitt­ler­weile gibt es auch japa­ni­sche Autoren, die gern bei Cass ver­legt wer­den möch­ten.

Wie steht es dabei um die Ver­mark­tung Ihrer Titel?

Es ist für uns ein gro­ßes Pro­blem, dass wir für die Ver­mark­tung oft zu wenig Zeit haben. Wir kau­fen einen Titel ein, über­set­zen ihn und dann rückt der Ter­min der Ver­öf­fent­li­chung heran. Wenn die Ver­tre­ter auf Ver­kaufs­reise gehen, haben sie das Buch noch nicht lesen kön­nen und sind für die Ver­kaufs­ge­sprä­che auf unsere Expo­sés ange­wie­sen. Auch für die Ein­band­ge­stal­ter ist es schwie­rig, sich nur auf solch ein Exposé stüt­zen zu kön­nen. Dann gehen wir mit­un­ter nach Japan, weil ein Künst­ler dort den Text im Ori­gi­nal lesen und direkt an die Arbeit gehen kann.

Die Leser in Deutsch­land beur­tei­len nicht das Ori­gi­nal, son­dern die Über­set­zung. Ihren Büchern merkt man an, dass sie sprach­lich her­vor­ra­gend gear­bei­tet sind.

Katja Cas­sing: Das höre ich heute schon zum zwei­ten Mal. Nanae Aoyama schrieb mir das heute mor­gen in einer Ant­wort auf eine Nach­richt, in der ich ihr ges­tern mit­teilte, dass sie für den LiBe­ra­tur­preis 2019 nomi­niert ist. Nanae Aoyama war übri­gens vor eini­ger Zeit im Rah­men einer Lese­reise mit uns in Wei­mar. Als sie das Goe­the- und Schil­ler-Denk­mal sah, fragte sie, was es mit dem Baum­stamm auf sich habe, vor dem die Dich­ter ste­hen. Mein Mann benutzte ein sehr anti­quier­tes Wort, das nur noch in einem Sprich­wort lebt.

Jür­gen Stalph: Das heißt kuize o mamoru – den Baum­stamm bewah­ren oder den Baum­stamm bewa­chen. Das kommt aus China und geht auf eine Anek­dote zurück. Ein Bauer macht beim Bestel­len sei­nes Ackers eine Pause und lehnt sich an einen Baum­stamm. Aus dem Wald jagt in pani­scher Angst vor einem Jäger ein Hase heran, läuft vor den Baum­stamm und fällt tot um. Der Bauer berei­tet ihn hoch­er­freut über das Geschenk zu und ver­speist ihn. Fortan stellt er sich an den Baum­stamm, lässt das Feld Feld sein und war­tet auf den nächs­ten Hasen. kuize o mamoru bedeu­tet im über­tra­ge­nen Sinn: Sinn­los an Tra­di­tio­nen, an Über­lie­fer­tem fest­hal­ten. Über die Wei­ma­rer »Wäch­ter des Baum­stam­mes« hat Nanae Aoyama dann eine Glosse für die Zei­tung geschrie­ben.

Der Cass-Ver­lag ist der ein­zige Ver­lag aus Thü­rin­gen, der zum Freun­des­kreis der Kurt Wolff Stif­tung gehört. Wie wird man Mit­glied des Freun­des­krei­ses?

Katja Cas­sing: Man muss min­des­tens vier Titel im Jahr pro­du­zie­ren, muss Mit­glied im Bör­sen­ver­ein sein, der Ver­lag muss eine pro­fes­sio­nelle Aus­lie­fe­rung haben.

Jür­gen Stalph: Und es gibt eine Decke­lung des Umsat­zes, die bei 5 Mil­lio­nen Euro im Jahr liegt. Man kann alle Kri­te­rien auf der Web­site der Stif­tung nach­le­sen. Über den Antrag auf Mit­glied­schaft ent­schei­det der Vor­stand. In den jähr­lich erschei­nen­den Kata­log der Stif­tung wer­den 65 Ver­lage auf­ge­nom­men. Wir freuen uns, dass wir dar­un­ter sind.

Was wün­schen Sie sich als Ver­le­ger für die Zukunft – nicht nur mit Blick auf den Ver­lags­stand­ort Thü­rin­gen?

Katja Cas­sing: Da wir gerade über die Kurt Wolff Stif­tung spra­chen: Abge­se­hen von Ver­la­gen wie Mat­thes & Seitz, der zu den größ­ten des Freun­des­krei­ses gehört, kön­nen die klei­nen Ver­lage kaum von ihrer ver­le­ge­ri­schen Arbeit leben. In der Schweiz gibt es eine Struk­tur­för­de­rung, die sich über meh­rere Jahre erstreckt. Eine klei­nere För­de­rung wäre ein Ver­lags­preis, den ich mir sehr für Thü­rin­gen wün­sche. Alle Ver­lage sind Wirt­schafts­un­ter­neh­men, die gewinn­ori­en­tiert arbei­ten. Im Gegen­satz zu einem ande­ren Wirt­schafts­un­ter­neh­men leis­ten die Ver­lage jedoch einen erheb­li­chen Kul­tur­bei­trag, der sich nicht in Gewinn­zah­len aus­drü­cken lässt.

Jür­gen Stalph: Ich wün­sche mir einen kom­pe­ten­ten Über­set­zer, der frei und bezahl­bar ist. Das wäre für unsere Arbeit eine große Hilfe.

Katja Cas­sing: Man sollte die Japa­nisch-Aus­bil­dung in Deutsch­land aus­bauen. Wer in Thü­rin­gen Japa­nisch stu­die­ren möchte, fin­det hier keine Uni­ver­si­tät. Die nächste Japa­no­lo­gie ist in Leip­zig.

Jür­gen Stalph: Einem jun­gen Über­set­zer wür­den wir gern eine Chance geben, gesetzt, er bringt die not­wen­di­gen Fähig­kei­ten mit. Es wäre schön, wenn wir ein­mal ein Manu­skript nicht selbst über­set­zen, son­dern nur redi­gie­ren müss­ten.

Mit Blick auf den Kul­tur- und Wirt­schafts­stand­ort Thü­rin­gen erscheint mir die von Ihnen erwähnte Struk­tur­för­de­rung sehr sinn­voll. Für einen Thü­rin­ger Ver­lags­preis haben wir uns nach der Grün­dung des Lite­ra­tur­ra­tes sofort ein­ge­setzt, jetzt hat Monika Grüt­ters mit dem deut­schen Ver­lags­preis einen Vor­stoß in diese Rich­tung unter­nom­men. Aller­dings hat der mit einer struk­tu­rel­len För­de­rung der Thü­rin­ger Ver­lags­land­schaft nur wenig zu tun.

Katja Cas­sing: Wir bemü­hen uns immer, mit regio­na­len Fir­men zusam­men­zu­ar­bei­ten, in Thü­rin­gen dru­cken zu las­sen. Aber per­spek­ti­visch wer­den wir viel­leicht gezwun­gen sein, im euro­päi­schen Aus­land Auf­träge zu ver­ge­ben. Auch der Druck der Früh­jahrs- und Herbst­vor­schauen ist mit gro­ßen Kos­ten ver­bun­den, die nicht 1:1 wie­der ein­ge­spielt wer­den.

Jür­gen Stalph: Viel­leicht könnte man sich ein­mal mit Ver­tre­tern der Staats­kanz­lei und des Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums zusam­men­set­zen und gemein­sam über eine Struk­tur­för­de­rung für Thü­rin­ger Ver­lage nach­den­ken. Wir haben Kon­takte zu Akteu­ren in der Schweiz, die über ihre Erfah­run­gen mit der Struk­tur­för­de­rung berich­ten könn­ten. In dem Zusam­men­hang ließe sich Für und Wider abwä­gen und auch über einen Ver­lags­preis spre­chen. Mit Blick auf die Kos­ten für die Vor­schauen, haben wir die regio­nale LEADER – Akti­ons­gruppe Wei­ma­rer Land – Mit­telthü­rin­gen um Unter­stüt­zung gebe­ten. Das Para­doxe ist, dass zum einen Geld vor­han­den ist und dass auch der Druck för­der­bar wäre, zum ande­ren sind drei ver­glei­chende Ange­bote ein­zu­rei­chen. Damit lan­den wir wie­der bei Saxo­print oder einem ande­ren Bil­lig­an­bie­ter, der sei­nen Sitz nicht in Thü­rin­gen hat. Das führt den Gedan­ken regio­na­ler För­de­rung ad absur­dum.

Frau Cas­sing, Herr Stalph, herz­li­chen Dank für das Gespräch.

Eine Rose für jedes Dichtergrab – Rosentag des Literaturlandschaften e.V. am 1. Juni 2019

Am 30. Dezem­ber 2019 jährt sich der Geburts­tag Theo­dor Fon­ta­nes (1819–1898) zum 200. Mal. Der Ver­ein „Lite­ra­tur­land­schaf­ten“ nimmt die­ses Jubi­läum zum Anlass, seine dies­jäh­rige Aktion „Eine Rose für die Dich­ter“ mit dem Fon­tane-Motto „Was soll Gold? Ich liebe Rosen … “ zu ver­se­hen. Es stammt aus dem Gedicht „Glück, von dei­nen tau­send Losen …“ (auch „Glück, von allen dei­nen Losen“), das ver­mut­lich 1888 ent­stand. In dem 1893 erschie­ne­nen Fon­tane-Roman Frau Jenny Treibel oder „Wo sich Herz zum Her­zen find´t“ wird das ganze Gedicht im vier­ten Kapi­tel vor­ge­tra­gen, die letzte Zeile ist Teil des Roman­ti­tels.

Der deutsch­land­weit tätige Ver­ein „Lite­ra­tur­land­schaf­ten“ ehrt jedes Jahr am ers­ten Juni-Wochen­ende Dich­ter­orte mit einem „Rosen­tag“. 2019 ist es Sams­tag, der 1. Juni, an dem wir nicht nur Ver­eins­mit­glie­der im In- und Aus­land, son­dern alle Lite­ra­tur­freunde land­auf und landab ein­la­den, an einem Grab, einem Denk­mal oder einem ande­ren mit einer Schrift­stel­le­rin oder einem Schrift­stel­ler ver­bun­de­nen Ort eine Rose nie­der­zu­le­gen, um mit die­ser klei­nen Geste an die Per­son und das Werk zu erin­nern. Natür­lich sind auch alle ande­ren Rosen­ges­ten an die­sem Tag will­kom­men, wenn sie in den lite­ra­ri­schen Zusam­men­hang pas­sen.

Es wäre uns auch in die­sem Jahr wie­der eine große Freude, wenn Sie an unse­rer Rosen­ak­tion teil­neh­men wür­den. Bitte infor­mie­ren Sie uns per E-Mail (literaturlandschaften-presse@web.de) oder über die ande­ren ange­ge­be­nen Kon­takt­da­ten bis Mitte Mai über geplante Akti­vi­tä­ten, damit wir der Presse davon recht­zei­tig vor dem 1. Juni 2019 Mit­tei­lung machen kön­nen.

Der Lite­ra­tur­land­schaf­ten e. V. setzt sich für den Erhalt und die Pflege deut­scher Lite­ra­tur­stät­ten ein und arbei­tet dabei mit Kom­mu­nen und allen Insti­tu­tio­nen zusam­men, in deren Zustän­dig­keits­be­reich sich lite­ra­tur­ge­schicht­lich bedeut­same Stät­ten und Bezugs­punkte befin­den. Eines sei­ner vor­ran­gi­gen Ziele ist es, das Inter­esse jun­ger Men­schen für die Lite­ra­tur zu wecken. Nähere Infor­ma­tion zum Ver­ein, sei­nen Zie­len und Jah­res­ta­gun­gen (in die­sem Jahr vom 5. bis 7. April in Alten­burg / Thü­rin­gen) unter: www.literaturlandschaften-verein.de

Im Werretal

Am klei­nen Frö­bel­denk­mal vor­bei – unweit davon steht ein viel statt­li­che­res für den Fürs­ten Georg von Rudol­stadt – geht’s in die hüb­schen Anla­gen am rech­ten Schwarz­aufer, den Gast­hö­fen gegen­über. Schöne Buchen und Eichen, wohl­ge­hal­tene, sanft anstei­gende Pfade, bequeme Bänke und kaum eine frei. Fast immer die­selbe Idylle: vier Frauen stri­cken, und eine fünfte liest ihnen einen Roman­strumpf vor, den eine sechste gestrickt hat. Schon hier mußte ich an des Schus­t­er­leins Wort von den »from­men Damens« den­ken, denn die »Gar­ten­laube« war wirk­lich noch das fri­volste Blatt, das ich da sah, andere Kränz­chen lausch­ten dem »Pfarr­haus« und lab­ten sich am »Quell­was­ser fürs deut­sche Haus«. Auch die Her­ren schie­nen mir nicht gott­los, wenn auch keine Aske­ten; auf dem Weg empor über­holte ich nicht weni­ger als sechs dicke Män­ner, die schweiß­trie­fend dahin­schrit­ten und nach den Mar­kie­run­gen am Wege schiel­ten, denn Blan­ken­burg ist ein Ter­rain­kur­ort nach Örtels Sys­tem und zwei von die­sen dicken Män­nern lasen dabei im »Reichs­bo­ten«. Da wun­derte mich’s wei­ter nicht, daß mir auf dem Weg ins Wer­re­tal eine schwarz­ge­klei­dete Dame begeg­nete, die mir ein Trak­tät­lein reichte, und hun­dert Schritte wei­ter eine andere.

Neben dem Auf­gang zum Kat­zen­stein steht ein Schutz­hütt­chen; gerührt las ich die Inschrift: »Mit höchs­ter Geneh­mi­gung SERENISSIMI zum Andenken des 25jährigen Bade­ju­bi­lä­ums des Herrn C. T. Böh­mer, Jena.« Dane­ben aber saß eine dritte Dame in fei­er­li­chem Schwarz, von der ich ein drit­tes Trak­tät­lein erhielt. Ich ging wei­ter, zur Rech­ten die Abhänge der Hünen­kuppe, zur Lin­ken das schöne Wald­tal der Werre, bis zum Wer­re­sitz, wo sich das Tal teilt. Wald, so weit das Auge trägt, nur Wald – es ist sehr schön hier und sehr ein­sam. Dann kehrte ich zurück und klet­terte die Fels­treppe des Kat­zen­stein empor, eine Art natür­li­chen Erkers, von dem man weit­hin ins Schwarza­tal sehen kann.

Es war ein hei­ßer Tag, und wie ich oben zwi­schen den Fel­sen stand, die eine dumpfe Glut aus­ström­ten, befiel mich ein Schwin­del; auch war ich sehr müde und hung­rig. Mit wan­ken­den Knien klet­terte ich wie­der hinab und sank fast ohn­mäch­tig auf das Bänk­chen, auf dem auch die Dame mit den Trak­tät­lein saß. Und da begeg­nete mir etwas, was mich sehr, sehr trau­rig machte, denn ein lan­ges Leben hat mich gelehrt, zu erken­nen, daß die Reli­gion für die meis­ten Men­schen der ein­zige Quell idea­ler Gesin­nung ist, und darum tut’s mir in der Seele weh, wenn ich sehe, daß gerade sie ein­zelne hart und roh macht. Die Dame, sie war noch jung und offen­bar gebil­det, sah mich scharf an: »Sie sind ja toten­blaß? Sie schei­nen sehr unwohl!« Ich dankte müh­sam, es würde bald vor­bei­ge­hen. Dar­auf sie hart und schroff: »Woher wis­sen Sie das? Lesen Sie lie­ber dies Blatt und beher­zi­gen Sie es.« Es war ein Trak­tät­lein der Bar­me­ner Mis­sion, das in der­ben Wor­ten mahnte, die letzte Stunde sei nahe. Stumm las ich das Blatt und ging zu Tal …

Im küh­len Spei­se­saal des »Chry­so­pras« fühlte ich mich bald wie­der wohl. Ich saß an der Table d’hôte der Leip­zi­ger Dame gegen­über, die auf dem Grei­fen­stein ihrer Freun­din die Bei­träge zur Sit­ten­ge­schichte ihrer Stadt mit­ge­teilt hatte, und konnte leicht bemer­ken, daß mich da der Zufall sehr begna­det hatte, sie war sicht­lich die Köni­gin die­ses Krei­ses, von allen ver­ehrt, aber auch gegen jeder­mann huld­voll. Auch mich fragte sie leut­se­lig, wie es mir oben gefal­len hätte. »Ja«, sagte sie, »ä boe­ti­sches Blätz­chen, aber fer Leide von Gefiehl doch ooch sehr weh­mied­hig! Der arme Kee­nigk Günd­her! So frieh ster­ben, und ä wies­tes Weib hatte er ooch!« Das fiel mir auf, denn von Gün­thers Gemah­lin weiß die Geschichte nichts zu sagen, als daß sie lebte. Ich fragte also. Sie zuckte die Ach­seln. »Hibsch war se ja un stark, aber eben ä bru­dale Ber­son! Wenn er nich barierte, gab’s uff ’n Fleck Hiebe! Nur wenn ihm sein Schwa­ger half, brachte er ihr Räsong bei; da bas­sierde viel, man gann als Dame nich alles erzäh­len …« Ehr­furchts­voll lauschte die Runde, ich aber fragte schüch­tern, woher sie das wüßte. »Aus der Lidd­rad­uhr«, war die stolze Ant­wort, »ooch in Fer­schen.« In Ver­sen? Da durch­zuckte mich die Erkennt­nis, sie meinte Gun­ther, Brun­hilde und Sieg­fried.

So hatte mir das Schick­sal gegönnt, bin­nen einer Stunde eine wahr­haft fromme und eine wahr­haft gebil­dete Dame ken­nen­zu­ler­nen.

Der erste Kindergarten der Welt

Noch stol­zer aber als auf den Herrn Greif sind die Blan­ken­bur­ger auf einen Mann, der nur acht Jahre (1837–1845) ihr Mit­bür­ger war; sein Wohn­haus, dann seine Arbeits­stätte sind mit Gedenk­ta­feln geschmückt, und zu sei­nem hun­derts­ten Geburts­tag (1882) haben sie ihm sogar ein Denk­mal errich­tet. Alles nicht zu viel, denn der Mann hat mehr für die Mensch­heit getan als alle regie­ren­den Hein­ri­che und Gün­ther zusam­men­ge­nom­men und hat dem klei­nen Nest einen unver­gäng­li­chen Ruh­mes­ti­tel geschaf­fen; hin­ter der Kir­che, im Kel­ler­haus – jetzt ist die Mäd­chen­schule drin – ent­stand 1840 der erste Kin­der­gar­ten der Welt. Nun weiß man, daß ich von Fried­rich Frö­bel spre­che; im nahen Ober­weiß­bach gebo­ren, ließ er sich als Fünf­zi­ger hier nie­der, um end­lich seine Idee – die Erzie­hung des Kin­des als »Gliedgan­zes« – prak­tisch durch­zu­füh­ren; nach­dem sie sich bewährt hatte, über­sie­delte er nach Schloß Mari­en­thal bei Lie­ben­stein, wo ihm grö­ßere Räume und Mit­tel zur Ver­fü­gung stan­den.

Kein Gerin­ger im Geist, war er ein Gro­ßer im Gemüt, und die haben’s immer noch etwas här­ter als andere Große; man ver­steht heut, wel­cher tod­ernste Kampf um sein Ideal sein Leben war, ver­steht, daß man ihn ver­kannte und ver­höhnte, selbst das Ver­bot der Kin­der­gär­ten in Preu­ßen (1851), das dem altern­den Manne das Herz brach, ist ver­ständ­lich; es ist immer die­selbe Geschichte, solang Men­schen auf Erden leben, aber sie kreu­zi­gen doch immer nur den Kör­per, nicht den Geist. Man hört jetzt oft die Mah­nung, Frö­bel nicht zu über­schät­zen, das steht mir fern; auch ich weiß, wie abhän­gig er von Pes­ta­lozzi war; der Mensch wie der Schrift­stel­ler sind von Schrul­len nicht frei; und neben Tief­sin­ni­gem fin­det sich (wie frei­lich gerade bei Päd­ago­gen nicht sel­ten, die sich immer zum Kinde bücken müs­sen) auch Läp­pi­sches; zudem weiß ich, durch wie­viel Arbeit ande­rer der Kin­der­gar­ten von 1840 zu dem wurde, was er heut ist. Aber ohne Frö­bel hät­ten wir ihn nicht, und darum ist weit mehr die Mah­nung am Platze, ihn nicht zu unter­schät­zen. Durch ihn sind Mil­li­ar­den Men­schen­kin­der ein wenig bes­ser, ein wenig gesun­der gewor­den, als sie sonst gewe­sen wären – wes­sen Ruhm wäre schö­ner?

Der Greifenstein

An die eins­tige Bedeu­tung Blan­ken­burgs mahnt nur eine Ruine, aller­dings eine der größ­ten Deutsch­lands, der Grei­fen­stein, auf einem stei­len Hügel nörd­lich der Stadt. Wie ich so sacht empor­schritt und mir das brö­ckelnde Mau­er­werk immer gewal­ti­ger ent­ge­gen­wuchs, hatte ich einen star­ken Ein­druck: als nahte ich einer zer­stör­ten Stadt. Aber als ich nun oben zwi­schen Gestrüpp und Gins­ter umher­klet­terte, da sprach nur noch die Natur zu mir, der Aus­blick ins helle breite Saa­le­tal im Nord­wes­ten, ins ernste zer­klüf­tete Schwarza­tal im Süden wir­ken jeder an sich und zudem durch den Gegen­satz, aber das Mau­er­werk sagte mir wenig. Es ist alles gar zu ver­wüs­tet; einen ein­zi­gen Bau abge­rech­net, ste­hen eben, auch nur mit gro­ßen Lücken, die kah­len Mau­ern da, an man­chen Stel­len unter Manns­höhe, an ande­ren höchs­tens bis zum Dop­pel­ten und Drei­fa­chen, und wie die Burg einst war, kann man sich nicht klar vor­stel­len, selbst den Zug der Umfas­sungs­mauer nur müh­sam erken­nen.

Es waren eigent­lich drei Bur­gen, an denen fünf Jahr­hun­derte geschaf­fen haben; mit dem Ver­wüs­ten ging’s ungleich rascher. Der älteste Teil ist die Burg, die man durch einen Spitz­bo­gen zuerst betritt; die Qua­dern aus dem 13. Jahr­hun­dert hal­ten noch; was spä­tere Zei­ten aus Muschel­kalk und Zie­geln hin­zu­füg­ten, ist fast ver­schwun­den. Gegen West und Ost rei­hen sich, von die­ser Burg durch tiefe Grä­ben geschie­den, zwei andere an, von der west­li­chen sieht man wenig mehr, die öst­li­che hin­ge­gen ist der best­erhal­tene Teil. Hier steht, von Buchen, Eichen und Flie­der umwach­sen, der früh­go­ti­sche Chor­bo­gen der Kapelle, hier, neu unter Dach gebracht, der Bau, in dem nun eine Wirt­schaft betrie­ben wird. Auch aus der obers­ten Stube kann man die bei­den Täler über­se­hen und das lieb­li­che Rin­ne­tal dazu; das sah ich mir, obwohl zwei Damen am nächs­ten Tisch geräusch­voll Leip­zi­ger Stadt­klatsch breit­tra­ten, lange, lange an und ging dann mit wachen Sin­nen und unbe­weg­ten Her­zens zu Tal. Denn ins Träu­men oder zu see­li­scher Anteil­nahme brin­gen einen der­lei Trüm­mer­stät­ten nur, wenn sie an sich sehr schön sind oder Erin­ne­run­gen an große Schick­sale wecken. Hier trifft bei­des nicht zu.

König Gün­ther ist auf dem Grei­fen­stein gebo­ren, hat oft hier ver­weilt – aber was ist uns der arme Schat­ten­kö­nig? Die Namen der andern, die hier herrsch­ten, mel­det »kein Lied, kein Hel­den­buch«, und die Beherrsch­ten gar sind still und stumm ins Grab gesun­ken, wie sie still und stumm gelebt und gelit­ten haben. Denn Blut und Trä­nen sind auch hier geflos­sen, viel Blut und viel Trä­nen, aber nur im Kampf um Mein und Dein, um ein Dorf oder, wenn’s hoch ging, um eine Geviert­meile. Wer auf dem Grei­fen­stein steht, begreift sehr wohl, daß hier, an der Grenze zwi­schen Wald- und Acker­land, an der Mün­dung dreier Täler früh ein Fle­cken ent­stand, und ebenso, daß die­ser Berg sehr bald zur Feste wurde. Sie beherrschte die Täler und war zur Zeit, da die Geschosse noch nicht weit tru­gen, fast unein­nehm­bar. Kein Wun­der auch, daß es andere danach gelüs­tete; mit wem immer die Schwarz­bur­ger in Fehde gerie­ten, um Stadt und Schloß Blan­ken­burg ging’s zunächst. Daher die rast­lose Arbeit durch fünf­zehn oder mehr Men­schen­al­ter, den Grei­fen­stein zu fes­ti­gen; immer neue Grä­ben wur­den gezo­gen, immer neue Mau­ern getürmt; im Frie­den aber weil­ten die Her­ren lie­ber anderswo als in der düs­tern, rie­si­gen Burg. So erklärt sich’s, daß der Palas, das Wohn- und Fest­haus, sowie der Frau­enga­den hier bereits 1548 ein »Auf­ent­halt von Eidechs­lein und Nach­tra­ben« waren, zu einer Zeit also, da noch neue Ring­mau­ern ange­legt wur­den. Die Erfin­dung und Ver­bes­se­rung der Kano­nen nötigte dazu; der Kes­sel­berg im Nor­den ist höher als der Schloß­hü­gel. Als auch dies nicht mehr fruch­tete, räum­ten die Her­ren den Grei­fen­stein und ver­kauf­ten das Gemäuer an die Bür­ger unten. Die bau­ten sich davon ihre Häu­ser, trie­ben auch Han­del mit dem Gestein und Eisen­werk; wider­stan­den die Qua­dern, so wurde flei­ßig gesprengt. Dane­ben trie­ben hier Schatz­grä­ber ihr Wesen, heim­lich oder offen; es gab sogar im 18. Jahr­hun­dert ordent­li­che Genos­sen­schaf­ten zu die­sem Zweck, die auch emsig Gewölbe spreng­ten und Stol­len trie­ben.

[…]

Die Zei­ten wan­deln sich; einst hat der Grei­fen­stein die Blan­ken­bur­ger zugleich geschützt und geplün­dert, und nun tun sie ihm das glei­che; er ist ihr Stein­bruch, aber vor allzu argem Ver­fall wah­ren sie ihn doch – der Frem­den wegen, von denen nun die halbe Stadt lebt (die andere Hälfte von aller­lei Fabri­ken); den Som­mer­gäs­ten muß der roman­ti­sche Aus­sichts­punkt erhal­ten blei­ben. Daß der Grei­fen­stein wie die schönste so die älteste Ruine Deutsch­lands ist, dar­auf schwört jeder Blan­ken­bur­ger; sie wis­sen auch ganz genau, wer die Burg erbaut hat, »ein Herr Greif vor zwei­tau­send Jah­ren«, wie mir die Kell­ne­rin in der Burg­wirt­schaft sagte und der Krä­mer stolz bestä­tigte. Die­ser Herr Greif ist aber keine Erfin­dung der neuen Zeit, son­dern des 17. Jahr­hun­derts; damals fand’s ein His­to­ri­ker: Greif war ein Sohn Karl Mar­tells und erbaute die Burg 748; den Tag hätte der Mann auf Ver­lan­gen auch fest­ge­stellt; heute haben’s die armen Geschichts­schrei­ber viel schwe­rer.

Blankenburg

Es ist ein uraltes Nest mit reich beweg­ter Geschichte, so rund tau­send Jahre alt, vom 12. bis ins 14. Jahr­hun­dert Resi­denz der Schwarz­burg-Blan­ken­bur­ger Linie, aber noch bis ins 17. Jahr­hun­dert hin­ein ein Mit­tel­punkt der Kul­tur die­ser Land­schaft. Davon müßte wohl doch noch was zu sehen sein, dacht ich, und mir wäs­serte der Mund, als ich ein­mar­schierte; sogar auf Mauer und Gra­ben wagte ich hier noch zu hof­fen. Nun, sie sind seit einem Jahr­hun­dert besei­tigt, und auch nach alten Häu­sern guckte ich lange aus, bis ich zum min­des­ten ihrer zwei fand, das eine gegen­über der Kir­che, das andere nah der Post, beide brave Stein­häu­ser mit Rund­bo­gen­por­tal aus dem 16. Jahr­hun­dert und hüb­schem Zier­rat von Roset­ten, Nisch­chen und der­glei­chen. Das Rat­haus ist ein dürf­ti­ger Bau aus öder Zeit (um 1750); älter sind nur zwei Tafeln rechts und links der Türe. Die zur Rech­ten zeigt das Blan­ken­bur­ger Stadt­wap­pen, den auf­stei­gen­den Löwen, von 1434, die zur Lin­ken die Figur eines Bür­gers aus glei­cher Zeit, die als Wahr­zei­chen der Gerichts­bar­keit gedeu­tet wird. Also eine Art bür­ger­li­chen Rolands. Das ist alles. Denn auch die Kir­che ist modern restau­riert, und selbst auf dem alten Kirch­hof fin­det man nur Grab­steine aus dem 18. Jahr­hun­dert; wohin mögen sie nur die älte­ren getan haben?

Am »Schweizerhaus«

Das »Schwei­zer­haus«, wo der Weg nach die­sem Rät­sel abzweigt, ist die Woh­nung eines Wild­wär­ters, der durch eine statt­li­che Magd auch Bier und Milch aus­schen­ken läßt, und diese Magd heißt – die Ästhe­ti­ker mah­nen uns immer, in unsere Schil­de­run­gen durch Ein­zel­hei­ten Farbe zu brin­gen, und ich sehe gar nicht ein, warum ich hier die Farbe spa­ren sollte, da ich sie zufäl­lig auf der Palette habe – die dicke Kath­rin. Als ich sie zuerst sah – der Omni­bus­kut­scher hatte auch hier auf meine Gesund­heit getrun­ken –, war sie sehr lus­tig, jetzt aber blickte sie ordent­lich düs­ter drein. Den Grund wollte sie mir nicht sagen, aber ehe ich auf­brach, fragte sie schein­bar unbe­fan­gen, ob ich denn schon die große Neu­ig­keit gehört hätte, von der alle Welt im Tal rede, der Kut­scher habe sich mit dem Zim­mer­mäd­chen vom »Chry­so­pras« bei Blan­ken­burg ver­lobt. Ich wußte es noch nicht, aber nun ver­stand ich alles.

Bis zum »Schwei­zer­haus« sor­gen eigent­lich nur Fluß und Wald für die Abwechs­lung, Berg und Fel­sen blei­ben sich an Höhe und Form ziem­lich gleich. Hier aber begin­nen sie jäh­lings empor­zu­wach­sen, und auch ihre Form und Farbe wech­seln von Schritt zu Schritt. Das ist keine Über­trei­bung, denn es ist Ton­schie­fer, und man weiß, wie selt­sam, scharf und zackig sich dies Gestein unter dem Ein­fluß der Sonne und des Was­sers formt. Dazu die unzäh­li­gen schrof­fen Win­dun­gen des Tals; hun­dert Schritte lang drängt das Gestein links vor und dann wie­der das rechts; so geht’s immer im Zick­zack, immer in kur­zen tie­fen Schluch­ten dahin, und immer hat man die Emp­fin­dung: dies ist die letzte, und es geht nicht wei­ter – aber da rauscht ja neben dem Wan­de­rer fröh­lich der tap­fere Genoß und Pfad­grä­ber, die Schwarza. Ihr ist auch die erst ein Jahr­hun­dert alte Chaus­see gefolgt; fran­zö­si­sche Schule: man trotzt der Natur nicht, son­dern sucht sich ihr anzu­schmie­gen. Wer eine der stei­len, aber unschwer zu erklim­men­den Kup­pen besteigt, den Gries­bach­fel­sen zum Bei­spiel – auch die Teu­fels­treppe, die zu ihm empor­führt, ist das Werk eines bra­ven, vor­sorg­li­chen Teu­fels –, und nun hin­ab­blickt, hat die Emp­fin­dung, als wäre das Gestein von lau­ni­scher Kin­der­hand wie mit der Laub­säge ent­zwei­ge­teilt; so aben­teu­er­lich sind die Krüm­mun­gen des Fluß­tals. Darum wech­selt auch so oft die Beleuch­tung, immerzu hüpft der Son­nen­schein von der lin­ken zur rech­ten Berg­wand und umge­kehrt. Auch diese Wände zei­gen alle Spiel­ar­ten der Farbe und Form. Rot, braun, schwarz erscheint der Schie­fer, je nach dem Grad der Ver­wit­te­rung, dazwi­schen steht das Grau des Sand­steins; von hell­grü­nen Büschen durch­wach­se­nes Geröll bedeckt die Abhänge, mit­ten­drin leuch­tet das Rot wil­der Rosen, dro­ben ste­hen schwarz­grüne uralte Tan­nen, deren Wur­zeln wie mäch­tige Bogen die Luft durch­schnei­den, denn das Geröll, durch das sie sich einst wan­den, den Fels­bo­den zu errei­chen, ist zur Tiefe gestürzt; über ihnen aber blinkt in son­nen­ge­tränk­tem Blau das schmale Band des Him­mels. Auch an ver­schie­de­ner Musik fehlt’s nie: Wald und Fluß rau­schen, Vögel sin­gen, der Specht klopft. Frei­lich sin­gen auch die Aus­flüg­ler »Wer hat dich, du schö­ner Wald« und andere Lie­der dazwi­schen …

[…]

Von Schwarzburg nach Blankenburg

Der Weg von Schwarz­burg nach Blan­ken­burg geht immer durch Wald, fast immer zwi­schen Fel­sen und die rau­schende Schwarza ent­lang; und wenn es nicht die hüb­sches­ten zehn Kilo­me­ter deut­scher Erde sind, so gehö­ren sie doch mit zu den hüb­sches­ten. Eine breite, wohl­ge­pflegte Chaus­see führt hin­durch, auf der viele Wagen und Omni­busse hin und her rol­len, und schon dies ver­trägt sich mit dem Cha­rak­ter die­ses wil­den, tief und eng geris­se­nen Wald­tals nicht recht. Daß aber hier keine Bahn pfeift und qualmt, tut wirk­lich nur den Wir­ten bei­der Orte weh, hin­ge­gen nicht bloß den Kut­schern im Schwarza­tal, son­dern auch allen Natur­freun­den wohl. Der Fürst duldet’s nicht und hat sehr recht daran; es wäre nicht hübsch und selbst die Divi­dende frag­lich. Denn wer sich begnügte, hier in fünf­zehn Minu­ten hin­durch­zu­sau­sen, wäre so dumm, daß man sich’s höf­li­cher­weise gar nicht den­ken kann.

[…]

Recht habe ich dies schöne Stück Erde erst ken­nen­ge­lernt, als ich es zu Fuß durch­schritt. Es ist der Mühe wert, obwohl man dabei weni­ger Über­ra­schun­gen erlebt als in ande­ren kür­ze­ren, weni­ger berühm­ten Tälern, nament­lich der Alpen. Immer geht’s zwi­schen Fels und Wald an der Schwarza dahin, und das Bild ist wohl hier hei­te­rer, dort düs­te­rer, aber stets wild und anmu­tig zugleich; Unheim­li­ches oder auch nur Gewal­ti­ges ist hier nicht zu sehen, so wenig wie Zah­mes und Arti­ges. Darum kann man wohl auch von Men­schen mit über­sat­ten Sin­nen, denen Fackeln ins Auge ste­chen müs­sen, damit sie Licht sehen, oder von der Legion ande­rer, die vor­treff­li­che Augen haben und doch nicht sehen, die Äuße­rung hören, für einen Kilo­me­ter rei­che der ein­för­mige Reiz aus, aber nicht für zehn. Mir aber war die Weg­stre­cke für die Beine gerade lang genug, aber den Augen wäre die drei­fa­che zu kurz gewe­sen. Denn in Wahr­heit ist kein Streck­chen dem andern gleich, und jedes hat sei­nen beson­de­ren Reiz. Frei­lich, die Schwarza gibt’s auf dem gan­zen Wege und Wald und Fel­sen auch, aber wie ver­schie­den sind sie!

Wer von Schwarz­burg aus­zieht, kommt zuerst durch hel­len, hei­tern Buchen­wald, und auch die Fel­sen, deren einer die Auf­schrift »Fürst Gün­ther« trägt, sehen nicht fins­ter drein. Dann weicht die Buche der Tanne, ohne sich doch ganz ver­drän­gen zu las­sen, und wäh­rend der Wan­de­rer so den schat­ti­gen Fuß­steig dahin­schrei­tet, dicht zur Rech­ten die Schwarza, zur Lin­ken aber in respekt­vol­ler Ent­fer­nung die Chaus­see, kann er seine Freude dran haben, in wie unsäg­li­cher Fülle der Varia­tio­nen das glän­zende Hell­grün des Laubs und das stumpfe Tief­grün der Nadeln gegen­ein­an­der spie­len; bald sind dem Tan­nen­meer die Buchen nur ein­ge­sprengt wie leuch­tende Inseln, bald den Buchen die Tan­nen wie ragende Hügel, und an ande­ren Hän­gen schlin­gen sie sich inein­an­der.

[…]

Von der Fasanerie ins Schwarzatal

Hin­ge­gen kann man sich nicht all­zu­weit davon in einem fürst­li­chen Jagd­schloß, der Fasa­ne­rie, erqui­cken. Es wer­den dort nament­lich zwei hell­braune Flüs­sig­kei­ten geschenkt, die in ihrer Art ein­zig sind; mich wenigs­tens haben sie im Geschmack an nichts erin­nert, was ich vor­her im Leben getrun­ken habe. Die eine Flüs­sig­keit wird lau­warm in Glä­sern gereicht und heißt dort Bier, die andere, die etwas hei­ßer in Tas­sen geschenkt wird, nennt man dort Kaf­fee. Im Hause sind einige Zim­mer mit Hirsch­horn­mö­beln aus­ge­stat­tet; sie schön und geschmack­voll zu fin­den hat nicht ein­mal unser Repu­bli­ka­ner gewagt. Unter den Eichen der Fasa­ne­rie pfleg­ten viele Schwarz­bur­ger Som­mer­gäste den Nach­mit­tag zu ver­brin­gen; die Damen stri­cken und erör­tern die sozi­al­po­li­ti­schen Auf­ga­ben der deut­schen Haus­frau gegen­über ihrem Mäd­chen für alles; die Her­ren spie­len Skat; es soll dort sehr anre­gend sein.

Das weiß ich aber ledig­lich vom Hören­sa­gen. Ich bin nur ein­mal dort gewe­sen, habe zuerst das Braune im Glas, hier­auf, da dies nicht ging, das Braune in der Tasse ver­kos­tet und bin dann gegan­gen. Denn meine Zeit ist hier kost­bar, ich muß ja das ganze Schwarza­tal ablau­fen.

Befoh­len habe ich mir dies frei­lich nur sel­ber, aber es war ein wei­ser Befehl, denn das Tal ist, den Unter­lauf abge­rech­net, sehr schön. Das letzte Stück frei­lich, von Blan­ken­burg bis Dorf Schwarza, wo der Fluß in die Saale mün­det, ist nüch­tern: eine breite, frucht­bare Ebene, durch die das frü­her so wilde Gewäs­ser nun zahm dahin­schleicht, wie das so bei allem Leben­den gegen das Ende Brauch ist. Was aber nun den schö­nen Teil des Fluß­tals betrifft, so zer­fällt er, selbst dem stump­fen Blick erkenn­bar, wie­der in zwei ver­schie­dene Teile, einen län­ge­ren vom Ursprung des Schwarzabachs bei Scheibe bis Schwarz­burg und einen kür­ze­ren von hier bis Blan­ken­burg. Da nun aber dies Mit­tel­stück der weit­aus schö­nere Teil ist, so läßt sich lei­der kein Ver­gleich mit dem Men­schen­le­ben daran knüp­fen. Denn der Mensch ist in der Jugend am schöns­ten, äußer­lich immer und inner­lich – das ist die trau­rigste Erfah­rung, die uns das Leben lehrt, aber es lehrt sie – inner­lich fast immer …

Womit ich nun hier begin­nen soll, kann schein­bar nicht zwei­fel­haft sein; mit der Schil­de­rung des obe­ren Teils von Scheibe bis Schwarz­burg, denn das Schönste muß man sich für den Schluß auf­spa­ren. Ich mach’s aber umge­kehrt, denn zwi­schen Schwarz­burg und Blan­ken­burg bin ich wie jeder­mann fast nur unter Tou­ris­ten gewan­delt, im obe­ren Tal aber unter Köh­lern und Hir­ten, Bal­sam­trä­gern und Arbei­tern. Und das dun­kelste Leben, wenn man’s recht zu erfas­sen bemüht ist, ist fes­seln­der als die schönste Natur.

Ausflug zum Trippstein

Weit frü­her als das Schloß habe ich das Juwel Schwarz­burgs, den Trippstein, besucht und bin seit­her noch zwei Male dage­we­sen; der Ein­druck wurde nur immer stär­ker; das ist ja der Prüf­stein alles wirk­lich Schö­nen, daß es um so mehr ent­zückt, je ver­trau­ter es uns wird. Viel­leicht auch lag es daran, daß ich die bei­den letz­ten Male allein hin­ging und wenige Leute oben fand, wäh­rend der Gip­fel des Hügels das erste Mal von Men­schen wim­melte und ich auch schon in Gesell­schaft empor­stieg.

Mein Wille war’s nicht. Als ich an das Ron­dell gekom­men war, wo der Fuß­steig von der Blan­ken­bur­ger Chaus­see abzweigt, stan­den dort drei Damen unschlüs­sig da. Sie reprä­sen­tier­ten gleich­sam das Alter­tum, das Mit­tel­al­ter und die Neu­zeit; am net­tes­ten war noch das Alter­tum, weil es zwar unab­läs­sig schwatzte, aber doch ein gutes, ehr­wür­di­ges Gesicht hatte, woge­gen das Mit­tel­al­ter über­stark war und unfreund­lich drein­sah; die Neu­zeit war noch in jeder Hin­sicht gras­grün und lachte aus Ver­le­gen­heit immerzu. Das Alter­tum sprach mich an; man hätte ihm gesagt, am Ron­dell zweige der Fuß­steig ab und auf einem Steine stehe auch »Zum Trippstein«; nun sei hier das Ron­dell, aber auf dem Stein stehe »Fürst Gün­ther«; ob das etwa gleich­be­deu­tend sei? Ich mußte dies ver­nei­nen; auf die­sem Fels am Ron­dell da stehe »Fürst Gün­ther«, weil das ein Denk­mal des Herr­schers sei, der das Länd­chen durch sech­zig Jahre (1807–1867) regiert habe, und auf die­sem weit klei­ne­ren Stein gegen­über stehe als Weg­wei­ser »Zum Trippstein«.

[…]

Die Aus­sicht vom Trippstein ist eine der hüb­sches­ten Deutsch­lands und wohl die male­rischste Thü­rin­gens. Wäh­rend in den andern Tei­len des Thü­rin­ger Wal­des die benach­bar­ten Hügel­rü­cken fast gleich hoch sind, auch sacht aus seich­ten Tälern oder Hoch­ebe­nen empor­stei­gen, stre­ben sie hier jäh und in den ver­schie­dens­ten For­men aus dem tief geris­se­nen Tal der Schwarza wie zum Him­mel auf. Denn eben weil das Tal so tief ist, so täuscht sich das Auge über die an sich sehr beschei­dene Höhe des Gip­fels (noch nicht 500 Meter über dem Mee­res­spie­gel), und die Weite des Gesichts­krei­ses, die sich aus der Breite des Tals und dem Ein­mün­den eini­ger Neben­tä­ler ergibt, ver­mehrt diese Täu­schung. Ähn­lich ist der Ein­druck, den man auf ande­ren Höhen die­ses schö­nen Tals emp­fängt, zum Bei­spiel auf der etwas höhe­ren Schaps­heide, die dem Trippstein gegen­über am rech­ten Schwarz­aufer liegt; was aber die Aus­sicht vom Trippstein vor den ande­ren aus­zeich­net, ist die Geschlos­sen­heit des Bil­des, die Man­nig­fal­tig­keit und Schön­heit der Far­ben und For­men.

[…]

Auf den Wän­den des Häus­chens wim­melt es natür­lich von Namen, Sprü­chen und Ver­sen. Am schöns­ten sind die eines Lyri­kers, der Mache­leidt heißt; er tut, was ihm sein Name befiehlt. Außer Poe­sie und Land­schaft kann man aber auf dem Trippstein nichts genie­ßen; der Fürst ist geschmack­voll genug, dort oben keine Wirt­schaft zu dul­den.

Das Zeughaus

Bes­ser als die Kunst ist im Schwarz­bur­ger Schlosse das alte Kunst­ge­werbe ver­tre­ten, nament­lich im Zeug­hause, der Bau ist dürf­tig, der Inhalt wert­voll, in man­cher Hin­sicht ein­zig. Schö­nere Jagd­ge­räte aus dem 15. und 16. Jahr­hun­dert habe ich nir­gendwo gese­hen; schö­nere Gewehre und Schwer­ter aus der­sel­ben Zeit sel­ten. Sehr merk­wür­dig sind die Män­ner­hüte, Filz mit Sil­ber­sti­cke­rei; nicht bloß dies, son­dern auch wun­der­schön die Roko­ko­schlit­ten, einer, der Dra­chen­schlit­ten, offen­bar das Werk eines wirk­li­chen Künst­lers voll über­schäu­men­der Phan­ta­sie. Auch die Kum­met­ge­schirre mit reichs­ter Holz­schnit­ze­rei mag man sich genau anse­hen, um zu erken­nen, wie reich selbst eine ver­gleichs­weise öde Zeit – das 17. Jahr­hun­dert – noch an guten Tra­di­tio­nen und künst­le­ri­schen Talen­ten war. Zu loben ist auch, daß die bedenk­li­chen Kuriosa nun aus­ge­merzt sind; so gab es hier auch das breite Ehe­bett des Gra­fen von Glei­chen; nun ist es ver­schwun­den.

Auch im Schloß selbst fin­det sich man­ches hüb­sche Schnitz- und Gieß­werk. Da ist – auf einem der Kamine des Kai­ser­saals auf­ge­stellt – ein aus Holz geschnitz­ter Löwe, mit Per­ga­ment über­zo­gen, mit Reli­efs geschmückt; sicher­lich uralte, etwa aus dem 13. Jahr­hun­dert stam­mende oder nicht viel spä­ter einem Meis­ter jener Zeit nach­ge­bil­dete Arbeit. Der Löwe ist ein Kas­ten; ein ande­res Schau­stück, die »gül­dene Henne« (eine Auer­henne aus ver­gol­de­tem Sil­ber), ein Trink­ge­fäß. Aus der Henne tran­ken im 16. Jahr­hun­dert die Gäste, die zum ers­ten Mal an der fürst­li­chen Tafel erschie­nen, den Will­komm und beka­men dabei das »Geschmeide«, einen schwe­ren Holz­klotz, an einer Kette um den Hals gelegt. Das war ein Spaß im Stil jener Zeit, aber daß er noch heute geübt wird, hörte ich mit Stau­nen. Der Bre­mer aber mit Ent­zü­cken: »Das muß ’n Hoch­genuß sein!« – »Der Klotz um den Hals?« – »Aber als Gast eines Fürs­ten! Und der Klotz muß wohl ein Sym­bol sein!« Wie­der hob sich der

Zei­ge­fin­ger. »Den­ken Sie mal dar­über nach: Sym­bole haben oft ihre Bedeu­tung.«

Schloss Schwarzburg

Das inter­es­san­teste Bau­werk Schwarz­burgs ist natür­lich das Schloß. Es ist an sich nicht schön, aber es hat eine herr­li­che, unter allen Fürs­ten­sit­zen Deutsch­lands viel­leicht die herr­lichste Lage, und vor allem: es hat Cha­rak­ter. Etwas nüch­tern, aber gedie­gen und hei­ter, nach Zweck und Emble­men ein rie­si­ges Jagd­schloß, paßt es zu dem gesun­den, froh­ge­mu­ten, nie her­vor­ra­gen­den, aber im Durch­schnitt pflicht­treuen Geschlecht der Wald- und Jagd­gra­fen, deren Wohn­stätte es seit grauen Tagen ist, der eins­ti­gen Erb­jä­ger­meis­ter Deutsch­lands. Mit den Schwarz­bur­gern ver­gli­chen sind, was ihren Stamm­baum betrifft, die meis­ten deut­schen Fürs­ten­häu­ser Empor­kömm­linge; zwar ihr Ahn­herr Gün­ther, der von Boni­fa­cius getaufte heid­ni­sche Thü­rin­ger, ist in Wahr­heit nicht von trot­zi­gen Hei­den, son­dern von devo­ten Chris­ten erzeugt wor­den, von Hof­ge­nea­lo­gen des 16. Jahr­hun­derts, aber wenn nicht schon vor 1300, so saßen doch die Schwarz­bur­ger sicher­lich bereits vor 1000 Jah­ren auf die­ser Burg und waren die Beherr­scher die­ser Jagd­gründe, anfangs als Dynas­ten, dann als Reichs­gra­fen.

Ihre Geschichte war immer die ihres Gaus; ihr Tun, ob nun weise oder töricht, nutz­los oder erfolg­reich, immer nur auf dies Wald­land gerich­tet und in seine Gren­zen gebannt; einen ein­zi­gen abge­rech­net, haben sie sich nicht um die Welt geküm­mert und die Welt nicht um sie. Auch die­sen ein­zi­gen hat nicht sein eige­ner Wille, son­dern das Drän­gen ande­rer zu kur­zem, ihm ver­häng­nis­vol­len Glanz erho­ben; Gün­ther XXI. war schön und stark, tap­fer und rit­ter­lich, aber weder klug noch ehr­gei­zig; 1349 von den Geg­nern des Paps­tes und der Luxem­bur­ger zum deut­schen König gewählt, wurde er wenige Monate spä­ter durch Gift hin­weg­ge­räumt. Zur Erin­ne­rung nah­men seine Nach­kom­men den Reichs­ad­ler zum Wap­pen an, aber her­vor­ge­tan hat sich seit­her kei­ner von ihnen, durch Gutes so wenig wie durch Schlim­mes. Die Her­ren taten immer wie ihre Nach­barn, sie füg­ten sich der thü­rin­gi­schen, dann der säch­si­schen Ober­ho­heit, so lang es sein mußte, und schüt­tel­ten sie ab, so bald es sein konnte, sie raff­ten an Land und Rech­ten zusam­men, was erreich­bar war, teil­ten es, als die­ser ver­häng­nis­volle Brauch unter die deut­schen Fürs­ten kam, in die win­zigs­ten Par­zel­len und such­ten sie dann, als er auf­hörte, wie­der zu ver­ei­ni­gen, mit Güte, noch öfter mit Gewalt. Gleich den ande­ren wur­den sie im 16. Jahr­hun­dert evan­ge­lisch, kauf­ten sich im 17. Jahr­hun­dert einen höhe­ren Stand (die Reichs­fürs­ten­würde) und die damals gleich­falls all­ge­mein übli­chen Mätres­sen, trie­ben im 18. die Sol­da­ten­spie­le­rei und wur­den im 19. kon­sti­tu­tio­nell, um es mit klei­nen Sei­ten­sprün­gen ins Reak­tio­näre zu blei­ben. Viel Geld hat­ten sie nie, aber auch nie viel Schul­den. Und dies sieht man auch ihrem Hause an; es ist statt­lich und wohn­lich, aber nicht prunk­voll.

[…]

Es ist also in sei­ner heu­ti­gen Gestalt ein Bau aus der Zeit, wo noch das Rokoko in Deutsch­land herrschte, wirkt aber in sei­ner Nüch­tern­heit und Steif­heit wie ein Vor­läu­fer des Zopf­stils; einige Par­tien, die spä­ter hin­zu­ka­men, nament­lich der Mit­tel­bau des west­li­chen Flü­gels mit sei­nen ioni­schen Säu­len und korin­thi­schen Pilas­tern zei­gen die­sen Stil in schar­fer Aus­prä­gung, nament­lich auch in der rein äußer­li­chen Anfü­gung anti­ki­sie­ren­den Schmucks an unge­glie­derte Kaser­nen­wände. Der Bau ist natür­lich von allen Höhen um Schwarz­burg sicht­bar, und das weiß­graue gewal­tige Gemäuer wirkt durch seine Lage, durch den Gegen­satz zum Grün ringsum dem Auge immer freund­lich; in der Nähe hat es wohl noch nie­mand schön gefun­den. Aber gedie­gen und statt­lich, sagt ich schon, ist es, und wer auf dem Schloß­hof steht, über­sieht ein Städt­chen im klei­nen: eine Kapelle, ein Palais, ein Zeug­haus, eine Schloß­wa­che, Wohn­häu­ser der Beam­ten, Diener­häu­ser, Ställe und Schup­pen, alles prak­tisch und sau­ber und ebenso solid wie nüch­tern.

Selbst die offen­bar kürz­lich restau­rierte Kapelle macht die­sen Ein­druck; im Innern ist sie mit schwar­zen Mar­mor- und wei­ßen Ala­bas­ter­plat­ten geschmückt. Als ich ein­trat, waren zwei Damen in der Kapelle. »Herr­lich schön!« sagte die eine. »Und sieh nur: die preu­ßi­schen Far­ben!« fügte die andere begeis­tert hinzu. Das letz­tere finde ich rich­tig, das ers­tere nicht. Unter der Kapelle ist eine Gruft, in der Schwarz­bur­ger Fürs­ten des 17. und 18. Jahr­hun­derts bei­gesetzt sind. Sie ist nicht zugäng­lich, aber ein Kauf­mann aus Bre­men erzählte mir an der Table d’hôte stolz, er habe sich durch Geld und gute Worte den Ein­gang ver­schafft. »Ordent­lich appe­tit­lich sieht’s da aus«, ver­si­cherte er, »wie in einer Küche! Und wenn man so denkt: das waren einst Fürs­ten« – er hob den Zei­ge­fin­ger – »regie­rende Fürs­ten, und jetzt sind sie tot! Den­ken Sie mal dar­über nach: wie ver­gäng­lich ist irdi­sche Größe!« Der Mann hat über­haupt viel für meine innere Ver­tie­fung getan; einige andere Pro­ben davon werde ich noch mit­tei­len.

Das Innere des Schlos­ses habe ich gese­hen. Das Schönste daran ist die herr­li­che Aus­sicht, fast aus jedem Raum ein ande­res Land­schafts­bild und jedes gleich ent­zü­ckend, aber hübsch ist auch die Ein­rich­tung meh­re­rer Gemä­cher, ein­heit­lich in Rokoko oder Zopf, nichts Beson­de­res, aber geschmack­voll. Nur von den Bil­dern ist bei bes­tem Wil­len wenig Gutes zu sagen; viele sind nur Kuriosa. So ent­hält zum Bei­spiel das Pfer­de­zim­mer 246 (kein Schreib­feh­ler!) kleine Por­träts von Pfer­den und Rei­tern; die meis­ten hat Fürst Lud­wig Gün­ther IV. (1767–1790) eigen­hän­dig gemalt. Wie die Gemälde Fried­rich Wil­helm I. im Pots­da­mer Stadt­schloß eine kleine Eigen­tüm­lich­keit auf­wei­sen – die Men­schen haben zwei linke Beine –, so auch diese eines klei­ne­ren Poten­ta­ten: die Köpfe der Pferde und Rei­ter sind zu klein, hin­ge­gen die Hälse zu lang und dick und die Hin­ter­teile von Mensch und Tier gera­dezu gigan­tisch. Anders als in ande­ren Köp­fen malte sich in die­sem der aller­dings unent­behr­li­che Kör­per­teil. Mein Bre­mer war ent­zückt. »Dritt­halb hun­dert Bil­der – und dabei hat er immerzu regiert! Wenn das ein Künst­ler tut, so tut er’s für Brot; er hat’s für die Kunst getan. Und die rechte Schu­lung fehlt, sagen Sie? Nun also! Den­ken Sie mal dar­über nach: jedes Talent ist ange­bo­ren!«

Ein Gesetzesentwurf für die Thüringer Gastronomie

Das Schloß abge­rech­net, das für sich eine ganze Sie­de­lung mit allem Zube­hör ist, besteht der Ort aus zwei Tei­len, dem Hotel­vier­tel auf dem Schloß­berg, dem Dorf Tal­schwarz­burg an sei­nem Abhang und im Fluß­tal. Das Hotel­vier­tel besteht aus fünf statt­li­chen Häu­sern, von denen dem Gebie­ter des »Wei­ßen Hirsch« drei zuge­hö­ren, lebt schlecht und recht oder viel­mehr, da Fried­rich­roda und Ober­hof zu sei­nen Unguns­ten empor­ge­kom­men sind, mehr schlecht als recht vom Taler des Frem­den und wird im Durch­schnitt nicht bes­ser noch schlech­ter ver­wal­tet als das Thü­rin­ger Gast­hof­we­sen über­haupt. Die herr­li­che Wald­land­schaft, die güns­tige Lage im Her­zen Deutsch­lands sorgt für Zuspruch; der Mensch tut nicht viel dazu. Gründ­li­che Wand­lung könnte nur ein Gesetz bewir­ken:

Jeder Thü­rin­ger Wirts­sohn muß, eh er das väter­li­che Geschäft über­nimmt, ein Jahr im Schwarz­wald, zwei am Rhein und drei in der Schweiz Kell­ner sein und bei Über­nahme des Geschäfts seine Eltern ins Aus­ge­dinge set­zen. Drein­zu­re­den haben sie nichts, nament­lich nicht bezüg­lich der Bet­ten, der Küche und der Not­wen­dig­keit des Staub­we­dels.

Wer in Thü­rin­ger Gast­hö­fen Bescheid weiß, wird die­sen Gesetz­ent­wurf nicht allzu dra­ko­nisch fin­den, auch hier nicht die Stimme eines Fein­des, son­dern die eines Freun­des des schö­nen Lan­des her­aus­hö­ren.

Das Dorf Schwarz­burg gleicht hun­dert ande­ren in Thü­rin­gen, höchs­tens daß es der vie­len neuen, für die Som­mer­gäste in städ­ti­schem Stil auf­ge­führ­ten Häu­ser wegen noch etwas unhis­to­ri­scher, man möchte sagen künst­li­cher aus­sieht als viele sei­nes­glei­chen; selbst die Kir­che ist ein Neu­bau und nur die Barock­kan­zel von 1712. Und doch ist es eine uralte Wohn­stätte; zwar erst 1072 in Urkun­den genannt (»Swart­zin­burc«), aber zwei­fel­los noch Jahr­hun­derte älter. Gleich­wohl trügt der erste Ein­druck nicht; es ist ein Ort, der gleich­sam nie um sei­ner selbst wil­len bestand, und sol­che Orte haben keine cha­rak­te­ris­ti­sche Prä­gung, weil sie keine eigene Geschichte haben.

Lange war »Swars­burg villa« nur um des »cas­trum Swars­burg« wil­len da, der Wohn­sitz der Dienst­leute, Tage­löh­ner und Hand­wer­ker, die im Schloß nötig waren, und jetzt ist’s dane­ben auch gleich­sam die Arbeits­stube des Hotel­vier­tels: hier wird für die Frem­den geba­cken, geschlach­tet, die Wäsche gewa­schen. Dane­ben ist’s eine beschei­dene Kon­kur­renz die­ses Vier­tels: an jedem Haus ein Aus­hang: »Möblierte Zim­mer mit Früh­stück« und fast an jedem das Schild eines Hand­wer­kers.

In einem der Häu­ser am Berg­ab­hang zu hau­sen mag nicht übel sein; der Blick auf dies Tal ist zwar nicht mit der Wald­aus­sicht zu ver­glei­chen, aber doch hübsch; auch ist die Luft rein. Warum aber die Leute, die unten im schwü­len Tal bei Schus­ter und Ger­ber, Tisch­ler und Flei­scher ihre Som­mer­fri­sche hal­ten, nicht lie­ber – es sind viele Ber­li­ner – in ihren Woh­nun­gen blei­ben, ver­stehe ich nicht; denn wenn sie etwa in Ber­lin C hau­sen, so haben sie im August auch dort ähn­li­che Düfte.

Übri­gens sieht man auch in Tal­schwarz­burg viele ele­gante Toi­let­ten und hüb­sche Gesich­ter; ges­tern, als ich auf einem Bänk­chen am Schwarz­aufer saß, sah ich sogar ein traum­haft schö­nes. Es war ein herr­lich erblüh­tes blon­des Mäd­chen mit einem Ant­litz, in dem jede Linie »Reiz und Geist und Leben« war; sie saß auf dem nächs­ten Bänk­chen neben ihrer Mut­ter und sah träu­mend in die Wel­len; ihr Ant­litz hatte dabei einen Aus­druck so hei­ßer Sehn­sucht, daß er mich ergriff und rührte. Was das arme schöne Kind so bewe­gen mag, dachte ich. Da rühr­ten sich die Lip­pen, und sie flüs­terte: »Mama, gelbe Schuhe muß ich haben!«

Im »Weißen Hirsch« zu Schwarzburg

Kurz, nach­dem ich den Herr­scher des Länd­chens zuerst gese­hen, wurde ich von dem Gebie­ter des »Wei­ßen Hirsch« in sei­nem Audi­enz­saal, dem Ves­ti­bül des Gast­hofs, emp­fan­gen. Ich bat um ein Zim­mer mit Aus­sicht; »Sie bekom­men eines nach vorn her­aus«, lau­tete die Ent­schlie­ßung. Als ich nun dies Zim­mer in Beglei­tung eines Adju­tan­ten des Gebie­ters betrat, konnte ich mich über­zeu­gen, daß es wirk­lich eine Aus­sicht hatte: trun­ken schweifte mein Blick über den Bier­gar­ten des »Thü­rin­ger Hof«; das Post­ge­bäude im Hin­ter­grunde war auch recht male­risch. Ich wan­delte den Kor­ri­dor auf und nie­der; dabei konnte ich, da die Zim­mer­tü­ren offen stan­den, eine Reihe hübsch möblier­ter Zim­mer sehen, aus deren Fens­tern sich ein präch­ti­ges Wald­bild bot. »Die Zim­mer sind wohl alle besetzt?« fragte ich eine wür­dige Grei­sin, die eben mit Staub­tuch und Besen her­an­kam, wor­auf diese Senio­rin aller mit­tel­eu­ro­päi­schen Stu­ben­mäd­chen seuf­zend erwi­derte: »I du meine Güte – merschten­tels nich! Sie müs­sen nor natür­lich feste druf drü­cken, denn sie geben doch natier­lich lie­ber zuerscht nor die Stu­ben nach vorn naus wech!« Da suchte ich noch­mals um eine Audi­enz nach, drückte aber nicht feste, son­dern erklärte nur: »Wenn ich das Post­ge­bäude allein bewun­dern darf, so will ich’s doch wenigs­tens in sei­nem gan­zen Reiz genie­ßen; ich glaube, vom ›Thü­rin­ger Hof‹ macht es sich noch male­ri­scher«, wor­auf ich ein Zim­mer nach hin­ten hin­aus bekam, etwas hoch zwar, aber ein schö­nes Zim­mer mit Bal­kon und herr­li­cher Aus­sicht auf Wald und Wiese.

Diese Aus­sicht hat mich die acht Tage hier fest­ge­hal­ten, wenn ich min­der ange­neh­mer Dinge wegen gehen wollte, und ich werde sie nie ver­ges­sen, aber das Bild zu beschrei­ben wird mir schwer­lich glü­cken, obwohl ich es ja nun noch vor mir sehe. Ich sitze hier wie im Mit­tel­punkt eines rie­si­gen Halb­runds, vor mir eine weite, sma­rag­den schim­mernde Wiese, die sich in sanf­ter Nei­gung zu einem blau­grü­nen, rau­schend und blin­kend über Geröll und Fel­sen hin­schäu­men­den Flüß­chen hin­ab­senkt; rings um die Wiese aber Wald und Wald und Wald, immer höher empor­stei­gend, immer fer­ner und blauer dem Auge, bis dies Blau der hohen Forste mit dem des Him­mels ver­schmilzt; mit unbe­waff­ne­tem Auge kann ich ihre Grenz­li­nie kaum erken­nen. Das ist alles; nur im Vor­der­grund zur Lin­ken erhebt sich auf einem Fels­vor­sprung ein mäch­ti­ges, graues Mau­er­werk, das Schloß. Also ein ein­tö­ni­ges Bild, wird man den­ken. Ein­tö­nig? – ich habe in die­sen Tagen oft die Emp­fin­dung gehabt, als hätte ich noch keine beleb­tere Land­schaft gese­hen, keine an Far­ben und For­men rei­chere. Schon wie sich die Hügel hin­ter­ein­an­der auf­bauen, die­ser sanft und jener schroff, die­ser breit und jener schlank, höher und höher, alle wie Stu­fen einer Rie­sen­treppe auf­wach­send bis in den Him­mel hin­ein und so dem Blick zu einer Ein­heit gebun­den und doch kei­ner dem andern gleich oder ähn­lich, schon dies kann wahr­lich das Auge beschäf­ti­gen und ergöt­zen.

Auch die Bäume sehen selbst aus die­ser Ent­fer­nung ver­schie­den genug aus: die Tan­nen hoch, spitz und schlank, die Kro­nen der jun­gen stolz nach oben stre­bend wie eine Flamme, die der alten abge­plat­tet und ver­wach­sen, als trü­gen sie ein Nest; die bor­ki­gen Föh­ren, dort, wo sie dicht zusam­men­ste­hen, mit dün­ner, wo sie unter Laub­holz ste­hen, mit weit aus­grei­fen­der, kup­pel­för­mi­ger Krone, als wäre ihnen auf­er­legt, unter ihres­glei­chen nicht recht gedei­hen zu kön­nen, und – ich nenne nur eben die häu­figs­ten Baum­ar­ten, aus denen diese unge­heu­ren Forste bestehen – die Buchen mit dem plat­ten, star­ken Stamm und dem Gewirr läng­li­cher Blät­ter. Aber nun erst die Far­ben: wie hebt sich das satte, leuch­tende Grün des Wie­sen­gra­ses von dem erns­ten, fast schwärz­li­chen Far­ben­ton der Tan­nen ab; dazwi­schen ste­hen die grauen Föh­ren mit braun­ro­tem Stamm und die lie­ben Buchen mit den röt­lich-wei­ßen Ästen und den hel­len glän­zen­den Blät­tern.

Es ist wahr, das tie­fere Grün herrscht immer vor und gibt dem Bilde etwas Erns­tes und Erquick­li­ches zugleich; aber selbst bei bedeck­tem Him­mel ist’s zwar kein bun­tes, aber ein far­bi­ges Bild, und nun erst, wenn die Sonne alles Rot und Weiß auf­leuch­ten und das Grün in hun­dert ver­schie­de­nen Farb­tö­nen schim­mern läßt. So leben­dig wie das Meer ist der Wald nie, schon weil sich das Licht im Gezweig nicht so mär­chen­haft ver­schie­den bre­chen kann wie in den Was­sern, aber das Auge, dem er tot und ein­för­mig erscheint, ist auch für alle andere Schön­heit die­ser Erde stumpf. Der Wald lebt und spricht mit tau­send Stim­men. Zwar das Zwit­schern sei­ner Vögel kann man hier zumeist nicht ver­neh­men, es ist zu weit; nur zuwei­len trägt mir ein jäher Wind­stoß etwas von dem fei­nen Kon­zert zu, das fort­währt vom Mor­gen­grauen bis gegen Mit­ter­nacht. Aber der helle Ruf des Fal­ken wird oft hör­bar, noch öfter läßt sich der Kuckuck ver­neh­men, und nicht sel­ten hört man schon jetzt das selt­same, auf­re­gende, dem Stier­ge­brüll ähn­li­che, aber stür­mi­schere »Orgeln« des Hir­sches.

Zuwei­len auch fällt ein Schuß, hof­fent­lich auf Wild, viel­leicht auch auf einen Men­schen; es wird hier viel gewil­dert. Nie aber erstirbt ein zwie­fa­ches Rau­schen, das hel­lere des Bachs, das dump­fere des Laubs und der Nadeln. Es ist, als wüchse ihnen mit dem schwin­den­den Licht die Kraft des Tons; in der dunk­len Nacht klingt es gewal­ti­ger, sanf­ter im Mond­schein. Wir haben jetzt Voll­mond; wie so das sil­berne Licht die Dünste des Abends nie­der­kämpft und dann sein Netz über die dunk­len, leise rau­schen­den Forste spannt, ist mär­chen­haft anzu­se­hen …

Ja, es war der Mühe wert, daß ich mir die Aus­sicht auf die Hirsch­wiese erkämpft habe, obwohl man da nie einen ein­zi­gen Hirsch sehen kann. Am ers­ten Tage – dem reg­ne­ri­schen Wet­ter war ein herr­li­cher Abend gefolgt – stand ich mit sin­ken­der Sonne auf mei­nem Bal­kon und spähte erwar­tungs­voll hinab. Ich habe einst, in mei­ner frü­hen Jugend, im wald- und wild­rei­chen Vor­ge­birg der Kar­pa­ten das schöne Bild oft genug gese­hen; wie gegen Abend aus dem Dun­kel des Wal­des zuerst das starke Leit­tier mit gestreck­tem bär­ti­gem Hals und spä­hen­den klu­gen Augen her­vor­tritt, dann sein klei­ne­res Weib­chen und end­lich das ganze Rudel der edlen Tiere mit brei­ter Brust, schlan­ken Bei­nen und fei­nem Kopf, zu äsen und zwi­schen­durch aus dem Bach zu trin­ken. Und dies­mal sollten’s gar 70 oder 80 sein! Aber die Zeit ver­strich, die Sonne ging rot­glü­hend hin­ter dem Lie­ber­holz nie­der, und sie kamen nicht. Ich ging zum Abend­essen ins Restau­rant und fragte den Kell­ner, warum denn heute die Hir­sche aus­ge­blie­ben wären. »Unmög­lich«, sagte er kalt­blü­tig, »Sie werden’s über­se­hen haben!«

Am nächs­ten Tage erwi­derte er auf die glei­che Frage: »So? Ja, man hört jetzt oft dar­über kla­gen, die Hir­sche sind in letz­ter Zeit nicht pünkt­lich.« Kein Wun­der, dachte ich, das machen sie ihren Nach­barn, den Kell­nern, nach. Am drit­ten Tage aber begann ich zu ahnen, daß das dia­bo­li­sche Lachen des »Thü­rin­ger Hofs« trotz Baede­ker seine Berech­ti­gung gehabt, und so war es auch. »Es ist eine Entrikuhe unse­rer Feinde«, gestand mir der­selbe Jüng­ling. Es ist aber, obwohl der »Weiße Hirsch« dadurch ein hüb­sches Schau­stück ver­lo­ren hat, doch keine Intrige sei­ner Feinde, son­dern eine sehr berech­tigte Maß­re­gel des fürst­li­chen Ober­forst­amts, wenn es den Tie­ren den Weg zu die­ser Wiese ver­ram­melt und zu einer ande­ren ganz abge­le­ge­nen geöff­net hat. Die edlen Tiere wur­den hier von bösen Buben wie­der­holt durch Geschrei und Stein­würfe behel­ligt. Wer die Mis­se­tä­ter waren, ob, wie die einen sagen, alte hol­län­di­sche, oder, wie die andern mei­nen, junge thü­rin­gi­sche Buben, weiß ich nicht.

Trotz­dem habe ich in den acht Tagen wohl ein Dut­zend Hir­sche gese­hen, weil ich den Wald nicht bloß von mei­nem Fens­ter aus genoß. Aber auch das Nächste und Nahe habe ich mir genau ange­guckt, wor­über frei­lich nicht viel zu sagen ist.

»Thüringer Hof« oder »Weißer Hirsch« – Quartiersuche in Schwarzburg">»Thüringer Hof« oder »Weißer Hirsch« – Quartiersuche in Schwarzburg

Er war ganz men­schen­leer; nur der junge Sta­ti­ons­chef mit roter Mütze, dem man sofort den ehe­ma­li­gen Offi­zier ansah, ging hän­de­rei­bend auf und nie­der, denn für einen August­tag war’s recht emp­find­lich kühl. Das Züg­lein glitt wei­ter, der Beamte wollte in sei­nem Büro ver­schwin­den, da fragte ich ihn, ob es hier keine Omni­busse gebe. »Frei­lich«, erwi­derte er, »aber wo ste­cken die Ker­rels? Die sind in die­sem soje­nann­ten Som­mer Jäste jar nich mehr jewohnt! … He, Wirt­schaft!« Und dar­auf erschie­nen wie auf einen Zau­ber­ruf zwei Kut­scher in trie­fen­den Män­teln, der eine lang und dünn, der andere kurz und dick, und erho­ben bei mei­nem Anblick ein betäu­ben­des Gebrülle. »Thü­rin­ger Hof!« schrie der Dicke, »Wei­ßer Hirsch!« der Dünne. Dem über­gab ich mei­nen Kof­fer und fragte, ob ein Zim­mer mit der Aus­sicht auf die Hirsch­wiese frei sei. Er bejahte, und die Kon­kur­renz bestä­tigte lie­bens­wür­dig: »Fünf­zig sol­che Zim­mer kön­nen Sie dort haben, aber Hir­sche – hehe!« Es war ein wahr­haft dia­bo­li­sches Lachen, das aber der »Weiße Hirsch« durch eine ver­nich­tende Äuße­rung über die Kost des »Thü­rin­ger Hofs« in ein Wut­ge­heul ver­wan­delte, wor­auf wir als Sie­ger abfuh­ren.

Es ist ein lan­ger Weg, denn der Bahn­hof liegt hoch oben auf einer Berg­halde, das Hotel aber auf dem Schloß­berg, und so führt die Straße in Win­dun­gen hin­un­ter und dann wie­der empor. Da rechts und links nichts zu sehen war als die nas­sen Schutz­de­cken des Omni­bus, so knüpfte ich ein Gespräch mit dem Kut­scher an. Ob die Sai­son gut sei? Sehr gut, ver­si­cherte er, obwohl dies­mal die Stamm­gäste fast ganz fehl­ten, »denn die Leipz’ger haben noch mit deme Krach z’schaffen und die Hol­län­der tun alles Geld dene Buren geben. Aber wir sind ja ’s feinste Haus in Thü­rin­gen, da darf’s nim­mer voll sein. Ja, wenn wir jeden neh­men täten wie der ›Thü­rin­ger Hof‹ – die neh­men sogar Eng­län­der!« – »Ihr nicht?« – »Wenn sie kom­men täten«, erwi­derte er stolz, »wür­den wir sie abwei­sen tun, aber der ›Weiße Hirsch‹ is für die Buren, das weiß die ganze Welt, seit die Köni­gin Wil­hel­mina hier war, und da fra­gen sie nich erst an!« Dann erzählte er von dem Auf­ent­halt der jun­gen Fürs­tin; die Wahr­heit zu sagen, hatte ihm nicht so sehr ihr Trink­geld als ihr Wuchs impo­niert: »Rundere Mädel­chen gibt’s nich mal in Rudol­stadt!« Ich fragte, warum der »Thü­rin­ger Hof« die Hir­sche ange­zwei­felt habe, sie stün­den sogar im Baede­ker. Er zuckte die Ach­seln. »So ’n Volk! Dem ist nichts hei­lig, auch der Bädéker (Par­oxy­to­non) nich.« Aber wäh­rend er so los­legte, ver­stummte er plötz­lich, hielt die Pferde an und zog den Hut: uns über­holte eben ein rei­ten­des Paar, der Fürst und die Fürs­tin von Schwarz­burg-Rudol­stadt. Da sie auf Schloß Schwarz­burg hau­sen, so bin ich ihnen seit­her fast täg­lich begeg­net; er ein statt­li­cher, freund­li­cher Herr, immer in der­sel­ben Uni­form, sie eine schlanke Dame, immer im sel­ben Reit­kleid. Man kann sich ein schlich­te­res Auf­tre­ten kaum den­ken.

»Langsam, langsam, ich hab Zeit« – Von Oberrottenbach nach Schwarzburg">»Langsam, langsam, ich hab Zeit« – Von Oberrottenbach nach Schwarzburg

Ich war nun allein im Coupé, und wäh­rend mein Blick (die Wol­ken ball­ten sich wie­der, aber noch schien die Sonne) über das Berg­land hin­schweifte, in das wir sachte empor­klom­men, über die trie­fen­den Tan­nen des Buch­bergs zur Rech­ten des Kes­sel­bergs zur Lin­ken, über die grauen raschen Wel­len der Rinne und die Hüt­ten von Köditz, da erwog ich in mei­nem Gemüte, wohin es mich mehr ziehe, in ein Luxus­ho­tel im Tal oder in einen alten, behag­li­chen Gast­hof oben, wo ich »ins Volk« konnte, und war damit in einer Sekunde fer­tig. Bis Sit­zen­dorf also wollte ich im Zuge blei­ben und dann in einem Wägel­chen nach Ober­weiß­bach fah­ren. Aber da öff­nete, als das Loko­mo­tiv­chen immer lang­sa­mer, immer schwe­rer keu­chend nicht mehr tal­auf­wärts, son­dern durch tiefe Ein­schnitte gegen Bech­stein empor­klomm, zur Was­ser­scheide zwi­schen Rinne und Schwarza, der Him­mel alle Schleu­sen, daß ich vor lau­ter Plät­schern, Pras­seln und Gur­geln der Was­ser kaum noch hören konnte, was die Wag­gon­rä­der sag­ten. So ein Berg­bahn­chen hat kei­nen Sturm­takt wie ein Schnell­zug im Flach­land; das geht ganz behag­lich: — U/ — U/ — U/ — U/ — »Lang­sam, lang­sam, ich hab Zeit.« Aber was riet mir dies Ora­kel nun? Ich schwankte. Bald hörte ich ganz deut­lich »Köni­gin­nen, Ban­ker – nein!« und dann wie­der: »Nässe, Nässe, geh doch hin!« Und als bei der Ein­fahrt in den Schwarz­bur­ger Bahn­hof der Regen wie eine Wand vor dem Cou­pé­fens­ter stand, flüch­tete ich unter auf­ge­spann­tem Schirm auf den Bahn­steig.

»Hasenscharten, Kobolde und Wassermänner« – Von Stadtilm nach Oberrottenbach">»Hasenscharten, Kobolde und Wassermänner« – Von Stadtilm nach Oberrottenbach

In Stadt­ilm bekam ich einen weit net­te­ren Rei­se­kum­pan. Gleich wie er ein­stieg, gefiel mir der ange­graute Herr mit dem freund­li­chen Aus­druck und den kla­ren, wohl­wol­lend und doch for­schend bli­cken­den Augen aus­neh­mend gut. Kein Wun­der, er erin­nerte mich an den mir teu­ers­ten Men­schen, mei­nen Vater, nicht im Schnitt der Züge, aber in ihrem Aus­druck und die­sem Blick der Augen. Das muß ein Arzt sein, dachte ich, ein Land­arzt, wie mein Vater war, und sprach ihn kurz­weg »Herr Dok­tor« an. Da er zudem mei­nen Namen kannte, so gab das bis Ober­rot­ten­bach, wohin er zu einer jun­gen Mut­ter fuhr, eine ver­gnügte Plau­de­rei zwi­schen zwei alten Kna­ben, denen das Leben die Freude an Welt und Men­schen nicht hat ver­gäl­len kön­nen. Auf jeden Fels und Baum am Wege, der ihm gefiel, machte er mich auf­merk­sam und erzählte von den Grä­ber­fun­den am Sin­ger Berg, als die Bahn gebaut wurde: Trink­ge­fäße und Frau­en­tand; »die Männ­lein und Weib­lein waren nicht viel anders als heute«. Dann fragte er mich nach mei­nem Ziel und als ich’s nannte, beru­higte er mich zunächst mit der­sel­ben Bestimmt­heit wie der Herr Gerichts­voll­zie­her, daß es im »Wei­ßen Hirsch« ganz gewiß Platz gebe, und fragte dann tie­fernst, ob im deut­schen Volke plötz­lich die Bücher­kauf­wut aus­ge­bro­chen sei. Als ich erwi­derte, daß der­zeit noch kei­ner­lei Anzei­chen einer so bedenk­li­chen Wand­lung des Volks­cha­rak­ters vor­lä­gen, riet er mir, anders­wo­hin zu gehen, und nannte gleich ein paar Orte, die frei­lich nicht an der Bahn lagen. »Da sit­zen Sie mit­ten im Volk«, meinte er, »der ›Weiße Hirsch‹ taugt bes­ser für hol­län­di­sche Köni­gin­nen und dito Ban­kiers.« Zum Schluß erzählte er von der jun­gen, rei­chen Bau­ers­frau, zu der er fahre. »Sie hat ja alles getan, sich und das Kind gesund zu erhal­ten. Eine Schwan­gere darf kein Was­ser schöp­fen, über kein Beet stei­gen, keine schad­hafte Tanne anse­hen, weil sonst das Kind eine Hasen­scharte bekommt, keine Lei­che anse­hen, weil es sonst blaß bleibt; das hat die Hanne ver­mie­den. Auch hat sie bis heute all­nächt­lich Licht gebrannt, weil die Kobolde ihr sonst einen Wech­sel­balg unter­ge­scho­ben hät­ten; und weil der Rot­ten­bach nah ihrem Haus vor­bei­fließt, so hat sie sich hin­ge­schleppt, sobald sie konnte, hat ein Pfen­nig-, ein Fünf­pfen­nig- und ein Zehn­pfen­nig­stück hin­ein­ge­wor­fen und dazu gesagt: ›Da hast du das Deine, laß mir das Meine‹, das stimmt näm­lich den bösen Was­ser­mann sanft. Auch ist das Kind am Don­ners­tag zur Welt gekom­men, nicht etwa am Frei­tag, sonst hätte es kein Glück, auch nicht am Sonn­abend, sonst müßte es von den Juden Geld lei­hen; wäre es gar am Drei­fal­tig­keits­tag gebo­ren, so müßte es am Gal­gen ster­ben. Selbst­ver­ständ­lich hat sie auch den Säug­ling nie in den Kel­ler tra­gen las­sen, sonst käme er ins Zucht­haus, sich ihn nie durchs Fens­ter rei­chen las­sen, sonst bliebe er klein, und damit er einst fein singe, hat er ein Ler­chenei ver­schlu­cken müs­sen. Bei sol­cher Für­sorge für sich und das Kind begreift sie gar nicht, warum sie seit acht Tagen so elend ist und auch ihre Milch nichts taugt. Und da unbe­greif­li­cher­weise das Bespre­chen, eine Lat­werge und sogar ein Ader­laß nichts genützt hat, so hat sie mich vor­ges­tern end­lich holen las­sen. Dia­gnose: gründ­lich ver­dor­be­ner Magen infolge unmensch­li­chen Über­fres­sens bei der Taufe. Natür­lich glaubt sie mir nicht, hat aber hof­fent­lich meine Medi­zin genom­men; gewiß weiß man das nie.« – »Es ist noch viel Aber­glau­ben hier?« – »Wo nicht im Volke? Aber dane­ben viel Liebe und Hun­ger, viel Poe­sie, Sagen und Lie­der, daß die Berge wider­hal­len. ›Thu­rin­gia can­tat!‹ Und darum: ins Volk, lie­ber Herr!« Das wie­der­holte er, als wir auf dem Bahn­steig in Ober­rot­ten­bach schie­den. Denn unser Züg­lein dampfte nun nach Blan­ken­burg wei­ter, ich aber bestieg ein ande­res, noch zier­li­che­res, das hier ins Schwarza­tal abzweigt.

»Die Marlitt als Geschäftsfrau« – Von Arnstadt nach Stadtilm">»Die Marlitt als Geschäftsfrau« – Von Arnstadt nach Stadtilm

In Beglei­tung des düs­tern Wür­den­trä­gers, der nach Stadt­ilm wollte, klet­terte ich im Arn­städ­ter Bahn­hof einige Trep­pen auf und nie­der, bis das Per­ron­chen erreicht war, von dem das Züg­lein ins Schwarza­tal abgeht: alles klein und nied­lich. Der Him­mel begann sich auf­zu­klä­ren, der Blick ins Gera­tal, das die Bahn auf einem Via­dukt über­schrei­tet, war hübsch, aber mich lockte die Gele­gen­heit, Nähe­res über die Welt­an­schau­ung eines Gerichts­voll­zie­hers zu erfah­ren. Es kam jedoch nicht viel dabei her­aus. »Einige zah­len«, sagte er gewich­tig, »aber die meis­ten muß man pfän­den.« Da er in Arn­stadt gebo­ren war, so fragte ich ihn, ob er die Mar­litt per­sön­lich gekannt habe. »Mar­litt?« fragte er lang­ge­dehnt. »War das eine Geschäfts­frau?« Das konnte ich mit gutem Gewis­sen beja­hen, ließ dann aber auch dies Thema fal­len.

Das provisorische Nachtquartier – Von Erfurt nach Oberhof

Grund­los habe ich übri­gens nicht auf Ober­hof ver­zich­tet. Zwei Tage vor mei­ner Abreise aus Erfurt war ich Zeuge der Ver­zweif­lung zweier Men­schen­see­len, denen sämt­li­che Ober­ho­fer Gast­wirte auf ihre tele­gra­phi­sche Anfrage geant­wor­tet hat­ten: »Alles besetzt.« Es waren Mut­ter und Toch­ter, die eine so fett und die andere so mager, als stamm­ten sie aus Pha­raos Traum; übri­gens war die Toch­ter schon lange ein jun­ges Mäd­chen. Ein sehr ver­hei­ra­te­ter Mann in mei­nen Jah­ren erwirbt sich leicht das Ver­trauen alter Damen; so hatte mir die Mut­ter gestan­den, daß sie um der Toch­ter wil­len nach Ober­hof wolle, weil sie gehört habe, daß sich dort »leicht etwas knüpfe«. Ich begriff ihre Ver­zweif­lung über die Absage und riet ihr dann, nach Fried­rich­roda zu gehen, denn, dachte ich, in die­sem Falle kann sich nur noch durch ein Wun­der Got­tes etwas knüp­fen, und will er dies, so kann er’s in Fried­rich­roda ebenso machen wie in Ober­hof. Sie folgte die­sem Rate; nun aber machte ich mich ans Tele­gra­phie­ren. Zwei Ant­wor­ten lau­te­ten ableh­nend, die dritte aber: »Pro­vi­so­ri­sches Zim­mer reser­viert.« Das war ein mir neuer Ter­mi­nus, ich wollt es ver­su­chen und nahm meine Karte nach Ober­hof.

Sicher­lich wäre ich auch hin­ge­langt, wenn die Sonne geschie­nen hätte. Ist’s drau­ßen hübsch, so guckt man eben zum Fens­ter hin­aus und denkt nicht nach. Aber nun begann es zu reg­nen, kaum daß der Zug bei Neu­die­ten­dorf in die Berge lenkte. Da kam mir der Gedanke, daß der Begriff des pro­vi­so­ri­schen Zim­mers doch eigent­lich auch ohne Erfah­rung zu ergrün­den sei: ein Zim­mer, in dem man kei­nem Men­schen zumu­ten kann, län­ger als eine Nacht zu blei­ben – und ich blät­terte im Baede­ker nach einer ande­ren Som­mer­fri­sche. Dabei fiel mir Schwarz­burg in die Augen: »Wei­ßer Hirsch, mit präch­ti­ger Aus­sicht auf Wald und Wiese, wo all­abend­lich ein 70 bis 80 Stück zäh­len­des Rudel von Hir­schen zur Tränke im Schwarzabach erscheint« – und ich griff nach dem Kurs­buch; in Arn­stadt mußte ich aus­stei­gen. Aber halt – wenn es da nicht ein­mal ein »pro­vi­so­ri­sches« Zim­mer gab? Ich sah mir meine Fahrt­ge­nos­sen an; mir gegen­über saß ein altes, rund­li­ches Ehe­paar aus Ber­lin, das immerzu lachte; das sah mir wohl­ge­nährt und spieß­bür­ger­lich genug aus, in Thü­rin­ger Som­mer­fri­schen genau Bescheid zu wis­sen.

Aber sie wußten’s nicht; »wir gehen ja zu Fuß nach Kis­sin­gen!« sag­ten sie und lach­ten hell auf. Ein Witz also, aber was steckte dahin­ter? »Zu Fuß nach Kis­sin­gen«, wie­der­hol­ten sie, und erst, nach­dem sie sich Trä­nen über die Backen gelacht hat­ten, kam die Auf­klä­rung: sie hat­ten bei einem Herrn Fuß in Kis­sin­gen Zim­mer gemie­tet. In einer Ecke saß ein düs­ter drein­schau­en­der Herr mit einer Akten­mappe; er lachte nicht, sagte aber her­ab­las­send: »Die­ses ist ein guter Witz!« und fragte auch, was ich zu wis­sen wünschte. »Der ›Weiße Hirsch‹ ist nicht voll!« ver­si­cherte er dann. Woher er dies wisse? »Die­ses weiß jeder­mann.« Diese Bestimmt­heit des Aus­drucks und die unge­meine Würde fiel mir auf; das war kein Rich­ter oder Rechts­an­walt, son­dern viel­leicht sogar ein Gerichts­voll­zie­her. Und dem war auch so.

Karl Emil Franzos – Im Schwarzatal

»Jeder Thü­rin­ger Wirts­sohn muß, eh er das väter­li­che Geschäft über­nimmt, ein Jahr im Schwarz­wald, zwei am Rhein und drei in der Schweiz Kell­ner sein.«

Karl Emil Fran­zos
Geset­zes­ent­wurf auf dem Jahre 1903

 

 

Mein Schick­sal auf die­ser Reise bleibt immer das­selbe; ich komme stets an einen andern Ort, als ich geplant habe. Weil ich von Wit­ten­berg nach Ober­hof wollte, saß ich eine Woche in Erfurt fest und bin nun eben­so­lang in Schwarz­burg. Natür­lich schüttle ich dar­über selbst den Kopf, lasse ihn aber nicht hän­gen. Denn das müßte schon ein arger Ort sein, der mir in mei­ner Rei­selaune nicht für einige Tage als der schönste der Welt erschiene. Jetzt ist mir Schwarz­burg die­ser schönste Ort.

Gustav Freytag – »Siebleben«

Meine unsi­chere Gesund­heit, die sich nach 1848 in der Stadt­luft von Leip­zig nicht kräf­ti­gen wollte, hatte den Arzt ver­an­lasst, für den Som­mer Land­auf­ent­halt zu emp­feh­len. Im Jahre 1851 erwarb ich des­halb ein Land­haus mit Gar­ten zu Sieb­le­ben bei Gotha. Das alt­frän­ki­sche Haus, gerade für einen beschei­de­nen Haus­halt aus­rei­chend, war im Anfange des Jahr­hun­derts von dem Minis­ter Gothas, Syl­vius von Fran­ken­berg, ein­ge­rich­tet wor­den, es hatte damals oft die Gäste von Wei­mar: Karl August, Goe­the und Voigt auf ihren Fahr­ten nach Eisen­ach beher­bergt und war in ihrem Kreise unter dem Namen »die gute Schmiede« wohl beleum­det gewe­sen. Jetzt stand der kleine alte Bau, nach man­chem Wech­sel der Besit­zer, als ein Zeug­nis, wie enge, anspruchs­los und doch behag­lich ein frü­he­res Geschlecht gehaust hatte. Ich fühlte mich in dem Besitz sehr wohl und sie­delte jedes Früh­jahr gern dort­hin über. Die hei­tere Ruhe för­derte mir auch die lite­ra­ri­sche Tätig­keit, dort ist bei wei­tem der größte Teil mei­ner grö­ße­ren Arbei­ten aus­ge­son­nen.

Seit­dem ver­lief mein Leben, wie das unse­rer alten Hei­den­göt­ter, zwei­ge­teilt zwi­schen Som­mer und Win­ter; so oft der Früh­ling kam, die Obst­bäume blüh­ten, Fink und Star ihre Stimm­chen erho­ben, zog ich hin aus ins freie Land, dort pflanzte ich Blu­men, beob­ach­tete meine alten Lieb­linge die Kür­bisse, sprach mit mei­nen Dorf­leu­ten kluge Worte und schrieb an mei­nen Büchern; genoss den Zuspruch wer­ter Män­ner aus der Nähe und Ferne, ver­kehrte auch artig nach Hof­brauch mit Fürs­ten und hohen Her­ren. Wenn aber der Win­ter­sturm über die kah­len Fel­der fegte, fuhr ich mit der Hel­den­schar mei­ner Phan­ta­sie­ge­stal­ten nach der Stadt zurück, wurde Jour­na­list und hauste, von mei­nen Arti­keln, den Raben, umflat­tert, im Schat­ten der Bücher­schränke. Dort freute ich mich an dem Haus­ver­kehr mit ver­trau­ten Män­nern der Stadt, die auf den Bän­ken der Wis­sen­schaft lager­ten oder im Rat­stuhle und im Comp­toir saßen. Im Win­ter sam­melte ich ein, was ich im Som­mer aus­gab.

In der Stille des Dor­fes, unter dem Blät­ter­dach alter Lin­den kam im Jahr 1852 wie­der die Freude an eige­ner Erfin­dung. Ich war unter das Völk­lein der Jour­na­lis­ten gera­ten und trug im Her­zen die Bil­der vie­ler när­ri­scher Käuze, die ich ken­nen gelernt. Da machte es sich wie von selbst, dass ich dies Stück Welt, in wel­chem ich mit Beha­gen ver­kehrte, für mein altes Hand­werk in Anspruch nahm. Die Vor­bil­der für die klei­nen Typen der Cha­rak­tere fand ich über­all in mei­ner Umge­bung, auch die Hand­lung: Wahl eines Abge­ord­ne­ten, an wel­cher meine Jour­na­lis­ten sich zu betei­li­gen hat­ten, lag sehr nahe. Ich schrieb das Lust­spiel »Die Jour­na­lis­ten« in den drei Som­mer­mo­na­ten nie­der. Nie ist mir ein Plan so schnell fer­tig gewor­den als die­ser, auch bei der Arbeit emp­fand ich mit Befrie­di­gung, dass die vor Jah­ren erwor­bene Sicher­heit im sze­ni­schen Aus­druck unver­min­dert war. Als ich das fer­tige Stück im Herbst nach Leip­zig brachte, meinte ich, mein Genosse Schmidt müsste, nächst mei­ner Haus­frau, der erste sein, wel­cher ein Urteil dar­über aus­zu­spre­chen hatte, ich trug es dem Über­rasch­ten zu und hatte die Genug­tu­ung, dass er damit ein­ver­stan­den war.

Joachim Ringelnatz – Eisenach

Mit Eich­hörn­chen traf ich mich in Nort­heim. Wir genos­sen frei­heits­gol­dene Aus­flüge und sahen in Han­no­versch-Mün­den Haupt­manns »Fuhr­mann Hen­schel«, von einer Wan­der­truppe her­vor­ra­gend gespielt.

Wo Werra sich und Fulda küs­sen, da gab es einen guten Klang.

Dann fuhr ich nach Eisen­ach, lernte Tim­mis tap­fere Mut­ter ken­nen und hörte sie auch ein­mal eine Skizze von mir in einem Pen­sio­nat vor­le­sen.

Ich besuchte Frau Dora Kurs. Die lei­tete ein Pen­sio­nat, darin sie junge Mäd­chen zu Sprach­leh­re­rin­nen aus­bil­dete. In gewis­sen Fächern unter­stützte sie ein Pro­fes­sor Schill, der mehr­mals in der Woche aus der Salz­mann­schen Erzie­hungs­an­stalt Schnep­fen­thal her­über­kam und mit­un­ter zwei hüb­sche Töch­ter mit­brachte.

Das Haus in der Burg­straße, eine kleine Villa, stand auf schrä­gem Gelände am Fuße der Wart­burg. Frau Dora Kurs war eine erfah­rene, lebens­lus­tige Dame. Sie besaß orga­ni­sa­to­ri­sches Talent, zähe Ener­gie und eine ver­blüf­fende Über­re­dungs­kraft, war etwa von dem Typus der Kathi Kobus. Ihre Welt­an­schau­ung war eine freiere, als man sie sonst bei Vor­ste­he­rin­nen fin­det. Dadurch hat­ten die Schü­le­rin­nen, die jedes Jahr wech­sel­ten, ein unge­zwun­ge­ne­res, moder­nes Leben. Frau Kurs ver­langte dafür – unaus­ge­spro­chen –, dass die Mäd­chen alles Erle­ben mit ihr teil­ten. Sie wollte sogar über Fami­li­en­ver­hält­nisse und am liebs­ten auch über Lie­bes­ge­schich­ten ori­en­tiert sein. Da sie das allzu indis­kret betrieb, behiel­ten die Schü­le­rin­nen doch ihre letz­ten Geheim­nisse für sich.

Mich hatte Frau Kurs ein­mal als Gast im »Simpl« in Mün­chen ins Herz geschlos­sen. Dar­aus hatte sich ein Brief­wech­sel erge­ben, und nun war ich bei ihr zu Gast. Sie hatte künst­le­ri­schen Stil, künst­le­ri­schen Schwung, künst­le­ri­sche Begeis­te­rung und künst­le­ri­schen Unter­neh­mungs­geist. Ganz lang­sam erst merkte ich, dass alles ein lite­ra­ri­sches Geba­ren von Ein­bil­dung, ein unna­tür­li­cher Selbst­be­trug, ein Bluff war.

Die Her­zen der Mäd­chen gewann ich im Husa­ren­sturm, ein­fach, weil ich ein Mann, der ein­zige Mann im Hause, zudem über­mü­tig lus­tig war und mit mei­nen Toll­hei­ten die Tra­di­tio­nen und Schran­ken, die es selbst­ver­ständ­lich auch dort gab, frech durch­brach. Als ich ein­mal dem Lite­ra­tur­un­ter­richt bei­wohnte, warf ich die Frage auf, ob den Damen das ernste schöne Gedicht von Goe­the bekannt wäre, worin das Wort Rin­der­brust vor­käme.

 

An den Mond

Fül­lest wie­der Busch und Tal …

Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß ver­schließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,
Was von Men­schen nicht gewußt
Oder nicht bedacht,
Durch das Laby
Rin­der­brust
Wan­delt in der Nacht.

 

Damit rief ich Geläch­ter der Schü­le­rin­nen und Empö­rung der Leh­re­rin her­vor.

Als Frau Kurs ein­mal ver­reist war, bestellte ich die ganze Mäd­chen­bande in mein Stamm­lo­kal »Zum Roden­stei­ner«. Ich setzte ihnen Wein vor, und sie san­gen zur Gitarre und gaben sich so anspruchs­los froh, wie es Eisen­acher Pen­si­ons­kin­dern ver­bo­ten war.

Aber Frau Kurs war eine ver­söhn­li­che Natur und wirk­lich groß­zü­gig. Da ich zudem für einen Novel­len­band »Ein jeder lebt’s« von Albert Lan­gen einige hun­dert Mark Vor­schuss erhal­ten hatte, so jubi­lier­ten wir alle. Dort und auf Spa­zier­gän­gen zur Wart­burg und in die wei­tere Umge­bung. Frau Kurs war, soweit sie konnte, sehr gast­frei zu mir. Peku­niär hatte sie sel­ber schwer zu kämp­fen.

Ich muss übri­gens die Bemer­kung über mein Husa­ren­glück bei den Schü­le­rin­nen doch ein­schrän­ken. Da war z.B. ein Mäd­chen, das mich am meis­ten inter­es­sierte: Daisy, ein schö­nes, apar­tes Reh­fi­gür­chen mit anschei­nend les­bi­schen Ver­an­la­gun­gen. Die aber mochte mich gar nicht lei­den.

Doch mit einem ande­ren Mäd­chen kam ich nett zusam­men. Sie war sehr kurz­sich­tig und trug ein schwar­zes Sam­met­kleid. Des­halb taufte ich sie Maul­wurf. Wenn sie mir Beet­ho­ven vor­spielte, musste sie sich tief über die Tas­ten beu­gen. Wir ver­ab­re­de­ten uns heim­lich, gestan­den ein­an­der im Thü­rin­ger Wald unsere Zunei­gung und erzähl­ten unsere Schick­sale. Maul­wurf war die ein­zige Toch­ter einer Bäue­rin, die einen Loko­mo­tiv­füh­rer zum Manne hatte, ein Häus­chen in Lud­wigs­ha­fen am Rhein und ein klei­nes erspar­tes Ver­mö­gen besaß. Die Mut­ter sollte streng, schlau und prak­tisch, der Vater lieb und lus­tig sein.

Maul­wurf und ich trie­ben Geheim­nisse und ver­lieb­ten Ulk. Sie stickte ein Band für meine Man­do­line, ein blaues Band mit einem Maul­wurf dar­auf. Am 15. Mai 1913 vor­mit­tags ver­lob­ten wir uns am Fuße der Wart­burg. Ich wollte nach Lud­wigs­ha­fen fah­ren, um bei den Eltern um ihre Hand anzu­hal­ten. Das war etwas ganz Neues und schon des­halb Locken­des für mich. Wir mein­ten, Frau Kurs würde sich sehr über unser Bünd­nis freuen und woll­ten sie und die Mäd­chen mit­tags bei Tisch damit über­ra­schen, dass wir auf ein Stich­wort hin uns plötz­lich per »Du« anre­de­ten. Als das nun geschah und wir uns danach als ver­lobt vor­stell­ten, geriet Frau Kurs zunächst außer sich vor Empö­rung. Sie nahm es sehr übel, dass wir ohne ihr Wis­sen und Zutun ein­an­der gefun­den hat­ten. Es gab keine grö­ßere Freude für sie, als zwei Men­schen zusam­men­zu­brin­gen, aber es musste durch ihre Ver­mitt­lung gesche­hen. Den­noch war Frau Kurs bald wie­der ver­söhnt und unter­stützte nun sogar eif­rig und teil­nahms­voll unser Vor­ha­ben. Maul­wurf schrieb einen Geständ­nis­brief an die Eltern, und ich reiste einen Tag hin­ter dem Brief nach Lud­wigs­ha­fen mit den rosi­gen Gefüh­len eines Braut­wer­bers, außer­dem mit unter­neh­mungs­lus­ti­ger Neu­gier.

Ich stellte mich dem Loko­mo­tiv­füh­rer und sei­ner Frau vor und hielt um Maul­wurfs Hand an. Ich sagte, dass ich kei­ner­lei Geld besäße, noch zu erben oder zu erwar­ten hätte; dass ich nicht ein­mal ver­spre­chen könnte, in abseh­ba­rer Zeit Geld zu ver­die­nen, dass ich aber die Toch­ter liebte. Die Ant­wort war zwi­schen den Eltern schon vor mei­ner Ankunft aus­ge­wo­gen und aus­ge­strit­ten. Nein! Das ginge unter sol­chen Umstän­den lei­der nicht.

Ich nahm Abschied von der sach­li­chen Bäue­rin. Der Vater gab mir das Geleit. Wir kehr­ten in einem Wirts­haus ein, tran­ken neuen Pfäl­zer Wein und rede­ten über Loko­mo­ti­ven, Kes­sel­ex­plo­sio­nen usw. Dann spra­chen wir wie­der von Maul­würf­chen, und der Vater bedau­erte außer­or­dent­lich, dass er mir einen Korb geben müsste. Wir schüt­tel­ten ein­an­der immer wie­der die Hände, tran­ken wei­ter neuen Pfäl­zer Wein und wein­ten zuletzt beide in einer simp­len Har­mo­nie und in Liebe zu Maul­würf­chen. Vom Zug aus winkte ich dann dem bra­ven, schlich­ten Manne noch lange zu.

War nun auch zwi­schen Maul­wurf und mir keine Ver­lo­bung zustande gekom­men, so blie­ben uns doch Erin­ne­run­gen an ein trau­li­ches Ver­liebt­sein und eine Pho­to­gra­phie, die uns beide zeigt, wie wir hoch zu Esel zur Wart­burg empor­rei­ten. Außer­dem wur­den wir fürs ganze Leben Freunde.

Ich lernte den Burg­kom­man­dan­ten der Wart­burg ken­nen, einen Herrn von Cra­nach, fer­ner einen Arzt in Eisen­ach, Dr. Höpf­ner. Der war Psy­cho­the­ra­peut in einer berühm­ten Heil­an­stalt. Aber mir schien, als befasse er sich lie­ber mit Kunst und Lite­ra­tur. In einer bur­schi­ko­sen, schwär­men­den Freund­schaft saßen wir man­che Stunde bei­sam­men, aßen Her­oboh­nen und tran­ken Doorn­kaat dazu. Mit künst­le­ri­schen Gesprä­chen. Dazwi­schen lud ich wie­der ein­mal Maul­wurf oder Frau Kurs oder andere Mäd­chen in die »Süße Ecke« ein oder in andere Kon­di­to­reien, bis mein Hono­rar für »Ein jeder lebt’s« dahin war. Auch nach Wal­ters­hau­sen war ich gekom­men und hatte den Thü­rin­ger Wan­der­dich­ter Tri­nius besucht. Der kannte mei­nen Vater, besaß ein blon­des Teu­fel­chen von Toch­ter und einen tau­ben Wach­hund.

Nun kam eine Ver­ab­re­dung zustande, dass ich einige Monate lang auf der Burg Lau­en­stein bei freier Sta­tion ver­brin­gen durfte, dafür die Biblio­thek des Burg­herrn Dr. Meß­mer ord­nen und den Frem­den­füh­rer Höde gele­gent­lich bei Rund­füh­run­gen unter­stüt­zen sollte. Es war wohl mehr auf diese Füh­run­gen abge­se­hen, denn in der Biblio­thek fand ich höchs­tens fünf Bücher vor. Ehe ich von Eisen­ach abreiste, hatte ich noch die Flinte von Schö­naich-Caro­lath ver­setzt.

Ausschreibung eines Stipendiums für Künstler*innen im ländlichen Raum

Die SV Spar­kas­sen­Ver­si­che­rung und die Spar­kas­sen-Kul­tur­stif­tung Hes­sen-Thü­rin­gen schrei­ben zusam­men mit der Stif­tung der Spar­kasse Alten­bur­ger Land, der Kreis­spar­kasse Nord­hau­sen und der Wart­burg-Spar­kasse ein Sti­pen­dium für Künstler*innen im länd­li­chen Raum aus. Die Ver­bund­part­ner möch­ten mit die­ser Aus­schrei­bung die Ver­net­zung der Kul­tur fern der gro­ßen Stadt­zen­tren stär­ken und dort anset­zen, wo Krea­tive und Kul­tur­schaf­fende eben­falls leben und arbei­ten.

Das Sti­pen­dium bie­tet die Mög­lich­keit, im Spät­som­mer 2019 in einem der drei Thü­rin­ger Orte:

  • Aule­ben (Kreis Nord­hau­sen),
  • Löb­ichau (Kreis Alten­bur­ger Land) oder
  • Scherbda (Wart­burg­kreis)

zu arbei­ten und ein orts­be­zo­ge­nes Pro­jekt umzu­set­zen. Für jede der drei Gemein­den steht jeweils ein zwei­mo­na­ti­ges Sti­pen­dium zur Ver­fü­gung. Einen Ein­druck zu den Städ­ten erhal­ten Sie hier:

Das Sti­pen­dium rich­tet sich an Kul­tur­schaf­fende aus den Berei­chen

  • Bil­dende Kunst (alle Gat­tun­gen und Gen­res) und
  • Lite­ra­tur

Obli­ga­to­ri­scher Bestand­teil der Bewer­bung ist ein Kon­zept, das

  • ein in dem jewei­li­gen Ort zu rea­li­sie­ren­des Pro­jekt beinhal­tet und
  • im bes­ten Fall einen Bezug zum Ort vor­weist.

Dabei ist es wün­schens­wert, wenn eine Ein­bin­dung der dort ansäs­si­gen Einwohner*innen bzw. Insti­tu­tio­nen erfolgt.

Sti­pen­dium:

  • Das Sti­pen­dium ist mit 1.500,00 € monat­li­cher Auf­wands­ent­schä­di­gung dotiert.
  • Für den acht­wö­chi­gen Auf­ent­halt wird Ihnen eine kos­ten­freie Woh­nung gestellt.
  • Dar­über hin­aus steht ein klei­nes Mate­ri­al­bud­get zur Ver­fü­gung.

Rah­men­be­din­gun­gen

Die Bewer­bun­gen wer­den aus­schließ­lich auf Grund der per Mail ein­ge­reich­ten Unter­la­gen beur­teilt.

Über die gefor­der­ten Unter­la­gen hin­aus­ge­hende Zusen­dun­gen kön­nen nicht berück­sich­tigt wer­den.

  • Die Ent­schei­dung wird am 20. Mai 2019 bekannt gege­ben. Die Bewer­be­rin­nen und Bewer­ber wer­den per Email oder per Post über das Ergeb­nis des Aus­wahl­ver­fah­rens benach­rich­tigt. Die aus­ge­wählte Sti­pen­dia­tin bzw. der Sti­pen­diat wird auf der Home­page der betei­lig­ten Auslober*innen bekannt gege­ben.
  • Die ein­ge­reich­ten Unter­la­gen sowie die per­sön­li­chen Daten wer­den aus­schließ­lich zur Sti­pen­di­en­ver­gabe ver­wen­det und Drit­ten nicht zugäng­lich gemacht.
  • Durch die Teil­nahme und die Ein­rei­chung von Unter­la­gen lei­ten sich kei­ner­lei Ansprü­che gegen­über den Auslober*innen ab.
  • Die Stipendiat*innen infor­mie­ren die betei­lig­ten Auslober*innen bei unvor­her­ge­se­he­nen inhalt­li­chen oder orga­ni­sa­to­ri­schen Ände­run­gen.
  • Die Stipendiat*innen stel­len den Auslober*innen unent­gelt­lich repro­duk­ti­ons­fä­hi­ges Bild­ma­te­rial für die werb­li­che Dar­stel­lung zur Ver­fü­gung.

 

Bewer­bung:

Bitte rich­ten Sie Ihre Bewer­bung in nur einer Datei als PDF (max. 10 MB) aus­schließ­lich per Email an:

  • Raphael Schä­fer
    Spar­kas­sen-Kul­tur­stif­tung Hes­sen-Thü­rin­gen
    Email: raphael.schaefer@sgvht.de

Bei Rück­fra­gen sehen Sie bitte von tele­fo­ni­schen Anfra­gen ab und sen­den Sie bitte eben­falls aus­nahms­los eine Email.

 

Bewer­bungs­un­ter­la­gen:

(Bitte unter­tei­len Sie Ihre Bewer­bung nach fol­gen­den Punk­ten, die Punkte 8 und 9 sind beson­ders wich­tig)

  1. Vor- und Zuname
  2. Wohn­adresse
  3. Geburts­da­tum und Geburts­ort
  4. Tele­fon, Mail­adresse, Web­site (sofern vor­han­den)
  5. Kon­to­da­ten
  6. Künst­le­ri­scher Wer­de­gang (max. eine A4-Seite)
  7. Titel des Arbeits­vor­ha­bens, max. 80 Zei­chen.
  8. Moti­va­ti­ons­schrei­ben mit Orts­be­zug (max. eine A4-Seite)
  9. Projektidee/Arbeitsvorhaben und Beschrei­bung des umzu­set­zen­den Arbeits­kon­zep­tes
  10. Illus­tra­tion oder Aus­wahl eige­ner künst­le­ri­scher Arbei­ten (Kata­log, Lese­probe oder Musik-CD; bitte aus­schließ­lich digi­tal oder nach Rück­spra­che 7-fach per Post).

 

Bemer­kun­gen:

  • Zum Zeit­punkt der Bewer­bung soll­ten Sie das 35. Lebens­jahr nicht über­schrit­ten und Ihren Wohn­sitz in Deutsch­land haben.
  • Bewer­bungs­schluss ist der 1.5.2019.

Palmbaum – Literarisches Journal aus Thüringen 1–2019

Editorial

 

Las­sen Sie mich mit einem Geständ­nis begin­nen: Wir haben tat­säch­lich gehofft, mit dem Avant­garde-Heft ein­mal in ein Wes­pen­nest zu sto­ßen. Wir hof­fen natür­lich immer auf Ihren Wider­spruch, geneigte Leser­schaft. Wer­fen Sie uns die Hefte an den Kopf, schreien Sie uns an, machen Sie sich bemerk­bar! Da haben wir nun all die hei­li­gen Glit­zer­worte unse­rer Zeit abge­klopft: »Moderne«, »Avant­garde« – all diese Wun­der­ker­zen auf den Sonn­tags­tor­ten unse­rer fei­er­wü­ti­gen Zeit. Doch gestört hat‘s keinen,nicht ein­mal der zor­nig ver­zwei­felte Rund­um­schlag einer Nancy Hün­ger, die über­all nur »Ablass­li­te­ra­tur« auf den Bücher­ti­schen fin­det, Ersatz­be­frie­di­gun­gen für das gras­sie­rende Unter­hal­tungs­be­dürf­nis der Gebül­de­ten …  Offen­bar haben wir den Schmerz­punkt unse­rer fröh­li­chen Gegen­wart noch nicht getrof­fen. Viel­leicht gelingt es mit dem Bau­haus-Heft, das die Frage nach Mög­lich­keit und Gren­zen von Avant­gar­den am kon­kre­ten Mate­rial der vor 100 Jah­ren in Wei­mar gegrün­de­ten Reform­schule durch­spielt. Und hier gleich das zweite Geständ­nis: Kein Heft war so schwer mit Inhalt zu fül­len, wie die­ses. Denn alles scheint über das Bau­haus gesagt und geschrie­ben zu sein. Also fra­gen wir: wie stand es um das Sagen und Schrei­ben am Bau­haus selbst, wel­che Rolle spiel­ten Spra­che und Lite­ra­tur, das Wort und die Dicht­kunst an einer Schule, die das Hand­werk, die Grund­ge­setze des Bau­ens leh­ren wollte? Und wie reagierte die Dichter­stadt Wei­mar dar­auf?

Dass wir über das Titel­thema die ande­ren Rubri­ken nicht ver­nach­läs­si­gen, zeigt ein star­ker Lyrik-Block, der dies­mal u.a. einen Sonett­kranz von Tho­mas Rack­witz und eine »bud­dhis­ti­sche Phan­ta­sie« von Joa­chim Wer­ne­burg ent­hält. Unter Essay brin­gen wir einen Gruß von Hans-Die­ter Schütt an Wulf Kirs­ten und einen lan­gen Auf­satz von Wil­helm Bartsch über die lite­ra­ri­schen Tie­fen­boh­rer Hil­big und Nova­lis. Ing­mar Wer­ne­burg geht dem Goe­the-Erbe bei Ernst Haeckel nach und Mat­thias Bis­ku­pek zeigt, in wel­che Nöte ein Autor gera­ten kann, wenn ein Leser ihn auf seine Worte fest­na­gelt. Für den Palm­baum-Ein­band konn­ten wir Hans Ticha gewin­nen, einen der pro­duk­tivs­ten Erben des Bau­hau­ses.

Übri­gens grei­fen wir mit dem nächs­ten Heft ein Teil­thema des vor­lie­gen­den noch ein­mal auf: Sah das Bau­haus in den Osten, so neh­men wir den 200. »Geburts­tag« von Goe­thes West-öst­li­chem Divan zum Anlass, die wech­sel­sei­tige Berei­che­rung von West und Ost bis nach Indien und China in der Lite­ra­tur zu erkun­den.

Jens-F. Dwars

Das Heft erscheint am 21. März 2019.

Jens Kirsten / Christoph Schmitz-Scholemann (Hg.) – »Thüringer Anthologie – eine poetische Reise«

Gele­sen von Ulrich Kauf­mann

 

Die »Thüringer Anthologie« – Eine poetische Landeskunde

 

Zwi­schen 2014 und 2017 hat die Tages­zei­tung »Thü­rin­ger All­ge­meine« jeden Sams­tag, Woche für Woche, ein Gedicht mit Thü­rin­gen-Bezug abge­druckt. Es waren152 lyri­sche Texte, die von 100 »Rezen­sen­ten« auf engs­tem Raum kom­men­tiert wur­den. Dass dies Dich­ter und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler taten, ist kaum ver­wun­der­lich. Aber dass ein Bischof, ein Ober­bür­ger­meis­ter, ein Thea­ter­in­ten­dant, der Theo­loge Fried­rich Schor­lem­mer, die frü­here Minis­ter­prä­si­den­tin Chris­tine Lie­ber­knecht und der Bun­des­be­auf­tragte für die Stasi-Unter­la­gen Roland Jahn und andere sich zu lyri­schen Tex­ten äußer­ten, ist so all­täg­lich nicht.

Es ist her­vor­zu­he­ben, dass es eine regio­nale Zei­tung war, die sich eines sol­chen Unter­fan­gens annahm. Die FAZ hat als große deut­sche Tages­zei­tung – zu Zei­ten des »Lite­ra­tur­paps­tes« Mar­cel Reich-Rani­ckis – die »Frank­fur­ter Antho­lo­gie« ins Leben geru­fen, die in etli­chen Bän­den doku­men­tiert ist. Die­ser Groß­ver­such hat gewiss für die »Thü­rin­ger Antho­lo­gie« Pate gestan­den. Die Her­aus­ge­ber haben zunächst nicht gewusst, dass die­ses Pro­jekt in ein Buch mün­den würde.

Kurzum, es liegt ein veri­ta­bler Band mit 390 Sei­ten vor, der deut­sche Gedichte vom Hoch­mit­tel­al­ter bis zu Gegen­wart prä­sen­tiert. Allein der Abdruck der lyri­schen Texte wäre ein ver­dienst­vol­ler Bei­trag zur poe­ti­schen Lan­des­kunde Thü­rin­gens gewe­sen. Es ist bekannt, dass wenige Men­schen Lyrik lesen. Und so baten die Her­aus­ge­ber Jens Kirs­ten und Chris­toph-Schmitz-Schole­mann die Kom­men­ta­to­ren als Brü­cken­bauer zu fun­gie­ren. Dahin­ter stand die Idee, zunächst den Zei­tungs­le­sern und nun­mehr den Leh­rern, Schü­lern und ande­ren poten­ti­el­len Lesern mög­li­che und freud­volle Zugänge  zu den Gedich­ten zu schaf­fen.

Die Antho­lo­gie bie­tet eine breite Palette lyri­scher Mög­lich­kei­ten an: Min­ne­lie­der, poli­ti­sche Gedichte, Land­schafts­ge­dichte, phi­lo­so­phi­sche Gedichte, ero­ti­sche und fri­vole Lyrik, Oster- und Weih­nachts­ge­dichte, das Trin­ker-Gedicht eines anony­men rus­si­schen Stu­den­ten (1858) und man­ches mehr.

Ein Bei­spiel kann für das gesamte Anlie­gen des Buches ste­hen: Mit acht kom­men­tie­ren­den Tex­ten geht der vier­und­acht­zig­jäh­rige Wulf Kirs­ten, Nes­tor der Thü­rin­ger Lite­ra­tur, voran. Kirs­ten, ein Land­schaf­ter von natio­na­lem Rang, ist glei­cher­ma­ßen Essay­ist und Her­aus­ge­ber. Er kann aus dem Vol­len schöp­fen, da er bereits zwei Thü­rin­gen-Antho­lo­gien vor­zu­wei­sen hat.  Auch ein Lyrik­ken­ner wird nicht alle Dich­ter ken­nen, die der Wei­ma­rer Poet aus­wählte: Inge­borg Stein, Rein­hard Preuß, August Thieme, Ste­phan August Win­kel­mann, Heinz Win­fried Sabais, Georg Wil­helm Schmidt von Lübeck, Wal­ter Bähr sowie Karl Schnog. Kirs­ten, von dem in der Antho­lo­gie zwei Texte vor­ge­stellt wer­den, hat als Lyri­ker und bele­se­ner Lek­tor den dop­pel­ten Blick. Mit weni­gen Stri­chen lässt er ein Poe­ten-Por­trät ent­ste­hen, das Zugänge zum jewei­li­gen Text anbie­tet. Im Band erhält Wulf Kirs­ten ein Wid­mungs­ge­dicht (»Eine Fahrt nach Wei­mar«), wel­ches ihm der süd­ko­rea­ni­sche Dich­ter KIM Kwang- Kyu zum 80. Geburts­tag schenkte.

Durch geschmack­voll ein­ge­fügte Schwarz-Weiss-Fotos mit Thü­rin­ger Moti­ven wird die Publi­ka­tion berei­chert. Hin­ge­gen fiel das Cover etwas fade aus. Das Per­so­nen­re­gis­ter wäre noch hand­hab­ba­rer gewe­sen, wenn man ver­merkt hätte, auf wel­cher Seite die Texte der Bei­trä­ger jeweils zu fin­den sind. Dies gilt umso mehr, als sich das (schön gesetzte) Inhalts­ver­zeich­nis  über neun (!) Sei­ten erstreckt und die Gedichte nicht chro­no­lo­gisch ange­ord­net wur­den. Das hier vor­ge­stellte Pro­jekt ver­dient – mit oder ohne Tages­zei­tung – einen II. Band!

 

  • Thü­rin­ger Antho­lo­gie –Eine poe­ti­sche Reise. Her­aus­ge­ge­ben von Jens Kirs­ten und Chris­toph Schmitz-Schole­mann. Wei­ma­rer Ver­lags­ge­sell­schaft in der Ver­lags­gruppe Römer­weg GmbH 2018. ISBN 978–3-7374–0272-2.  390 Seiten,18 Euro.

Joseph Roth – »Sporengeklirr im ›Russischen Hof‹«

Man muss ganz Deutsch­land ken­nen, ein Stück ist gefähr­lich. Es ist die Geschichte vom Baume, des­sen Blät­ter und Früchte wech­sel­sei­ti­ges Gegen­gift sind.

… Bediente, die kei­nen Herrn haben, sind darum doch keine freien Men­schen … die Dienst­bar­keit ist in ihrer Seele.

Hein­rich Heine, »Ein­fälle«

 

Nun dan­ket alle Seeckt! Wenn es ohne den Herrn doch nicht geht. Das Gegen­gift aber hat seine Wirk­sam­keit ver­lo­ren, die Blät­ter sind ver­dorrt, die Früchte bit­ter, der Baum bis zur Wur­zel ange­fault … nein: Will man die ver­schie­de­nen Stü­cke zu einem rich­ti­gen Gan­zen fügen, so soll man sich kei­nes­wegs allzu gründ­lich in die Betrach­tung der Einzelhei­ten ver­sen­ken und lie­ber ihrer mög­lichst viele zusammentra­gen, damit man erkenne, wie gleich sie sich sind, wie hoff­nungslos ein­för­mig das Ant­litz des Deutsch­land von heute ist. Der ober­fläch­li­che erste Ein­druck ist schon der rich­tige. Lei­der.

In Wei­mar kam ich des Abends an. Das Städt­chen, in dicke, warme Schnee­pols­ter gebet­tet, schlief fest und traum­los. Schlit­ten­ge­läut, einige Lie­bes­pär­chen, die weder für das Goe­the-Haus noch für die Fürs­ten­gruft Inter­esse haben und eiligst eng ver­schlun­gen in die Fins­ter­nis der Sei­ten­gäss­chen bie­gen. ein Idyll aus guter, alter Zeit. Man freut sich, die schlim­men Ahnun­gen nicht bestä­tigt zu sehen und ein so fried­li­ches Bild vor­zu­fin­den, tritt des Genus­ses eines Schnit­zels begie­rig in das Hotel »Rus­si­scher Hof«, macht ahnungs­los die Tür in den Spei­se­saal auf und – prallt ent­setzt zurück. Denn ganz unver­mu­tet ist man da in das Offi­ziers­ka­sino des kai­ser­li­chen Armee­kom­man­dos gera­ten: Lau­ter Orden und Spo­ren­ge­klirr und Hab­tacht­stel­lung … es wird einem ganz schwarz vor den Augen.

Aber dann nimmt man sich doch ein Herz und wagt es, sich als lum­pi­ger Zivi­list an einen ent­fernten Tisch des Saa­les zu set­zen, und darf Zeuge sein, wie hier die alte Herr­lich­keit in ihrer gan­zen Blüte auf­er­steht. Nein, das muss man gese­hen haben. Ich konnte und konnte es nicht fas­sen, dass wir tat­säch­lich 1924 schrei­ben und dass es doch fünf Jahre her sind … und über­haupt … Ich fuhr mir ein–, zwei­mal über die Stirn, um ganz sicher zu sein, dass mich nicht ein Traum äffte. Doch da zele­brier­ten die Her­ren drü­ben mit unnach­ahm­li­cher Würde »kame­rad­schaft­li­che Un­terhaltung«; Mon­okel blitz­ten, man stand stramm und pro­stete sich zu und tauschte poli­ti­sche Mei­nun­gen aus … : Ich brauchte gar nicht näher die ein­zel­nen Gesich­ter zu betrach­ten und hatte doch die unum­stöß­li­che Gewiss­heit gewon­nen, dass alles wahr ist, was in Thü­rin­gen geklagt wird, und dass es noch viel, viel ärger sein muss. Dann flüch­tete ich. Aber drau­ßen lau­erte wie­der ein Reichs­wehr­sol­dat, Gewehr am Arm, und erst einige Minu­ten spä­ter erkannte ich, dass es der ver­schneite Nep­tun des Brun­nens war, der mich mit sei­nem Drei­zack so genarrt hatte. Mein Gott … die Ner­ven spü­ren noch die Wir­kungen des Stahl­ba­des, und man muss sich erst lang­sam daran gewöh­nen, dass unsere kleine Zeit wie­der groß wird.

Kathrin Groß-Striffler – »Der arme Poet. Roman«

Gele­sen von Ulrich Kauf­mann

 

»Prinz auf der Erbse«

 

Arme Poe­ten kennt die Lite­ra­tur­ge­schichte seit es Dich­tung gibt. 1812 stellt August von Kot­ze­bue einen sol­chen auf die Bühne. Jahr­zehnte spä­ter wird ein armer Dich­ter lie­be­voll- iro­nisch von Carl Spitz­weg gemalt, mit Nacht­mütze, krän­kelnd im Ses­sel. Die gestan­dene Jenaer Erzäh­le­rin Kat­rin Groß-Striff­ler, Döblin-Preis­trä­ge­rin, kennt die Här­ten, Tücken und Eitel­kei­ten des heu­ti­gen Lite­ra­tur­be­triebs genau­es­tens. Durch einen Geschlech­ter­tausch schafft sie Distanz, um gro­tesk über­stei­gert Schaf­fens­pro­bleme Schrei­ben­der am Bei­spiel eines fik­ti­ven männ­li­chen Kol­le­gen dar­zu­stel­len.

Ein Lite­ra­tur­kri­ti­ker sollte mit Autoren sorg­sam und vor­sich­tig umge­hen. Er könnte sonst – wie im vor­lie­gen­den Buch – tra­gisch enden. In Anleh­nung an Mar­tin Walsers Roman »Tod eines Kri­ti­kers« wird in der Buch­mitte detail­liert geschil­dert, wie der Schrift­stel­ler und Ich-Erzäh­ler Sven Bogner sei­nen Rezen­sen­ten bes­tia­lisch ermor­det. Grund war ein Ver­riss in der »Zeit«: »DA LACHEN DIE HÜHNER«. Ob die­ser Tat­be­stand der »Wahr­heit« ent­spricht oder nur in den Tag- und Nacht­träu­men Bogners statt­fand, möge der auf­merk­same Leser erkun­den.

Auf beson­dere Weise wurde der Titel »Der arme Poet« auf das Cover gedruckt. Das »a« im Adjek­tiv kippt nach vorn. Dies könnte auf Hei­ter-Komi­sches ver­wei­sen. Unser Prot­ago­nist hat wahr­lich viele Pro­bleme. Nach lan­ger Bedenk­zeit will er die Groß­stadt ver­las­sen und zu sei­ner Frau, die ihn im mehr­fa­chen Sinne aus­hält, in ein Kaff zie­hen. Sei­ner Schreib­krise folgt nach der Umzugs­de­pres­sion die Schreib­blo­ckade. Auch nach Fahr­ten auf die Dör­fer und in die Natur, die die Gat­tin The­resa anregte, küsst ihn die Muse nicht. Zum Schrei­ben unfä­hig, schil­dert er dem Publi­kum (das er gele­gent­lich beschimpft) münd­lich sein akti­ons­ar­mes Leben als erfolg­lo­ser Poet und lebens­un­tüch­ti­ger Haus­mann. Bogners ärm­li­ches Leben lie­fert den Stoff für die­ses »Romän­chen«, wäh­rend der Prot­ago­nist selbst über Jahre ver­ge­bens auf Stoff­su­che war. Bei den meis­ten der geschil­der­ten Aktio­nen han­delt es sich um immer fins­ter wer­dende Fan­ta­sien Bogners.

In das Kaff passt Sven Bogner nicht. Er hält sich als Intel­lek­tu­el­ler in sei­nem Loden­man­tel mit hoch­ste­hen­dem Kra­gen für etwas Bes­se­res. Immer wie­der lässt er den Ober­leh­rer raus­hän­gen, spreizt sich als »Latei­ner«, brei­tet sein lite­ra­ri­sches Wis­sen aus. Um sei­nem Geschwätz einige Tiefe zu ver­lei­hen, befragt er stets und stän­dig sein „Ety­mo­lo­gi­sches Wör­ter­buch«. Wie­der­holt stellt er sich neben Franz Kafka und Tho­mas Bern­hard, auch um sich noch deut­li­cher von jenen »Schrott­au­toren« abzu­he­ben, die das Schau­fens­ter des ein­zi­gen Buch­la­dens im Kaff »zie­ren«. Bogners jüngs­tes Buch hin­ge­gen ist dort nicht zu fin­den.

Ein Lite­ra­tur­lieb­ha­ber schätzt »seine« Autoren, ver­zeiht ihnen man­ches. Dem Ego­zen­tri­ker Bogner hin­ge­gen, der sich alter­nie­rend gewal­tig über­schätzt, um sich dann selbst über Tage zu bemit­lei­den, gilt kaum die Sym­pa­thie des Lesers. Die aus Rumä­nien stam­mende prag­ma­ti­sche und soli­da­ri­sche Frau The­resa, sein »Ehe­ge­spons«, ist wesent­lich sym­pa­thi­scher. Bogner betrach­tet seine tüch­tige Frau oft abschät­zig, auch weil sie sich angeb­lich »nur« für Man­kells Kri­mis inter­es­siere.

Es ist bemer­kens­wert, wie die Autorin die Innen­welt der Män­ner im All­ge­mei­nen und die Sven Bogners im Beson­de­ren beschreibt. In Bogners Haut zu schlüp­fen heißt, seine def­tige, obszöne und abschät­zige Spra­che zu benut­zen. Hier­bei über­tritt Groß-Striff­ler, etwa in der Mord­szene, gele­gent­lich die Gren­zen des Zumut­ba­ren.

Der Romans ver­zich­tet auf eine Ein­tei­lung in Kapi­tel, wohl um Bogners Rede­schwall nicht zu unter­bre­chen. Hei­te­res und viel Beklem­men­des erlebt der Leser abwech­selnd. Bei einem Drama würde man von einer Tra­gi­ko­mö­die spre­chen. Nicht nur hei­ter ist es, wenn Bogner, um end­lich Geld zu ver­die­nen, an der Volks­hoch­schule sei­nes Kaffs mehr als dürf­tig bezahlte Ver­an­stal­tun­gen zu Büchern Tho­mas Bern­hards anzu­bie­ten gedenkt. Die Orts­schi­cke­ria, falls sie denn liest, bevor­zugt »Schrott­li­te­ra­tur«. Viele Bür­ger in Bogners jet­zi­gem Wohn­ort beherr­schen nicht ein­mal die gram­ma­ti­schen Grund­re­geln ihrer Mut­ter­spra­che. Dies gilt auch für die üppige Eva, in die sich der Dich­ter in sei­ner Ver­zweif­lung glaubt ver­liebt zu haben. Einige der Begeg­nun­gen fin­den gar in einem para­die­si­schen Gar­ten unter Apfel­bäu­men statt.

Das Roman­co­ver nutzt ein Detail aus dem Gemälde »Schla­raf­fen­land« (1556) von Pie­ter Brueg­hel d. Ä. Diese Quelle ver­schweigt das Impres­sum. Man sieht ein auf­ge­schla­ge­nes Ei, das auf Hüh­ner­bei­nen steht. Im Buch kommt Groß-Striff­ler auf die­ses Detail zu spre­chen, auch als sie schil­dert, wie Bogner, DÖBLINPREISTRÄGER wie sie, grü­belnd-abwä­gend plant, Spie­gel­eier zu bra­ten…

Der Autorin ist ein geist­rei­cher, locker kom­po­nier­ter Roman mit einer impo­san­ten und para­bel­haf­ten Expo­si­tion gelun­gen. Diese steht im Kon­trast zu einem den Text umrah­men­den knap­pen Schluss, der noch­mals die fan­tas­ti­schen Züge des Erzähl­ten ver­deut­licht. Kat­rin Groß-Striff­lers kaum zu bän­dige Lust am Fabu­lie­ren, an der Spra­che, am Wort­witz wir­ken anste­ckend. Trotz des hei­te­ren Sujets geht es um die große Frage, wel­chen Platz her­aus­ra­gende und andere Künst­ler in unse­rer sich hek­tisch wan­deln­den Gesell­schaft haben ober haben soll­ten.

  • Kath­rin Groß-Striff­ler: Der arme Poet. Roman. Mit­tel­deut­scher Ver­lag Halle 2018, 232 Sei­ten, 18 Euro.

Poetryfilm Magazin, Ausgabe 04 – Poetryfilm als Kunst

Die neuen Aus­gabe des von der Lite­ra­ri­schen Gesell­schaft Thü­rin­gen gemein­sam mit der Bau­haus-Uni­ver­si­tät her­aus­ge­ge­be­nen Poe­try­film Maga­zins unter­sucht den künst­le­ri­schen Sta­tus des Poe­sie­films und stellt bild­künst­le­ri­sche Expe­ri­mente in den Mit­tel­punkt, die nicht pri­mär für die Kino­lein­wand ent­wi­ckelt wur­den. Dar­über hin­aus fin­det man Film­kri­ti­ken, DVD-Bespre­chun­gen, Fes­ti­val- und Werk­statt­be­richte, Inter­views u.a.m.

Das Maga­zin ist 116 Sei­ten stark und ent­hält Bei­träge von Nicho­las Ber­tini, Dave Bonta, Moritz Gause, Jane Glen­nie, Ralph Grü­ne­ber­ger, Aline Helm­cke, Kers­tin Hen­sel, Islam Kamal, Jakob Kirch­heim, Tom Kony­ves, Paloma Llam­bías, Nayeem Mah­bub, Guido Naschert, Ste­fan Peter­mann, Cathy de Haan, Ste­fa­nie Orphal, Kris­tian Peder­sen, Jörg Pirin­ger, Sarah Riet­schel, Ger­hard Rühm, Patrick Zemke, Urte Zint­ler, Isa­bel Zür­cher in deut­scher, eng­li­scher und spa­ni­scher Spra­che.

Eine gedruckte Aus­gabe kann bei der Lite­ra­ri­schen Gesell­schaft Thü­rin­gen e.V. in Wei­mar zum Preis von 10,- € bestellt wer­den.

Ulf Annel – »silbergraublau – Ein Strandbuch«

Gele­sen von Claus Cordt

 

Wenn Welle auf der Stelle sich reimt

 

Ein wich­ti­ger Mensch traf einst eine Ein­tei­lung: Hie Gedicht. Da Lyrik. Gedicht war alles, was Gedicht­form hatte und am bes­ten sich auch reimte, also Hoch­zeits­lie­der und Poe­sie­al­bum­sprü­che, Viel­stro­phi­ges und Wir­tin­nen­verse. Lyrik hin­ge­gen bekam nur dann die­sen Stem­pel, wenn es einer poe­ti­schen Idee ent­sprang. Was wie­derum eine poe­ti­sche Idee war, dar­über wis­sen auch wich­tige Men­schen bis heute nur Vages.

Ulf Annel, der Kaba­rett­mensch, muss von Berufs wegen rei­men, muss par­odie­ren und Quod­li­bets ver­fer­ti­gen kön­nen. Gele­gent­lich aber besinnt er sich auf ein gro­ßes Vor­bild: Joa­chim Rin­gel­natz. Mit des­sen Tex­ten hat er schon man­ches Pro­gramm pro­du­ziert, Vor­träge gehal­ten und in des­sen Sinne sich in Kin­der hin­ein­ver­setzt.

All­som­mer­lich ver­bringt Annel viel Zeit an der Ost­see. Da tritt er abends auf, liest und schwimmt tags­über, fin­det an einer Reim­bu­che Lyrik(!)verrückte und Gedichte(!)liebhaber. Und weil er eines Tages auf far­bige, naiv-lus­tige Bil­der der Neu­stre­lit­ze­rin Anke Fabian traf, erwach­ten in ihm poe­ti­sche Ideen. Und weil er Rin­gel­natz, den Dich­ter, der sich nach den Rin­gel­nas­sen, den See­pferd­chen nannte, ver­in­ner­licht hatte, konnte er des­sen Methode nut­zen: Wir grü­beln – zum Bei­spiel im Sand – drauf­los, einer lan­gen Zeile folgt ein kur­zes Reim­wort, die Verse schla­gen und kab­beln sich, haben Füße und Bauch, um dann eine Weile gar nicht auf­zu­tau­chen – wir sind ja am gro­ßen Meer. Dann kom­men sie plötz­lich Welle auf Welle, schaum­ge­krönt. Man muss nur hin­hö­ren: Glibber, Ekel­ge­bib­ber, Sili­kon, Wohl­fühl­si­tua­tion, irri­tiert, frit­tiert, kapiert, Sonne und Wonne – auch bie­dere Reime mischen sich ein, hin und zurück vor Glück. Dies / ist der Vor­hof zum Para­dies. Es türmt und stürmt, der Seg­ler ver­se­gelt sich und der Dich­ter ver­dich­tet sich. »Ein wun­der­schö­nes Bild./ Wär es gemalt,/ hieß es:/ So was Mie­ses! / Der Maler hat sich in Kitsch geaalt.«

Der wich­tige Mensch kann vor all dem nur ste­hen, nix sehen, nur stam­meln, sich sam­meln: Irgend­was stimmt nicht an mei­nem Welt­blick: Isses noch Gedicht oder isses schon Lyrik?

  • Ulf Annel: sil­bergrau­blau – Ein Strand­buch. Bil­der von Anke Fabian. Demm­ler Ver­lag Rib­nitz-Dam­gar­ten, 2018, 72 S., Fest­ein­band, 12,95 EUR.

»Das Ende einer Wanderung« – Nachruf auf den Schriftsteller Martin Stade von Matthias Biskupek">»Das Ende einer Wanderung« – Nachruf auf den Schriftsteller Martin Stade von Matthias Biskupek

Am 23. Mai 1998 wan­derte ein gutes Dut­zend Schrift­stel­ler von Fran­ken­hain am Thü­rin­ger Wald nach Erfurt, auf jenen 40 Kilo­me­tern, die einst der expres­sio­nis­ti­sche Dich­ter Jakob van Hod­dis (1887–1942) zurück­ge­legt hatte. Das »Wan­dern über dem Ab­grund« war ein Gang über eine unter­ir­di­sche Land­schaft, eine his­to­ri­sche Welt­kriegs­land­schaft und das sagen­um­wo­bene »Jonastal«.

Ein Schrift­stel­ler aus der Ge­gend, Mar­tin Stade, machte da­mals den Wan­der­lei­ter und Rast­platz­wart: ein Jonastal-Ken­ner. Da war er grad nach länge­ren Lebens-Wan­de­run­gen
durch das Oder­bruch, See­low und Sach­sen wie­der bei sei­nen Wur­zeln sess­haft gewor­den, in Haar­hau­sen. Sein Haus, das Im­bissquartier für das Dichterdut­zend, war damals halb­fer­tig.

Von die­sem Win­kel Thü­rin­gens war Stade einst aufgebro­chen, zunächst als FDJ-Funk­ti­o­­när und jun­ger Autor mit Dorf­geschichten, »Der him­mel­blaue Zep­pe­lin« und »Vet­ters fröhli­che Fuh­ren« hie­ßen Sammel­bände; spä­ter schrieb er histori­sche Romane, ver­suchte sich mit Kol­le­gen an einer unzen­sier­ten Antho­lo­gie, pro­tes­tierte gegen die Aus­bür­ge­rung des DDR-Lie­­der­ma­chers Wolf Bier­mann und trat schließ­lich aus dem Schrift­stellerverband der DDR aus. So konnte man ihn nicht raus­schmeißen.

Durch Zufall stieß ich bei der Suche nach Zita­ten zu Johann Sebas­tian Bach auf einen 1985 in Ham­burg erschie­ne­nen Ro­man »Der junge Bach«. Von Mar­tin Stade. Und wurde in eine Welt ver­setzt, nach Arn­stadt, je­ne Zeit ab August 1703, da Bach hier seine Stelle als Orga­nist an der Neuen Kir­che antrat. Das war so far­big und detail­reich, so urkun­den­ge­nau und doch fanta­sievoll beschrie­ben, dass ich mich glück­lich schätzte, ein Vier­tel­jahr­hun­dert nach Er­scheinen end­lich auf die­sen Ro­man gesto­ßen zu sein.

Die Arn­städ­ter kön­nen sich noch glück­li­cher schät­zen. Seit 1985 haben sie ihr Hei­mat­buch, das 1990 den Titel »Zwi­schen Schleh­dorn und Para­dies« be­kam. Andern­orts steht so etwas in den Stadt-Anna­len, ver­kün­den Stadt-Füh­rer dies an passen­den Stadt-Ecken.

Spä­tere Erzäh­lun­gen Sta­des hatte ich schon frü­her gele­sen. Dar­un­ter »Der Stein­bruch«, just dort spie­lend, wo im Mai 1998 das Autoren­dut­zend über dem Abgrund wan­derte. Die Ge­schichte führt zurück, als Stade ein drei­zehn­jäh­ri­ger Junge war und in einen jener Abgründe blickte, die zu Kriegs­ende im ein­fa­chen wie im über­tra­ge­nen Sinne sich über­all auf­ta­ten. Sein letz­tes Buch hieß bezeichnen­derweise »Vom Bernsteinzim­mer in Thü­rin­gen und ande­ren Hohl­räu­men«, 2008 im Rhino-Ver­lag erschie­nen.

In einem Kran­ken­haus zu Arn­stadt voll­endete sich am 11. Dezem­ber 2018 die­ses Schrift­stellerleben.

Rudolf Ditzen – »Gedichte«

Gele­sen von Ulrich Kauf­mann

 

Fallada als Lyriker

 

Im In- und Aus­land erlebt das Werk Hans Fal­la­das seit Jah­ren eine erstaun­li­che Renais­sance. Nun kommt er erst­mals als Lyri­ker zu Wort: Von den ca. 70 exis­tie­ren­den Gedich­ten sind 42 zu lesen. Das Heft der Lyrik­reihe erin­nert rein äußer­lich an die »Poe­sie­al­ben«, die zu DDR-Zei­ten begrün­det und nach dem Umbruch 1989 wei­ter­ge­führt wur­den. Diese Alben stel­len mehr­heit­lich gestan­dene Lyri­ker vor.

»VERSENSPORN«, die »Hefte für lyri­sche Reize«, gehen einen ande­ren Weg. Der Her­aus­ge­ber der Jenaer Edi­tion »POESIE SCHMECKT GUT« Tom Riebe und seine Mit­strei­ter spü­ren Lyri­ker auf, die auch Lite­ra­tur­lieb­ha­bern kaum bekannt sind. [Bei Toni Schwabe (Heft 26) ist dies anders. Sie ist uns vor Jah­ren von Erwin Stritt­mat­ter als seine »Freun­din Tina Babe« nahe gebracht wor­den.] Der Titel »Ver­sen­sporn« lässt auf­hor­chen: Man­cher Pati­ent hat es mit einem schmerz­haf­ten Fer­sen­sporn zu tun. Beim Rei­ten spornt der am Stie­fel befes­tigte, gezackte, kaum ange­nehme Fer­sen­sporn das Pferd an, mehr Tempo auf­zu­neh­men,

Dass auf dem Umschlag der weni­ger bekannte Autoren­name Rudolf Dit­zen steht, ist kor­rekt, da die Gedichte zwi­schen 1912 und 1917 ent­stan­den sind, im expres­sio­nis­ti­schen Jahr­zehnt. Der Name Dit­zen steht für das »Vor­werk«, für erste poe­ti­sche Geh­ver­su­che. Erst mit sei­nem Roman­erst­ling »Der junge Goede­schal« hat sich Dit­zen 1919 den Künst­ler­na­men Hans Fal­lada zuge­legt.

Dit­zens Gedichte wei­sen einen ein­fa­chen Bau auf. In der Mehr­heit bestehen die Stro­phen aus vier Ver­sen. Durch­ge­hend wer­den gekreuzte End­reime genutzt. Auch Bin­nen- und Stab­reime fal­len auf. Immer wie­der begeg­nen uns inter­es­sante Wort­neu­schöp­fun­gen.

Bereits das auf dem Cover zu sehende Aqua­rell »Sterne II, Mord« (1922) von Otto Dix führt den Leser in die Texte ein. Dix zeigt eine ermor­dete Pro­sti­tu­ierte. In sei­nen Ver­sen spricht der Lyri­ker The­men an, die ver­ständ­li­cher­weise mit sei­ner Situa­tion in jenen Jah­ren zu tun haben: Von Liebe, Eifer­sucht, Selbst­fin­dung, geis­ti­ger Ver­wir­rung, von Mord- und Selbst­mord­ge­lüs­ten, Pro­sti­tu­tion und Depres­sion ist die Rede. Die ers­ten Gedichte ent­stan­den in der Vor­kriegs­zeit, andere wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges. Die poli­ti­schen Dimen­sio­nen die­ses Epo­chen­um­bruchs setzte Dit­zen nicht in lyri­sche Bil­der. Dass die Welt aus den Fugen gera­ten war, spürte er, die Kon­flikte trug er im Pri­va­ten aus.

In dem Gedicht mit dem »harm­lo­sen» Titel »Abend­spa­zier­gang« erfährt der Leser am Ende, dass sich der ver­ein­samte und zurück­ge­wie­sene lyri­sche Spre­cher durch das »seh­nende Gebrüll« eines Kuh­stalls ange­zo­gen fühlt: »Er hat sich dort von einer Kuh genom­men, / was ihm das Mäd­chen nicht gewäh­ren will.«

Man­che der mit mit­un­ter grau­sam-gru­se­li­gen Tex­ten blei­ben im Ver­ständ­nis dun­kel. Eines die­ser Gedichte hat Dit­zen völ­lig zutref­fend mit »Rät­sel­haft“ über­schrie­ben. Auch wenn Dit­zens lyri­sche Gebilde for­mal kon­ven­tio­nell daher­kom­men, sind sie stoff­lich-the­ma­tisch immer wie­der durch den expres­sio­nis­ti­schen Zeit­geist geprägt. In dem Gedicht »Tau­mel im Bor­dell“ heißt es: »Licht hängt wie Eiter­schleim in einem Zim­mer, / Die Decke drückt zum Boden ihre Last, «

Mög­li­cher­weise wäre Dit­zens wei­te­rer künst­le­ri­scher Weg anders ver­lau­fen, wenn sich einer der Ver­le­ger (Paul Cas­si­rer, Kurt Wolff oder Georg Mül­ler) für seine lyri­sche Samm­lung »Gestal­ten und Bil­der« inter­es­siert hätte. Nicht ein­mal dem Chef­lek­tor und Fal­lada-Edi­tor Gün­ter Cas­par war es Jahr­zehnte spä­ter gelun­gen, Fal­la­das frühe Lyrik in »sei­nem« Auf­bau-Ver­lag zu publi­zie­ren.

Den Haupt­an­teil bei der Kärr­ner­ar­beit für die­ses gelun­gene Lyrik­heft leis­tete Daniel Bör­ner. Spä­tes­tens durch seine gedie­gene Aus­stel­lung »Das Duell«, die Rudol­städ­ter Ereig­nisse von 1911 auf­ar­bei­tete, hat er sich als Fal­lada-Ken­ner aus­ge­wie­sen. Sau­ber prä­sen­tiert er die Quel­len und stellt jene bio­gra­phi­schen Fak­ten bereit, die einen Zugang zu den Gedich­ten ermög­li­chen. Die Texte hat der Jenaer Edi­tor, Dit­zens Absicht fol­gend, so zusam­men­ge­stellt, dass sie mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren.

Ursula Fal­lada, die zweite Ehe­frau des Dich­ters, war wohl die erste Lese­rin die­ser Texte. Ihre Mei­nung war dem Lyri­ker wich­tig. Spä­ter schenkte er die Gedichte sei­ner Frau, die die unbe­kann­ten Blät­ter über Jahr­zehnte wie ihren Aug­ap­fel hütete. Nach sei­nem Tode solle sie, so wollte es Fal­lada, ent­schei­den, was mit dem Manu­skript geschieht. Über ver­schie­dene Umwege gelang­ten die Gedichte nun, 71 Jahre nach sei­nem frü­hen Tod 1947, auch in unsere Hände …

  • Rudolf Dit­zen, Gedichte – Reihe Ver­sen­sporn. Edi­tion Poe­sie schmeckt gut. Jena 2018. Heft 32. 32 Sei­ten, 4 Euro.

Die »Würde des Menschen« von Friedrich Schiller – aus aktuellem Anlaß ausgegraben von Bernd-Ingo Friedrich

Also, Schil­lers schö­ner Göt­ter­fun­ken geht gerade noch, aber einem deut­schen Schrift­stel­ler seine gars­ti­gen poli­ti­schen Lie­der nahe­zu­le­gen – da sei unser aller Goe­the vor! Das geht zu weit. Der deut­sche Michel schläft, und das ist gut so, denn »wozu er fähig, wenn er erwa­chet«, weiß man ja. Was soll er da mit Sprü­chen wie:

 

»Würde des Men­schen.

Nichts mehr davon, ich bitt euch.

Zu essen gebt ihm, zu woh­nen,

Habt ihr die Blöße bedeckt,

gibt sich die Würde von selbst.«

 

»Die Würde des Men­schen ist unan­tast­bar« klingt nicht nur bes­ser, es ver­pflich­tet auch nie­man­den zu etwas. »Eigen­tum ver­pflich­tet«! Und des­halb muss durch­aus gefragt wer­den, warum man Men­schen nicht ver­kau­fen sollte? ver­kauft man doch auch Schild­krö­ten, Kat­zen, Koli­bris und Pferde.

Das Gros der Men­schen ver­kauft sich selbst – weil es nichts ande­res zu ver­kau­fen hat. Und wer das unver­schämte Glück hat, Hartz IV zu bezie­hen, gelangt sogar in den umheg­ten Stand einer »Leib­ei­gen­schaft«, wie der Sach­sen­spie­gel ihn im 13. Jahr­hun­dert defi­niert hat, näm­lich als Beschrän­kung von Ver­mö­gens­fä­hig­keit und Frei­zü­gig­keit. Und ist es von da zur Skla­ve­rei nicht nur ein win­zi­ger Schritt? Ein Klacks?

Men­schen­würde, Frei­heit, Demo­kra­tie – alles Quark. Wort­hül­sen. Opium fürs Volk. Leo­pold Schefer dich­tete zusam­men, was zusam­men gehört:

 

»Denn wer das Geld hat, hat die Macht,

und wer die Macht hat, macht das Recht.«

 

Geld machen, Geld haben, Macht haben, Recht machen; es allen recht­ma­chen. Das sind Sor­gen, die der Sklave gar nicht kennt. »Freude, schö­ner Göt­ter­fun­ken« – ach was: ein Feu­er­werk für alle, die sorg­los schla­fen kön­nen.

Stefan Lehnberg – »Die Affäre Carambol. Goethe und Schiller ermitteln«

Gele­sen von Diet­mar Jacob­sen

Nun reiten sie wieder

 

Sie sind wie­der unter­wegs. Nach ihrem ers­ten Aben­teuer in Durch Nacht und Wind (2017), das von der Kri­tik durch­weg freund­lich auf­ge­nom­men wurde, haben sich Goe­the und Schil­ler, wie der Ber­li­ner Autor und Come­dy­tex­ter Ste­fan Lehn­berg (Jahr­gang 1964) sie sich vor­stellt, zum zwei­ten Mal aufs Pferd geschwun­gen und in Die Affäre Caram­bol gestürzt. Noch furio­ser, noch gefähr­li­cher und wage­mu­ti­ger und noch ein biss­chen freier mit der His­to­rie und der Ver­wick­lung der bei­den Wei­ma­rer Dich­ter­grö­ßen in die­selbe umge­hend, ist erneut ein amü­san­tes, kurz­wei­li­ges, gele­gent­lich sogar zum Nach­schla­gen in den Bio­gra­fien der bei­den Klas­si­ker rei­zen­des Büch­lein ent­stan­den.

Frank­furt ist dies­mal das Ziel des Duos. Man schreibt das Jahr 1801. Schil­ler hat noch vier, Goe­the noch 31 Jahre zu leben. Kein Wun­der also, das Ers­te­rer sich Arbeit mit an den Main genom­men hat – er schreibt an sei­nem Dra­men­frag­ment Die Mal­te­ser, das frei­lich erst knappe ein­hun­dert Jahre spä­ter das Licht der Öffent­lich­keit erbli­cken sollte -, wäh­rend sein älte­rer Freund – Goe­the eben! – sich die Zeit für eine kleine Lie­be­lei nimmt. Man besucht des Dich­ter­fürs­ten Mut­ter im Haus am Gro­ßen Hirsch­gra­ben, sucht gemein­sam die Orte auf, an denen Goe­the seine Kind­heit und Jugend ver­brachte, und lässt sich schließ­lich von zwei Frank­fur­ter Rats­her­ren dazu über­re­den, sich inof­fi­zi­ell mit der Auf­klä­rung etli­cher Vor­fälle zu befas­sen, die dar­auf hin­deu­ten, dass eine geheim­nis­volle Macht ver­sucht, Frank­furt in einen Kon­flikt mit dem Frank­reichs Napo­le­ons zu trei­ben.

So wer­den u.a. Berge von Mehl in die Stadt gekarrt, die umge­hend an geheim­nis­volle Orte ver­schwin­den und dort offen­bar zu dem Zweck gehor­tet wer­den, im Falle einer Bela­ge­rung der Stadt durch die Fran­zo­sen um etli­ches teu­rer wie­der ver­kauft als zu wer­den, als sie bei den Mül­lern der Umge­bung erwor­ben wur­den. Aber wer spe­ku­liert so unver­schämt auf eine Not­lage der Frank­fur­ter Bevöl­ke­rung? Und wel­chen Job sol­len die gut 160 Män­ner erle­di­gen, die im Laufe eines Jah­res in der Stadt ange­kom­men sind und sich kurz danach buch­stäb­lich in Luft auf­lös­ten, in kei­ner Her­berge, an kei­ner Pri­vat­adresse mehr auf­zu­fin­den sind und unter dem Befehl eines gefürch­te­ten Hau­de­gens ste­hen?

Wilde Ver­fol­gungs­jag­den zu Pferde und auf dem Kutsch­bock, dunkle Gänge im Unter­grund, bren­nende Schlös­ser, Ent­füh­run­gen und der finale Unter­gang eines Segel­boo­tes auf dem Main – lang­wei­lig wird es an kei­ner Stelle in Lehn­bergs klei­ner, sti­lis­tisch wie­der an den Ton der Zeit ange­lehn­ten Geschichte. Und weil die bei­den kri­mi­na­li­sie­ren­den Edel­fe­dern nach ihrer Rück­kehr ins beschau­li­che Wei­mar eine über­ra­schende Bot­schaft erreicht, die das Erlebte noch ein­mal in einem ganz ande­ren Licht erschei­nen lässt, bleibt das emp­feh­lens­werte Büch­lein auch bis zur letz­ten Seite span­nend.

Dass das Ende der Affäre Caram­bol nicht das Ende der »cri­mi­na­lis­ti­schen« Aben­teuer des Klas­siker­duos bedeu­tet, konnte man übri­gens kürz­lich in einem Inter­view mit Ste­fan Lehn­berg lesen. Dem­nach beab­sich­tigt der Autor, aus sei­ner Idee, Goe­the und Schil­ler als Vor­rei­ter von Sher­lock Hol­mes und Dr. Wat­son Fälle lösend durch die Lande zu schi­cken, eine drei­zehn­tei­lige Serie zu machen. Nun denn: Wir freuen uns erst ein­mal auf Teil 3.

  • Ste­fan Lehn­berg: Die Affäre Caram­bol. Goe­the und Schil­ler ermit­teln. Kri­mi­nal­ro­man. Stutt­gart: J. G. Cotta’sche Buch­hand­lung  2018, 232 Sei­ten, 15,- Euro.

Jürgen K. Hultenreich – »Hölderlin. Das halbe Leben. Eine poetische Biographie«

Gele­sen von Jens Kirs­ten

 

Jür­gen K. Hul­ten­reich hat mit »Höl­der­lin – Das halbe Leben« eine poe­ti­sche Bio­gra­phie vor­ge­legt, die ein Glücks­fall für die Höl­der­lin-For­schung und für die deut­sche Lite­ra­tur ist. Der Autor reißt mit sei­nem Buch den geis­ti­gen Hori­zont einer gan­zen Epo­che auf, die mit dem Den­ken von Hegel, Schel­ling, Höl­der­lin, Fichte und ande­ren ein­ge­lei­tet wurde. Wie der Autor die Fäden der ent­ste­hen­den Freund­schaf­ten zwi­schen Höl­der­lin, Hegel und Schel­ling auf­nimmt, im Ver­lauf sei­nes Buches ver­webt und bio­gra­phi­sche Zusam­men­hänge mit phi­lo­so­phi­schen Fra­gen ver­knüpft, berei­tet höchs­tes Lese­ver­gnü­gen. Mit Hegel und Schel­ling, die wie Höl­der­lin 1790 Theo­lo­gie-Stu­den­ten im Tübin­ger Stift waren und bereits Stun­den vor dem mor­gend­li­chen Wecken mit­ein­an­der über abend­län­di­sches Den­ken dis­ku­tier­ten, ver­band Höl­der­lin eine nahezu lebens­lange Freund­schaft.

Das Tübin­ger Stift galt Ende des 18. Jahr­hun­derts als Fun­dus für Haus­leh­rer, die man sei­ner­zeit nicht ohne ent­spre­chende Refe­ren­zen ein­stellte. Mit sub­ti­ler Verve schil­dert Hul­ten­reich Höl­der­lins Auf­ent­halte als Haus­leh­rer in ver­schie­de­nen Häu­sern, die er, der finan­zi­el­len Not gehor­chend, antrat und die meist ein abrup­tes Ende fan­den wie im Haus der Char­lotte von Kalb in Wal­ters­hau­sen, deren Sohn er weni­ger zu unter­rich­ten hatte, als dass er ihm das exzes­sive Ona­nie­ren aus­trei­ben sollte. Dass Höl­der­lin sich in »in Schil­lers Hör­weite« ins Gothai­sche Wal­ters­hau­sen träumte, liegt für Hul­ten­reich nahe, weni­ger jedoch, dass sich zahl­rei­che sei­ner Bio­gra­phen nicht um einen genauen Blick bemüh­ten.

Char­lotte von Kalbs Wohn­ort, der eben­falls Wal­ters­hau­sen hieß, lag im frän­ki­schen Grab­feld an der Milz und nicht in Thü­rin­gen. Hul­ten­reich geht es dabei nicht um Recht­ha­be­rei. Auf­fäl­lig ist für ihn nur, dass er in der Höl­der­lin-For­schung häu­fi­ger auf der­lei Unacht­sam­kei­ten stößt. Hul­ten­reich kon­sta­tiert ange­sichts des Umstan­des, dass man­cher Bio­graph dort, wo keine Ant­wort parat lag, ins Reich der Mut­ma­ßun­gen aus­wich: »Nichts ist gefähr­li­cher bei Höl­der­lin, als die Über­las­sung sei­ner Schrif­ten an sub­jek­tive Hand­le­se­rin­nen.« Ent­ge­gen allen Spe­ku­la­tio­nen stellt Hul­ten­reich dort, wo Lücken bestehen, die rich­ti­gen Fra­gen und resü­miert: »Nur die unlös­ba­ren Rät­sel sind stark genug, Jahr­hun­derte zu über­dau­ern.« Über Höl­der­lins Bezie­hun­gen zu Frauen schreibt er: »Nie ret­te­ten den Gefähr­de­ten intel­li­gen­tere, ferne, ver­hei­ra­tete Frauen, auf die er lei­den­schaft­lich her­ein­fiel, weil erst das seine Lyrik beflü­gelte.«

Als Höl­der­lin schließ­lich im Haus des Ban­kiers Gon­tard in Frank­furt am Main eine wei­tere Stelle als Haus­leh­rer antrat, nahm sein Leben durch die Begeg­nung mit des­sen Frau Sus­ette eine schick­sal­hafte Wen­dung, die auch sein Werk nach­hal­tig beein­flusste. Die Tren­nung von ihr und ihr spä­te­rer Tod beför­derte sehr wahr­schein­lich den Aus­bruch sei­ner Krank­heit. Höl­der­lins Beschäf­ti­gung mit der grie­chi­schen Antike und der Arbeit an sei­nem »Hype­rion« wid­met der Autor ein eige­nes Kapi­tel, ebenso sei­ner Begeg­nung mit den Jenaer Früh­ro­man­ti­kern. Weit mehr als Wei­mar war Jena für Höl­der­lin eine wich­tige Sta­tion, wenn­gleich sein Besuch bei Schil­ler in Jena miss­glückte. Im Kreis der Früh­ro­man­ti­ker fand seine Dich­tung Aner­ken­nung; hier lernte er auch den Stu­den­ten Isaac von Sin­c­lair ken­nen, der zu einem sei­ner treu­es­ten Freunde wurde.

Durch zahl­rei­che Exkurse, in denen der Autor Zusam­men­hänge zu ande­ren Dich­tern und Schrift­stel­lern, Phi­lo­so­phen und Zeit­ge­nos­sen her­stellt, ver­dich­tet er nicht nur sein erzäh­le­ri­sches Netz, son­dern zeigt die his­to­ri­schen, gesell­schaft­li­chen, poli­ti­schen und poe­tisch-phi­lo­so­phi­schen Zusam­men­hänge auf, in denen Höl­der­lin lebte und dachte. Wie sie berei­chern kleine Ein­schübe den nar­ra­ti­ven Faden, sei es zur Mode, sei es über das Rei­sen zu jener Zeit oder zu Ereig­nis­sen an Neben­schau­plät­zen, die der Autor gekonnt ein­bin­det. Lese­ver­gnü­gen bie­ten allent­hal­ben poin­tierte Zuspit­zun­gen, die Hul­ten­reich als ver­sier­ter Apho­ris­ti­ker zu set­zen weiß. Etwa, wenn er über Schil­ler und Höl­der­lin schreibt: »Beide beherrsch­ten den uni­ver­sel­len Pro­vin­zia­lis­mus. Ihre begrenzte Wirk­lich­keit ent­hielt die Fülle der Welt.« Oder über Höl­der­lins Antritts­be­such im Hause Gon­tard: »Man­cher bekommt vom Schick­sal so geschickt ein Bein gestellt, dass er ein Leben lang strau­chelt.«

Um Höl­der­lins Krank­heit, die nach sei­ner Rück­kehr aus Bor­deaux, wo er seine letzte Haus­leh­rer­stelle beklei­dete, zur Gänze aus­brach und ihn für 36 Jahre zeich­nete, geht es in den letz­ten Kapi­teln des Buches. In den ers­ten Jah­ren nach sei­ner Rück­kehr aus Frank­reich ver­mochte Höl­der­lin die Schran­ken sei­ner Krank­heit, heute sprä­che man von einer bipo­la­ren Stö­rung, noch einige wenige Male auf­zu­bre­chen und Gro­ßes mit der Über­set­zung der Tra­gö­dien »Anti­gone« und »Ödi­pus« von Sopho­kles zu schaf­fen. Am Bei­spiel die­ser Leis­tung zeigt Hul­ten­reich, wie sehr der Dich­ter damit sei­ner Zeit vor­aus war. Selbst Schil­ler begriff das Weg­wei­sende von Höl­der­lins Nach­dich­tung nicht und ver­lachte den Dich­ter, dem er zeit­le­bens wirk­li­che Aner­ken­nung ver­sagte. Nur wenige Freunde wie Hegel oder Schel­ling hiel­ten zu Höl­der­lin, wenn­gleich es ihnen zuneh­mend schwe­rer wurde, den Freund von einst noch zu erken­nen.

Hul­ten­reich nimmt im Titel sei­nes Buches auf Höl­der­lins 1798 ent­stan­de­nes Gedicht »Hälfte des Lebens« Bezug, (Mit gel­ben Bir­nen hän­get / Und voll mit wil­den Rosen / Das Land in den See). Auch mit die­sem auf die Moderne ver­wei­sen­den Gedicht war er sei­ner Zeit weit vor­aus. Es waren denn auch die Expres­sio­nis­ten, die Höl­der­lin 1911 für sich ent­deck­ten, und den bis heute gras­sie­ren­den Mythos begrün­de­ten, Höl­der­lins Krank­heit sei nur vor­ge­täuscht gewe­sen. Auch damit befasst sich Hul­ten­reich und trennt die Spreu vom Wei­zen.

»Höl­der­lin. Das halbe Leben. Eine poe­ti­sche Bio­gra­phie«, ist ein Buch, das sich mit dem Begriff „Bio­gra­phie“ nur unzu­rei­chend beschrei­ben lässt. Ich habe seit lan­gem kein solch geist­rei­ches Buch gele­sen, des­sen Autor so gar nicht auf Affek­tiert­heit, Manie­ris­men, fal­schen Glanz beim Schrei­ben setzt. Wie treff­lich passt auf sein Schrei­ben der Satz des pol­ni­schen Apho­ris­ti­kers Wies­law Brud­ziń­ski: »Gegen den lite­ra­ri­schen Strom schwimmt man am leich­tes­ten im klas­si­schen Stil.«

 

  • Höl­der­lin. Das halbe Leben. Eine poe­ti­sche Bio­gra­phie, Edi­tion A. B. Fischer, Ber­lin 2018, 208 S., 24,00 €

»Die Künstler« von Friedrich Schiller – aus aktuellem Anlass wiedergelesen von Hansjörg Rothe">»Die Künstler« von Friedrich Schiller – aus aktuellem Anlass wiedergelesen von Hansjörg Rothe

Zwölf Jahre nach­dem ihm der Nobel­preis für Lite­ra­tur ver­lie­hen wor­den war, trat Gün­ter Grass mit einem Text an die Öffent­lich­keit, in dem er vor einem Krieg der Atom­macht Israel gegen den Iran warnte. Den Pro­sa­text »Was gesagt wer­den muss« bezeich­nete er als Gedicht und rekla­mierte die künst­le­ri­sche Frei­heit für sei­nen Inhalt. Obwohl er sich nicht auf Schil­ler berief, hätte des­sen Gedicht »Die Künst­ler« von 1789 gera­dezu als Kom­men­tar für diese Stra­te­gie gele­sen wer­den kön­nen, in dem es heißt:

 

Von ihrer Zeit ver­sto­ßen flüchte
Die ernste Wahr­heit zum Gedichte,
Und finde Schutz in der Kamö­nen Chor.

 

Das Bei­spiel machte Schule. Die »ernste Wahr­heit« des Gün­ter Grass sollte schon bald Gesell­schaft bekom­men unter den Fit­ti­chen der ita­li­schen Quell­nym­phen. Pro­sa­texte mit ent­spre­chen­dem Zei­len­um­bruch waren immer­hin schon seit Jahr­zehn­ten als Gedichte akzep­tiert wor­den, man denke nur an Erich Fried, doch der Anspruch künst­le­ri­scher Frei­heit zog in nur weni­gen Jah­ren immer wei­tere Kreise. Schil­lers erstaun­li­che Weit­sicht macht »Die Künst­ler« heute zu einem hoch­ak­tu­el­len Text, wie die Ereig­nisse der letz­ten Tage ein­drucks­voll bele­gen. Das »Jüdi­sche Forum für Demo­kra­tie und gegen Anti­se­mi­tis­mus« ver­laut­barte, man habe die Unter­schrift unter eine Unter­las­sungs­er­klä­rung von einem Ber­li­ner Kol­lek­tiv namens »Zen­trum für poli­ti­sche Schön­heit« erwirkt – damit wurde die öffent­li­che Auf­merk­sam­keit auf eine Gruppe von Leu­ten gelenkt, die sich selbst als »Künst­ler« bezeich­nen, den gleich­na­mi­gen Text von 1789 aber in ganz neuem Licht erschei­nen las­sen.

Dabei hat es Schil­lers Gedicht natür­lich nie an Bezug­nah­men gefehlt. Hel­mut Qual­tin­ger, der große Wie­ner Schau­spie­ler, Autor und Kaba­ret­tist wählte 1965 »Der Mensch­heit Würde ist in eure Hand gege­ben« als Titel eines Solo­pro­gramms in dem er zwei alte Mimen über ihre Jugend­jahre an diver­sen Pro­vinz­büh­nen schwär­men lässt. Das völ­lige Auf­ge­hen in der eige­nen Wahr­heit und Igno­rie­ren des gro­ßen Weltgan­zen (»Ich habe alle meine Pre­mie­ren im Kopf – als Ollen­dorf im Bet­tel­stu­dent, 20. Juli 1944 in Teplitz-Schö­nau!«) wird unge­schminkt dar­ge­stellt, ohne die Cha­rak­tere bloß­zu­stel­len. Einige Jahre zuvor hatte sein »Herr Karl«, ein wie­ne­risch-char­man­ter Mit­läu­fer der Nazi­zeit, ihm noch Mord­dro­hun­gen ein­ge­bracht. In Chem­nitz habe er ein­mal den sie­ben­ten Zwerg in »Schnee­witt­chen« gespielt, lässt Qual­tin­ger den einen Mimen berich­ten (»Wie hast du ihn ange­legt?« »Hin­ter­grün­dig …!«), das Publi­kum kann mit den Alten lachen, nicht über sie.

Inzwi­schen haben sich die Zei­ten geän­dert. Die Fort­set­zung des Zitats lau­tet wie folgt:

 

Der Mensch­heit Würde ist in eure Hand gege­ben.
Bewah­ret sie! Sie sinkt mit euch, mit euch wird sie sich heben.

 

Die haupt­städ­ti­schen Akti­vis­ten des »Zen­trums für poli­ti­sche Schön­heit« sehen die Pro­vinz-Akteure nicht mehr als Adres­sa­ten ihrer »Kunst«, son­dern als deren Objekte. Da schließt sich der Kreis von Schil­ler zum Grund­ge­setz – die Würde des Men­schen ist unan­tast­bar, auch in Chem­nitz darf man kein »Recher­che­büro Ost« eröff­nen und Pho­tos von Mit­bür­gern aus­hän­gen unter der Über­schrift »Gesucht: Wo arbei­ten diese Idio­ten?« um 100-Euro-Scheine für Denun­zia­tio­nen aus­zu­lo­ben.

Die gerechte Empö­rung sollte uns jedoch nicht dazu ver­lei­ten, wie Qual­tin­gers Mimen den eige­nen Lebens­kreis men­tal abzu­schot­ten und nicht wahr­ha­ben zu wol­len, dass am 20. Juli 1944 viel­leicht noch ande­res bemer­kens­wert war als die Ope­ret­ten­pre­miere in Teplice-Šanov. Und damit zurück zu Schil­lers Gedicht, das die Künst­ler­ge­nera­tio­nen zur Renais­sance-Zeit mit den Zei­len preist:

 

Ver­trie­ben von Bar­ba­ren­hee­ren,
Ent­ris­set ihr den letz­ten Opfer­brand
Des Ori­ents ent­hei­lig­ten Altä­ren
Und brach­tet ihn dem Abend­land.
Da stieg der schöne Flücht­ling aus dem Osten,
Der junge Tag, im Wes­ten neu empor,
Und auf Hespe­ri­ens Gefil­den sproß­ten
Ver­jüngte Blüt­hen Ioni­ens her­vor.
Die schö­nere Natur warf in die See­len
Sanft spie­gelnd einen schö­nen Wie­der­schein,
Und pran­gend zog in die geschmück­ten See­len
Des Lich­tes große Göt­tin ein.
Da sah man Mil­lio­nen Ket­ten fal­len,
Und über Skla­ven sprach jetzt Men­schen­recht;
Wie Brü­der fried­lich mit ein­an­der wal­len,
Wo mild erwuchs das jün­gere Geschlecht.
Mit inn­rer hoher Freu­den­fülle
Genießt ihr das gegebne Glück
Und tre­tet in der Demuth Hülle
Mit schwei­gen­dem Ver­dienst zurück.

 

Heute sind es die ori­en­ta­li­schen Chris­ten selbst, die, ver­trie­ben von Bar­ba­ren­hee­ren, als Flücht­linge zu uns kom­men. Wenn zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts in Libyen und dem Irak wie­der Skla­ven­märkte abge­hal­ten wer­den darf uns das nicht kalt las­sen. Der Mensch­heit Würde in und für uns selbst zu ver­tei­di­gen, ist die eine Sache, über der wir aber das große Ganze nicht aus den Augen ver­lie­ren dür­fen.

Dietmar Ebert – »Eduard Rosenthal. Ein Charakterporträt«

Gele­sen von Ger­hard Schau­mann

 

Über 90 Jahre nach sei­nem Tod liegt zum ers­ten Mal ein Buch vor, das Leben und Wir­ken Edu­ard Rosenthals ( 1853 – 1926 ) vor­stellt und wür­digt. Nach­dem sein Name in den letz­ten Jah­ren über die Villa Rosen­thal, dem jahr­zehn­te­lan­gen Wohn­haus, als Ort der Kul­tur für Lesun­gen, Vor­träge und Kon­zerte zum fes­ten Begriff gewor­den ist, kann sich nun der Leser ein Bild von die­ser für Jenas Stadt­ent­wick­lung bedeu­ten­den Per­sön­lich­keit machen. Rosen­thal, Pro­fes­sor, Dr. jur.  und rer. pol. h.c., Dekan der Juris­ti­schen Fakul­tät, Pro­rek­tor der Uni­ver­si­tät,  Grün­der des Jenaer Kunst­ver­eins und der Lese­halle formte wesent­lich das Bild einer leben­di­gen, auf­stre­ben­den Indus­trie­stadt vor und nach der Jahr­hun­dert­wende. Als nach dem 1. Welt­krieg Deutsch­land Repu­blik wurde, ent­stand aus Her­zog- und Fürs­ten­häu­sern der Frei­staat Thü­rin­gen. Rosen­thal sah neue Auf­ga­ben auf sich zukom­men, die er frü­her sich so hatte wohl kaum vor­stel­len kön­nen: er erar­bei­tete den Ent­wurf einer Ver­fas­sung für den Frei­staat Thü­rin­gen.

Dass zwi­schen 1933 und 1945 der Name des Juden Edu­ard Rosen­thal nicht erwähnt wurde, ver­steht sich von selbst. Auch die DDR, so Ebert, »wusste mit die­sem Erbe wenig anzu­fan­gen.« Doch schon in den 90er Jah­ren wurde in dem Jenaer Arbeits­kreis » Juden­tum« und von ein­zel­nen Wis­sen­schaft­lern zu Rosen­thal geforscht. Dar­auf, aber in höhe­rem Maße noch auf umfang­rei­che eigene über Jahre geführte Recher­chen in Archi­ven, in Kor­re­spon­den­zen und Gesprä­chen konnte Ebert  auf­bauen, um ein »Cha­rak­ter­por­trät« zu schaf­fen, das über kon­krete, greif­bare und bis heute wir­kende Akti­vi­tä­ten ver­mit­telt wird. Zugleich aber kom­men damit auch Wis­sen­schaft­ler, Künst­ler und Poli­ti­ker ins Bild, mit denen er befreun­det, kol­le­gial und mensch­lich ver­bun­den war: etwa Ernst Abbe, Ernst Haeckel, Max Wundt, Eugen Diede­richs u.a. Sie haben mit ihm Anteil an einem Jena, in dem Theo­rie und Pra­xis, Wis­sen­schaft und Kunst, moderne in die Welt wir­kende Indus­trie­pro­duk­tion mit einer hoch qua­li­fi­zier­ten Arbei­ter­schaft in idea­ler Weise zusam­men­tra­fen.

In einer so über­schau­ba­ren Stadt, in der die Bewoh­ner durch all­täg­li­che Abläufe in Beruf und Frei­zeit zusam­men­ge­führt wur­den, ent­stan­den auch fami­liäre For­men geis­ti­gen und kul­tu­rel­len Aus­tauschs, in die auch die Frauen der Pro­fes­so­ren ein­grif­fen. Clara Rosen­thal, selbst künst­le­risch begabt und anre­gend lud pro­mi­nente Gäste ein und wirkte über die  spon­tan sich zusam­men­fin­dende Gesell­schaft der Kunst­freunde von Jena und Wei­mar. Das Haus Rosen­thal wurde so zu einem Begeg­nungs­ort eines zwar klei­nen Krei­ses, der aber Zei­chen setzte. Bemer­kens­wert sind zwei Lesun­gen Ste­fan Geor­ges 1905 und 1906. Über Irene Eucken voll­zog sich auch die Ver­bin­dung mit dem Schwei­zer Maler Fer­di­nand Hod­ler, der hier an dem Gemälde » Aus­zug deut­scher Stu­den­ten in den Frei­heits­krieg 1813« arbei­tete und das 1909 der Uni­ver­si­tät über­ge­ben wurde.

Edu­ard Rosen­thal war von Hei­del­berg über Ber­lin nach Jena gekom­men. Akri­bi­sche For­schung und prä­zise For­mu­lie­rung sei­ner Arbei­ten und Vor­le­sun­gen ver­band er mit Groß­zü­gig­keit und Herz­lich­keit im Umgang mit Kol­le­gen und Stu­den­ten. Unter­hal­tende und ent­span­nende Pro­fes­so­ren­spa­zier­gänge, an denen Rosen­thal mit Ver­gnü­gen teil­nahm, waren, wie der Autor kom­men­tiert, » ein Teil aka­de­mi­scher, demo­kra­ti­scher Kul­tur und Gesel­lig­keit.« Seine für Jena blei­bende Leis­tung muss man wohl in sei­nem Wir­ken als Vor­sit­zen­der des Kunst­ver­eins sehen. Ohne ihn wäre die Fülle von Aus­stel­lun­gen mit Wer­ken bedeu­ten­der Künst­ler wohl nicht mög­lich gewe­sen. In Jena konnte man Arbei­ten Henry  van de Vel­des, Hein­rich Vogelers, Lud­wig von Hoff­manns, Chris­tian Rohlfs‘, Käthe Koll­witz‘, Emil Nol­des, Karl Schmidt Rottluffs, Bern­hard Pan­koks, Ernst Lud­wig Kirch­ners, Edvard Munchs und van Goghs sehen. Dazu kamen die geist­vol­len, moderne Kunst auf­schlie­ßen­den Rezen­sio­nen des Kunst­his­to­ri­kers Botho Graef. Sie wei­sen die Pro­vinz­stadt als Kunst­stadt auf hohem Niveau aus. Dass Edu­ard Rosen­thal 1911 die Rede zur Ein­wei­hung des Ernst-Abbe-Denk­mals hält, die­sem gemein­sa­men Werk von van de Velde, Meu­nier und Klin­ger, war ein Glücks­fall und Höhe­punkt sei­nes Wir­kens in und für Jena. Denn er hatte Ernst Abbe bera­ten, als die­ser die Carl-Zeiss-Stif­tung grün­dete.

Wie durch­ge­hend in die­sem Buch lässt Ebert Rosen­thal in sei­nen Reden und Brie­fen aus­führ­lich zu Wort kom­men und als Per­sön­lich­keit der Uni­ver­si­täts-und Stadt­ge­schichte leben­dig erste­hen. Was man über das Ein­grei­fen Rosenthals in die deut­sche Innen­po­li­tik am Ende des Krie­ges z.B. aus der Kor­re­spon­denz mit dem befreun­de­ten Staats­mi­nis­ter Cle­mens von Del­brück erfährt, lässt eher bestimmte Gren­zen erken­nen. Die, wenn man so will,  »mit­ge­hende Inter­pre­ta­tion« der Rosenthal­schen Bio­gra­fie, eines groß­ar­ti­gen und rei­chen Lebens, hielt den Autor in die­sem Punkt von einer ent­schie­de­nen Distan­zie­rung ab. Rosenthals Sohn fiel als Kriegs­frei­wil­li­ger schon kurz nach Kriegs­be­ginn, die kai­ser­li­che Kriegs­füh­rung for­derte immer mehr Opfer und Ent­beh­run­gen. Er aber blieb, was er auch damit ver­bun­den haben mag, »Herz­mon­ar­chist«. Der Jurist aber ver­stand sich als Demo­krat. Demo­kra­tie war fest­ge­schrie­ben in Geset­zen und Ver­ord­nun­gen, an denen er selbst betei­ligt war und das war Aus­gleich von Wider­sprü­chen.

In  einem Epi­log lässt der Autor Künst­ler zu Worte kom­men, die in der Villa Rosen­thal direkt und im wei­te­ren Sinne an Edu­ard Rosen­thal erin­nern oder an seine Ide­en­welt anknüp­fen. Ein schö­ner Gedanke: Dort, wo er starb, wohin der Sohn Curt nicht zurück­kehrte und seine Frau Clara sich frei­wil­lig das Leben nahm,  herrscht heute  eine viel­sei­tig anre­gende kul­tu­relle Atmo­sphäre, die Blei­ben­des wie Zukünf­ti­ges ver­bin­det.

 

  • Diet­mar Ebert: Edu­ard Rosen­thal. Ein Cha­rak­ter­por­trät, Edi­tion azur Dres­den 2018, 232 S., geb., 14,90 EUR.

2. Thüringer Fachtag Literatur am 25. Oktober 2018 in Erfurt

Am Don­ners­tag, dem 25. Okto­ber 2018 fand im Thü­rin­ger Land­tag der 2. Thü­rin­ger Fach­tag Lite­ra­tur zum Thema »Lite­ra­tur­ver­mitt­lung – aktu­el­ler Stand und Per­spek­ti­ven« statt, den die Jour­na­lis­tin Blanka Weber mode­rierte.

Ange­regt hatte den 1. Fach­tag Prof. Dr. Ben­ja­min-Imma­nuel Hoff, der Thü­rin­ger Minis­ter für Kul­tur, Bun­des- und Euro­pa­an­ge­le­gen­hei­ten und Chef der Staats­kanz­lei, der im ver­gan­ge­nen Okto­ber mit sehr gutem Erfolg erst­mals statt­fand. Orga­ni­siert und durch­ge­führt wurde er vom Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat e.V. in enger inhalt­li­cher Zusam­men­ar­beit mit der Thü­rin­ger Staats­kanz­lei.

Der Fach­tag rich­tete sich an Autorin­nen und Autoren, Biblio­the­ka­rin­nen und Biblio­the­kare, Buch­händ­le­rin­nen und Buch­händ­ler, die Thü­rin­ger Kul­tur­äm­ter, Medi­en­ver­tre­ter, Lite­ra­tur­ver­mitt­ler, lite­ra­ri­sche Ver­eine und Gesell­schaf­ten.

Die kri­ti­sche und nach­hal­tige För­de­rung einer qua­li­ta­tiv hoch­ste­hen­den lite­ra­ri­schen Pro­duk­tion in ihren ver­schie­de­nen Gen­res ist ein wesent­li­ches Anlie­gen des Frei­staats. Durch die Digi­ta­li­sie­rung der Gesell­schaft ist die deut­sche Lite­ra­tur­land­schaft in einem­tief­grei­fen­den Ver­än­de­rungs­pro­zess begrif­fen. Ziel des Fach­ta­ges ist es, die­sen Ver­än­de­run­gen nach­zu­ge­hen und mög­li­che Wege auf­zu­zei­gen, die Lite­ra­tur­ver­mitt­ler in Thü­rin­gen in ihrer Arbeit bestär­ken und ihnen Anre­gun­gen für ihre künf­tige Arbeit geben.

Chris­tian Mül­ler, aka­de­mi­scher Mit­ar­bei­ter am Insti­tut für Spra­chen an der Päd­ago­gi­schen Hoch­schule Lud­wigs­burg, sprach in sei­nem Ein­füh­rungs­vor­trag über »Lite­ra­tur­ver­mitt­lung im digi­ta­len Zeit­al­ter«.  Annaluise Erler, deren Buch­hand­lung »Fin­dus« in Tha­randt 2017 als beste Buch­hand­lung Deutsch­lands aus­ge­zeich­net wurde, begeis­terte mit ihrem Vor­trag »Wer mit Büchern lebt, schafft Lust aufs Lesen«, der sicht­lich von ihrem Enga­ge­ment für die Ver­mitt­lung von Lite­ra­tur getra­gen wurde, das Publi­kum.

Prof. Dr. Harald Wel­zer, Direk­tor der gemein­nüt­zi­gen Stif­tung »Futurz­wei« und Hono­rar­pro­fes­sor für Trans­for­ma­ti­ons­de­sign an der Europa-Uni­ver­si­tät Flens­burg, ging der Frage nach, wie sich unsere Debat­ten­kul­tur im digi­ta­len Zeit­al­ter ver­än­dert. Prof. Dr. Ger­hard Pfen­nig, Rechts­an­walt und Hono­rar­pro­fes­sor an der Johan­nes Guten­berg-Uni­ver­si­tät Mainz, sprach sehr leben­dig über Fra­gen des Urhe­ber­rechts und des Nut­zungs­rech­tes im digi­ta­len Zeit­al­ter, die mit Blick auf die neue Daten­schutz­grund­ver­ord­nung der EU von ganz aktu­el­lem Inter­esse sind.

Über den Poe­try-Film als einer neuen Art der künst­le­ri­schen Arti­ku­la­tion und zugleich der Ver­mitt­lung von Lite­ra­tur sprach Dr. Guido Naschert, Kura­tor des Wei­ma­rer Poe­try­film-Fes­ti­vals und Mit­her­aus­ge­ber des »Poe­try­film-Maga­zins«.

Eine abschlie­ßende Dis­kus­si­ons­runde mit Monika Ret­tig vom Herbst­lese e.V., Ralf Schön­fel­der, der das Pro­gramm der »Thü­rin­ger Lite­ra­tur- und Autoren­tage« ver­ant­wor­tet und Andreas in der Au, der als AIDA einer der aktivs­ten Poe­try-Slam­mer Deutsch­lands ist setzte sich mit der Frage aus­ein­an­der, wie Lite­ra­tur erfolg­reich zu ver­mit­teln ist.

Literaturland Thüringen unterwegs … in Wolfenbüttel am 13. November 2018

Nach der herz­li­chen Begrü­ßung von Biblio­theks­di­rek­tor Prof. Dr. Peter Bur­schel stellte  Wolf­gang Haak, Vor­stands­mit­glied der Gesell­schaft Anna Ama­lia Biblio­thek in Wei­mar und im Vor­stand des Thü­rin­ger Lite­ra­tur­ra­tes, das »Lite­ra­tur­land Thü­rin­gen« in eini­gen sei­ner Facet­ten vor, wobei der Akzent an die­sem Abend auf dem Thema Biblio­thek lag, ins­be­son­dere, auf der engen Bezie­hung zwi­schen der Wofen­büt­te­ler und der Wei­ma­rer Biblio­thek.

Zum für die­sen Abend gewähl­ten Thema »Sehn­suchts­ort Biblio­thek« lasen Dr. Annette See­mann und Dr. Michael Kno­che.

Im Zen­trum von Annette See­manns  Buch für Jugend­li­che »Junge Dame regiert in Wei­mar«, das auch für Erwach­sene emp­feh­lens­wert ist, steht Her­zo­gin Anna Ama­lia, gebo­ren in Wol­fen­büt­tel und Namens­pa­tro­nin der Wei­ma­rer Biblio­thek.

Deren Direk­tor war Michael Kno­che von 1991 bis 2016. In sei­nem 2018 erschie­ne­nen Buch »Die Idee der Biblio­thek und ihre Zukunft« nimmt er poin­tiert und streit­bar zu der Frage Stel­lung, wel­che Funk­tio­nen Biblio­the­ken in Zei­ten des Inter­nets zukommt.

Ein­mal mehr zeigte sich, dass das Thema Biblio­thek über die Jahr­hun­derte ein ganz aktu­el­les geblie­ben ist. Aus­ge­hend von den für ihre Zeit weg­wei­sen­den Ideen Anna Ama­lias, ihre Bücher­samm­lung nicht nur im Schloss für sich zu behal­ten, son­dern diese den Men­schen zugäng­lich zu machen und für ihre Biblio­thek ein eige­nes Gebäude erbauen zu las­sen, deren ver­hee­ren­den Brand im Jahre 2004 und ihren erfolg­rei­chen Wie­der­auf­bau reicht es bis in die Gegen­wart zu den all­ge­gen­wär­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen, denen sich die Biblio­thek im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­sie­rung stel­len muss.

Bes­sere Bot­schaf­ter in Sachen Buch und Biblio­thek als Annette See­mann und Michael Kno­che konn­ten sich der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat und das Publi­kum für die­sen Abend nicht wün­schen.

Ingrid Annel – »Esel Erasmus unterwegs im sagenhaften Erfurt«

Gele­sen von Mat­thias Bis­ku­pek

 

Klug wie ein Esel

 

Es gibt Kin­der­bü­cher, die tun auch Erwach­se­nen gut und es gibt Werke für nicht kind­li­che Kun­den, die man Kin­dern auf den Nacht­tisch legen sollte. Sofern es noch buch­le­sende Kin­der mit Nacht­ti­schen gibt.

Ingrid Annel ist von jeher eine Autorin für jung und alt, weil sie sich den kind­li­chen, also nai­ven Blick bewahrt hat. Oder müsste es nicht eher hei­ßen: Die den Blick der Kin­der sich neu ange­eig­net hat? Und in ein­fa­cher wie auch dop­pel­sin­ni­ger Weise kon­ge­nial zu nut­zen weiß?

Um die große Zeit Erfurts zu erzäh­len, als es erst­mals dort eine Uni­ver­si­tät gab, die berühm­ten Dun­kel­män­ner­briefe erschie­nen, als Luthers Kar­riere dort begann, als Dr. Faus­tus und Till Eulen­spie­gel die bra­ven und die flei­ßi­gen Bür­ger belehr­ten und narr­ten, hat Ingrid Annel den Esel Eras­mus erfun­den. Genauer: Eulen­spie­gel hat den gelehr­ten Namen für einen wiss­be­gie­ri­gen Esel erfun­den. Das kluge Grau­tier, hin­ter des­sen Ohren sich Erfurts Sil­hou­ette auf dem Buch­um­schlag zeigt, hat näm­lich beim Eulen­spie­gel Lesen gelernt – nur spre­chen kann er nicht. Jeder Gedanke, jeder Spruch, alle Weis­heit hört sich bei ihm immer nur an wie Ia. Was, wenn man zu lesen ver­steht, auch Eins A! bedeu­tet.

Eras­mus lun­gert meist irgendwo am Ufer der Gera herum, dort, wo das Hand­wer­ker- und Stu­den­ten­le­ben im mit­tel­al­ter­li­chen Erfurt pul­siert. Mal hun­gert er, mal darf er sich den Bauch mit Hafer voll­schla­gen, vor allem dann, wenn jemand das Tier zum Säcke­trans­port nutzt. Und immer beob­ach­tet Eras­mus scharf, was diese Men­schen so reden und schrei­ben, trei­ben und sich gegen­sei­tig antun. Er hat quasi den Annel­schen Durch­blick.

Die gro­ßen Gescheh­nisse in der Stadt­ge­schichte, die nicht sel­ten Welt­ge­schichte abbil­den, hat Eras­mus alle mit­er­lebt: Luthers Blitz-Erkennt­nis, die ihn zum Mönch wer­den ließ. Guten­bergs Buch­druck-Seg­nun­gen. Faust, der Wein aus dem Tisch zapft. Da darf Leip­zigs Auer­bach-Kel­le­rei gern mal aus­ge­borgt wer­den. Auch den Dich­ter Hans Sachs trifft er – gewiss, es geht mit den Zei­ten ein biss­chen durch­ein­an­der, aber ein lite­ra­ri­sches Esel-Leben währt nun mal län­ger als ein Jahr­hun­dert. Stu­den­ti­sche Sit­ten aus eben­je­ner Blü­te­zeit Erfurts wer­den ein­dring­lich beschrie­ben, wenn die tie­ri­sche Natur im Wort­sinne aus den Pen­nä­lern her­aus­ge­prü­gelt wird. Und wer den Rechen­meis­ter Adam Ries bis­lang eher ins Erz­ge­birge nach Anna­berg ver­legte, wird lesen müs­sen: Auch der wirkte segens­reich eine zeit­lang in Erfurt. Als schließ­lich ein Mäd­chen, begeis­tert von der Schwar­zen Kunst, das Buch­druck­ge­werbe erler­nen möchte, was zwar im Sinne der Eman­zi­pa­tion wün­schens­wert wäre, muss das dann doch über den damals übli­chen Umweg gesche­hen: Sie wird einen Dru­cker hei­ra­ten und mit­hel­fende Ehe­frau …

Wer bis­lang nicht glau­ben mochte, dass Erfurt nicht nur wich­tig, son­dern über­aus wich­tig für die Welt­ge­schichte ist, der wird nach die­ser Lek­türe dran glau­ben müs­sen. Denn am Ende der Geschichte steht ein Bild: Ein auf­ge­schla­ge­nes Buch, hin­ter dem die Zip­fel einer Nar­ren­kappe her­vor­lu­gen.

  • Ingrid Annel: Esel Eras­mus unter­wegs im sagen­haf­ten Erfurt. Mit Illus­tra­tio­nen von Nadja Rüme­lin, Ber­tuch Ver­lag Wei­mar, 2018, 104 S., Fest­ein­band, 12,80 EUR.

 

Fragen an Peter Peterknecht, Inhaber der Buchhandlung Peterknecht in Erfurt

Direkt im Her­zen der thü­rin­gi­schen Lan­des­haupt­stadt Erfurt liegt die Buch­hand­lung Peter­knecht. Mit ihrem Inha­ber, Peter Peter­knecht, sprach Pas­cal Quicker vom Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat.

 

Pas­cal Quicker: Seit wann gibt es Ihre Buch­hand­lung und seit wann arbei­ten Sie in ihr? Oder, da die Buch­hand­lung Peter­knecht in Erfurt ja bekann­ter­ma­ßen eine Insti­tu­tion ist: Wie ver­lief Ihre bewegte Geschichte?

Peter Peter­knecht: Das in weni­gen Wor­ten zusam­men­zu­fas­sen ist kom­pli­ziert. Die Buch­hand­lung wurde 1805 unter dem Namen Knick­sche Buch­hand­lung gegrün­det. 1859 wurde sie von Hugo Neu­mann über­nom­men, der zu einer Erfur­ter Buch­händ­ler­dy­nas­tie gehörte und ver­schie­dene Laden­ge­schäfte besaß. Unser Haus fir­mierte dann unter dem Namen Hugo Neu­manns Buch­hand­lung. Die Buch­hand­lung prägte und beherrschte den Erfur­ter Markt; aus ihr gin­gen die Key­ser­sche Buch­hand­lung sowie unter­schied­li­che Lei­han­ti­qua­riate her­vor.
Mein Groß­va­ter ist 1935 aus Frank­furt am Main nach Erfurt gekom­men. Er war dort Geschäfts­füh­rer der Caro­lus-Buch­hand­lung, wurde jedoch von den Nazis aus die­ser Stel­lung getrie­ben. In Erfurt kaufte er dann für 8.000 Reichs­mark die heu­tige Buch­hand­lung Peter­knecht von einem Herrn Wil­helm Kempf. Dabei han­delte es sich, was auf­grund des Datums natür­lich wich­tig zu erwäh­nen ist, nicht um eine Zwangs-Ari­sie­rung. Nach­dem mein Groß­va­ter nicht aus dem Krieg zurück­kehrte – er wurde als ver­misst gemel­det –, über­nahm meine Groß­mutter das Geschäft. 1966 stieg dann mein Vater in die Firma ein. Er hat die Buch­hand­lung in der Folge zu neuen Höhen geführt. Mit einer Geschäfts­flä­che von ein­hun­dert Qua­drat­me­tern waren wir die größte katho­li­sche Buch­hand­lung in der gesam­ten DDR.
1989 haben wir die Buch­hand­lung wie­der repri­va­ti­siert, nach­dem wir zuvor 1967 einen staat­li­chen Anteil auf­neh­men muss­ten und somit eine KG waren. Diese Gel­der haben wir zurück­ge­zahlt und sind seit 1990 wie­der eine pri­vate Buch­hand­lung. Die Ent­wick­lung ging dann wei­ter, wir haben uns ver­grö­ßert und ver­schie­dene Filia­len aus­pro­biert, wel­che jedoch alle wie­der geschlos­sen wur­den. 1998 haben wir dann an die­ser Stelle – am Anger 28 – auf sie­ben­hun­dert­fünf­zig Qua­drat­me­tern neu auf­ge­schlos­sen. Wir haben den Kopf nie in den Sand gesteckt, obwohl wir neben­bei immer ver­schie­dene Filia­lis­ten mit vor Ort hat­ten. Da war in unmit­tel­ba­rer Nähe Buch-Habel und Hugen­du­bel, mit je einer Flä­che von 2.400 Qua­drat­me­tern. Es gab auch eine große Flä­che Buch­ver­kauf bei Bre­u­nin­ger und Kar­stadt. Vie­les davon exis­tiert heute nicht mehr – uns gibt es noch. Und das wird nach unse­rer Über­zeu­gung auch künf­tig so blei­ben.

 

Sind die Wur­zeln der katho­li­schen Buch­hand­lung noch heute rele­vant für Sie?

Das ist eine sehr kom­pli­zierte Frage. Die katho­li­sche Kir­che hat sich dazu ent­schie­den, dass diese Wur­zeln nicht wei­ter gepflegt wer­den, und zwar dadurch, dass 1993 in Erfurt die Dom­buch­hand­lung als Zweig­stelle des Leip­zi­ger St. Benno Ver­lags eröff­net wurde. Die stark theo­lo­gi­schen Ele­mente in unse­rer Buch­hand­lung sind bei­nahe gänz­lich ver­schwun­den. Das hängt auch damit zusam­men, dass wir keine Pfarr­äm­ter mehr belie­fern kön­nen. Die Ver­triebs­wege zu Pfarr­äm­tern sind sehr kom­pli­ziert gewor­den.
Außer­dem sehe ich, obwohl wir hier in Erfurt das Pries­ter­se­mi­nar sowie eine theo­lo­gi­sche Aus­bil­dung an der Uni­ver­si­tät haben, aus­ge­spro­chen sel­ten einen Pfar­rer oder Theo­lo­gie­stu­den­ten in unse­rer Buch­hand­lung. Wel­che Gründe das hat, kann ich nicht sagen. Ich habe dem­entspre­chend nicht das Gefühl, dass über­haupt noch der Bedarf nach der Buch­hand­lung Peter­knecht als katho­li­scher Buch­hand­lung besteht. Es gibt schließ­lich die christ­li­che Buch­hand­lung am Dom­platz, wel­che aller­dings weit stär­ker dem soge­nann­ten Devo­tio­na­li­en­han­del obliegt. Wir selbst haben wei­ter­hin ein Regal mit allen wich­ti­gen reli­giö­sen Titeln So gibt es neben den ver­schie­de­nen Bibel­aus­ga­ben und Gesang­bü­chern durch­aus auch popu­läre Bücher zu christ­li­chen The­men. Auch andere Reli­gio­nen sind berück­sich­tigt.

 

Wie kamen Sie zum Buch und was bedeu­tet es für Sie, Buch­händ­ler zu sein? Oder viel­leicht in Ihrem Fall: Wird einem das Buch­händ­ler-Sein als Sohn einer Buch­händ­ler­fa­mi­lie bereits in die Wiege gelegt? Wie schwer ist es, einem sol­chen Fami­li­en­un­ter­neh­men seine per­sön­li­che Hand­schrift zu geben?

Das ist manch­mal ein­fa­cher als man denkt. Viele wis­sen nicht, dass ich schon seit 1989 in die­ser Buch­hand­lung arbeite und sie mir bereits seit 1992 gehört. Das ist zwar nicht wei­ter rele­vant, da mein Vater und ich lange Zeit gemein­sam mit gemein­sa­men Ideen gear­bei­tet haben. Jedoch konnte auch ich in die­ser Kon­stel­la­tion mei­nen eige­nen Part ein­brin­gen, näm­lich dass auch die finan­zi­el­len Aspekte ent­spre­chende Berück­sich­ti­gung fan­den. Wir haben uns immer sehr gut ergänzt.
Die Liebe zum Beruf wurde mir in die Wege gelegt, wobei ich auch sagen muss, dass ich zwei Brü­der habe die weder Bücher lie­ben noch gerne lesen. Ich bin ein viel­sei­ti­ger Leser in allen Berei­chen, der sich ein Leben ohne das Medium Buch nicht vor­stel­len kann. Aller­dings bin ich auch sehr offen, was die Art und Weise des Lesens angeht. Ich lese in jeder Form und unter­scheide dabei nicht zwi­schen elek­tro­ni­schen Büchern und Print­me­dien.

 

Wie sieht ein typi­scher Arbeits­tag bei Ihnen aus?

Ich bin mor­gens um acht im Büro, schalte mei­nen Rech­ner an, bear­beite meine E-Mails, kon­trol­liere die Zah­len des Vor­ta­ges, führe danach Umsatz­ge­sprä­che mit Mit­ar­bei­tern über die Ent­wick­lung in ein­zel­nen Abtei­lun­gen. Außer­dem küm­mere ich mich um die werb­li­chen Aspekte. Ich schaue bei unse­ren Social-Media-Kanä­len und unse­rer Web­site nach, ob irgend­et­was geän­dert wer­den muss, was ich dann in gege­be­nem Fall wei­ter dele­giere. Ich küm­mere mich um Kon­to­stände, eine Liqui­di­täts­pla­nung und dann – gehe ich auch mal in die Buch­hand­lung.
Dort ver­bringe ich unge­fähr sech­zig Pro­zent mei­ner Arbeits­zeit. Es ist mir dabei sehr, sehr wich­tig, mich in allen Berei­chen aus­zu­ken­nen, was mir, denke ich, auch ziem­lich gut gelingt. Mich freut es täg­lich aufs Neue, wenn ich Kun­den in der Buch­hand­lung sehe, die gern bei uns sind und auch das fin­den, was sie suchen. Ich berate gern und bin in die­ser Hin­sicht wohl auch ein typi­scher Buch­händ­ler. Die­sen zeich­net aus, dass er sich in allen Berei­chen aus­kennt; nicht nur in der Bel­le­tris­tik, son­dern bei­spiels­weise auch in der juris­ti­schen Abtei­lung.

 

Wie gelingt es, dass man in einer so gro­ßen Buch­hand­lung wie der Ihren zu allen The­men eine fach­lich fun­dierte Kun­den­be­ra­tung bie­ten kann?

Dabei spie­len die ein­zel­nen Abtei­lungs­lei­ter die Haupt­rolle. Wir haben ja eine ganze Menge Mit­ar­bei­ter – nicht Ange­stellte. Jeder hat seine Spe­zi­al­ab­tei­lung, kennt sich aller­dings auch in den ande­ren Abtei­lun­gen meist mehr oder weni­ger gut aus.

 

Was freut Sie als Buch­händ­ler, was betrübt Sie?

Bei vie­len Kol­le­gen aus klei­ne­ren wie grö­ße­ren Buch­hand­lun­gen bemerke ich eine Art Selbst­mit­leid. Alle Pro­bleme wer­den auf den Online­han­del gescho­ben, wodurch sich die wenigs­ten Kol­le­gen in ers­ter Instanz mit sich selbst beschäf­ti­gen. Ich bin über­zeugt, dass die Sicht auf das eigene Unter­neh­men in unse­rem Beruf das wich­tigste ist. Man sollte den Aus­tausch mit Kol­le­gen suchen, sehen, was andere bes­ser und nicht schlech­ter machen. Man kann über­all ler­nen, Neues ent­de­cken und sich dadurch selbst wei­ter­ent­wi­ckeln.
Sehr gefällt mir, dass der Buch­han­del wie­der mehr Selbst­be­wusst­sein an den Tag legt. Die große Angst vor dem Online­han­del hat inzwi­schen wie­der abge­nom­men, man sagt selbst­be­wusst: »Ja, wir sind Buch­händ­ler, wir ver­kau­fen Bücher und füh­len uns mit unse­ren Pro­duk­ten wohl.« Das hört man immer wie­der. Posi­tiv her­vor­zu­he­ben ist dabei natür­lich auch der Buch­hand­lungs­preis, der viele klei­nere Buch­hand­lun­gen mit Stolz erfüllt, wenn sie mit ihm aus­ge­zeich­net wer­den. Wir haben die­ses Jahr auch das Glück, ihn zu erhal­ten, natür­lich auf­grund unse­res Umsat­zes in der undo­tier­ten Form. Aber auch wir dür­fen nach Kas­sel fah­ren und die­sen Preis ent­ge­gen­neh­men.

 

Sehen Sie in der zuneh­men­den Digi­ta­li­sie­rung des Buch­mark­tes eine Bedro­hung für das Buch als sol­ches?

Nein, ich sehe eine Ver­viel­fäl­ti­gung. Wir erle­ben im Moment einen gro­ßen Wan­del im Bereich Hör­buch, was aber eine ganz logi­sche Ent­wick­lung ist. Das Zeit­al­ter der CD ist ein­fach vor­bei. Ebenso wie die Kas­sette ver­schwun­den ist, wird auch die CD ver­schwin­den, aller­dings nicht durch ein neues Medium ersetzt wer­den. Es wird Hör­bü­cher in Zukunft nur noch in digi­ta­ler Form geben, ohne dass der Buch­han­del für den Ver­kauf eine  Rolle spie­len wird. Sel­bi­ges wird mit den Fil­men pas­sie­ren. Es gibt zwar noch DVDs, wel­che wir auch ver­kau­fen, jedoch wird weder die­ses Medium, noch die Blu-ray-Disk in Zukunft noch eine große Rolle spie­len. Die tech­ni­sche Ent­wick­lung läuft dem ent­ge­gen. Das ist auch ein Genera­tio­nen­thema, zu dem jeder unter­schied­lich steht. Ich selbst sehe die Ent­wick­lung dabei nicht als ver­werf­lich an.
Bei Büchern ist es dage­gen ganz anders. Wir ver­kau­fen bereits seit 15 Jah­ren E-Books, unser Online­shop hat seine Pfor­ten 1996 geöff­net. Ich habe mich mit Ver­la­gen schon über Daten­au­to­bah­nen unter­hal­ten, als wir noch mit weni­gen Mega­bit unter­wegs waren. Das war zwar etwas müh­sam, funk­tio­nierte aber auch. Auf jeden Fall habe ich die Ent­wick­lung im E-Book-Bereich immer skep­tisch gese­hen, da sowohl die Gewinn­mar­gen sehr klein sind, als auch das hap­ti­sche Ver­kau­fen nicht statt­fin­det. Bei uns ist das E-Book ein Zusatz­pro­dukt, das heißt, wir tei­len unse­ren Kun­den zwar mit, dass wir E-Books ver­kau­fen, ver­wei­sen dabei aller­dings immer gerne auf das hand­feste Medium Buch. Der E-Book-Ver­kauf fin­det zwar statt, hab mit Blick auf unse­ren Gesamt­um­satz aber kei­nen gro­ßen Stel­len­wert.

 

Was ist ein typi­sches Pro­blem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?

Das ein­zige Thema, das mir ein­fal­len würde, ist die nach­las­sende Fre­quenz. Für die­ses Pro­blem suchen momen­tan mit Sicher­heit viele Buch­händ­ler eine Lösung. Ich bin der Mei­nung, man muss für seine Kli­en­tel, seine Kund­schaft, seine Buch­käu­fer kämp­fen. Um die­sen einen Mehr­wert zu bie­ten, muss man etwas tun. Damit meine ich nicht, Kaf­fee oder sons­tige Non­book-Arti­kel anzu­bie­ten, son­dern wirk­li­che Inter­es­sens­be­kun­dung mit­tels Ver­an­stal­tun­gen. Wir selbst ver­an­stal­ten im Jahr circa 70 Lesun­gen, was für eine Buch­hand­lung unse­rer Größe ver­gleichs­weise viel ist. Mit unse­rem Ver­an­stal­tungs­pro­gramm spre­chen wir alle Inter­es­sens­ge­biete an, bedie­nen unter­schied­li­che Kli­en­tel. Nur aus der Poli­tik hal­ten wir uns raus, denn ich per­sön­lich bin der Mei­nung, dass eine Buch­hand­lung kein poli­ti­scher Ort ist. Man kann Poli­tik dar­le­gen und Bücher zum Thema han­deln. Letz­te­res tun auch wir. Was wir dabei aller­dings aus­gren­zen, sind die extre­men Berei­che, und zwar rechts und links.

 

Wie und wodurch hat sich Ihre Arbeit in den letz­ten Jah­ren ver­än­dert?

Die Digi­ta­li­sie­rung spielt dabei eine große Rolle. Momen­tan voll­zieht sich bereits der nächste Wan­del. Wir müs­sen begin­nen, den Social-Media-Bereich anders zu betrach­ten. Der Schwer­punkt geht weg vom Text, hin zum Bild. Da muss man natür­lich genau hin­se­hen und sich fra­gen, wo man mit­spie­len kann. Dar­über hin­aus müs­sen wir unsere Web­site anpas­sen, die inzwi­schen doch ver­al­tet wirkt. Im nächs­ten Jahr wird ein Relaunch erfol­gen. Dar­über hin­aus müs­sen wir im E-Pro­cu­re­ment-Bereich ver­stärkt arbei­ten, also im Busi­ness-to-Busi­ness und im Busi­ness-to-Con­su­mer-Geschäft. Denn auch das Groß­kun­den­ge­schäft ist für uns sehr wich­tig, wes­halb wir es uns nicht abneh­men las­sen soll­ten. Es gibt viele starke, große Player am Markt, die in die­sen Hin­sich­ten ein­fach über ganz andere Mög­lich­kei­ten ver­fü­gen. Das sind die Berei­che, in denen wir noch sehr hin­ter­her sind und sehr viel Geld aus­ge­ben, damit wir auch in Zukunft leis­tungs­fä­hig blei­ben.

 

Wie sehen Sie die Ent­wick­lung des Buch­mark­tes und die Ihrer Buch­hand­lung in den nächs­ten zehn Jah­ren?

Ich habe den Wunsch, dass wir in die­ser Form wei­ter­exis­tie­ren und uns auch neuen Anfor­de­run­gen stel­len kön­nen. Aller­dings kommt die Suche nach einer Ant­wort auf diese Frage ein Stück weit dem Lesen in der Schnee­ku­gel gleich. Vor zehn Jah­ren wusste ich nicht, was in zehn Jah­ren sein wird. Jetzt weiß ich es, und ich hätte nicht gedacht, dass es so ein­fach sein würde. Zwar hat der Markt pri­mär im tech­ni­schen Bereich neue Her­aus­for­de­run­gen ent­wi­ckelt, aller­dings ist die­ser Wan­del für uns bis­her rela­tiv pro­blem­los von­stat­ten gegan­gen. Ich bin mir ziem­lich sicher, dass wir in rela­tiv kur­zer Zeit elek­tro­ni­sche Ver­kaufs­be­ra­ter haben wer­den. Außer­dem muss es Video­ka­näle geben, über die man mit den Kun­den über Bücher spre­chen kann – auch wenn ich weiß, dass unsere Bran­che so etwas gern ablehnt. Es wird sich im Lie­fer­be­reich viel ver­än­dern. Schließ­lich kann es nicht sein, dass nur die gro­ßen Player auf dem Markt in Groß­städ­ten inner­halb von zwei Stun­den lie­fern. Das wird auch der regio­nale Buch­han­del schaf­fen. Man muss manch­mal auch über eigene Schat­ten sprin­gen, um sich anschlie­ßend mit von Stolz geschwell­ter Brust hin­stel­len und sagen zu kön­nen: »Wir sind das, wir kön­nen das, wir machen das.«

 

Wie behaup­ten Sie sich gegen Bran­chen­rie­sen wie Tha­lia, Hugen­du­bel und Ama­zon? Funk­tio­niert even­tu­ell sogar eine Art der Zusam­men­ar­beit, anstelle sich nur behaup­ten zu müs­sen, oder stellt sich das eher als schwie­rig dar?

Ich denke, das hängt jeweils vom Stand­ort und damit den Wett­be­werbs­be­din­gun­gen einer Buch­hand­lung ab. In Erfurt ist es so, dass wir im Buch­han­dels­be­reich viel­leicht doch eher die ‚Gro­ßen‘ sind und dem­entspre­chend von ande­ren Kol­le­gen als Bedro­hung betrach­tet wer­den. Wir sehen uns so nicht. Ich ver­mute, dass es bei den Filia­lis­ten teil­weise ähn­lich ist; dass ein Filia­list auf die vie­len klei­nen Buch­hand­lun­gen schaut, ihre Exis­tenz aner­kennt und sagt: »Sie stö­ren mich nicht.« Man selbst emp­fin­det die Filia­lis­ten natür­lich trotz­dem als Bedro­hung. Wir haben jedoch gelernt, mit unse­ren Kol­le­gen hier in Erfurt umzu­ge­hen. Wir rufen auch, wenn uns mal ein Buch fehlt, an und las­sen es von einem Mit­ar­bei­ter für unse­ren Kun­den holen. Schließ­lich lie­gen wir auch nur 600 Meter von­ein­an­der ent­fernt. Es gibt also, sagen wir, eine Koexis­tenz, die gut funk­tio­niert. Des­halb bin ich bezüg­lich der ande­ren Buch­hand­lun­gen in der Stadt der Mei­nung, dass jede für sich ihr Bes­tes geben kann. Wir zum Bei­spiel füh­ren eine gute sor­tierte juris­ti­sche Abtei­lung und haben eine bes­sere Rei­se­ab­tei­lung als Hugen­du­bel. Das sind Berei­che, die uns per­sön­lich wich­tig sind. Dar­un­ter fällt ebenso die Kin­der­li­te­ra­tur, wel­che in Erfurt dar­über hin­aus von der Fach­buch­hand­lung auf der Krä­mer­brü­cke her­vor­ra­gend ver­trie­ben wird. Alles läuft also gut neben­ein­an­der, solange jeder eigene Aspekte zu set­zen ver­mag, die ihn unver­wech­sel­bar machen.

 

Wie und wo erfah­ren Sie von neuen Büchern? Nach wel­chen Kri­te­rien wäh­len Sie aus der Fülle der Neu­erschei­nun­gen aus?

Da gibt es zwei Geis­ter in mei­ner Brust. Zum einen muss man natür­lich die Ver­käuf­lich­keit und den mög­li­chen Gewinn berück­sich­ti­gen. Zum ande­ren möchte man wie­derum Lite­ra­tur neu ent­de­cken und bestimmte Bücher sei­nen Kun­den unbe­dingt ans Herz legen. Das eine funk­tio­niert nicht ohne das andere, da man sich das eine ohne das andere nicht leis­ten kann.

 

Wel­che Erfah­run­gen haben Sie mit Best­sel­ler­lis­ten? Hal­ten Sie sich an diese, indem Sie ein Regal mit Ihnen bestü­cken?

Wir haben eine große Wand, auf der alle drei Spie­gel-Best­sel­ler­lis­ten ste­hen, sowohl im Hard­co­ver wie auch im Taschen­buch. Diese Lis­ten haben ihre Berech­ti­gung. Ich bin nicht der Mei­nung, dass sie nur Ver­kaufs­zah­len und nicht den Kun­den­ge­schmack wider­spie­geln, denn wir geben unsere Daten auch an den Spie­gel und las­sen sie mit aus­wer­ten. Das Ergeb­nis ist schon ziem­lich stim­mig, wenn auch bestimmt nicht in jedem Teil der Repu­blik. Außer­dem halte ich die Lis­ten für wich­tig, um den Kun­den eine Ori­en­tie­rung zu bie­ten. Par­al­lel dazu sollte man als Buch­hand­lung natür­lich immer auch noch seine jeweils eige­nen Best­sel­ler haben. Wir fer­ti­gen selbst Kata­loge an. Diese Kata­loge spie­geln dann unsere eige­nen Inter­es­sen stär­ker wie­der, wodurch wir den Kun­den neben den Best­sel­ler­lis­ten auch unsere per­sön­li­chen Vor­lie­ben bes­ser ver­mit­teln kön­nen.

 

Wel­che Rolle spielt regio­nale Lite­ra­tur in Ihrer Buch­hand­lung?

Eine sehr, sehr große Rolle. Eben gab es erst die Glücks­orte in Erfurt. Wir pro­mo­ten so etwas dann auch, indem wir mit einer Anzeige ins Stadt­ma­ga­zin gehen. Die Bücher wer­den pro­mi­nent an der Kasse und in der jewei­li­gen Abtei­lung gezeigt. Wir haben auch ver­schie­dene Fes­ti­vals, bei denen regio­nale Lite­ra­tur eine Rolle spielt. Damit haben wir gro­ßen Erfolg. Wir stel­len das Jahr­buch für Erfur­ter Geschichte bei uns vor, wir haben regio­nale Autoren, die mit fast jedem neuen Buch zu uns kom­men. Dabei ver­die­nen wir natür­lich auch Geld, vor allem jedoch lau­tet unser Motto »Peter­knecht ist Erfurt« – und das leben wir auch. Des­we­gen gehört es selbst­ver­ständ­lich mit dazu, dass wir auch einige eher unge­wöhn­li­che und spe­zi­elle Bücher im Ver­kauf haben – bei­spiels­weise zur Erfur­ter Mund­art.

 

Funk­tio­niert diese regio­nale Ori­en­tie­rung auch über eine Zusam­men­ar­beit mit der Stadt oder loka­len Ver­ei­nen?

Meis­tens bege­hen wir die­sen Weg eher allein, da sich das Ganze sonst in mei­nen Augen oft zu sehr zer­fa­sert. Wir arbei­ten gerne mit der Biblio­thek, dem Kul­tur­quar­tier und ver­schie­de­nen Fir­men in der Stadt zusam­men, vor allem in Ver­bin­dung mit unse­ren Fes­ti­vals. Die meis­ten Lesun­gen kön­nen wir jedoch in unse­rem Haus selbst ver­an­stal­ten – wir haben eine Kapa­zi­tät von bis zu zwei­hun­dert Per­so­nen -, wes­halb der, sonst oft benö­tigte, zweite Ort für Lesun­gen für uns nicht beson­ders wich­tig ist.

 

Ver­an­stal­ten Sie Lesun­gen auch mit Thü­rin­ger Autorin­nen und Autoren? Wie finan­zie­ren Sie diese und wel­chen prak­ti­schen Nut­zen hat eine sol­che Lesung für Sie als Buch­händ­ler?

Zum ers­ten Teil der Frage, ja. Wir haben ein loka­les Pro­gramm an Lesun­gen, bei­spiels­weise über die Zusam­men­ar­beit mit regio­na­len Autoren, die Vor­stel­lung der Kri­mi­nal­akte Thü­rin­gen oder von Erfurt für Klug­schei­ßer in einem Bier­gar­ten. Dar­un­ter fal­len sowohl spe­zi­elle als auch breit wirk­same Ver­an­stal­tun­gen. Wir ver­su­chen viele Berei­che abzu­ste­cken.
Die Frage, ob sich eine Lesung lohnt, ist inter­es­sant. Ich habe zum Beant­wor­ten die­ser Frage eine Tabelle, wel­che hin­ten über eine Spalte ver­fügt, die ent­we­der rot oder schwarz ist. Wenn ich alles mit ein­rechne, inklu­sive Per­so­nal und sons­ti­gen Aus­ga­ben, lande ich am Ende zu 60 Pro­zent bei einer roten und zu 40 Pro­zent bei einer schwar­zen Zahl. Diese 40 Pro­zent machen aller­dings min­des­tens 80 Pro­zent des Gewinns bei den Lesun­gen aus. Das hängt auch damit zusam­men, dass wir teil­weise sehr bekannte Schrift­stel­ler ein­la­den kön­nen. Wenn dann Tho­mas Gott­schalk oder Otto Waal­kes hier sind, funk­tio­niert das Ganze von allein.
Ansons­ten lohnt sich eine Lesung immer, da jede Lesung auch immer Wer­bung für die Buch­hand­lung ist. Und die lokale Presse nimmt uns zur Kennt­nis. In Erfurt ist das nicht so leicht, da es neben uns die Herbst­lese gibt.

 

Gibt es eine Zusam­men­ar­beit mit der Erfur­ter Herbst­lese?

Ich habe es vor eini­gen Jah­ren auf­ge­ge­ben, mich um eine Koope­ra­tion zu bemü­hen.

 

Apro­pos Fes­ti­vals: Sie ver­an­stal­ten die Erfur­ter Kin­der­buch­tage. Seit wann gibt es sie und haben Sie Unter­stüt­zer für die Kin­der­buch­tage?

Die Erfur­ter Kin­der­buch­tage ver­an­stal­ten wir seit über zwan­zig Jah­ren. Dabei han­delt es sich um ein Pro­jekt, das uns beson­ders am Her­zen liegt. Mit mei­nen eige­nen Kin­dern habe ich auch viele andere Kin­der mit den Kin­der­buch­ta­gen groß wer­den sehen. Es ist immer wie­der schön, wenn die Kin­der von einst, heute teil­weise schon Müt­ter und Väter, wie­derum ihre eige­nen Kin­der mit zu den Kin­der­buch­ta­gen brin­gen. Das ist jedes Mal ein Erleb­nis.
Wir arbei­ten dabei mit vie­len Koope­ra­ti­ons­part­nern zusam­men. Dar­un­ter die »Thü­rin­ger All­ge­meine«, die uns in der Öffent­lich­keits­ar­beit unter­stützt, die Stadt­werke Erfurt als Haupt­spon­sor sowie andere Spon­so­ren als zusätz­li­che Geld- und Ide­en­ge­ber. Nur aus der eige­nen Leis­tung her­aus würde das Ganze nicht funk­tio­nie­ren. Denn wir neh­men sehr geringe Ein­tritts­gel­der, zwi­schen einem und drei Euro, damit kann man nichts finan­zie­ren. Wir zah­len an die Autoren nor­male Gagen, haben mit dem Hotel Zum­norde einen Spon­sor, bei dem die Autoren über­nach­ten kön­nen. Das hilft uns sehr. Seit acht Jah­ren arbei­ten wir jeweils nur mit einem Ver­lag zusam­men. Das hilft inso­fern, als dass wir so alle wich­ti­gen Autoren aus dem Ver­lag für die Kin­der­buch­tage bekom­men. Für den Ver­lag ist das auch eine Auf­gabe. Und trotz­dem ist es inzwi­schen so, dass nicht mehr wir uns um Ver­lage bemü­hen müs­sen, son­dern sich die Ver­lage bei uns bewer­ben. Das zeigt, dass die Kin­der­buch­tage inzwi­schen von über­re­gio­na­lem Inter­esse sind. Soweit ich weiß, ver­fügt keine andere Buch­hand­lung über ein ähn­li­ches For­mat. Die Kin­der­buch­tage machen zwar sehr viel Arbeit, sind jedoch jedes Mal ein Erfolgs­er­leb­nis, vor allem wenn man die Kin­der lächeln sieht.
Außer­dem leis­ten wir damit einen erheb­li­chen Bei­trag zur Lese­för­de­rung. Wir las­sen die Kin­der ihre Lieb­lings­bü­cher bestim­men. Vor zwei Wochen konn­ten wir so die Schmö­ker­hits für 2019 an die Kin­der über­ge­ben, wel­che die­ses ein­ma­lige Ran­king in Deutsch­land für uns erar­bei­ten. Mit allen Autoren gehen wir neben den öffent­li­chen Lesun­gen auch in Schul­klas­sen. Dadurch lesen mit­un­ter sehr bekannte Autoren, die sich ein­zelne Schu­len nicht leis­ten könn­ten, vor Schul­klas­sen.

 

Glau­ben Sie, dass es heute beson­ders wich­tig ist, sich für eine lesende Jugend zu enga­gie­ren?

Ich halte es für sehr, sehr wich­tig, da wir fest­ge­stellt haben, dass das Buch im Port­fo­lio der Frei­zeit­be­schäf­ti­gun­gen keine so große Rolle mehr spielt wie noch vor zehn  Jah­ren. Heute sind andere Dinge wich­tig. Dabei stellt sich nicht die Frage, wie viele Bücher man hat oder kauft, son­dern ob man Bücher hat oder kauft. Man muss das Lese­er­leb­nis för­dern und sich dabei auch auf die Kin­der und die Art, wie sie Texte kon­su­mie­ren möch­ten, ein­las­sen. Ob sie es mit Bil­dern zum Text oder an einem Bild­schirm machen möch­ten, egal wie, es geht darum, das Kino im Kopf zu erzeu­gen. Das ist in mei­nen Augen das Wich­tigste. Das ist unser Haupt­an­lie­gen.

 

Als Mit­wir­ken­der an der Erfur­ter Kin­der-Uni­ver­si­tät habe ich selbst mit­be­kom­men, dass Sie in die­sem Rah­men mit der Uni­ver­si­tät Erfurt zusam­men­ge­ar­bei­tet haben. Gibt es gene­rell eine engere Koope­ra­tion mit der Uni oder der FH?

Bei den Kin­der­buch­ta­gen arbei­ten wir inzwi­schen schon seit drei­zehn Jah­ren mit der Grund­schul­päd­ago­gik der Uni­ver­si­tät Erfurt zusam­men. Dabei unter­stüt­zen uns vor allem die Erst­se­mes­ter. Das heißt also auch, dass die Stu­die­ren­den sich erst­ma­lig mit Kin­dern aus­ein­an­der­set­zen, neben der Theo­rie oft erste Pra­xis­er­fah­run­gen machen. Die Stu­die­ren­den hel­fen uns bei unse­rer gro­ßen Kin­der­buch­party, fah­ren auch mit in der Stra­ßen­bahn und par­ti­zi­pie­ren an ande­ren, beson­de­ren Aktio­nen. Die Zusam­men­ar­beit ist her­vor­ra­gend und macht viel Freude. Es ist ein gesun­des Mit­ein­an­der. Dar­über hin­aus hilft uns natür­lich auch das Spon­so­ring der Uni Erfurt bei der Aus­rich­tung der Kin­der­buch­tage.
Auch ansons­ten arbei­ten wir sehr eng mit bei­den Hoch­schu­len, Uni­ver­si­tät und FH, zusam­men. Zum Bei­spiel gestal­ten wir die Erst­se­mes­ter­beu­tel, außer­dem gibt es von uns jedes Jahr für jeden Stu­den­ten einen Col­le­ge­block. Wir küm­mern uns natür­lich auch darum, dass die Bücher, die uns die Dozen­ten für ihre Semi­nare nen­nen, immer bei uns auf Lager sind.

 

Bemer­ken Sie Stu­die­rende als Kun­den?

Der Stu­die­rende kommt in die Buch­hand­lung, wenn er etwas Kon­kre­tes braucht. Das sind meis­tens die Spra­chen, manch­mal auch bestimmte phi­lo­so­phi­sche Texte. Da es an den meis­ten Hoch­schu­len jedoch inzwi­schen fer­tige Skripte gibt, ist der Ver­kauf an Hoch­schul­li­te­ra­tur enorm zurück­ge­gan­gen. Wir mer­ken die Semes­ter­an­fänge zwar sehr deut­lich, rich­ten uns auf sie ein, jedoch wird die stu­den­ti­sche Nach­frage nach Lite­ra­tur von Jahr zu Jahr weni­ger.

 

Wie stellt sich das Spek­trum Ihrer Kun­den in Hin­blick auf das Alter dar?

Ich müsste jetzt sagen, es kom­men alle und füh­len sich wohl. Aber lei­der ist das nicht der Fall. Unser Sor­ti­ment spricht zwar grund­sätz­lich alle Alters­grup­pen an, jedoch, wenn man ehr­lich ist, bewegt sich unse­rer Haupt­kund­schaft mehr im Bereich Drei­ßig bis Acht­und­drei­ßig und dann wie­der ab Fünf­zig. Das ist in etwa unsere Ziel­gruppe. Wen wir nicht errei­chen, das sind junge Men­schen ab acht­zehn Jahre. Das mer­ken wir in ver­schie­de­nen Berei­chen. Natür­lich ist das kein Aus­schluss­kri­te­rium, auch für diese Alters­grup­pen bie­ten wir Bücher an. Jedoch bemer­ken wir in der Alters­struk­tur unse­rer Kund­schaft, dass sehr viele jugend­li­che Mäd­chen nur bis sech­zehn, sieb­zehn, Jun­gen oft nur bis fünf­zehn in die Buch­hand­lung kom­men. Irgend­wann kom­men sie jedoch alle wie­der. Und sei es beim Kauf der Schul­bü­cher für das erste Kind. Eine genaue Ziel­gruppe zu nen­nen ist also schwie­rig.

 

Ken­nen Sie die Thü­rin­ger Lite­ra­tur­zeit­schrift »Palm­baum«, die der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat e.V. gemein­sam mit der Thü­rin­gi­schen Literar­his­to­ri­schen Gesell­schaft Palm­baum e.V. zwei­mal im Jahr her­aus­gibt?

Ja, ich kenne den »Palm­baum«. Ich halte ihn aller­dings teil­weise für etwas zu abge­ho­ben und zu eli­tär. Viel­leicht soll­ten sich die Macher der Zeit­schrift ab und zu das »hEFt« aus Erfurt holen und ver­glei­chend dane­ben­le­gen – junge Texte, klare Texte – und den eli­tä­ren Anspruch etwas nach unten schrau­ben. Dann würde die Auf­lage viel­leicht etwas stei­gen.

 

Eine abschlie­ßende Frage: Wel­che The­men bren­nen Ihnen momen­tan auf den Nägeln?

Nichts Expli­zi­tes, aller­dings würde mir bezüg­lich des Mar­ke­tings noch eine Sache ein­fal­len. Ich hatte vor­hin bereits ange­spro­chen, dass man als Buch­händ­ler in die­ser Hin­sicht immer sehen muss was man machen kann, was funk­tio­niert. Damit meine ich zum Bei­spiel unser eige­nes, hier frei aus­lie­gen­des Maga­zin. Wir fer­ti­gen es zwar zusam­men mit Kol­le­gen an, jedoch ist es mit eige­nen Buch­tipps, einer eige­nen Ser­vice­seite und eige­nen Lesun­gen sehr stark indi­vi­dua­li­siert. Das halte ich noch für einen sehr wich­ti­gen Aspekt. Außer­dem haben wir einen Kata­log, in dem Emp­feh­lun­gen auf­ge­führt sind. Wäh­rend ers­te­res drei­mal im Jahr erscheint und damit aktu­el­ler ist, ist unser Kata­log eher wie Ikea Kata­log, wel­cher nur halb­jähr­lich erscheint. So etwas kann man aller­dings nicht allein bewäl­ti­gen. Auch hier ist es wich­tig mit Buch­hand­lungs­kol­le­gen zusam­men­zu­ar­bei­ten. Dane­ben geben wir noch einen Kin­der­li­te­ra­tur­füh­rer her­aus. Unser KiLiFü ist zwar all­ge­mein erhält­lich und ganz ein­fach ein­ge­kauft, jedoch für uns indi­vi­dua­li­siert. So kön­nen wir das Thema Kin­der­li­te­ra­tur, das uns sehr am Her­zen liegt, noch ein biss­chen bes­ser nach außen tra­gen.

Herr Peter­knecht, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Robert Sorg – »Feldrandzeichen«

Gele­sen von Roland Bär­win­kel

Das Dröhnen der Flügelschläge

 

In dyna­mi­schen Pro­zes­sen wie etwa Bezie­hun­gen ist nicht abzu­se­hen, wie sich die Ände­rung von Aus­gangs­be­din­gun­gen lang­fris­tig auf ein Sys­tem aus­wir­ken. Kann ein Flü­gel­schlag ein Beben aus­lö­sen? Sorg führt in sei­nen Tex­ten pri­vate Momente des laten­ten Umschwungs vor.  Zwi­schen einem Paar, im lyri­schen Sub­jekt selbst. Die Spra­che sucht ein Ich und ein Du auf­zu­spü­ren, zu fas­sen. In Zei­len, Anspie­lun­gen und Bil­dern ruft der Autor auf, was auch uns betrifft, aus­macht: das Janus­köp­fige, Wider­spens­tige, den inne­ren Kampf und das Bild, das wir dabei von uns abge­ben. Was wäre, könnte man meh­rere Leben aus­pro­bie­ren? Und sie dann leben müs­sen. Wie war das alles noch­mal? Diese Frage kann als Ansatz für die Inten­tion des Autors zu lesen sein, sich in Ver­su­chen und Anläu­fen Ver­ge­hen­des zu ver­ge­gen­wär­ti­gen. Aus Erin­ne­rung, Gedächt­nis und Arte­fak­ten als trü­ge­ri­sche Archive Vari­an­ten von Momen­ten mit Bedeu­tung oder einer gewis­sen Sym­bo­lik für das lyri­sche Ich in das Risiko Spra­che zu trans­for­mie­ren. Bevor Augen­bli­cke, die im Schrei­ben ein Eigen­le­ben ent­fal­ten, nicht län­ger auf­ruf­bar wer­den, auch nicht das Wort­lose, Unsag­bare. Das, um Text zu wer­den, ja Wort wer­den muss.

Sorg nutzt mytho­lo­gi­sche Momente als Gleich­nisse, Gedan­ken­spiele für irdi­sches Dasein. Die grau­sam bestrafte Deme­ter. Bar­na­bas, Mis­sio­nie­ren­der und Mär­ty­rer. Trakl und Whit­man wer­den zitiert, Lea­ves of Grass als Nar­ko­ti­kum. Das Herz: ein ein­sa­mer Jäger. Das ist das Herz zwei­fels­ohne. Sorg aber wan­delt den Titel eines berühm­ten Romans ab, in dem ein Taub­stum­mer der Ein­zige ist, von dem sich andere Prot­ago­nis­ten ver­stan­den füh­len, um uns ein Ich vor Augen zu füh­ren, das nach Ursprün­gen sucht, das ver­sucht, sich selbst und seine Situa­tion zu ver­ste­hen. Es gibt mini­ma­lis­ti­sche Gedichte und Über­gänge in Prosa. Ein Ren­ten­for­mu­lar, das online aus­zu­fül­len ist und sich als Offen­ba­rungs­eid ent­puppt. Das Abbild eines Kas­sen­bons, der eine beson­dere Rech­nung auf­macht. Selbst ein Biblio­theks­re­gal tritt als Ort auf. Nun, der Mann ist im Brot­be­ruf Biblio­the­kar. In drei der fünf­zehn Texte ist ein Mes­ser im Spiel. Dem Rezen­sen­ten ist dabei ein­mal Der anda­lu­si­sche Hund ins Auge gefal­len. Das Dröh­nen der Flü­gel­schläge wirkt.

  • Robert Sorg: Feld­rand­zei­chen. Lite­ra­ri­sche Gesell­schaft Thü­rin­gen e.V. Wei­mar 2016. Jah­res­gabe Bd. 15, 20 S., Gra­fi­ken von K. Lang­mann.

Mario Osterland – »heimische Arten, Gedichte«

Gele­sen von Mar­tin Straub

über kunstrasen führen / die erste Rückschritte

 

Nach dem Band »In Paris«, 2014 eben­falls in »para­si­ten­presse« erschie­nen, legt Mario Oster­land nun sei­nen ers­ten Lyrik­band vor. Chan­giert er in dem Vor­gän­ger skiz­zen­haft zwi­schen Lyrik und Prosa, gibt es nun eine Samm­lung von Gedich­ten, in denen der 32 jäh­rige Autor nach einem Platz im Leben und im Schrei­ben fragt. Seine Gedichte kom­men, und das ist das Sym­pa­thi­sche, ohne gro­ßen Auf­wand daher. Sie lie­gen nahe der All­tags­spra­che und ver­zich­ten auf auf­ge­bla­sene, intel­lek­tu­elle Meta­phern. In dem in sich geschlos­se­nen wir­ken­den ers­ten Abschnitt des Ban­des bricht das lyri­sche Ich mit sei­ner länd­li­chen Her­kunft. Dabei ver­zich­tet Oster­land auf eine land­schaft­lich genauere Ver­or­tung, viel­mehr cha­rak­te­ri­siert er die ein­engende Atmo­sphäre einer dörf­li­chen Welt. »die­ses Dorf bringt dich um / – deine Jugend«,lautet lako­nisch der Zwei­zei­ler, mit »Edding an der Bus­halte« über­schrie­ben. Und im Ein­gangs­ge­dicht der Samm­lung »Im Dorf mit dunk­ler Sonne« rech­net das lyri­sche Ich in sechs zwei­zei­li­gen Stro­phen nicht ohne grim­mige Iro­nie ab: »… wo auch noch das wenige Licht / aus den Gas­sen zurück­ge­wor­fen wird // wo nichts wächst außer Stroh / und das Eis zen­ti­me­ter­dick friert // wo Begren­zungs­pfähle Ste­len sind / für die Jugend in den Grä­ben«. Tino Brandt schreibt in einer Rezen­sion bei »fix­poe­try«, man habe »durch­aus das Gefühl sich auf dys­to­pi­schem, mög­li­cher­weise sogar auf apo­ka­lyp­ti­schem Ter­rain zu bewe­gen«. »Mög­li­cher­weise« mag denn auch signa­li­sie­ren, dass man nach den apo­ka­lyp­ti­schen Rei­tern ver­geb­lich sucht. Eher fin­det man in den Gedich­ten einen zivi­li­sa­ti­ons­kri­ti­schen Blick auf eine Gegen­wart, in der das Ich sei­nen Platz oder gar einen Halt oder einen Aus­weg nicht fin­den kann. »an der Innen­wand aus Por­zel­lan sitzt / noch ein Rest von mir // wie gewollt und nicht gekonnt / mit Frisch­hal­te­haut über­zo­gen«. Natur und Wald sind mal­trä­tiert und kön­nen kein Refu­gium in die­ser schnell­le­bi­gen Welt mit ihrer zer­stö­re­ri­schen Geschwin­dig­keit sein. »auf der Bremse stan­den wir lang genug / such­ten uns in der Natur und fan­den / fau­lige Rehe an aus­ge­leck­ten Kanis­tern kre­piert«. Und an ande­rer Stelle heißt es: »Natur ist mehr als ein Bett­vor­le­ger / hält sich bereit in den Parks«. Zu die­sem Thema gibt es beein­dru­ckend gelun­gene Zei­len. Etwa in dem lyri­schen Prosa-Text »hin­ter der Stadt«. »hin­ter der Stadt scheint die Sonne auf frucht­lose / Fel­der. nur an den Rän­dern blü­hen noch / Bahn­schwel­len. […] im Spät­som­mer sagt man ern­ten / sie hier manch­mal Radios imi­tie­ren den Ruf des / Frei­wilds das sich in den aus­ge­brann­ten Werk- / hal­len sam­melt.« So ganz will Oster­land die­sen Ton nicht durch­hal­ten. Beim Durch­le­sen des lyri­schen Erst­lings stößt man dann doch hin und wie­der auf Vers­zei­len, die einen hoff­nungs­vol­le­ren Klang anschla­gen. Da gibt es auf ein­mal eine lyri­sche Prosa wie »unsere geschichte«, die »die beste [ist] die ich kenne. / ein abge­schlos­se­ner Liebs­ro­man mit offe­nem Ende«. Da mag der Leser auf­at­men, zumal es einige Sei­ten spä­ter sicht­lich in Replik auf das Ein­gangs­ge­dicht heißt, »in Wahr­heit war die­ses Dorf nie so dun­kel wie ich es immer sah […] ein schö­nes Bild ist das jetzt, /etwas kaput­tre­stau­riert«.

 

  • Mario Oster­land, hei­mi­sche Arten, Gedichte, para­si­ten­presse Köln 2017, 39 S., 9 EUR.

Joachim Ringelnatz – »Erinnerungen an Thüringen«

Die Ferien hat­ten uns in die Som­mer­fri­sche gebracht. Und ich zählte zehn Jahre, als mein Vater mich und meine älte­ren Geschwis­ter in Frau­en­prieß­nitz in Thü­rin­gen tau­fen ließ. Bei die­ser Zere­mo­nie gebrauchte der Pas­tor eine Art Sah­nen­känn­chen. Über die­ses Känn­chen und über den unge­wöhn­lich tief her­ab­hän­gen­den Hosen­bo­den des Küs­ters brach ich in ein nicht zu unter­drü­cken­des Lachen aus.

Ferien! Das Wort klang wie Frei­heit. Vater nahm uns dann meist nach Thü­rin­gen mit. Durch die­ses, sein enge­res Hei­mat­land, führte er uns in herr­li­chen Wan­de­run­gen. Er wußte dabei ebenso lus­tig wie span­nend zu erzäh­len, und er kannte die Gegend und ihre Geschichte genau. Auch durf­ten wir uns genü­gend allein umher­tum­meln, Wolf­gang Steine sam­melnd, ich Insek­ten, Schlan­gen und Eidech­sen fan­gend, Otti­lie Blu­men und Bee­ren pflü­ckend.

Den Onkel Fries in Marksuhl besuch­ten wir wäh­rend der Som­mer­fri­sche. Er war ein rau­her Weid­mann, der selbst vor dem Kai­ser, der gele­gent­lich bei ihm jagte, kein Blatt vor den Mund nahm. Zu dem herr­li­chen Guts­hof gehörte ein alter gespens­ti­scher
Turm. Die Fle­der­mäuse, die sich in des­sen Gebälk auf­häng­ten, brannte ein Knecht von Zeit zu Zeit am Tag, wenn sie schlie­fen, mit einer bren­nen­den Kerze her­un­ter. — Ich sah leben­dig gerupfte Puten und Hüh­ner ohne Kopf, die noch lange fürch­ter­lich zuck­ten.

Auf einer der schö­nen Spa­zier­fahr­ten, bei denen ein Jagd­hund neben den Pfer­den her­lief, warf der Onkel sei­nen Schlüs­sel­bund ins Dickicht. Als wir auf der Rück­fahrt in die Ober­förs­te­rei ein­bo­gen, rief Fries dem Jagd­hund zu: „Such! Ver­lo­ren!« Eine Stunde spä­ter brachte das Tier den Schlüs­sel­bund an unse­ren Abend­tisch im Gar­ten. — Früchte gab’s in Hülle und Fülle. Beim Ein­fah­ren des Korns hatte ich ein­mal auf einer Kreuz­ot­ter geses­sen, was mir einen hel­den­haf­ten Nim­bus ver­lieh.

Zuwei­len ritt meine Mut­ter mit dem Onkel aus. Man mußte der klei­nen Frau dann erst auf eine Kiste hel­len, damit sie aufs Pferd kam.

Vom Onkel Hil­gen­feld, Theo­loge in Jena, und von des­sen Fami­lie sind mir nur noch eine tiefe Baß­stimme und Sta­chel­bee­ren in Erin­ne­rung.

Interview zum Schillergeburtstag 2018 – Nancy Hünger im Gespräch mit Helmut Hühn

Nancy Hün­ger: Lie­ber Herr Hühn, Wei­mar fei­ert all­jähr­lich den Goe­the-Geburts­tag am 28. August. Sie schla­gen nun vor, dass Jena umge­kehrt den Geburts­tag Schil­lers am 10. Novem­ber begeht und dabei an den viel­leicht größ­ten Dich­ter die­ser Stadt erin­nert.

Hel­mut Hühn: Ja, das bie­tet sich doch an. Jena ist, wie ich immer wie­der betone, eigent­lich die wich­tigste Schil­ler­stadt Deutsch­lands. Zuge­ge­ben, Wei­mar hat mit dem Goe­the-Geburts­tag den Vor­zug der ange­neh­men Jah­res­zeit. Aber warum sol­len wir in Jena nicht auch im Novem­ber etwas mit Freude bewe­gen kön­nen, wenn viele mit­wir­ken, wenn Stadt und Uni­ver­si­tät gemein­sam han­deln?

Nancy Hün­ger: An Schil­ler erin­nern Gedenk­stät­ten in ins­ge­samt acht deut­schen Städ­ten. Es gibt das Geburts­haus in Mar­bach und nicht zuletzt das Schil­ler­haus in Wei­mar. Mit wel­chem Recht kann sich Jena in beson­de­rer Weise eine Schil­ler­stadt nen­nen?

Hel­mut Hühn: Zehn Jahre lang hat Schil­ler in Jena gelebt, so lange wie an kei­nem ande­ren Ort. Wich­tige Sta­tio­nen sei­ner Bio­gra­phie sind mit unse­rer Stadt ver­knüpft. Hier fin­det er als Pro­fes­sor der Uni­ver­si­tät einen Platz in der bür­ger­li­chen Welt, hier grün­det er eine Fami­lie. In Jena ent­ste­hen seine gro­ßen theo­re­ti­schen und kunst­phi­lo­so­phi­schen Schrif­ten, bedeu­tende Gedichte wie die Bal­la­den, hier beginnt mit dem »Wal­len­stein« die Arbeit am dra­ma­ti­schen Spät­werk, hier ent­wi­ckelt sich seit 1794 die Freund­schaft mit Goe­the … . Die Gründe lie­gen doch auf der Hand.

Nancy Hün­ger: Ist Schil­ler also gar kein »Wei­ma­rer Klas­si­ker«?

Hel­mut Hühn: »Wei­ma­rer Klas­si­ker«? Das ist eines der Ste­reo­type, die sich ver­fes­tigt haben. Schi­cken wir Schil­ler nicht fort. Wenn die Rede von der ‚Klas­sik‘ Sinn hat, dann sollte der Anteil, den die Uni­ver­si­täts­stadt Jena an dem kul­tu­rel­len Ereig­nis hat, nicht nur nicht ver­drängt, son­dern gerade her­aus­ge­stellt wer­den.

Nancy Hün­ger: Wie stel­len Sie sich den Schil­lerge­burts­tag kon­kret vor? An wel­che Art von Akti­vi­tä­ten haben Sie dabei gedacht?

Hel­mut Hühn: Ich träume davon, dass unsere Bäcker in Jena viel­leicht an die­sem Tag Lust haben, Schil­ler-Bröt­chen zu backen, die Händ­ler am Markt etwas anbie­ten, was an den Dich­ter erin­nert und Leib und Seele zusam­men­hält. Viel­leicht kön­nen die Gast­stät­ten und Hotels sich ein Schil­ler-Getränk aus­den­ken, so dass man ansto­ßen kann, die Buch­händ­ler um den Geburts­tag herum einen Schil­ler-Tisch ein­rich­ten oder ein Schau­fens­ter ent­spre­chend deko­rie­ren. Der Phan­ta­sie sind keine Gren­zen gesetzt. Jeder soll mit ein­fa­chen Mit­teln und so, wie es ihm Freude macht, mit­wir­ken. Auch die Geschäfte und Fir­men sind ange­spro­chen. Kön­nen wir nicht gemein­sam Jena als Schil­ler­stadt sicht­bar machen? Wer Inter­esse hat, möge sich ein­fach bei uns mel­den unter der Tele­fon­num­mer 931188 oder der Mail-Adresse: gartenhaus@uni-jena.de

Nancy Hün­ger: Es soll also ein Ereig­nis sein, das über den aka­de­mi­schen Rah­men bewusst hin­aus­wirkt?

Hel­mut Hühn: Ja, wir wol­len den Schil­lerge­burts­tag von ‚unten her­auf‘ fei­ern, ganz lebens­nah und -prak­tisch. Wir wol­len Schil­ler an sei­nem Geburts­tag gleich­sam hier bei uns ‚beher­ber­gen‘. Wenn auch Insti­tu­tio­nen die­ser Stadt sich anschlie­ßen, freuen wir uns natür­lich sehr. Toll wäre es, wenn etwa die Ernst-Abbe-Biblio­thek mit­macht, viel­leicht im Kon­text des Lese­ma­ra­thons. Und wenn das Thea­ter­haus Schil­ler wie­der ein­mal für sich ent­de­cken könnte! …! In Zukunft wol­len wir gemein­sam mit Jen­a­Kul­tur und dem Lese-Zei­chen e.V. auch einen Schil­ler-Preis für Jenaer Schü­ler und Schü­le­rin­nen aus­schrei­ben: einen Preis für krea­tive Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit sei­nem Den­ken und sei­nen Hal­tun­gen.

Nancy Hün­ger: Am 10. Novem­ber hat auch Mar­tin Luther Geburts­tag …

Hel­mut Hühn: … Ja. Und an die Pro­grome des 9. Novem­ber zu erin­nern, haben wir allen Grund. So könnte sich über die ‚Gast­freund­lich­keit‘ hin­aus, die eine Stadt ihrem Dich­ter auch nach zwei­hun­dert Jah­ren erweist, mit der Zeit auch ein kul­tu­rel­les Pro­gramm ent­fal­ten, dass das eine mit dem ande­ren in Jenaer Per­spek­tive ver­knüpft und die Arbeit an unse­rem kul­tu­rel­len Gedächt­nis unter­nimmt.

Nancy Hün­ger: Was haben Sie denn in die­sem Jahr am 10. Novem­ber vor?

Hel­mut Hühn: In die­sem Jahr fin­den in Jena die Schil­ler­tage des »Schil­ler­ver­eins Wei­mar-Jena« statt. Es geht in einem tol­len Vor­trags­pro­gramm in den Rosen­sä­len um das Ver­hält­nis und die Wech­sel­wir­kun­gen von Fried­rich Schil­ler und Wil­helm von Hum­boldt, um ihre Gesprä­che und Dis­kus­sio­nen hier in Jena, um die Neu­ent­de­ckung ihres Brief­wech­sels. Alle sind herz­lich ein­ge­la­den. Aus die­sem Brief­wech­sel stammt auch das Motto des dies­jäh­ri­gen Geburts­ta­ges: »Poe­sie wird auf jeden Fall mein Geschäft seyn« (Fried­rich Schil­ler an Wil­helm von Hum­boldt, Jena, den 5. Okto­ber 1795).

Nancy Hün­ger: Nun könnte man noch ein­wen­den, dass Schil­ler doch schon vor über 200 Jah­ren gestor­ben ist und einer längst ver­gan­ge­nen Epo­che der Kul­tur ange­hört. Warum ist es loh­nens­wert, sich auch heute noch mit sei­nen Wer­ken zu beschäf­ti­gen. Was hat Schil­ler uns Heu­ti­gen zu sagen?

Hel­mut Hühn: Schil­ler ist ein emi­nent moder­ner Den­ker! In sei­nen Wer­ken, in den Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit sei­nen Zeit­ge­nos­sen bil­det sich die ‚Moderne‘ her­aus, unsere eigene Welt. Wenn wir diese Welt mit den Augen Schil­lers anse­hen ler­nen, gewin­nen wir Distanz zu unse­rer Gegen­wart und die Mög­lich­keit zur Selbst­ver­stän­di­gung und Selbst­be­stim­mung. Um das noch ein­mal ganz kon­kret zu sagen: Kann der Schil­lerge­burts­tag nicht ein Aus­druck der Frei­heit sein, die wir im Umgang mit­ein­an­der rea­li­sie­ren?

 

Ein­la­dung zur Mit­wir­kung am Schil­lerge­burts­tag, dem 10. Novem­ber 2018

Christian Rosenau – Nadelstich und Schlangensprache

Hei­mat im Schutz­man­tel der Gedichte

 

Gele­sen von Diet­mar Ebert

 

Nach sei­nem gelun­ge­nen Lyrik-Band »Im Zwei­fel nach Haus« hat der 1980 in Wei­mar gebo­rene, in Ulla auf­ge­wach­sene und heute in Coburg lebende Lyri­ker Chris­tian Rosenau in der Edi­tion Orna­ment sei­nen neuen Band »Nadel­stich und Schlan­gen­spra­che« vor­ge­legt. Um es gleich vor­weg zu neh­men. Der schmale Band ist ein Fest für die Sinne und den Ver­stand. Viel­leicht liegt das an der Dop­pel­be­ga­bung Rosen­aus, der Musi­ker und Dich­ter in einem ist. Der Rhyth­mus sei­ner Gedichte, ihr musi­ka­li­scher Fluss paart sich mit einer siche­ren Bild­spra­che und einem kla­ren Auf­bau der Gedichte. Sie sind akku­rat gear­bei­tet, nicht das kleinste Detail wird dem Zufall über­las­sen. Doch die Spu­ren des Hand­werk­li­chen sind nicht mehr sicht­bar. Es ist allein der Atem des Lyri­kers zu spü­ren. Gleich das erste Gedicht des Ban­des trägt den Titel »Hei­mat­men«. Vor allem in den ers­ten drei Gedicht­grup­pen »aus dem Kern­ge­häuse«, »spä­tes Licht« und »unsere Hei­mat« birgt der Dich­ter Kind­heits­er­fah­run­gen, Bil­der und Erin­ner­tes im Schutz­man­tel sei­ner Gedichte. Das ist viel mehr, als sich sei­ner Wur­zeln zu ver­si­chern. Die auf­stei­gen­den Kind­heits­er­in­ne­run­gen und frü­hen Bil­der wer­den solange beatmet, bis sie Teil der Hei­mat und des Gedichts wer­den. So gelingt Chris­tian Rosenau etwas bis­lang für unmög­lich Gehal­te­nes: In sei­nen Gedich­ten wird das, was jedem in die Kind­heit scheint und spä­ter nicht fest­zu­hal­ten ist, eben das, was Ernst Bloch »Hei­mat« nannte, als Bild und Klang mani­fest.

Im rhaps­odisch anmu­ten­den Gedicht­zy­klus »unsere Hei­mat« erzählt Chris­tian Rosenau, wie seine Genera­tion die letz­ten drei, vier Jahre der DDR in der Schule, wie sie die Demons­tra­tio­nen im Herbst 1989, die deut­sche Ver­ei­ni­gung und das Erwach­sen­wer­den erlebte. Nie zuvor hat ein Lyri­ker beschrie­ben, wie Kin­der den Über­gang von der geschlos­se­nen in die offene Gesell­schaft reflek­tiert haben, wie sie mit den Ver­un­si­che­run­gen ihrer Eltern und Leh­rer leben muss­ten, wie der Schein der Ker­zen in ihnen Hoff­nun­gen weckte, die nie erfüllt wur­den und wie sie bis heute den »Weg ins Offene« zugleich als Chance für ein gewin­nen­des Leben und als Gefah­ren­zone emp­fin­den. Gerade in den Gedich­ten, die unter dem Titel »unsere Hei­mat« ver­eint sind, fin­den sich Par­al­le­len zu den Zeich­nun­gen, die Ulrike Theus­ner zu dem Band bei­gesteu­ert hat, wird ein Begeg­nungs­raum von Lyrik und Zeich­nun­gen auf­ge­spannt.

In zehn Gedich­ten, die er hin­ter­sin­nig Raps­odien genannt hat, besingt Chris­tian Rosenau das Über­maß der grell-gel­ben Fel­der, die­ser »frag­los blü­hen­den Land­schaf­ten der Agrar­in­dus­trie, (der) Meta­sta­sen der Wachs­tums­ge­sell­schaft, wo der Wolf …durchs Feld zieht und das Rat­tern immer näher kommt…« (Jens-Fietje Dwars). Die­ses über­quel­lende leuch­tende Gelb ist dem Lyri­ker zugleich ein Sym­bol, das die Land­schaft über­zo­gen hat und das Bild, die Gerü­che und Far­ben der Kind­heit ver­drängt hat, eben »jene Heimat,/ die uns vor Jah­ren schon/ abhan­den kam«.

»Ophe­lien  und Asche­spur«, so hei­ßen die bei­den Gedicht­ab­tei­lun­gen, die den Band beschlie­ßen. Sie sind von einer lei­sen Melan­cho­lie durch­zo­gen und erin­nern von Ferne an das Lied­gut Franz Schu­berts. Es ist, als gelänge es Chris­tian Rosenau, Land­schaf­ten in unter­schied­li­chen Jah­res­zei­ten »zu lesen«, und seine Les­art in lyri­sche Bil­der zu über­set­zen. In sei­nen schöns­ten Gedich­ten wie »des Regens dünne Schrift«, im »Kies­bett der Sil­ben« und »Auf­bruch« fin­det er zu einer wun­der­sa­men Ver­schmel­zung von »äuße­rer und inne­rer Wirk­lich­keit«. Diese Durch­drin­gung von »äuße­rer und inne­rer Wirk­lich­keit«, diese feine Mischung von »Rea­lem und Phan­tas­ti­schem« fin­det sich auch in den Zeich­nun­gen von Ulrike Theus­ner.

Die lyri­schen und die gezeich­ne­ten Bil­der ergän­zen ein­an­der span­nungs­voll. Sie kom­mu­ni­zie­ren mit ein­an­der. Chris­tian Rosen­aus »Nadel­stich und Schlan­gen­spra­che« sei allen Lyrik-Freun­den wärms­tens emp­foh­len.

 

  • Chris­tian Rosenau: Nadel­stich und Schlan­gen­spra­che. Gedichte, mit sechs Zeich­nun­gen von Ulrike Theus­ner, Edi­tion Orna­ment, Bd. 20, hg. Jens-Fietje Dwars, Bucha 2018.

Fragen an Kristin Mielke, Inhaberin der Buchhandlung »Goerke« in Schmölln

Direkt am Amts­platz der ost­thü­rin­gi­schen »Knopf­stadt« Schmölln liegt die Buch­hand­lung Goerke. Mit ihrer Inha­be­rin, Kris­tin Mielke, sprach Pas­cal Quicker vom Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat.

 

Pas­cal Quicker: Seit wann gibt es Ihre Buch­hand­lung und seit wann arbei­ten Sie in ihr?

Kris­tin Mielke: Die Buch­hand­lung Goerke ent­stand nach dem Ende der DDR aus einer Volks­buch­hand­lung. Sie exis­tiert seit der Wende in ihrer heu­ti­gen Form. Seit­dem ist sie zwar ein paar Mal inner­halb von Schmölln umge­zo­gen, blieb dabei im Kern aller­dings immer die­selbe. Ich selbst habe sie im Juni 2013 gekauft, meine Lehre vor über zwan­zig Jah­ren aller­dings auch schon hier in die­ser Buch­hand­lung absol­viert.

Wie kamen Sie zum Buch und was bedeu­tet es für Sie, Buch­händ­le­rin zu sein?

Erst ein­mal muss man natür­lich sehr, sehr viel lesen. Ich per­sön­lich wollte immer gern etwas mit Büchern machen und musste mich dann zwi­schen dem Beruf der Biblio­the­ka­rin und dem der Buch­händ­le­rin ent­schei­den. Meine Wahl fiel auf letz­te­ren Beruf, da er nun doch mehr mit Men­schen, Emp­feh­lun­gen, neuen Büchern und dem Han­del zu tun hat – alles The­men und Aspekte, die mich sehr ange­spro­chen haben.
Was der Beruf für mich bedeu­tet, ist auf Anhieb schwer zu for­mu­lie­ren. Ein Grund wäre: Andere Men­schen zum Lesen brin­gen; Kin­der, andere Genera­tio­nen. Man möchte gute Bücher ver­mit­teln – viele Best­sel­ler wer­den in Buch­hand­lun­gen durch Emp­feh­lun­gen der Buch­händ­ler gemacht und nicht nur online über Emp­feh­lun­gen à la »Wer das kaufte, kaufte auch fol­gende Titel«.

Wie sieht ein typi­scher Arbeits­tag bei Ihnen aus?

Ich fange sehr zei­tig an. Da wir die Kun­den­be­stel­lun­gen immer inner­halb eines Tages bear­bei­ten – was bis halb fünf bestellt ist, ist am nächs­ten Mor­gen da – muss die neue Ware auch jeden Mor­gen vor Laden­öff­nung aus­ge­packt wer­den, damit die Kun­den ihre Bestel­lun­gen mor­gens gleich abho­len kön­nen. Auch die Ver­lags­ware kommt früh an. Da wir ein klei­nes Geschäft haben, wäre es ungüns­tig, wenn nach Laden­öff­nung zwan­zig Pakete in der Ecke ste­hen wür­den. Des­halb ver­su­che ich, mor­gens schon so viel als mög­lich aus­zu­pa­cken und zu ver­bu­chen. Wir arbei­ten dabei mit einem Waren-Wirt­schafts-Sys­tem, das heißt, jeder Titel wird in den Com­pu­ter ein- und dann, bei Ver­kauf, über die Kasse wie­der aus­ge­bucht.
Dar­über hin­aus bleibt uns die Schreib­ar­beit nicht erspart, wie zum Bei­spiel die Rech­nungs­prü­fung. Außer­dem gibt es Remis­sio­nen zu bear­bei­ten, län­ger ste­hende Bücher schi­cken wir regel­mä­ßig zurück, wenn das auch nicht jeden Tag geschieht. Und dann bleibt als Haupt­ar­beit die inten­sive per­sön­li­che Kun­den­be­ra­tung.

Was freut Sie als Buch­händ­le­rin, was betrübt Sie?

Es freut mich sehr, dass wir in Schmölln eine sehr große lite­ra­tur­be­geis­terte Stamm­kund­schaft haben. Außer­dem hat sich die Ent­wick­lung des Buch­ver­kaufs nach mei­ner Ein­schät­zung in den letz­ten Jah­ren dahin­ge­hend ver­än­dert, dass nach anfäng­li­cher Begeis­te­rung für den Kauf im Inter­net wie­der mehr Men­schen in Buch­hand­lun­gen ein­kau­fen.
Trau­rig stimmt mich dage­gen dass andere noch immer der Mei­nung sind, sie wür­den Bücher im Inter­net bil­li­ger erste­hen kön­nen, was durch die Buch­preis­bin­dung in Deutsch­land jedoch aus­ge­schlos­sen ist. Dass die­ses Wis­sen poten­ti­el­len Kun­den unse­rer Buch­hand­lung fehlt, ist schade. Auf­klä­ren kön­nen wir nur die, die zu uns in die Buch­hand­lung kom­men. Man darf dabei nicht ver­ges­sen, dass gerade in Klein­städ­ten wie Schmölln Kin­der­gär­ten oder Schu­len, wenn sie Bücher benö­ti­gen, ganz selbst­ver­ständ­lich die Geschäfte vor Ort auf­su­chen. Weder Ama­zon, buch.de oder thalia.de würde in so einem Fall sagen: »Wir spen­den für die­sen oder jenen Kin­der­gar­ten Bücher.« Ich wün­sche mir, dass die Bewoh­ner des Ortes ab und an daran den­ken, dass Geschäfte vor Ort nur dann über­le­ben kön­nen, wenn man auch vor Ort ein­kauft.

Was ist bei Ihrer Arbeit ein typi­sches Pro­blem, für das Sie nach einer Lösung suchen?

Zu wenig Zeit. Zeit­kon­tin­gent und Zeit­stress haben unter ande­rem durch staat­li­che Maß­nah­men, wie bei­spiels­weise die Daten­schutz­grund­ver­ord­nung, deut­lich zuge­nom­men. Es bin­det außer­or­dent­lich viel Arbeits­zeit, um der­lei Rege­lun­gen für einen so klei­nen Laden umzu­set­zen. Dadurch wird man vom eigent­li­chen Geschäft abge­hal­ten. Auch andere Dinge, wie die Buch­füh­rung, sind in den letz­ten Jah­ren wesent­lich kom­ple­xer gewor­den. Man hat eigent­lich nie genug Zeit für alles.

Wie und wodurch hat sich Ihre Arbeit in den letz­ten Jah­ren gene­rell ver­än­dert?

Es gibt eigent­lich kein spe­zi­fi­sches Ereig­nis, über das man sagen könnte: Ab die­sem Zeit­punkt wurde es schwie­ri­ger. Was sich ver­än­dert hat ist, dass wir sehr viele kleine Zusatz­ar­ti­kel noch mit in den Ver­kauf genom­men haben, zum Bei­spiel Geschenk­ar­ti­kel, die gut zum Buch pas­sen und die man des­halb auch zum Buch anbie­ten kann. Das gab es in unse­rem Laden vor­her nicht.
Die von der EU vor ein paar Jah­ren ver­fügte Ände­rung bezüg­lich der Aus­schrei­bung von Schul­bü­chern hatte zur Folge, dass alle Schul­buch­auf­träge von den Schu­len aus­ge­schrie­ben wer­den müs­sen. Bedenkt man, dass alle Buch­hand­lun­gen in Deutsch­land auf­grund der Buch­preis­bin­dung nur das glei­che Ange­bot machen kön­nen, sind sol­che Aus­schrei­bung eigent­lich über­flüs­sig. Die Buch­hand­lun­gen ver­sen­den dann an zahl­rei­che Schu­len Ange­bote, die sich in nichts von­ein­an­der unter­schei­den. Das nützt weder den Schu­len, noch den Buch­händ­lern, noch dem Staat.

Sehen Sie in der zuneh­men­den Digi­ta­li­sie­rung des Buch­mark­tes ein Pro­blem für das Buch als sol­ches?

Es wird immer Bücher geben. Ich erzähle mit Blick auf diese Pro­ble­ma­tik gern die Geschichte von einer Kun­din, die ein­mal in unse­rer Buch­hand­lung erzählte, dass sie per­sön­lich gern »rich­tige« Bücher besitze und lese, wäh­rend ihr Mann dage­gen einen E-Book-Reader besäße und seine Bücher vor­zugs­weise digi­ta­ler Form lese. Auf der Fahrt in den Urlaub habe er ihre schwe­ren Bücher im Gepäck belä­chelt. Am ers­ten Urlaubs­tag setzte er sich ver­se­hent­lich auf sei­nen Reader, der sofort sei­nen Dienst auf­kün­digte. Unsere Kun­din meinte nur, dass sie eigent­lich kein scha­den­fro­her Mensch sei, sich in die­ser Situa­tion aller­dings ein Lächeln nicht ver­knei­fen konnte. Selbst wenn ein Buch ins Was­ser fal­len sollte, kann man kann es noch lesen. Sand zwi­schen den Sei­ten gehört zu einem Strand­ur­laub dazu und beein­träch­tigt das Lesen nicht. Und selbst wenn ein Buch in der Mitte aus­ein­an­der­bricht, lässt es sich immer noch lesen.
Dar­über hin­aus bin ich eher ein hap­ti­scher Mensch; ich mag den Geruch, den Anblick, das glatte Papier. Selbst­ver­ständ­lich gibt es viele Men­schen, die sagen, dass ihre Bücher­schränke ein­fach zu voll wären. In so einem Fall kann ich E-Books schon ver­ste­hen. Wir selbst ver­kau­fen auch E-Books, wobei deren Anteil an unse­rem gesam­ten Buch­ver­kauf sehr gering ist. Es gibt schon Kon­kur­renz für das Papier­buch, aber ich denke, dass das rich­tige Buch bestehen blei­ben wird.

Wie sehen Sie die Ent­wick­lung des Buch­mark­tes und auch die Ihrer Buch­hand­lung in den nächs­ten zehn Jah­ren?

Zehn Jahre, oh je! (lacht) Was pas­sie­ren wird, falls die Buch­preis­bin­dung fällt, lässt sich natür­lich nicht genau vor­aus­sa­gen. Ich ver­mute, dass dann das­selbe pas­sie­ren wird wie in der Schweiz. Dort gibt es jetzt ein Drit­tel weni­ger Buch­hand­lun­gen und die Bücher sind teu­rer als je zuvor. Zuerst wur­den sie so sehr ver­bil­ligt, dass die Kon­kur­renz aus­ge­schal­tet wurde, als das gesche­hen war, stie­gen die Preise kräf­tig an. Wenn die Buch­preis­bin­dung erhal­ten bleibt, sehe ich eigent­lich kein Pro­blem. Ob man sich ande­ren­falls auf dem Markt behaup­ten könnte, das sei dahin­ge­stellt. Ich habe eine sehr gute Mit­ar­bei­te­rin, wir eine sehr gute Stamm­kund­schaft. Wir ver­kau­fen unsere Bücher jeden Tag mit gro­ßer Freude, die Leute kom­men immer wie­der und sind für die erhal­tene Bera­tung dank­bar. Durch die erwähn­ten Zusatz­ar­ti­kel zie­hen wir junge Leute an, die, wenn sie ein­mal im Laden ste­hen, auch gern ein schö­nes Buch kau­fen.

Wie behaup­ten Sie sich gegen Bran­chen­rie­sen wie Tha­lia, Hugen­du­bel oder Ama­zon?

Tha­lia und Hugen­du­bel sind bei uns nicht vor Ort – dies­be­züg­lich haben wir ein­deu­tig einen Stand­ort­vor­teil. Aller­dings liegt Schmölln sehr mit­tig zwi­schen Leip­zig, Gera, Zwi­ckau und Chem­nitz. All diese Städte sind inner­halb einer Stunde erreich­bar und bie­ten somit auch Ein­kauf­mög­lich­kei­ten. Wenn die Leute ein­mal dort sind, neh­men sie viel­leicht auch mal bei einem der gro­ßen Anbie­ter ein Buch mit. Wir haben aller­dings auch Kun­den, die Bücher in ande­ren Städ­ten gese­hen haben und trotz­dem sag­ten: »Nein, wir kau­fen das in unse­rer Buch­hand­lung, wir kom­men nach Schmölln zu Ihnen.« Wir haben die Erfah­rung gemacht, dass Kun­den sich das gewünschte Buch auf­schrei­ben oder das Titel­bild foto­gra­fie­ren und es dann bei uns hier vor Ort bestel­len. Wir kön­nen ja alles bestel­len – und schnel­ler als Ama­zon & Co. lie­fern. Der Bequem­lich­keits­fak­tor spielt bei Ama­zon natür­lich eine Rolle, da die Bestel­lun­gen nach Hause gelie­fert wer­den. Wir haben viele Kun­den im Umland, die berufs­tä­tig sind und denen es dadurch zeit­lich oft schwer fällt, noch zusätz­lich zu uns in die Stadt zu fah­ren, um ihre Bücher zu kau­fen. Sol­che Kun­den bestel­len oft zusätz­lich zum Ein­kauf bei uns auch über Ama­zon. Aber wir haben auch Kun­den, die in so einem Fall bei uns per E-Mail bestel­len und das Buch dann am nächs­ten Tag abho­len. Bei eini­gen haben wir Bestel­lun­gen im Not­fall auch schon nach Hause gebracht, ins­be­son­dere zu älte­ren Kun­den, die nicht mehr so gut zu Fuß sind. Das ist natür­lich kein regel­mä­ßi­ger Lie­fer­dienst, aber man kann uns dar­auf anspre­chen.

Wie ist bei Ihren Kun­den das Spek­trum in Bezug auf das Alter?

Also wir haben viele ältere Kun­den, jedoch auch sehr viele jün­gere mit Kin­dern. Genauso Schü­ler, die wirk­lich gern und regel­mä­ßig lesen. Es könn­ten, denke ich, ein paar mehr sein. Aber dass im Moment nicht so viele Kin­der lesen ist ja gene­rell ein aktu­el­les gesell­schaft­li­ches Pro­blem, das drin­gend in Angriff genom­men wer­den muss. Ich glaube, wir haben eigent­lich ein kom­plet­tes Kun­den­spek­trum: Män­ner und Frauen aller Alters­stu­fen.

Das ist sehr schön zu hören. Wie und wo erfah­ren Sie denn von neuen Büchern und nach wel­chen Kri­te­rien wäh­len Sie aus der Fülle an Neu­erschei­nun­gen aus?

Von Neu­erschei­nun­gen erfah­ren wir zunächst durch die Ver­tre­ter der gro­ßen Ver­lage, die zwei­mal im Jahr mit Kata­lo­gen zu uns kom­men. Sie prä­sen­tie­ren uns die Ange­bote des nächs­ten hal­ben Jah­res. Diese Ver­tre­ter lesen natür­lich selbst sehr viel, von ihnen erhal­ten wir unse­rer­seits Emp­feh­lun­gen. Außer­dem besu­chen wir die Buch­messe, auf der wir Anre­gun­gen erhal­ten. Unsere Ent­de­ckun­gen geben wir dann an unsere Kun­den wei­ter. Auf die­sem Wege ent­ste­hen mit­un­ter unsere eige­nen Best­sel­ler.
Bei Autoren, die schon zehn Bücher erfolg­reich ver­öf­fent­licht haben, kann man außer­dem davon aus­ge­hen, dass auch das elfte gut lau­fen wird.

Zum Thema Best­sel­ler: Wel­che Erfah­run­gen haben Sie denn mit Best­sel­ler­lis­ten und hal­ten Sie sich an diese, indem Sie die Regale damit bestü­cken?

Nein! (lacht) Wir haben tat­säch­lich eine sehr indi­vi­du­elle Aus­wahl, da wir schließ­lich unsere Kun­den ken­nen und dem­entspre­chend auch wis­sen, was hier gele­sen wird. Natür­lich gehö­ren dazu auch Best­sel­ler von der Best­sel­ler­liste, nach die­sen wird von uns jedoch eigent­lich gar nicht bestellt. Viel mehr kau­fen wir das ein, was uns gefal­len hat. Wenn wir ein Buch also beson­ders moch­ten, emp­feh­len wir es beson­ders gern und haben es auch immer vor­rä­tig. Das sind dann sozu­sa­gen unsere ›Lieb­linge‹, die wir auch gerne anbie­ten. Die Lis­ten selbst sind für uns inso­fern nicht rele­vant, als dass man sagen muss, dass diese von den Ver­la­gen danach erstellt wur­den, was Buch­händ­ler beim Ver­lag gekauft haben – und nicht nach dem, was Kun­den im Laden gekauft haben. Was an Exem­pla­ren wirk­lich ver­kauft wor­den ist, ist aus einer sol­chen Best­sel­ler­liste über­haupt nicht ersicht­lich.

Wenn sie sagen, Ihr Bestand ist sehr indi­vi­du­ell aus­ge­wählt: Wel­che Rolle spielt regio­nale Lite­ra­tur in Ihrer Buch­hand­lung?

Eine sehr große. Momen­tan gibt es, glaube ich, sie­ben oder acht Bild­bände über Schmölln. Das ist für eine Stadt die­ser Größe ziem­lich viel. Ich glaube, der Sut­ton Ver­lag aus Erfurt hat gesagt, es gäbe nur noch eine kleine Stadt, über die es so viele Bild­bände gibt wie über Schmölln, das ist Burg im Spree­wald. Mit gro­ßen Städ­ten wie Leip­zig brau­chen wir uns dabei nicht zu ver­glei­chen. Aber alle ein, zwei Jahre kommt ein neuer Schmölln-Bild­band oder ein neues Buch über Schmölln her­aus. Die Schmöll­ner haben an sol­chen Publi­ka­tio­nen gro­ßes Inter­esse und arbei­ten aktiv an der­lei Büchern mit.

Eine ganz andere Frage Wel­che Rolle spielt die Gestal­tung eines Buches für Sie und Ihre Kun­den, zum Bei­spiel Cover, Bin­dung, Papier oder Illus­tra­tion? Wird ein ›schö­nes‹ Buch anders wahr­ge­nom­men, kommt es bes­ser an?

Auf den ers­ten Blick sicher­lich ja, denke ich. Aber wie bereits gesagt, unsere Kun­den las­sen sich gerne von uns bera­ten. Wenn meine Kol­le­gin oder ich ein Buch lesen, des­sen Inhalt uns abso­lut über­zeugt, aber nicht das Cover oder die Art der Bin­dung, dann sagen wir das unse­ren Kun­den ganz offen. In den meis­ten Fäl­len wird das Buch wegen sei­nes Inhal­tes trotz­dem gekauft. Eine schöne Gestal­tung ist also nicht alles.

Wel­che Rolle spielt denn Thü­rin­ger Lite­ra­tur aus Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart in Ihrer Buch­hand­lung?

Keine sehr große. Wir haben eben einen Thü­rin­ger Kri­mi­au­tor im Sor­ti­ment, Rolf Saku­low­ski. Er hat unter ande­rem den Krimi Das Feen­grot­ten­ge­heim­nis geschrie­ben, von dem wir hier bestimmt über 100 Exem­plare ver­kauft haben. Gerade hat er ein neues Buch geschrie­ben, das wir bereits bestellt haben. Aber sonst ist es nicht so, dass die Kun­den gezielt nach Lite­ra­tur aus Thü­rin­gen fra­gen.

Eine abschlie­ßende Frage: Gibt es The­men, die Ihnen momen­tan beson­ders auf den Nägeln bren­nen, die für Sie beson­dere Rele­vanz haben?

Abge­se­hen von den Aus­schrei­bun­gen für Schul­bü­cher, von denen ich vor­hin bereits gespro­chen habe, fällt mir momen­tan tat­säch­lich nichts ein. Unsere Buch­hand­lung läuft gut.

Frau Mielke, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch.

Dominique Horwitz – »Chanson d’amour«

Gele­sen von Diet­mar Jacob­sen

 

In Weimar ticken die Uhren anders

 

In sei­nem Roman­de­büt Tod in Wei­mar hat Domi­ni­que Hor­witz sei­nen Hel­den Roman Kamin­ski, Drosch­ken­kut­scher und Frem­den­füh­rer im Thü­rin­ger Klas­si­ker­städt­chen, vor drei Jah­ren eine Mord­se­rie in der vom Marie-See­bach-Stift inspi­rier­ten »Villa Gründ­gens« auf­klä­ren las­sen. Neben­bei wur­den noch amü­sante Hiebe gegen Kul­tur­sub­ven­tio­nis­mus, die Aus­wüchse moder­nen Regie­un­we­sens, Wes­sis in Wei­mar und die Blind­heit der Regie­ren­den gegen­über den Gefah­ren von Rechts ver­teilt. Das Ganze kam als süf­fige Melange aus Regio­nal­krimi, augen­zwin­kern­der Real­sa­tire und Hom­mage an eine Gegend, in der sich der in Paris gebo­rene Autor seit gerau­mer Zeit eine neue Hei­mat mit allem Drum und Dran geschaf­fen hat, daher, wirkte manch­mal zwar ein wenig über­am­bi­tio­niert, gab im Gan­zen aber ein Ver­spre­chen auf die Zukunft des von nun an neben sei­nen Kern­kom­pe­ten­zen als Schau­spie­ler, Regis­seur und Chan­son­nier auch als Schrift­stel­ler Auf­tre­ten­den ab.

Diese Zukunft ist nun mit Chan­son d’amour, Hor­witz‹ zwei­tem Roman, ange­bro­chen. Und natür­lich hat sich inzwi­schen auch im Leben des wie­der im Mit­tel­punkt ste­hen­den, ein biss­chen nach des Autors eige­nem Bilde geform­ten Roman Kamin­ski eine Menge getan. Zwar sitzt der seine Klas­sik­erzi­tate aus dem Eff­eff beherr­schende Mann nach wie vor hin­ter sei­nen Pfer­den Wanda und Bis­marck auf dem Kutsch­bock, doch ist er inzwi­schen mit Laura, der Wir­tin der »Wil­helm-Meis­ter-Schänke«, ver­hei­ra­tet und die bei­den haben die fre­che Göre Chan­tal, die im Vor­gän­ger­band eine wich­tige Rolle spielte, adop­tiert. Also alles gut an der Ilm? Mit­nich­ten!

Im alt­ehr­wür­di­gen Deut­schen Natio­nal­thea­ter hat mit dem Ein­zug des neuen Inten­dan­ten Johan­nes San­der näm­lich ein fri­scher Wind zu wehen begon­nen – ganz zum Miss­ver­gnü­gen des Chef­re­dak­teurs der ört­li­chen Zei­tung. Und weil die­ser Dr. Wolf von Nes­sel­röden seine Fin­ger nicht nur in allen kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Ange­le­gen­hei­ten in und um Wei­mar hat, son­dern auch ein Intri­gant reins­ten Was­sers ist, lässt er nichts unver­sucht, den unbe­que­men Neuen schnell wie­der aus »sei­ner« Stadt zu ver­trei­ben. Dumm nur, dass sich seine Frau Chris­tiane, Leh­re­rin am Musik­gym­na­sium Bel­ve­dere, aus­ge­rech­net in den vor Ein­fäl­len sprü­hen­den Thea­ter­mann ver­liebt hat und wil­lens ist, ihrer in jeder Bezie­hung unbe­frie­di­gen­den Ehe mit dem über­am­bi­tio­nier­ten Rän­ke­schmied so schnell wie mög­lich zu ent­flie­hen.

Ja, man ahnt schon ziem­lich früh, was pas­siert: Così fan tutte zwi­schen Fürs­ten­gruft und Frau­en­plan, Wit­tums­pa­lais und »Ele­phant«, Ilm­park und Schloss Tie­furt, wo der erhitzte Thea­ter­gott seine Bel­ve­dere-Baja­dere nackt in die Flu­ten der Ilm lockt. Also jede Menge Lie­bes­auf und -ab, an dem sich schließ­lich nicht nur die unge­bremst in ihre erste Ehe­krise schlit­tern­den Kaminskis betei­li­gen – ein alter Ver­eh­rer Lau­ras ist wie­der auf­ge­taucht und ver­gif­tet das Klima in der »Wil­helm-Meis­ter-Schänke« ganz gewal­tig -, son­dern auch Adop­tiv­töch­ter­chen Chan­tal, die Hor­witz‹ Held und sein neu­ge­won­ne­ner Freund Johan­nes San­der schluss­end­lich sogar noch aus den Fän­gen einer Wei­ma­rer Puff­mut­ter befreien müs­sen.

So schlimm, wie man­cher sich das nun viel­leicht vor­stellt, ist Chan­son d’Amour frei­lich lange nicht. Denn Domi­ni­que Hor­witz ist nicht nur – wie sein Held – ein Segel-, son­dern auch ein Schlitz­ohr. Und einem, der so gut und amü­sant schrei­ben kann wie der 61-Jäh­rige, ver­zeiht man schließ­lich sogar die Ste­reo­type und Kli­schees, von denen es in sei­nem Roman nicht wenige gibt. Ein Goe­the oder ein Schil­ler wird aus Hor­witz sicher nicht mehr wer­den. Doch unter­schätze man auch nicht die Leis­tun­gen eines Chris­tian August Vul­pius oder eines August von Kot­ze­bue, denen von nicht weni­gen zu ihrer Zeit der Vor­zug gege­ben wurde vor dem Klas­siker­duo. Und wenn die es damals in die Publi­kums­gunst geschafft haben, schafft Domi­ni­que Hor­witz es heute alle­mal.

 

  • Domi­ni­que Hor­witz: Chan­son d’amour. Roman. Mün­chen: Albrecht Knaus Ver­lag 2018, 336 Sei­ten, 20,- Euro.

Palmbaum – literarisches Journal aus Thüringen Heft 2/2018

Titel­thema: Avant­garde – 100 Jahre Revo­lu­tion in den Küns­ten

 

Editorial

 

Vor 100 Jah­ren ging der Erste Welt­krieg zu Ende. Falsch: er ging nicht ein­fach vor­bei, so wie er auch nicht aus hei­te­rem Him­mel aus­ge­bro­chen war. Kie­ler Matro­sen, die sich nicht län­ger als Kano­nen­fut­ter ver­hei­zen las­sen woll­ten, ver­wei­ger­ten das Aus­lau­fen ihrer Schiffe, sie kehr­ten die Waf­fen um gegen die Herr­schen­den im eige­nen Land. Wir neh­men das Jubi­läum zum Anlass, um nicht zu zei­gen, wie Kunst und Lite­ra­tur die Novem­ber­re­vo­lu­tion „dar­ge­stellt“ haben, wir fra­gen nach den Revo­lu­tio­nen in den Küns­ten selbst: nach den Avant­gar­den.

Dabei klam­mern wir das Bau­haus bewusst aus, da es uns im nächs­ten Jahr mehr als genug beschäf­ti­gen wird. Auch ins nächste Heft wer­den zwei Bei­träge ver­scho­ben, die zur Avant­garde geplant waren: Peter Krause über „kon­ser­va­tive Revo­lu­tio­näre“ und Wil­helm Bartsch zu Wolf­gang Hil­bigs Dia­log mit Nova­lis. Wir sind uns sicher, dass die vor­lie­gen­den Essays zu Höl­der­lin, Nietz­sche, Brecht & Ben­ja­min, zur Kon­kre­ten Poe­sie, zum Streit um Eis­lers Faus­tus-Oper, über eine unge­wöhn­li­che Ubu-Insze­nie­rung an einer DDR-Schule, zur Reihe Außer der Reihe und zum Schrei­ben im digi­ta­len Zeit­al­ter genug Stoff zum Nach­den­ken lie­fern. Fried­rich Dieck­mann wagt eine Ant­wort auf die Frage, wel­che Kunst wir bräuch­ten, und Nancy Hün­ger ruft zum Streit um „Ablass­li­te­ra­tur“ auf …

Neue Lyrik brin­gen wir von Anna Ribeau, Michael Hil­len, Ull­rich Kers­ten, Ron Wink­ler und Michael Spyra, neue Prosa von Nancy Hün­ger, Horst Hus­sel, Daniel Zahno und Ursula Schütt. Außer­dem doku­men­tie­ren wir die Wei­ma­rer Lyrik­nacht.

Im Inter­view befra­gen wir Stef­fen Men­sching nach sei­nem neuen Roman Scher­manns Augen. Die Spu­ren­su­che wid­met sich dies­mal dem Wir­ken von Groß­her­zog Carl Alex­an­der, der von einem „Sil­ber­nen Wei­mar“ träumte, und Johan­nes Falk.

Für den Palm­baum-Ein­band hat uns Wolf­gang Petrovsky eine im wahrs­ten Wort­sinn fein ver­wo­bene Col­lage geschaf­fen: Fund­sa­chen am Strand der Zei­ten … Der Rezen­si­ons-Block umfasst mal wie­der über 30 Sei­ten, Lese­fut­ter und viel­leicht auch brauch­bare Vor­schläge für kom­mende Weih­nachts­käufe.

Unter der Rubrik Aus dem lite­ra­ri­schen Leben berich­ten wir u.a. über die 29. Werk­statt des Süd­thü­rin­ger Liter­ar­tur­ver­eins und dru­cken eine Aus­wahl der ent­stan­de­nen Texte. Blei­ben Sie uns treu: Strei­ten Sie mit uns!

Jens-F. Dwars

Reiner Kunze – »die stunde mit dir selbst. gedichte«

Verletzlichkeit der Poesie
Reiner Kunze blickt in seinem neuen Lyrik-Band wehmütig zurück und mahnend voraus.

 

Von Mar­tin Straub

 

Zehn Jahre nach dem letz­ten Lyrik­band »lin­den­nacht« und wenige Wo­chen vor sei­nem 85. Geburts­tag legt Rei­ner Kunze einen neuen Band vor, »die stunde mit dir selbst«. Es sind Gedichte, die mit ihrer sprach­li­che Inten­si­tät und Schlicht­heit beeindru­cken und den Kos­mos die­ses Dich­terlebens erle­ben las­sen. In den fünf Abschnit­ten des Ban­des gibt es ein­fühlsame Land­schafts­bil­der in Pas­tell, sol­che, in denen die »gna­den­lo­sig­keit der sonne« und die »vor­jahrs­flut« wie ein war­nen­des »Mene­te­kel« auf­schei­nen. Es gibt kri­ti­sche Rück­blicke auf eige­nes Tun und Las­sen wie in »Nacht­pro­to­koll« oder »Port­rätfoto von sich selbst«. Und natür­lich prä­gen Alter und Abschied­neh­men mit einer lei­sen Weh­mut den Band. Aber ohne Lar­mo­yanz, weil damit zu­gleich eine Auseinan­dersetzung mit die­sem 20. Jahr­hun­dert der Extreme einher­geht, des­sen scharfe Kon­flikte in das neue Jahr­hun­dert hinein­reichen.

Man lese im zwei­ten Abschnitt des Ban­des Rei­ner Kun­zes sie­ben Gedichte über die Ukraine und Czer­no­witz. Mit einer beeindru­ckenden Sprachmäch­tig­keit verbin­det er hier in einer bemer­kens­wer­ten Knapp­heit Poe­to­lo­gi­sches, Politi­sches und Geschicht­li­ches, zugleich auf seine Gewährsleu­te ver­wei­send: Paul Celan, Selma Meer­baum-Eisin­ger und Rose Aus­län­der, der Über­set­zer und Kunze-Preis-Trä­ger Petro Rychlo. »Nur im fern­blick vom jüdi­schen fried­hof aus / äh­nelt die stadt / der erin­ne­rung noch ihrer dich­ter // Heerscha­ren der men­schen­hy­bris / töte­ten in ihr / und schlu­gen lücken ins Gedächt­nis // Die fried­hofs­halle rot­tet vor sich hin / Die grab­steine ste­hen geneigt, / ver­stei­nert ist ihr fal­len«, so das Gedicht »Cer­ni­vci«.

Rei­ner Kunze bedenkt nicht nur hier in einem schmerz­li­chen Neben­einander die Ver­letz­lich­keit und Un­verletzlichkeit von Poe­sie. »Dem tod war es gege­ben, / sie zu holen aus dem leben, / doch nicht / aus dem ge­dieht« lesen wir auf dem »Epi­taph für die junge Dich­te­rin Selma Meer­baum-Eisin­ger // 15.8.1924 Czer­no­witz / 16.12.1942 Arbeits­la­ger Michajl­ovka«. In dem die­sen Zyklus ab­schließenden sati­ri­schen »Diebes­lied« wird die Okku­pa­tion der Krim gegei­ßelt. Bedenkt man die Diskus­sionen in unse­rem Land, las­sen sich man­che Gedichte als Warn- oder Mahn­ge­dicht lesen. Den Band be­schließt ein Plä­doyer für die Wah­rung der Mut­ter­spra­chen in Europa.

 

  • Rei­ner Kunze: die stunde mit dir selbst. gedichte, S. Fischer Ver­lag, Frank­furt am Main 2018.

Gorch Maltzen – »Sträuben. Erzählungen und Dialoge«

Gele­sen von Diet­mar Ebert

 

Ein außer­ge­wöhn­li­ches lite­ra­ri­sches Debüt – Gorch Mal­t­zens ers­ter eige­ner Band Sträu­ben. Erzäh­lun­gen und Dia­loge

 

Die Haupt­sa­che ist, dass wir glück­lich sind, auch wenn uns gerade nicht danach zumute ist.
                                                           (Gorch Mal­t­zen)

 

Ein ful­mi­nan­ter Debüt­band ist anzu­zei­gen. Es ist der Band 47 der Edi­tion Muschel­kalk. André Schin­kel hat ihn im Auf­trag der Lite­ra­ri­schen Gesell­schaft Thü­rin­gen e.V. im Wei­ma­rer Wart­burg-Ver­lag her­aus­ge­ge­ben.

Sträu­ben, so heißt der schmale Band, der Erzäh­lun­gen und Dia­loge umfasst, und Gorch Mal­t­zen sein Autor. Gorch Mal­t­zen wurde 1987 in Heide (Hol­stein) gebo­ren und stu­dierte Ita­lia­nis­tik in Ham­burg. Er schreibt Erzäh­lun­gen und dra­ma­ti­sche Texte. Wei­mar und Thü­rin­gen sind seine Wahl­hei­mat.

Mit Sträu­ben hat Gorch Mal­t­zen ein star­kes Debüt vor­ge­legt. Der Band ist eine kri­ti­sche Spie­ge­lung des Gegen­wär­ti­gen. Natür­lich ist es inter­es­sant, was Gorch Mal­t­zen erzählt, doch viel inter­es­san­ter und span­nen­der ist, wie er erzählt. Sein drei­tei­li­ger dra­ma­ti­scher Text Sträu­ben ist an Samuel Beckett ori­en­tiert, nur die Ent­frem­dungs- und Beschleu­ni­gungs­spi­rale hat sich seit­her kräf­tig gedreht, und unsere Welt ist um vie­les absur­der gewor­den als die Becketts. Die logi­sche Kon­se­quenz wäre zu schwei­gen. Kann denn »äußere Rea­li­tät« über­haupt noch in einen dra­ma­ti­schen Text Ein­gang fin­den? Doch, schon, z.B. in den Regie-Anwei­sun­gen: ˂Regen>, ˂Stille>, ˂Wind­rau­schen>  oder ˂Gril­len zir­pen>. Das Mutige und Wit­zige  ist, wie Gorch Mal­t­zen die Per­so­nen 1 und 2 dazu bringt, Dia­loge über alles Mög­li­che zu füh­ren. Sie sträu­ben sich, Figu­ren oder Cha­rak­tere zu wer­den, tra­gen nicht ein­mal mehr Namen und geben gestanzte For­mu­lie­run­gen von sich, Ste­reo­type, die uns in den Medien immer wie­der begeg­nen. Das Groß­ar­tige an den Dia­lo­gen: Sie sind ohne Sinn und gerade darum vol­ler Witz und Komik. Und noch etwas: Sie spie­len zwar in einer Kunst­ga­le­rie, aber die kann über­all und nir­gends sein. Ort und Zeit, die Grund­pfei­ler der aris­to­te­li­schen Dra­ma­tik, sind aus Mal­t­zens dra­ma­ti­schen Tex­ten ent­fernt wor­den. Wir befin­den uns im Zwi­schen­reich von »Über­all« und »Nir­gendwo«, von »Jeder­zeit« und »Nie­mals«. Dadurch fällt die Span­nung zusam­men und alles tritt mit allem in Ver­bin­dung, ohne einen Sinn zu erge­ben. »Wie jetzt?« So mag der Leser fra­gen.  »Keine Ahnung.« So der Rezen­sent. Doch so viel sei ange­merkt: Indem der Autor Ort und Zeit aus sei­nen dra­ma­ti­schen Tex­ten aus­spart, indem er den Dia­lo­gen sei­ner Per­so­nen jeg­li­chen Sinn ver­wei­gert, fin­det er starke lite­ra­ri­sche Mit­tel, um unsere Gegen­wart kri­tisch zu durch­leuch­ten. Zugleich ent­steht eine Art Hall­raum zwi­schen den Per­so­nen und ihrem Autor, und zugleich zwi­schen die­sen und der Leser­schaft, ein Raum für das Lachen über eine lite­ra­ri­sche Welt, die eine »äußere Rea­li­tät« spie­gelt, deren Zumu­tun­gen jedem den­ken­den Men­schen das Lachen im Halse ste­cken blei­ben las­sen. Anders gesagt: Im Sträu­ben gegen die uns über­lie­fer­ten Gesetz­mä­ßig­kei­ten des dra­ma­ti­schen Auf­baus liegt der lite­ra­ri­sche Gewinn von Gorch Mal­t­zens »Dia­lo­gen«. Doch viel­leicht stimmt das alles gar nicht. Viel­leicht muss man die Dia­loge nur so oft lesen, bis man eins wird mit den Per­so­nen. Dann wäre das Non­sens­ka­bi­nett per­fekt, und nur noch die Regie­an­wei­sun­gen wären gültig:˂Ruhe>, ˂Pst>.

Doch Gorch Mal­t­zen hat sich in sei­nem Debüt­band nicht nur als talen­tier­ter Dra­ma­ti­ker, son­dern auch als begab­ter Autor der klei­nen Prosa-Form vor­ge­stellt. In Kurz­ge­schich­ten wie Der Bass muss ficken, Unser Ort. Nir­gends, Wie man Pflan­zen am Leben hält, Hyper­ten­sion, Ent­in­ner­licht, ent­grenzt, ent­leert, Azolla, Funk­ti­ons­rausch, Was pas­siert, wenn man in einen Vul­kan springt, Frat­zen, Der Kriegs­e­le­fant und Nein, wird er nicht expe­ri­men­tiert Gorch Mal­t­zen mit ver­schie­de­nen For­men des Erzäh­lens und der Kon­sti­tu­ie­rung von Erzäh­le­rin­nen und Erzäh­lern, die seine Phan­ta­sie-und Kunst­pro­dukte sind. Auch wenn in der Ich- oder der Wir-Form erzählt wird, stets liegt eine feine Zwi­schen­schicht zwi­schen dem Autor und den Erzäh­len­den: ein selt­sa­mer Reso­nanz­bo­den für einen eigen­tüm­li­chen, leicht bit­te­ren Humor. Mehr­mals sind in den Pro­sa­tex­ten eine in der »äuße­ren Rea­li­tät« erfolg­lose Erzäh­le­rin oder ein erfolg­lo­ser Erzäh­ler und ein Bru­der, der Weg und Rezept zum Erfolg weiß und immer wie­der gute Rat­schläge gibt und des­halb nervt, mit­ein­an­der ver­kop­pelt. Was vor 100 Jah­ren noch als Wider­spruch zwi­schen Bür­ger und Künst­ler gestal­tet wer­den konnte, ist heute zum Gegen­satz zwi­schen erfolg­rei­chem Funk­tio­nie­ren und dem Bewah­ren klei­ner Frei­räume, viel­leicht sogar Spleene  gegen die Anfor­de­run­gen der »äuße­ren Wirk­lich­keit« gewor­den. Gorch Mal­t­zen schil­dert scho­nungs­los eine Welt, in der die Schon- und Schutz­räume immer klei­ner wer­den, in der Ver­wei­ge­rung immer absur­dere Züge annimmt und in der die schein­bar Erfolg­rei­chen keine Chance mehr auf ein gewin­nen­des Leben haben.

Wie weit sich die Beschleu­ni­gungs- und Ent­frem­dungs­spi­rale bereits gedreht hat, zeigt der bit­ter­böse Text Ent­in­ner­licht, ent­grenzt, ent­leert. Der Witz die­ser elek­tro­ni­schen Bot­schaft besteht darin, dass deren Lese­zeit 14 Minu­ten dau­ert. Dann wird von einem jun­gen Mann erzählt, der zur Zeit des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges sei­nen Bru­der demü­tigt, quält und inner­lich ent­leert, um ihn für die Taufe in einem Fluss vor­zu­be­rei­ten oder bes­ser gesagt zuzu­rich­ten. In 14 Minu­ten Lese­zeit wer­den Grau­sam­keits-und Wahn-Sze­na­rien durch­ge­spielt. Der Plot aller­dings liegt außer­halb der Geschichte. Am Schluss des Tex­tes heißt es: Dauer bis zur nächs­ten Dosis Eska­pis­mus: x Minu­ten. Kun­den, die die­sen Text gekauft haben, kauf­ten auch andere lite­ra­ri­sche Dienst­leis­tun­gen.

Das muss man sich erst ein­mal trauen zu schrei­ben. Das ist lite­ra­risch frech, und eben des­halb gelingt Gorch Mal­t­zen die­ser Text.

Viel­leicht ver­strö­men seine Prosa-Texte etwas Küh­les und Sprö­des, viel­leicht ver­sagt sich der Autor jeg­li­che Empa­thie gegen­über sei­nen Figu­ren, viel­leicht hält er Mit­leid ihnen gegen­über nicht für zeit­ge­mäß, viel­leicht kann er sei­nen Figu­ren ohne die Sym­pa­thie des Autors schär­fere Kon­tu­ren ver­lei­hen. Eins steht fest: Die Prosa-Texte Gorch Mal­t­zens ent­fal­ten eine starke Wir­kung. Ingo Schulze hat ein­mal in einem Inter­view gesagt: Wirk­lich ist, was wirkt. Ganz in die­sem Sinne sind Gorch Mal­t­zens Texte wirk­lich. Viel­leicht sind es Figu­ren, wie der Pries­ter, der nichts aus­rich­ten kann, der Geschichts­leh­rer, der vom Krebs heim­ge­sucht wird oder die Kin­der, die ihren krebs­kran­ken Vater pfle­gen, viel­leicht sind es diese Ohn­mäch­ti­gen und Chan­cen­lo­sen, die den Leser in ganz beson­de­rer Weise anrüh­ren, denn sie ver­su­chen glück­lich zu sein, auch wenn ihnen nicht gerade danach zumute ist.

Gorch Mal­t­zens Debüt­band zeigt einen star­ken Dra­ma­ti­ker und einen nicht min­der begab­ten  Autor klei­ner Geschich­ten. Gorch Mal­t­zen ist auf der Suche nach den ihm gemä­ßen Sprach-und Aus­drucks­for­men. Seine ganz eigene Stimme ist bereits jetzt in der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­land­schaft unüber­hör­bar.

 

Jena im Juli 2018        Diet­mar Ebert

 

  • Gorch Mal­t­zen: Sträu­ben. Erzäh­lun­gen und Dia­loge, Edi­tion Muschel­kalk der Lite­ra­ri­schen Gesell­schaft Thü­rin­gen, Bd. 47, hg. André Schin­kel, Wart­burg Ver­lag, Wei­mar 2018.

Eobanus Hessus Schreibwettbewerb 2018

Nach zwei Jah­ren Pause mel­det sich der im Jahr 2001 erst­mals aus­ge­schrie­bene Wett­be­werb als Forum für Schrei­bende in Thü­rin­gen zurück.

Spä­tes­tens mit dem Sie­ges­zug des Poe­try Slam ist der Begriff des Poe­ten, der Poe­tin wie­der in aller Munde und gilt nicht län­ger als ange­staubt und alt­mo­disch. Ein quick­le­ben­di­ger, streit­ba­rer und sprachmäch­ti­ger Poet war auch Eoba­nus Hes­sus (1488–1540). Mit­ten hin­ein­ge­bo­ren in den Über­gang vom Mit­tel­al­ter zur Neu­zeit und damit in einen epo­cha­len Umbruch mit all sei­nen Erschüt­te­run­gen im Den­ken und Füh­len der Men­schen, ent­wi­ckelte sich Eoba­nus Hes­sus in Erfurt, wo er sich 1504 an der Uni­ver­si­tät imma­tri­ku­lierte, zu einem »Dich­ter­kö­nig« und maß­geb­li­chen Ver­tre­ter des deut­schen Huma­nis­mus. Der Pro­fes­sor für Spra­che, Poe­sie und Rhe­to­rik ver­sam­melte in der Erfur­ter Engels­burg Freunde und Mit­strei­ter und machte sie zu einem Ort des leben­di­gen intel­lek­tu­el­len Aus­tau­sches über Lite­ra­tur, Poli­tik und Zeit­ge­sche­hen, zu einer »Poe­ten­burg«, wie sie damals bald genannt wurde.
Die­ser Tra­di­tion fühlt sich Erfurt ver­pflich­tet.

Ver­län­ger­ter Ein­sen­de­schluss: 1.10.2018. Alle Ein­sen­dun­gen bitte aus­schließ­lich per E-Mail an eobanus-hessus@herbstlese.de sen­den.

Wei­tere Infor­ma­tio­nen: www.herbstlese.de/de/eobanus-hessus-schreibwettbewerb-2018/

Versensporn / Heft für lyrische Reize – Nr. 32 – Rudolf Ditzen

Nach­dem sich die Aus­gabe 31 der von Tom Riebe her­aus­ge­ge­be­nen Reihe »Ver­sen­sporn – Heft für lyri­sche Reize« dem in Mün­chen gebo­re­nen Dich­ter Otfried Krzy­zanow­ski wid­mete, erscheint mit Heft 32 eine Aus­wahl von 42 Gedich­ten Rudolf Dit­zens, aus der ins­ge­samt 70 Texte umfas­sen­den, bis­her unpu­bli­zier­ten Samm­lung Gestal­ten und Bil­der, die Gedichte aus den Jah­ren 1912 bis 1917 ent­hält und um deren Ver­öf­fent­li­chung sich Dit­zen bei Paul Cas­si­rer, Georg Mül­ler, Kurt Wolff und ande­ren Ver­la­gen ver­geb­lich bewarb.

Exklu­siv den Exem­pla­ren der Abon­nen­ten liegt als Ein­blatt­druck die am 24. Dezem­ber 1948 im Ber­li­ner Nacht-Express erschie­nene Vor­be­mer­kung »Ursula Fal­la­das« (nebst den bei­den dort erst­mals abge­druck­ten Gedich­ten Tren­nung und Gesang zu zweien) bei.

(aus der Ankün­di­gung auf der Web­site von Poe­sie schmeckt gut)

Erinnerungen an Hans Arnfrid Astel (* 9. Juli 1933 in München; † 12. März 2018 in Trier)

Von Chris­toph Schmitz-Schole­mann

 

1. Treffen im Omnibus von Großkochberg nach Rudolstadt

 

DAS Min­zwölk­chen
weht über die Mauer
auf dem Weg zum Omni­bus.

Hans Arn­frid Astel
Sand am Meer, 6/2007

 

Ken­nen­ge­lernt habe ich Arn­frid Astel im Omni­bus auf der Fahrt von Groß­koch­berg nach Rudol­stadt wäh­rend der P.E.N.-Tagung Anfang Mai 2012. Die schlanke Erschei­nung, die gepflegte Non­cha­lance sei­ner Klei­dung, die fröh­lich in die Stirn fal­len­den blon­den Haare, der Aus­druck brü­der­li­cher Gesprächs­be­reit­schaft in Mimik und Ges­tik – das alles war mir schon bei vor­aus­ge­hen­den Tagun­gen auf­ge­fal­len, ohne dass sich ein Kon­takt erge­ben hätte. Arn­frid Astel war für mich vor allem ein gro­ßer Name, regel­recht ein Begriff, und zwar aus mei­ner Jugend in der Acht­und­sech­zi­g­erzeit und noch lange danach. Man­che sei­ner Lie­bes­ge­dichte kannte man aus­wen­dig, beson­ders eines:

 

KURZES LIEBESGEDICHT

Weißt du noch,
wie wir auf dem Tep­pich geblie­ben sind?

 

Hoch im Kurs stan­den natür­lich auch die poli­tisch schar­fen, glas­kla­ren Kurz­ge­dichte, unver­brämte, anti­ro­man­ti­sche, sach­li­che, par­tei­ische und doch immer mit einem über­ra­schen­den gedank­li­chen Dreh aus­ge­stat­tete Lyrik.

 

TELEFONÜBERWACHUNG

Der »Ver­fas­sungs­schutz«
über­wacht meine Gesprä­che.
Mit eige­nen Ohren hört er:
Ich miß­traue einem Staat,
der mich bespit­zelt.
Das kommt ihm ver­däch­tig vor.

 

Jeden­falls war die Luft frisch und wür­zig, wäh­rend wir vom Schloss zum Bus gin­gen und schließ­lich neben­ein­an­der zu sit­zen kamen. Von der schö­nen Berg- und Tal­land­schaft um uns her war auf­grund fort­ge­schrit­te­ner Abend-Dun­kel­heit nicht viel zu sehen, und Arn­frid Astel begann mich aus­zu­fra­gen, bevor ich Zeit hatte, mei­ner Ver­le­gen­heit Raum zu geben. Wir plau­der­ten mun­ter bis Rudol­stadt und danach noch wei­ter in einer Bier­kneipe. Hier ist eini­ges von dem, was ich bei die­ser und dann vie­len wei­te­ren Gele­gen­hei­ten über ihn erfuhr:

 

2. Recht der Arbeit

Bei Begeg­nun­gen mit Schrift­stel­lern pas­siert es mir nicht oft,  dass sie sich mit mir in Gesprä­che über mei­nen Beruf als Arbeits­rich­ter ver­wi­ckeln las­sen. Das war bei Arn­frid anders und es hatte fol­gende Bewandt­nis damit: Nach sei­nem Stu­dium der Bio­lo­gie und der Lite­ra­tur in Hei­del­berg und ein paar klei­ne­ren Umwe­gen wurde Astel 1967/68 Lite­ra­tur­re­dak­teur beim Saar­län­di­schen Rund­funk. Diese „Anstalt“ war in jenen Tagen so fest in den Hän­den der – damals noch stramm kon­ser­va­ti­ven – CDU, dass man sich schon wun­dern muss, wie es kom­men konnte, dass einer wie Arn­frid Astel über­haupt ein­ge­stellt wurde. Und es dau­erte auch gar nicht lange, bis der Inten­dant des Saar­län­di­schen Rund­funks, ein gewis­ser Dr. Franz Mai,  das Gefühl bekam, der Sen­der habe sich eine „linke Bazille“ ein­ge­fan­gen. Gleich zwei­mal, im Juni und im Dezem­ber 1971, kün­digte er dem Redak­teur Astel frist­los: Er habe der Presse ein inter­nes Schrei­ben des Inten­dan­ten zuge­spielt, ohne Neben­tä­tig­keits­ge­neh­mi­gung in einem Gefäng­nis Gedichte vor­ge­le­sen, sich auf einer CDU-Wahl­ver­samm­lung unpas­send ver­hal­ten und oben­drein noch ein ver­fas­sungs­wid­ri­ges Gedicht mit dem Titel Auto-Mobil-Machung ver­öf­fent­licht.

 

AUTO-MOBIL-MACHUNG

Nur Last­wa­gen sol­len vor­erst ein­ge­zo­gen wer­den
bei der Mobil­ma­chungs­übung 1972,
drei­hun­dert bis fünf­hun­dert pri­vate Kraft­fahr­zeuge.
Nimmt sich da die gele­gent­li­che Ent­eig­nung
eines BMW-Per­so­nen­kraft­wa­gens
durch die Baa­der-Mein­hof-Gruppe
nicht ver­gleichs­weise harm­los aus?
Wer ist nun also »Staats­feind Nr. 1«,
Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Schmidt
oder Ulrike Mein­hof (bzw. Andreas Baa­der)?

 

Der Pro­zess, den Arn­frid Astel gegen die Kün­di­gun­gen anstrengte, ging durch alle drei Instan­zen und fand ein gro­ßes Echo in der deut­schen Presse. Astel wurde berühmt. Und er obsiegte: Am 7. Dezem­ber 1972 erklärte das damals noch in Kas­sel sit­zende Bun­des­ar­beits­ge­richt (Akten­zei­chen: 2 AZR 235/72) die Kün­di­gun­gen für unwirk­sam. Das Urteil kann man getrost als Mei­len­stein auf dem Weg zu einer grund­rechts­ba­sier­ten Pra­xis der Arbeits­be­zie­hun­gen bezeich­nen. End­lich war es „amt­lich“, dass Arbeit­neh­mer nicht mehr, wie man das lange nannte, ihr Grund­recht auf Mei­nungs­frei­heit an den Werks­to­ren abzu­ge­ben hat­ten. Astel, der zugleich mit der Über­gabe der ers­ten Kün­di­gung vom Schreib­tisch weg durch zwei Anstalts-Mit­ar­bei­ter per­sön­lich zum Park­platz eskor­tiert wor­den war, kehrte als­bald nach Urteils­ver­kün­dung in das schön auf einem Berg ober­halb von Saar­brü­cken gele­gene Funk­haus zurück, ein modern umbau­tes und umge­bau­tes klas­si­zis­ti­sches Schloss. Dort setzte er sich, wie er mir erzählte, unan­ge­mel­det in eine gerade lau­fende Redak­ti­ons­kon­fe­renz. Astels Ver­trauen in den Rechts­staat erfuhr durch den Pro­zess­aus­gang eine so maß­geb­li­che Stär­kung, dass er bald selbst auf der Rich­ter­bank Platz nahm: Als ehren­amt­li­cher Rich­ter am Arbeits­ge­richt Saar­brü­cken.

 

3. Naturtrüb

Als Redak­teur blieb er  beim Saar­län­di­schen Rund­funk in Amt und Wür­den bis zu sei­ner Pen­sio­nie­rung im Jahr 1998. Im Funk­haus genoss er,  viel­leicht, weil sich kein Vor­ge­setz­ter mehr an ihm die Fin­ger ver­bren­nen wollte, alle denk­ba­ren Frei­hei­ten. Davon pro­fi­tierte eine ganze Genera­tion von Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­lern, denen er in sei­nem Pro­gramm – wie soll man sagen? – Unter­schlupf, Zuflucht, Bühne bot. Bis heute berühmt ist die von ihm ent­wi­ckelte beson­dere Art der Prä­sen­ta­tion in der Sen­de­reihe „Lite­ra­tur im Gespräch“. Astel, stets ohne schrift­li­ches Kon­zept antre­tend, ließ darin die lite­ra­ri­schen Grö­ßen von Hein­rich Böll,  Hans Magnus Enzens­ber­ger, Wulf Kirs­ten bis Wil­helm Gen­azino zu Wort kom­men. Mit Span­nung ver­folgt der Hörer, wie sie mit Astel reden, zögern, ja manch­mal sogar, für das Radio eigent­lich eine Kata­stro­phe, sich hör­bar schwei­gend mit ihm unter­hal­ten. Die Sen­dun­gen wur­den, wie man hörte, unge­schnit­ten aus­ge­strahlt, „natur­trüb“ wie frisch gepress­ter Apfel­saft.

 

4. Thüringen I

Astels arbeits­recht­li­che Erfah­run­gen waren für mich natür­lich von pro­fes­sio­nel­lem Inter­esse – es gibt nicht viele Men­schen,  die nach einem gewon­ne­nen Kün­di­gungs­schutz­pro­zess tat­säch­lich an ihren alten Arbeits­platz zurück­keh­ren, die meis­ten las­sen sich abfin­den. Mich brachte das Omni­bus-Gespräch auf die Idee, Astel  zu uns nach Hause ein­zu­la­den und zu bit­ten, nicht nur aus sei­nen Gedich­ten zu lesen, son­dern auch seine Pro­zess-Geschichte vor einem Kreis lite­ra­ri­scher und juris­ti­scher Freunde zu erzäh­len. Das geschah dann auch bald. Die Ein­la­dungs­karte ver­sa­hen wir mit einem der ganz kur­zen Astel-Gedichte, über die man so schreck­lich schön lange nach­den­ken kann:

Die Amsel fliegt auf.
Der Zweig winkt ihr nach.

Es wurde ein inten­si­ver Abend Anfang Dezem­ber 2012 in unse­rer Wei­ma­rer Woh­nung, der auch vie­len mei­ner Freunde bis heute im Gedächt­nis ist. Zumal sich zwei Gäste ein­fan­den, die mit Arn­frid Astel schon seit einem hal­ben Jahr­hun­dert in Kon­takt waren: Die Lyri­ker Wulf Kirs­ten aus Wei­mar und Sieg­fried Schröp­fer aus Erfurt. Astel hatte noch wäh­rend sei­nes Stu­di­ums in Hei­del­berg eine lite­ra­ri­sche Zeit­schrift gegrün­det, die in der Geschichte der deut­schen Nach­kriegs­dich­tung über­aus ein­fluss­rei­chen „Lyri­schen Hefte“. In ihnen ver­öf­fent­lichte er hoch­ran­gige moderne Lyrik. Viele deutsch­spra­chige Dich­te­rin­nen und Dich­ter, die spä­ter berühmt wur­den, fan­den sich hier zum ers­ten Mal gewür­digt und vor allem gedruckt. Einer von ihnen war Men­del Moreno, der seine Texte aus dem ande­ren, von der Bun­des­re­pu­blik mit feind­se­li­gen Mau­ern und Sta­chel­dräh­ten getrenn­ten Teil Deutsch­lands an Arn­frid Astel geschickt hatte. Der Name „Men­del Moreno“ war ein Pseud­onym. Dahin­ter ver­barg sich kein Gerin­ge­rer als der Anfang der 60er Jahre noch weit­hin unbe­kannte säch­si­sche Lyri­ker Wulf Kirs­ten, der heute in Wei­mar lebt. An dem Abend bei uns zu Hause gab er auch preis, dass Astel an einem sei­ner Gedichte ein klei­nes biß­chen mit­ge­schrie­ben habe. Der andere Dich­ter war Sieg­fried Schröp­fer aus Erfurt, den Arn­frid mit augen­zwin­kern­der Beharr­lich­keit „Land­fried“ nannte. Auch seine Gedichte machte Astel in den Lyri­schen Hef­ten dem west­li­chen Publi­kum zugäng­lich.

Am nächs­ten Abend gin­gen meine Frau und ich mit Astel durch Wei­mar spa­zie­ren. Es war eine helle, sehr milde Voll­mond­nacht. Wir streif­ten durch den Park an der Ilm, plau­der­ten im Mond­schat­ten unter­halb des Römi­schen Hau­ses, ober­halb der Ilm­wie­sen, die hier den schö­nen Namen „Kalte Küche“ tra­gen, ganz nah an der klei­nen künst­li­chen Quelle, an der auf einer Tafel das berühmte Goe­the-Gedicht ange­bracht ist:

 

Die ihr Fel­sen und Bäume bewohnt, o heil­same Nym­phen,
Gebet jeg­li­chem gern, was er im Stil­len begehrt!
Schaf­fet dem Trau­ri­gen Trost, dem Zwei­fel­haf­ten Beleh­rung,
Und dem Lie­ben­den gönnt, dass ihm begegne sein Glück.
Denn euch gaben die Göt­ter, was sie den Men­schen ver­sag­ten:
Jeg­li­chem, der euch ver­traut, tröst­lich und hül­f­reich zu sein.

 

Astel erzählte viel an dem Abend, vor allem von sei­ner Kind­heit in Wei­mar und von dem Tag, an dem diese Kind­heit ihr jähes Ende fand, im Früh­jahr 1945, als sein Vater sich das Leben nahm.

 

5. Tagungen

In der Zeit von 2012 bis 2017 habe ich Arn­frid Astel bei allen P.E.N.-Tagungen gese­hen, wir haben uns des öfte­ren in Saar­brü­cken und Trier und in der Eifel getrof­fen. Ich erin­nere mich an ein gemein­sa­mes Früh­stück in Mar­burg, bei dem er mich auf die in der Tat über­ra­schend bun­ten Licht­re­flexe auf­merk­sam machte, die sich durch den schrä­gen Ein­fall der Früh­sonne auf dem stau­bi­gen Fens­ter­glas des zur Straße gele­ge­nen Früh­stücks­rau­mes zeig­ten. Ich erin­nere mich an diverse Steine, die er bei Grup­pen-Spa­zier­gän­gen (stets am Ende der Kara­wane) von der Erde auf­hob und auf deren Beson­der­hei­ten er mich hin­wies. Er hatte dafür immer einen Fach­be­griff parat. In Mar­burg ent­wi­chen wir auf Arn­frids Ver­an­las­sung einer orga­ni­sier­ten Stadt­füh­rung wegen des auf­dring­lich-wit­zi­gen Ton­falls der Füh­re­rin und besuch­ten auf eigene Faust das Schloss, wo er mir eine bestimmte Art der Her­stel­lung von bun­ten Vasen erklärte. Er kannte auch den dafür gül­ti­gen Fach­be­griff. Und ich erin­nere mich an ein sehr lan­ges Gespräch in Mag­de­burg. Wir gin­gen am Ufer der in der Sonne blin­ken­den Elbe spa­zie­ren, spra­chen über fami­liäre Ange­le­gen­hei­ten bei­der­seits, auch über Schat­ten, die sich über Lebens­wege legen – Astels ältes­ter Sohn Hans hatte sich 1985 das Leben genom­men; seit­dem trug der Vater auch den Namen sei­nes Soh­nes  und nannte sich Hans Arn­frid Astel. Und doch kamen dann Sätze, die sich mir ein­präg­ten: „Bei all dem bin ich, so wie ich heute lebe, ein glück­li­cher Mensch, so son­der­bar das klingt, ich lebe sehr glück­lich.“ Am 1. Novem­ber letz­ten Jah­res bekam ich eine Mail mit Bild, auf dem Arn­frid zwi­schen Wein­ber­gen in der Sonne stand und nach über­stan­de­nem Zahn­arzt­ter­min lächelte. „Inzwi­schen unter­neh­men wir schon wie­der wun­der­bar herbst­li­che Spa­zier­gänge in den Wein­ber­gen an Saar und Mosel.“

 

6. Thüringen II

Von 2013 bis 2017 ver­band uns eine Zusam­men­ar­beit, die sich auch aus der Tat­sa­che ergab, dass Arn­frid Astel zwar in Mün­chen gebo­ren, aber mit sei­ner Fami­lie schon im Jahr sei­ner Geburt nach Wei­mar gekom­men war und hier bis 1945 gelebt hatte. Wulf Kirs­ten ent­deckte 2014, als Arn­frids Eltern­haus in Wei­mar reno­viert wurde, ein Fens­ter­blech, in das die Astel­kin­der in den 30er/40er Jah­ren – nicht unbe­dingt zitier­fä­hige – Worte ein­ge­ritzt hat­ten, die man noch ent­zif­fern konnte. Auch in Astels Gedich­ten fin­den sich zahl­rei­che Spu­ren sei­ner Wei­ma­rer Kind­heit, nicht nur sol­che, die sich auf die stark natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Prä­gung des Vaters bezie­hen. Man gebe auf sei­ner Web­seite „Sand am Meer“ nur das Stich­wort „Wei­mar“ ein, und man fin­det elf Tref­fer, wei­tere zu Erfurt, Arn­stadt, Jena – und das sind nur die der algo­rith­misch begrenz­ten Intel­li­genz der Such­ma­schine zugäng­li­chen expli­zi­ten Erwäh­nun­gen.

 

OSTKONTAKTE

Als mein Freund kürz­lich
wie­der nach Wei­mar fuhr,
bat ich ihn,
mir den Baum zu foto­gra­fie­ren,
auf dem wir als Kin­der
Bur­gen gebaut hat­ten.
Er brachte mir
eine Foto­gra­fie mit,
dar­auf waren Kin­der zu sehen,
die auf unse­rem Baum
eine Burg bau­ten.

 

Dies Gedicht schrieb Astel in den 60er Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts. Es wurde am 13. Juni 2015 mit einem Kom­men­tar aus mei­ner Feder in der größ­ten Thü­rin­ger Tages­zei­tung, der „Thü­rin­ger All­ge­mei­nen“ gedruckt. Gedicht und Kom­men­tar waren Teil eines Pro­jekts des Thü­rin­ger Lite­ra­tur­ra­tes, des­sen Vor­sit­zen­der ich seit 2012 bin. Drei Jahre lang erschien Woche für Woche ein für Thü­rin­gen in irgend­ei­ner Hin­sicht wich­ti­ges Gedicht. Arn­frid Astel war nicht nur mit den „Ost­kon­tak­ten“ betei­ligt, son­dern auch mit drei Kom­men­ta­ren, die er uns schenkte und die man eben­falls auf sei­ner Web­seite nach­le­sen kann, zu Gedich­ten von Michael Busel­meier, von mir und von

 

Sieg­fried („Land­fried“) Schröp­fer:

FRAGE AN EINEN GEDANKENEIGENTÜMER

Du ängst­lich
auf dem Eigen­tum
an dei­nen Gedan­ken
Bestehen­der, warum
behältst du
deine Gedan­ken
nicht für dich?

 

Mein der­zeit liebs­tes Astel-Gedicht mit Thü­rin­ger Grun­die­rung ist eines, in dem kein Orts­name vor­kommt, oder wenn, dann nur ver­steckt, näm­lich in dem Wort „Bal­samine“. Die „Bal­samine“ ist, einer­seits, eine Pflanze mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund, irgend­wie hat sie es unter Ver­let­zung aller Grenz­re­gime geschafft, sich selbst aus Indien nach Deutsch­land ein­zu­schlep­pen. Sie ist beson­ders berüch­tigt für ihren unge­hemm­ten Fort­pflan­zungs­trieb und bedient sich dabei gewis­ser unfai­rer Tricks zum Scha­den der bie­de­ren orts­fes­ten Pflan­zen-Popu­la­tion, wie man bei Wiki­pe­dia nach­le­sen kann („durch einen Schleu­der­me­cha­nis­mus, der schon durch Regen­trop­fen aus­ge­löst wer­den kann, schleu­dern die Früchte ihre Samen bis zu sie­ben Meter weit weg (Saft­druck­streuer“). Arn­frid Astel benutzt für diese leben­spen­dende Zau­ber­kraft den Fach­aus­druck Tur­gor: „ein Druck von innen“.

 

INDISCHES SPRINGKRAUT

Wer bügelt die Blu­sen
der Bal­samine?
Es ist der Tur­gor,
ein Druck von innen,
und doch kein Busen.

 

Ande­rer­seits, das muss noch nach­ge­tra­gen wer­den, ist „Bal­samine“ auch der Name eines seit Genera­tio­nen berühm­ten Wald­gast­hau­ses in der Nähe von Wei­mar, wo mensch­li­che Hum­meln jede Menge süße Spei­sen und ange­nehm betäu­bende Getränke zu sich neh­men kön­nen.

 

WEIMAR. Ein­kehr im
Wirts­haus zur Bal­samine.
Wie eine Hum­mel.

 

7. Thüringen – Saarland

Ende 2016 reis­ten zwei Thü­rin­ger Schrift­stel­ler, Wulf Kirs­ten und Chris­tian Rosenau, zu einer Lesung nach Saar­brü­cken ins Künst­ler­haus. Orga­ni­siert hat­ten die Reise Jens Kirs­ten vom Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat und Klaus Beh­rin­ger vom Saar­län­di­schen Schrift­stel­ler­ver­band. Arn­frid Astel, mit zwei Hick­ory-Nüs­sen in den Hän­den spie­lend, mode­rierte den Abend, der vom Saar­län­di­schen Rund­funk (Dank an Ralph Schock!) auf­ge­nom­men und etwas spä­ter gesen­det wurde. Nach der Lesung saßen wir lange in einem ita­lie­ni­schen Restau­rant bei­sam­men, es wurde frü­her Mor­gen und es wur­den ver­däch­tig bunte Schnäpse ser­viert, ehe wir die wahr­haft gast­li­che Stätte ver­lie­ßen und der 83jährige Arn­frid Astel sich von dem 82jährigen Wulf Kirs­ten freund­schaft­lichst ver­ab­schie­dete. Drei Gedichte gibt es von Astel über Kirs­ten, eines davon ist dies:

 

TANKA FÜR WULF KIRSTEN
zum acht­zigs­ten Geburts­tag

Irdene Schüs­seln
aus der Erde bei Mei­ßen
(nicht gleich Por­zel­lan)
aus­zu­löf­feln lebens­lang
die ein­ge­brockte Suppe.

 

8. Gerard Manley Hopkins

Die Gesprä­che mit Arn­frid wur­den in den letz­ten bei­den Jah­ren häu­fi­ger und län­ger. Wenn wir über Lite­ra­tur und vor allem Lyrik spra­chen, war ich als fröh­li­cher Dilet­tant natür­lich der – mit immer neuem Gewinn – Zuhö­rende. Oft emp­fahl Arn­frid den eng­li­schen Lyri­ker und Jesui­ten Gerard Man­ley Hop­kins zur Lek­türe. Über klei­nere Inter­net-Recher­chen kam ich aber nicht hin­aus. Als Wulf Kirs­ten mich am 13. März anrief und mir sagte, dass Arn­frid am Vor­tag in Trier plötz­lich gestor­ben war, ergriff mich eine tiefe, ungläu­bige und sehr, sehr trau­rige Bestür­zung. Es dau­erte einige Wochen, bis ich mich wie­der auf seine Web­seite traute. Dort fand ich sei­nen 1963 geschrie­be­nen gro­ßen Essay über Gerard Man­ley Hop­kins (*28. Juli 1844 in Strat­ford bei Lon­don; †8. Juni 1889 in Dub­lin), über „Inkraft“ und „Inbild“ und die Wie­der­be­le­bung des alteng­li­schen „Sprungrhyth­mus“ mit dem Ziel, Gedich­ten eine neue Leben­dig­keit zu geben. Nach der Lek­türe beginne ich zu ahnen, wel­chen Sinn Arn­frid Astels unbe­irr­bar lie­be­vol­ler Blick auf das Indi­vi­du­elle der Men­schen und Dinge hatte. Für Hop­kins, schreibt Astel, sei es darum gegan­gen, „im Indi­vi­du­el­len und Ein­zel­nen die höhere Form des Daseins gegen­über dem All­ge­mei­nen“ zu wür­di­gen und zu fei­ern. „Alle Dinge“ so zitiert Astel ihn, „alle Dinge sind … gela­den mit Liebe, sind gela­den mit Gott, und wenn wir es nur ver­ste­hen, sie rich­tig anzu­rüh­ren, sprü­hen sie Fun­ken und fan­gen Feuer, geben Trop­fen ab und flie­ßen über, tönen und erzäh­len von ihm.“

 

9. Saarbrücken, 13. April 2018

Im Januar 2018 erzählte Arn­frid, der Kul­tus­mi­nis­ter des Saar­lan­des habe ihn ange­ru­fen und gefragt, ob er bereit sei, die Ehren­pro­fes­sur des Saar­lan­des anzu­neh­men. Arn­frid war sicht­lich erfreut und sagte mit der ihm eige­nen Iro­nie, er werde sogar per­sön­lich an der Ver­lei­hung teil­neh­men, aller­dings nur „im Erle­bens­fall“. Die­ser Fall trat nicht ein. Am 24. März 2018 erschien die Anzeige mit der Todes­nach­richt in der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung mit den Namen sei­ner Lie­ben. Dar­über sein klei­nes Gedicht:

 

Die Amsel fliegt auf.
Der Zweig winkt ihr nach.

 

Die Ehren­pro­fes­sur des Saar­lan­des wurde Arn­frid Astel den­noch ver­lie­hen, post­hum am 13. April 2018 im Rah­men einer Gedenk­ver­an­stal­tung im Funk­haus Hal­berg des Saar­län­di­schen Rund­funks durch den Kul­tus­mi­nis­ter des Saar­lands, Ulrich Com­mer­con. Die Toten­rede hielt Sibylle Knauss: „Ecce poeta – Siehe, ein Dich­ter!“ Auf den Stüh­len lagen Kar­ten mit einem Gedicht von Arn­frid Astel.

 

EWIG & DREI TAGE

Ich war am Leben, ach, ich bin es noch.
Wenn du mich liest, dann lebe ich in dir.
Sei du der Him­mel, der ich ande­ren war,
daß auch im Him­mel du nicht unter­gehst,
solang die Mensch­heit noch am Ewi­gen Leben.

Fragen an Rosemarie Züge-Gutsche, Inhaberin von Brendels Buchhandlung in Gera

Mit Rose­ma­rie Züge-Gut­sche, Inha­be­rin von Bren­dels Buch­hand­lung in Gera, sprach Jens Kirs­ten, Geschäfts­füh­rer des Thü­rin­ger Lite­ra­tur­ra­tes.

 

Wes­halb sind Sie Buch­händ­le­rin und Inha­be­rin einer Buch­hand­lung gewor­den?

Weil Lesen schon immer das wich­tigste für mich war. Ich habe mir Lesen bei­gebracht bevor ich in die Schule kam. 1956 war das natür­lich nicht gern gese­hen. Und als sich 1984 in Gera die Chance bot, habe ich mich für die Bren­dels Buch­hand­lung bewor­ben und 1989 den Zuschlag bekom­men. Denn wenn man einen Traum hat, dann sollte man alles ver­su­chen um sein Ziel zu errei­chen. Für mich hieß das, eine eigene Buch­hand­lung! Seit die­sem Tage lebe ich mei­nen Traum.

 

Wie lange gibt es Bren­dels Buch­hand­lung und wie lange arbei­ten Sie in ihr?

Ursprüng­lich wurde die Buch­hand­lung 1842 als Lese­insti­tut gegrün­det, in dem Bücher ent­lie­hen wer­den konn­ten. Sie hat zwei Welt­kriege über­stan­den, ist in Gera viel­fach umge­zo­gen und gehört seit nun­mehr 176 Jah­ren zur Kul­tur­ge­schichte der Stadt. Immer wie­der erhielt sie von Kun­den ein­zelne Bücher geschenkt, in denen noch der Stem­pel von Bren­dels Lese­insti­tut zu fin­den war. Seit 1950 ist die Buch­hand­lung hier am Platz. Ich habe das Haus in der Gro­ßen Kirch­straße 12 im Som­mer 1989 gekauft und mit viel Mühen umge­baut. Im Februar 1995 eröff­ne­ten wir im neuen Glanz und auf 140qm ver­grö­ßert. Seit­dem arbeite ich gern und viel in mei­nem Laden. Eine Idee hatte ich seit­dem auch noch im Kopf. Wir haben unter der Buch­hand­lung einen his­to­ri­schen Höh­ler den wir lie­be­voll vor 10 Jah­ren zu einem Ver­an­stal­tungs­raum umge­baut haben. Und zwar mit allem Drum und Dran: ein­ge­baute Küche, Toi­let­ten und ein Raum für Lesun­gen usw.

 

Was gibt es für Ver­an­stal­tun­gen in Ihrem Buch­kel­ler?

Übri­gens, unser Buch­kel­ler heißt BuKe. Das setzt sich zusam­men aus: Bücher, Unter­hal­tung, Kuli­na­ri­sches und Ent­span­nung. Wir haben über den Herbst und den Win­ter eigent­lich fast jeden Mitt­woch eine Ver­an­stal­tung. Ent­we­der sind es Lesun­gen oder Kaba­rett aber auch eine Zau­ber­show und andere For­mate wer­den bedient. Wir unter­stüt­zen auch unbe­kannte Autoren. Auch Kin­der­gär­ten und Schu­len nut­zen unsere Ver­an­stal­tun­gen, z.B. »Welt­tag des Buches«, Kin­der­tag, Schul­feste usw.

 

Haben Sie nach so vie­len Berufs­jah­ren über­haupt noch Lust zu lesen? Und wenn ja, wie viele Bücher lesen Sie im Monat?

Ja! Nach wie vor nutze ich jede freie Minute und lese fast alles was mir zwi­schen die Fin­ger kommt. Trotz mei­ner ande­ren Hob­bys wie Gar­ten­ar­beit, Kochen und Backen. Aber Lesen ist mir immer noch das Liebste. Und da kön­nen es schon ein­mal bis zu 20 Bücher/Büchlein im Monat wer­den.

 

Wie sieht ein typi­scher Arbeits­tag bei Ihnen aus?

Ich komme meist um 8 Uhr ins Geschäft. Zuerst muss die Ware aus­ge­packt wer­den, damit keine Kar­tons her­um­ste­hen, wenn die Buch­hand­lung pünkt­lich um 9.00 Uhr öff­net. Sau­ber­keit ist eine Sache, die nicht von allein ent­steht, d.h. Staub sau­gen, Fens­ter put­zen, Blu­men gie­ßen, Tech­nik hoch­fah­ren, E-Mails bear­bei­ten, Bestel­lun­gen ein­ge­ben die über Nacht zu uns geschickt wur­den usw. Und wenn dann bis zum Öff­nen noch Luft ist, lese ich die Tages­zei­tung, das Buch­jour­nal oder das Bör­sen­blatt. Nicht zuletzt erfahre ich so auch etwas über Neu­erschei­nun­gen. Als Buch­händ­ler muss man umfas­send infor­miert sein, nicht nur über Bücher. Unsere Kun­den, die uns nicht sel­ten um Rat fra­gen, wol­len prak­tisch auf alles eine Ant­wort haben. Wenn wir eine Ver­an­stal­tung haben, dann dau­ert ein Arbeits­tag mit­un­ter schon mal 14 oder 15 Stun­den.

 

Sie haben gerade erwähnt, dass Sie aus der Zei­tung etwas über Neu­erschei­nun­gen erfah­ren. Auf wel­chem Wege erfah­ren Sie noch von neuen Büchern?

Unser wich­tigs­tes Medium ist das wöchent­lich erschei­nende Bör­sen­blatt, das sehr viele Infor­ma­tio­nen über Novi­tä­ten ent­hält, nicht zuletzt auch eine Best­sel­ler­liste mit kur­zen Rezen­sio­nen. Dann spie­len natür­lich die Ver­tre­ter eine große Rolle, von denen uns etwa 20 besu­chen. Das ist uns sehr wich­tig, bekommt man ja auf die­sem Wege Infor­ma­tio­nen, die nicht im Kata­log ste­hen. (Pres­se­ter­mine, Lesun­gen, Fern­seh­auf­tritte usw.)  Und die Kol­le­gen ken­nen uns und unsere Buch­hand­lung mitt­ler­weile so gut, dass sie im Vor­feld bereits wis­sen, was zu uns und unse­rer Leser­schaft passt. Wir sind sehr froh, von den Ver­la­gen so gut betreut zu wer­den. Und genau des­halb ist Paulo Coel­hos Roman »Vero­nika beschließt zu ster­ben« (Dio­ge­nes Ver­lag) auch eines unse­rer Lieb­lings­bü­cher gewor­den. Ent­schei­dend ist aber, dass der Buch­händ­ler hin­ter einem Buch steht und es dem­entspre­chend emp­feh­len kann. Uns die­nen aber auch das Fern­se­hen, das Inter­net und das Radio als Infor­ma­ti­ons­quel­len. Aber auch der Aus­tausch unter­ein­an­der oder mit Kun­den ist inspi­rie­rend und lehr­reich.

 

Sehen Sie in der zuneh­men­den Digi­ta­li­sie­rung des Buch­mark­tes eine Bedro­hung für das Buch?

Nein. Ich habe viele Kun­den, die auf das E-Book setz­ten, als es neu war, aber längst zum Papier­buch zurück­ge­kehrt sind. Ich selbst habe es aus­pro­biert, mag aber das Ori­gi­nal gegen nichts aus­tau­schen. Auf dem Bild­schirm kann ich mich nicht auf den Text kon­zen­trie­ren. Und wohin dann mit den Kle­be­zet­teln für Rand­no­ti­zen? Ich glaube ganz fest an das »Über­le­ben« des Buches. Es wird in Zukunft neben dem Buch eben auch andere Medien zum Lesen geben. Haupt­sa­che es wird gele­sen! Bei uns kann man natür­lich trotz­dem E-Books kau­fen.

 

Wel­che Rolle spie­len Emp­feh­lun­gen für Ihre Kun­den?

In der Tat spie­len Emp­feh­lun­gen eine große Rolle. Im Geschäft lan­det ja bereits eine gewisse Vor­auswahl, die wir ein­fach aus Platz­grün­den tref­fen müs­sen. Jedes Buch am Lager zu haben ist schlicht­weg unmög­lich. Und nur so kann man dann auch Bücher gut emp­feh­len. Neben dem Buch habe ich schon zu Beginn der 1990er Jahre damit ange­fan­gen, Arti­kel in das Sor­ti­ment auf­zu­neh­men, die dann als so genannte »Non-Book-Arti­kel« in Mode kamen. Zum Bei­spiel haben wir aus­ge­wählte Spi­ri­tuo­sen, hand­ge­machte Seife aus Eng­land, Scho­ko­lade aus einer Manu­fak­tur, exqui­site Ker­zen (eben­falls aus Eng­land) und noch viele andere Dinge die nicht typisch sind für eine klas­si­sche Buch­hand­lung. D.h. neben dem Buch bie­tet unser Sor­ti­ment doch »fast« für jeden das pas­sende Geschenk. Außer­dem habe ich im »Geraer Anzei­ger« eine Rubrik, in der ich wöchent­lich Bücher für Kin­der emp­fehle. Das wer­den wir zeit­nah mit einer eige­nen Prä­sen­ta­ti­ons­wand auch in der Buch­hand­lung ein­set­zen.

 

Wel­che Rolle spielt regio­nale Lite­ra­tur in Ihrer Buch­hand­lung?

Auch eine große. Wir haben über das ent­spre­chende Regal bewusst »Thü­rin­gen« und nicht »Regio­nale Lite­ra­tur« geschrie­ben, damit sich jeder Kunde sofort zurecht­fin­det. Mit Blick auf Gera haben wir den Ehr­geiz, alles zu haben, auch die kleinste Bro­schüre. Das »Thü­rin­gen-Jour­nal« des MDR zu schauen (wenn ich es schaffe), ist für mich eine täg­li­che Arbeit, weil ich hier viel über Thü­rin­gen und seine lite­ra­ri­schen Neu­hei­ten erfahre. Selbst wenn wir ein aktu­el­les über­re­gio­na­les Buch nicht vor­rä­tig haben, so sind wir zumin­dest dar­über infor­miert.

 

Gibt es ein Thema, wel­ches Ihnen momen­tan unter den Nägeln brennt?

Ja, einen eige­nen, grö­ße­ren Ver­an­stal­tungs­raum zu fin­den. In mei­nem Haus, wo ich an den Sonn­ta­gen im Som­mer ein Café und ein Anti­qua­riat betreibe, gibt es eine ehe­ma­lige Schmiede, die sich in deso­la­tem Zustand befin­det. Die Schmiede war einer der Gründe, wes­halb ich das Haus gekauft habe. Aller­dings müs­sen wir noch viel Ener­gie und Geld in den Aus­bau ste­cken, bis sie zu einem Ver­an­stal­tungs­ort nach mei­nen Vor­stel­lun­gen wer­den kann. Solch einen Raum, in dem wir eine Lesung oder Ähn­li­ches durch­füh­ren könn­ten, das wäre mein »neuer« Traum. Um das ver­wirk­li­chen zu kön­nen, fehlt uns  momen­tan noch das nötige Klein­geld.

 

Wie sehen Sie die Zukunft der Buch­hand­lung?

Wor­über ich sehr glück­lich bin, ist, dass meine Toch­ter Daniela im nächs­ten Jahr, wenn mein 30jähriges Dienst­ju­bi­läum ansteht, die Buch­hand­lung über­neh­men wird. Nach dem Abitur absol­vierte sie die klas­si­sche Buch­händ­ler­aus­bil­dung, arbei­tete dann 13 Jahre hier. Dann wech­selte sie die Per­spek­tive und arbei­tete im Außen­dienst, zuerst zwei Jahre für ein Ver­lags­büro in Leip­zig, dann für die nächs­ten 9 Jahre bei der Ver­lags­gruppe Ran­dom House GmbH in Mün­chen. Diese Erfah­rung bringt sie nun in das Geschäft ein.

Seit Januar 2018 arbei­ten wir nun im Dop­pel­pack. Ab dem 09.09.2019, zum 177jährigen Jubi­läum der Buch­hand­lung, wird meine Toch­ter dann die Regie über­neh­men. Und dafür wün­sche ich ihr alles Glück der Welt und dass meine Kund­schaft zu ihrer Kund­schaft wird!

Ein Freundeswort. Hans Lucke zum Abschied nachgerufen – von Wulf Kirsten

Den Schau­spie­ler und Dra­ma­ti­ker zu wür­di­gen bin ich nicht der Kom­pe­ten­teste. Wie­wohl ich natür­lich weiß, daß gerade dies an zen­tra­ler Stelle sei­nes Lebens steht. Ich muß mich auf unsere etwa zwan­zig Jahre wäh­rende Alters-Freund­schaft beschei­den.

Hans Luckes Leben währte fast ein Jahr­hun­dert, voll­ge­packt, über­la­den mit dra­ma­ti­scher deut­scher Geschichte. Der Abstand zwi­schen uns von eini­gen weni­gen Jah­ren muß sich, wie mir scheint, mit zuneh­men­den Jah­res­rin­gen ver­rin­gert haben. Den­noch bleibt eine gra­vie­rende Trenn­li­nie: der zweite Welt­krieg, der mir glück­li­cher­weise erspart blieb. Wenn auch bereits als Zehn­jäh­ri­ger wahn­wit­zi­ger­weise vor­mi­li­tä­risch geschult, gedrillt. Aller Waf­fen­fa­bri­kate kun­dig. Hans Lucke, eben die Schule abge­schlos­sen und gerade mal begon­nen, ein Schau­spiel­stu­dium anzu­tre­ten, wurde als Sieb­zehn­jäh­ri­ger in Mili­tär­dienste gezwun­gen, als Luft­waf­fen­hel­fer und Sol­dat. Ein­ge­reiht in die zusam­men­ge­stop­pelte End­sieg­ar­mee des Gene­rals der Pan­zer­trup­pen Wal­ter Wenck (1900–1982), der im April 1945 Ber­lin befreien sollte. Zu denen, die von den über­mäch­ti­gen For­ma­tio­nen nach­rü­cken­der sowje­ti­scher Ein­hei­ten über die See­lo­wer Höhen öst­lich der Oder gejagt wur­den, gehörte auch Hans Lucke. Wäh­rend noch so viele sei­nes Alters ums Leben kamen, geriet er in Gefan­gen­schaft. Über die­ses Jahr, wie und wo ver­bracht, erlit­ten, haben wir nie gespro­chen.

Ende 1946 konnte er sein Schau­spiel-Stu­dium in Dres­den fort­set­zen. Bereits ab 1949 Enga­ge­ment als Schau­spie­ler in Gör­litz, Zit­tau und Rade­beul; seit 1954 am Dresd­ner Staats­thea­ter. Die zehn Jahre am Deut­schen Thea­ter Ber­lin bil­de­ten den Höhe­punkt sei­ner Büh­nen­kar­riere. Davon zehrte er. Dies bezeug­ten unsere Gesprä­che im klei­nen Freun­des­kreis, seit er ab 1990 von Erfurt nach Wei­mar kam. Dabei erwies er sich als glän­zen­der Anek­do­ten-Erzäh­ler. Wie oft haben wir wir ihm dann zuge­ru­fen, schreib das auf. Ich bin sicher, mit die­sem Buch hätte er sich frei­ge­schrie­ben. Es hätte ganz ent­schie­den zu sei­nem Nach­ruhm bei­gesteu­ert. Aber ein Gut­teil müs­sen wir, seine Freunde, uns anlas­ten, daß wir nicht seine Zöll­ner gewor­den sind und es ihm abver­langt und auf­ge­zeich­net haben. Mir haben sich ganz beson­ders die Begeg­nun­gen und Gesprä­che mit Adolf Dre­sen (1935- 2001) ein­ge­prägt.

Eins die­ser Gesprä­che habe ich in der Über­lie­fe­rung von Hans Lucke in meine Lese­fruch­ternte »Man muß im Ohr eine Waage für Wort­ge­wicht haben« auf­ge­nom­men: »Eine Dame West­ber­li­ner Pro­ve­ni­enz kri­ti­sierte den Thea­ter­re­gis­seur kurz vor des­sen Tod mit der Bemer­kung: Er möge doch end­lich mal von sei­ner Dif­fe­renz­schiene run­ter­kom­men.« Die Anek­dote will es knapp und zuge­spitzt.

Die kri­ti­schen Geis­ter der DDR hat­ten die Fähig­keit ent­wi­ckelt, zwi­schen den Zei­len zu lesen und zu dif­fe­ren­zie­ren, um sub­ti­ler in einen Sach­ver­halt, in ein Thema ein­zu­drin­gen. So setzte der Dra­ma­ti­ker Hans Lucke auf ein Publi­kum, das imstande war, in his­to­ri­schen Stof­fen die Gegen­wart im Sub­text als Kri­tik her­aus­zu­le­sen. Das Thea­ter der DDR bot dafür unge­ahnte Mög­lich­kei­ten, ver­na­gelte Ideo­lo­gen aufs Korn zu neh­men. Ja, das Publi­kum war­tete gera­dezu dar­auf. In den Wei­ma­rer Les­ar­ten von 2012 war­tete Hans Lucke mit einem Bei­trag unter dem Titel »Von Ponto bis Benno Bes­son« auf. Es war jedoch in unse­ren Gesprä­chen bei­leibe nicht so, als wäre es nur um Thea­ter, Regis­seure, Schau­spie­ler gegan­gen. Auch wenn es jetzt nahe­liegt, dies in den Mit­tel­punkt zu stel­len. Mit Hans Lucke, aus­ge­stat­tet mit einer impo­nie­ren­den Sten­tor­stimme, ist nun der letzte oder einer der letz­ten gro­ßen Schau­spie­ler, die Ber­li­ner Thea­ter reprä­sen­tier­ten, aus dem Leben geschie­den. Auch wenn ich nie in Ber­lin gelebt habe, bezog ich meine Maß­stäbe für gro­ßes Thea­ter aus den zahl­rei­chen Auf­füh­run­gen, die ich in Ber­lin erle­ben konnte.

Eine Zeit­lang tra­fen wir uns zu dritt, zu viert in einem grie­chi­schen Restau­rant in der Wei­ma­rer Bau­haus­straße. Retro­spek­tiv sehe ich den Kon­stan­ti­nos-Kava­fis-Abend als den Höhe­punkt. Wir baten den Inha­ber des Restau­rants mit­zu­wir­ken. Er sollte die neu­grie­chi­schen Ori­gi­nale lesen, wir die deut­schen Nach­dich­tun­gen. Er hatte als Thes­sa­lo­nier aus der Gegend von Salo­niki seine Schwie­rig­kei­ten, denn Kava­fis (1863 in Alex­an­dria gebo­ren und ebenda 1933 gestor­ben) schrieb ein schwie­ri­ges, wohl nicht mehr in Gebrauch befind­li­ches Neu­grie­chisch. Ich muß mich bei sol­chen Äuße­run­gen zurück­hal­ten aus man­geln­der Kom­pe­tenz. Ich lese pars pro toto ein kur­zes Gedicht, an des­sen deut­scher Ver­sion ich mit­ge­wirkt habe neben Jan­nis Chad­schi­kon­stan­tis, der in Wei­mar an der Bau­haus-Hoch­schule stu­dierte und heute als welt­be­rühm­ter Archi­tekt von sich reden macht. In dem von Adolf End­ler vor­ge­leg­ten Insel­band zu Kava­fis fehlt das Gedicht »Die Mau­ern« von 1896. Wen sollte es wun­dern, daß die­ses Gedicht tabu blei­ben mußte.

 

Konstantinos Kavafis
(1863–1933)

Ohne Behut­sam­keit, ohne Trauer, scham­los
zog man um mich starke und hohe Mau­ern.

Jetzt sitz ich hier und ver­zweifle darin –
die­ses Unglück zer­frißt mein Gehirn,
an ande­res ver­mag ich nicht zu den­ken.

Drau­ßen hätt ich noch viel zu erle­di­gen.
Ach, warum hab ich nicht auf­gepaßt,
als die Mau­ern errich­tet wur­den.

Weder hört ich den Lärm der Kel­len
noch die Stim­men der Mau­rer.
Unmerk­lich mau­er­ten sie mich aus der Welt her­aus.

1896

Über­set­zung: Jan­nis Chad­schi­kon­stan­tis,
Peter Kraft und Wulf Kirs­ten

 

Von 1953 an war der Schau­spie­ler und Regis­seur Hans Lucke zugleich auch Autor. Dies blieb er über ein hal­bes Jahr­hun­dert. Neben Thea­ter­stü­cken, Fern­seh­spie­len, Hör­spie­len gibt es Roman, Erzäh­lung, Rei­se­bü­cher, bio­gra­fi­sche Dar­stel­lun­gen. Das Kri­mi­nal­stück »Kau­tion« von 1955 soll es auf über tau­send Auf­füh­run­gen gebracht haben. Die Komö­die über Goe­thes Kam­mer­die­ner Sta­del­mann, 1983 in Wei­mar urauf­ge­führt, hielt sich drei Jahre auf dem Spiel­plan. Auch eine Hör­spiel­fas­sung stützte die Popu­la­ri­tät des Stü­ckes, das wohl doch dazu bei­trug, 1987 sei­nen Alters­sitz nach Thü­rin­gen zu ver­le­gen. Wäh­rend zu Beginn sei­nes Schaf­fens die Abrech­nung mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus im Mit­tel­punkt stand, domi­nier­ten spä­ter­hin Arbei­ten über den All­tag und kul­tu­rel­les Erbe. Früh wurde ihm bewußt, daß seine Stär­ken im Komö­di­an­ti­schen lagen. Wie Frank Qui­litzsch in sei­nem Nach­ruf her­aus­stellte, sehe ich ebenso die Satire »Jud Goethe«(1997; 2. Auf­lage 2011) als das stärkste Bei­spiel für eben die­ses Talent. Hier ver­mochte er in einer furio­sen Schwe­jkiade alles auf den Punkt zu brin­gen, was er als ver­sier­ter Thea­ter­ken­ner und Prak­ti­ker erwor­ben, pro­biert hatte und aus dem Eff­eff beherrschte. In die­sem einen Fall war ich sein Lek­tor und Men­tor. Nicht zuletzt auch sein Kri­ti­ker. Ich reihte ihn ein in den ers­ten Jahr­gang der Thü­rin­gen-Biblio­thek, die wegen Que­re­len mit dem Ver­le­ger bald unter dem Titel »Edi­tion Muschel­kalk« wei­ter­ge­führt wurde. In einem hals­bre­che­ri­schen Sla­lom­lauf treibt Hans Lucke das Absurde auf die Spitze. Mit unbän­di­ger Fabu­lier­lust ent­facht er Tur­bu­len­zen im Stil getreuen Erzäh­lens. Auf chap­lineske Weise treibt er mit dem Hor­ror Scherz gegen den irr­wit­zi­gen Ras­sen­wahn­sinn und gegen die damit ver­bun­dene Dok­trin, die zum Holo­coust führte. Der Balan­ce­akt die­ser rabu­lis­ti­schen Sche­in­for­schung baut auf die Abhän­gig­keit zwi­schen Spie­ler und Gegen­spie­ler. Goe­the und Buchen­wald immer eng ver­klam­mert. Die­ses Glanz­stück ver­diente es, von Zeit zu Zeit nach­auf­ge­legt zu wer­den!

Herz­lich aber viel zu wenig, was ich Dir nach­rufe, lie­ber Hans. Lau­ter letzte Worte, auf die nun keine Ant­wort mehr kommt Die Reihe der Freunde, mit denen Aus­tausch mög­lich, über­le­bens­wich­tig war, lich­tet sich zuse­hends. Ich nach Dir, so kann ich immer­hin nach­ru­fen als einem Freund und Kol­le­gen, der sich kennt­lich gemacht hat. Ein­ge­reiht in die um dich Trau­ern­den nehme ich Abschied.

»Harald Gerlach nicht zu vergessen« – Wulf Kirsten">»Harald Gerlach nicht zu vergessen« – Wulf Kirsten

Als ich im Mai 2013 mit Michael Wüs­te­feld zwei Tage in Süd­thü­rin­gen unter­wegs war, merkte ich, daß ich mein Wis­sen von den land­schaft­li­chen Gege­ben­hei­ten aus­schließ­lich Harald Ger­lach zu dan­ken habe, der mich in den sieb­zi­ger Jah­ren als kun­di­ger The­ba­ner dort ein­führte dank immenser Kennt­nisse, auf denen seine Ver­bun­den­heit grün­dete. Als wir vor dem Grab auf dem Röm­hil­der Fried­hof stan­den, erschrak ich in tiefs­ter Seele ob des Ster­be­da­tums. Seit zwölf Jah­ren nicht mehr am Leben. Bereits 2001 hatte ihn eine tücki­sche Krank­heit mit 61 Jah­ren aus dem Leben geris­sen. Auch er einer von den Kol­le­gen nächs­ter thü­rin­gi­scher Nähe, die wenige Jahre nach ihrem Tod der Erin­ne­rung, Ver­tei­di­gung bedür­fen, um nicht der Ver­ges­sen­heit anheim­zu­fal­len. Ich denke an Hanns Cibulka (1920–2004), an Wal­ter Wer­ner (1922–1995) und muß Harald Ger­lach hin­zu­set­zen.

Von die­sem Autor aus Erfurt ver­nahm ich zuerst 1969, als die »Neue Deut­sche Lite­ra­tur« ihn mit acht Gedich­ten vor­stellte. Ein auf­fäl­li­ges Debüt, das mir nahe­ging. Die­sen Autor wollte ich sogleich ken­nen­ler­nen. Wie Ger­lach war auch ich erst mit drei­ßig öffent­lich auf­ge­tre­ten. Außer­dem gehörte ich im Auf­bau-Ver­lag zu einer Gruppe von Autoren, die vom Lek­to­rat für zeit­ge­nös­si­sche deut­sche Lite­ra­tur unter Stab­füh­rung von Gün­ter Cas­par beauf­tragt waren, nach neuen Autoren Aus­schau zu hal­ten. Für junge Autoren waren güns­tige Zei­ten ange­bro­chen, nach­dem der Stamm der aus dem Exil zurück­ge­kehr­ten Autoren das Ver­lags­pro­gramm nicht mehr füllte. So nahm ich mich rasch des neuen Autors aus mei­ner nächs­ten Umge­bung an, wie spä­ter­hin auch Anne­rose Kirch­ner und Ulrich Ber­kes. Leicht zu erken­nen, daß Harald Ger­lach einer war, der auf der Bob­row­ski-Welle schwamm. Ange­sta­chelt, ermu­tigt zur vir­tu­el­len Land­nahme einer bestimm­ten Land­schaft, in der er sich aus­kannte, die ihn auto­bio­gra­phisch geprägt hatte. Gerade diese ter­ri­to­riale Abgren­zung mit ihren Mög­lich­kei­ten, ins Detail zu gehen, fas­zi­nierte mich. Das sollte uns ver­bün­den. Wie für die meis­ten Stim­men unse­rer Genera­tion, die sich in den sech­ziger Jah­ren zu Wort mel­de­ten, war ein star­kes Geschichts­bewußtsein typisch. Bald ließ sich bei Ger­lach erken­nen, daß es neben den regio­na­len Bin­de­kräf­ten auch für einen, der aus­nahms­weise nicht Ger­ma­nis­tik stu­diert hatte, ein unge­wöhn­li­ches, sub­ti­les literar­his­to­ri­sches »Netz­werk« von Gestal­ten gab, in denen er Vor­bil­der sah. Für die zwei ers­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen inner­halb der Reihe »Edi­tion Neue Texte« des Auf­bau-Ver­la­ges fun­gierte ich mehr als Men­tor

denn als Lek­tor. Danach hatte er sich so frei­ge­schwom­men, daß er die­ser Mitt­ler­dienste rasch ent­wach­sen war. Was nicht aus­schloß, daß wir über kom­mende Buch­pro­jekte rede­ten, debat­tier­ten, so wie ich ihm auch mal eins glatt aus­re­dete. Im Detail ent­sinne ich mich kaum noch an lang­wie­rige, aus­gie­bige Arbei­ten an den Tex­ten. Aber etwas ande­res, das unsere Freund­schaft fest wer­den ließ, gewann dann unver­se­hens die Ober­hand; die uns unge­ach­tet aller Ver­schie­den­heit bei­den glei­cher­ma­ßen antrei­bende pere­gri­ni­sche Lei­den­schaft, die Welt mit Füßen ab- und aus­zu­mes­sen.

War auch meine Bio­gra­phie bis zum Herbst 1965 nicht eben gerad­li­nig-ziel­stre­big ver­lau­fen, stell­ten Ger­lachs Ab- und Umbrü­che, die Schlin­ger­be­we­gun­gen auf dem Weg zur Selbst­fin­dung meine Mäan­der weit in den Schat­ten. Seine Aus­brü­che mit exis­ten­ti­el­len Grenz­erfah­run­gen lie­ßen ihn mir als Aben­teu­rer erschei­nen.

Auch wenn dann der unent­wegte Auf­stieg am Erfur­ter Thea­ter vom Hofar­bei­ter zum Dra­ma­tur­gen und fest ange­stell­ten Haus­dra­ma­ti­ker ihn bän­dig­ten oder nur äußer­lich zu bän­di­gen schie­nen, gab er mir auch spä­ter­hin Gele­gen­heit, ihn für einen Aben­teu­rer aus Lei­den­schaft fürs Unstete, Vagan­ti­sche zu neh­men, so daß unsere Freund­schaft mit­un­ter pau­sierte. Als wir in Kon­takt tra­ten, ich ihn des öfte­ren am Non­nen­rain sie­ben im Kreise sei­ner Fami­lie heim­suchte, war er wohl gerade zum Büh­nen­meis­ter mit ent­spre­chen­der Abschluß­prü­fung auf­ge­stie­gen. Er zog mich an sein Thea­ter, kaum eine Pre­miere, die ich ver­säumte, solange er ein Wort dort mit­zu­re­den hatte. Ger­lach ver­brauchte viel Kräfte, um sich als Thea­ter­au­tor wenigs­tens in Erfurt durch­zu­set­zen. Miß­trau­isch bearg­wöhnt als unsi­che­rer Kan­to­nist wurde so einer wie er a priori. Dra­ma­ti­ker der DDR hat­ten es gene­rell weit schwe­rer als Lyri­ker, denen ob der nied­ri­gen Band­auf­la­gen doch mehr oder weni­ger ein gewis­ser Spiel­raum von Narren­freiheit zuge­bil­ligt wurde. In die Insze­nie­run­gen hin­ge­gen rede­ten stän­dig Leute hin­ein, die vom Metier kei­nen blas­sen Schim­mer hat­ten, aber sich auf Wort­klau­be­reien spe­zia­li­siert hat­ten. Klein­ka­rierte Spieß­bür­ger, die sich als Hüter der rei­nen Lehre gerier­ten. Was Minderwertig­keitskomplexe an schlech­tem Gewis­sen her­vor­brin­gen, konnte sei­ner­zeit in Rein­kul­tur stu­diert wer­den. Wobei dann in Erfurt erschwe­rend hin­zu­kam, daß die bezirks­ge­lei­te­ten Duo­dez­fürs­ten­tüm­chen die bes­se­ren Ideo­lo­gie­wah­rer als die Ber­li­ner auf­zu­bie­ten trach­te­ten. So wie mir beschei­nigt wurde, es sei nicht erlaubt, eigen­mäch­tig Gedichte zu ver­fas­sen und zu ver­brei­ten. Ich hatte um eine Druck­ge­neh­mi­gung für Neu­jahrs­grüße nach­su­chen müs­sen.

Zehn Jahre lang gal­ten wir beide inner­halb der Bezirks­grenzen als geäch­tet. In rus­si­fi­zier­ter Sprach­ge­bung hieß das: »Mit denen wird nicht gear­bei­tet.« Erst nach einem Besuch von Minis­ter Klaus Höp­cke wurde die­ses Ver­dikt auf­ge­ho­ben.

Als es galt, den für die Buch­reihe erfun­de­nen »Nach­satz« zu lie­fern, bot seine Vita über­reich­lich Stoff. Allein das ille­gale Ver­las­sen der DDR und der win­ter­li­che Römer­zug bis hin zu dem miß­glück­ten Ver­such, wie­derum ille­gal in die ange­stamm­ten thü­rin­gi­schen Gefilde zurück­zu­keh­ren, konnte von mir nur in einer Kurz­fas­sung gebo­ten wer­den. Der Band erschien 1973. Im Jahr zuvor war ihm bereits das »Poe­sie­al­bum« 56 gewid­met wor­den. In der Folge sollte Ger­lach kon­ti­nu­ier­lich mit Ver­öf­fent­li­chun­gen und Auf­führungen auf sich auf­merk­sam machen. Erstaun­lich die Zahl der Bücher. Bereits mit dem zwei­ten Gedicht­band »Mau­er­stü­cke« (1979) war er deut­lich über die Anfänge hin­aus­ge­wach­sen. Die Fülle der Ein­flüsse hatte er einge­schmolzen in einen unver­kenn­bar eige­nen Schreib­stil, wie er dies dann auch in den fol­gen­den Gedicht­samm­lun­gen ein­legte. Mit dem ers­ten Pro­sa­band »Das Grau­pen­haus« führte er mich in Süd­thü­rin­gen ein. Um den Nach­satz schrei­ben zu kön­nen, mußte ich selbst nach­se­hen, um mir ein Bild von die­sem Schau­platz machen zu kön­nen.

Wenn mich meine Erin­ne­run­gen nicht täu­schen, baute dar­auf eine Viel­zahl gemein­sa­mer Wan­de­run­gen.

Unter den Pro­sa­stü­cken der DDR-Lite­ra­tur sticht Harald Ger­lachs Powestj (Lang-Erzäh­lung oder Kurz-Roman) »Das Grau­pen­haus« als Uni­kat her­aus, Die­ses Pro­s­a­de­büt bleibt ein gro­ßer Wurf seitab der gän­gi­gen Mus­ter. Mich begeis­terte und über­zeugte, wie er sei­nen von Krieg und Hun­ger­jah­ren des Nach­kriegs gezeich­ne­ten Gestal­ten­zug in eine poe­ti­sche Spra­che umge­setzt hatte. Sicher haben seine gro­ßen Vor­bil­der Bob­row­ski und Babel als Anre­ger, Bestär­ker mit­ge­wirkt. Aber viel stär­ker trug ihn selbst­er­leb­tes Leben durch die­ses Figu­ren-Tableau von den Erzie­hern des Jugend­werkhofes im Röm­hil­der Stadt­schloß Glücks­burg und ihren Schütz­lin­gen, als Strand­gut des Krie­ges von den Stra­ßen auf­ge­le­sen. Ger­lachs krie­ge­ver­sehr­ter und hei­mat­los gewor­de­ner Vater lebte mit sei­ner Fami­lie in dem Schloß, so daß Harald Ger­lach inten­siv Anteil nahm am Ver­hal­ten der bunt zusammen­gewürfelten und gebeu­tel­ten Exis­ten­zen, aller­dings per Distanz. Die ent­schei­dende Posi­tion, um dar­über frei schrei­ben zu kön­nen. Dabei blieb eine Nähe bestehen, als sei er selbst einer der Auf­ge­le­se­nen gewe­sen. Das Aben­teu­er­li­che, das dann spä­ter­hin in Ger­lach viru­lent rumorte, dürfte zu einem Gut­teil auf die Erleb­nisse im Schloß zurück­ge­hen, in dem die Insas­sen vor­wie­gend mit Grau­pen ernährt wur­den. Als ich mich in Ger­lachs Grau­pen­haus-Welt ein­füh­ren ließ, hatte die aus der Not gebo­rene, an Pes­ta­lozzi und Falk er­innernde, Ein­rich­tung ihre Auf­gabe erfüllt. Das Schloß diente längst ande­ren Zwe­cken. In der Klein­stadt domi­nier­ten die Grenz­be­wa­cher des Grab­feld­schlauchs, der bis kurz vor Mell­rich­stadt ins Bay­ri­sche hin­ein­reichte. Nor­mal Sterb­li­chen streng ver­wehr­tes Sperr­ge­biet, so.daß wir uns auf das Gleich­berg-Gebiet kon­zen­trier­ten. Auf­stieg auf den Klei­nen Gleich­berg wie vor uns Höl­der­lin, als er 1793/94 in Wal­ters­hau­sen nahe­bei bei Char­lotte von Kalb als Haus­leh­rer ange­stellt war. Wir stapf­ten bei win­ter­li­chem Wet­ter auf die kel­ti­sche Flieh­burg. Die drei­fach abrie­geln­den Basalt­wälle unwie­der­bring­lich vor­zei­ten von Banau­sen zer­stört.

Das Gelände bis in die Gegen­wart von Grab­räu­bern geplün­dert. Eine bewun­derte Vor­bild­ge­stalt hauste am Nord­fuß des Ber­ges. Ger­lachs Schil­de­run­gen von die­sem Ober­förs­ter im Ruhe­stand Emil Gun­del­wein, den ich nie zu Gesicht bekam, erhiel­ten einen lite­ra­ri­schen Glanz, der sich in mei­nem von Ger­lach genähr­ten Erin­ne­rungs­fun­dus nie ver­lor. Erst als ich im Mai 2013 mit Michael Wüs­te­feld unter­wegs war, dran­gen wir auf Umwe­gen bis zu dem Anwe­sen vor, inzwi­schen in ein wohl-behü­te­tes, moder­ni­sier­tes Wochen­end­grund­stück ent­zau­bert. Auch was ich von dem Dorf Bed­heim mit der Schwal­ben­nest­or­gel und dem kaum noch als Schloß zu erken­nen­den Land­sitz der Rühle von Lili­en­st­erns im Gedächt­nis bewahrt hatte, danke ich dem gelän­de­kun­di­gen Wege­meis­ter der sieb­zi­ger Jahre, der mir gerade die süd­thü­rin­gi­sche Region so ver­traut machte, als wäre ich wie er dort hei­misch. Die Ver­glei­che, die ich nach lan­ger Abwe­sen­heit zog, bestärk­ten mich

nun erst recht aufs neue in die­sem Ver­bun­den­heits­ge­fühl.

In der Folge bau­ten wir aus und unter­nah­men gemein­same Wan­de­run­gen, meist eher Tages­mär­sche, wofür uns Thü­rin­gen wie auch meine säch­si­schen Ter­ri­to­rien zahl­rei­che Spiel­räume boten, ohne dabei auf Sen­sa­tio­nen und Rekord­leis­tun­gen aus zu sein. Uns tru­gen die jewei­li­gen landschaft­lichen Gege­ben­hei­ten, die Mög­lich­keit, bei die­sen Oku­lar-Inspek­tio­nen klein­tei­lig-gründ­lich auf­zu­neh­men. Mit­un­ter waren wir eine Woche unter­wegs. Ger­lach stets mit Zelt aus­ge­rüs­tet für den Fall, keine Her­berge zu fin­den, in der für eine Nacht Quar­tier zu bekom­men gewe­sen wäre. So lie­fen wir ein­mal von Grimma aus, nach­dem uns Seume in Hohn­städt den Rei­se­se­gen gespen­det hatte, an der Mulde ent­lang via Klos­ter Nim­b­schen, Col­ditz, Roch­litz bis Penig, um von dort mit­tels öffent­li­cher Ver­kehrs­mit­tel von Frei­berg aus die Fuß­tour ent­lang der Bob­ritzsch fort­zu­set­zen, um dann von mei­nen ange­stamm­ten meiß­ni­schen Gefil­den aus die Elb­ne­ben­tä­ler zwi­schen Mei­ßen und Dres­den aus­zu­mes­sen. Unsi­cher bin ich, ob wir damals auch nach Batz­dorf und Schloß Schar­fen­berg gelang­ten. Damals noch in der fes­ten Annahme, in dem ehe­ma­li­gen Tee­haus hoch über der Elbe habe

sich 1799 Nova­lis auf­ge­hal­ten. Was aber bei genaue­ren Recher­chen wohl auf Monica von Mil­titz zurück­geht, wenn nicht bereits vor ihr von Otto Edu­ard Schmidt in die Welt gesetzt wurde, um diese Ört­lich­keit als Neben­schau­platz säch­si­scher Roman­tik literar­his­to­risch bedeu­ten­der zu machen, als er in Wirk­lich­keit war. Was aber nicht geflun­kert ist. Von unser bei­der Auf­ent­halt vor dem ver­schlos­se­nen Tee­haus, wie vor Schloß Schar­fen­berg und vor der Kir­che zu Con­stap­pel bei Gau­er­nitz exis­tierte eine Serie von Ger­lach-Fotos, die unsere Tou­ren glaub­haft zu unter­mau­ern ver­mö­gen. Eines der Fotos dürfte auch in einen Lite­ra­tur­ka­len­der des Auf­bau-Ver­la­ges Ein­gang gefun­den haben. Eine Zeit­lang tru­gen wir uns mit dem Gedan­ken, dem Leben Fried­rich Lam­ber­tys, genannt Muck (1891 Straß­burg – 1984 Bru­cher­mühle bei Ober­lahr im Wes­ter­wald), legen­den­um­weh­ter Fla­gel­lant der Jugend­be­we­gung, auf die Spur zu kom­men.

Mir war er als Gestalt aus Kin­der­ta­gen geläu­fig. Die engste Freun­din mei­ner Mut­ter war bei ihm Dienst­mäd­chen, als er in Naum­burg als Drechs­ler Fuß gefaßt hatte, eher als Inha­ber eines Betrie­bes, der Dür­er­häu­ser mit Drechs­ler- und Galan­te­rie­wa­ren be­lieferte. Die Bezie­hun­gen zu ihm gestal­te­ten sich so auf- und ein­dring­lich, daß sie rasch die Flucht ergrei­fen mußte. Was wir bei unse­ren Recher­chen von alten Drechs­lern erfuh­ren, die Muck belie­fert hat­ten, warf ob sei­ner Prak­ti­ken bei den Han­dels­be­zie­hun­gen kein gutes Licht auf die von uns ange­steu­erte Bio­gra­phie. Was letzt­lich dazu führte, Abstand von unse­rem Pro­jekt zu neh­men. Dies bestärkte dann auch die Begeg­nung mit einer Frau, die zu sei­ner Schar auf der Leuch­ten­burg gehört hatte und mit ihm im Win­ter 1920/21 über die Dör­fer gelau­fen war, um bei Bau­ern um Lebens­mit­tel zu bet­teln. Als ich dem hoch­be­tag­ten Muck schrieb, war im Grunde nur zu ver­neh­men, daß er lie­bend­gern noch ein­mal auf die Leuch­ten­burg zurück­ge­kehrt wäre. Jedoch ver­fügte ich nicht über die nöti­gen Arm­län­gen, um dies Vor­ha­ben in die Tat umzu­set­zen. Ein Kapi­tel für sich, das nun unge­schrie­ben bleibt. In Ger­lachs Aben­teu­rer-Gale­rie hätte sich die­ser ent­sprun­gene Marine­soldat, der zum anar­chis­ti­schen Revo­lu­ti­ons­hei­li­gen mutierte, wun­der­bar ein­fü­gen las­sen.

Von Seb­nitz aus müs­sen wir auf einer unse­rer Wan­de­run­gen in den hin­ters­ten Win­kel Sach­sens vor­ge­drun­gen sein, über Schä­fer­räu­micht, Bam­mel­weg ins men­schen­leere Hei­del­bach­tal bis zur Kir­nitzsch, via »Im Loch« (Zwei­häu­ser­wald­wei­ler) nach Hin­terherms­dorf, wo eine mei­ner Groß­müt­ter her­stammt. Ein mir seit 1948 ver­trau­tes Dorf, das sich als Appen­dix in tsche­chi­sche Wald­ge­biete hin­ein­drängt, also weit­ge­hend von ihnen umge­ben ist. Über­nach­tung zelt­über­dacht in einem Dorf­gar­ten, allwo uns freund­li­cher­weise »Bau­f­rei­heit« gewährt wurde.

Dann in Eil­mär­schen quer durch die Säch­si­sche Schweiz bis Bad Schandau. Ich weiß nur, daß ich auf dem Schramm­stein-Grat­weg anfing zu schu­s­peln, nicht mehr weg­fest war, stürzte, mir das Knie auf­schlug und ich dabei knapp einem Sturz in die Tiefe ent­ging. Ein ander­mal ver­such­ten wir das Fern­weh mit einer Thü­rin­gen-Que­rung zu besänf­ti­gen, ohne daß meine Erin­ne­rung zu berich­ten weiß, wer uns diese Route ein­gab. Von Stadt­roda pil­ger­ten wir bis zu den Plo­the­ner Tei­chen. In einer Jugend­her­berge ver­brach­ten wir die Nacht. Andern­tags setz­ten wir fort, hiel­ten Kurs auf Cris­pen­dorf, Schloß Burgk, Blei­loch­tal­sperre bis Saal­burg, wo Harald kur­zer­hand ein Ver­steck suchte, um das Zelt auf­zu­schla­gen. Was ihm zu mei­ner Bewun­de­rung stets im Hand­um­dre­hen gelang. Der dritte Tag sollte uns über das abge­dankte reu­ßi­sche Duo­dez­fürs­ten­tüm­chen Ebers­dorf und Schön­brunn bis in das grenz­nahe Städt­chen Loben­stein füh­ren. Glück­li­cher­weise müs­sen wir sehr gute Süd­sicht gehabt haben. So beka­men wir recht­zei­tig Wind von einer jagd­ähn­li­chen per­so­nen­rei­chen Aktion. Wie bald zu rekon­stru­ie­ren war, daß da nach einem oder meh­re­ren »Grenz­ver­let­zern« gefahn­det wurde. Die Gefahr, Ver­däch­ti­gun­gen mit zeit­spie­li­gem unge­wis­sem Aus­gang auf uns zu zie­hen, ließ uns schleu­nigst ab­biegen, seit­wärts in die Büsche Rich­tung Sormitz­tal.

Zu lange lie­fen wir dann auf Asphalt, was unser bei­der Füßen nicht bekam, so daß wir in Leu­ten­berg abbra­chen und uns der Bahn bis Saal­feld anver­trau­ten. So leicht konn­ten

zwei fried­fer­tige Thü­rin­gen-Enthu­si­as­ten per pedes apos­to­lo­rum mit den poli­ti­schen Gege­ben­hei­ten kol­li­die­ren, nahezu jeden­falls, um ein Haar.

Jah­re­lang tru­gen wir uns mit dem Gedan­ken, mit einer Wan­de­rung von Fran­ken­hain bei Cra­win­kel am Rande des Thü­rin­ger Wal­des nach Erfurt eine Jakob-van-Hod­dis­-Gedenk­wan­de­rung ein­zu­le­gen (30 bis 40 km Tages­marsch). Von 1915 bis 1922 war van Hod­dis bei dem Leh­rer Sieg­ling und sei­ner Fami­lie in pri­va­ter Pflege. Wie von einer in Arn­stadt leben­den Sieg­ling-Toch­ter und alt­ein­ge­ses­se­nen Dorf­be­woh­nern zu ermit­teln, die sich des »Schnell-Läu­fers« erin­ner­ten, unter­nahm er in jenen Jah­ren regel­mä­ßig in eige­ner Regie aus­ge­dehnte Fuß­mär­sche, wobei er auch ein­mal als Spion ver­däch­tigt wurde. Zwei­mal brach er bei mise­ra­blem Wet­ter aus, um nach Erfurt zu gelan­gen, wo er Freunde wußte, die er in Ber­lin im »Neuen Club« ken­nen­ge­lernt hatte. Ein Wun­der bleibt, daß und wie er sie tat­säch­lich fand. Sie sorg­ten dann dafür, daß er nach Fran­ken­hain zurück­gebracht wurde. Ohne genau zu wis­sen, wie ziel­stre­big oder auf wel­chen Umwe­gen er diese Tour steeple-chase durch den Erden­schlamm bewäl­tigte, woll­ten wir mit der Wan­de­rung an den mir beson­ders nahen visio­nä­ren Expressio­nisten erin­nern. Immer wie­der auf­ge­scho­ben, konnte die­ser lang­ge­hegte Vor­satz end­lich 1998 in die Tat umge­setzt wer­den. Nun als Pro­jekt in Gruppe. Jeder Teil­neh­mer war ver­gat­tert wor­den, sich in einem Bei­trag zur Wan­de­rung

oder zu dem Dich­ter zu äußern. So kam als Doku­men­ta­tion die­ser Unter­neh­mung der Band »Wan­dern über dem Abgrund. Jakob van Hod­dis nach­ge­gan­gen« (1999) zustande. Dies sollte meine letzte Wan­de­rung mit Harald Ger­lach blei­ben.

Ich habe längst nicht an alle unsere Fuß­mär­sche erin­nert. Es könnte so schon der Ein­druck ent­ste­hen, unsere Freund­schaft sei eine rein füßi­sche Ange­le­gen­heit gewe­sen. Von der Hod­dis-Wan­de­rung abge­se­hen, tra­ten wir nie mit dem Vor­satz an, eine der Exkur­sio­nen Text wer­den zu las­sen. Das blieb dem Zufall über­las­sen. Aber die land­schaft­li­che Ver­bun­den­heit fes­tigte, bestärkte ebenso lite­ra­ri­sche Gleich­ge­stimmt­heit. Wenn Harald Ger­lach auch Mas­sen­zu­sam­men­künf­ten mit Vor­liebe aus dem Weg ging, so wie sich unser Aus­tausch am kon­struk­tivs­ten auf den Wan­de­run­gen bewährte, im Thea­ter­mi­lieu war dies anders. Da lebte er in einer Welt für sich. War einer sei­nes­glei­chen, so wie ich dies per Distanz aus der Warte eines Ver­lags­mit­ar­bei­ters erlebte. Aber ich nahm an den Que­re­len und Kämp­fen teil, die er als Dra­ma­ti­ker zu bestehen hatte und wußte, daß er zumin­dest inner­halb des Thea­ters bis zum Inten­dan­ten hin­auf immer wie­der Rücken­deckung erhielt. Lei­der drang er als Dra­ma­ti­ker außer­halb sei­nes Thea­ters nicht recht durch. Ich konnte den­noch von Erfur­ter Auf­füh­run­gen zeh­ren. So unter ande­rem von zwei glanz­vol­len Urauf­füh­run­gen sei­ner Stü­cke bezie­hungs­weise Bear­bei­tun­gen. Poe­ti­sches Thea­ter, das von dem Anar­cho-Außen­sei­ter Alfred Matu­sche inspi­riert war. Mich begeis­terte das Johann-Chris­tian-Gün­ther-Stück »Die Straße« und erst recht die tur­bu­lente Komö­die »Held Ulys­ses« (1982) nach Lud­vig Hol­berg. Über den mei­ner­seits angeb­lich allzu-reich­lich gespen­de­ten Bei­fall wis­sen von der Gauck-Behörde ver­wahrte Hin­ter­las­sen­schaf­ten Ein­schlä­gi­ges zu berich­ten.

Harald Ger­lach erwies sich in den drei Jahr­zehn­ten sei­nes Schaf­fens als ein in allen Gen­res ver­sier­ter Autor. Er suchte sich immer wie­der thü­rin­gi­sche Schau­plätze. Vor allem die bio­gra­phi­schen Sta­tio­nen, von denen er seine Boden­haf­tung bezie­hen konnte, beflü­gel­ten ihn zu einer Viel­zahl von Tex­ten und Büchern, dar­un­ter Erzäh­lun­gen, Romane, Gedichte, Stü­cke, Opern­li­bretti in Zusam­men­ar­beit mit dem Leip­zi­ger Kom­po­nis­ten Karl Otto­mar Treib­mann, eine Lebens­ge­schichte Fried­rich Schil­lers, die erst nach sei­nem Tod erschien, Hör­spiele, Funk­sen­dun­gen, bio­gra­fi­sche Abrisse auf CD-ROM, weit ver­streut zahl­rei­che Bei­träge

zu Sam­mel­bän­den, schwer zu über­schauen. Am bes­ten den Band »Dich­ter und Thea­ter­mann« von Kai Agthe und Lothar Ehr­lich zu Hilfe neh­men, dem eine gründ­li­che Biblio­gra­phie bei­gege­ben ist. Am auf­fäl­ligs­ten, für mich der erstaun­lichste Zuge­winn sei­nes letz­ten Lebens­jahr­zehnts die Essay­is­tik. All dies ver­einigt sich zu einem impo­nie­ren­den Werk, das nicht nur inner­halb des kleins­ten deut­schen Frei­staa­tes zu den­ken und deu­ten wäre. Lei­der geht es ihm wie so manch anderer/anderem sei­nes Metiers, die Rezep­tion läßt zu wün­schen übrig. So teilt er auch die Gefahr, vom Rand ins Ver­ges­sen gedrängt zu wer­den, als ob eine nur noch auf Novi­tä­ten erpichte Gesell­schaft von Her­kunft nicht viel hält. So hat sich auch sein Ver­lag, der ihm so lange die Treue hielt, von ihm abge­wandt. Wie welt­hal­tig gerade »Pro­vinz« sein kann, hat Harald Ger­lach in einem sub­stan­zi­ell über­zeu­gend kom­po­nier­ten Stu­fen­bau hin­ter­las­sen.

Wei­mar, Novem­ber 2013

Freundeswort zum Lebensabschied für Eberhard Haufe – von Wulf Kirsten

Kurz nach sei­nem 82. Geburts­tag ging das Leben Eber­hard Hau­fes nach jah­re­lan­gen mit gro­ßer Geduld ertra­ge­nen Lei­den, die seine Mög­lich­kei­ten am öffent­li­chen Leben teil­zu­neh­men, stu­fen­weise redu­zier­ten, in erzwun­ge­ner Ein­ge­zo­gen­heit zu Ende. In den letz­ten Jah­ren domi­nierte in sei­nem Zim­mer des See­bach­stifts die Ein­sam­keit, wäh­rend einst sein jahr­zehn­te­lan­ges Domi­zil in der Cra­nach­straße 1 ein Anlauf­punkt für so viele Weim­ar­be­su­cher war, die das Gespräch, den Aus­tausch mit dem Gelehr­ten such­ten, dar­un­ter viele Ger­ma­nis­ten, Schrift­stel­ler, Intel­lek­tu­elle aus dem west­li­chen wie öst­li­chen Deutsch­land und vie­ler Her­ren Län­der, stand Eber­hard Haufe doch quasi als Über­le­ben­der, als verlän­gerter Arm der Wei­ma­rer Klas­sik, als einer der kom­pe­ten­tes­ten, glaub­wür­digs­ten, inte­gers­ten Ansprech­part­ner in die­ser unse­rer Stadt. Könnte ich, wollte ich das Besu­cher­re­gis­ter eini­ger­ma­ßen erschöp­fend auf­zäh­len, wäre die schick­li­che Zeit einer Trau­er­rede aus­ge­schöpft. Ich ent­sinne mich an die all­jähr­li­chen Besu­che von Agnes und Ad den Bes­ten, den cal­vi­nis­ti­schen Kir­chen­lied­dich­ter, Höl­der­lin-Über­set­zer, Hoch­schul­pro­fes­sor, Her­aus­ge­ber der Antho­lo­gie »Deut­sche Lyrik auf der ande­ren Seite. Gedichte aus Ost- und Mit­tel­deutsch­land«, erschie­nen 1960 im Han­ser Ver­lag Mün­chen.

Ich denke an den Ger­ma­nis­ten Axel Vier­egg, der aus Neu­see­land kam, an Inge und Wal­ter Jens, mit denen wir dann auch unter­wegs waren zwi­schen Naum­burg und Mem­le­ben an der Unstrut, mit Zwi­schen­auf­ent­halt auf dem Campo Santo zu Butt­städt, von dem der Barock­spe­zia­list Eber­hard Haufe stets zu beto­nen pflegte, der ein­zige Barock­fried­hof nörd­lich  der Alpen. Wie oft sah ich den rus­si­schen Publi­zis­ten Ser­gej Lwow auf dem Ehren­stuhl sit­zen? Der Bob­row­ski-Ver­eh­rer und Lyri­ker Man­fred Peter Hein kam aus Hel­sinki. Zu den enge­ren Freun­den zählte Pro­fes­sor Wer­ner Kel­ler, sei­ner­zeit Prä­si­dent der Goe­the-Gesell­schaft und Direk­tor am Germa­nistischen Insti­tut der Uni­ver­si­tit Köln. Als einen Höhe­punkt unter der Legion von Besu­chern sehe ich den Abend 1978 mit zwei Uralten, die 1933 aus Deutsch­land ver­trie­ben wur­den, den Schrift­stel­ler und Lite­ra­tur­kri­ti­ker Wer­ner Kraft mit sei­ner Frau Erna, seit 1934 in Jeru­sa­lem, der Letzte aus der Genera­tion und dem Freun­des­kreis von Mar­tin Buber und Wal­ter Ben­ja­min. Gar zu gern wäre der mit dem Werk Goe­thes Ver­traute öffent­lich in Wei­mar auf­ge­tre­ten. Aber seine Frau unter­sagte ihm dies strikt. Sie fürch­tete um den Sohn, sei­ner­zeit israe­li­scher Diplo­mat in Nepal. Einer der Besu­cher könnte von die­sem Abend berich­ten und die West­presse könnte davon Wind bekom­men. So blieb es bei der klan­des­ti­nen Lesung im engs­ten Freun­des­kreis Eber­hard Hau­fes in des­sen Woh­nung. Dies nur einige wenige Per­so­nen und Ereig­nisse, die sich mir beson­ders nach­hal­tig ein­ge­prägt haben. Uns gal­ten sie als Aus­druck eines vor­wie­gend inof­fi­zi­ell exis­ter­en­den Wei­mar, in dem auf Wahr­heit set­zende Gegen­spra­che gedacht und gespro­chen wurde.

In Dres­den 1931 gebo­ren, als Sohn eines Volks­schul­leh­rers in Groß­röhrs­dorf am Rande der Ober­lau­sitz auf­ge­wach­sen, stu­dierte er 1950–1954 an der Leip­zi­ger Uni­ver­si­tät Ger­ma­nis­tik, Geschichte und Kunst­ge­schichte, war dann bis 1957 der letzte Assis­tent des Goe­the-For­schers Her­mann August Korff, der in Haufe sei­nen begab­tes­ten Schü­ler sah, dann kurze Zeit Assis­tent bei Hans Mayer. Unter sei­nen Schü­lern der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Lyri­ker Peter Horst Neu­mann, der spä­ter­hin des­sen vor­ur­teils­freies Den­ken rühmte. In dem Buch »Zeit­kehre in Deutsch­land« (1991) erin­nerte sich der Phi­lo­soph Man­fred Rie­del an die Semi­nare, in denen Rilke, Klopstock, Nova­lis behan­delt wur­den:

»So habe ich Eber­hard Haufe in Leip­zig ken­nen­ge­lernt: als jenen lau­te­ren und von Grund auf anstän­di­gen Cha­rak­ter, den damals auch Dekan Mar­tin erkannte. Daran erkenne ich ihn wie­der. Sein Ver­hal­ten stimmt mit sei­ner Hal­tung, er, der von den Stür­men der Zeit geschüt­telte Mann, stimmt mit sich und sei­nen Mit­bür­gern über­ein, mit der Menge und ihrem Ruf »Wir sind das Volk!«

Anfang 1958 wurde er nach einem Ber­lin-Auf­ent­halt mit sei­ner Semi­nar­gruppe als poli­tisch-ideo­lo­gi­scher Miß­lie­bi­ger, als Stör­fak­tor ob sei­ner christ­lich-huma­nis­ti­schen Grund­hal­tung und auf Emil Stai­ger und Wolf­gang Kay­ser fußen­den poe­ti­schen Stil­kri­tik und Kunst der Inter­pre­ta­tion von Dok­tri­nä­ren auf dra­ma­tisch-rabiate Weise von der Uni­ver­si­tät rele­giert. Indok­tri­nierte Scharf­ma­cher ver­wei­ger­ten ihm die Pro­mo­tion. Seine Phi­lo­lo­gie ohne Klas­sen­kampf war vor allem der FDJ-Lei­tung ein Dorn im Auge, seine Beliebt­heit bei Stu­den­ten rief Nei­der auf den Plan.

1959 nach Wei­mar über­sie­delt, mußte er sich eine neue Exis­tenz auf­bauen. Zunächst konnte er bis 1971 in der Redak­tion der gesamt­deut­schen Schil­ler-Nati­o­­na1-Aus­gabe arbei­ten. Aus die­ser Tätig­keit ging der mit Diet­rich Ger­mann her­aus­ge­ge­bene Band 42 »Schil­lers Gesprä­che« (1967) her­vor.

Pro­fes­sor Joa­chim Mül­ler pro­mo­vierte ihn 1964 mit der Dis­ser­ta­tion über die Text­bü­cher der Ham­bur­ger Oper, einem Thema, das als ideo­lo­gisch unver­däch­tig galt. Eine phi­lo­lo­gi­sche Pio­nier­ar­beit, die mit summa cum laude bewer­tet wurde. Drei­ßig Jahre spä­ter als Buch erschie­nen. Eine Arbeit zu Rilke, dem Hau­fes beson­dere Wert­schät­zung und Zunei­gung galt, hielt Mül­ler Anfang der sech­zi­ger Jahre, als er selbst wegen sei­nes Vor­tra­ges in der Säch­si­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten zu Yvan Goll, hef­tig ange­grif­fen wor­den war, für zu ris­kant und pro­vo­ka­tiv.

1971 mußte Eber­hard Haufe nach einem Schlag­an­fall invali­disiert wer­den. Fortan arbei­tete er frei­schaf­fend, mehr oder weni­ger gesund­heit­lich ein­ge­schränkt, als Her­aus­ge­ber und Lite­ra­tur­kri­ti­ker. Allein im »Thü­rin­ger Tage­blatt« steu­erte er an die zwei­hun­dert Rezen­sio­nen bei. In bei­den Tei­len Deutsch­lands erwarb er sich einen Ruf als äußerst gründ­li­cher, gedie­gener Kom­men­ta­tor, ver­sier­ter sprach­be­wuß­ter Essay­ist. Unver­kennbar blieb dabei stets das christ­li­che Ethos des protestan­tisch Erzo­ge­nen, Gepräg­ten, womit er als Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler in der DDR eine Aus­nahme-Erschei­nung wurde und blieb.

Ohne daß es hier auch nur annä­hernd mög­lich ist, seine rei­che Gelehr­ten­ar­beit aus­zu­brei­ten, möchte ich nur einige der her­aus­ra­gen­den zen­tra­len The­men, spe­zi­elle Zeit­abschnitte erwäh­nen, mit denen er bei­spiel­hafte Edi­tio­nen vor­legte und die ihn immer­hin umriß­haft kennt­lich machen. Über zwei Jahr­zehnte wid­mete er sich dem Werk und der Per­sön­lich­keit Johan­nes Bob­row­skis, der zu sei­nem geis­ti­gen Lebens­mit­tel­punkt wurde. Auch er einer der weni­gen Stand­haften, mit einer nicht zu beir­ren­den Hal­tung aus christ­lich-huma­nis­ti­­schen Grund­über­zeu­gun­gen her­aus. Auch er einer der weni­gen Poe­ten im Lande Deutsch-Fern­ost, die es sich nicht ver­sag­ten, in einem gesamt­deut­schen Kon­text zu den­ken und zu wir­ken, allen Abschot­tun­gen, Ummaue­run­gen aus der Welt her­aus und allen damit ver­bun­de­nen Restrik­tio­nen zum Trotz. Die vier Bände der Werk­aus­gabe mit umfang­rei­chen Kom­men­tie­run­gen gehö­ren zu sei­nen beacht­lichs­ten edi­to­ri­schen Leis­tun­gen. Lei­der zogen sich die Que­re­len mit dem Union-Ver­lag um die bei­den Brief­bände der­art in die Länge, daß die Aus­gabe nicht zustande kam, für die er jah­re­lang recher­chiert und gesam­melt hatte.

Die Arbei­ten zur vor­klas­si­schen Zeit gip­feln in der zwei­bän­di­gen Antho­lo­gie »Wir ver­gehn wie Rauch von star­ken Win­den. Deut­sche Gedichte des 17. Jahr­hun­derts« (1985). Eine fun­da­men­tale Samm­lung von mehr als tau­send Sei­ten, die ein Säku­lum in Ge­dichten aus­füh­ren. Ich habe mit­er­lebt, mit wel­cher Besessen­heit und Akri­bie, mit wel­cher Inten­si­tät der Antho­lo­gist am Werke war, wie dem Ver­lag das auf einen Band geplante, unter der Hand ver­dop­pelte Kom­pen­dium als unver­zicht­bar abge­run­gen wurde. Keine Mühe wurde gescheut, ent­le­genste Bände ein­se­hen zu kön­nen. So ent­stand ein monu­men­ta­les lyri­sches Pan­orama, das an die zwei­hun­dert Autoren ver­eint, in dem die ungewöhn­liche Aus­drucks­kraft und Vita­li­tät eines fern­ge­rück­ten, viel zu oft unter­schätz­ten Jahr­hun­derts im Abglanz geform­ter Spra­che auf­scheint. Das nicht ohne Gegen­warts­be­zug an den Schluß gesetzte Epi­gramm von Chris­tian Höl­mann pocht wie­derum auf das wie­der und wie­der beschwo­rene Wort Wahr­heit als zen­trale For­de­rung an die rea­len Lebens­um­stände:

Die bösen Poe­ten

An Tich­tern fehlt es nicht bei die­sen bösen Zei­ten.
Es fehlt an denen nur, die vor die Wahr­heit strei­ten.

In der Samm­lung Die­te­rich erschie­nen ab 1972 meh­rere Auf­la­gen von Chris­tian Reu­ters Schel­men­ro­man »Schel­muff­skys wahr­haff­tige curiöse und sehr gefähr­li­che Rei­se­be­schrei­bung zu Was­ser und zu Lande«. Ein Lebens­bild eines Sprach­künst­lers, der Stil­schichten zu mischen und ver­schnei­den ver­stand, das über die Jahr­hun­derte nichts von sei­ner wit­zi­gen Fri­sche ein­ge­büßt hat. Daß Reu­ter, der sei­ner Wir­tin, die er als »ehr­li­che Frau Schlam­pampe« ver­spot­tete, die Miete schul­dig blieb, nach einer Denun­zia­tion 1699 lebens­läng­lich rele­giert wurde und seine Stadt ver­las­sen mußte, rief bei dem Her­aus­ge­ber natür­lich nur zu bezie­hungs­reich eigene Erleb­nisse wach. Eber­hard Haufe bewährte sich immer wie­der als Ent­de­cker weit­hin ver­schol­le­ner Rand­gän­ger wie etwa Daniel Stoppe mit den derb-dreis­ten Lie­dern und Epis­teln »Der Par­naß im Sätt­ler«, einem Nach­fah­ren der Schle­si­schen Dich­ter­schule. Eben­falls Schle­sier war Johann Gott­lieb Schum­mel. Seine komi-tra­gi­sche Geschichte »Spitz­bart« wagte der Kie­pen­heuer Ver­lag erst nach dem Tod Wal­ter Ulb­richts zum Druck ein­zu­rei­chen. Dank akri­bi­scher Recher­chen gelang es Eber­hard Haufe, Joseph Rück­erts »Bemer­kun­gen über Wei­mar« der Anony­mi­tät zu ent­rei­ßen und 1969 erst­mals in einer Buch­pu­bli­ka­tion vor­zu­stel­len. Zu die­sen Ent­de­cker­freu­den, die pro­funde Ken­ner­schaft vor­aus­setz­ten, zäh­len ebenso die spät­ba­ro­cken Bur­les­ken »Hans­wurs­ti­sche Träume« von Phil­ipp Haf­ner, dem Begrün­der der Wie­ner Volks­ko­mö­die.

Zu den weit­hin ver­ges­se­nen Autoren gehörte der Publi­zist und Sprach­den­ker Carl Gus­tav Joch­mann (1799–1830). Zu die­sem »Selbst­den­ker in fins­te­rer Zeit« fühlte sich Fher­hard Haufe

beson­ders hin­ge­zo­gen. Zwi­schen den Edi­tio­nen und Her­aus­ga­ben des 17./18. Jahr­hun­derts und der Kon­zen­tra­tion auf Johan­nes Bob­row­ski bil­det Joch­mann als Spät­auf­klä­rer des frü­hen 19. Jahr­hunderts quasi den Mit­tel­pfei­ler sei­nes Brü­cken­baus. Ange­sichts der über­deut­li­chen Bri­sanz und poli­ti­schen Aktua­li­tät geriet die Samm­lung von Apho­ris­men und Glos­sen, die 1976 in der Gus­tav-Kie­pen­heuer-Büche­rei unter dem Titel »Die un­zeitige Wahr­heit« erschien, zu einer weit über literar­his­to­ri­sche Bezüge und Ver­dienste hin­aus­rei­chende Rele­vanz. Nicht zuletzt fas­zi­nierte den Her­aus­ge­ber, daß für Joch­mann Wahr­heit als eine zen­trale Kate­go­rie galt. In das mir ge­widmete Exem­plar schrieb Eber­hard Haufe drei der für Joch­manns Den­ken typi­schen Apho­ris­men: »Jede Wahr­heit kommt dem zu früh, der jede zu spät erkennt.« – »Aber wenn die Lüge herrscht, wie soll die Wahr­heit nicht ein Auf­ruhr sein!« – »Wo die Wahr­heit bekämpft wer­den muß, da hat sie schon gesiegt.« Wahr­lich fun­da­men­tale Erkennt­nisse, die für viele Lebens­al­ter gel­ten, wenn nicht für die Ewig­keit.

Die zahl­rei­chen selb­stän­di­gen Publi­ka­tio­nen und weit ver­streut erschie­ne­nen Bei­träge bezeu­gen stu­pende Bele­sen­heit, pro­fun­des Wis­sen, immensen Fleiß, der sich zu einem beacht­li­chen Leben­spen­sum an­reicherte. Für seine Beschei­den­heit spricht, daß er dabei nie auf Selbst­dar­stel­lun­gen bedacht war. Erst zu sei­nem 80. Geburts­tag erschien, von Prof. Dr. Ger­hard R. Kai­ser und Dr. Heinz Härtl ediert, sein opus magnum »Schrif­ten zur deut­schen Lite­ra­tur«, das seine reprä­sen­ta­ti­ven Texte ver­eint.

Einen ent­schei­den­den Ein­schnitt in sei­nem Leben bil­de­ten die poli­ti­schen Ereig­nisse vom Herbst 1989. Sofort gehörte er zu den viel zu weni­gen Bür­gern, die sich aktiv ein­reih­ten und an Aktio­nen betei­ligte, die auf Umwäl­zun­gen der Gesell­schaft setz­ten, auf Her­stel­lung wahr­haft demo­kra­ti­scher Ver­hält­nisse. So trat er mehr­fach als Red­ner wäh­rend der Demonstra­tionen auf, die in Wei­mar diens­tags statt­fan­den. Ich habe sein Enga­ge­ment aus nächs­ter Nähe mit­er­lebt, die wir uns um Pfar­rer Erich Kranz schar­ten, des­sen Bibel­wort »Suchet der Stadt Bes­tes« (Altes Tes­ta­ment, Der Pro­phet Jere­mias, 29,7) uns beflü­gelte und wir einige his­to­ri­sche Sekun­den deut­scher Geschichte den Him­mel über uns sahen und wähn­ten, wir selbst seien beru­fen, das Rad der Geschichte zu bewe­gen. Eupho­ri­sche Momente, gestei­gerte Sze­nen, die heute nach allen Ver­än­de­run­gen und gra­vie­ren­den Ver­wer­fun­gen kaum noch nach­zu­voll­zie­hen und schon gar nicht in ihrer explo­siv auf­ge­la­de­nen Emo­tio­na­li­tät zu ver­mit­teln sind. Wo wir auch auf­tra­ten, ob in der Stadt oder irgendwo im Gelände, um Geheim­ob­jekte zu öff­nen und von Staats­an­wäl­ten ver­sie­geln zu las­sen, wie in der »Grauen Eule« zu Neu­saal­born gesche­hen, Eber­hard Haufe schonte sich nicht, die Anstren­gun­gen, die er zu bewäl­ti­gen suchte, gin­gen über seine Kräfte. Sein poli­ti­sches Enga­ge­ment, das auf einen neuen Staat und sehr früh auf Wie­der­ver­ei­ni­gung setzte, bewies er in dem Unter­su­chungs­aus­schuß gegen Macht­miß­brauch und Korrup­tion. Aus heu­ti­ger Sicht unter Ver­hält­nis­sen einer reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie ver­such­ten wir uns in einer sehr lai­en­haf­ten Lai­en­jus­tiz, die nur in eini­gen weni­gen Fäl­len kon­krete per­so­nelle Ver­än­de­run­gen her­bei­zu­füh­ren ver­mochte.

Nach der ers­ten freien Wahl 1990 wurde er in die Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung gewählt, deren ers­ter Vize­pris­ident er wurde. 1993 mußte er sich aus gesund­heit­li­chen Grün­den aus der Kom­mu­nal­po­li­tik zurück­zie­hen. Er enga­gierte sich im Kura­to­rium Schloß Etters­burg und lei­tete die Etters­bur­ger Vor­träge. 1991 ver­lieh ihm die Uni­ver­si­tät Mün­chen den Titel eines Ehren­dok­tors, 1992 wurde er von der Leip­zi­ger Uni­ver­si­tät reha­bi­li­tiert und er erhielt den Pro­fes­so­ren­ti­tel. Als er 1993 als einer der ers­ten den Wei­mar­preis erhielt, hielt ihm Wer­ner Kel­ler, damals Prä­si­dent der Goe­the-Gesel­l­­schaft, Direk­tor am Ger­ma­nis­ti­schen Insti­tut der Uni­ver­si­tät Köln, die Lau­da­tio. Aus mei­ner Sicht die gründ­lichste, treffend­ste, erhel­lendste Wür­di­gung Eber­hard Hau­fes. Nach­drück­lich rühmte er in dem Exkurs über Reli­gio­si­tät und christ­li­ches Den­ken sein pro­tes­tan­ti­sches Arbeits­ethos.

Ich werde den Ein­druck erweckt haben, Eber­hard Haufe sei aus­schließ­lich Gelehr­ter gewe­sen. Sicher bil­den die dafür ste­hen­den Zeug­nisse das Kern­stück sei­nes Lebens. »Aus­schließ­lich« jedoch stimmt gerade nicht, wie ich neben gemein­sa­mem poli­ti­schen Enga­ge­ment und einer engen Land­schafts- und Natur­ver­bun­den­heit zu berich­ten weiß. Ich nenne dies als ganz entscheiden­den exis­ten­ti­el­len Bezie­hungs­reich­tum mit Boden­haf­tung – unsere Flur­gän­ger­schaft. Auch da ver­mag ich nur einige wenige Bei­spiele zu nen­nen, wie die wis­sen­schaft­li­che Gründ­lich­keit und Detail­be­ses­sen­heit sich auch auf unse­ren Fuß­wan­de­run­gen und Rad­tou­ren bewährte. Je restrik­ti­ver die Gren­zen gezo­gen wur­den, um so dif­fi­zi­ler die Erkun­dun­gen um Wei­mar, im Vor­land des Thü­rin­ger Wal­des. Beson­ders liebte mein Kom­pa­gnon die Fuß­wanderungen nach Liebstedt. Ich weiß von Tages­tou­ren zu berich­ten, die mit­un­ter bis zu 60 km Lauf­pen­sum ein­schlos­sen. Ver­mut­lich war es Eber­hard Haufe, der auf die ver­we­gene Idee kam, nach Orla­münde zu wan­dern. Auf­bruch 6:00 Uhr ab Kip­per­quelle. Bei jedes­mal geän­der­ten Rou­ten. Abends mit der Bahn zurück. Zuvor Ein­kehr im schöns­ten Bier­gar­ten Thü­rin­gens in der »Erholung«unter zer­dehn­ter Traue­resche mit Blick übers Saa­le­tal. Spä­ter muß­ten wir abkür­zen und began­nen in Blan­ken­hain oder Alt-Dörn­feld. Mehr­fach beglei­tete uns Man­fred Peter Hein. Mit ihm lie­fen wir ein­mal von Ilmenau nach Arn­stadt bei rau­hem Wet­ter und ver­irr­ten uns gewal­tig in den tücki­schen Wal­dun­gen, so daß wir spä­ter­hin auf die­ses uns weni­ger ver­traute Ter­rain ver­zich­te­ten. Als ähn­lich aben­teu­er­lich gestal­tete sich die Tour von Kra­nich­feld nach Paulin­zella bei nach­win­ter­li­chen Ver­hält­nis­sen quer­welt­ein durch den dicks­ten Erden­schlamm. Wie­derum mit Man­fred Peter Hein und Wolf­gang Haak als Ken­ner der Jenai­schen Gefilde zogen wir durchs Jenaer Hin­ter­land. Obwohl Eber­hard Haufe wie auch ich mit erfah­re­nen Gebirgs­wan­de­rern nicht mit­hal­ten konn­ten, betei­lig­ten wir uns an einer herbst­li­chen Exkur­sion im Slowaki­schen Para­dies unter Füh­rung von Karl-Heinz Bochow und Wal­ter Stei­ner, was sich für uns ange­sichts der Regen­fälle und des Hoch­was­sers als grenz­wer­tig erwies. Allein dar­über, von Wal­ter Stei­ner in einer Folge von Fotos fest­ge­hal­ten, wäre ein lan­ger Bericht aus­zu­füh­ren. Rad­tou­ren führ­ten uns mit Vor­liebe ins Ilm­tal zu den Grau­rei­hern oder nach Nieder­synderstedt. Min­des­tens ein­mal bewegte ich Eber­hard Haufe zu einer Fahrt zu mei­nem Ödland, dem Hohen Berg bei Nieder­zimmern. Mit Ad und Agnes Bes­ten waren wir mehr­ach auf Kir­chen­fahr­ten unter­wegs, auch von den Wegen nach Plinz lie­ßen sie sich nicht abschre­cken. Mit Uwe und Gun­hild Pörk­sen erleb­ten wir eine uns glei­cher­ma­ßen zusa­gende, begeis­ternde Don-Gio­vanni-Auf­füh­rung in Bad Lauch­städt via Qued­lin­burg, Schaf­stedt. Oder wir inspi­zier­ten Schul­pforta, kehr­ten über die Dorn­bur­ger Schlös­ser zurück.

Dies nur einige wenige Bei­spiele, die pars pro toto ste­hen für gemein­same lan­des-, kul­tur- und natur­kund­li­che In­spektionen, die uns berei­cher­ten, begeis­ter­ten und ihr Teil dazu bei­tru­gen, Thü­rin­gen zu einem Fest­halte- und Blei­be­land wer­den zu las­sen, in dem es sich gerade unter­wegs frei reden ließ und aus dem wir uns auch in schwie­ri­gen Zei­ten,

als es nicht nur um die Wahr­heit mise­ra­bel bestellt war, nicht ver­trei­ben lie­ßen. Unsere Geschichte war älter als die weni­gen Jahr­zehnte, die die DDR währte. Also wuß­ten wir uns von viel wei­ter her dem Land und sei­ner Geschichte zuge­hö­rig.

Als Ent­de­cker und Bewah­rer hat sich Eber­hard Haufe über Jahr­zehnte immer wie­der aufs neue mit einer Fülle gründ­li­cher Arbei­ten aus­ge­wie­sen. Wenn von Kul­tur­bür­gern unse­rer Stadt die Rede geht, dann ver­dient sein Name obenan gesetzt zu wer­den. Er hat Wei­mar 54 Jahre die Treue gehal­ten. Bei Goe­the währte der Auf­ent­halt drei Jahre län­ger, wovon frei­lich die Zeit, die er in Ita­lien ver­brachte, abge­zo­gen wer­den müßte. Als beken­nen­der Christ und dezi­dier­ter Nicht­mar­xist früh in eine Außen­sei­ter­rolle ver­wie­sen, ließ ihn dies seine Umwelt schär­fer kri­tisch sehen. Zugleich spornte diese Posi­tion an, sich zu bewei­sen durch her­aus­ra­gende Leis­tun­gen in einer Nischen-Exis­tenz, aus der her­aus durch­aus Frei­räume zu beset­zen waren, wie sein Werk so glanz­voll beweist. Der Wahr­heit kom­pro­miß­los ver­pflich­tet, war er gewapp­net gegen Ver­heißungen, die mit der Rea­li­tät nicht über­ein­stimm­ten, ja, immer stär­ker von ihr abwi­chen. Gerade die Rei­bun­gen, die sich dar­aus erga­ben, erwie­sen sich als kon­struk­tive Stei­ge­rungs­mög­lich­kei­ten. Von der Ver­an­ke­rung im Reli­giö­sen ging die Rede und zeugt beredt sein gesam­ter Text­kor­pus, seine Hal­tung. Über Dei­nen Tod hin­aus, lie­ber Freund Eber­hard, denke ich nach über den glei­cher­ma­ßen dunk­len wie hell­sich­ti­gen Kern­satz, der für Dein Leben steht, den ich zitiere: »Der Kos­mos der Seele ist der geheime Mit­tel­punkt« Dei­ner Schrif­ten, Dei­nes Den­kens. Ich bitte Sie, diese bio­gra­fi­sche Essenz gemein­sam mit mir zu über­den­ken und wei­ter­zu­tra­gen.

1983 schrieb Eber­hard Haufe an Pörk­sens nach Frei­burg:

»Dem Wort, dem Text der Autoren zu die­nen, ist gewiß oft müh­se­lig und weder gewinn- noch ruhm­brin­gend; aber man weiß, was man getan hat – gegen das Ver­ges­sen und Ver­ken­nen gegen die immer schlim­mere Schnel­le­big­keit die­ser Zeit auch.

Und was ich zuwei­len auch noch denke: Wenn jemand ein Recht hat, alt zu wer­den, dann doch Edi­to­ren.«            28.6.1983

Fragen an Siegfried Nucke

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Ver­traut­heit. Rei­bung. Sen­ti­men­ta­li­tät. Sehn­sucht nach der Ferne.

2.       Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Ein Wort, das ich lese. Ein Halb­satz, den ich höre. Ein Ton, den ich fühle.

3.       Füh­ren Sie Tage­buch …

Nein.

4.       Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kasti­na­teur?

a) Nein, das ver­hin­dert die Arbeit, die mich ernährt.

b) Ich gäbe was drum, wenn ich wüsste, wes­halb mir mit­un­ter kein Satz gelingt. Das gilt vor allem dann, wenn Zeit zum Schrei­ben ist.

c) Pro­kasti­na­teur – nein. Eher viel zu struk­tu­riert.

5. Ihr Lieb­lings­ort – in Thü­rin­gen und anderswo?

Der West­strand am Darß. Stille Räume. Die Bre­ta­gne. Stra­ßen­ca­fés. Ein Klos­ter bei Aachen.

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Auf dem Mark­platz von Strae­len am Nie­der­rhein. Zwei Jun­gen war­fen sich ein Schlüs­sel­bund zu. Es fiel zu Boden. Es klirrte.

7. Ihr Lieb­lings­buch?

Daniel Defoe »Robin­son Cru­soe«, Sieg­fried Lenz »Deutsch­stunde«, J.L. Carr »Ein Monat auf dem Land« …

8. Haben Sie schon etwas ein­mal bereut, was Sie geschrie­ben haben?

Harm­lose Frage – eine phi­lo­so­phi­sche Ant­wort über viele Sei­ten wäre gefor­dert.
Des­halb kurz: Ich hoffe nicht.

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Es ist immer der Moment, an dem ich glaube, mein Manu­skript sei fer­tig.

10.  Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Geschichte.

11. Was ist für Sie Stil?

Wenn die gefun­dene Spra­che dem Gegenstand/Stoff/Thema eine Ebene hin­zu­fügt.

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Der Mensch, mit dem ich gerade spre­che oder zusam­men­ar­beite.

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen …

Ja, aber viel zu wenig.

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied.

Ich gestehe: Außer­halb Thü­rin­gens der leise gesummte Refrain des Renn­stei­glie­des.
Schla­ger? Nein. Dafür aber Clueso und BAP und Neil Young und Philip Glass und John Cage und Eric Satie und …

15. Haben Sie ein (Lebens)Motto?

Neu­gier bewah­ren. Ent­de­cken. Nichts ver­säu­men.

Fragen an Johanna Kirschstein

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Meine Eltern, meine Hei­mat, die Kul­tur und die schöne Natur.

 

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?
Das Inter­esse und die Wün­sche mei­ner klei­nen und gro­ßen Leser.

 

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?
Ja, die Recher­chen neh­men viel Zeit in Anspruch. Mir ist es wich­tig, dass meine Bücher schön illus­triert sind und dass man neben dem Lese­ver­gnü­gen ganz neben­bei etwas lernt.

 

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?
./.

 

5. Ihr Lieb­lings­ort – in Thü­rin­gen oder anderswo?
Mein Hei­mat­ort Reich­manns­dorf und Ber­lin, die Hei­mat mei­nes Vaters.

 

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?
An vie­len Schu­len wäh­rend mei­ner Lesun­gen. Anre­gun­gen kamen von Leh­rern, Eltern und Kin­dern, auch von Betreu­ern.

 

7. Ihr Lieb­lings­buch?
Dar­auf zu ant­wor­ten, fällt mir schwer. Es sind einige.

 

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?
Nein.

 

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?
»Sagen, Men­schen, Rei­se­ziele«, das Buch für den Unter­richt der 4. Klasse, das inzwi­schen in der 6.  Auf­lag vor­liegt. Die­ses Buch ist bei Kin­dern und Erwach­se­nen sehr gefragt und der Ansporn für meine wei­te­ren Bücher.

 

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?
Natur, Tiere, täg­li­che Ereig­nisse in der Welt.

 

11. Was ist für Sie Stil?
./.

 

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?
Einige.

 

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?
Wenn ich mal nicht mehr selbst schreibe, habe ich mir vor­ge­nom­men, eini­ges aus dem Bücher­schrank mei­nes Vaters zu lesen. Dar­auf freue ich mich.

 

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?
Das Renn­stei­glied.

 

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?
»Die Tätig­keit ist, was den Men­schen glück­lich macht.« (Goe­the)

Eröffnung der 21. Literatur- und Autorentage auf Burg Ranis am 7. Juni 2018

Zur Eröff­nung der 21. Lite­ra­tur- und Autoren­tage des Lese-Zei­chen e.V. auf Burg Ranis lasen Ingo Schulze und Harald Wel­zer; Verena Krie­ger (FSU Jena) sprach mit bei­den Autoren über die gegen­wär­tige Ver­fasst­heit unse­rer Gesell­schaft und dar­über, wie sich seit 2015 die (Unter-)Grenzen der Akzep­tanz rechts­kon­ser­va­ti­ver und -extre­mer Äuße­run­gen in unse­rer Gesell­schaft ver­scho­ben haben und inzwi­schen zu unse­rem All­tag gehö­ren. Harald Wel­zer sagte, dass eine Ver­an­stal­tung mit über 100 Besu­chern, die sich damit aus­ein­an­der­setze, wie man gesell­schaft­li­che Dis­kurse posi­tiv beein­flus­sen kann, ihm Hoff­nung gebe. Ein­mi­schung ist über­all dort ange­bracht, wo man Aus­län­der­feind­lich­keit, Ras­sis­mus, faschis­toi­dem Den­ken begeg­net: an der Super­markt­kasse, im Bus, im War­te­zim­mer beim Arzt, auf der Straße.

»25 Jahre Palmbaum – 25 Jahre beste Literatur und Grafik aus Thüringen«">»25 Jahre Palmbaum – 25 Jahre beste Literatur und Grafik aus Thüringen«

Zur Ver­an­stal­tung »25 Jahre Palm­baum – 25 Jahre beste Lite­ra­tur und Gra­fik aus Thü­rin­gen« kamen am 6. Juni 2018 rund 60 Besu­cher in die Wei­ma­rer Ecker­mann-Buch­hand­lung. Ein­ge­la­den hat­ten die Ecker­mann-Buch­hand­lung, der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat, die Thü­rin­gi­sche Literar­his­to­ri­sche Gesell­schaft Palm­baum und die Lite­ra­ri­sche Gesell­schaft Thü­rin­gen. Wulf Kirs­ten, Stef­fen Men­sching, Chris­tian Rosenau und Nancy Hün­ger lasen Gedichte und poe­ti­sche Prosa. Sie alle sind seit vie­len Jah­ren Autoren der Zeit­schrift, die sich seit 1993 um die lite­ra­ri­sche Lan­des­kunde ebenso ver­dient gemacht hat wie um die zeit­ge­nös­si­sche Lyrik. Jens Kirs­ten sprach mit dem Zeit­schrif­ten­grün­der Det­lef Igna­siak über seine Arbeit als Lite­ra­tur­to­po­graph und mit Chef­re­dak­teur Jens-Fietje Dwars, unter des­sen Ägide die Zeit­schrift seit 2005 halb­jähr­lich erscheint, über sein Kon­zept, Lite­ra­tur und Gra­fik zu ver­bin­den.

Fragen an Thomas Spaniel

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?
Da ich Fern­rei­sen nicht mag, freue ich mich immer wie­der über so viel geschicht­li­che und land­schaft­li­che Viel­falt auf der­art klei­nem Raum. Ent­ge­gen allen gehäs­si­gen und dümm­li­chen Reduk­ti­ons­ver­su­chen (sic!).

 

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?
Sinn­li­che Wahr­neh­mun­gen. Ich gehe an einem Haus vor­bei, in dem sich frü­her ein Milch­ge­schäft befand – jetzt zu einer Woh­nung umge­baut. Als Kind kaufte ich hier Milch in einer Alu­mi­ni­um­milch­kanne. Es roch in dem klei­nen Laden säu­er­lich. Ich stelle mir vor, daß die­ser Geruch noch heute nachts aus den Mau­ern strömt.

 

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?
Lose Auf­zeich­nun­gen. Spo­ra­disch, unda­tiert. Gele­gent­lich wer­den Gedichte dar­aus. Zum Teil nach Jah­ren. Oder es bleibt bei Noti­zen. Weg­randglos­sen.

 

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?
Keine fes­ten Zei­ten. Die Texte bestim­men den Ablauf, nicht ich. Sie kom­men häu­fig unge­ru­fen. Ich muß dann fol­gen, reagie­ren. Am liebs­ten auf dem Tep­pich sit­zend, mit Blei­stift, in ein Mole­skine oder ähn­li­ches. Schäd­lich wir­ken sich Schreib­ti­sche und beruf­li­cher Streß aus. Nur ungern schiebe ich etwas vor mir her.

 

5. Ihr Lieb­lings­ort – in Thü­rin­gen oder anderswo?
Einen Lieb­lings­ort habe ich nicht. Wohl aber kann ich einige – für mich – magi­sche Orte auf­zäh­len. Das Dorf Gum­perda gehört dazu. Dort wohnte ich mit einer schö­nen blond­haa­ri­gen Frau und unse­ren zwei klei­nen Töch­tern in einem Schloß unter dem Dach.

 

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?
Ich weiß nicht, ob man bei Gedich­ten von The­men spre­chen kann. Die Anlässe für die Texte kamen – und kom­men – aber häu­fig aus unmit­tel­ba­rer geo­gra­fi­scher Nähe (Siehe oben unter Nr.1).

 

7. Ihr Lieb­lings­buch?
Da ich nicht nur vor­wie­gend Gedichte schreibe, son­dern auch oft wel­che lese, kann ich kein Lieb­lings­buch vor­wei­sen. Mich beein­dru­cken eher ein­zelne Texte oder Autoren. Der Band von Tomas Tran­strö­mer „Das große Rät­sel“ hat mich fas­zi­niert. Er ent­hält neben einer Hand­voll Hai­kus nur fünf neue Texte. Ein star­kes Plä­doyer gegen die Geschwät­zig­keit in der Lite­ra­tur.

 

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?
Nein. Oder doch?

 

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?
Wäh­rend einer Lite­ra­tur­werk­statt meine Frau ken­nen­ge­lernt zu haben.

 

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?
Ich bin sehr wis­sens­durs­tig.

 

11. Was ist für Sie Stil?
Weg­las­sen­kön­nen. Und Hüte tra­gen.

 

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?
Mich inter­es­sie­ren vor­wie­gend Ergeb­nisse, Werke, Wir­kun­gen. Oder schöne Zei­len („The Future never spoke“ – Emily Dick­in­son). „Future“ hat sie übri­gens groß­ge­schrie­ben.

 

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?
Bücher gehö­ren für mich zu den wich­tigs­ten Lebens­mit­teln.

 

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?
Ein Gen­de­fekt hin­dert mich daran, Schla­ger zu hören. Ansons­ten viel­leicht: Han­nes Wader »Es ist an der Zeit«. Hat das Zeug zum Volks­lied.

 

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?
Ja, aber das ist nicht von mir: No ideas but in things (Wil­liam Car­los Wil­liams).

Fragen an André Kudernatsch

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Ich lebe hier und fühle mich in Erfurt pudel­wohl.

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Alles, was mich auf­regt, ärgert, freut und was mir auf­fällt. Dazu die rich­tige Stim­mung: Ruhe und eher kühle Tem­pe­ra­tu­ren. Und etwas Druck ist auch nicht schlecht.

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Ja, natür­lich. Kleine Notiz­bü­cher, die ich regel­mä­ßig voll­mülle und sammle.

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?

Nein, die habe ich nicht. Das kann sogar mal mit­ten in der Nacht pas­sie­ren, also 3 Uhr mor­gens oder so. Ansons­ten hält mich frei­lich alles vom Schrei­ben ab, was um mich herum pas­siert, wenn ich gerade schrei­ben möchte. Aber so ein Pro­krast­din­gens, das bin ich nicht. Ich möchte durch­aus fer­tig wer­den.

5. Ihr Lieb­lings­ort – – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Die Back­stube in Erfurt – das ist ein Ort mit einer ganz beson­de­ren Aura.

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Im wah­ren Leben! Denn das war ein Kolum­nen­buch namens »Ich hab’s im Herms­dor­fer Kreuz«.

7. Ihr Lieb­lings­buch?

Puh, da gibt es meh­rere. Und da wären jetzt die ande­ren Bücher bestimmt ver­stimmt, wenn ich eines beson­ders her­vor­hebe…

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Nö, eigent­lich nicht.

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Ich finde es toll, wenn sich Leute nach einer Lesung für den schö­nen Abend bedan­ken. Oder mir von Geschich­ten erzäh­len, die ich selbst geschrie­ben habe.

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Jazz-Musik.

11. Was ist für Sie Stil?

Im Schrei­ben oder bei der Anzugs­ord­nung? Ich finde, alles ist erlaubt.

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Das kann ich echt nicht sagen. Ich finde Leute beein­dru­ckend, die tun, was sie sagen. Also die wirk­lich schaf­fen, was sie sich vor­ge­stellt haben – und das nicht als Selbst­zweck.

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Um Him­mels Wil­len! Ich denke, man muss ganz-ganz viel lesen. Das ist wie eine Fort­bil­dung, die man aber zum Glück selbst len­ken kann.

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

Ding­dong, die Hex‘ ist tot. – Das passt in kei­ner­lei Lebens­lage.

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

Xeno­pho­bie ist nicht die Angst vor Dru­cker­pa­pier.

Bitte unbedingt lesen! Wichtiger Hinweis zum neuen Datenschutzrecht!

1. Am 25. Mai 2018 tritt die euro­päi­sche Daten­schutz-Grund­ver­ord­nung in Kraft. Unab­hän­gig davon, ob der deut­sche Gesetz­ge­ber, wie teil­weise gefor­dert, in letz­ter Minute noch Erleich­te­run­gen für Klein­un­ter­neh­men und kleine gemein­nüt­zige Ver­eine im Sport- und Kul­tur­be­reich ein­führt, ist der Thü­rin­ger Literarur­rat e.V. dabei, alle nöti­gen Maß­nah­men zur Anpas­sung an das neue Recht zu tref­fen.

2. Der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat ver­wen­det – u. a. auf sei­nen Web­sei­ten www.thueringer-literaturrat.de und www.literaturland-thueringen.de – per­so­nen­be­zo­gene Daten iSd DSGVO, ins­be­son­dere Namen, Vor­na­men, Mai­la­dessen, Tele­fon­num­mern, Post­an­schrif­ten, teil­weise auch Gebuts­da­ten, Geburts­orte o.ä. Betrof­fen sind Mit­glie­der und Funk­ti­ons­trä­ger des Ver­eins, Koope­ra­ti­ons­part­ner sowie  Autorin­nen und Autoren. Die ver­wen­de­ten Daten sind dem Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat z.T. von den Betrof­fe­nen mit­ge­teilt wor­den, z.T. wur­den sie vom Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat ander­wei­tig, haupt­säch­lich aus öffent­lich zugäng­li­chen Quel­len erho­ben. Die Daten wer­den aus­schließ­lich im Rah­men der sat­zungs­ge­mä­ßen Auf­ga­ben des Lite­ra­tur­rats ver­wen­det. Die Sat­zung des Ver­eins ist auf der Web­seite unter http://www.thueringer-literaturrat.de/index.php?p=satzung  abruf­bar.

3. Die im Rah­men der „Thü­rin­ger Audio­bi­blio­thek“ ver­wen­de­ten Daten haben die  Betrof­fe­nen, soweit die Daten nicht bereits bekannt waren, dem Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat zur Ver­wen­dung im Rah­men der Audio­bi­blio­thek über­las­sen. Im Fall des Autoren­le­xi­kons sind die Daten z.T. bei den Betrof­fe­nen, z.T. auch aus ande­ren, öffent­lich zugäng­li­chen Quel­len (z.B. Lexika) erho­ben. Die Vor­hal­tung der im Thü­rin­ger Autoren-Lexi­kon ent­hal­te­nen Daten ist nach Über­zeu­gung des Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rats nach Art. 5, 89 DSGVO gerecht­fer­tigt, weil sie wis­sen­schaft­li­chen Zwe­cken dient und im öffentl­chen Inter­esse liegt. Den­noch weist der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat dar­auf­hin, dass er vor­be­halt­lich einer end­gül­ti­gen Rege­lung dem Wunsch eines im Lexi­kon auf­ge­nom­me­nen Autors auf Löschung der ihn betref­fen­den Anga­ben nach­kom­men wird.

4.  Die Ver­wen­dung der genann­ten Daten erfolgt aus­schließ­lich zum Zweck der Erfül­lung der sat­zungs­ge­mä­ßen Auf­ga­ben des Lite­ra­tur­rats bzw. im Fall der Audio­bi­blio­thek und des Autoren­le­xi­kons zu den unter 3. genann­ten Zwe­cken. Eine Wei­ter­gabe der ver­wen­de­ten Daten zu ande­ren als den genann­ten Zwe­cken erfolgt nicht, ins­be­son­dere nicht an Dritte oder an ein Dritt­land oder eine inter­na­tio­nale Orga­ni­sa­tion.

5. Soweit der Thü­rin­ger Lite­ra­turrt pero­nen­be­zo­gene Daten ver­ar­bei­tet, wer­den alle Betrof­fe­nen auf die amt­li­che, mit Erläu­te­run­gen ver­se­hene deut­sche Fas­sung der DSGVO auf­merk­sam gemacht. Sie fin­det sich unter https://dsgvo-gesetz.de. Auf die dort zuguns­ten der Betrof­fe­nen  nie­der­ge­leg­ten Rechte wei­sen wir aus­drück­lich hin.

6. Betrof­fe­nen ste­hen unter den – in den nah­ste­hend im Ein­zel­nen genann­ten   Nor­men – näher bezeich­ne­ten Vor­aus­set­zun­gen ins­be­son­dere  fol­gende Rechte zu:

  • das Recht auf Aus­kunft nach Arti­kel 15 DSGVO,
  • das Recht auf Berich­ti­gung nach Arti­kel 16 DSGVO,
  • das Recht auf Löschung nach Arti­kel 17 DSGVO,
  • das Recht auf Ein­schrän­kung der Ver­ar­bei­tung nach Arti­kel 18 DSGVO,
  • das Recht auf Daten­über­trag­bar­keit nach Arti­kel 20 DSGVO,
  • das Wider­spruchs­recht nach Arti­kel 21 DSGVO,
  • das Recht auf Beschwerde bei einer Auf­sichts­be­hörde nach Arti­kel 77 DSGVO
  • das Recht, eine erteilte Ein­wil­li­gung jeder­zeit wider­ru­fen zu kön­nen, ohne dass die Recht­mä­ßig­keit der auf­grund der Ein­wil­li­gung bis zum Wider­ruf erfolg­ten Ver­ar­bei­tung hier­durch berührt wird.

7. Die voll­stän­dige Umstel­lung auf das ab 25. Mai 2018 gel­tende Recht wird eine gewisse Zeit in Anspruch neh­men, weil sie mit erheb­li­chem Rechts­er­for­schungs­auf­wand und admi­nis­tra­ti­ven Maß­nah­men ver­bun­den ist. Die zutref­fende Aus­le­gung und rich­tige Anwen­dung der Vor­schrif­ten der DSGVO ist in vie­len Punk­ten bereits jetzt umstrit­ten. Da es sich um euro­päi­sches Recht han­delt, wird der Klä­rungs­pro­zess noch län­gere Zeit dau­ern. Den­noch ist der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat nach Kräf­ten bestrebt, den gesetz­li­chen Vor­schrif­ten zu ent­spre­chen.

8. Vor Inan­spruch­nahme jeg­li­cher Art, ins­be­son­dere in Form von Abmah­nun­gen, bit­ten wir zur Ver­mei­dung unnö­ti­ger recht­li­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen und den dar­aus ent­ste­hen­den Kos­ten uns umge­hend zu kon­tak­tie­ren. Wir sagen hier­mit bereits Abhilfe zu, so dass eine even­tu­elle Wie­der­ho­lungs­ge­fahr aus­ge­schlos­sen ist. Eine den­noch erge­hende Kos­ten­note einer anwalt­li­chen Abmah­nung ohne vor­he­rige Kon­takt­auf­nahme wür­den wir wegen Nicht­be­ach­tung der Scha­dens­min­de­rungs­pflicht zurück­wei­sen.

9. Der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat hat kei­nen Daten­schutz­be­auf­trag­ten. Er ist von der ent­spre­chen­den Ver­pflich­tung befreit, weil er über nicht mehr als einen haupt­be­ruf­li­chen Mit­ar­bei­ter ver­fügt. Der haupt­be­ruf­li­che Mit­ar­bei­ter ist unser Geschäfts­füh­rer Dr. Jens Kirs­ten. Er ist zugleich die für Fra­gen des Daten­schut­zes anzu­spre­chende Per­son.

10. Wenn Sie Mit­glied des Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rats sind oder mit dem Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat in Kon­takt ste­hen oder sonst Grund zu der Annahme haben, dass Ihre per­sön­li­che Daten vom Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rat ver­wen­det wer­den, kön­nen Sie unse­rem Geschäfts­füh­rer die im Rah­men der Umstel­lung auf die DSGVO ent­ste­hen­den Arbei­ten erheb­lich erleich­tern, wenn Sie dem Lite­ra­tur­rat schrift­lich oder per Mail mit­tei­len, dass Sie mit der Ver­wen­dung Ihrer Daten ein­ver­stan­den sind. Ihr Schrei­ben könnte fol­gen­den Wort­laut haben:

Ich, Vor­name-Name, habe den auf der Web­seite des Lite­ra­tur­ra­tes unter der Über­schrift „Sehr wich­ti­ger Hin­weis zum neuen Daten­schutz­recht“ ent­hal­te­nen Text sorg­fäl­tig gele­sen und ver­stan­den. Mit der Ver­wen­dung der fol­gen­den per­sön­li­chen Daten bin ich im Rah­men der im Hin­weis genann­ten Zweck­be­stim­mun­gen ein­ver­stan­den:

  • Vor­name, Name
  • Geburts­da­tum und – ort
  • Post­an­schrift
  • Mail­an­schrift
  • evtl wei­tere Daten

(Soweit Sie mit der Ver­wen­dung eines der voste­hen­den Daten nicht ein­ver­stan­den sind, bitte ein­fach weg­las­sen).

Über meine Rechte, ins­be­son­dere das Recht auf Aus­kunft und zum jeder­zei­ti­gen Wider­ruf mei­ner Ein­wil­li­gung bin ich unter­rich­tet.

Name

(Elek­tro­ni­sche Über­mitt­lung per Mail ist aus­rei­chend. Eine Unter­schrift von Hand ist nicht erfor­der­lich.)

11. Über den wei­te­ren Fort­gang der Anpas­sung an die DSGVO wer­den wir Sie hier auf dem Lau­fen­den hal­ten.

Moritz Gause – »Meditationen hinterm Supermarkt«

Gele­sen von Diet­mar Ebert

 

In der Ebene zwischen den Bergen, den Fahrten und den Versen

 

Mit »Medi­ta­tio­nen hin­term Super­markt« hat Moritz Gause sein Lyrik-Debüt im Dresd­ner Ver­lag edi­tion Azur vor­ge­legt. In Thü­rin­gen ist er gut bekannt durch seine Lite­ra­tur­pro­jekte, Lese­rei­hen, lite­ra­ri­schen Werk­stät­ten, Aus­stel­lun­gen und Inter­ven­tio­nen. Vor allem die von ihm im Jenaer Kunst­hof orga­ni­sier­ten Lesun­gen besa­ßen Kult­sta­tus und sind in guter Erin­ne­rung geblie­ben. Heute ist seine Geburts­stadt Ber­lin wie­der der Mit­tel­punkt sei­nes Daseins, nach­dem er die letz­ten bei­den Jahre im kir­gi­si­schen Bish­kek gelebt hat.

Wäh­rend es andere Dich­ter nach Ita­lien, Frank­reich oder in die USA gezo­gen hat und sie dort ihre Sehn­suchts­orte fan­den, war es mit Moritz Gause etwas anders.

Seine Sehn­suchts­orte lagen im Osten, »in der Ebene zwi­schen den Ber­gen«. Bereits im ers­ten Gedicht sei­nes Ban­des Ashina heißt es, alles in ihm habe ihn nach Osten gezo­gen, so lang schon, und viel­leicht fühle ich darum/ich sei angekommen/in der Ebene zwi­schen den Bergen/die aus­se­hen, als habe jemand das viel­fach geflickte und doch so ruhige Tuch der Steppe/mit Zelt­stan­gen angehoben/als sei ich/sei etwas in mir/von hier gekom­men. Aus die­sen Ber­gen, von denen kei­ner weiß/wo geht die Erde zuende/wo fan­gen die Geschich­ten an.

In die­sem Gedicht ver­birgt sich Moritz Gau­ses lyri­sches Credo: Der offene, freie Blick für den Osten, die poe­ti­sche Wahr­neh­mung des Step­pen­lan­des in der Ebene zwi­schen den Ber­gen, der Blick zwi­schen Neu­gier und Empa­thie, mit denen er den Men­schen in Kyr­gyzstan begeg­net, prä­gen seine Gedichte. Es sind die Bli­cke in die Land­schaft, auf die Men­schen und ihren All­tag, auf die ihm unbe­kann­ten sozia­len und phan­tas­ti­schen Räume, die sei­nen Gedich­ten ihren Reiz ver­lei­hen. Und es ist sein lyri­sches Credo, das sich die Form der Gedichte sucht, die nicht sel­ten etwas zwi­schen Blues, Jazz und Tom Waits Chan­gie­ren­des haben. Die Gedichte kön­nen knapp sein wie Der Taxist hält, Die Refle­xion der Sonne und Im Taxi nach Tash­kent  oder sie kön­nen weit aus­schwin­gen, an Pau­lus Böh­mer erin­nernd und die­sem auch gewid­met wie das Jour­nal aus Bish­kek, in dem Moritz Gause seine Poe­tik ent­fal­tet. Hier gelingt ihm der Sprung aus der All­tags­er­fah­rung in die Mär­chen und Mythen des Lan­des, hier öff­net sich der Dich­ter im wahrs­ten Sinne des Wor­tes, und die uralten kir­gi­si­schen Wei­sen wer­den ihm zum »gro­ßen Gesang«.

Doch bleibt der »große Gesang« die Aus­nahme in den sechs Kurz-Zyklen, die der Gedicht­band ent­hält. Die Zyklen hei­ßen: »In der Ebene zwi­schen den Ber­gen«, »Alte Liebe«, »Zwi­schen den Fahr­ten«, »Wald­ster­ben«, »Medi­ta­tio­nen hin­term Super­markt«  und »In der Ebene zwi­schen den Ver­sen«. Der erste und der letzte Zyklus deu­ten es an: Hier wird eine Ring­struk­tur oder musi­ka­lisch gespro­chen ein Rondo kom­po­niert. Doch was zwi­schen den Ber­gen, zwi­schen den Fahr­ten und zwi­schen den Ver­sen geschieht, darin liegt die poe­ti­sche Welt Moritz Gau­ses beschlos­sen. Auch wenn wir uns am Bahn­hof Wann­see, im Bahn­hofs­vier­tel Mosel­eck, in Uhl­städt, Oppurg oder an der Wie­ner Mari­en­brü­cke befin­den, schaut der Lyri­ker, den die Kamele sehn­süch­tig machen, mit selt­sam öst­li­chem Blick auf die deut­schen Orte. Dann liegt der Bahn­hof Wann­see plötz­lich in der kir­gi­si­schen Steppe, und die Limou­si­nen wer­den so stark beschleu­nigt, dass wir die Pneus bis an die Elbe sau­sen hören. Ja, und um die Pro­vi­ni­enz des Sei­fen­stücks im Abfluss­sieb des Her­ren-WC im Bahn­hofs­vier­tel Mosel­eck weiß nur Gott allein.

In den Gedich­ten Bella Ita­lia, Bish­kek, Als der Voll­mond, Jour­nal aus Bish­kek, Die Kamele machen mich sehn­süch­tig und An den stei­len Ufern der Assá leuch­ten die Land­schaft Kyr­gyzstans, ihre Bewoh­ner und ihre Kul­tur, in ein­drucks­vol­len Bil­dern, Gesän­gen und Rhyth­men auf. Sie sind Lie­bes­er­klä­run­gen des Lyri­kers Moritz Gause an ein uns fer­nes Land. Als Leser folgt man ihm gern, und die Älte­ren wer­den sich fra­gen: Woher kenne ich diese Bil­der und Wort­klänge? Sie erin­nern ein wenig an die frü­hen Erzäh­lun­gen von Tschin­gis Aitma­tow, an Dja­mila und Abschied von Güls­ari.

Das Ein­ma­lige an Moritz Gau­ses Debüt­band ist, wie er Men­schen, Land­schaf­ten und Bege­ben­hei­ten ins lyri­sche Bild setzt, wie dar­aus Lang-und Kurz­ge­dichte oder lite­ra­ri­sche Split­ter ent­ste­hen. In den Gedich­ten begeg­nen wir einem Lyri­ker, der den Men­schen in Kyr­gyzstan auf Augen­höhe begeg­net. Seine »Rei­se­bil­der« prä­sen­tiert er der Leser­schaft mit einer sel­ten zu fin­den­den natür­li­chen Gelas­sen­heit.

Bis­wei­len regen ihn sogar absurde Situa­tio­nen, wie die Begeg­nung mit einem Kron­kor­ken­ge­spenst im Kur­ort Ejsk zu phan­tas­ti­schen Ver­sen an. In die­sem Chris­tian Wöl­le­cke gewid­me­ten Gedicht heißt es über einen Matro­sen der Bal­ti­schen Flotte.

Und plötz­lich saß er auf den Papi­rossi
gera­de­mal ser­vi­et­ten­groß
die Mütze fesch, schräg auf­ge­setzt
und Belo­mor stak ihm im Mund.

Er sagte, dass er Vasya heiße
und er habe lang gedient
doch mehr noch habe er getrun­ken
und geraucht von Belo­mor.

Auch in die­sem klei­nen Gedicht scheint der öst­li­che Blick auf, und wer weiß: Vasya kann uns über­all begeg­nen: am Bahn­hof Wann­see, an der Wie­ner Mari­en­brü­cke oder am Bahn­hof Mexi­ko­platz. Die ein­zige Bedin­gung ist, dass Moritz Gause uns von ihm erzählt. »Medi­ta­tio­nen hin­term Super­markt« sind ein star­ker Lyrik-Debüt-Band und ein Ver­spre­chen auf Künf­ti­ges.

 

Jena, am 14. Mai 2018

Diet­mar Ebert

 

  • Moritz Gause: Medi­ta­tio­nen hin­term Super­markt. Gedichte, edi­tion Azur, Dres­den 2018.

Fragen an Wolfgang Haak

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Meine Ver­gan­gen­heit, das Jetzt und das, was noch kom­men wird, begin­nend mit einer Kind­heit im Saa­le­tal um Jena mit dem Kraft­ort Jen­zig im Mit­tel­punkt. Der uner­schöpf­li­che geis­tige Reich­tum, den Dich­ter, Musi­ker, Hand­wer­ker, bil­dende Künst­ler und Den­ker in Thü­rin­gen geschaf­fen haben und heute wei­ter­hin her­vor­brin­gen. Die wun­der­ba­ren Städte, Dör­fer und Wei­ler. Die Kul­tur­land­schaft mit ihren dunk­len Sei­ten, im Schnitt­punkt Buchen­wald.

 

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Die Freude am ein­zel­nen Wort im Gefüge der Sätze und die Sorge um das schein­bar Neben­säch­li­che in sei­ner poe­ti­schen Aura. Schrei­ben heißt, Gericht hal­ten über sich.

 

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Sudel­bü­cher!

 

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? (a) Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? (b) Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur? (c)

a) Nein, b) Ich – da gibt es keine Aus­rede, c) Sel­ten!

 

5. Ihr Lieb­lings­ort – – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Der Alte Gleis­berg zwi­schen Saa­le­tal und Bür­gel!

 

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

In der Zeit vor und nach der fried­li­chen Revo­lu­tion in Wei­mar.

 

7. Ihr Lieb­lings­buch?

Der Grüne Hein­rich (Kel­ler) oder Der Stech­lin (Fon­tane) oder Meine Krö­nung (Bizot) oder Iri­sches Tage­buch (Böll) oder Das Reich Got­tes (Car­rére) oder Das Tref­fen in Telgte (Grass) oder Die Stru­del­hofstiege (von Dode­rer) oder Die letzte Welt (Rans­mayr) oder Gedichte oder ….

 

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Ja!

 

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Ich warte gedul­dig auf ihn!

 

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Soge­nannte Alte Musik, Kunst und Archi­tek­tur des 13.Jahrhunderts, bil­dende Kunst, Filme, Wan­der- und Rad­fahr­kunde.

 

11. Was ist für Sie Stil?

Meine per­sön­li­che, cha­rak­te­ris­ti­sche Art und Weise lite­ra­ri­sche Texte so zu ver­fas­sen, dass sie mög­lichst unver­wech­sel­bar mir zuge­ord­net wer­den könn(t)en.

 

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?
———-

 

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Lust und Pflicht!

 

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

»Der Mond ist auf­ge­gan­gen« und »Da drun­ten im Tale geht’s Was­ser so trüb« und…

 

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

Nein! Und falls doch: Kein Tag ohne Zeile!

Fragen an Stefan Petermann

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Mein Leben in die­sem Jahr­tau­send.

 

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Wider­sprü­che. Eupho­rie. Ver­zweif­lung. Im Ide­al­fall gleich­zei­tig.

 

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Stän­dig, wenn auch in unter­schied­li­cher Qua­li­tät. Hängt vom jewei­li­gen Leben ab.

 

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?

Schrei­ben besteht zu 99% aus Ver­schie­ben. Im Gegen­satz zum Über­ar­bei­ten.

 

5. Ihr Lieb­lings­ort – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Nixen­pfad im Herbst.

 

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Im Inter­net.

 

7. Ihr Lieb­lings­buch?

Lieb­lings­buch ist jedes Buch, wel­ches ich klu­ger­weise kein zwei­tes Mal lese, da ich ansons­ten ver­ste­hen könnte, warum es mich so erschüt­tert hat.

 

8. Haben Sie schon ein­mal bereut, dass Sie schrei­ben?

Vor jedem nächs­ten Wort.

 

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Jedes nächste Wort.

 

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Sollte Lite­ra­tur ein Wis­sens­ge­biet sein? Bin unschlüs­sig. Ansons­ten:  Zukunfts­for­schung und Film­ge­schichte.

 

11. Was ist für Sie Stil?

Eine ange­mes­sene Balance zwi­schen Prä­gnanz und ver­schwen­de­ri­scher Aus­schwei­fung.

 

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Zefram Coch­rane.

 

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Schrei­ben ohne Lesen ist wie Schwim­men ohne Was­ser. Kann man machen, sieht aber komisch aus.

 

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

Toco­tro­nic – »Ich wünschte, ich würde mich für Ten­nis inter­es­sie­ren«.

 

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

Miss­traue ein­fa­chen Ant­wor­ten.

Fragen an Volker Müller

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Die Erin­ne­rung an eine bedeu­tende Kul­tur- und Wis­sen­schafts­tra­di­tion sowie das Gefühl, in Ost­thü­rin­gen zu Hause zu sein.

 

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Schrift­stel­le­ri­scher Ehr­geiz, Freude an den Kaprio­len der Phan­ta­sie, vor allem am Eigen­le­ben mei­ner Figu­ren, sowie die Mög­lich­keit, unter Umstän­den mehr über Zeit und Zei­ten sagen, mehr bewah­ren und Erfah­re­nes anders gewich­ten zu kön­nen als der His­to­ri­ker oder Poli­to­loge.

 

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Ich führe ein Tage­buch, in dem ich haupt­säch­lich Gedan­ken und Über­le­gun­gen zu Poli­tik, Kunst und Natur auf­zeichne. Für das eigene Schrei­ben spie­len diese Noti­zen kaum eine Rolle. Da pas­siert das Ent­schei­dende aus dem Moment her­aus.

 

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?

Ja. Von fünf bis acht Uhr. Even­tu­ell kommt nach­mit­tags noch eine Stunde hinzu. Das ver­su­che ich auch im Urlaubs­quar­tier oder auf Rei­sen ein­zu­hal­ten.

Jour­na­lis­ti­sche Arbei­ten. Fami­lie. Gesund­heit.

Nein.

 

5. Ihr Lieb­lings­ort – – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Mein Hei­mat­ort Hohn­dorf im Ost­thü­rin­ger Vogt­land und Hid­den­see.

 

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Mein Roman »Cor­vette Menz« geht auf im Vogt­land und Bran­den­burg Erleb­tes bezie­hungs­weise Gesche­he­nes zurück. Außer­dem spielt eine für mich reiz­volle Aus­ein­an­der­set­zung mit der Lite­ra­tur­ge­schichte eine Rolle. Für das Figur­ensem­ble des Buches stand Theo­dor Fon­ta­nes »Frau Jenny Treibel« Pate.

 

7. Ihr Lieb­lings­buch?

Es gibt die bevor­zug­ten Schrift­stel­ler Theo­dor Fon­tane, Anton Paw­lo­witsch Tsche­chow und Tho­mas Wolfe; ein Lieb­lings­buch gibt es nicht.

 

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Nein.

 

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Eine Ein­la­dung zum Tsche­chow-Fest 2004 nach Baden­wei­ler im Schwarz­wald, wo ich aus mei­nem Tsche­chow-Buch »Tau­send und eine Lei­den­schaft« lesen durfte.  In glei­cher Weise freute ich mich über die Auf­füh­rung mei­nes Schu­mann-Stücks »Der geschwät­zige Gast« zu den Schu­mann-Fes­ten 2010 in Bonn, Dres­den und Zwi­ckau. Und nicht zuletzt freut mich der Vogt­län­di­sche Lite­ra­tur­preis 2018 im Bereich Bel­le­tris­tik für mein bis­he­ri­ges schrift­stel­le­ri­sches Schaf­fen.

 

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Das ist die Musik, wobei Klas­sik und tra­di­tio­nel­ler Jazz ein­sam an der Spitze ran­gie­ren. Danach fol­gen in etwa gleich­auf Orni­tho­lo­gie,

Politik/Zeitgeschichte und – trotz eini­ger Beden­ken – Rad­sport.

 

11. Was ist für Sie Stil?

So ein­fach, klar und schön wie mög­lich schrei­ben.

 

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Ich wünschte mir, wir hät­ten in Thü­rin­gen eine Per­sön­lich­keit von Rang, die sich so inten­siv für Frie­den und Ver­stän­di­gung ein­setzt wie ein Mat­thias Plat­z­eck, Fritz Pleit­gen, Harald Kujat oder Horst Teltschik.

 

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Ich lese gern und viel, aller­dings kaum Gegen­warts­li­te­ra­tur.

 

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

In Erin­ne­rung an mei­nen Groß­va­ter: »Im schöns­ten Wie­sen­grunde«

 

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

Das Gute, was es gibt oder was geschieht, nicht über­se­hen, am bes­ten viel­leicht sogar in den Mit­tel­punkt rücken. Und nicht allein nach vorn schauen, auf das noch zu Leis­tende, son­dern auch öfter rück­wärts, aufs bereits Erreichte bli­cken.

& tage«">Peter Neumann – »areale & tage«

Auf der Suche nach den »Iso­chro­nen«

Gele­sen von Diet­mar Ebert

 

Will man der Mes­sung der Zeit trauen, so sind vier Jahre ver­gan­gen, seit Peter Neu­mann im Dresd­ner Ver­lag edi­tion Azur sei­nen schö­nen, viel ver­spre­chen­den Gedicht­band geheuer vor­ge­legt hat. Erin­ne­rungs­split­ter an seine meck­len­bur­gi­sche Hei­mat hat er in knap­pen, dich­ten lyri­schen Gebil­den fest­ge­hal­ten. Es sind die star­ken, von Natur und Land­schaft inspi­rier­ten Bil­der, die sei­nen ers­ten und sei­nen zwei­ten Gedicht­band Areale & Tage, der im März 2018 eben­falls bei edi­tion Azur  erschie­nen ist, mit­ein­an­der ver­bin­den.

In sei­nem neuen Gedicht­band expe­ri­men­tiert der in Wei­mar lebende Dich­ter mit ver­schie­de­nen lyri­schen For­men und stellt sich der schwie­ri­gen Frage, wie wohl eine Topo­gra­phie der Zeit aus­schauen könnte. Er ist, um mit Hans Magnus Enzens­ber­ger zu spre­chen, auf der Suche nach jenen Linien, die sich able­sen las­sen, wenn Zeit­zo­nen durch­wan­dert und geschicht­li­che Risse und Ver­wer­fun­gen »gele­sen wer­den kön­nen«. Enzens­ber­ger nennt sol­che Linien »Iso­chro­nen«.

Peter Neu­mann kennt als pro­mo­vier­ter Phi­lo­soph die Theo­rien und Metho­den, um nach den Iso­chro­nen zu suchen, und er ver­fügt als Lyri­ker über das glück­li­che Natu­rell, seine Gedichte in einer kla­ren, bild­haf­ten Spra­che zu for­men.

Iso­chro­nen las­sen sich fin­den, wenn sich das lyri­sche Ich auf Rei­sen begibt. Zug­rei­sen sind dafür beson­ders geeig­net. Mit der Regio­nal­bahn unter­wegs, las­sen sich Ort­schaf­ten ent­de­cken, die wie aus der Zeit gefal­len wir­ken. Im ICE von Ber­lin gen Süden rei­send, ent­deckt das lyri­sche Ich im Spei­se­wa­gen die gro­ßen Fens­ter als Rah­men einer vor­bei glei­ten­den, plötz­lich grö­ßer erschei­nen­den Land­schaft. Viel­leicht sind das noch nicht die ganz star­ken Ein­drü­cke, die sich zum Gedicht run­den, aber es sind Ver­su­che, unge­wöhn­li­che Bli­cke auf Land­schaft und Zeit zu wer­fen, sie in Refle­xio­nen zu bün­deln, Nah-und Fern­sicht mit ein­an­der zu kop­peln.

Das jedoch, was Peter Neu­mann am meis­ten inter­es­siert, das sind die Iso­chro­nen, die durch Tek­to­nik in Natur-und Geschichte ent­stan­den sind. In dem hin­ter­grün­di­gen Gedicht Spüle wird der Bogen von der letz­ten Eis­zeit bis zum Gespräch mit dem Vater beim Korn geschla­gen: Zeit­reise, Land­schafts­dich­tung und Erin­ne­run­gen an ihm nahe und fer­ner ste­hende Men­schen fal­len in eins. In den Gedich­ten wo wir uns fin­den, auf­zug und bir­ken­grün schei­nen im ganz All­täg­li­chen Bil­der auf, als erblickte sie das lyri­sche Ich zum ers­ten Mal. Es ist eine an Wal­ter Ben­ja­min geschulte Methode, bis­her nie Erblick­tes im Land­schafts­raum zu erin­nern und zu ent­de­cken. Doch Peter Neu­mann braucht nicht den sur­rea­lis­ti­schen »Chock«, viel­leicht auch nicht die »pro­fane Erleuch­tung«, um in ganz all­täg­li­chen Situa­tio­nen zu sehen, was kein His­to­ri­ker, kein Maler, kein Foto­graf und kein Dich­ter bis­her fest­ge­hal­ten hat. Dafür genügt die Kit­tel­schürze der Groß­mutter, der still­ge­legte Fried­hof in Wit­ten­born, eine mär­ki­sche oder meck­len­bur­gi­sche Allee, ein Nach­mit­tag an der See­brü­cke, eine Wes­pen­in­va­sion, Eimer vol­ler Heringe an der Stral­sun­der Mole oder eine Lich­tung im Wei­ma­rer Webicht. Diese Klei­nig­kei­ten des All­tags sind es, die Peter Neu­mann »unter die Lupe« nimmt, die er ver­grö­ßert und mit der Wärme des Lyri­kers umschließt. Irgend­wann »schla­gen sie die Augen auf« und geben preis, wie ihre Koor­di­na­ten im Land­schafts­raum der Gegen­wart sind und wie sie mit den Tie­fen­schich­ten der Ver­gan­gen­heit ver­bun­den sind. Wer­den beide Koor­di­na­ten mit ein­an­der ins Ver­hält­nis gesetzt, so las­sen sich die Iso­chro­nen, von denen Enzens­ber­ger spricht, bestim­men. Sie sind in die Gedichte von Peter Neu­mann ein­ge­senkt. Ganz natür­lich wech­selt sein lyri­sches Ich den Blick, ohne den Ton­fall des Gedichts zu ändern.

Peter Neu­manns Areale & Tage glie­dert sich in vier Abtei­lun­gen: I. – tief wur­zeln in der time­line die Bäume, II. – abends leuch­ten die strümpfe vom grund, III.- diese see­brü­cke führt nicht übers Meer und IV. – alle Uhren gehen sehr.

Im Unter­schied zu sei­nen in geheuer ver­sam­mel­ten Gedich­ten, in dem stark ver­dich­tete und redu­zierte lyri­sche Gebilde domi­nier­ten, expe­ri­men­tiert er in Areale und Tage mit der lyri­schen Form. In der zwei­ten Abtei­lung prä­sen­tiert uns Peter Neu­mann ein lyri­sches Ich, das in sie­ben Gedich­ten Frag­mente anein­an­der reiht.

Ein Stabs­strich ist jedem die­ser Frag­mente vor­an­ge­stellt. Das sol­len Gedichte sein? Es sind Gedichte, nur führt uns das lyri­sche Ich nicht mit gro­ßem Atem, nicht im Legato von Vers zu Vers, son­dern besteht auf einem Stac­cato. So wird Frag­ment an Frag­ment gereiht, und gerade in die­sem Stac­cato-Rhyth­mus besteht der ganz eigene Reiz die­ser Gedichte. Ihr Auf­bau garan­tiert dem lyri­schen Ich eine grö­ßere Frei­heit, kön­nen doch so sehr dis­pa­rat erschei­nende Wirk­lich­keits­par­ti­kel zu ein­an­der in Bezie­hung gesetzt wer­den.

In den übri­gen drei Tei­len des Ban­des begeg­nen wir einem lyri­schen Ich, das Wirk­lich­keit betrach­tend oder reflek­tie­rend, zu einer weit aus­schwin­gen­den Spra­che neigt, ein lyri­sches Ich, das ein beglei­ten­des Du oder direkt den Leser anspricht. Indem Peter Neu­mann Land­schafts­räume in ihrer Iso­chro­nie aus­zu­lo­ten ver­sucht, fin­det er zu einer lyri­schen Form, in der die Beschleu­ni­gung unse­rer Gegen­wart außer Kraft gesetzt ist und die Gedichte von einem ruhi­gen Rhyth­mus durch­pulst wer­den. Peter Neu­mann lässt sei­nen Gedich­ten die Zeit, die sie brau­chen und erzeugt damit, was Hart­mut Rosa »Reso­nanz« genannt hat.

Zugleich sind in Areale und Tage mit tief wur­zeln die Bäume in der time­line, ein haus, wer immer hier und vor allem mit die bestim­mung der Bäume einige der schöns­ten Land­schafts­ge­dichte unse­rer Zeit gelun­gen.

In Areale & Tage hat Peter Neu­mann hei­mat­li­che Land­schafts­räume ver­mes­sen und zu einer lyri­schen Spra­che gefun­den, die einen ganz eige­nen Ton in die deutsch­spra­chige Lyrik der Gegen­wart ein­bringt.

Nun dür­fen die Leser gespannt sein, wie es dem Harald-Ger­lach-Sti­pen­dia­ten des Jah­res 2018 gelin­gen wird, die Iso­chro­nie des Thü­rin­ger Lan­des in Prosa zu beschrei­ben.

 

Jena, am 1. Mai 2018          Diet­mar Ebert

Fragen an Anne Gallinat

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Auf­ge­wach­sen bin ich in Pots­dam – also, wenn man so will – im fla­chen Land. Als ich noch ein Kind war, ist meine Fami­lie im Urlaub immer in die Berge gefah­ren: zuerst in die Lau­sitz, manch­mal ins Vogt­land, oft nach Thü­rin­gen. Berg­land­schaf­ten – das war für mich der Inbe­griff von Weite. Im fla­chen Land kann man so weit sehen, wie das Auge reicht. Bes­ten­falls. Im Gebirge kann man auf einen Berg stei­gen… und wei­ter sehen, als das Auge reicht. So habe ich es jeden­falls immer emp­fun­den, auch wenn diese These sicher­lich aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht nicht halt­bar ist.

Als ich 1995 nach Thü­rin­gen gezo­gen bin, war ich meh­rere Monate in »Urlaubs­stim­mung« – Inzwi­schen sind mir »meine Berge« ver­traut. Der »Urlaubs­ort« ist zu einer zwei­ten Hei­mat gewor­den. Aber es kommt vor, dass ich plötz­lich mit­ten in der All­täg­lich­keit wie­der den »Urlaubs­zau­ber« der Thü­rin­ger Berg­land­schaft emp­finde.

 

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Man sagt viel­leicht nicht umsonst: Schrei­ben ist The­ra­pie.

Zum Schrei­ben brin­gen mich meine eige­nen Pro­bleme: Pro­bleme mit mir selbst und      ande­ren; Kon­flikte mit mei­nem Umfeld, mit gesell­schaft­li­chen und sozia­len       Rea­li­tä­ten. Antrieb ist für mich Trau­rig­keit, Ver­zweif­lung. Nicht sel­ten auch Wut.

Wenn ich schreibe, suche ich manch­mal nach Lösun­gen. Manch­mal kann ich meine     Trau­rig­keit, Ver­zweif­lung und Wut wie ein Frem­der von außen sehen. Und manch­mal hoffe ich, dass meine Trau­rig­keit, Ver­zweif­lung, Wut auch die Trau­rig­keit,       Ver­zweif­lung und Wut von ande­ren, von mei­nen Lesern ist. Dass sie sich ver­stan­den         füh­len und ich mich nicht mehr so alleine.

Schrei­ben ist für mich auch, mir selbst und ande­ren Pro­bleme ins Bewusst­sein zu         rücken, Kon­flikte nicht ein­fach weg­zu­schie­ben und am Ende zu ver­drän­gen.

 

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Mein Gedächt­nis ist mein Tage­buch. Meis­tens kann ich sofort abru­fen, was ich für       meine Geschichte gerade an Ideen, Atmo­sphä­ren, Epi­so­den brau­che.

Mein Vater hat mal gesagt: »Wer ein Buch schreibt, arbei­tet eigent­lich unun­ter­bro­chen.« Ich stimme zu und würde es viel­leicht für mich so for­mu­lie­ren: Es arbei­tet in mir. Egal, was ich tue. Ob ich Geschirr spüle, Wäsche wasche, ein­kaufe oder koche: die Geschichte bewegt sich, bewegt mich, ent­wi­ckelt sich in mir. Wenn ich am Schreib­tisch sitze, weiß ich in der Regel ganz genau, was ich schrei­ben werde.

Am Schreib­tisch geht es mehr oder weni­ger nur noch darum, den Text in Form zu       brin­gen und sprach­lich zu gestal­ten.

Gele­gent­lich notiere ich mir Vari­an­ten, Mög­lich­kei­ten, um das Gedan­ken­chaos zu ord­nen, um letz­lich zu ent­schei­den: Was ist wich­tig für meine Geschichte? Was lasse    ich weg.

 

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?

Ich habe einen sehr struk­tu­rier­ten Arbeits­tag. Da ich alleine lebe, arbeite ich meis­tens   – mit klei­nen Unter­bre­chun­gen – von mor­gens bis abends.

Aller­dings habe ich noch einen klei­nen Neben­job als Stadt­füh­re­rin, den ich sehr liebe   und ein gro­ßes Hobby als Lei­te­rin eines his­to­ri­schen Mario­net­ten­thea­ters in Saal­feld, das ich noch mehr liebe.

Durch Pro­ben, Lesun­gen, Stadt­füh­run­gen gerät mein Arbeits­tag gele­gent­lich ein           biss­chen durch­ein­an­der. Doch diese Unter­bre­chun­gen emp­finde ich eher sel­ten als Stö­rung. Meis­tens als Bele­bung, um Kraft zu tan­ken für die ein­sa­men   Schreib­tisch­stun­den.

Natür­lich gibt es Dinge, die mich bei mei­ner Arbeit stö­ren, z.B. Bau­lärm und beharr­li­ches Tele­fon­klin­geln. Unlieb­same Tätig­kei­ten wie Büro­ar­bei­ten und Steu­er­ab­rech­nun­gen emp­finde ich nicht nur als Stö­rung, son­dern als kaum zu        bewäl­ti­gende Zumu­tung. Da kann ich durch­aus auch ein­mal zum »Gele­gen­heits–        Pro­kras­ti­na­teur« wer­den, indem ich das eine nicht tun will und das andere nicht tun   darf…

 

5. Ihr Lieb­lings­ort – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Lieb­lings­orte sind für mich dort, wo ich der been­gen­den All­täg­lich­keit ent­rin­nen kann. Orte, an denen ich das Gefühl habe, für eine kurze Zeit außer­halb mei­ner gewöhn­li­chen, klei­nen Welt zu sein. Dazu kön­nen Wäl­der, Wie­sen, eine ein­same Berg­kuppe und das Meer gehö­ren. Manch­mal aber auch eine fremde Stadt. Oder ein Blick aus dem Fens­ter wäh­rend einer Zug­fahrt oder einer Fahrt mit dem Fern­bus.

 

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Meine The­men finde ich immer wie­der in mei­ner Wirk­lich­keit. Mein letz­tes ver­öf­fent­lich­tes Buch »Han­nes‹ Bis­tro« han­delt von Men­schen, die nur ein Fuß­breit von einem Leben auf der Straße trennt. Meis­tens resul­tie­ren meine Ideen aus Beob­ach­tun­gen oder klei­nen Erleb­nis­sen. So war es auch in die­sem Fall. In mei­ner Wohn­sied­lung habe ich regel­mä­ßig ein son­der­ba­res Pär­chen getrof­fen. Der Mann war über­ge­wich­tig und – man sah es schon sei­nem Gesicht an – nicht beson­ders »helle«. Er ver­kehrte fast täg­lich in einer Kneipte und wurde dort von einer Frau abge­holt, die von ihrer gan­zen Erschei­nung her wie ein jun­ges Mäd­chen wirkte. Zunächst hielt ich die Frau für die Toch­ter des Man­nes,  der meis­tens betrun­ken war, aber auch im nüch­ter­nen Zustand nur über den Wort­schatz eines klei­nen Kin­des ver­fügte. Doch bald ent­deckte ich, dass die Frau kei­nes­falls die Toch­ter des Man­nes war, son­dern seine Lebens­part­ne­rin. Und ich fragte mich: warum lebt diese mäd­chen­hafte Frau mit die­sem stän­dig betrun­ke­nen Töl­pel zusam­men? Die Frage ließ mir keine Ruhe. Sie beschäf­tigte mich mehr und mehr. Noch spä­ter beob­ach­tete ich, dass die Mäd­chen-Frau und der Mann auf dem Sperr­müll nach Gegen­stän­den such­ten, die sie auf dem Trö­del­markt ver­kauf­ten, um ihren Lebens­un­ter­halt auf­zu­bes­sern. Und aus einer Frage, die sich so ohne wei­te­res nicht beant­wor­ten ließ, ent­stand zunächst die Erzäh­lung »Kom­mer­sche und Ilex«. Einige Zeit spä­ter lernte ich einen ehe­ma­li­gen Arzt ken­nen. Ein Arzt, des­sen sozia­ler Abstieg – bedingt durch seine Alko­hol­krank­heit – schon Jahre zurück lag. Der Dok­tor lebte in einer Ruine und war häu­fig in der Stadt auf einem ros­ti­gen, klapp­ri­gen Fahr­rad zu sehen. Aus einer Erzäh­lung wur­den zwei. Dann drei. Und schließ­lich der Roman »Han­nes‹ Bis­tro«.

 

7. Ihr Lieb­lings­buch?

»Krieg und Frie­den« von Lew Tol­stoi

 

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Nein.

 

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Das kann ich nicht sagen.

 

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Musik und Poli­tik.

 

11. Was ist für Sie Stil?

Stil ist für mich die ganz und gar indi­vi­du­elle und des­halb ein­zig­ar­tige Aus­drucks­form eines Autors. Der Stil eines Autors ist untrenn­bar ver­knüpft mit sei­nem Cha­rak­ter. Des­halb muss der Stil eines Autors so unver­wech­sel­bar sein, dass beim Lesen zu erken­nen ist, um wel­chen Autor es sich han­delt.

 

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Es gibt Per­so­nen, die ich sehr schätze, von denen ich viel gelernt habe und die ich manch­mal auch bewun­dere. Aber eine »bedeu­tendste Per­son« kann ich für mich nicht benen­nen.

 

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Ich bin seit mei­ner Jugend eine lei­den­schaft­li­che Lese­rin. In mei­ner Jugend­zeit haben mich vor allem die Klas­si­ker begeis­tert und Tho­mas Mann, Her­mann Hesse, Theo­dor Fon­tane, Tol­stoi, Dos­to­jew­ski, Tur­gen­jew. Um nur einige zu nen­nen. Heute lese ich gerne z.B. Zsuzsa Bank, Peter Stamm, Cle­mens Meyer, Daniel Glattauer und viele andere zeit­ge­nös­si­sche Autoren, aber sehr gerne auch die Bücher mei­ner Kol­le­gen.

 

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

Mein Lieb­lings­volks­lied: »Es geht ein dunkle Wolk her­ein…« … Es muss immer ein biss­chen trau­rig sein… Für Schla­ger kann ich mich über­haupt nicht erwär­men.

 

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

Das Motto ist zwar nicht von mir. Und ich kann nicht ein­mal sagen, von wem es kommt. Sicher ist nur, dass ich es zu mei­nem Lebens­motto gemacht habe:

»Das Gute wird nicht sie­gen. Aber man muss es tun, damit es in der Welt bleibt.«

»Man muss nicht hoffen, um zu beginnen, man muss keinen Erfolg haben, um zu überdauern.«">»Man muss nicht hoffen, um zu beginnen, man muss keinen Erfolg haben, um zu überdauern.«

Es geschieht alles in allem mit gro­ßem Recht, dass der Ber­li­ner Senat die letzte Ruhe­stätte der Char­lotte von Kalb auf dem Drei­fal­tig­keits­fried­hof II an der Berg­mann­straße in Kreuz­berg mit dem dau­er­haf­ten Glanz eines Ehren­gra­bes der Stadt Ber­lin aus­ge­zeich­net hat. Auf dem Lie­ge­stein des wie ein Kin­der­bett ein­ge­git­ter­ten Gra­bes fin­den sich zwei Sätze, die der rät­sel­haf­ten Schön­heit man­cher ihrer zu Papier gebrach­ten Gedan­ken alle Ehre erwei­sen:

Ich war auch ein Mensch, sagt der Staub!

Ich bin auch ein Geist, sagt das All!

 

Lektüreempfehlungen:

 

  1. Ursula Nau­mann: Schil­lers Köni­gin. Das Leben der Char­lotte von Kalb. Insel Ver­lag Frank­furt am Main und Leip­zig 2006 (insel-taschen­buch 3234)
  2. Emil Pal­leske: Schiller’s Leben und Werke in 2 Bän­den, 15. Auf­lage Stutt­gart, Ver­lag von Carl Krabbe, 1900
  3. Johann Lud­wig Klar­mann: Geschichte der Fami­lie von Kalb auf Kalbs­rieth, K.B. Hof – und Uni­ver­si­täts-Buch­dru­cke­rei von Junge & Sohn, Erlan­gen 1902.
  4. Char­lotte von Kalb: Char­lotte (Für die Freunde der Ver­ewig­ten.) – Gedenk­blät­ter von Char­lotte von Kalb. Her­aus­ge­ge­ben von Emil Pal­leske. Ver­lag von Karl Crabbe. Stutt­gart 1879
  5. Paul Nerr­lich (Hg.): Briefe von Char­lotte von Kalb an Jean Paul und des­sen Gat­tin. Ber­lin, Weid­mann­sche Buch­hand­lung 1882.
  6. Cor­ne­lia. Für die Freunde der Ver­ewig­ten. Manu­script. Ber­lin, 1851

II">Werke und Tage – Lebensweg II

Wech­sel­haft war das Schick­sal Char­lotte von Kalbs bis an ihr 40. Lebens­jahr. Danach prä­sen­tierte es sich, äußer­lich betrach­tet, als Anein­an­der­rei­hung von Unglücks­fäl­len. Die zähen Gerichts­pro­zesse um ihr Ver­mö­gen kos­te­ten Ner­ven und viel Geld. Sie ende­ten desas­trös. Char­lotte, die das gute Leben gewohnt war, sei es in Wei­mar, sei es auf Schlös­sern in den Ost­heim­schen Besit­zun­gen im Grab­feld, sei es auf dem Gut der von Kalbs in der Gol­de­nen Aue, Char­lotte von Kalb war nun regel­recht arm. Mit ihrer Toch­ter Edda, die eine Stelle als Hof­dame beim preu­ßi­schen Hof in Ber­lin bekam, zog sie von Thü­rin­gen in ein klei­nes Sei­ten­ge­lass im Ber­li­ner Schloss. Ihr Mann, wir erwähn­ten es, nahm sich das Leben, ihr Sohn tat ein glei­ches, sie selbst erblin­dete voll­stän­dig und konnte manch­mal über Wochen und Monate ihre Woh­nung nicht ver­las­sen. Fast vier Jahr­zehnte ver­brachte Char­lotte so ihre Tage. Aber sie blieb nicht taten­los. Um sich wirt­schaft­lich etwas bes­ser über Was­ser zu hal­ten, betrieb sie einen klei­nen Han­del mit Scho­ko­lade und Strick­wa­ren. Gewinn erzielte sie nicht. Sie schmie­dete Pläne für ein Pri­vat­in­ter­nat – auch dies wurde ein Fehl­schlag.  Und doch hin­ter­ließ sie, als sie am Mor­gen des 12. Mai 1843 81jährig in den Armen ihrer Toch­ter starb, ein bemer­kens­wer­tes, wenn auch schma­les schrift­stel­le­ri­sches Werk. Es besteht aus Brie­fen, einem klei­nen auto­bio­gra­phi­schen Roman und ihren Lebens­er­in­ne­run­gen.

Zeit­le­bens hatte Char­lotte von Kalb ein durch­aus ernst­haf­tes Inter­esse an Kunst, Phi­lo­so­phie und Lite­ra­tur. Sie kor­re­spon­dierte, auch über Lite­ra­tur und Phi­lo­so­phie, mit den bei­den gelieb­ten Män­nern ihres Lebens – und das waren immer­hin zwei der bedeu­tends­ten Dich­ter der klas­si­schen Zeit. Die im Unter­schied zu den Brie­fen an Schil­ler erhal­te­nen Briefe an Jean Paul lesen sich heute als klei­ner Brief­ro­man; 1882 erschie­nen sie in Ber­lin als Buch, man bekommt sie noch als Reprint. Freund­schaf­ten pflegte Char­lotte, zumeist brief­lich, auch mit Höl­der­lin und Her­der, mit Goe­the und Johann Gott­lieb und Ima­nuel Her­mann Fichte und Rahel Varn­ha­gen. Sie war ein beacht­li­cher Nebens­tern im Kos­mos Jena-Wei­mar und spä­ter, soweit Alter und Gesund­heit es erlaub­ten, in der Ber­li­ner Gesell­schaft.

Klug­heit, Emp­find­sam­keit, Bele­sen­heit, Tem­pe­ra­ment, Sinn für ori­gi­nelle For­mu­lie­rung, auch ein gewis­ses Maß an Stur­heit – alle diese Vor­aus­set­zun­gen für eine schrift­stel­le­ri­sche Kar­riere hatte Char­lotte von Kalb. Woran es ihr man­gelte, um ein genuin lite­ra­ri­sches Werk zu hin­ter­las­sen, war die für Frauen ihrer Zeit – und erst recht in der Welt des frän­kisch-thü­rin­gi­schen Land­adels – nicht vor­ge­se­hene klas­si­sche Bil­dung. Es fehlte ihr die innere Gewiss­heit, als Frau in der Lite­ra­tur über­haupt in Betracht zu kom­men, etwas Eige­nes, gar Ande­res, Weib­li­ches ent­wer­fen und sagen, kurz gesagt: pro­duk­tiv wer­den zu dür­fen. Sie hielt sich selbst und ihre Zeit nicht reif dafür und schrieb: »Wenn der Geist und das Herz mehr ver­stan­den wird und die Natur reif ist für die reinste Wahr­heit, (erst) dann dür­fen, dann sol­len Frauen reden und schrei­ben.«

Den­noch hin­ter­ließ Char­lotte zwei kleine Bücher, die sie ohne Hoff­nung auf Ruhm aber doch mit Lust auf den Ver­such, etwas Dau­er­haf­tes zun schaf­fen, in den Ber­li­ner Jah­ren teils schrieb, teils ihrer Toch­ter Edda dik­tierte. Das eine ist ein kur­zer Roman mit dem Titel »Cor­ne­lia«, das andere die Auto­bio­gra­phie »Char­lotte (Für die Freunde der Ver­ewig­ten.) – Gedenk­blät­ter von Char­lotte von Kalb.« Beide erschie­nen auf Betrei­ben ihrer Toch­ter post­hum und sind heute gele­gent­lich noch anti­qua­risch, meist aber nur in Biblio­the­ken greif­bar. Die Werke zei­gen eine sich in Pro­duk­ti­vi­tät und eige­nen Ton hin­ein­tas­tende Schrift­stel­le­rin, die sich im Wesent­li­chen über ihre Emp­fin­dungs­kraft defi­niert und sich dabei manch­mal zu einem für das Ohr des heu­ti­gen Lesers schwer erträg­li­chen schwär­me­ri­schen und sal­bungs­vol­len Ton auf­schwingt. Den­noch reiz­voll ist die Lek­türe vor allem der Memoi­ren, weil der durch­aus vor­han­dene – sagen wir es klar und hart: – Kitsch in einem hoch­in­ter­es­san­ten Kon­trast steht zu Pas­sa­gen schar­fer, tro­cke­ner Beob­ach­tung und ori­gi­nel­ler sar­kas­tisch-wit­zi­ger Bemer­kun­gen.

Das alles in allem dürf­tig ent­wi­ckelte Frau­en­bild der Wei­ma­rer Klas­sik fasst sie wie folgt zusam­men:

Ich kenne nichts Tri­via­le­res als die Vor­stel­lun­gen unse­rer meis­ten Auf­klä­rer und Dich­ter über die Frauen.

Als Sieb­zig­jäh­rige, die kei­nen ange­mes­se­nen Lese­stoff mehr für sich fin­det und  des­halb zur Zei­tungs­lek­türe hin­ab­stei­gen muss, notiert sie:

Meine Unter­hal­tung ist jetzt … das ›Mor­gen­blatt‹. Wie ein Wurm nähre ich mich von Blät­tern, kann also hof­fen, noch ein Schmet­ter­ling zu wer­den.

Die Archi­tek­tur der Memoi­ren (»Gedenk­blät­ter«) wird mit einem gewis­sen Recht  als chao­tisch und wirr bezeich­net. Rich­tig ist auch, dass in den Tex­ten Fik­tion und Bericht oft schwer von­ein­an­der zu schei­den sind. Man kann das natür­lich als »his­to­risch-bio­gra­phi­sche Unzu­ver­läs­sig­keit« brand­mar­ken, man kann die Mischung von Fak­ten und Fik­tion aber auch als Kunst­griff ver­ste­hen. Ebenso zwie­späl­tig kann man es sehen, dass Char­lotte in den Pro­sa­text mal mehr, mal weni­ger plau­si­bel Gedichte ein­streut. Und es gibt Abschnitte, die zwi­schen erzäh­le­ri­schen Mina­tu­ren und Apho­ris­men chan­gie­ren. Auch hier gilt: Ein stren­ger Bau­plan, eine durch­gän­gige Erzähl­stra­te­gie ist nicht erkenn­bar. Und doch: Man liest das etwas zusam­men­ge­flickt wir­kende Buch mit Neu­gier, immer wie­der über­rascht und gele­gent­lich regel­recht ent­zückt über sti­lis­ti­sche und gedank­li­che Vol­ten. Manch­mal taucht der Gedanke auf,  dass wir es hier mit einer raf­fi­nier­ten Vor­form lite­ra­ri­scher Mon­ta­ge­tech­nik zu tun haben, mit einer Patch­work-Prosa – mit dem pas­sen­den Kos­tüm einer trau­ri­gen und unend­lich lie­bens­wer­ten Clow­nin.  Ein biß­chen schrill war sie ja wirk­lich. Wie schrieb Rahel Varn­ha­gen über Char­lotte von Kalb?

Frau von Kalb ist von allen Frauen … die geist­vollste … Sie fühlt sich so frei, dass sie nach dem erha­bens­ten Geis­tes­blick öfters lacht … flugs nimmt ihr Geist eine … ent­ge­gen­ge­setzte Rich­tung und tut da wie­der Wun­der…

Ein glühender Strom – Jean Paul

Die Lie­bes­be­zie­hung Char­lot­tes von Kalbs zu dem Schrift­stel­ler Jean Paul (Johann Paul Fried­rich Rich­ter) begann um 1795. Char­lotte, deren Augen­lei­den in die­ser Zeit schon zunahm, hatte die bei­den frü­hen Romane des roman­ti­schen Iro­ni­kers (»Die unsicht­bare Loge« und »Hespe­rus oder 45 Hunds­post­tage«) gele­sen, war begeis­tert und lud den Dich­ter mit einem Brief vom 29. Februar 1796 nach Wei­mar ein. Am 10. Juni kam Jean Paul in Wei­mar an. Char­lotte tat für Jean Paul, was sie auch für Schil­ler getan hatte. Sie  ver­schaffte ihm Zugang zur Wei­ma­rer Gesell­schaft, vor allem zum Hof, zu dem Jean Paul als Bür­ger­li­cher ohne ade­lige Für­spra­che nur schwer Zutritt hätte fin­den kön­nen. Und sehr bald schon ent­spann sich eine inten­sive Affäre, deren Glück und Not sich in Char­lot­tes Brie­fen an Jean Paul aus­spre­chen. Einige Pas­sa­gen seien hier zitiert:

Juni 1796:

Sind Sie Ihres Ver­spre­chens ein­ge­denk? Kom­men Sie heute und um wel­cher Minute? Ich habe Ihnen viel zu sagen.

Die Erde trägt mich gedul­dig, und den Him­mel fand ich … in Ihren Schrif­ten und die Quelle des Ewi­gen in Ihnen…

Die­sen Mor­gen erwachte ich, es däm­merte noch, aber ich konnte die Far­ben um mich unter­schei­den. Ich bin auf Dein Bil­let sehr ver­lan­gend … Ach, mein Gott, ich habe schmä­len wol­len über die Stunde von ges­tern, von 8, 9…

Dezem­ber 1798

Ich fange an zu zit­tern und Todes­kälte umfasst mich. Ich kann nichts thun, bis ich weiß, ob Sie den Abend kom­men…

Dass ich meine Lip­pen auf die Wun­den Dei­nes Her­zens legen werde. Sei still, liebe Seele.‹…. Es ist mir, als hörte ich nur meine Liebe … O nimm mich auf, damit ich ster­ben kann, denn ich kann ent­fernt von Dir nicht leben und nicht ster­ben.

April 1799

Guten Mor­gen, mein Gelieb­ter…. Wann sehe ich Dich, du Lie­ber?

Wir müs­sen mit­ein­an­der leben und ster­ben. Das sagt meine Ver­nunft, mein Ver­stand, mein Herz und mein gan­zes Wesen fin­det nur Wohl­sein in die­sem Wahn…

Tat­säch­lich wurde Char­lot­tes Liebe mehr und mehr zu einem Wahn, an dem sie mit der Kraft kind­li­chen Trot­zes fest­hielt, bis Jean Paul, der wohl zu Recht im Ruf des Schwe­re­nö­ters stand, immer sel­te­ner und schließ­lich gar nicht mehr ant­wor­tete. Wenn irgend­et­was Char­lot­tes bewun­derns­werte Ent­schlos­sen­heit im Kampf um die Liebe, nach der sie lebens­lang dürs­tete, zeigt, dann ist es die Tat­sa­che, dass sie, nach­dem Jean Paul ihr nicht mehr schrieb, eine über zwei Jahr­zehnte andau­ernde ebenso herz­li­che wie respekt­volle Brief­freund­schaft mit Jean Pauls Frau anknüpfte.

Dass Jean Paul selbst Char­lotte kei­nes­wegs ver­ach­tete, auch wenn er sie nur für kurze Zeit lie­ben konnte, zei­gen fol­gende Zei­len, die er im Sep­tem­ber 1798 nie­der­schrieb:

Die halb­blinde Kalb ist lei­der nicht hier; mit hoher, hei­te­rer Stille erdul­det sie ihre lange Nacht, aber oft auf ein­mal bricht …  aus die­ser bedeck­ten Seele ein brei­ter, glü­hen­der Strom.

Schiller – der Kampf

Im Mai 1784 – ein Jahre nach der Trau­ung mit Hein­rich von Kalb – war Char­lotte von Kalb schwan­ger. Sie beglei­tete ihren Mann auf einer Mili­tär-Dienst­reise nach Landau in der Pfalz. Auf dem Weg machte das Ehe­paar Kalb in Mann­heim Sta­tion. Im Hotel traf man den damals blut­jun­gen Dich­ter Fried­rich Schil­ler. Es war, wenn sich die bei­den nicht schon ein gutes Jahr vor­her in Bau­er­bach bege­genet sein soll­ten,  Liebe auf den ers­ten Blick zwi­schen dem dün­nen, dau­er­ent­flamm­ten und fah­ri­gen Dich­ter und der, nach zeit­ge­nös­si­schen Bil­dern zu urtei­len, recht üppi­gen und mit lan­gem, dich­tem und schö­nem Haar geseg­ne­ten Frau Majo­rin.

Von Anfang an war den bei­den Lie­bes­leu­ten Char­lotte und Fried­rich das Gewagte ihrer Ver­bin­dung klar. Dass man nach dama­li­gem Ver­ständ­nis weder ein­an­der lie­ben musste, um glück­lich ver­hei­ra­tet zu sein, noch hei­ra­ten musste, nur weil man liebte, steht auf dem einen Blatt. Aber auf dem ande­ren steht viel­leicht, dass man nicht lie­ben muss, um eifer­süch­tig zu wer­den und dass man­cher erst durch plötz­li­che Eifer­sucht merkt, dass er liebt. Also genü­gend Gründe zur Ver­wir­rung der Her­zen gab es auf jeden Fall. Und  als beson­ders anstän­dig galt eine Ver­bin­dung zur lin­ken Hand auch damals nicht, schon gar nicht bei einer Frau. Das Tohu­wa­bohu der Gefühle zeigte sich in dem mit ups and downs reich geseg­ne­ten und durch meh­rere Jahre sich hin­zie­hen­den Ver­hält­nis zwi­schen Char­lotte von Kalb und Fried­rich Schil­ler. Manch­mal ver­suchte man, Dreier-Begeg­nun­gen zu ver­mei­den, manch­mal suchte man sie. Es gab heim­li­che Tref­fen und unheim­li­che Pein­lich­kei­ten. Es war ein unab­läs­si­ger Gra­ben­kampf der Gefühle.  Als Char­lotte in des­sen Ver­lauf sowohl eine offene Drei­er­be­zie­hung erwägt als auch ihrem Mann schließ­lich die Schei­dung vor­schlägt, bekommt Schil­ler, der inzwi­schen für eine andere Char­lotte und ihre Schwes­ter schwärmt, kalte Füße. Zu feige, der Frau Majo­rin rei­nen Wein ein­zu­schen­ken, weicht er ihr aus und lässt sie zap­peln. In einem Brief an seine spä­tere Frau Lotte v. Leng­feld und ihre Schwes­ter Caro­line v. Beul­witz vom 12. Sep­tem­ber 1789 – Nachts – schreibt er:

Die Kalb macht mich indes­sen doch jezt etwas ver­le­gen. Das Ver­hält­niß wor­inn sie mit ihrem Mann sich ver­set­zen will (ich hab euch, denk ich, schon davon gesagt) hat mich ihr in gewis­sem Betracht jezt unent­behr­lich gemacht, weil ich es allein ganz weiß und sie nicht ohne Rath ohne fremde Augen dabey zu Werke gehen kann…. Sie ver­langte, und konnte es auch mit allem Recht von mir ver­lan­gen, dass ich nach Wei­mar zu ihr kom­men und über diese neue Lage der Dinge mit ihr berath­schla­gen solle – aber sie wollte es ent­we­der heut oder Mor­gen, und weder heute noch Mor­gen noch Ueber­mor­gen wäre mirs mög­lich gewe­sen.

Geschmack­voll­er­weise bestellt Schil­ler Char­lotte, die er inner­lich längst abge­schrie­ben hat, zur end­gül­ti­gen Aus­spra­che für einen ande­ren Tag, und zwar aus­ge­rech­net zu den Neben­buh­le­rin­nen, zwi­schen denen er sich gerade auch nicht ent­schei­den kann, also zu den Lengefeld’schen Schwes­tern, was Char­lotte dann – noblesse oblige – selbst­ver­ständ­lich ablehnt.

Die Affäre ging nicht spur­los an Schil­lers Werk vor­über. Zu den deut­lichs­ten Spu­ren gehört das Gedicht »Der Kampf«, das in einer frü­he­ren, sehr viel län­ge­ren Fas­sung »Frei­geis­tery der Lei­den­schaft« hieß.

Der Kampf

Nein, län­ger werd‹ ich die­sen Kampf nicht kämp­fen,
Den Rie­sen­kampf der Pflicht.
Kannst du des Her­zens Flam­men­trieb nicht dämp­fen,
So fordre, Tugend, die­ses Opfer nicht.

Geschwo­ren hab‘ ich’s, ja ich hab’s geschwo­ren,
Mich selbst zu bän­di­gen.
Hier ist dein Kranz, er sey auf ewig mir ver­lo­ren,
Nimm ihn zurück und laß mich sün­di­gen.

Zer­ris­sen sey, was wir bedun­gen haben,
Sie liebt mich –deine Krone sey ver­scherzt.

Glück­se­lig, wer in Won­ne­trun­ken­heit begra­ben,
So leicht wie ich den tie­fen Fall ver­schmerzt.
Sie sieht den Wurm an mei­ner Jugend Blume nagen
Und mei­nen Lenz ent­flohn,

Bewun­dert still mein hel­den­müt­hi­ges Ent­sa­gen
Und groß­muths­voll beschließt sie mei­nen Lohn.
Mistraue, schöne Seele, die­ser Engel­güte,
Dein Mit­leid waff­net zum Ver­bre­chen mich.
Giebt’s in des Lebens uner­meß­li­chem Gebiete

Giebt’s einen andern schö­nern Lohn als dich?
Als das Ver­bre­chen, das ich ewig flie­hen wollte?
Tyran­ni­sches Geschick!
Der einz’ge Lohn, der meine Tugend krö­nen sollte,
Ist mei­ner Tugend letz­ter Augen­blick!

Dass Schil­ler sich letzt­lich ande­ren Frauen zuwandte, ist ebenso bekannt wie die Tat­sa­che, dass Char­lotte immer wie­der, mit Ein­la­dun­gen und insis­tie­ren­den Brie­fen, auf ihrer Liebe beharrte, auch als sie längst ver­lo­ren war. Irgend­wie unschön ist, dass das frau­en­fein­di­che Nar­ra­tiv von der »hys­te­ri­schen Koket­ten« und ihrem unstill­ba­ren Lie­bes­durst offen­bar so gut zur Klatsch­sucht der Lite­ra­tur­his­to­ri­ker passt, dass Char­lotte von Kalbs Ruf bis heute dar­un­ter lei­det. Dabei waren Schil­lers anfäng­li­che Begeis­te­rung und die sich anschlie­ßende feige Flucht vor dem Glück min­des­tens so hys­te­risch wie Char­lot­tes Par­ti­sa­nen­kampf der Liebe. Schil­ler, das sei zu sei­ner Ehren­ret­tung gesagt, scheint es ebenso gese­hen zu haben. In dem schon erwähn­ten Brief vom 12. Sep­tem­ber 1789 schreibt er:

Sie hat auf meine Freund­schaft die gerech­tes­ten Ansprü­che und ich muß sie bewun­dern, wie rein und treu sie die ers­ten Emp­fin­dun­gen unse­rer Freund­schaft, in so son­der­ba­ren Laby­rin­then die wir mit­ein­an­der durch­irr­ten, bewahrt hat.

Lebensweg – Teil I

Char­lotte von Kalb ent­stammte altem nie­der­frän­ki­schem Land­adel. Am 25. Juli 1761 wurde sie als drit­tes von sechs Kin­dern des Frei­herrn Johann Fried­rich Phil­ipp Mar­schalk von Ost­heim und sei­ner Frau Wil­hel­mine (gebo­rene von Stein-Nord­heim) in Wal­ters­hau­sen gebo­ren: der Ort liegt im unter­frän­ki­schen (bay­ri­schen) Teil des Grab­felds, hart an der Grenze zu Thü­rin­gen. Das Gefühl, um Liebe kämp­fen zu müs­sen, lernte Char­lotte allem Anschein nach früh ken­nen. Ihre Mut­ter hatte gehofft, einen Kna­ben zur Welt zu brin­gen. Aber, so schrieb Char­lotte in ihren Erin­ne­run­gen: »Das Kind war ein Mäd­chen. Hef­tig rief sie (die Mut­ter) aus: ›Du soll­test nicht dasein!‹« Vom abge­klär­ten Stand­punkt eines Betrach­ters, der die Gen­der-Debat­ten des 21. Jahr­hun­derts im Hin­ter­kopf hat, ist man viel­leicht geneigt, die im 18. Jahr­hun­dert noch übli­che Abwer­tung weib­li­cher Nach­kom­men­schaft durch die Eltern als zeit­be­dingte Erschei­nung abzu­tun, die zu üblich war, um jeman­den zu ver­let­zen. In Wahr­heit ist es wohl eher so, dass die Ver­let­zun­gen, die Mäd­chen und Frauen durch sys­te­ma­ti­sche Abwer­tung zuge­fügt wur­den, zu üblich waren, als dass man sie ernst genom­men hätte. Zu allen Zei­ten muss es für eine Kin­der­seele die schnei­dendste Krän­kung gewe­sen sein, von der eige­nen Mut­ter expli­zite und exis­ten­zi­elle Ableh­nung zu erfah­ren.

Als Char­lotte sie­ben Jahre alt ist, ster­ben ihre Eltern im Abstand von weni­gen Mona­ten. Char­lotte und ihre drei Geschwis­ter (zwei Schwes­tern, ein Bru­der) wach­sen bei Pfle­ge­el­tern auf, nicht unbe­hü­tet und in eini­gem Wohl­stand –  aber auf die Selbst­ver­ständ­lich­keit fami­liä­rer Nest­wärme müs­sen sie ver­zich­ten. Char­lotte, schöne große Augen, vol­les Haar, scheint ein ver­träum­tes, aber auch sehr erns­tes Mäd­chen gewe­sen zu sein. »Mit Docken (Pup­pen) habe ich nie gespielt.« bekannte sie spä­ter. Ein Bio­graph sagt:  »Bald erschien sie unju­gend­lich, selt­sam, ver­schlos­sen und stör­rig«.  Sie las viel, dachte nach und schrieb zum Tode ihrer Pfle­ge­mut­ter ein Gedicht, das bei aller Kon­ven­tio­na­li­tät Gefühl ver­rät und einer gewis­sen for­ma­len Gewandt­heit nicht erman­gelt:

Nimm hin, den Dank, Du heil’ge Fromme,
Gute, sanfte Dul­de­rin,
Meine Thrä­nen, bis ich komme
Und wie Du voll­endet bin.

In der Stunde, wo die mor­sche Hülle
Dei­ner Seele sich von ihr getrennt,
That ich hei­lige Gelübde in der Stille,
Die ein Engel Dir vor Got­tes Throne nennt.

Freud‘ und Wonn‘ umstrahlt, wie Glanz von Kro­nen
Selige, vor die­sem Throne Dich,
Wie­der­sehn der Dei­nen wird’s einst loh­nen;
Unter Dei­nen Kin­dern, Mut­ter, find’st Du mich.

Anno 1783, sie war inzwi­schen 22 Jahre alt, ergab sich Char­lotte Mar­schalk von Ost­heim ziem­lich wider­stands­los der für sie arran­gier­ten Ehe­schlie­ßung mit ihrem Schwa­ger, dem Major Hein­rich Julius Alex­an­der von Kalb, Bru­der des für seine pre­kä­ren Geld­ge­schäfte bekann­ten Wei­ma­rer Kam­mer­prä­si­den­ten Johann August Alex­an­der von Kalb; beide waren die Söhne des wei­land Wei­ma­rer Kam­mer­prä­si­den­ten Karl Alex­an­der von Kalb – alle Abkömm­linge des seit dem 15. Jahr­hun­dert in Kalbs­rieth in der Gol­de­nen Aue resi­die­ren­den Rit­ter­ge­schlechts. Das 1680 errich­tete Schloss Kalbs­rieth ist heute wie­der in Pri­vat­be­sitz und wird der­zeit von rüh­ri­gen jun­gen Leu­ten Stück für Stück her­ge­rich­tet.

Char­lot­tes Mann jeden­falls, der auch Henry Jules Alex­andre genannt wurde, war von altem Adel, und er war ein Kriegs­heim­keh­rer, er hatte in fran­zö­si­schen Diens­ten am ame­ri­ka­ni­schen Befrei­ungs­krieg teil­ge­nom­men und litt dar­un­ter, sein eigent­li­ches Talent als Bon­vi­vant und Hau­de­gen im damals eher ver­schla­fe­nen Thü­rin­gen nicht ent­fal­ten zu kön­nen. Immer­hin hatte er ange­nehme Umgangs­for­men und bewies eine beträcht­li­che Groß­zü­gig­keit in Fra­gen ehe­li­cher Treue – sei­ner eige­nen Treue und der Char­lot­tes. Ein rech­ter See­len­freund für die emp­find­same Char­lotte wurde er aller­dings nie. Char­lotte schrieb in ihren Erin­ne­run­gen spä­ter:

»Gegen­sei­tig war es wohl weder Wunsch noch Nei­gung – (son­dern eher) der Gleich­muth des Lei­dens; aber dass für die Frau das Bünd­niss so ganz ohne irdi­schen Vor­teil, schien dem Gemüth die Licht­seite zu sein.«

Char­lotte scheint also nach­ge­rade stolz dar­auf gewe­sen zu sein, dass die Ehe ihr keine Vor­teile brachte – als ob es ein mora­li­sches Ver­dienst wäre, wenn das Hei­ra­ten nicht nur ohne Liebe geschieht, son­dern auch noch ein schlech­tes Geschäft ist. Wir bewe­gen uns hier ohne Zwei­fel in den latent maso­chis­ti­schen Sumpf­ge­bie­ten christ­li­cher Moral. Tat­säch­lich gab es übri­gens sehr wohl hand­feste Inter­es­sen, die Char­lotte, ihrer Schwes­ter und der Ver­wandt­schaft die Ver­hei­ra­tung mit den Brü­dern von Kalb emp­fah­len: Die Siche­rung des Fami­li­en­ver­mö­gens der Ost­heims, das vor allem in Grund­stü­cken bestand, galt als gefähr­det und sollte durch die welt­erfah­re­nen Brü­der von Kalb mit ihren euro­pa­wei­ten Kon­tak­ten nach Wien und Paris geför­dert wer­den. Trotz aller Mühe, die sich die von Kalbs gaben: Das genaue Gegen­teil einer Ver­mö­gens­för­de­rung trat im Laufe der nächs­ten bei­den Jahr­zehn­ten ein. Ein wah­rer Dschun­gel von Kla­gen und Wider­kla­gen, ein Urwald von Pro­zes­sen ver­dun­kelte im Laufe meh­re­rer Jahr­zehnte die Rechts­lage ebenso wie die Ver­mö­gens­aus­sich­ten der von Kalbs. Die Brü­der rui­nier­ten ihr eige­nes Ver­mö­gen, und das ihrer Frauen gleich mit. Char­lot­tes Mann Hein­rich, der die  letz­ten Jah­ren sei­nes Lebens mit sei­ner Köchin zusam­men­lebte, jagte sich am Oster­diens­tag 1806 in Mün­chen im Gast­haus zum Gol­de­nen Hahn eine Kugel in den Kopf und ver­starb.

»Enfant terrible« – Über Charlotte von Kalb">»Enfant terrible« – Über Charlotte von Kalb

Ein biß­chen schrill war sie schon, das ist sicher. Ob eher im guten oder im schlech­ten Sinn, dar­über lohnt sich auch heute noch das Nach­den­ken:  An Char­lotte von Kalb schie­den sich schon im klas­si­schen Wei­mar die Geis­ter. Die einen sahen in ihr eine kokette, über­spannte und mann­stolle Hys­te­ri­ke­rin. Die ande­ren waren ange­tan von ihrem wachen Ver­stand, ihrer Fein­füh­lig­keit und ihrem unkon­ven­tio­nel­len Lebens­stil: Goe­the, der nicht gerade bekannt dafür war, über­kan­di­delte Cha­rak­tere zu schät­zen, suchte ihre Nähe nicht, nannte sie aber »eine geist­rei­che und geliebte Freun­din« und schenkte ihr Kaviar. Die Kon­tro­ver­sen über Char­lotte gin­gen auch nach ihrem Tod wei­ter. In Char­lot­tes  post­hum erschie­ne­nen Lebens­er­in­ne­run­gen erkannte der Vor­le­ser und Schrift­stel­ler Emil Pal­leske »die wun­der­bars­ten (Memoi­ren), die viel­leicht geschrie­ben sind«.  Von tie­fer Ver­ach­tung zeugt dage­gen das Urteil des Malers und Schrift­stel­lers Ernst Förs­ter über Char­lot­tes lite­ra­ri­sche Ver­su­che: sie seien ein »200 Sei­ten wäh­ren­der Ver­nich­tungs­kampf gegen Gram­ma­tik, Ortho­gra­phie, Natur und gesun­den Men­schen­ver­stand«.  Sicher ist, dass Char­lotte als Frän­kin nicht sicher zwi­schen b und p oder d und t und dem Geni­tiv und dem Dativ unter­schied und dass sie, ver­mut­lich durch ein Augen­lei­den bedingt, oft müh­sam las und kra­ke­lig schrieb. Sicher ist auch, dass der Lebens­weg die­ser Frau, was ihre äuße­ren, wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nisse betrifft, aus der Behag­lich­keit einer rei­chen Adels­fa­mi­lie im behä­big schlur­fen­den Tempo eines ver­wor­re­nen Gerichts­pro­zes­ses Schritt für Schritt in drü­ckende Alters­ar­mut führte – ohne dass Char­lotte von Kalb je den Glau­ben an sich selbst und an die Macht der Liebe ver­lo­ren hätte. Ihre letz­ten Jahre hat­ten sogar etwas Hei­te­res.

Fragen an Annerose Kirchner

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Gebo­ren bin ich in Leip­zig. Habe die ers­ten vier Lebens­jahre in der Groß­stadt ver­bracht, inmit­ten des heute so wun­der­bar sanier­ten attrak­ti­ven Wald­stra­ßen­vier­tels mit sei­nen beein­dru­cken­den Wohn­häu­sern aus der Grün­der­zeit. Damals aller­dings war alles ziem­lich trist, die Spu­ren des Krie­ges noch über­all zu sehen. Die große Woh­nung in der Wet­ti­ner Straße, Stra­ßen­schluch­ten, eng bei­sam­men ste­hende Bau­ten, die Stra­ßen­bahn und das nahe Rosen­thal mit dem Zoo – das sind die Koor­di­na­ten mei­ner frü­hen Kind­heit. 1955 zog meine Mut­ter mit mir in ihre Hei­mat, nach Zella-Meh­lis, am Fuße des Thü­rin­ger Wal­des. Das war für mich eine ein­schnei­dende, sehr bewusst wahr genom­mene Ver­än­de­rung. Von der Stadt in den Wald. Diese neue Land­schaft hat mich für mein wei­te­res Leben und Schrei­ben ent­schei­dend geprägt, obwohl ich mit den Men­schen dort oben nie so rich­tig klar gekom­men bin. Es ist eine andere Welt: Die Berge tren­nen und tei­len, das spie­gelt sich auch in den Ansich­ten über das Leben wider. Wer anders tickt, hat es dort nicht leicht.

Thü­rin­gen ist mein Lebens­mit­tel­punkt geblie­ben. Hier begann ich zu schrei­ben. Mit 20 Jah­ren wusste ich, das gehört zu mir, das muss ich machen, ange­trie­ben durch mei­nen immensen Bil­dungs­hun­ger, die Freude am Lesen. Und ich wollte immer von den Ber­gen weg. Die haben mich ein­ge­engt und begrenzt. Ich brau­che Weite, Bli­cke in das Land.

In Thü­rin­gen bin ich schon sehr früh her­um­ge­kom­men. Wäh­rend mei­ner Arbeit als Steno-Pho­no­ty­pis­tin beim »Freien Wort« in Suhl hatte ich oft Sonn­tags­dienst in der Redak­tion. Dafür gab es einen freien Tag. Den habe ich auf meine Weise genutzt. Bin mit dem Zug durch Thü­rin­gen gefah­ren, nach Ober­hof, Mei­nin­gen, Arn­stadt, Erfurt, Gotha, Bad Lan­gen­salza, Wei­mar oder Jena. Habe Museen, Kir­chen und Fried­höfe besucht, mich gerne auf Bahn­hö­fen oder in Gast­stät­ten auf­ge­hal­ten und bin durch die Städte geschlen­dert. Auch die alte Braue­rei in Sin­gen bei Arn­stadt gehörte dazu. Das waren für mich Bil­dungs­tage. Die inspi­rier­ten auch zu Gedich­ten.

Als ich nach der Wende meine ers­ten lite­ra­ri­schen Repor­ta­gen schrieb, wie die Por­träts über Thü­rin­ger Hand­wer­ker (»Der Raus­spel­ler«), erwei­terte sich der Radius. Mit dem Auto konnte ich auch ent­le­gene Gegen­den errei­chen, war immer mobil, ob das Fahr­ten in die Rhön, ins Grab­feld oder bis ins Eichs­feld betraf. Dabei lernte ich Thü­rin­gen sehr gut ken­nen. Diese Mobi­li­tät hält bis heute an. Sie schlägt sich in wei­te­ren Büchern nie­der, wie in dem Band »Spur­los ver­schwun­den. Dör­fer in Thü­rin­gen – Opfer des Uran­ab­baus«. Ohne den fahr­ba­ren Unter­satz hätte ich die jah­re­lan­gen, mit­un­ter sehr anstren­gen­den Erkun­dun­gen (auch für Zei­tungs­re­por­ta­gen) nie unter­neh­men kön­nen. Ich darf behaup­ten, ohne über­heb­lich sein zu wol­len, dass ich mich im Frei­staat bes­ser aus­kenne als man­cher Thü­rin­ger. Wer nicht her­um­kommt, lernt Thü­rin­gen nicht ken­nen, höchs­tens per Land­karte. Dabei gibt es so viel zu ent­de­cken. Thü­rin­gen ist ein Land der Viel­falt, das sich immer wie­der neu ent­de­cken lässt. Diese Viel­falt beför­dert meine Inspi­ra­tion, mein Schrei­ben seit Jahr­zehn­ten, ist untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den.

 

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Meine drän­gende Neu­gier. Als ich mit 14 anfing, meine ers­ten Ver­su­che auf­zu­schrei­ben, war das kei­nem puber­tä­ren Lie­bes­kum­mer oder Welt­schmerz geschul­det. Ich wollte etwas gestal­ten. Sin­gen konnte ich nicht, keine Stimme, Stri­cken und Häkeln auch nicht, aber Feu­er­holz hacken und Tan­nen­zap­fen im Wald sam­meln… Zum Schrei­ben hat mich das Rezi­tie­ren – mehr ein Auf­sa­gen und lau­tes Vor­le­sen –  von Gedich­ten in der Schule gebracht. Das liebte ich. Die Spra­che, den Rhyth­mus. Initi­al­zün­dung war das Gedicht von Johan­nes R. Becher mit dem Titel »Bal­lade von den Dreien«. Nicht sein stärks­tes Gedicht, aber von gro­ßer Dyna­mik und Sog­kraft. Das stand im Schul­buch. Die Sze­nen, die sich darin »abspiel­ten«, haben mich stark beein­druckt. Ich wusste plötz­lich, wel­che Macht ein Gedicht haben kann, was sich für Wel­ten in der Spra­che dort zei­gen. Das hat mich fort- und mit­ge­ris­sen. Und ich dachte, viel­leicht kannst Du das auch? Und dann habe ich ange­fan­gen zu schrei­ben. Meine ers­ten Zei­len han­del­ten vom Tod und vom Selbst­mord. Mein dama­li­ger Deutsch­leh­rer Herr Jahn sorgte sich sehr um mich, als ich ihm die Zei­len zeigte. Aber ich konnte ihn beru­hi­gen. Alles nur Phan­ta­sie.

Starke see­li­sche Gefühle waren neben der Neu­gier der Aus­lö­ser. Eine Heim­su­chung, eine Offen­ba­rung. Das hat sich bis heute nicht geän­dert. Und am Schrei­ben ist über die Jahre – ich war eine sehr stille Schü­le­rin, zu Hause habe ich getobt – mein Selbst­be­wusst­sein gewach­sen. Das hat natür­lich mit der Lebens­er­fah­rung zu tun. Und das viele Lesen hat meine Kri­tik­fä­hig­keit gestärkt.

 

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Nein, ich führe kein Tage­buch. Dazu fehlt mir die Dis­zi­plin. Ich hatte in frü­hen Jah­ren, in der DDR, damit mal ange­fan­gen, aber es nicht durch­ge­hal­ten.

Dage­gen habe ich immer Noti­zen gemacht. Diese Notiz­bü­cher – einige besitze ich noch – ent­hal­ten Gedan­ken zu Spiel­fil­men (weil ich seit mei­ner Kind­heit ein gro­ßer Film­fan bin), Infor­ma­tio­nen aus allen mög­li­chen Wis­sens­be­rei­chen, ob Natur, Phi­lo­so­phie, Archi­tek­tur, Kunst, Thea­ter, Foto­gra­fie, Zitate von Per­sön­lich­kei­ten und Fak­ten über deren Leben (Ras­pu­tin, Kas­par Hau­ser). Dazu Anmer­kun­gen über die Com­me­dia dell’arte, Rui­nen­städte in Alt-Peru, Expe­di­tio­nen, z. B. von Sven Hedin durch die Takla­ma­kan. Im Grunde genom­men wie­der eine Anhäu­fung von Wis­sen, ein zwang­lo­ses Sam­mel­su­rium. Viel­leicht auch das Fest­hal­ten von flüch­ti­ger Zeit.

Für das lite­ra­ri­sche Schrei­ben häufe ich Zet­tel­berge an, Map­pen sind gefüllt mit Blät­tern vol­ler Stich­worte –  eine ziem­lich kon­fuse Ord­nung, aber manch­mal zu gebrau­chen, dann wird wie­der aus­sor­tiert und manch­mal ent­steht dar­aus ein Plan, eine Idee, ein Gedicht.

Außer­dem sammle ich in Akten­ord­nern inter­es­sante Zei­tungs­ar­ti­kel, Texte aus dem Inter­net, vor allem über die aktu­elle poli­ti­sche Lage in Deutsch­land und welt­weit.

 

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?

Feste Schreib­stun­den gibt es bei mir nicht. Schöp­fe­risch sind die frü­hen Mor­gen­stun­den, ab 8 bis 12 Uhr. Manch­mal sitze ich auch bis spät in die Nacht und falle um 2.30 Uhr ins Bett. Das ist heute nicht mehr so gut für meine Gesund­heit. Sollte sel­te­ner vor­kom­men. Ja, die »Auf­schie­be­ri­tis« ist schon ein Pro­blem für mich. Wie heißt es so schön, »Mor­gen, mor­gen, nur nicht heute…« Ich brau­che Druck, um zu schrei­ben, vor allem wenn ein Ver­lag auf ein Manu­skript war­tet. Dann ziehe ich das durch. Aber weil ich zu selbst­kri­tisch mit mir bin und stän­dig zweifle, stehe ich mir dabei immer im Weg. Mehr Dis­zi­plin beim Schrei­ben ist ange­sagt. Und dann kom­men auch noch die all­täg­li­chen Dinge ins Spiel, der Ein-Frau-Haus­halt (Fens­ter­put­zen, Ein­kau­fen, Kochen, Staub­saugen usw. usf.), mal ein Kino­be­such, eine Geburts­tags­feier, Gänge zu Ämtern. Das hält alles auf und stiehlt Zeit. Ist aber not­wen­dig. Und wie schnell geht ein Tag zu Ende…

 

5. Ihr Lieb­lings­ort – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Das ist eine Frage, auf die ich keine ein­deu­tige Ant­wort geben kann. Ich habe viele Lieb­lings­orte, hier in der Stadt Gera das Eis­café de Ber­nardo, Brendel’s  Buch­hand­lung, die Biblio­thek, das Kino Metro­pol, das Thea­ter (nicht mehr so häu­fig), das Otto-Dix-Haus, der Haupt­bahn­hof. Und viele Orte in Thü­rin­gen, wie das beein­dru­ckende Bad Lan­gen­salza, der Kleine Gleich­berg bei Röm­hild, Point Alpha (Geisa), der Jüdi­sche Fried­hof in Bau­er­bach, der Ein­ge­fal­lene Berg bei The­mar, die Lasur in Gera oder die soli­tär ste­hende Kir­che von Sorge-Set­ten­dorf… Die Liste lässt sich fort­set­zen, weil stän­dig neue Orte hin­zu­kom­men. Außer­halb von Thü­rin­gen liebe ich die Insel Rügen, den Darß, auch aber den gan­zen Osten (Polen, das Bal­ti­kum, hier die Kuri­sche Neh­rung). Da gibt es viele Orte, die mich fest­hal­ten wol­len… Und natür­lich Leip­zig…

 

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Wäh­rend mei­ner Recher­chen kreuz und quer durch Thü­rin­gen.

 

7. Ihr Lieb­lings­buch?

Na, das ist eine Stan­dard­frage für Schrift­stel­ler, die wird oft nach Lesun­gen gestellt. Kann ich eigent­lich nicht beant­wor­ten, weil der Lese­ka­non so rie­sig ist. Das hat auch damit zu tun, dass ich seit Anfang der 1970er Jahre Bücher rezen­siere, ab 1990 inten­siv für die Tages­presse, jetzt auf mei­ner Home­page. Da sind min­des­tens bis 5000 Bespre­chun­gen zusam­men­ge­kom­men. Ich liebe eine Lite­ra­tur, die boden­stän­dig ist, def­tig, kräf­tig, mit­ten aus dem Leben gegrif­fen, rea­lis­tisch, ohne Schnör­kel. Da denke ich an die Prosa eines Joseph Roth bis hin zu Wulf Kirs­ten (»Die Prin­zes­sin­nen im Kraut­gar­ten«). Ich bewun­dere Autoren, die asso­zia­tiv der Zeit und ihren Geschich­ten nach­spü­ren, in lite­ra­ri­schen Repor­ta­gen und Feuil­le­tons. Sie sind mir Vor­bild: Mar­tin Poll­ack, Karl-Mar­kus Gauß, Andrzej Sta­siuk, auch eine Annie Pro­ulx mit ihren gro­ßen Roma­nen aus Wyo­ming und Nobel­preis­trä­ger Patrick Modiano, der mir mit sei­ner Schreib­weise und den dahin­ter ste­cken­den Recher­chen beson­ders ent­ge­gen kommt. Eines mei­ner frü­hen Lieb­lings­bü­cher – bis heute – ist »Oli­ver Twist« von Charles Dickens. Und ich liebe »Die Bud­den­brooks« von Tho­mas Mann.

Und ich bevor­zuge Bücher über mensch­li­che Schick­sale aus unse­rer jüngs­ten Ver­gan­gen­heit, beson­ders aus der NS-Zeit, dar­un­ter »Babij Jar« von Ana­toli Kus­ne­zow, Daniel Men­delsohn »Die Ver­lo­re­nen«, »Wie ein Schat­ten sind unsere Tage« von Inge Gei­ler bis hin zu »Lenas Tage­buch« (Bela­ge­rung Lenin­grads) von Lena Much­ina. Das sind Bücher jen­seits des Main­streams. Keine Mas­sen­lek­türe. Meine eige­nen Ent­de­ckun­gen. Dazu gehö­ren auch Sach­bü­cher über das Dritte Reich und den Holo­caust.

Anmer­kung: Von Wulf Kirs­ten habe ich die wich­tigs­ten Lese­tipps in Sachen Lyrik erhal­ten. Davon zehre ich bis heute. Habe wäh­rend mei­nes Stu­di­ums am Lite­ra­tur­in­sti­tut »Johan­nes R. Becher« in der Deut­schen Büche­rei ganze Lyrik­bände abge­schrie­ben, oft stun­den­lang. Und dabei natür­lich unbe­wusst etwas vom Geheim­nis des Gedichts erfah­ren, viel­leicht… – Die Mär­chen der Brü­der Grimm könnte man auch mal wie­der lesen… Und: »Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett…«

 

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Ich stelle mir oft die Frage, ob das Schrei­ben über­haupt Sinn macht. Aber ich kann damit nicht auf­hö­ren. Es ist wohl wie eine Sucht. Da läuft im Inne­ren ein Motor, den man nicht abstel­len kann. Bereut, ja, viel­leicht, in mei­ner Jugend­zeit, die ers­ten Ver­su­che, die ich als miss­lun­gen betrach­tet habe. Aber die not­wen­dig waren, um wei­ter­zu­kom­men.

 

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

So eitel bin ich nicht, diese Frage zu beant­wor­ten. Das kön­nen viel­leicht die Leser oder Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler oder Kol­le­gen, die meine Bücher ken­nen. Oder die »Nach­welt«?

 

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Auch auf diese Frage kann ich nicht ein­deu­tig ant­wor­ten, weil mich die ganze Welt und die Kräfte, die sie zusam­men­hal­ten, inter­es­sie­ren. Viel­leicht ist es die Musik, das Thea­ter. Ich liebe seit mei­nem 12. Lebens­jahr die Oper. Diese Liebe konnte ich pfle­gen wäh­rend mei­ner fast zehn­jäh­ri­gen Arbeit am Geraer Thea­ter und bis heute in der Ver­eh­rung von Opern­sän­gern und -sän­ge­rin­nen, ganz beson­ders Elena Obrazt­sova, viel­leicht die beste »Car­men«, die es je gab. Und natür­lich das Phä­no­men Maria Cal­las, wei­ter Mar­tha Mödl, Bri­gitte Fass­ba­en­der, Pla­cido Dom­ingo… und viele mehr.

 

11. Was ist für Sie Stil?

Diese ästhe­ti­sche Frage über­for­dert mich. Stil im Schrei­ben, Stil in der Klei­dung? Was ist gemeint? Viel­leicht fin­det sich die Ant­wort unter »Lieb­lings­buch«…

 

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Eli­sa­beth von Thü­rin­gen. Goe­the und Schil­ler. Ricarda Huch. Anderswo viel­leicht Rosa Luxem­burg, Indira Gan­dhi, Jane Goodall.

 

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Ja, es gibt Schrift­stel­ler, die nicht lesen, die fast keine Bücher in ihren Rega­len ste­hen haben und sich selbst mit Zita­ten aus ihren Büchern beweih­räu­chern. Das finde ich arm­se­lig. – Zu mei­ner Per­son: Ich bin über das LESEN zum SCHREIBEN = LERNEN gekom­men und natür­lich über tief ein­schnei­dende Erfahrungen/Prägungen in mei­ner Kind­heit. Und viel­leicht ist da auch noch eine andere unbe­kannte Kraft im Spiel. Wer weiß… Eine Ant­wort auf diese Frage ist unter »Lieb­lings­buch« nach­zu­le­sen.

 

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

Wie­der eine schwie­rige Frage. In mei­ner DDR-Jugend hör­ten wir die Schla­ger­sen­dun­gen der West­sen­der, vor allem von Radio Luxem­burg. Das passte natür­lich unse­rem Staats­bür­ger­kunde-Leh­rer nicht. Ich war und bin bis heute Beat­les-Fan!! Mit Her­bert Roths »Auf der Ober­ho­fer Höh‹« bin ich auf­ge­wach­sen. Schreck­li­cher Kitsch, der bis heute geliebt wird. In der DDR gab es hohe Schla­ger­zei­ten, mit Bär­bel Wach­holz und Helga Brauer. Frank Schö­bel ist nicht unbe­dingt mein Fall. Ich mag Udo Jür­gens, sein New-York-Lied oder »Sieb­zehn Jahr, blon­des Haar…«.

Und dann bin ich viel­leicht etwas rück­stän­dig, wenn ich als große Lieb­linge und Stars Zarah Lean­der und Mar­lene Diet­rich nenne. Gerade fange ich an, alte Beat- und Rock-Grup­pen wie­der zu ent­de­cken wie »The Byrds«, »The Kinks« und »The Ani­mals«. Wenn ich nur mehr Zeit zum Hören hätte! Lieb­lings­volks­lied – wer singt heute noch Volks­lie­der? Die sang man in der DDR schon kaum noch. Wir hör­ten damals die Songs vom »Okto­ber­klub« (»Sag mir, wo du stehst«). Kein Ersatz für Volks­lie­der wie »Am Brun­nen vor dem Tore«, »Das Wan­dern ist des Mül­lers Lust«, »Es klap­pert die Mühle…« oder »Wenn alle Brünn­lein flie­ßen«.

In mei­ner Kind­heit hat meine Mut­ter mit mir Weih­nachts­lie­der gesun­gen, zum Fest: »Leise rie­selt der Schnee«, natür­lich »O Tan­nen­baum« und »Schnee­flöck­chen, Weiß­röck­chen«. Das war sehr schön. Vor allem, wenn es in der Wohn­stube hei­me­lig warm war und drau­ßen meter­ho­her Schnee fiel.

An die­ser Stelle müsste man auch mal fra­gen, wie es um die klas­si­schen Bal­la­den bestellt ist, die heute fast kei­ner mehr kennt und aus­wen­dig auf­sa­gen kann. Die wie­der zu ler­nen ist genau so wich­tig wie das Sin­gen von Volks­lie­dern. Ich bekomme mit Mühe noch die Anfänge von Goe­thes »Oster­spa­zier­gang« zusam­men. Die­ses Gedicht muss­ten wir in der Schule aus­wen­dig ler­nen. Das war obli­ga­to­risch.

 

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

Viel­leicht: Der Weg ist das Ziel.

Hansdieter Erbsmehl
 – »›Habt Ihr noch eine Photographie von mir?‹ Friedrich Nietzsche
 in seinen fotografischen Bildnissen«

Nietz­sche-Fotos

Gele­sen von Jens-F. Dwars

 

Die­ses Buch ist ein Ereig­nis: In der kaum noch über­schau­ba­ren Lite­ra­tur über Nietz­sche füllt es eine echte Lücke aus. Denn es ent­hält, beschreibt und inter­pre­tiert sämt­li­che – öffent­lich zugäng­li­chen – Foto­por­träts des Phi­lo­so­phen.

Im fast 200-sei­ti­gen Haupt­teil des Ban­des wird Nietz­sches Leben in 23 Foto­gra­fien erzählt, indem Hans­die­ter Erbs­mehl die Auf­nah­men zum Spre­chen bringt, ihre Ent­ste­hung rekon­stru­iert und vor allem die Motive des Abge­lich­te­ten erhellt, der zumeist eine ganz bestimmte Sicht sei­ner selbst zu insze­nie­ren bestrebt war. Nicht nur bei dem berühm­ten »Peit­schen-Foto«, das ihn und den Freund Paul Rée vor den Wagen Lou von Salomé gespannt zeigt.

Die letz­ten 100 Sei­ten ver­zeich­nen als Kata­log noch ein­mal die­sel­ben Foto­gra­fien, aller­dings nun mit der Auf­lis­tung aller Bild­und Repro­duk­ti­ons­da­ten, den Anga­ben zum Foto­gra­fen, zu Ent­ste­hungs- und Auf­be­wah­rungs­ort, Zeit, den Maßen etc.

Viel­leicht hätte man diese Dop­pe­lung ver­mei­den, den Umfang redu­zie­ren und damit Kos­ten spa­ren kön­nen, um bes­se­res Papier zu ver­wen­den. Denn so sehr ich begrüße, dass der Ver­lag für den Text unge­stri­che­nes Papier ver­wen­det hat, so bedaure ich doch, dass die Fotos dar­auf not­ge­drun­gen unscharf erschei­nen, da es die Farbe auf­saugt. In die­sem Fall wäre dann doch Bil­der­druck­pa­pier zu wün­schen gewe­sen.
Wie auch immer: Die Schrif­ten­reihe des Nietz­sche-Archivs ist auf einem guten Weg. Gra­tu­la­tion dazu!

 

  • , Band 3 der Schrif­ten­reihe
 zum Nietz­sche-Archiv, Wei­ma­rer Ver­lags­ge­sell­schaft 2017, geb., 300 Sei­ten, 36 EUR.

Peter Neumann – »In aufsteigender Tiefe«. Dankrede zur Verleihung des Thüringer Literaturstipendiums »Harald Gerlach« 2018

tief wurzeln in der timeline die bäume


bild könnte ent­hal­ten: him­mel, berg, ozean, im freien, natur und was­ser.

 

du war­test auf den bruch, aber er kommt nicht
als hät­ten die bäume zu lange auf dem dach­bo­den gestan­den
die tages­form des inter­nets, tro­cken­ge­fal­len.
dei­che, wehre, ver­mu­schelte kanäle, ein ech­ter
herrn­dorf-him­mel ist das: eine baum­reihe, die ihren schat­ten
bis zur unkennt­lich­keit in die länge zieht. stroh­bal­len
lie­gen gekas­tet, halbe pau­sen, eine land­schaft
die bloß modell steht, ohne men­schen, berge, bon­sai.
milane legen sich in die luft, wir glei­ten vor­über
spül­fel­der, die uns beschüt­zen vor den bli­cken
die es nicht gibt, und nur die regio­nal­bah­nen wis­sen
von den dör­fern, den lich­tern, dass es sie gibt.

für daniel bay­er­stor­fer

 

I.

Gewisse Orte haben die Eigen­schaft, uns etwas anzu­ge­hen. Wir keh­ren immer wie­der an sie zurück, ob bewusst oder unbe­wusst, ob in Erin­ne­rung oder auf Rei­sen, ob als Local oder als Stran­ger oder als bei­des zugleich, gewis­ser­ma­ßen als Lon­ger, der sich nach einem Ort, an dem er blei­ben kann, sehnt: Bevor die Orte uns etwas ange­hen, wer­den wir von ihnen ange­gan­gen, heim­ge­sucht, nicht in Ruhe gelas­sen. Es sind Orte, die uns glei­cher­ma­ßen anzie­hen wie absto­ßen, ein pola­res Gefälle ein­tra­gen zwi­schen dem, was ist/war, Tro­cken­fal­len, ein Höhen­un­ter­schied, der Areale ihre Schich­ten nach auf­blät­tert, in unge­heure Tie­fen hin­ab­führt, an die allzu bekannte Ober­flä­che hin­auf­spült, ein Tageska­len­der zum Abrei­ßen: Wo aber waren wir ste­hen­ge­blie­ben, wo ist die Zeit? Es sind Orte am Rand, es sind immer wie­der die Rän­der, die abschüs­si­gen Nei­gun­gen und Sen­ken, die wir hin­abpur­zeln, Böschun­gen, aus denen wir, halb erlöst, halb ver­sehrt, noch ein­mal her­vor­strau­cheln, mur­meln: Wip­per, Weida, Orla, Ilm. Wir spre­chen von Gegen­den, die sich eigen­sin­nig ver­hal­ten zu den nor­mie­ren­den Pro­zes­sen inmit­ten der Mit­ten noch grö­ße­rer Mit­ten und doch, bei­nahe unmerk­lich, ohne es zu wis­sen, auf ihre eigene Weise Mit­ten ver­schlin­gende Mit­ten erzeu­gen. Wir spre­chen von Gebie­ten, die eine äußerst hart­nä­ckige, weil Genera­ti­ons­wech­sel unter­lau­fende, das all­ge­meine Auf und Ab schlicht igno­rie­rende Kon­ti­nui­tät aus­bil­den, die Zeit kon­ser­vie­ren. Orte, die bewah­ren wol­len und Gegen­wart ver­drän­gen, aus-, mit- und fort­ge­ris­sen wer­den, unent­schie­den daste­hen in auf­stei­gen­der Tiefe. Es sind Orte mit selt­sa­men Namen. Die hei­ßen Kräh­win­kel, Hin­ter­tup­fin­gen, Schilda. Mus­ter­gül­tige Orte sind das. Es gibt ein Kräh­win­kel in Baden, ein schwä­bi­sches Kreh­win­kel bei Schorn­dorf, ein baye­ri­sches Kra­win­kel zwi­schen Mün­chen und Lands­hut, zwei thü­rin­gi­sche des­glei­chen, eines bei Gotha, eines bei Frey­burg, ein west­fä­li­sches Dorf gibt es, das Krewin­kel heißt. Der Dra­ma­ti­ker August von Kot­ze­bue, auch so ein ver­win­kel­ter Name, hat den Namen wahr­schein­li­chen nur sei­nes wun­der­li­chen Klan­ges wegen für sein Lust­spiel Die deut­schen Klein­städ­ter ver­wen­det. Denn wie muss es da zuge­hen im klein­deut­schen Städt­chen, wo jeder auf Titel, auf Amt und Anrede beharrt? Nicht wahr: Unter­steu­er­ein­neh­me­rin Staar, Vize­kir­chen­vor­ste­her Staar, Ober­floß- und Fisch­meis­te­rin Bren­del, Stadt­ak­zi­se­kas­s­a­schrei­be­rin Mor­gen­roth, Bau-, Berg- und Weg­in­spek­tors­sub­sti­tut Sper­ling, Sabine und Olmers. Olmers, ein schlich­ter Mann in Glas und Rah­men, ohne Spit­zen­hals­krause und Blu­men­strauße. Und Sabine? – Muss war­ten: Wie? – schon zu Ende? Keine Silbe von ihm? Er weiß doch, daß ich den Sper­ling hei­ra­ten soll … Sabin­chen, die Kuchen sind schon aus dem Ofen, köst­li­che Kuchen! sie machen dir Ehre.

 

II.

Das war der Anfang, der Auf­takt des­je­ni­gen Tex­tes, der ver­ant­wort­lich dafür ist, dass ich heute als neuer Ger­lach-Sti­pen­diat Dan­kes­re­den schwin­gend vor Ihnen ste­hen darf. Und auch wenn Sie den Rest des Tex­tes nicht ken­nen, und es Ihre und meine und die Zeit des Minis­ters über­an­spru­chen würde, ihn zur Gänze zu lesen, möchte ich doch ein paar Worte über die metho­di­sche Anlage des Tex­tes ver­lie­ren, nicht nur, damit Sie und ich wis­sen, wor­auf ich mich in der nächs­ten Zeit ein­zu­las­sen habe, wo hin­ein mich stür­zen werde, son­dern auch darum, weil die Anlage des Tex­tes sich als Ver­such einer lite­ra­ri­schen Topo­gra­fie unse­rer Zeit ver­steht, und inso­fern poli­ti­sche Stel­lung­nahme bedeu­tet, und also für die Gesprä­che im Anschluss, den Chit­chat bei Häpp­chen und Sekt nicht ganz gleich­gül­tig, nicht ganz egal sein könnte. Das Ver­fah­ren, des­sen sich der Text bedient, wird im Eng­li­schen mit dem Begriff des deep map­ping bezeich­net. Deep map­ping bezeich­net ein lite­ra­ri­sches Ver­fah­ren, bei dem ein abge­steck­tes Areal auf seine geschicht­li­chen Tie­fen­struk­tu­ren hin unter­sucht wird. Ver­ti­ka­les Schrei­ben sozu­sa­gen. Zum Ein­satz kom­men beim ver­ti­ka­len Schrei­ben vor allem doku­men­ta­ri­sche Mit­tel wie Berichte und Lis­ten, Briefe und Emails, Wet­ter­auf­zeich­nun­gen und Nach­rich­ten­mel­dun­gen, Foto­gra­fien, Erin­ne­run­gen, Admi­nis­tra­tiva und O-Töne, Sagen und Mär­chen, Fund­stü­cke aus Natur-, Kul­tur- und Geis­tes­ge­schichte, Zeit­zeug­nisse aller Art. Die Fik­tio­na­li­sie­rung erfolgt erst über die Art der Inbe­zie­hungs­et­zung des Mate­ri­als, sei­ner Kon­stel­lie­rung. Sol­che – zu deutsch – Tie­fen­k­ar­tie­run­gen sind mehr als Land­schafts­dich­tun­gen im her­kömm­li­chen Sinne, gleich­wohl sie ein wesent­li­ches Ele­ment die­ser Gat­tung auf­neh­men und für sich pro­duk­tiv machen: die Genau­ig­keit der Anschau­ung, der Blick in die Land­schaft und der Umgang mit ihr als eine Art geis­tige Inbe­sitz­nahme. Nichts, was nicht poe­siefä­hig wäre: Geo­gra­phie, Eth­no­gra­phie, Geschichte, Kul­tur. Mit Hei­mat­tü­me­lei und selbst­ver­lieb­tem Regio­na­lis­mus hat all das nichts zu tun. Aller­dings begreift das deep map­ping Land­schaft nicht bloß als Sedi­ment, als geschich­tete Zeit, Spie­gel von Selbst­ent­wick­lung und kul­tu­rel­ler Iden­ti­tät im Wan­del, als vor­ra­tio­nale, mythi­sche Bewusst­seins- und Erin­ne­rungs­land­schaft – also Land­schaft als Kleinod und his­to­ri­sche Sin­gu­la­ri­tät, man denke an Bob­row­skis Sar­ma­ti­sche Zeit, die wie­der­keh­ren­den Erfurt-Epi­so­den in den Lang- und Jour­nal­ge­dich­ten Jür­gen Beckers, Lutz Sei­lers müde, von der Radio­ak­ti­vi­tät des Braun­koh­le­ab­baus kon­ta­mi­nierte ost­thü­rin­gi­sche Dör­fer. Das deep map­ping ver­steht Land­schaft in ers­ter Linie nicht als Seda­tiv, son­dern als Erup­tiv, als die­je­nige ener­ge­ti­sche Masse, deren latente, auf­ge­spei­cherte oder unab­ge­gol­tene Kräfte jeder­zeit wie­der her­vor­bre­chen kön­nen – und den Spie­gel ver­keh­ren. Inso­fern ist auch gar nicht klar, wer hier gerade wen oder was in sei­nem geis­ti­gen Besitz­stand wähnt. Es geht nicht um eine Land­schaft, die all­mäh­lich ver­drängt wird, eine Kul­tur, die zuneh­mend ver­lo­ren geht, womög­lich auf immer ver­schwin­det, und also vor dem Unter­gang noch ein­mal zu Wort kom­men soll, ein aller­letz­tes Mal – Land­schaft als Relikt und his­to­ri­sche Auf­gabe, man denke an Droste-Hüls­hoffs Bil­der aus West­fa­len, neu­er­dings auch Chris­toph Wen­zel, der sich mit ver­gleich­ba­rer Akri­bie und fei­nem Gespür die­sem wider­bors­ti­gen Land­strich zuwen­det, den ver­schwun­de­nen Dör­fern im rhei­ni­schen Braun­koh­le­re­vier. Es geht darum, dass die ver­schwun­den geglaub­ten Land­schaf­ten plötz­lich wie­der auf­tau­chen, da sind, nie wirk­lich weg waren. Sol­che Land­schaf­ten ver­hal­ten sich wie der Wolf, der in die Wäl­der Mit­tel­eu­ro­pas zurück­kehrt und sei­nen ange­stamm­ten Platz mit aller Macht ein­for­dert. Eine Land­schaft in den Blick zu neh­men, heißt für das ver­ti­kale Schrei­ben nicht, etwas fest­zu­hal­ten, das in viel­leicht zehn oder weni­ger Jah­ren nicht mehr vor­han­den sein wird, oder ohne­hin schon nur noch als Erin­ne­rung exis­tiert, es heißt, etwas sicht­bar zu machen, das die Zeit in einem Zustand der Latenz über­dau­ert hat und in zehn oder weni­ger Jah­ren mit aller Gewalt wie­der aus der Tiefe her­vor­bre­chen wird bzw. aus ihr bereits her­vor­ge­bro­chen ist. Land­schafts­dich­tung als Seis­mo­gra­phie.

 

earthporn

 

da sit­zen wir beide nun also
und war­ten, ein bus kommt, sit­zen
wir beide, im bus, da sit­zen
wir beide, wäh­rend der andere schon
weg ist zum zug: halle, schko­pau,
leuna, hier zieht das ganze deut­sche mit­tel­al­ter
wie­der auf, pfor­ten, von fackeln
umleuch­tet, die feu­er­türme einer alten
stadt, ich mach dir ein lei­chen­tuch
aus dem bett­la­ken dort auf der leine,
bevor die wilde jagd durch die wäsche
fährt und sie zer­reißt, die toten
tage: von hier an gibt es kein zurück,
der blick dringt unauf­halt­sam vor
bis zu den din­gen, da sind die berge, die tal­gründe,
die saale, ein licht, das unbe­weg­lich
durch die fel­der geht, und die häu­ser ansteckt,
kerze für kerze, siehst du da drü­ben
die gär­ten, diese schö­nen deut­schen gär­ten,
die äpfel, die ich schäle, sind uns
noch immer vor­aus­ge­lau­fen, wie schwer
wie­gen die arme der pap­peln

 

III.

Als Wulf Kirs­ten 1979 im Leip­zi­ger Insel-Ver­lag eine Antho­lo­gie zur gegen­wär­ti­gen Land­schafts­dich­tung her­aus­bringt, da nennt er sie – den gesell­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen sei­ner Zeit ent­spre­chend – Ver­än­derte Land­schaft. Areale, irgendwo zwi­schen agra­ri­scher Dorf­ge­mein­schaft und der um sich grei­fen­den, alles noch unter sich begra­ben­den Indus­tria­li­sie­rung. Land­schaft tritt bei Kirs­ten als geschicht­lich gewach­sene Größe her­vor, als Pro­dukt sozia­ler Kräfte, und wird von hier aus in ihren Ver­wer­fun­gen, den ihr inne­woh­nen­den Wider­sprü­chen, die sie in einem Pro­zess der stän­di­gen Bewe­gung hal­ten, ver­steh­bar, kri­ti­sier­bar, letzt­hin auch gestalt­bar. Ich würde heute, auch vor dem Hin­ter­grund der poli­ti­schen Dis­kurs­ver­schie­bun­gen der letz­ten Jahre – einer in die­sem Aus­maß nie für mög­lich gehal­te­nen Pro­vin­zia­li­sie­rung des Geis­tes –, von mag­ma­ti­schen Land­schaf­ten spre­chen: Areale, irgendwo zwi­schen dem Phlegma, dass alles so blei­ben möge, wie es immer war, und dem besin­nungs­lo­sen Tau­mel, die Träg­heit nach eige­nen Maß­stä­ben zu ver­tei­di­gen. Rän­der, die auf ein­mal zu Zen­tren wer­den, Zen­tren der Abwehr, der selbst­er­nann­ten Hüter einer immer schon vor­her­be­stimm­ten – wer bestimmte sie, wann? – Iden­ti­tät: Leit­kul­tur, ick hör dir trap­sen. Grup­pen, die wut­ent­brannt, Nase schnau­fend, durch die Stra­ßen zie­hen und den Nor­mal­zu­stand pro­kla­mie­ren. Denn was da gerade pas­siert, gehört neu­tra­li­siert, unschäd­lich gemacht, ein­ge­mein­det, oder gerade aus­ge­mein­det. Die Pro­vin­zia­li­sie­rung des Geis­tes ist heute mit­ten unter denen ange­kom­men, die sich als seine Für­spre­cher ver­ste­hen. Oder wie ist die Natio­nal­tü­me­lei zu ver­ste­hen, mit der soge­nannte Intel­lek­tu­elle sich die­ser Tage per Erklä­rung, die an sprach­li­cher und geis­ti­ger Erbärm­lich­keit kaum zu über-/un­ter­bie­ten ist, in die Gren­zen des­je­ni­gen Lan­des ein­zu­mie­ten ver­su­chen, das es so, in die­ser Form, schon lange nicht mehr gibt. Good old Dscher­mani, isch over. Oder wie ist die Ver­mes­sen­heit zu ver­ste­hen, mit der von eben den­sel­ben Per­so­nen Demo­kra­tien zu Dik­ta­tu­ren und Dik­ta­tu­ren zu Demo­kra­tien erklärt wer­den, wäh­rend in ande­ren Län­dern Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­ler, Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten, Akti­vis­tin­nen und Akti­vis­ten inhaf­tiert wer­den, Men­schen, die jede öffent­li­che Unter­stüt­zung gebrau­chen könn­ten. Das hat nichts mit Pole­mik, auch nichts mit der viel beschwo­re­nen Reiz­bar­keit zu tun, die jeden Intel­lek­tu­el­len als auf­merk­sa­men Beob­ach­ter sei­ner Gegen­wart aus­zeich­nen sollte. Das hat allein mit der bewusst ein­ge­setz­ten Sug­ges­ti­vi­tät poli­ti­schen Her­um­ge­mei­nes zu tun, die jeden ver­nünf­ti­gen Dis­kurs von vorn­her­ein ver­un­mög­licht, und damit, dass die Kon­flikte, die auf diese Weise auf­ge­ru­fen wer­den, in Wahr­heit Deck­kon­flik­ten sind, an denen sehr viel älte­res Mate­rial, sehr viel ältere Kon­flikte auf­sit­zen, latente, auf­ge­spei­cherte, unab­ge­gol­tene Ver­gan­gen­heit. Die Lite­ra­tur, ins­be­son­dere das deep map­ping, wird aber spä­tes­tens hier zu einem Ort, an dem sol­che ver­bor­ge­nen Kon­flikt­struk­tu­ren auf­ge­deckt und im Spie­gel ihrer eige­nen geschicht­li­chen Gewor­den­heit neu ver­mes­sen wer­den kön­nen, ohne das Ergeb­nis immer schon im Vor­aus zu ken­nen. Denn abge­schlos­sene, geo­me­tri­sche Räume, gerade das sind die Areale und Tage, durch die wir uns gegen­wär­tig bewe­gen, nicht, sind sie nie gewe­sen.

 

das war’s, glaube ich

 

farb­ei­mer­weise fisch: heringe sind früchte
des mee­res, du kannst sie ein­le­gen, bra­ten, mari­nie­ren.
es gibt herings­sa­lat, hering mit roter beete,
hering im pelz­man­tel, in grü­ner soße, es gibt hering
mit remou­lade, hering im speck­man­tel, hering
roh, mit zwie­beln und sau­ren gur­ken im bröt­chen, geräu­cher­ter
hering, den gibt es, mit pell­kar­tof­feln, hering
mit schnit­zel und aal, oah, leg­ger, nee, schnit­zel
mit hering und aal gibt es heute lei­der nicht.
auch die katze freut sich über den hering, die schup­pen
das sil­ber. wie der junge, der, über und über
beflockt mit möwen­fe­dern, ewig schmel­zen­der schnee,
seine glän­zen­den hände am nicki abwischt,
wo doch schon gar nichts mehr geht, wäh­rend
er wei­ter die fische vom haken abzieht, die ver­spreng­ten
auf­sam­melt vom boden. stral­sun­der mole, das chor
aus schnur­ren­den kur­beln, und einem blick, der
das gelän­der still­hal­ten kann. woll­mütze, mili­tary-style.
auf der zum meer gele­ge­nen seite nur deut­sche.
nächs­ter wurf, von ganz hin­ten, gleich drei heringe
zap­peln, ihre augen, her­vor­tre­ten­des gestein.

 

Ich danke der Jury des Thü­rin­ger Lite­ra­tursti­pen­di­ums Harald Ger­lach für die­sen Preis, mei­nen Freun­din­nen und Freun­den, für das Backup, das sie sind, ich danke Nasta­sia Tietze für Thü­rin­gen und Tos­kana, dem Lese-Zei­chen und der Lite­ra­ri­schen Gesell­schaft Thü­rin­gen für die Unter­stüt­zung, die ich von ihnen erfah­ren habe, ich danke Mario Oster­land für acht Aus­ga­ben In guter Nach­bar­schaft, es geht wei­ter, allem voran danke ich aber Uta Hün­ni­ger für die Zeich­nung, die den ent­schei­den­den Anstoß für den Text gege­ben hat, für den ich heute vol­ler Dank­bar­keit die­ses Sti­pen­dium ent­ge­gen­nehme.

Fragen an Daniela Danz

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Thü­rin­gen ist für mich eine dichte Kul­tur­land­schaft, die zugleich auch meine Hei­mat ist und in der sich damit die Struk­tu­ren mei­nes Den­kens gebil­det haben, was wie­derum mein Schrei­ben beein­flusst.

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Fra­gen.

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Ich führe ein Tage­buch, aber mit dem Schrei­ben hat es nichts zu tun. Ich mache mir aller­dings Kon­zep­ti­ons­no­ti­zen.

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?

Ver­schie­ben kann ich kaum etwas, sonst würde ich nichts mehr schaf­fen. Meine Muse­ums­ar­beit, Lehr­tä­tig­keit, Semi­nare und Werk­stät­ten, Rei­sen, Lesun­gen, Tagun­gen, Schrift­ver­kehr, drei Kin­der, Tiere, Haus, gro­ßer Hof und die Orga­ni­sa­tion des All­tags kos­ten manch­mal ein biss­chen Zeit ? aber machen das Leben auch erfreu­lich. Ich schreibe wäh­rend Auf­ent­halts­sti­pen­dien, nachts und wenn es irgendwo ein freies Stünd­chen gibt.

5. Ihr Lieb­lings­ort – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Was ist ein Lieb­lings­ort? Wo man oft ist? Wo man gern ist? Wo man sein möchte? Es gibt zumin­dest zwei Orte, zwi­schen denen mein Leben sich einst­wei­len auf­spannt: Kale­meg­dan, Bel­grad und Kohl­berg, Wutha.

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Durch Fra­gen, die sich mir in Hin­sicht auf gesell­schaft­li­che Pro­bleme stel­len.

7. Ihr Lieb­lings­buch?

Schwie­rig mit den Super­la­ti­ven.

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Einen Brief.

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Mein Füh­rer­schein.

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Geschichte. Kunst­ge­schichte. Kon­tra­fak­ti­sche Geschichts­wis­sen­schaft finde ich auch sehr inter­es­sant.

11. Was ist für Sie Stil?

Ange­mes­sen­heit, Augen­maß.

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Siehe Frage 7.

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Ich würde viel lie­ber ein guter Leser als ein guter Autor wer­den.

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

Siehe Frage 7. Aber ich könnte jeden­falls min­des­tens zwei Stun­den aus­wen­dig Schla­ger und Volks­lie­der sin­gen ?

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

Alles hat sei­nen Preis.

Fragen an Gernod Siering, Inhaber der Buchhandlung Leselust in Eisenach

Jens Kirs­ten: Seit wann gibt es Ihre Buch­hand­lung und seit wann arbei­ten Sie in ihr?

Ger­nod Sie­ring: Die zweite Frage lässt sich für mich wesent­lich ein­fa­cher beant­wor­ten: ich bin seit 2008 Inha­ber der Buch­hand­lung. Die Buch­hand­lung Lese­lust ist von Dr. Mat­thias Heber gegrün­det wor­den, das war etwa 2003 oder 2004, zu dem Zeit­punkt war ich selbst nicht in Eisen­ach. Die Buch­hand­lung befand sich damals noch nicht hier; sie lag ursprüng­lich in der Fuß­gän­ger­zone. 2006 zog die Buch­hand­lung dann an den aktu­el­len Stand­ort. 2007 fasste er den Beschluss zur Geschäfts­auf­gabe und annon­cierte den Ver­kauf der Buch­hand­lung. Wir tra­fen uns und ich habe die Buch­hand­lung dann von ihm über­nom­men. Spä­ter habe ich einige Umbau­ten vor­ge­nom­men – das Pro­fil der Buch­hand­lung hat sich dann all­mäh­lich ver­än­dert. Jeder Buch­händ­ler hat da seine per­sön­li­che Hand­schrift.

 

Wie ist die Situa­tion der Buch­hand­lun­gen in der Stadt? Gibt es meh­rere und wie kom­men sie mit­ein­an­der aus?

In der Zeit, in der ich hier bin, hat sich eini­ges getan. Als ich begann, gab es in Eisen­ach vier Buch­hand­lun­gen. Ein Ver­tre­ter, der 2008 mit einem Kol­le­gen von einem Ver­lag zu Besuch kam, sagte, dass man in Eisen­ach prak­tisch jeden Typ einer Buch­hand­lung fin­den könne. Hier die indi­vi­du­elle, etwas anspruchs­vol­lere, inha­ber­ge­führte Buch­hand­lung, in der Karls­straße die Tha­lia-Buch­hand­lung als Groß­buch­hand­lung, dann gab es noch eine grö­ßere Buch­hand­lung in der Karl­straße mit Bil­lig­an­ge­bo­ten und moder­nem Anti­qua­riat, dann gab es an der gegen­über­lie­gen­den Seite des Mark­tes eine kleine Buch­hand­lung mit einem Schwer­punk für Kin­der­bü­cher. Heute gibt es noch zwei Buch­hand­lun­gen. Zuerst gab die Kin­der­buch­hand­lung auf, zwei indi­vi­du­elle Buch­hand­lun­gen an einem Stand­ort waren offen­bar zuviel. Wenn­gleich es kein aus­ge­spro­che­nes Kon­kur­renz­ver­hält­nis zwi­schen uns gab, hätte im ande­ren Fall viel­leicht ich auf­ge­ben müs­sen. Nach der Schlie­ßung die­ser Buch­hand­lung machte sich das für mich durch den Kun­den­zu­wachs direkt bemerk­bar. Die zweite Groß­buch­hand­lung zog noch drei Mal um, ver­klei­nerte sich dabei immer wei­ter und im ver­gan­ge­nen Jahr strich ihr Inha­ber schließ­lich die Segel. Mit Tha­lia und uns blei­ben zwei Buch­hand­lun­gen, die sich inhalt­lich stark unter­schei­den. Damit ist eine Situa­tion erreicht, mit der wahr­schein­lich beide leben kön­nen. Tha­lia ist heute am Ort, wo frü­her die Volks­buch­hand­lung war. Tha­lia liegt mit­ten in der Ein­kaufs­straße und hat einen weit grö­ße­ren Umsatz als wir. Wir haben zum Bei­spiel keine der soge­nann­ten Non-Book-Arti­kel, die Tha­lia ver­treibt.

 

Spie­len Best­sel­ler für Sie eine Rolle?

In gewis­ser Hin­sicht spie­len sie schon eine Rolle, aber ich hänge keine Best­sel­ler-Liste aus und habe auch kein ent­spre­chen­des Regal ein­ge­rich­tet. Jedes Buch, das in der Buch­hand­lung zu fin­den ist, ist über mei­nen Schreib­tisch gegan­gen. Dar­un­ter fin­det sich ab und an auch ein Best­sel­ler. Ich kaufe natür­lich auch Bücher ein, die mich nicht inter­es­sie­ren, wenn es dafür ein Kun­den­in­ter­esse gibt, aber Best­sel­ler als sol­che wer­den hier nicht ange­prie­sen. Wir ver­su­chen, über per­sön­li­che Emp­feh­lun­gen zu arbei­ten. Wenn ein Buch sehr erfolg­reich ist, haben wir das schon da, aber ich schaue selbst eigent­lich gar nicht auf die Best­sel­ler-Lis­ten, um Bücher zu ordern. Wenn ich mal dar­auf schaue, stelle ich meist fest, dass dar­auf Bücher gelis­tet sind, die wir nicht haben und die bei uns auch nicht ver­langt wer­den. Best­sel­ler ist ja nicht gleich­be­deu­tend mit „bes­ten Büchern“.

 

Muss man als Inha­ber einer Buch­hand­lung wie der Ihren ein Idea­list sein?

Wenn ich mit die­sem klei­nen Laden eine Kopie der gro­ßen Buch­hand­lung wäre, würde es mich als Buch­händ­ler längst nicht mehr geben. Unsere Kun­den sind über­haupt nicht auf Tische aus, auf denen 50 Exem­plare eines Titels lie­gen, sie kom­men ganz bewusst zu uns, weil sie das Indi­vi­du­elle, das Beson­dere suchen. In der Hin­sicht funk­tio­niert das Geschäft zwi­schen gro­ßer und klei­ner Buch­hand­lung. Wenn man die Frage nach dem Idea­lis­ten im Gegen­satz zum Mate­ria­lis­ten sieht, der inter­es­siert ist, mög­lichst viel Geld anzu­häu­fen, dann ist der Buch­han­del von vorn­her­ein der fal­sche Ort dafür. Invest­ment­fonds wür­den kaum in Buch­hand­lun­gen inves­tie­ren, das war schon zu allen Zei­ten so. Der Buch­han­del kann nur mit dem Inter­esse für das Buch eine erfül­lende Tätig­keit sein. Wer mehr­mals im Jahr in den Urlaub fah­ren möchte, ist hier fehl am Platz. In der Hin­sicht gehört viel­leicht ein gewis­ser Idea­lis­mus dazu. Aber auch ich muss meine Rech­nun­gen bezah­len und meine Fami­lie ernäh­ren. Das Ganze muss sich tra­gen. Im Ver­gleich zu ande­ren Bran­chen ist der Ertrag sicher nicht so groß, aber wenn einem die Mate­rie Buch, Texte, Lite­ra­tur etwas geben, dann ist man hier gut auf­ge­ho­ben.

 

K. Des­halb bin ich bei Ihnen und nicht bei Tha­lia. Wenn ich Ko Machi­das „Ver­such eine Glücks­gott los­zu­wer­den“ aus dem Cass-Ver­lag hier vor mir im Regal sehe oder die Titel von Jochen Miss­feldt, dann bin ich sicher, dass ich diese Bücher bei Tha­lia nicht ent­de­cken würde. Man könnte mir die Bücher allen­falls auf Ver­lan­gen bestel­len. Wer den neuen John Gris­ham haben möchte, der fin­det den bei Ama­zon genauso wie bei Tha­lia.

 

Den haben wir meis­tens auch ein Mal da – und wenn es gut läuft, ver­kau­fen wir auch den einen. Man­ches Mal kom­men auch Kun­den, die sich bei uns nicht wohl­füh­len, weil sie diese Art Lite­ra­tur hier nicht fin­den. Würde man die hier ein­sper­ren, sage ich zuwei­len scherz­haft, wür­den sie selbst nach län­ge­rem Suchen nichts für sich fin­den. Ich ver­stehe unsere Buch­hand­lung als Bücher­ka­bi­nett, dem trägt die Ein­rich­tung Rech­nung. Man kann in ihr wan­deln und Ent­de­ckun­gen machen. Es gibt einige Tau­send Bücher, die dafür Raum bie­ten.

 

Kom­men viele Kun­den, die sich bera­ten las­sen, die sich etwas emp­feh­len las­sen?

Viele kom­men, um über ein Buch zu spre­chen. Allein des­halb könnte ich es mir nicht erlau­ben, nicht zu lesen, meine Bücher nicht zu ken­nen. Einige Kun­den las­sen sich immer wie­der Bücher emp­feh­len – für sich selbst oder als Geschenk. In der Hin­sicht ist es auch gut, bele­sen zu sein. Ich habe schon immer gern gele­sen, auch bevor ich die Buch­hand­lung hatte. Ohne dass ich eine Liste führe, würde ich sagen, dass es doch viele Kun­den sind, die das Gespräch suchen und sich bera­ten las­sen, von mir oder mei­ner Kol­le­gin. Das hat im Ver­gleich zu den ver­gan­ge­nen Jah­ren auch nicht abge­nom­men, auch wenn man heute im Inter­net viel nach­le­sen kann.

 

Sie haben noch Mit­ar­bei­ter?

Die Buch­hand­lung war schon 2008, als ich sie über­nom­men habe, so auf­ge­stellt, dass es neben dem Inha­ber eine halbe Stelle gab. Und das ist bis heute so geblie­ben. Zwi­schen­zeit­lich hat­ten wir ein­mal eine Aus­zu­bil­dende. Ich hatte einige Jahre einen Mit­ar­bei­ter, der jedoch im letz­ten Jahr nach Erfurt zu Peter­knecht wech­selte, weil er dort eine ganze Stelle fand. Seit­dem unter­stützt mich meine Part­ne­rin im Geschäft, was sehr gut funk­tio­niert. Der ein­zige Nach­teil an die­sem Modell liegt darin, dass wir für gemein­same Urlaube eine Ver­tre­tung für die Buch­hand­lung suchen müs­sen.

 

Wie sieht sieht ein typi­scher Arbeits­tag bei Ihnen aus?

Die Buch­hand­lung öff­net um 9 Uhr. Ich fange meis­ten auch nicht viel frü­her an. Wenn ich eher da bin, erle­dige ich pri­vate Dinge. Zuerst küm­mere ich mich im Geschäft um die Kasse, gebe die Erträge vom Vor­tag ein. Dann geht es um die Bücher. Wir bekom­men von Diens­tag bis Sonn­abend Ware. Der Mit­ar­bei­ter des Groß­händ­lers lie­fert zei­tig am Mor­gen und stellt die Ware in unser Lager. Ich packe also die Kun­den­be­stel­lun­gen und die Ver­lags­be­stel­lun­gen aus. Der Groß­händ­ler fun­giert nicht nur für sich, son­dern auch als Lie­fe­rant der Ver­lags­be­stel­lun­gen, die er in den diver­sen Ver­lags­aus­lie­fe­run­gen ein­ge­sam­melt hat. Das ist im wesent­li­chen die täg­lich ablau­fende Rou­tine. Dazu kom­men Nach­be­stel­lun­gen oder Auf­träge von einer Schule oder einer Biblio­thek, die bear­bei­tet wer­den müs­sen. Die Buch­hal­tung ist auch ein nicht zu unter­schät­zen­der Pos­ten – obgleich wir die Buchun­gen für unser Steu­er­büro ledig­lich vor­be­rei­ten. Momen­tan ist wie­der Ver­tre­ter­zeit. In Vor­be­rei­tung der Ver­tre­ter­be­su­che sind die zahl­rei­chen Vor­schauen durch­zu­ar­bei­ten.

 

Spie­len die Buch­mes­sen für Sie eine Rolle?

Eigent­lich weni­ger. Wir machen unsere Bestel­lun­gen in der Regel vom Laden aus. Auf der Messe sich über die Bücher zu infor­mie­ren wäre illu­so­risch. Ich habe noch nie auf der Messe etwas für die Buch­hand­lung bestellt. Wenn ich auf die Messe nach Leip­zig fahre, dann bin ich dort eher als Pri­vat­per­son. Dort schaue ich mir inter­na­tio­nal prä­mierte Bücher an. Vor allem höre ich mir aber Autoren an, die auf der Messe lesen – auf der Messe selbst und im Pro­gramm um die Messe herum. Das ist es, was die Messe für mich aus­macht. Wenn ich dort einem Ver­tre­ter begegne, dann spricht man schon ein paar Worte, aber man sieht die Ver­tre­ter ohne­hin zwei­mal im Jahr in der Buch­hand­lung. Hier hat man die Zeit, über die Titel zu spre­chen und hier hat man die nötige Auf­merk­sam­keit der Ver­tre­ter.

 

Wel­che Rolle spielt regio­nale Lite­ra­tur für Ihre Buch­hand­lung?

Regio­nale Lite­ra­tur spielt nicht die aller­größte Rolle. Wenn etwas zu Eisen­ach erscheint, dann gibt es natür­lich gro­ßes Inter­esse. Ein­zelne Kun­den haben ein beson­de­res kul­tur­ge­schicht­li­ches Inter­essse. Die Tou­ris­ten kau­fen eher mal einen Thü­rin­gen-Krimi. Luther und Bach wer­den auch nach­ge­fragt, aber dafür gibt es die ein­schlä­gi­gen Buch­an­ge­bote in weit grö­ße­rer Breite im Bach­haus und im Luther­haus. Thü­rin­ger Autoren wer­den nicht so stark nach­ge­fragt. Wenn Romane im Feuil­le­ton bespro­chen wer­den, die im Osten spie­len oder ein­schlä­gige The­men auf­grei­fen, dann ist bei der Eisen­acher Bevöl­ke­rung, am ehes­ten bei den über Vier­zig­jäh­ri­gen, ein stär­ke­res Inter­esse vor­han­den. Wenn Sig­rid Damm ein neues Buch her­aus­bringt, dann gibt es hier ver­mut­lich stär­ke­res Inter­esse dafür als in Bran­den­burg. Der ganz große Thü­rin­gen-Roman muss viel­leicht noch geschrie­ben wer­den.

 

Was kön­nen Sie über das Alters­spek­trum Ihrer Kun­den sagen?

Wenn man von den Eisen­ach­ern und nicht von den Tou­ris­ten aus­geht, spie­gelt sich die Bevöl­ke­rungs­struk­tur der Stadt auch in der Buch­hand­lung wider. Zu den Kun­den gehö­ren viele junge Müt­ter, die Bücher für ihre Kin­der kau­fen. Das geht bis in den Bereich der Jugend­li­te­ra­tur. Wie in vie­len Klein­städ­ten ohne Uni­ver­si­tät – ich klam­mere die Eisen­acher Duale Hoch­schule ein­mal aus – ist es hier so, dass die meis­ten jun­gen Leute nach dem Abitur in andere Städte gehen. Gefühlt ist die Gruppe der Zwan­zig- bis Drei­ßig­jäh­ri­gen nicht so groß. Im Som­mer kom­men viele Fami­lien und jün­gere Leute als Besu­cher in die Stadt und auch in die Buch­hand­lung. Ohne die Tou­ris­ten Eisen­achs könn­ten wir sicher nicht in der Form bestehen.

 

Hat sich das Buch­han­dels­ge­schäft in den letz­ten Jah­ren durch den Inter­net­han­del ver­än­dert?

Als ich begann, war Ama­zon schon längst Rea­li­tät. Damals lag dort der Schwer­punkt auf Büchern, heute könnte Ama­zon ver­mut­lich getrost auf das Buch­han­dels­se­ge­ment ver­zich­ten. Als Ama­zon schlechte Presse erhielt, weil ruch­bar wurde, wie die Ange­stell­ten dort behan­delt wer­den, kam eine Reihe von Kun­den, die sag­ten, dass sie nicht län­ger bei Ama­zon kau­fen möch­ten. In der Hin­sicht sind sogar ein paar Kun­den hin­zu­ge­kom­men. Ich stelle auch fest, dass hin und wie­der Kun­den zurück­keh­ren, denen das Lesen auf dem E-Book-Reader nicht zusagt und sie zum Papier­buch zurück­keh­ren. Prin­zi­pi­ell ist alles, was in der Buch­bran­che in den letz­ten Jah­ren an Neue­run­gen hin­zu­ge­kom­men ist, wie E-Books und Inter­net­han­del, dem dem klas­si­schen Buch­han­del nicht zugute gekom­men, son­dern gro­ßen Kon­zer­nen. Der Anti­qua­ri­ats­be­reich hat sich ebenso voll­kom­men ver­än­dert. Klas­si­sche Geschäfte haben kaum noch Bestand und Platt­for­men wie das ZVAB wur­den längst von Ama­zon auf­ge­kauft. Von vier Buch­hand­lun­gen in Eisen­ach gibt es noch zwei. Deutsch­land­weit ist die Anzahl der Buch­hand­lun­gen ste­tig zurück­ge­gan­gen. Der Buch­han­del hat es nicht geschafft, die­ser Ent­wick­lung etwas Sub­stan­ti­el­les ent­ge­gen­zu­set­zen. Tha­lia und andere Buch­han­dels­ket­ten ver­su­chen, Ver­luste durch die Auf­nahme von soge­nann­ten Non-Book-Arti­keln in ihre Sor­ti­mente aus­zu­glei­chen. Wir machen das nicht. Abge­se­hen von ein paar Spie­len gibt es bei uns aus­schließ­lich Bücher.

 

Füh­ren Sie in Ihrer Buch­hand­lung oder auch an ande­ren Orten Ver­an­stal­tun­gen durch?

Wir haben im hin­te­ren Bereich noch einen Raum mit anti­qua­ri­schen Büchern. Dort hat­ten wir hin und wie­der auch Lesun­gen. Mein Vor­gän­ger hat viel Geld für Lesun­gen auf­ge­wen­det, was sich in wirt­schaft­li­cher Hin­sicht ver­mut­lich nie getra­gen hat. Ich selbst bin weni­ger für Lesun­gen. Wenn sich mal eine Gele­gen­heit zu einer Lesung bot, wenn eine Stif­tung oder ein Ver­ein den Autor bezahlt hat, dann fan­den Lesun­gen statt. Aber die Erfah­run­gen haben mir gezeigt, dass Lesun­gen bei uns nicht soviel Publi­kum anzie­hen, dass sich eine Ver­an­stal­tung ohne zusätz­li­che För­de­rung tra­gen würde. Nicht zuletzt ist es auch eine Frage der per­so­nel­len Kapa­zi­tä­ten. Wenn Autoren in Eisen­ach ein­ge­la­den wer­den, dann rich­ten wir oft Bücher­ti­sche aus.

 

Gibt es The­men, die Ihnen als Buch­händ­ler momen­tan auf den Nägeln bren­nen?

Der Buch­han­del hat es trotz Bran­chen­ver­band nicht geschafft, eine Alter­na­tive für die Bür­ger zu schaf­fen, eine Platt­form für jeden ein­zel­nen Buch­händ­ler, aber auch für alle gemein­sam, über die er den Bran­chen­rie­sen ent­ge­gen­tre­ten kann. Einer mei­ner Freunde arbei­tet in einer gro­ßen Firma, in der die Ange­stell­ten als Fir­men­ge­schenke Gut­scheine für Ama­zon erhal­ten. Der kauft zwangs­läu­fig bei Ama­zon ein. Wenn der Buch­han­del solch ein Modell ent­wi­ckelt hätte, von dem die ein­zel­nen Buch­hand­lun­gen – je nach Lage – pro­fi­tie­ren könn­ten, wo Kun­den z.B. auch E-Books bestel­len könn­ten, dann hätte Ama­zon heute nicht eine sol­che Vor­macht­stel­lung auf dem Buch­markt. Da ich für Kun­den auch anti­qua­ri­sche Bücher bestelle, bin ich in ein­zel­nen Fäl­len gezwun­gen, bei Ama­zon oder zuge­hö­ri­gen Platt­for­men zu bestel­len. Für mich pri­vat habe ich das weit­ge­hend ein­ge­schränkt, aber man kommt in vie­ler­lei Hin­sicht nicht mehr darum herum. Das wäre alles weni­ger pro­ble­ma­tisch, wenn es ein fai­rer Mit­be­wer­ber auf dem deut­schen Markt wäre und hier Steu­ern zah­len würde. Das halte ich auch gesamt­ge­sell­schaft­lich für höchst bedenk­lich.

Herr Sie­ring, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Fragen an Jens-Fietje Dwars

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Ein Anker­platz seit 33 Jah­ren, von dem aus alle Welt­meere erreich­bar sind – auf See und im Kopf.

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Freude, Leid, Zorn, Über­fülle des Her­zens und Hun­ger nach Ver­stän­di­gung.

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Mein »Tage­buch« sind die all­mor­gend­li­chen zwei Stun­den, in denen ich Mails beant­worte. Kein Faz­ze­bock. Lei­der auch keine Traum-Noti­zen.

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?

Wenn ich an einem Buch schreibe, dann täg­lich, nach der Mai­le­rey, bis 18 Uhr. Doch im All­tag steht neben dem Schrei­ben das Gestal­ten eig­ner und frem­der Bücher, das Pla­nen und Auf­fül­len der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­zeit­schrift Palm­baum, das Ent­wer­fen von Aus­stel­lun­gen und Film­por­träts, Wer­bung, Bet­tel­briefe, Abrech­nun­gen und Tau­send andre Wid­rig­kei­ten des Läbens.

5. Ihr Lieb­lings­ort – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Mein liebs­ter Ort war der Kol­le­gi­en­hof, Grün­dungs­ort der Jenaer Uni­ver­si­tät im eins­ti­gen Klos­ter, ein unwirk­li­cher Ort der Stille im Her­zen der pul­sie­ren­den Stadt, wo nur die Bie­nen in einer 150-jäh­ri­gen Linde summ­ten – bis ein Blitz den Baum gefällt hat. Nun braucht sein Nach­fol­ger ein Men­schen­al­ter, um den Raum zu fül­len. Bis dahin bin ich auf der Suche nach einem Ersatz.

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Auf der Straße.

7. Ihr Lieb­lings­buch?

Es gibt zu viele Bücher, die ich liebe. Zwei mögen die Spann­weite andeu­ten: »Der alte Mann und das Meer« und »Die Ästhe­tik des Wider­stands«. Was sie ver­bin­det? Mein Bücher­re­gal.

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Die bes­ten Bücher sind die unge­schrie­be­nen.

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Die Bestä­ti­gung von Irene Hen­sel­mann, ich hätte – als ein Nach­ge­bo­re­ner – in mei­ner Becher-Bio­gra­phie ihre eigene Zeit so erzählt, wie sie selbst sie erlebt habe.

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Geschichte: die Wie­der­kehr des Immer­glei­chen in immer neuer Gestalt.

11. Was ist für Sie Stil?

Hal­tung.

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Meine Frau, die mich leben lässt.

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Bücher sind nicht nur zum Lesen da. Die Lust beginnt beim Blät­tern, beim Betas­ten des Papiers, stei­gert sich mit dem Gleich­klang von Bild und Text und gip­felt im Genuss des Gesamt­kunst­wer­kes Buch. Sol­che Bücher sind Kraft­pa­kete: Spei­cher von Lebens­en­er­gien, die sich über die Gren­zen von Raum und Zeit hin­weg mit­tei­len.

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

Ich höre lie­ber Bowie, Hen­drix oder Yes, es dür­fen auch Ele­ment of Crime sein – oder Mozart.

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

»Nichts Mensch­li­ches ist mir fremd.«

Peter Drescher – »Hirngespinste. Die Sache mit dem Kopf und was da alles so dran hing«

Ein Düsen­jä­ger schoss durchs Fens­ter

Gele­sen von Susanne Schmidt-Kna­e­bel

 

Die­ser Roman bedient sich eines geschlos­se­nen Erzähl­rah­mens. Diet­rich Gab­ler wird auf dem Weg zur Beer­di­gung sei­nes Onkels von der Erin­ne­rung an seine eigene Jugend ein­ge­holt. Die Krank­heit von Tante Ger­trud, der Witwe des Ver­stor­be­nen, wird mit den Aben­teu­ern und Sprü­chen der alten Kame­ra­den Gero, Anne, Gaby, Onne, Wolfi usw. ver­floch­ten. Dazwi­schen taucht in Bruch-stü­cken immer wie­der Gab­lers eige­ner Weg auf: über die Kopf­schmer­zen im Kin­der­zim­mer, end­lose Unter­su­chun­gen in diver­sen Kran­ken­häu­sern bis zur Dia­gnose vom Hirn­tu­mor und der lebens­ge­fähr­li­chen Ope­ra­tion. Dann die Sta­tio­nen nach dem glück­lich über­stan­de­nen Mar­ty­rium. Der Krank­ge­schrie­bene im Pols­ter­ses­sel, ers­ter Aus­gang am Arm des Vaters, schließ­lich der ein­same Gang in die Scho­nung mit den alten Grä­bern, die vom Haus­arzt ver­schrie­be­nen Tablet­ten in der Tasche … Der zufäl­lig geret­tete Diet­rich nimmt den Kampf gegen wid­rige Gege­ben­hei­ten auf: Schwer­be­schä­dig­ten­aus­weis, ärzt­li­che Ermah­nung zu »gere­gel­ter Beschäf­ti­gung«, Kur mit Arbeits­the­ra­pie. Dort lernt Diet­rich Eva ken­nen, und das Leben scheint neu zu begin­nen. Doch nach der Rück­kehr in die Woh­nung der Eltern lau­tet die Alter­na­tive Stu­dium oder »Sani­täts­be­auf­trag­ter«. Da sich der Gedanke ans Stu­die­ren als Hirn­ge­spinst erweist, bleibt nur der Dienst in der Män­ner­toi­lette des Bahn­hofs. Die Ret­tung ist das heimlichgeführteTagebuch.Dietrichbekommt eine Halb­tags­stelle in einer Buch­hand­lung und nimmt wie­der Kon­takt zu Eva auf. Hier kehrt die Schil­de­rung in die Rah­men­ge­schichte zurück. Gab­ler wird von der gene­se­nen Witwe Ger­trud ver­ab­schie­det: »Junge, jetzt fahre end­lich … hast mir gehol­fen, danke.«

Für Dre­scher ist wich­tig, dass die Figur die­ser Tante nicht bio­gra­phisch ist, sie ist das Zen­trum sei­nes Bemü­hens um die lite­ra­ri­sche Gestal­tung des ansons­ten im Kern Selbst­er­leb­ten: Gab­ler hat die Seite gewech­selt, wird vom Hilfs­be­dürf­ti­gen zum Hel­fer. Hin­ter die­ser Figur steht der Autor selbst, der sich ohne Lar­mo­yanz dem eige­nen Schick­sal stellt. Wenig ist erfun­den, alles gestal­tet, und so gelingt ein fik­ti­ver Text, der seine Wahr­heit aus der per­sön­li­chen Erfah­rung bezieht. Der 71-jäh­rige Dre­scher hat sich ein Leben lang auf die­sen Bericht vor­be­rei­tet. Die erste Fas­sung hieß Steile Pfade, und zwi­schen ihr und dem jetzt gedruckt Vor­lie­gen­den gab es viele wei­tere Schich­ten.

Ein Ver­gleich zeigt, dass die spar­same und eben des­halb effek­tive Sym­bo­lik erhal­ten blieb: die tickende Arm­band­uhr in den Stun­den vor dem Sui­zid­ver­such, die plötz­lich offen­ste­hende grüne Lat­ten­tür des Kli­nik­parks, die in der Stra­ßen­bahn gefan­gene Schwalbe. Der 48-jäh­rige IchEr­zäh­ler spricht in allen Fas­sun­gen häu­fig die flap­sige, ehr­li­che Spra­che der jugend­li­chen Prot­ago­nis­ten. Dazu passt der sti­lis­ti­sche Kniff, über weite Teile das Stil­mit­tel des inne­ren Mono­logs zu benut­zen. Auch der Ober­ti­tel des Romans weist dar­auf hin: Immer noch, Jahr­zehnte nach der Tumor­ope­ra­tion, geht es um das, was sich im Kopf des Diet­rich Gab­ler abspielt. Im Text selbst doku­men­tiert der ste­reo­type Tem­pus­wech­sel zwi­schen Prä­sens und Imper­fekt, wie eng die bei­den Schich­ten des Erle­bens mit­ein­an­der ver­schränkt sind: Gegen­wart und Ver­gan­gen­heit. Bemer­kens­wert ist auch die Liebe zum Detail, mit der der Autor die ver­sun­kene Welt des DDR-All­tags her­auf­be­schwört. Das ist inter­es­sant sowohl für die­je­ni­gen, die ihn nicht selbst erlebt haben, als auch für Leser, die sich an die Bri­kett­fa­bri­ken, Kamil­len­creme-Dosen, gel­ben Fondan­t­ha­sen, Kas­sen­bril­len aus Nickel, Plas­te­vor­hänge und wachs­tuch­be­spann­ten Prit­schen erin­nern.

Peter Dre­scher hat schon man­che schöne Stu­die gelie­fert (Rhön-Pau­lus und der Sohn des Hof­ka­pell­meis­ters). Die Hirn­ge­spinste wer­den sich als ein Höhe­punkt sei­nes Werks erwei­sen.

 

  • Peter Dre­scher: Hirn­ge­spinste. Die Sache mit dem Kopf und was da alles so dran hing. NORA Ver­lags­ge­mein­schaft, Ber­lin 2016, 132 Sei­ten, 14,90 EUR.

Fragen an Sylvia Bräsel

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Meine (lebens­lange) Ver­bin­dung mit dem »thü­rin­gisch-säch­si­schen Genie­raum« in Lite­ra­tur und Kunst.  Ich bin in Sach­sen gebo­ren, habe in Leip­zig stu­diert und pro­mo­viert  und war allein 33 Jahre im Thü­rin­ger Uni­ver­si­täts­dienst tätig.

Bereits als junge Assis­ten­tin fuhr ich mit Stu­den­ten­grup­pen der Leip­zi­ger Uni­ver­si­tät zum »Wei­mar­prak­ti­kum«.

Zudem gibt es nicht wenige Thü­rin­ger und Sach­sen, die schon vor über 100 Jah­ren nach Ost­asien auf­ge­bro­chen sind. So sehe ich mich in einer guten Gesell­schaft wis­sen­schaft­lich wie pri­vat – frei nach dem Motto von Her­mann Graf Key­ser­ling: Der kür­zeste Weg zu sich selbst, führt um die Welt herum«

Zudem ist Jena der Geburts­ort mei­ner Toch­ter.

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Beob­ach­tun­gen im All­tag, auf Rei­sen ( ins­be­son­dere nach Süd­ko­rea), Moment­auf­nah­men aus mei­ner Kind­heit und immer wie­der mein Inter­esse an den Hin­ter­grün­den der Spra­che im Sinne von V. Klem­pe­rer »LTI«.

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Ich sammle Auf­sätze, Anek­do­ten, Zei­tungs­be­richte, Bil­der, Kari­ka­tu­ren – die sich zu einem gedank­li­chen Pot­pourri ver­bin­den. Auch meine Semi­nar-Schwer­punkte kor­re­spon­die­ren ab und an mit The­men und Gedan­ken, die mich gerade bewe­gen.

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?

Ich arbeite regel­mä­ßig, da ich ja eine »unge­re­gelte Arbeits­zeit« durch meine Lehr­tä­tig­keit gewohnt bin. Einem erfri­schen­den »Trö­deln« bin ich aber nicht abge­neigt.  Eigent­lich erträume ich gern im Halb­schlaf erste Ideen, die dann manch­mal lang­sam wach­sen…

5. Ihr Lieb­lings­ort – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Rudol­stadt in Thü­rin­gen und die Insel Godae-do in Süd­ko­rea.

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Ich habe nicht wenig aus der Gegen­warts­li­te­ra­tur Süd­ko­reas mit  »über-setzt«. Seit nun­mehr 25 Jah­ren bin ich eng mit der Region ver­bun­den. Per­sön­li­che Freund­schaf­ten zu Autoren und Kol­le­gen gehö­ren dazu und inspi­rie­ren direkt eine Wis­sens­er­wei­te­rung über Kul­tur, Geschichte, Men­ta­li­tät – auch jen­seits von fes­ten Fak­ten.   Zudem haben fas­zi­nie­rende Per­sön­lich­kei­ten (auch aus Thü­rin­gen) die deutsch-korea­ni­schen Bezie­hun­gen in mehr als 130 Jah­ren geprägt. Das ist ein wun­der­ba­rer Stoff, den ich »ver­we­ben«  möchte.

7. Ihr Lieb­lings­buch?

Hier kommt meine Aus­bil­dung zum Tra­gen: Tho­mas Mann »Dr. Faus­tus« und die Rezep­tion des Faust-Stof­fes.

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Letzt­lich lernt man doch aus Feh­lern.…-

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Die Ver­lei­hung des Über­set­zer-Prei­ses der Dae­san-Foun­da­tion in Seoul – und natür­lich die Wür­di­gung mit dem Mirok-Li-Preis der Deutsch-Korea­ni­schen Gesell­schaft e.V. mit einem Fest­akt in Ber­lin.

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

…Psy­cho­lo­gie, Geschichte, Kul­tur­be­zie­hungs­for­schung in Ver­qui­ckung.

11. Was ist für Sie Stil?

Die Fähig­keit, nach Wör­tern zu »kra­men« und zugleich den gro­ßen Hori­zont von Wör­tern aus­zu­ba­lan­cie­ren…

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Indira Gan­dhi  als Frau und Poli­ti­ke­rin,

Yul Gok (이율) – neo­kon­fu­zia­nis­ti­scher Phi­lo­soph und Refor­mer,

Wulf Kirs­ten – schätze ich  mensch­lich und lite­ra­risch sehr.

»Die Erde bei  Mei­ßen«  ver­bin­det sich zudem mit der Her­kunft mei­nes Vaters und vie­len Kind­heits­er­in­ne­run­gen.

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Lesen ist Lebens­eli­xier und hilft wie­derum beim Schrei­ben. Texte basie­ren ja auf Tex­ten. Das regt die Phan­ta­sie an. Dar­über hin­aus schärft sich so ein  Sprach­ge­fühl. Ich sage immer »Kunst ist nur Spra­che – aber nicht jede Spra­che ist Kunst«.

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

»Sag mir, wo die Blu­men sind« (Where Have All the Flowers Gone?);

»Wahre Freund­schaft soll nicht wan­ken« und

»Ari­rang« – das belieb­teste Volks­lied aller Korea­ner.

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

»Never give up«.

juLi im Juni – Literaturfestival am 3. Juni 2018 im Lichthaus-Kino Weimar

Unter dem Motto »Sprach­spiel« prä­sen­tiert weim|art e.V. die 16. Aus­gabe des Lite­ra­tur­fes­ti­vals juLi im juni. Am Sonn­tag, den 03. Juni 2018 lädt juLi im juni zu fes­seln­den Lesun­gen in gemüt­li­cher Atmo­sphäre und einem viel­fäl­ti­gen, musi­ka­li­schen und inter­ak­ti­ven Rah­men­pro­gramm im Licht­haus­kino in Wei­mar ein.
Ganz nach Schil­lers Wor­ten »Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt«, wird juLi im juni 2018 zur lite­ra­ri­schen Spiel­wiese und möchte Anstöße geben zum Aus­tausch und Aus­pro­bie­ren. Orga­ni­siert von Wei­ma­rer Stu­die­ren­den der Hoch­schule für Musik FRANZ LISZT Wei­mar, ver­steht juLi im juni sich als Platt­form für junge Lite­ra­tur und bie­tet fünf jun­gen AutorIn­nen eine Bühne, um ihre Gäste in fan­ta­sie­volle Wel­ten zu ent­füh­ren und zum Nach­den­ken und Dis­ku­tie­ren anzu­re­gen.
12 Stun­den lang, von 11 bis 23 Uhr, sind am 3. Juni 2018 alle Wei­ma­rer Lite­ra­tur­lieb­ha­be­rIn­nen, Tou­ris­ten­In­nen, Fami­lien, Stu­die­rende und Schü­le­rIn­nen herz­lich ein­ge­la­den, Sprache(n) neu zu ent­de­cken. Das bunte Rah­men­pro­gramm ergänzt das geschrie­bene Wort um musi­ka­li­sche Klänge und gespro­che­nen Text. Bei som­mer­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren direkt an der Ilm laden ein Bücher­aus­tausch, Hör­spiele, kuli­na­ri­sche Ver­pfle­gung und span­nende »Sprach­spiele« zum Schmö­kern und Ver­wei­len ein.

Im Sprach­lo­kal gibt es Neues, im Sprach­lo­kal gibt es Loka­les, im Sprach­lo­kal gibt es Bier. Aus die­sen Kom­po­nen­ten setzt sich das For­mat Sprach­lo­kal des Lite­ra­tur­fests juLi im juni 2018 zusam­men. Hier­für laden wir alle lite­ra­tur­be­geis­ter­ten Thü­rin­ge­rIn­nen ein, die Lust haben, sich und ihr Werk in ent­spann­ter und krea­ti­ver Atmo­sphäre zu prä­sen­tie­ren. Wir suchen Poe­tIn­nen, Poe­try Slam­me­rIn­nen, Rap­pe­rIn­nen und Sprach­künst­le­rIn­nen jeder Façon.
Dabei ist es egal, ob die Künst­le­rIn­nen ver­öf­fent­lichte Werke vor­tra­gen, oder ob ihre Per­for­mance eine Pre­miere sein wird. Das Sprach­lo­kal soll eine Bühne für alle bie­ten, die ihr geschrie­be­nes oder gespro­che­nes Wort in jeg­li­chen For­ma­ten einem Publi­kum zu prä­sen­tie­ren wol­len. Die Begeg­nun­gen im Sprach­lo­kal sol­len den Sprach­künst­le­rIn­nen die Chance geben, sich aus­zu­tau­schen, Feed­back ein­zu­ho­len und sich unter­ein­an­der zu ver­net­zen und oder gemein­sam Lite­ra­tur und Spra­che wei­ter und in viel­fäl­ti­gen For­ma­ten zu den­ken.
Das Sprach­lo­kal öff­net für ein Pro­gramm von ca. 90 Minu­ten und wird durch kura­tierte Bei­träge von 5–10 Minu­ten gestal­tet. Dar­über hin­aus öff­net sich im Anschluss das Lokal, so dass Publi­kum und Sprach­künst­le­rIn­nen ins Gespräch kom­men. Die­ses Jahr wird die offene Bühne durch die lite­ra­ri­sche Gesell­schaft mode­riert. Gestal­tet das Sprach­lo­kal mit und schickt eure Ideen, Kon­zepte und Text­bei­spiele für euren Auf­tritt an  rahmenprogramm@juli-im-juni.de – um Anmel­dung wird gebe­ten. Wir freuen uns auf eure Ideen!

Das kleine Fes­ti­val blickt bereits auf 15 erfolg­rei­che Jahre zurück und berei­chert die städ­ti­sche Kul­tur jedes Jahr durch auf­re­gende und bewe­gende Momente aus zeit­ge­nös­si­scher Lite­ra­tur. Durch die wech­seln­den Teams Wei­ma­rer Stu­die­ren­der erge­ben sich stets neue Blick­win­kel, die eine neue Facette von Spra­che in den Mit­tel­punkt rücken. In enger Zusam­men­ar­beit mit der Bau­haus Uni­ver­si­tät Wei­mar und wei­te­ren loka­len Unter­neh­men und Künst­lern ent­steht im Juni 2018 zum 16. Mal eine Oase für junge Lite­ra­tur.

Alle Infor­ma­tio­nen unter www.juli-im-juni.de.

Sylvia Weigelt – »Mein Glück geht auf Stelzen. Der gescheiterte Kurfürst Johann Friedrich I.«

Hanfried und die Misere Sach­sens

Gele­sen von Mat­thias Bis­ku­pek

 

Johann Fried­rich I, Kur­fürst von Sach­sen war jener Herr­scher, der durch Luther Welt­gel­tung erlangte und sein Kur­fürs­ten­tum in damals gro­ßer Aus­deh­nung – von Fran­ken bis zum Harz, von Böh­men bis zu den bran­den­bur­gi­schen Orten kurz vor Ber­lin – im Schmal­kal­di­schen Krieg ver­spielte. Die Schlacht von Mühl­berg 1547 bedeu­tete das Ende die­ses Rei­ches. Moritz von Sach­sen wurde Kur­fürst, Dres­den das neue säch­si­sche Zen­trum und der gewe­sene Kur­fürst ging knapp am Todes­ur­teil vor­bei und fünf Jahre in Gefan­gen­schaft. Wei­mar wurde neue Resi­denz; dar­aus ent­wi­ckel­ten sich spä­ter die zahl­rei­chen thü­rin­gi­schen Haupt­städt­chen mit Sach­sen im Vor­na­men, von Eisen­berg bis Gotha, von Hild­burg­hau­sen bis Alten­burg.

Syl­via Wei­gelt, Ger­ma­nis­tin und His­to­ri­ke­rin, hat in kom­pak­ter Weise die­sen Mann por­trä­tiert, der als »Hanfried« auf dem Jenaer Markt steht, der Uni­ver­si­täts­grün­der. Es gibt umfang­rei­che Unter­su­chun­gen, die Syl­via Wei­gelt zur Grund­lage nahm, aber sie hat auch das Umfeld beleuch­tet: Wie wur­den Ehen im Hoch­adel gestif­tet, wel­che Intri­gen span­nen Fürs­ten, was wurde geges­sen, wann war »Poli­zei­stunde«, was besagte die Fische­rei­ord­nung, was schrieb man sich? Sie zitiert viel aus den Brie­fen zwi­schen Johann Fried­rich und der – gewe­se­nen – Kur­fürs­tin; so bekommt man authen­ti­sche Ein­bli­cke, kann auch sehr genau jene Sta­tio­nen ken­nen­ler­nen, auf denen der Wet­ti­ner dem Kai­ser in Gefan­gen­schaft nach­fol­gen musste.

Man hört Urteile über den hei­mi­schen Wein – »In Kahla und Jena wächst der Essig am Stock« – und die Per­so­nal­aus­stat­tung eines Fürs­ten­ho­fes. Sel­te­ner erfah­ren wir etwas von den Lebens­be­din­gun­gen des Vol­kes, auch ero­ti­sche oder sexu­elle Aus­schwei­fun­gen blei­ben im Wort­sinne unter der Decke – in einer män­nerzen­trier­ten Gesell­schaft, in der mor­ga­na­ti­sche Ver­bin­dun­gen üblich, aber nicht öffent­lich waren, viel­leicht kein Wun­der. Laut ursprüng­li­chem Uni­ver­si­täts­grün­dungs­plan soll­ten arme und kin­der­rei­che Fami­lien aus dem Umland 300 Gul­den für Brot erhal­ten, zuvor aber wur­den sie auf Glau­bens­fes­tig­keit geprüft – die luthe­ri­sche Kir­che hatte ja der Oberflächlichkeitder»papistischenTeufel«den Kampf ange­sagt.

Gewiss war die Tei­lung Sach­sens 1485 in den ernes­ti­ni­schen und den alber­ti­ni­schen Teil jene dynas­ti­sche Fehl­ent­schei­dung, die den Anfang vom Ende Sach­sens als euro­päi­sche Groß­macht bedeu­tete. Die zahl­rei­chen Irr­tü­mer des Johann Fried­rich I, beson­ders auch die mili­tä­ri­schen im Vor­feld der Schlacht von Mühl­berg, auf die Syl­via Wei­gelt aus­führ­lich ein­geht, kann man als zen­trale säch­si­sche Misere anse­hen: man wählt immer die fal­schen Bünd­nis­part­ner. Dabei erhol­ten sich sowohl die ernes­ti­ni­schen, als auch die alber­ti­ni­schen Lande vor allem dank ihrer Wirt­schafts­kraft meist erstaun­lich schnell. Das König­reich Sach­sen schließ­lich, das zur Napo­leon-Zeit ver­hee­rende Ent­schei­dun­gen traf, wurde vom Wie­ner Kon­gress mit dem Ver­lust von drei Fünf­tel sei­nes Staats­ge­bie­tes und fast zwei Mil­lio­nen Ein­woh­nern bestraft. Das eigent­li­che Kul­tur­ge­biet Sach­sen, zu dem sprach­lich die thü­rin­gisch-ober­säch­si­schen Mund­ar­ten gehö­ren, hat erst im Rund­funk­ge­biet des MDR wie­der zu einer gewis­sen Ein­heit gefun­den – wenn man die­ser küh­nen Volte fol­gen mag.

Syl­via Wei­gelt hat eine zen­trale Renais­sance-Figur, die auch eine im über­tra­ge­nen Sinne baro­cke war – seine Lei­bes­fülle wird oft, sehr oft erwähnt – in ihrem Buch näher gebracht. Eine bel­le­tris­ti­sche Annä­he­rung, wie dies Sig­rid Damm oder Heinz Kno­bloch mit ihren Hel­den gelang, ist dies weni­ger. Viel­leicht stand die Wis­sen­schaft­le­rin der Erzäh­le­rin im Wege. Wir haben aber ein gedie­ge­nes Buch mit vie­len klug aus­ge­wähl­ten zeit­ge­nös­si­schen Abbil­dun­gen zu regis­trie­ren, deren gele­gent­li­che Druck­feh­ler – eine Gei­ßel ist kein wider­recht­lich fest­ge­hal­te­nes Opfer und »eben­bür­dig« gibt es in der neue­ren deut­schen Spra­che auch nicht – bei einer Neu­auf­lage ver­schwin­den soll­ten.

 

  • Syl­via Wei­gelt: 
Mein Glück geht auf Stel­zen. Der geschei­terte Kur­fürst Johann Fried­rich I., quar­tus Ver­lag Bucha bei Jena, 2017, 256 S., durchg. farb. Abb. 24,90 EUR

Fragen an Ulrich Kaufmann

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Über Thü­rin­gen ist schon viel geschwärmt wor­den, nicht zuletzt über Cospeda, wo ich täg­lich die wun­der­volle Umge­bung genie­ßen kann. Auch durch die Arbeit am »Palm­baum«, dem lite­ra­ri­schen »Jour­nal aus Thü­rin­gen«, und die vie­len Gesprä­che mit dem Lite­ra­tur­to­po­gra­phen Det­lef Igna­siak, mei­nem Kom­mi­li­to­nen, ent­stan­den etli­che Texte zu mei­ner Hei­mat um Jena, in der ich seit 56 Jah­ren lebe. Einige Auf­sätze fin­den sich in dem Buch »Dich­ter­wege nach Jena« (2012), das ich her­aus­gab. Augen­blick­lich arbeite ich über Ber­tuchs frühe Jahre in Cospeda sowie über drei Lite­ra­ten, die auf dem Jenaer Johan­nis­frie­hof begra­ben lie­gen: Johann Chris­tian Gün­ther, den Ver­le­ger From­mann (Senior) und den Hei­mat­dich­ter Treu­nert.

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Es ist der Wunsch, andere an den Ent­de­ckun­gen, die man macht, teil­ha­ben zu las­sen. Zwei­fel, ob dies heu­tige Stu­den­ten, Gym­na­si­as­ten oder die eige­nen Kin­der inter­es­siert, sind ange­bracht.

Ich schreibe ebenso für Kul­tur­bür­ger, jeden­falls nicht aus­schließ­lich für Fach­kol­le­gen. Mir ist keine inten­si­vere Form der Wis­sens­an­eig­nung bekannt, als gründ­lich über Pro­bleme, Epo­chen, Autoren und Bücher zu schrei­ben. Dinge über die ich lange geschrie­ben habe, sind über Jahr­zehnte in mei­nem Kopf.

Ob Leser etwas bei der Lek­türe ler­nen, weiß ich nicht. Das Meiste begreift der Autor selbst.

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Tage­buch führe ich seit 55 Jah­ren über alle meine Tisch­ten­nis­wett­kämpfe, etwa 1100 Tur­niere und Mann­schafts­kämpfe. Dort hole ich mir Kraft für die Arbeit.

Zum Arbei­ten benö­tige ich meine Biblio­thek und die vie­len Map­pen, die ich zu »mei­nen« Autoren anlege und stän­dig ergänze.

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?

Am liebs­ten schreibe ich in ruhi­gen Mor­gen­stun­den. Vor allem stört und nervt mich amt­li­che Post: Rech­nun­gen, Mah­nun­gen und Fra­gen, ob ich gewillt bin, die Post aller Nach­barn, die in ver­schie­den Schü­ben kommt, ent­ge­gen­zu­neh­men. Aller­dings stärkt das Schlep­pen und Sta­peln der Pakete den Kreis­lauf… Auf neue Arbeits­ge­biete freue ich mich meist und bin oft vor dem Abga­be­ter­min mit mei­nen Tex­ten fer­tig.

5. Ihr Lieb­lings­ort – – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Der Tie­fur­ter Park,  das Koch­ber­ger Schloss; das Rheins­ber­ger Schloss mit sei­nem Umfeld.

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Beim ers­ten Besuch in Stritt­mat­ters Laden in Bohs­dorf wusste ich, dass ich über die    Bäcker­söhne Erwin Stritt­mat­ter und Oskar Maria Graf schrei­ben musste. Es wurde kein Buch, aber ein Auf­satz für das Münch­ner Graf-Jahr­buch. Er erschien auch in dem »Volks­buch« »Von Bohs­dorf nach Schul­zen­hof- Auf den Spu­ren der Stritt­mat­ters.«

Mit­un­ter sind meine Bücher the­ma­tisch gebün­delte Auf­sätze. Des­halb fällt es mir schwer, von einem zün­den­den Urer­leb­nis zu berich­ten. Wenn ich über viele Jahre etwa über J. M. R. Lenz schreibe, zu ganz unter­schied­li­chen The­men und Anläs­sen, erfüllt mich der Wunsch, das Erar­bei­tete vor­zu­le­gen.

7. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Über Texte, die ich vor Jahr­zehn­ten schrieb, erschre­cke ich mit­un­ter. Aber damals konnte ich es nicht bes­ser. Ich bereue, wenn ich umsonst gear­bei­tet habe. Die ist mir gele­gent­lich vor und nach 1989 pas­siert. Schlimm ist auch, wenn Laien an einem Text »mit­schrei­ben« oder unsen­si­ble Redak­teure einen Text unge­schickt kür­zen oder ver­schlimm­bes­sern. Gegen ein gutes Lek­to­rat, falls es dies noch gibt, ist nichts zu sagen.

8. Ihr Lieb­lings­buch?

Vol­ker Brauns »Hinze-Kunze-Roman«, auf den wir so viele Jahre war­ten muss­ten.

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Hier kann ich mich kurz fas­sen. Ich freue mich, wenn Arbei­ten von mir in grö­ße­ren Ver­la­gen erschei­nen. Etwa die Inter­views mit Sig­rid Damm im Insel Ver­lag, ein Arti­kel über Braun und das Erbe (in einem Band zum 75.Geburtstag des Dich­ters). Zu DDR-Zei­ten sind Bei­träge zur Büch­ner-Rezep­tion im Auf­bau-Ver­lag und Mit­tel­deut­schen Ver­lag erschie­nen. Auch eigene Bücher, wenn sie gar auf dem Cover eine pas­sende Gra­phik haben, erfreuen mich als Autor. Klei­nere Ver­lage machen kaum Wer­bung und so bleibt die Reso­nanz meist gering.

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Geschichte, Bil­dende Kunst, Sport (auch Sport­ge­schichte).

11. Was ist für Sie Stil?

Ein Autor sollte einen Indi­vi­du­al­stil ent­wi­ckeln. Bild­reich­tum, Witz und Iro­nie, wenn sie denn zum Thema pas­sen, könn­ten einen gut les­ba­ren Text aus­zeich­nen. Stil heißt für mich auch, so zu schrei­ben, dass man große Gedan­ken so zu Papier bringt, dass mög­lichst viele Leser diese genuss­voll auf­neh­men und ver­ste­hen kön­nen. Brecht ist ein Mus­ter­bei­spiel dafür. Viele sei­ner Jün­ger wer­den schnell banal. Das heißt natür­lich nicht, dass ich Brechts Anti­po­den Tho­mas Mann nicht außer­or­dent­lich  schät­zen würde.

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Georg Büch­ner, Vol­ker Braun.

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Einen Rezen­sen­ten / Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler  müsste man fast einen »Para­si­ten« nen­nen. Er lebt von den Büchern der Schrift­stel­ler, die er Lesern dia­lek­tisch-kri­tisch nahe­brin­gen möchte. Dann beginnt er zu kom­mu­ni­zie­ren, kommt aus dem eige­nen Dunst­kreis her­aus.

Für den Publi­zis­ten ist es span­nend, den Weg einer Autorin / eines Autors über Jahr­zehnte zu beglei­ten, dem Leser etwa zu zei­gen, wie Schrei­bende vor und nach dem Umbruch 1989 kri­tisch die unter­ge­gan­gene und die nun­meh­rige Gesell­schaft betrach­ten.

Die eige­nen Arbei­ten sieht man an, wenn man Neues schrei­ben will. Man möchte sich mög­lichst nicht so oft wie­der­ho­len bzw. selbst zitie­ren.

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

Mei­nem Alter gemäß (* 1951): »Mit 66 fängt das Leben an« und »Aber bitte mit Sahne«;  »Die Gedan­ken sind frei«;

15. Haben Sie ein (Lebens-) Motto?

»Lerne alt zu wer­den mit einem jun­gen Her­zen. Das ist die Kunst.« (Goe­the)

Fragen an Annekathrin Peters, Inhaberin der Buchhandlung am Topfmarkt in Suhl

Jens Kirs­ten: Seit wann gibt es Ihre Buch­hand­lung und seit wann arbei­ten Sie in ihr?

Anne­kath­rin Peters:

Die Buch­hand­lung am Topf­markt gibt es seit dem 1. August 2014. Ich bin eigent­lich Biblio­the­ka­rin von Beruf, habe in den 1970er Jah­ren eine biblio­the­ka­ri­sche Aus­bil­dung durch­lau­fen und spä­ter noch Biblio­theks­wis­sen­schaf­ten stu­diert. Durch den poli­ti­schen Umbruch 1989/1990 habe ich dann nicht mehr in dem Beruf gear­bei­tet, son­dern ver­schie­dene andere Tätig­kei­ten aus­ge­übt.

Zur Buch­hand­lung muss ich noch sagen, dass es an die­ser Stelle seit 2000 bereits eine Buch­hand­lung gab. Als mein Vor­gän­ger, Wolf­gang List, 2014 in den Ruhe­stand ging, sah ich meine Chance für einen Neu­be­ginn. Ich habe die »Rim­bach-Buch­hand­lung« nicht über­nom­men, son­dern drei Monate spä­ter die »Buch­hand­lung am Topf­markt« am glei­chen Stand­ort neu eröff­net. In der »Rim­bach-Buch­hand­lung« hatte ich zuvor hin und wie­der aus­hilfs­weise gear­bei­tet und daher kannte ich sie sehr gut. Da natür­lich die Ver­mie­tung der Laden­flä­che eine Rolle spielte, musste ich meine Ent­schei­dung sehr schnell tref­fen. Ohne den gewis­sen Zwang, sich recht spon­tan ent­schei­den zu müs­sen, hätte ich viel­leicht nicht zuge­sagt. Heute bin ich für die­sen Zug­zwang dank­bar. Dass ich die Buch­hand­lung am Topf­markt neu eröff­net haben, habe ich bis­lang kei­nen Augen­blick bereut.

Die Kon­kur­renz durch andere Buch­hand­lun­gen spielt da sicher auch eine Rolle?

In Suhl gibt es das alt­ein­ge­ses­sene Buch­haus Suhl, eine sehr große Buch­han­dung, und seit eini­ger Zeit eine Welt­bild-Filiale. Beide lie­gen nur wenige hun­dert Meter von mei­ner Buch­hand­lung ent­fernt. Aber das trägt sich in Suhl. Demo­gra­fisch sind wir eine recht alte Stadt. Der Alters­durch­schnitt liegt bei 50plus. Natür­lich gibt es auch Kin­der, aber bei den jun­gen Erwach­se­nen merkt man deut­lich ein Defi­zit. Suhl ist keine Uni­ver­si­täts­stadt und sehr viele junge Men­schen gehen aus Suhl weg, um eine Aus­bil­dung oder ein Stu­dium zu absol­vie­ren.

Und das schlägt sich im Ver­kauf der Bücher auch nie­der?

Viel jun­ges Publi­kum haben wir in unse­rer Buch­hand­lung nicht, aber unter den Älte­ren haben wir ein gro­ßes Stamm­pu­bli­kum, das durch­aus regel­mä­ßig Bücher kauft. Natür­lich füh­ren wir keine Sta­tis­tik. Viele kom­men davon wahr­schein­lich nur zu uns, aber etli­che gehen auch in die ande­ren Buch­hand­lun­gen. Ich glaube, dass jede Buch­hand­lung in Suhl ihre Berech­ti­gung hat und wir kön­nen gut neben­ein­an­der exis­tie­ren. Manch­mal kom­men Kun­den, die sagen, dass sie die Kol­le­gen aus einer der ande­ren Buch­hand­lung zu uns geschickt haben – und wir machen es in den Fäl­len, wo wir nicht unmit­tel­bar hel­fen kön­nen, umge­kehrt.

Gibt es bei Ihnen auch tou­ris­ti­sche Kund­schaft?

Tou­ris­ti­sche Kund­schaft haben wir sowohl im Som­mer als auch im Win­ter, da Ober­hof ganz in der Nähe von Suhl liegt. Wenn Ferien sind, mer­ken wir das – und viele sagen auch, dass sie in Suhl zu Besuch sind. Natür­lich ken­nen wir nicht jeden Ein­woh­ner der Stadt, so dass wir nicht jeden ken­nen, der nicht zu den häu­fi­ge­ren Kun­den gehört.

Wie sieht ein typi­scher Arbeits­tag bei Ihnen aus?

Ich komme in der Regel so gegen drei­vier­tel Zehn in die Buch­hand­lung, je nach dem, wel­che Vor­be­rei­tun­gen für den jewei­li­gen Tag zu tref­fen sind. Zunächst nehme ich die Bücher­kis­ten in Emp­fang, die der Groß­händ­ler gelie­fert hat, sor­tiere die neu ein­ge­trof­fe­nen Bücher ein. Die finan­zi­el­len Dinge sind zur erle­di­gen und um 10 Uhr öff­net die Buch­hand­lung. Je nach Jah­res­zeit füllt sich die Buch­hand­lung dann mit Leben. Kurz nach dem Weih­nachts­ge­schäft ist es etwas ruhi­ger als vor Weih­nach­ten oder um die Buch­mes­sen herum. Anfang des Jah­res kom­men viele Ver­tre­ter, die Neu­erschei­nun­gen vor­stel­len. So gibt es auch immer genü­gend zu tun, was nicht unmit­tel­bar mit den Kun­den zu tun hat.

Spie­len die Buch­mes­sen für Sie als Anre­ger eine Rolle?

Ich fahre regel­mä­ßig zur Leip­zi­ger Buch­messe. Die Messe ist jedoch für das Sor­ti­ment der Buch­hand­lung nicht aus­schlag­ge­bend. Ich fahre weni­ger auf die Buch­messe, um neue Bücher zu ent­de­cken, das pas­siert über die  Vor­schauen, durch die ich mich zum Zeit­punkt der Messe längst durch­ge­ar­bei­tet habe, wobei hier auch vie­les aus­zu­sor­tie­ren ist – wie etwa juris­ti­sche Fach­li­te­ra­tur und ähn­lich spe­zi­elle The­men. Hin und wie­der teffe ich mich auf der Messe auch mit einem Ver­lags­ver­tre­ter. Aber in ers­ter Linie sind die Mes­se­be­su­che der beson­de­ren Atmo­sphäre der Messe geschul­den, wo man Autoren und Ver­le­gern direkt begeg­net. Beson­ders inter­es­sie­ren mich auf der Messe schöne Bücher.

Apro­pos Vor­schauen, Ver­tre­ter und Neu­erschei­nun­gen. Kom­men sehr viele Ver­tre­ter zu Ihnen?

Ohne vor­he­rige Ver­ab­re­dung kom­men keine Ver­te­ter zu mir. Über die Jahre weiß man von­ein­an­der und ver­ab­re­det sich dann jeweils. Hin und wie­der geschieht es, dass ein Ver­tre­ter außer der Reihe anruft, der mir seine Bücher vor­stel­len möchte. Da lässt sich schnell ein­schät­zen, ob die von ihm ver­tre­te­nen Bücher für uns von Inter­esse sind oder nicht. In den letz­ten Jah­ren habe ich die Besu­che der Ver­tre­ter deut­lich ein­ge­schränkt, da auch die Groß­händ­ler, mit denen wir einen Ver­trag schlie­ßen, erwar­ten, dass man eine gewisse Menge an Büchern abnimmt. Den­noch haben die Ver­tre­ter­be­su­che den Vor­teil, dass diese die Bücher gele­sen haben und einem weit mehr über ein Buch sagen kön­nen, als man es aus der Vor­schau erfährt. Im übri­gen gilt es, die Bücher selbst zu lesen und Bescheid über das zu wis­sen, was man schließ­lich ver­kauft.

Als Biblio­the­ka­rin hat­ten Sie frü­her den Mitt­woch als Lese­tag. Wir bewäl­ti­gen Sie heute Ihr Lesepen­sum?

Selbst­ver­ständ­lich kann ich nicht jedes Buch lesen, das ich bestelle und ver­kaufe. Aber wenn es um Bücher geht, die mich selbst beson­ders inter­es­sie­ren und die ich mei­nen Kun­den emp­fehle, dann lese ich sie natür­lich vor­her. Auch aus den Büchern, die etwa auf der Liste für den Preis der Leip­zi­ger Buch­messe ste­hen, muss ich eine Aus­wahl tref­fen. Ein Buch, für das man sich selbst inter­es­siert, an dem man Anteil nimmt, kann man natür­lich ganz anders emp­feh­len. Dafür bin ich Buch­händ­le­rin.

Gibt es Rück­mel­dun­gen von Kun­den auf emp­foh­lene Bücher?

Ja, die gibt es und des­halb kom­men die Kun­den wie­der zu uns. Aber es gibt natür­lich auch Bücher, die man liest und wäh­rend des­sen fest­stellt, dass man das Buch nicht mit gutem Gewis­sen emp­feh­len kann. Wenn­gleich es bei uns in ers­ter Linie darum geht, Bücher zu ver­kau­fen, geht es mir nicht darum, den Kun­den Bücher wider bes­se­res Wis­sen zu emp­feh­len. Bei jedem Buch, das ich bekomme, lese ich zunächst den Klap­pen­text. Wenn Ver­tre­ter ein Buch als Spit­zen­ti­tel anprei­sen, ist dass für mich – zumin­dest ohne eigene Bewer­tung – kein Maß­stab, nach­dem ich das Buch wei­ter­emp­fehle.

Wie ist denn das Ver­hält­nis zwi­schen den Kun­den, die ein bestimm­tes Buch kau­fen wol­len und denen, die sich bera­ten las­sen?

Die meis­ten Kun­den, die zu uns kom­men oder bei uns anru­fen, wis­sen genau, wel­ches Buch sie haben möch­ten. Kun­den, die für sich etwas Neues ent­de­cken möch­ten, die kom­men zu uns in die Buch­hand­lung und schauen sich um. Es gibt natür­lich auch die, die für eine Per­son oder einen Anlass ein pas­sen­des Buch suchen. Die bil­den im wesent­li­chen das Gros derer, die auf eine Emp­feh­lung aus sind.

Sehen Sie in der zuneh­men­den Digi­ta­li­sie­rung des Buch­mark­tes eine Bedro­hung für das Buch?

Zunächst muss ich sagen, dass ich nicht sehen kann, wer bei Ama­zon kauft, sei es ein Kunde der Buch­hand­lung oder nicht. Von unse­ren Kun­den höre ich jedoch häu­fig, dass sie sagen, dass sie ein Buch im Inter­net gefun­den haben und es gern bei uns in der Buch­hand­lung bestel­len und regio­nal kau­fen möch­ten. Von mei­nen Vor­gän­gern weiß ich, dass vor dem Erstar­ken des Inter­net­han­dels wesent­lich mehr Kun­den in ihre Buch­hand­lung kamen, dass aber auch die demo­gra­phi­sche Struk­tur der Ein­woh­ner Suhls eine andere war. Viele der Suh­ler sind in den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren in andere Bun­des­län­der gezo­gen. Hier spielte und spielt ins­be­son­dere der Weg­zug jun­ger Leute eine ent­schei­dende Rolle, die zum Stu­dium gehen und spä­ter nicht zurück­kom­men. Die jun­gen Leute, die zu uns kom­men, sind vor­wie­gend Gym­na­si­as­ten.

Den­ken Sie, dass sich der Buch­markt in den kom­men­den Jah­ren ver­än­dern wird?

Ich denke, dass die Kun­den, die heute zu uns kom­men, uns treu blei­ben wer­den. Viele set­zen hier einen Akzent gegen die Anony­mi­tät des Inter­nets. Und letzt­lich geht es darum, die Innen­städte nicht aus­ster­ben zu las­sen. Viele Geschäfte sind aus der Innen­stadt bereits ver­schwun­den. Bei Geschäfts­auf­ga­ben ste­hen Laden­lo­kale immer häu­fi­ger lange Zeit leer und wenn Läden neu eröff­net wer­den, hal­ten sie sich nicht sel­ten nur für kurze Zeit.

Wel­che Rolle spielt regio­nale Lite­ra­tur in Ihrer Buch­hand­lung?

Wir haben einen klei­nen Bereich mit regio­na­ler Lite­ra­tur. Es ver­geht kaum eine Woche, in der wir aus die­sem Bereich nichts ver­kau­fen. Die Leute sind inter­es­siert an regio­na­len The­men. Sicher spielt da vor­wie­gend Wan­der­li­te­ra­tur eine Rolle, im bel­le­tris­ti­schen Bereich haben wir eine Reihe von regio­na­len Kri­mis. Bücher zur Kul­tur­ge­schichte, vor allem, wenn sie in der Presse bespro­chen wer­den, fra­gen die Kun­den nach. Einen Autor wie Lan­dolf Scher­zer, der in Dietz­hau­sen lebt, aber auch weit über die Region bekannt ist, ken­nen die Leser in Suhl selbst­re­dend. Mit ihm sind sie seit vie­len Jah­ren ver­bun­den und kom­men immer zu sei­nen Lesun­gen, sei es zum Pro­vin­zschrei oder zu einer Buch­pre­miere. Einige sei­ner Titel von ihm haben wir immer vor­rä­tig.

Füh­ren Sie auch Lesun­gen durch?

Ja, aber in über­schau­ba­rer Anzahl. Unlängst hat­ten wir eine aus­ver­kaufte Lesung mit Ste­fan Schwarz im Con­gress Cen­trum Suhl, zu der 150 Besu­cher kamen. Sonst fin­den die Lesun­gen auch bei uns in der Buch­hand­lung statt. In die Buch­hand­lung pas­sen etwa 50 Besu­cher. Wenn regio­nale Autoren lesen oder der Süd­thü­rin­ger Lite­ra­tur­ver­ein, kom­men nicht soviele Gäste, dass wir außer­halb der Buch­hand­lung einen Ver­an­stal­tungs­ort fin­den müs­sen.

Gibt es Koope­ra­tio­nen mit Ver­an­stal­tern von Lesun­gen wie dem Pro­vinz­kul­tur e.V.?

Ja. die gibt es. Zur Biblio­thek haben wir sehr gute Bezie­hun­gen und beim Pro­vin­zschrei dür­fen wir bei allen Ver­an­stal­tun­gen, wo es sich anbie­tet, einen Bücher­tisch aus­rich­ten. Das ist für uns sehr gut. Und die guten Besu­cher­zah­len beim Pro­vin­zschrei spre­chen für sich. Der Ver­kauf gestal­tet sich dabei ganz unter­schied­lich. Als Domi­ni­que Hor­witz vor weni­gen Jah­ren bei uns las, konn­ten wir die Bücher kaum schnell genug aus­pa­cken, um dem Inter­esse der Käu­fer nach­zu­kom­men. Bei einer Lesung von Cle­mens Meyer hin­ge­gen, der alles andere als ein Unbe­kann­ter und ein guter Autor ist, war der Ver­kauf wider Erwar­ten nicht so gut. Oft ordert man zuviele Bücher, aber es ist bes­ser etwas mehr zu haben, als zuw­we­nig. Bei Bücher­ti­schen ist alles mög­lich.

Spielt das schöne Buch für Ihre Kun­den eine Rolle? Wie sieht es mit dem Inter­esse der Kun­den dafür aus?

Das schöne Buch berei­tet mir per­sön­lich große Freude. Direkt neben dem Laden­tisch haben wir eine Flä­che zur Prä­sen­ta­tion für schöne Bücher. Dane­ben fin­den sich in der Buch­hand­lung, in der mög­lichst viel offen gezeigt wird, über­all Berei­che, wo wir schöne Bücher beson­ders her­aus­stel­len kön­nen. Bei die­sen Büchern ver­kehrt sich das Ver­hält­nis von bekann­ten und bestell­ten Büchern und emp­foh­le­nen Büchern. Die schö­nen Bücher ent­de­cken die Kun­den oft erst dann für sich, wenn sie sie ein­mal in die Hand neh­men konn­ten.

Gibt es etwas, was Sie als Buch­händ­le­rin beson­ders freut und etwas, das Sie betrübt?

Es gibt kaum etwas, was mich als Buch­händ­le­rin betrübt. Selbst wenn Kun­den, die zu uns in die Buch­hand­lung kom­men sich nur umschauen, ohne etwas zu kau­fen, bin ich Ihnen nicht böse. Sie kom­men viel­leicht spä­ter wie­der. Mich freut beson­ders, dass ich nach der lan­gen Zeit der Nach­wen­de­jahre, in denen ich ver­schie­dene Berufe aus­übte, zu mei­nen Wur­zeln zurück­keh­ren konnte und dass ich mich in der Buch­hand­lung sehr frei fühle. In den letz­ten drei Jah­ren konn­ten wir den Umsatz in jedem Jahr stei­gern, das Sor­ti­ment ver­grö­ßern. Damit hat sich die Attrak­ti­vi­tät der Buch­hand­lung für unsere Kund­schaft ganz all­ge­mein erhöht.

Frau Peters, ich danke Ihnen für das Gespräch.

NKWD">Glesels Verhaftung und Ermordung durch den NKWD

Am Sonn­abend, dem 4. Sep­tem­ber 1937, wurde Gle­sel vom NKWD ver­haf­tet. Aller­ding erfolgte die Ver­haf­tung nicht auf­grund sei­nes Aus­schlus­ses aus dem Schrift­stel­ler­ver­band, son­dern auf­grund eines Beschlus­ses des NKWD, anläss­lich des 20. Jah­res­ta­ges der Gro­ßen Sozia­lis­ti­schen Okto­ber­re­vo­lu­tion eine Reihe von Volks­fein­den zu liqui­die­ren.

Den­noch konnte eine Ver­haf­tung durch den NKWD nicht ohne Vor­wand erfol­gen. So warf man ihm vor, Mit­glied einer ter­ro­ris­ti­schen Spio­nage- und Diver­si­ons­or­ga­ni­sa­tion deut­scher Emi­gran­ten zu sein. In den Ver­hö­ren schlu­gen die Polit­kom­mis­sare rou­ti­niert den brei­ten Fächer der Anschul­di­gun­gen auf, die von kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­rer Tätig­keit bis zum faschis­ti­schem Ter­ror im Auf­trag der Gestapo reich­ten.

Acht Wochen nach sei­ner Ver­haf­tung, am 29. Okto­ber 1937, wurde Samuel Gle­sel nach § 58/10 und 11 des Straf­ge­setz­buchs der RSFSR wegen »Pro­pa­ganda oder Agi­ta­tion, die zu Sturz, Unter­höh­lung oder Schwä­chung der Sowjet­herr­schaft oder zur Bege­hung ein­zel­ner gegen­re­vo­lu­tio­nä­rer Ver­bre­chen« zur ›Höchst­strafe‹ ver­ur­teilt. Nur wenige Tage spä­ter, am 5. Novem­ber, wurde er in Lenin­grad erschos­sen. Allein an die­sem Tag wur­den neben ihm wei­tere 99 Per­so­nen hin­ge­rich­tet und auf einem Ödland bei Lewa­schowo ver­scharrt, wo wäh­rend der »gro­ßen Säu­be­rung« Tau­sende exe­ku­tiert wur­den. Müßig sich vor­zu­stel­len, wel­ches Schick­sal Samuel Gle­sel erwar­tet hätte, wäre er nicht Opfer einer Mas­sen­ver­haf­tung und –erschie­ßung gewor­den. Seine Frau, die wie ihr Mann ver­haf­tet wurde, aber bereits am 23. Novem­ber 1937 wie­der frei­ge­las­sen wurde, ließ der NKWD in per­fi­der Manier über den Tod und den Todes­zeit­punkt ihres Man­nes im Unkla­ren.

In ihrem Tage­buch schreibt Eli­sa­beth Well­nitz:

Selt­sa­mer­weise ließ man mich nach kur­zer Zeit wie­der frei, was damals wirk­lich ein Wun­der war, und ich konnte mei­nen Jun­gen wie­der zu mir neh­men. Aller­dings durf­ten wir nicht in unsere frü­here Woh­nung zurück, aus der inzwi­schen alle Möbel ent­fernt wor­den waren. Wir beka­men ein klei­ne­res Zim­mer. Auch erlaubte man mir nicht, meine frü­here Lehr­tä­tig­keit an der Hoch­schule wie­der auf­zu­neh­men; ich wurde nur als Schreib­hilfe ein­ge­setzt. Von Sally hatte ich die ganze Zeit über nichts gehört. Ich erfuhr auch nicht, in wel­ches Straf­la­ger er gekom­men war. Wir haben uns nie wie­der­ge­se­hen.

Erst im Jahr 1958 reha­b­li­li­tierte man Samuel Gle­sel pos­tum. 1997 wurde an der Stelle, wo Samuel Gle­sel und die zahl­lo­sen Opfer der »Deut­schen Ope­ra­tion« ver­scharrt wur­den, ein Gedenk­fried­hof für die Opfer poli­ti­scher Repres­sion errich­tet. Eine Gedenk­ta­fel erin­nert  auch an Samuel Gle­sel. Im Juni 2015 errich­te­ten seine Ange­hö­ri­gen auf dem Gelände einen Gedenk­stein für ihn.

Glesel wird als »Parteischädling« diffamiert

Nach die­sen bei­den Ver­ris­sen ent­fachte sich eine regel­rechte Hetz­kam­pa­gne gegen den »Par­tei­schäd­ling« Gle­sel. Im Klima der Bespit­ze­lung und des all­ge­mei­nen Miß­trau­ens, der Angst davor, daß man selbst als nicht wach­sam genug denun­ziert wer­den könnte, ver­schärfte die Pro­ble­ma­tik. 1935 hatte in der Sowjet­union die »große Tschistka«, die große Säu­be­rung, begon­nen, in deren Zei­chen die Kam­pa­gne gegen Gle­sel stand. Aller­or­ten galt es »Dop­pel­züng­ler«, »Volks­feinde«, »Faschis­ten« und »Spione« zu ent­lar­ven. Auf einer geschlos­se­nen Par­tei­ver­samm­lung in Mos­kau nahm sich die deut­sche Kom­mis­sion des sowje­ti­schen Schrift­stel­ler­ver­ban­des des »Fal­les Gle­sel« an, wobei – dem Klima der Angst und des Miß­trau­ens geschul­det – sich die ein­zele­nen Dis­ku­tan­ten im Vor­brin­gen von Vor­wür­fen zu über­bie­ten ver­such­ten.

Am 3. Novem­ber 1936, ein Jahr nach Erschei­nen von Otto Borks Kri­tik, wurde in der Deut­schen Zen­tral-Zei­tung unter dem Titel »Der Fall Gles – Aus­schluß aus dem Ver­band der Sowjet-Schrift­stel­ler« Gle­sels Ver­bands­aus­schluß bekannt­ge­ge­ben.

»S. Gles, Kan­di­dat für die Mit­glied­schaft des Ver­ban­des der Sowjet-Schrift­stel­ler, wurde auf einer Sit­zung des Sekre­ta­ri­ats der Lenin­gra­der Abtei­lung des Ver­ban­des der Sowjet-Schrift­stel­ler aus dem Ver­band aus­ge­schlos­sen. Gründe:

  • wegen Her­aus­gabe poli­tisch schäd­li­cher Schund­li­te­ra­tur,
  • des Buches ‚Deutsch­land erwacht‘ und des Thea­ter­stücks ‚Ver­bo­ten‘,
  • weil er sich wie ein Schund­li­te­rat zur lite­ra­ri­schen Arbeit ver­hal­ten hat,
  • für Raff­gier und eine Reihe von Hand­lun­gen, die eines Kan­di­da­ten des Ver­ban­des der Sowjet-Schrift­stel­ler unwür­dig sind.«

Wie in dem von Wla­dis­law Hed­ler und Inge Münz-Koe­nen 2013 als Begleit­band zu einer Aus­stel­lung her­aus­ge­ge­be­nen Buch »Ich kam als Gast in Euer Land gereist – Deut­sche Hit­ler­geg­ner als Opfer des Sta­lin­ter­rors. Fami­li­en­schick­sale 1933–1956« nach­zu­le­sen ist, wurde Samuel Gle­sels Antrag, als Mit­glied der deut­schen KPD in die sowje­ti­sche KPDSU(B) über­nom­men zu wer­den, auf­grund sei­nes Aus­schlus­ses aus dem Schrift­stel­ler­ver­band abge­lehnt.

Elfriede Brü­ning ist es zu dan­ken, mit ihrem Buch auf die Kam­pa­gne gegen Gle­sel auf­merk­sam gemacht zu haben. Sie erkannte auch, dass Gle­sels Erzäh­lun­gen und Repor­ta­gen nicht in jedem Fall lite­ra­ri­sche Glanz­stü­cke waren. Die Hilfe eines erfah­re­nen Lek­tors hätte genügt, Feh­ler und sprach­li­che Unge­nau­ig­kei­ten aus­zu­räu­men.

Auf die Not­wen­dig­keit, Gle­sel bei sei­ner schrift­stel­le­ri­schen Ent­wick­lung zu beglei­ten, hatte auch Becher in sei­ner Stel­lung­nahme zu Gle­sel hin­ge­wie­sen. Doch auf eine hel­fende Hand konnte Gle­sel im Klima der Angst jener Jahre nicht hof­fen. Zu groß war die Angst, als Hel­fers­hel­fer eines Par­tei­schäd­lings denun­ziert zu wer­den. Nicht aus­zu­schlie­ßen ist, daß die ver­ant­wort­li­chen Ver­lags­mit­ar­bei­ter für ihre »Fehl­ent­schei­dung« dra­ko­nisch bestraft wur­den.

Mit dem Aus­schluß aus dem Schrift­stel­ler­ver­band wurde Samuel Gle­sel zur per­sona non grata in der Sowjet­union. Seine Bemü­hun­gen, sich gegen den Aus­schluß zur Wehr zu set­zen und eine Wie­der­auf­nahme zu errei­chen, blie­ben ver­geb­lich.

Samuel Glesels Bücher erscheinen

1933 erschien in der in Char­kow erschei­nen­den deutsch­spra­chi­gen Zeit­schrift »Der Sturm­schritt« sein Drama »Ver­bo­ten. Ein Mai­schau­spiel in drei Akten« über den blu­ti­gen 1. Mai 1929 in Ber­lin, ohne das jemand daran Anstoß nahm. Erwäh­nens­wert ist ein Sam­mel­band, der 1933 in der Ver­lags­ge­nos­sen­schaft Aus­län­di­scher Arbei­ter in der UdSSR – Mos­kau-Lenin­grad unter dem Titel »Mord im Lager Hohn­stein. Berichte aus dem Drit­ten Reich« erschien, zu dem Johan­nes R. Becher das Vor­wort schrieb. Samuel Gle­sel ist darin mit der Erzäh­lung »Gehetzt!« ver­tre­ten. Bemer­kens­wert am Vor­wort von Becher ist seine Ein­ord­nung der pro­le­ta­ri­schen Lite­ra­tur, in der er den Autoren des Ban­des eine her­aus­ra­gende Stel­lung inner­halb der pro­le­ta­ri­schen Lite­ra­tur attes­tiert:

»Trotz uner­hör­tem Ter­ror, trotz Mord, Ver­bren­nung und Kon­fis­zie­rung, ist es den Faschis­ten nicht gelun­gen die pro­le­ta­risch-revo­lu­tio­näre Lite­ra­tur aus­zu­rot­ten. Im Gegen­teil sie wächst und erstarkt und bekommt neuen Zuwuchs, beson­ders aus den Rei­hen des Pro­le­ta­ri­ats.
Außer der soge­nann­ten Klein­li­te­ra­tur, hat die revo­lu­tio­näre pro­le­ta­ri­sche Lite­ra­tur bedeu­tende Werke auf­zu­wei­sen, die in künst­le­ri­scher Dar­stel­lung Leben und Kampf der deut­schen Arbei­ter und des Kom­so­mol schil­dern. Teile aus die­sen Wer­ken sind im vor­lie­gen­den Sam­mel­werk gege­ben.«

Johan­nes R. Becher schrieb am 29. Mai 1933 aus Mos­kau eine Stel­lung­nahme zu Samuel Gle­sel, der er es ver­dankte, daß er für die »Deut­sche Zen­tral-Zei­tung« und die »Rote Zei­tung« in Lenin­grad arbei­ten durfte.

Anfang Juli 1935 erschien im Deut­schen Staats­ver­lag Engels Gle­sels Erzäh­lungs- und Repor­ta­gen­band »Deutsch­land erwacht« in einer Auf­lage von 5.000 Exem­pla­ren. Im glei­chen Jahr ver­öf­fent­li­chete der Ver­lag der natio­na­len Min­der­hei­ten der UdSSR – Kiew-Char­kow Gle­sels Buch »Deutsch­land ges­tern und heute« und sein bereits publi­zier­tes Drama »Ver­bo­ten«. Im Herbst 1935 nahm Samuel Gle­sel die sowje­ti­sche Staats­bür­ger­schaft an. Es läßt sich nur ver­mu­ten, daß das Erschei­nen von drei Büchern eines bis­lang weit­ge­hend unbe­kann­ten Schrift­stel­lers das Inter­esse auf Samuel Gle­sel lenkte.

Am 26. Novem­ber 1935 erschien eine nega­tive Bespre­chung von Otto Bork zu Gle­sels Buch »Deutsch­land erwacht«. Darin heißt es:

Wenn der Sowjet­le­ser im Jahre 1935 unter die­sem Titel ein Buch auf dem Laden­tisch fin­det, so wird er sofort danach grei­fen, da sich unsere deut­schen Schrift­stel­ler lei­der zumeist unge­wöhn­lich viel Zeit las­sen, um über das heu­tige Deutsch­land zu unter­rich­ten. Er erwar­tet natür­lich vom Ver­fas­ser S. Gles und von dem Staats­ver­lag in Engels, die das Buch anbie­ten, ein Bild eben davon, wie die 1933 noch von Hit­ler berausch­ten Klein­bür­ger und bäu­er­li­chen Deut­schen im Jahre 1934 — oder doch wenigs­tens 1935 — auf­zu­be­geh­ren begin­nen; wie sich zwi­schen den kom­mu­nis­ti­schen, sozi­al­de­mo­kra­ti­schen und katho­li­schen Arbei­tern die Ein­heits­front anbahnt. Wie sich der Zer­set­zungs­pro­zess in der SA ent­wi­ckelt hat (Juni 1934) und wie sich die Schwie­rig­kei­ten und Gegen­sätze in der herr­schen­den Klasse aus­wir­ken. Wenn der Leser im ver­gan­ge­nen Jahr außer­dem noch die Reden auf dem Schrift­stel­ler­kon­gress stu­diert hat, so erwar­tet er wahr­schein­lich sogar auch, dass das alles in einer anstän­di­gen, sau­be­ren deut­schen Spra­che geschrie­ben und nach den Geset­zen des sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus gestal­tet ist.
Lie­ber Leser, ich sehe, wie Du das Buch durch­blät­terst und dann ent­täuscht bei­seite legst, denn wir haben nichts von alle­dem gefun­den. Du fan­dest eine zufäl­lig zusam­men­ge­stop­pelte Samm­lung von – sagen wir mal – Berich­ten aus zufäl­li­gem Milieu. Einige aus der Zeit der Wei­ma­ri­schen Repu­blik, einige aus der Zeit kurz nach Hit­lers Macht­über­nahme. Vom »Erwa­chen Deutsch­lands«, so wie es sich wirk­lich voll­zieht, leben­dig und in sei­nen Wider­sprü­chen, Erschüt­te­run­gen und Kämp­fen, erfährst Du nichts. Und das, was Du über­haupt erfährst, ist ent­we­der lebens­un­echte Agitka, ist nicht gestal­tet und sogar unrich­tig geschil­dert. Und dazu in einer Spra­che geschrie­ben, die den gan­zen Hoch­mut des Ver­fas­sers sei­nen Lesern gegen­über kenn­zeich­net …«

Hin­ter dem Pseud­onym Otto Bork ver­barg sich der 1898 gebo­rene Buch­händ­ler Otto Unger, der 1912 Mit­glied der KPD wurde und 1934 in die Sowjet­union emi­grierte. 1937 wurde er ver­haf­tet und im Zuge der »Deut­schen Aktion« im März 1938 zum Tode ver­ur­teilt und erschos­sen.

Otto Ungers Kri­tik folgte eine ver­nich­tende Kri­tik von Erich Wei­nert über Gle­sels Drama »Ver­bo­ten«, die am 24. Mai 1936 in der »Deut­schen Zen­tral-Zei­tung« unter dem Titel »Ein Schand­fleck der deut­schen Lite­ra­tur« erschien. Darin beschei­nigt er Gle­sel, daß er mit sei­nem nichts­sa­gen­den Drama der »revo­lu­tio­nä­ren Sache« erheb­li­chen Scha­den zufügt:

Über­all, wo er die­sen mäch­ti­gen Stoff anfaßt, ent­stal­tet er ihn im dürf­ti­gen Raum sei­ner Phan­ta­sie­lo­sig­keit. Die revo­lu­tio­nä­ren Arbei­ter reden tro­ckene Losun­gen, anstatt wie Men­schen zu spre­chen, oder aber er ent­stellt sie zu bei­nahe lum­pen­pro­le­ta­ri­schen Radau­brü­dern.«

Wei­nerts wesent­li­che Kri­tik rich­tete sich dage­gen, daß Gle­sels Hel­den keine Abzieh­bil­der pro­le­ta­ri­scher Mus­ter­hel­den sind, son­dern daß die Figu­ren mit »Herz und Schnauze« spre­chen und daß sie nicht auf Par­tei­li­nie argu­men­tie­ren. Gleich­zei­tig warf Wei­nert ihm vor, daß seine Hel­den nicht aus dem Leben gegrif­fen seien.

Von Berlin nach Engels

In ihrem Tage­buch, das ihr Sohn Alex­an­der der Schrift­stel­le­rin Elfriede Brü­ning nach Erschei­nen ihrer Erin­ne­run­gen Anfang der 1990er Jahre über­gab, schreibt Eli­sa­beth Well­nitz:

So war unsere Lage, objek­tiv gese­hen, ziem­lich hoff­nungs­los, aber wir waren jung und opti­mis­tisch und lie­ßen uns nicht so rasch unter­krie­gen. Den­noch war ich glück­lich, als eines Tages in der Par­tei eine sowje­ti­sche Genos­sin erschien, die um  Lehr­kräfte  für ein Fremd­spra­chen-Insti­tut in Engels warb; man sollte dort Deutsch­un­ter­richt geben. Das war  die Chance, auf die ich immer gewar­tet hatte und die ich mit Freu­den ergriff. Über­stürzt berei­tete ich meine Über­sied­lung vor, denn mein Kind sollte nach Mög­lich­keit schon in Engels in geord­ne­ten Ver­hält­nis­sen zur Welt kom­men; ich reiste also schon 1931 ab. Sally, der noch zu eini­gen Vor­trä­gen in der Masch ver­pflich­tet war, konnte nicht sogleich mit­kom­men, er hatte sich aber eben­falls um eine Anstel­lung in Engels bemüht, wurde auch ange­nom­men und folgte mir im Som­mer 1932 nach.

Die Aus­sich­ten für den kom­mu­nis­tisch-jüdi­schen Schrift­stel­ler Samuel Gle­sel im Deutsch­land des Jah­res 1932 las­sen sich leicht aus­ma­len. Daß die Ent­schei­dung, Deutsch­land zu ver­las­sen, bei­den leicht fiel, liegt auf der Hand. Beide erhoff­ten sich von dem Leben in der Sowjet­union eine bes­sere Zukunft; die Erfül­lung ihrer Vor­stel­lun­gen von gesell­schaft­li­chem Fort­schritt. Eli­sa­beth Well­nitz trat eine Stelle als Deutsch­leh­re­rin am Deut­schen Päd­ago­gi­schen Insti­tut in Engels an, wo auch Samuel Gle­sel Arbeit fand. In der wol­ga­deut­schen Stadt Engels wur­den sie jedoch mit einem Schlag mit den rea­len sowje­ti­schen Ver­hält­nis­sen jener Jahre kon­fron­tiert. Sie muß­ten mit meh­re­ren frem­den Per­so­nen ein Zim­mer tei­len, hier lern­ten sie die kata­stro­phale Ver­sor­gungs­lage jener Jahre in der Sowjet­union ken­nen. Ihre 1932 in der UdSSR gebo­rene Toch­ter Else starb bald an Unter­ernäh­rung. Samuel Gle­sel erkrankte an Mala­ria und reiste nach Mos­kau, um dort eine Woh­nung und Arbeit zu fin­den.

Schließ­lich signa­li­sier­ten Freunde bes­sere Lebens­be­din­gun­gen aus Lenin­grad, wor­auf­hin sie ohne Abmel­dung in Engels und ohne Erlaub­nis der Behör­den dort­hin auf­bra­chen. Die Macht­über­nahme der Natio­nal­so­zia­lis­ten in Deutsch­land im Januar 1933 ver­hin­derte, dass sie auf­grund ihres Kon­trakt­bruchs in Engels zur Rechen­schaft gezo­gen wur­den. Als deut­sche Emi­gran­ten genos­sen sie den Schutz der sowje­ti­schen Regie­rung. Samuel Gle­sel wurde als Kan­di­dat in die deut­sche Sek­tion des Sowje­ti­schen Schrift­stel­ler­ver­ban­des auf­ge­nom­men.

Eli­sa­beth Well­nitz schreibt in ihrem Tage­buch:

Als sol­che beka­men wir, wie auch andere Emi­gran­ten, jetzt sogar eine Woh­nung, und zwar wur­den wir alle zusam­men in einem Haus unter­ge­bracht, das ein­mal für Unter­of­fi­ziers-Wit­wen des Ers­ten Welt­krie­ges gebaut wor­den war. Wir bewohn­ten zwei Räume, und da wir Arbeit hat­ten, ging es uns ver­hält­nis­mä­ßig gut. Sally arbei­tete als Schrift­stel­ler; 1935 wurde im Deut­schen Staats­ver­lag in Engels sein ers­tes Buch, eine Samm­lung von Repor­ta­gen, ver­öf­fent­licht, und ein Thea­ter­stuck sollte in naher Zukunft Pre­miere haben. Ich war an der Lenin­gra­der Hoch­schule für Fremd­spra­chen als Leh­re­rin tätig.

Von Gotha nach Berlin

Ent­we­der irrt sich der Autor hier im Datum oder bei sei­ner Alters­an­gabe. 1923 war er 13 Jahre alt. Die bei­den aus­führ­lich zitier­ten Erzäh­lun­gen sind die ein­zi­gen lite­ra­ri­schen Zeug­nisse, die Aus­kunft über Samuel Gle­sels Leben in Gotha geben.
Seine Erfah­run­gen der Hun­ger­jahre und sein ers­tes »Ber­li­ner Aben­teuer«, wäh­rend dem der Min­der­jäh­rige durch die Gefäng­nisse Ber­lins geschickt wurde, leg­ten eine Lebens­spur. Sie form­ten ein aus­ge­präg­tes Gerech­tig­keits­emp­fin­den und lie­ßen ihn vor­zei­ten erwach­sen wer­den. Als die Fami­lie nach Ber­lin zog, hatte ihr Sohn Samuel seine Kind­heit bereits abge­streift und war auf der Suche danach, dem Unwür­di­gen sei­nes bis­he­ri­gen Lebens etwas ent­ge­gen­zu­set­zen.

Er wurde Mit­glied im »Kom­mu­nis­ti­schen Jugend­ver­band Deutsch­lands«. Bereits 1927, mit 17 Jah­ren, hatte den poli­tisch enga­gier­ten jun­gen Mann die 1925/1926 von der KPD im Zen­trum Ber­lins gegrün­dete Mar­xis­ti­sche Arbei­ter­schule »MASCH« als Gast­do­zent ein­ge­la­den. Zu den Dozen­ten der »Hoch­schule der Werk­tä­ti­gen« gehör­ten Bruno Taut, Wal­ter Gro­pius, Erwin Pis­ca­tor, Helene Weigel, John Heart­field. Hier begeg­nete er den Schrift­stel­lern Egon Erwin Kisch, Erich Wei­nert, Lud­wig Renn, Anna Seg­hers, Fried­rich Wolf. Viel­leicht lernte er hier die gleich­alt­rige Schrift­stel­le­rin Elfriede Brü­ning ken­nen, viel­leicht erst 1931 beim »Bund pro­le­ta­risch-revo­lu­tio­nä­rer Schrift­stel­ler« oder in einem der Redak­ti­ons­räume der Mün­zen­berg-Presse, für die die bei­den ange­hen­den Schrift­stel­ler­kol­le­gen Texte lieferten.1930 ver­suchte er ein hal­bes Jahr lang, jedoch ohne Erfolg, in Frank­reich Arbeit zu fin­den.

Er kehrte nach Deutsch­land zurück und begann unter dem Pseud­onym »Gles« für die »Rote Fahne«, die »Welt am Abend« und die »Arbei­ter­stimme« zu schrei­ben. Seine poli­ti­sche und jour­na­lis­ti­sche Tätig­keit in Ber­lin führ­ten ihn rasch in die Rei­hen der KPD. Dane­ben wurde er Mit­glied im »Bund pro­le­ta­risch-revo­lu­tio­nä­rer Schrift­stel­ler«, 1931 zum Lei­ter der Orts­gruppe Ber­lin.

In ihren Erin­ne­run­gen, die im Früh­jahr 1989 ent­stan­den, schreibt Elfriede Brü­ning:

Gles stellte, wie alle Anfän­ger, hohe Ansprü­che an die Lite­ra­tur, aber auch an sich selbst. Lotte wollte Archi­tek­tur stu­die­ren, Mar­tin die Phy­sik. Alle vier waren wir Mit­glie­der der KPD, demons­trier­ten Schul­ter an Schul­ter mit den Arbei­tern ›Für Frei­heit und Brot!‹ und ›Für die Frei­las­sung der poli­ti­schen Gefan­ge­nen!‹, hoff­ten auf die Revo­lu­tion. Die Atmo­sphäre gegen Ende der Wei­ma­rer Repu­blik war explo­si­ons­ge­la­den. Sie­ben Mil­lio­nen Arbeits­lose zählte das Land, und die Unter­stüt­zung der Ärms­ten der Armen wurde immer wei­ter gekürzt. Der Not­ver­ord­nungs-Kanz­ler Brü­ning trat zurück und wurde von Franz von Papen abge­löst, die­ser spä­ter von Gene­ral Schlei­cher.

In der Orts­gruppe der KPD lernte Gle­sel die neun Jahre ältere arbeits­lose Leh­re­rin Eli­sa­beth Well­nitz ken­nen. Als die ledige Eli­sa­beth Well­nitz von Samuel Gle­sel schwan­ger wurde, schwan­den ihre Hoff­nun­gen auf eine Anstel­lung als Leh­re­rin zuse­hends. Daher über­legte sie nicht lang, als sie das Ange­bot erhielt, in der Sowjet­union als Deutsch­leh­re­rin zu arbei­ten.

Ein Mittagessen

An dem Abend, von dem ich hier erzäh­len will, hatte ich mich um 6 Uhr mit dem klei­nen Fritz von der Hit­zels­gasse ver­ab­re­det. Fritze war klein, hatte krumme Beine und einen grauen Dril­lich­an­zug. Er war eine be­kannte Num­mer in unse­rem Ort. Seine Mut­ter war Kar­ten­le­ge­rin.
Fritze lebte sein eige­nes Leben: Wenn er etwas aus­ge­fres­sen, bekam er eine Wucht und damit waren die päd­ago­gi­schen Maß­nah­men für einige Zeit wie­der erle­digt. Geris­sen und geschickt wie Fritze ent­spre­chend sei­nen Ver­hält­nis­sen war, ist er in den Infla­ti­ons­mo­na­ten zum Ernäh­rer sei­ner Mut­ter gewor­den. Seit Wochen schwänzte er die Schule; er fand immer neue Einnahme­quellen. Seine Spe­zia­li­tät waren Maul­würfe; die er auf den stopp­li­gen Fel­dern der Bau­ern fing.
Pünkt­lich zur ver­ab­re­de­ten Zelt stand Fritze auf dem Markt­platz und hatte zwei Säcke unter dem Arm.
›Haste dir ken Sack mit­ge­bracht, en Sack -mußte doch hab’n, Mensch‹, meinte er, über­legte, ›nu, nem’n wir den, der ist zwar’n biß­chen kaputt, aber bes­ser als gar nischt.‹
Wir gin­gen durch die Anla­gen am Schloß vor­bei zum Güter­bahn­hof. Der trübe farb­lose Herbst­tag begann zu däm­mern und in eine ster­nen­lose Dun­kel­heit überzuge­hen. Schwach beleuch­te­ten die Later­nen den Zaun des Güter­bahn­hofs. Fritz kund­schaf­tete aus, ich stand abseits mit den Säcken. Er winkte. Die Stelle war zum Klet­tern güns­tig. Es kam nie­mand. Auf Zehen­spit­zen schli­chen wir uns zu den Wag­gons. Fritz klet­terte. Im drit­ten Wag­gon lag gestampf­tes Papier. Es stammte von der Lum­pen­firma Stein­haus. Wir klet­ter­ten in das Bremser­häuschen, von dort durchs Fens­ter in den Wag­gon. Has­tig, klop­fen­den Her­zens stopf­ten wir das Papier in die Säcke.
›Däm­li­ches Aas, mußt‹ wei­ter auf­hal­ten‹, brummte Fritz mir ärger­lich zu.
Schritte!
Fritz legte sich platt zwi­schen Sack und Papier. Ich hielt den Atem an, bückte mich. Die Schritte gin­gen vor­über. – ›Schwein gehabt!‹
Die Arbeit ging wei­ter.
›Wenn einer kommt, dann flit­zen‹, unter­rich­tete mich Fritz.
Has­tige Bewe­gung und Knir­schen! Schritte!
Stim­men kom­men immer näher.
›Euch werde ich gleich auf den Schwung brin­gen‹, brüllte einer.
›Galt das uns?‹
Ehe ich mich umsah, war Fritz bereits durch das Fen­ster ins Brem­ser­häus­chen und von dort nach hin­ten in der Dun­kel­heit ver­schwun­den.
Allein!
Zit­ternd wagte ich mich kaum zu bewe­gen. Noch immer waren die Stim­men in der Nähe. Jeden Nerv ange­spannt, klet­terte ich vor­sich­tig durch das Fens­ter. An dem gro­ben Plan, der die Kiste ver­deckte, stan­den ein Beam­ter und ein Zivi­list. Lange lag ich in zit­tern­der Angst. Jede Bewe­gung schreckte mich auf.
Jetzt kamen die Män­ner zurück. Weg­lau­fen? Sie gin­gen vor­über.
Schon lange war es still gewor­den. Noch lag ich und wagte mich nicht zu rüh­ren. Lang­sam und vor­sich­tig stieg ich vom Wag­gon. Da ging die Tür des Bahnwär­terhäuschens auf. Blitz­ar­tig ver­schwand ich unter dem gro­ßen Zelt­plan. Zwi­schen zwei Kis­ten legte ich mich auf eine wei­che Masse. Unend­lich lange wagte ich keine Bewe­gung. Ab und zu hörte ich Stim­men und dann Trit­te. End­lich faßte ich Mut und kroch mit dem Kopf aus dem Zelt­plan. In der ster­nen­lo­sen Nacht wirkte alles ge­heimnisvoll groß und schre­ckend. Es war ein Feind, des­sen Bewe­gun­gen man nicht kannte und den man nicht sah. Kam der schwarze Schat­ten nicht näher?
Ich war 9 Jahre alt und schwur: Nie­mals wie­der! […]
Mit viel Mühe und Ängs­ten brachte ich den Sack Papier nach Hause. Es war 11 Uhr nachts, als ich ankam.
›Taugt mehr als du‹, meinte die Mut­ter zum Vater gewandt.
Mein Vater sah mich fra­gend an. Er stand noch genau so wie am Nach­mit­tag trüb an dem jetzt kal­ten Ofen.
›Woher?‹ fragte er.
›Das habe ich auf­ge­le­sen.‹
Er betrach­tete mich eine Weile schwei­gend, nickte mit dem Kopfe, seufzte leicht und ging auf und ab.
›Daß du mir keine Dumm­hei­ten machst. Du hast’s nicht gestoh­len?‹
›Wo soll ich denn das gestoh­len haben?‹ ant­wor­tete ich.
1,45 Bil­lio­nen erhielt ich für das Papier. Für das Geld beka­men wir am 21. Okto­ber 1923 – mein jüngs­ter Bru­der hatte gerade Geburts­tag – ein Mit­tag­essen. Wenn ich nicht irre, war etwas Speck dazwi­schen.

Herkunft und Kindheit Samuel Glesels

In der Erzäh­lung »Aus der Hit­zels­gasse« begeg­nen uns neben dem Prot­ago­nis­ten Samuel Gle­sel und sei­nen Eltern eine Reihe von Orten wie die Bür­ger­aue, die Hit­zels­gasse, der Brühl, Böhm aus der Markt­straße und schließ­lich Sieb­le­ben, womit deut­lich wird, dass die Geschichte in Gotha spielt. In der titel­ge­ben­den Hit­zels­gasse ist unschwer die zwi­schen Bür­ger­aue und Markt gele­gene Hüt­zels­gasse zu erken­nen. Otto Böhm betrieb in der Markt­straße 11 ein Lebens­mit­tel­ge­schäft; seit 1908 ziert das von ihm errich­tete Wohn- und Geschäfts­haus eine Kogge, die bis heute an der Fas­sade zu sehen ist. Gotha also.

Diese Geschichte, die in ihrer Nüch­tern­heit bedrückt, macht die Ver­bin­dung des Schrift­stel­lers Samuel Gle­sel zu sei­ner Hei­mat­stadt Gotha sicht­bar. Wer war nun die­ser Samuel Gle­sel, über den man bis heute in Gotha und anderswo kaum etwas weiß. Er wurde am 10. Juli 1910 in Chrzanów [Scha­now] in Polen gebo­ren. Seine Eltern, Liba und Mor­de­chay Gle­sel, flo­hen vor der Armut nach Deutsch­land, wo sie von 1913 bis 1924 leb­ten. In Gotha wohn­ten sie zunächst in der Moh­ren­straße 2, 1914 in der Schwab­häu­ser Straße 7, 1915 in der Augus­ti­ner­straße 1, 1916 in der Augus­ti­ner­straße 10, 1917 in der Mar­ga­re­then­straße 14, 1921 am Berg 7, ab 1922 dann in der Hüt­zels­gasse 33. Der Vater arbei­tete als Han­dels­mann, sprich ambu­lan­ter Händ­ler, die Mut­ter war von 1916 bis 1922 Inha­be­rin einer Weiß- und Woll­wa­ren­hand­lung. Die Infor­ma­tio­nen über die Wohn­orte der Fami­lie Gle­sel gab der Gothaer Diet­rich Lif­fert in einem Brief an Wulf vom 8. Okto­ber 1989.

Zu den weni­gen Doku­men­ten, die es über das Leben der Fami­lie Gle­sel in Gotha gibt, gehö­ren zwei Bände mit Erzäh­lun­gen von Samuel Gle­sel, die 1935 in der Sowjet­union in deut­scher Spra­che erschie­nen. In dem Buch »Deutsch­land ges­tern und heute«, das 1935 im Staats­ver­lag der natio­na­len Min­der­hei­ten der USSR erschien, ist auch die Erzäh­lung »Ein Mit­tag­essen« ent­hal­ten, die in Gotha spielt.

Aus der Hitzelsgasse

Ich hatte wie­der die Schule geschwänzt. Sie hing mir samt mei­nem Leh­rer zum Halse her­aus. Seit fünf Tagen hatte ich kein war­mes Essen gehabt. Unsere dunkle Hof­wohnung hatte sich in eine hung­rige Höhle ver­wan­delt. Meine Eltern gin­gen ver­bis­sen herum und such­ten Gele­genheit, sich anzu­fah­ren und los­zu­brül­len. – Für den Nach­mit­tag hatte ich mich mit dem klei­nen Fritz aus der Gasse ver­ab­re­det, um wie­der auf den Markt „ein­kau­fen“ zu gehen. Wie es hieß, waren neue Händ­ler ange­kom­men.
›Wenn er nicht bald kommt, muß ich mich ver­duf­ten. Die Jun­gens aus der Schule kom­men hier vor­bei!‹
Fritze kam und kam nicht. – Die Bür­ger­aue lag um diese Zeit still und in fried­li­cher Fülle da. Zwei Rei­hen Kas­ta­ni­en­bäume mit sau­be­ren Häus­chen. Links stand das große Gym­na­sium. Nei­disch betrach­te­ten wir täg­lich die schö­nen sat­ten Gesich­ter, die sau­be­ren Anzüge und die in Per­ga­ment­pa­pier ein­ge­wi­ckel­ten, appe­tit­li­chen Stul­len der höhe­ren Schü­ler.
Es war Vier­tel­eins. Wenn wir die Mit­tags­pause verfehl­ten, mußte das ›Ein­kau­fen‹ ins Was­ser fal­len.
Da – in mei­ner Schule schellte es. Die Schü­ler stürm­ten her­aus. Einer dreis­ten Ein­ge­bung fol­gend, blieb ich ste­hen. ›Ich aus­krat­zen? – Nun grade nicht! Ich werde es Ihnen schon sagen!‹ Und ich blieb.
Den Ran­zen in der Hand, kamen meine Mit­schü­ler her­aus­ge­stürzt. Der kleine Schrö­der sah mich zuerst: ›Ah – Schul­schwän­zer! Schul­schwän­zer.‹ Alle Augen rich­te­ten sich auf mich. ›Na warte! Warte! – Der Leh­rer hat schon gesagt, du kommst in die Für­sorge!‹
Für­sorge – das traf. Alles ver­schwand im Nu zu nichts: der Hun­ger, der Markt, Fritz, meine Eltern – nur Für­sorge, Für­sor­gean­stalt blieb. – Wie vom Teu­fel gejagt, lief ich durch die Stra­ßen. An einer Ecke rannte ich Frit­zen bei­nahe um: ›Ich kann nicht mehr!‹ schrie ich ihm wütend zu. Dann lie­fen große, heiße Trä­nen über mein Gesicht, hilf­los und ver­bit­tert suchte ich nach einem Aus­weg. ›Ich, ich in die Für­sorge? – Für­sorge! – Ich gehe ins Was­ser, schneide mir mit dem Mes­ser – nein, nein, ich will nicht… ich habe nichts gemacht. … dort wird man mich schla­gen … nichts zu essen … dunkle Zelle … nein, nein, nein!‹
Die Mut­ter erschrak. Das Gesicht des Vaters wurde bleich und starr. Dann schrie die Mut­ter auf: ›Mein Sohn in die Für­sorge? – Solange ich lebe, nicht!‹ Sie schlug sich daß große Woll­tuch um, ging zu Roseners und kam mit einem Betrag zurück, der bis Ber­lin reichte. Dort hatte Vater Ver­wandte.
Um sechs Uhr abends stand ich neben mei­ner Mut­ter an der Hal­te­stelle der Stra­ßen­bahn am Markt­platz. Ich steckte in Lum­pen, hatte’n Kan­ten har­tes Brot bei mir und eine Mark zwan­zig außer dem Fahr­geld. Mut­ter hatte es eilig; sie mußte arbei­ten gehn. Sie sah mich an; ihre Lip­pen bogen sich Sekun­den, als ob sie etwas schlu­cken wollte. Aus dem Auge zwängte sich eine Träne, dann ver­zog Mut­ter das Gesicht, die Augen­brauen straff­ten sich, die Fal­ten auf der Stirn tra­ten her­vor; sie sagte nur: ›Sei vor­sich­tig! Sieh zu, daß du durch­kommst!‹ Sie drückte mir die Hand, noch bevor die Stra­ßen­bahn gekom­men war, und ging eilig, als wenn sie jemand jagte.
Als ich die Mut­ter über den Markt­platz an dem gro­ßen Rat­haus vor­bei in die Hit­zels­gasse gehen sah, wollte ich ihr erst nach­lau­fen. ›Mut­ter!‹ – Wenn sie stirbt! – Nein, nein, nein! – Für­sorge?!
Den Brühl her­auf ächzte die Stra­ßen­bahn, und ich stieg ein. Es ging durch die Erfur­ter Straße. Die gro­ßen Waren­häu­ser stan­den wie immer gefüllt und mäch­tig. Wir bogen in die lange Bahn­hof­straße ein. – Der Bahn­hof. Links davon die alte Eiche. Wie oft war ich da schon rauf­geklettert!?
Der Pfer­de­händ­ler Men­delsohn stand seit­lich der Eiche, am Hügel. Er beob­ach­tete eine Frau, die unter der Bahn­hofsbrücke hin- und her­lief. Als sie weg­ging, atmete er erleich­tert auf und schwang sei­nen Spa­zier­stock. Nur wenige Men­schen beweg­ten sich dem Bahn­hof zu. Ihre schwar­zen Schat­ten eil­ten ihnen vor­aus. In schnel­lem Schritt kam eine Ange­stellte von Böhm aus der Markt­straße. Sie wohnte in Sieb­le­ben und fuhr sonst mit dem Achtuhr­zuge nach Hause. Heute hatte sie sich ver­spä­tet. Als der Tier­händler Men­delsohn sie sah, eilte er auf den Weg und rief ihr zu: ›Na, Fräu­lein, da haben Sie den Zug wie­der ver­paßt! Is ja schon weg!‹ – ›Nein, wirk­lich?‹ fragte sie ver­dutzt und halb ärger­lich die Ver­käu­fe­rin. ›Na, fahr’n Sie mit dem Nächs­ten! Gehn wir solange ein Stück spa­zieren!‹ – Men­delsohn schlen­kerte wie­der mit dem Stöck­chen. Sie zögerte eine Weile, ging dann aber.
Ich kaufte ein Bil­lett, ging durch die Sperre, warf noch einen letz­ten Blick auf den Güter­bahn­hof, dachte an Fritz und den Markt und ver­schwand in einem Abteil des Zu­ges ›nach Ber­lin‹.

Samuel Glesel – Von Gotha in die Welt

Der 1910 in Chrzanów, Polen gebo­rene Samuel Gle­sel kam 1913 mit sei­nen Eltern nach Deutsch­land, wo die Fami­lie bis 1924 in Gotha lebte. Gle­sel ging dann nach Ber­lin, schloss sich kom­mu­nis­ti­schen Ver­bin­dun­gen an, ging 1932 in die UdSSR, wo er 1937 als eines der ers­ten Opfer von Sta­lins »Gro­ßer Tschistka« ermor­det wurde. Sein Schick­sal steht pars pro toto für die poli­ti­schen Ver­wer­fun­gen des 20. Jahr­hun­derts. Im Jahr 2015 setzte die Stadt Gotha gemein­sam mit der Nach­fah­ren Samuel Gle­sels einen Gedenk­stein auf dem Jüdi­schen Fried­hof in Gotha.

Von Samuel Gle­sel und sei­ner Fami­lie läßt sich eine Par­al­lele zie­hen zur jüdi­schen Fami­lie Katz, die etwa zeit­gleich wie die Gle­sels aus Gali­zien nach Gera kamen. Herz Wolf Katz, vier Jahre älter als Samuel Gle­sel, gelang die Flucht vor den Natio­nal­so­zia­lis­ten. In den USA schrieb er die bei­den Romane »Die Fisch­manns« und »Schloß­gasse 21«, die ihn welt­be­rühmt mach­ten. Seine Eltern und die meis­ten Ange­hö­ri­gen sei­ner Fami­lie star­ben in den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Todes­la­gern.

Für uns in der Gegen­wart bleibt zu kon­sta­tie­ren, daß die Her­kunft eines Men­schen unab­än­der­lich ist, Hei­mat aber vie­ler­orts ent­ste­hen kann. Samuel Gle­sel erlebte in Gotha prä­gende Jahre sei­ner Kind­heit. Indem wir uns heute für ihn und sein Schick­sal inter­es­sie­ren und an ihn in Gotha erin­nern, beken­nen wir uns zu ihm und zu unse­rer Geschichte.

Fragen an Verena Zeltner

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?
Thü­rin­gen ist meine Hei­mat, ich lebe gern hier.

 

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?
Immer neue Ideen und Bil­der im Kopf.

 

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?
Nein.

 

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?
Feste Schreib­stun­den habe ich nicht, weil es dane­ben viel zu tun gibt: altes Haus, rie­sen­gro­ßes Grund­stück, Ver­sor­gung der Tiere, Nach­bar­schafts­hilfe …

 

5. Ihr Lieb­lings­ort – – in Thü­rin­gen oder anderswo?
Flo­renz und die Tos­cana.

 

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?
In einer Grund­schule, da hat ein ein­zi­ger Satz genügt.

 

7. Ihr Lieb­lings­buch?
Da gibt es nicht nur eines – ganz spon­tan fal­len mir da z. B. ein „Als ich ein klei­ner Junge war“ (Erich Käst­ner) und »Astrid Lind­gren – ein Leben in Bil­dern« …

 

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?
Nein.

 

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

 

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?
Natur und Umwelt­schutz.

 

11. Was ist für Sie Stil?

 

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

 

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?
Lust auf Bücher und Lesen habe ich immer.

 

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?
… ändert sich immer mal.

 

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

Jens Kirsten – »The question of agency – the survival of culture. Zu Homi Bhabhas Verständnis von Kultur als kultureller Differenz und kultureller Diversität«

Homi K. Bhabha ist einer der füh­ren­den Theo­re­ti­ker des post­ko­lo­nia­len Dis­kur­ses. Er lehrt an der Har­vard Uni­ver­sity in Cam­bridge, wo er das inter­dis­zi­pli­näre For­schungs­zen­trum ›Mahin­dra Huma­nities Cen­ter‹ lei­tet. Am 22. April 2018 ist er auf Ein­la­dung der Deut­schen Shake­speare-Gesell­schaft in Wei­mar und hält zur Früh­jahrs­ta­gung der Gesell­schaft, die 2018 unter dem Thema »Flucht – Exil – Migra­tion« steht, den Fest­vor­trag zum Thema »On Dignity and Death: The Lite­ra­ture of Sur­vi­val«.

Aus die­sem Anlass möch­ten wir mit nach­ste­hen­dem Auf­satz, der sich vor allem mit sei­nem 1994 erschie­ne­nen Buch »The loca­tion of cul­ture« befasst, zur Aus­ein­an­der­set­zung mit dem post­ko­lo­nia­len Dis­kurs, der kul­tu­rel­len Diver­si­tät und dem von Homi Bhabha gepräg­ten Begriff des »drit­ten Ortes« anre­gen, mit denen er sich seit vie­len Jah­ren aus­ein­an­der­setzt.

Für alle, die sich für die gegen­wär­ti­gen gesell­schaft­li­chen Umbrü­che in Europa und welt­weit inter­es­sie­ren, bie­tet der Vor­trag von Homi Bhabha eine ein­ma­lige Gele­gen­heit, das eigene Den­ken zu erwei­tern und einen der fas­zi­nie­rends­ten Den­ker der Gegen­wart ken­nen­zu­ler­nen.

 

»Jour­bon tess­trise.« Das ist nicht der Anfang eines Gedich­tes von Tris­tan Tzara, son­dern ver­lan, die Spra­che der Jugend­li­chen in den Ban­lieus von Paris und bedeu­tet »Bon­jour tris­tesse.« Was hat ver­lan mit dem post­ko­lo­nia­len Dis­kurs zu tun? Zum einen ist es die Spra­che von Jugend­li­chen, die aus Afrika, aus dem Maghreb aber auch aus ver­arm­ten fran­zö­si­chen Arbei­ter­fa­mi­lien stam­men, zum andern ist ver­lan eine Spra­che, die bei­spiel­haft für die Fra­gi­li­tät von Iden­ti­tät ist, die deut­lich macht, was es mit der »Arbi­tra­rie­tät des Zei­chens« bei Homi Bhabha auf sich hat. Denn ver­lan ist keine Vor­ort­spra­che, die – wie man in Paris vor­schnell meinte – Inte­gra­tion und Domes­ti­zie­rung bedeu­tet; ver­lan ist ein Ana­gram auf das Wort envers und beruht auf der Ver­dre­hung der Buch­sta­ben­an­ord­nung aber auch auf der Erfin­dung von Wort­for­men. SNCF, die Initia­len der fran­zö­si­schen Eisen­bahn, las­sen sich auf ver­lan als »savoir niquer comme Fatima« lesen. Ver­lan ist eine Mischung aus fran­zö­si­schem Argot,  ara­bi­schen, ita­lie­ni­schen und schwarz-afri­ka­ni­schen Begrif­fen und kann bei Bedarf schnell geän­dert wer­den, etwa wenn die Rei­chen-Leute-Kin­der aus den wohl­ha­ben­den Vier­teln auch anfan­gen ver­lan zu spre­chen, weil es »chic« ist.

Post­ko­lo­niale Stu­dien set­zen da an, wo durch ideo­lo­gi­sche Dis­kurse der Moder­ni­tät das Bild einer hege­mo­ni­schen »Nor­ma­li­tät« ver­mit­telt wird. Das post­ko­lo­niale Pro­jekt ver­sucht der­ar­tige soziale »Krank­heits­bil­der« zu erfor­schen, die sich nicht auf Klas­sen­ge­gen­sätze redu­zie­ren las­sen, son­dern in einer brei­ten Streu­ung geschicht­li­cher Mög­lich­kei­ten bestehen. Um kul­tu­relle Unter­schiede auf­zu­zei­gen, reicht es nicht aus, tra­di­tio­nelle Mus­ter mit ande­ren Inhal­ten und Sym­bo­len zu ver­se­hen, son­dern es bedarf vor allem eines ande­ren gedank­li­chen Zeit­kon­zep­tes, in dem die ent­ste­hen­den Geschich­ten geschrie­ben wer­den kön­nen. Die Unbe­stimmt­heit der Mög­lich­kei­ten zeugt von kon­flik­ti­ver Pro­duk­ti­vi­tät, die ihren Aus­druck in der Arbi­tra­rie­tät des kul­tu­rel­len Signi­fi­kats fin­det. Dabei geht es jedoch nicht um die Wech­sel­be­zie­hung hier Kanon, da Mar­gi­na­li­tät, son­dern um die Idee, dass Kul­tur immer die unebene, unvoll­stän­dige Pro­duk­tion von Bedeu­tung und Wert ist, die aus dem Akt des sozia­len Über­le­bens resul­tiert. Kul­tur als Über­le­bens­stra­te­gie ist trans­na­tio­nal und trans­la­tio­nal. Das heisst nichts ande­res, als dass der ver­ei­nende, ver­bin­dende Begriff  der Nation neu gedacht wer­den muss. Das Auf­ein­an­der­tref­fen und das Ver­han­deln unter­schied­li­cher Mei­nun­gen und und Werte inner­halb einer »kolo­nia­len Tex­tua­li­tät« erhält eine para­dig­ma­ti­sche Bedeu­tung für die west­li­chen Kul­tu­ren der Zukunft. Auf die Bedeu­tung des Zei­chens zurück­grei­fend, stellt Homi Bhabha in sei­nem Buch »The loca­tion of cul­ture« von 1994 die Frage, wie des­sen Dekon­struk­tion, – die Beto­nung von Unbe­stimmt­heit in kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Wert­ur­tei­len –, unsere Auf­fas­sung vom Sub­jekt der Kul­tur ver­än­dern kann. Nach sei­ner Ansicht kann dies durch die Infra­ge­stel­lung der »grand nar­ra­ti­ves« der Lite­ra­tur des west­li­chen Kanons gesche­hen.

Mit der Kon­sti­tu­ie­rung von unter­schied­li­chen trans­gres­si­ven Dis­kur­sen (Frauen, Schwarze, Homo­se­xu­elle) zeigt sich, dass die »Zei­chen«, die sol­che Geschich­ten und Iden­ti­tä­ten kon­stru­ie­ren, nicht nur unter­schied­li­che Inhalte haben, son­dern oft unter­ein­an­der nicht kom­pa­ti­ble Sys­teme bil­den wie bestimmte lin­gu­is­ti­sche Codes. Homi Bhabha ver­weist auf Stuart Hall, der das lin­gu­is­ti­sche Zei­chen meta­pho­risch als ideo­lo­gi­sches Zei­chen ver­wen­det. Das ideo­lo­gi­sche Zei­chen ist immer mul­ti­ak­zen­tu­ell und kann dis­kur­si­visch rear­ti­ku­liert wer­den, wobei neue Bedeu­tun­gen ent­ste­hen, das heisst, das Ideo­lo­gie immer durch arbi­träre, nicht natür­li­che Schlüsse gekenn­zeich­net ist. Nach Auf­fas­sung Bhabhas wird das Kon­strukt der plu­ra­lis­ti­schen Exis­tenz kul­tu­rel­ler Diver­si­tät abge­löst durch die Frage nach kul­tu­rel­ler Unter­schied­lich­keit in Ver­bin­dung mit dem Gedan­ken der Inko­men­sura­bi­li­tät – wir kön­nen den Ande­ren nicht voll­stän­dig ver­se­hen, ein sol­ches Unter­fan­gen würde einer Ver­ein­nah­mung gleich­kom­men.

Kul­tu­relle Unter­schiede ent­ste­hen in der sozia­len Krise, und die Frage nach der Iden­ti­tät stellt sich ent­we­der aus der Posi­tion der Mar­gi­na­li­tät oder sie äußert sich im Ver­such, das Zen­trum zu errei­chen – beide Male »ex-zen­trisch«. Für Bhabha wird das Sub­jekt der Kul­tur von einem Ansatz der Kul­tur als Erkennt­nis­theo­rie zum Anatz der Kul­tur als Aus­druck, als Erklä­rung ver­la­gert, der per­ma­nent ver­sucht, die poli­ti­sche For­de­rung nach kul­tu­rel­ler Prio­ri­tät zu relo­ka­li­sie­ren und neu zu schrei­ben. In die­ser Ver­la­ge­rung sieht Homi Bhabha die Mög­lich­keit für andere Zei­ten (neue Zei­ten) kul­tu­rel­ler Bedeu­tung (rück­wir­kend, vor­aus­deu­tend) und andere nar­ra­tive Räume (trü­ge­ri­sche, meta­pho­ri­sche). Anschau­lich wird diese Ver­la­ge­rung an einem sei­ner Bei­spiele aus der Musik: Dub, Rap und Scratching sind Aus­druck  des offe­nen Gefühls schwar­zer Kol­lek­ti­vi­tät: Es stellt sich die Frage, ob das mit der Offen­heit so stimmt, wenn man an z. B. an sprach­li­che Kodes der Abgren­zung denkt wie das ver­lan. Gleich­zei­tig räumt Bhabha jedoch ein, dass das Kon­zept der »neuen Zei­ten« nicht ver­ständ­lich wer­den kann, wenn nicht erklärt wird, dass und wes­halb die Spra­che als Meta­pher, im Sinne Stuart Halls, einem Para­dox unter­liegt.

Indem die Sprach­me­ta­pher einen Raum eröff­net, wo theo­re­ti­sche Offen­le­gung dazu benutzt wird, über die Theo­rie hin­aus­zu­ge­hen, argu­men­tiert Bhabha, gibt sich diese »über­schrei­tende Theo­rie« selbst als plötz­li­che Bewusst­wer­dung von Bedeu­tung (limi­nal form of signi­fi­ca­tion) zu erken­nen, die ihrer­seits einen Raum für mög­li­che, nicht vor­her­be­stimmte Arti­ku­la­tion sozia­ler Erfah­rung schafft, die beson­ders wich­tig für ent­ste­hende kul­tu­relle Iden­ti­tä­ten ist. Diese Art der Arti­ku­la­tion ist nicht an einen Autor gebun­den, son­dern viel­mehr spie­gelt sie soziale Erfah­rung als die Mög­lich­keit von Geschichte wider, wobei der Aspekt des Mög­li­chen Kor­rek­tu­ren zulässt. Bhabha stellt die Über­schrei­tung der Theo­rie in den Kon­text der Über­le­gun­gen von Roland Bar­t­hes, der sich in »Le plai­sir du text« mit dem kul­tu­rel­len Raum »außer­halb des Sat­zes« aus­ein­an­der­setzte. Dem­nach fin­det man in der Über­schrei­tung der Teo­rie nicht nur eine binäre Opo­si­tion wie »Theo­rie – Pra­xis«, son­dern auch ein »außer­halb«, dass die Arti­ku­la­tion die­ser zwei Pole in eine pro­duk­tive Bezie­hung stellt.

Der Ansatz von Roland Bar­t­hes zielt dar­auf ab, dass die Hier­ar­chie und Sub­or­di­nie­rung des Sat­zes – im Sinne der prä­di­ka­ti­ven Syn­tax – durch die Dis­kon­ti­nui­tät des Tex­tes ersetzt wird. Hier stellt sich die Frage nach der Satz­theo­rie, die Bar­t­hes zugrunde legt. In eini­gen lin­gu­is­ti­schen Ansät­zen geht man nicht vom Satz im Sinne etwa der Duden­gram­ma­tik aus, son­dern legt dis­kur­sive Ein­hei­ten zugrunde. Was aus dem ent­steht, ist etwas, das Bar­t­hes als »wri­ting aloud«, als lau­tes Schrei­ben bezeich­net, wozu z. B. Worte, die einem durch den Kopf gehen, Teile von For­meln, Glä­ser­klin­gen, Stüh­le­rü­cken, ein sich Räus­pern, Spra­chen, die sich ver­mi­schen, usw. zäh­len. In bezug auf das »außer­halb« des Sat­zes sagt Homi Bhabha, dass  es sich dabei um ein hybri­des Moment han­delt, wel­ches halb Erfah­rung halb Kon­zept, teils Traum, teils Ana­lyse, weder Signi­fi­kat noch Signi­fi­kant ist, das man nicht begrei­fen kann, wenn man nur das Lehr­hafte oder Aus­le­gende daran sucht. Die­ser Zwi­schen­raum zwi­schen Theo­rie und Pra­xis bricht mit der dis­zi­pli­nä­ren semio­lo­gi­schen For­de­rung, um alle Spra­chen in Hör­weite auf­zu­zäh­len. Bar­t­hes‹ »Tag­traum« ist ergän­zend, nicht alter­na­tiv zu ver­ste­hen. Das heisst für Bhabha, die per­for­ma­tive Struk­tur des Tex­tes offen­bart eine Tem­po­ra­li­tät des Dis­kur­ses, durch die eine nar­ra­tive Stra­te­gie eröff­net wird, die das Auf­tau­chen und die Ver­hand­lung neuer Hand­lungs­trä­ger ermög­licht (Mar­gi­na­li­sierte, Min­der­hei­ten, Sub­al­terne, Ver­trie­bene), die uns anre­gen, über die Theo­rie hin­aus­zu­den­ken.

Um die Idee eines »außer­halb des Sat­zes« zu ver­an­schau­li­chen, fin­det Bhabha die Stadt Tan­ger, deren sich wie­der­ho­lende Zeit­lich­keit jen­seits der west­li­chen Sprach­räume steht und dis­junk­tive sowie inko­men­sura­ble Bezie­hun­gen von Räum­lich­keit und Zeit­lich­keit inner­halb des Zei­chens ver­sinn­bild­licht. Tan­ger wird zum Zei­chen des »Nicht-Sat­zes«, das auf das »wri­ting aloud« von Bar­t­hes ver­weist. Die Frage nach dem Sub­jekt des Dis­kur­ses, die sich damit ver­bin­det, ist die, ob es ein sozia­les Sub­jekt des »Nicht-Sat­zes« geben kann. Ebenso stellt sich die Frage nach der Mög­lich­keit eines his­to­ri­schen Hand­lungs­trä­gers. Der Hand­lungs­trä­ger die­ses Dis­kur­ses lässt sich in einer Struk­tur der Bedeu­tungs­ver­hand­lung aus­ma­chen, die nicht als frei trei­ben­der Man­gel an Zeit son­dern als Ver­zö­ge­rung der Zeit, als time-lag, als ein Moment der Mög­lich­keit – in der Bedeu­tung eines Schlus­ses zu ver­ste­hen ist. Das heisst nicht, dass es eine strenge Kau­sa­li­tät zwi­schen Tan­ger als dem Beginn der Aus­sage und dem »wri­ting aloud« als einem Ende oder einem Schluss gibt, son­dern, dass es kein frei trei­ben­des Bezeich­ne­tes (signi­fié) oder eine Unbe­grenzt­heit tex­tu­el­ler Pro­duk­tion gibt. Viel­mehr exis­tiert die kom­ple­xere Mög­lich­keit, Bedeu­tung und Hand­lung durch die Zeit­ver­zö­ge­rung inner­halb des Zei­chens (Tan­ger) und der Initi­ie­rung eines Dis­kur­ses  zu ver­han­deln.

Die Zeit­ver­zö­ge­rung eröff­net den Ver­hand­lungs­raum zwi­schen der Fra­ge­stel­lung an das Sub­jekt und der Wie­der­ho­lung des Sub­jekts um das »weder-noch« des drit­ten Ortes herum. Dadurch kon­sti­tu­iert sich das han­deln­den Sub­jekt in sei­ner Wie­der­kehr als ein fra­gen­der Hand­lungs­trä­ger in einer katach­res­i­schen Posi­tion, in der er Sprach­bil­der, Meta­phern ver­mischt. Die­ser dis­junk­tive Raum der Tem­po­ra­li­tät ist der Ort der sym­bo­li­schen Iden­ti­fi­zie­rung, der den inter­sub­jek­ti­ven Bereich struk­tu­riert  – den Bereich der Anders­ar­tig­keit – wo wir uns mit dem Ande­ren iden­ti­fi­zie­ren kön­nen, und zwar an dem Punkt wo sich der andere als unnach­ahm­lich, als unver­wech­sel­bar zeigt. Die­ses Moment der Iden­ti­fi­ka­tion pro­du­ziert eine sub­ver­sive Stra­te­gie sub­al­ter­nen Han­delns, das zwar eines Fun­da­men­tes bedarf, nicht jedoch einer Tota­li­sie­rung die­ser Gründe. Die Indi­vi­dua­li­sie­rung des Han­deln­den geschieht im Moment der Ver­la­ge­rung. Das Moment der Indi­vi­dua­li­sie­rung des Sub­jekts ent­steht als ein Effekt des Inter­sub­jek­ti­ven – in der Rück­kehr des Sub­jekts als Han­deln­der. Das bedeu­tet, dass die Teile des sozia­len Bewusst­seins, die zum Han­deln auf­ru­fen, nun­mehr außer­halb der Erkennt­nis gedacht wer­den, die ein Sub­jekt immer als dem Sozia­len über­ge­ord­net betrach­tet.

Zur Rolle sprach­li­cher Kom­mu­ni­ka­tion sagt Bhabha unter Ver­weis auf Michail Bach­tin, dass die räum­li­chen Gren­zen des Objekts der Aus­sage sich der Rede des Ande­ren annä­hern, aber die Anspie­lung auf die Ausage eines Ande­ren schafft eine dia­lo­gi­sche Folge – ein Moment der Unbe­stimmt­heit der Adres­siert­heit, das inner­halb der Rede Platz schafft, für nicht ver­mit­telte respon­sive Reak­tio­nen und dia­lo­gi­schen Nach­hall. Bestimmte lin­gu­is­ti­sche Ansätze gehen davon aus, dass es so etwas wie einen Mono­log nicht gibt, son­dern jede Äuße­rung, auch der »innere Mono­log« immer dia­lo­gi­schen Cha­rak­ter auf­weist, also ein Dia­log mit sich selbst ist. Für Bach­tin bedeu­tet das, dass sich die Aus­sage als höchst kom­ple­xes und viel­schich­ti­ges Phä­no­men zeigt, wenn man es nicht iso­liert und in bezug auf ihren Autor betrach­tet, son­dern als ein Glied in der Kette der Kom­mu­ni­ka­tion. Homi Bhabha sieht in die­sem Kon­ti­nuum der Kom­mu­ni­ka­tion eine Land­schaft von Echos und ambi­va­len­ten Gren­zen, durch die der Han­delnde, der »nicht mehr im Zustand von Adam ist«, in der sozia­len Sphäre des Dis­kur­ses auf­taucht. Zur Unter­stüt­zung sei­ner Über­le­gun­gen zieht Bhabha Han­nah Arendt zu Rate.

Nach deren Mei­nung führt die Unzu­ver­läs­sig­keit der Zei­chen das Ele­ment der Per­ple­xi­tät in den sozia­len Text ein. Für Arendt ist der unsicht­bare Autor eine Erfin­dung, die aus der men­ta­len Per­ple­xi­tät ent­steht, die zu kei­ner rea­len Erfah­rung kor­re­spon­diert. Durch die Per­ple­xi­tät kön­nen wir den Han­deln­den iso­lie­ren, der eine Hand­lung in Gang setzt und der oft zugleich der Prot­ago­nist die­ser Hand­lung ist aber wir kön­nen ihn nicht zugleich sicher als  den Autor sei­nes Erschei­nens, sei­ner In-Szene-Set­zung, erken­nen. Diese Struk­tur inter­sub­jek­ti­ven Rau­mes zwi­schen Han­deln­den bezeich­net Arendt als das mensch­li­che Inter­esse, als Dazwi­schen­sein. In die­sem sich Ent­fer­nen des Bezeich­ne­ten (signi­fié), in die­sem Simu­la­crum, das an die Stelle des Autors rückt, sieht sie einen deut­li­chen Ver­weis auf die poli­ti­sche Natur der Geschichte. Wenn Arendt wei­ter argu­men­tiert, dass die Rei­fi­zie­rung (ein Begriff der weit­ge­hend als Ent­frem­dung bestimmt wer­den kann) des Han­deln­den nur durch eine Art Wie­der­ho­lung gesche­hen kann, durch die Imi­ta­tion der Nach­ah­mung, so geht Bhabha nicht mit ihr kon­form, da ihr Kon­zept sozia­ler Mime­sis soziale Mar­gi­na­li­sie­rung als Pro­dukt des libe­ra­len Staa­tes nicht beach­tet.

Wie schon an ande­rer Stelle deut­lich gewor­den ist, argu­men­tiert Bhabha, dass ein mensch­li­ches Zusam­men­ge­hö­rig­keis­ge­fühl, das nicht ohne kul­tu­relle Unter­schiede und Dis­kri­mi­nie­rung gedacht wer­den kann, sowohl die Kräfte hege­mo­ni­scher Auto­ri­tät, als auch Soli­da­ri­tät und sub­al­ter­nes oder mino­ri­täe­res Han­deln ein­schließt. Einen Ansatz­punkt für Ver­hand­lun­gen sieht er in der Hand­lung, die auf Revi­sion und Neu­schrei­bung der Geschichte zielt: in dem Ver­such den »drit­ten Ort«, den inter­sub­jek­ti­ven Bereich, neu zu ver­han­deln. Der Pro­zess der Neu­schrei­bung und Neu­ver­hand­lung voll­zieht sich im zeit­li­chen Bruch zwi­schen dem Zei­chen, der Sub­jek­ti­vi­tät ent­äu­ßert, im Bereich des Inter­sub­jek­ti­ven. Aus die­ser Zeit­ver­zö­ge­rung erwächst der Pro­zess der Hand­lung als his­to­ri­sche Ent­wick­lung und als die nar­ra­tive Hand­lung des his­to­ri­schen Dis­kur­ses. Moderne und Post­mo­derne kon­sti­tu­ie­ren sich aus der mar­gi­na­len Per­spek­tive kul­tu­rel­ler Dif­fe­renz. Homi Bhabha sagt über die­sen Pro­zess:

»They encoun­ter them­sel­ves con­tin­gently at the point at which the inter­nal dif­fe­rence of their own society is rei­tera­ted in terms of the dif­fe­rence of the other, the alterity of the post­co­lo­nial site.«

Heinrich Seidel – »Thüringische Kartoffelklöße«

Das Leben jedes ech­ten Thü­rin­gers ist gleich­sam mit einer Per­len­schnur von Kar­tof­fel­klö­ßen durch­floch­ten, und seine Augen leuch­ten, wenn er nur den Namen die­ses für ihn so köst­li­chen Gerich­tes aus­spre­chen hört.

Ganz beson­ders in der Fremde nimmt der Kar­tof­fel­kloß für ihn einen gera­dezu sym­bo­li­schen Cha­rak­ter an, er bedeu­tet ihm die Hei­mat mit all dem Lieb­li­chen, Hol­den und Trau­ten, das für den trotz­dem so wan­der­lus­ti­gen Deut­schen mit die­sem Worte ver­knüpft ist, und haben sich irgendwo in der wei­ten Welt Thü­rin­ger um dies köst­li­che Gericht zusam­mengefunden, so ver­zeh­ren sie es mit lyri­schen Empfindun­gen, und den wei­che­ren unter ihnen wer­den die Augen feucht. Ange­hö­rige des kräf­ti­gen und aus­dau­ern­den Volks­stammes der Thü­rin­ger sind über die ganze Welt ver­brei­tet, und über­all, wohin sie gelan­gen, ver­mö­gen sie zu gedei­hen, sofern das Land Kar­tof­feln her­vor­bringt. Denn die grü­nen Berge, die rau­schen­den Wäl­der, die lieb­li­chen Täler, die rie­selnden Bäche sei­nes Hei­mat­lan­des ver­mag der Thü­rin­ger zu ent­beh­ren, nicht aber das köst­li­che Gericht, an dem die hol­desten Erin­ne­run­gen sei­ner Jugend haf­ten. Davon hat mein Freund, der Afri­ka­rei­sende Dok­tor Elgers­burg, selbst ein gebo­re­ner Thü­rin­ger, ein höchst son­der­ba­res Bei­spiel berich­tet. Als die­ser vor eini­gen Jah­ren den Kongo hin­auf­fuhr, gelangte er an eine Sta­tion, wo man ihn mit Freu­den begrüßte, als man hörte, daß er ein Arzt sei, denn einer der dort ange­stell­ten Euro­päer, der, wie sich bald zeigte, eben­falls von Geburt ein Thü­rin­ger war, lag schwer krank dar­nie­der, und kei­nes der in der Sta­ti­ons-Apo­theke vor­han­de­nen Mit­tel wollte ihm hel­fen. Man führte den Dok­tor Elgers­burg zu dem Kran­ken, und die­ser erfah­rene Arzt wußte auf den ers­ten Blick, was sei­nem Lands­mann fehle. Als die wohlbe-kann­ten Laute des hei­mi­schen Dia­lek­tes an das Ohr des Pati­en­ten schlu­gen, ging ein schwa­ches Lächeln über seine schlaf­fen Züge, und in sei­nen Augen leuch­tete etwas wie Hoff­nung auf. Doch dies matte Licht erlosch bald wie­der, und mit müder Stimme sprach er dann: »Sie kön­nen mir doch nicht hel­fen, Herr Dok­tor, es geht zu Ende. Oh, wär ich doch nie in dies infame Land gekom­men!«

»Nur Mut, lie­ber Lands­mann!« sagte der Arzt, »so schlimm steht die Sache denn doch nicht. Pas­sen Sie nur auf, die Geschichte wol­len wir bald haben,«

Dann ging er hin­aus zum Chef der Sta­tion und sprach zu dem: »Ganz ein­fa­che Dia­gnose. Der Mann hat Heim­weh. Der Mann ist Thü­rin­ger. Sind Kar­tof­feln am Ort?«

Es zeigte sich, daß von der letz­ten euro­päi­schen Pro­vi­ant­sen­dung noch deren 50 Liter vor­han­den gewe­sen waren, allein diese hatte man zur Aus­saat bestimmt, und am Tage vor­her gerade waren sie in die Erde gekom­men.

»Hier han­delt es sich um ein Men­schen­le­ben!« rief der Arzt, »da müs­sen unbe­dingt ein paar Liter wie­der aus­ge­kratzt wer­den! Anders kann ich den Mann nicht ret­ten.«

Kopf­schüt­telnd schickte der Sta­ti­ons­chef auf das energi­sche Drän­gen des Dok­tors ein Neger­weib hin, und bin­nen kur­zem kam diese mit einem Korbe voll Kar­tof­feln zurück. Als nun diese geschält wur­den und solch wohl­be­kann­tes Geräusch sowie das takt­mä­ßige Plump­sen der fer­tig geschäl­ten Knol­len­früchte in den Küchen­ei­mer hör­bar ward, da war es merk­wür­dig zu sehen, wie eine sanfte Röte über das Gesicht des Kran­ken im Neben­zim­mer zog und wie sich seine Ohren spitz­ten gleich denen eines Schlacht­ros­ses, das den Klang der Kriegs­trom­pete ver­nimmt. Und als nun gar eine Reibe her­ge­schafft und die Kar­tof­feln gerie­ben wur­den, da rich­tete er sich ein wenig auf einem Arm empor und strich sich wie träu­mend mit der Hand über die Stirn. »Nun, wie ist Ihnen?« fragte der Arzt, der soeben in die Tür getre­ten war.

»Son­der­bar, höchst son­der­bar!« sprach der Kranke. »Mir ist, als träumte ich. Als wär’s Sonn­tag­vor­mit­tag und ich zu Hause bei mei­ner Mut­ter in Ilr­nenau ›unter den Lin­den‹, wo der Brun­nen vor der Türe steht.«

»Ja, ja«, rief der Arzt, »es kommt noch bes­ser, war­ten Sie nur!«

Da sonst ein geeig­ne­tes Instru­ment am Orte nicht vorhan­den war, so hatte doch der Arzt eine Kar­ten­presse ent­deckt und diese sogleich für seine Zwe­cke in Anspruch genom­men. Er schlug die Masse der gerie­be­nen Kar­tof­feln in eine Ser­viette, spannte sie ein und hieß das Neger­weib die Schrau­ben anzie­hen. Als der Kranke das Knar­ren der Schrau­ben ver­nahm und das gir­rende Rie­seln des aus­ge­preß­ten Saf­tes, da rich­tete er sich ganz auf von sei­nem Lager und sah mit glän­zenden Augen vor sich hin: »Ich weiß nicht, wie mir ist«, flüs­terte er vor sich hin, »mir wird so wohl; ich glaube, ich kann noch wie­der gesund wer­den.«

Ein wenig Weiß­brot war vor­han­den; es ward nach der Anwei­sung des Arz­tes in Wür­fel geschnit­ten und gerös­tet. Dann formte er sel­ber kunst­ge­recht aus der vor­be­rei­te­ten Masse die statt­li­chen Klöße und ver­teilte die Sem­mel­bro­cken sach­ge­mäß. Wäh­rend das Gericht nun kochte, kehrte der Dok­tor zu sei­nem Kran­ken zurück und saß in fröh­li­cher Erwar­tung zukünf­ti­ger Ereig­nisse an des­sen Lager. Doch die­ser war wie­der ganz in sich zusam­men­ge­sun­ken, der Glanz sei­ner Augen aus­ge­löscht und jeder Hoffnungsschim­mer von sei­nen Wan­gen ver­schwun­den. »Nur Mut, nur Mut!« sagte der Arzt, »die Medi­zin ist bald fer­tig.«

Nach einer Weile ent­stand drau­ßen ein Geräusch, der Dok­tor eilte hin­aus und kam mit einer mäch­ti­gen Schüs­sel damp­fen­der Kar­tof­fel­klöße wie­der zurück. Der Kranke lag abge­wen­det und rührte sich nicht. Doch plötz­lich stieg ihm der lieb­li­che Duft in die Nase. Das riß ihn empor. Er saß auf­recht, starrte mit wir­ren Bli­cken, wie wenn er einen Geist schaue, auf die Schüs­sel hin und ward rot und bleich inner­halb einer Sekunde. Dann schien ein Gefühl unsäg­li­chen Glü­ckes ihn zu über­kom­men. »Oh, du mein Herr­gott!« sagte er.

Die Schüs­sel ward vor ihn hin­ge­setzt, man stopfte ein Kis­sen hin­ter sei­nen Rücken, und nun begann der Kranke, fast zag­haft und sei­nem Glü­cke noch nicht recht trau­end, einen der Klöße kunst­ge­recht aus­ein­an­der­zu­rei­ßen. Nun sah er wohl, es war kein Traum. Dann pro­bierte er den Kloß, und als­bald lie­fen ihm die Trä­nen über die ein­ge­fal­le­nen Wan­gen. »Alles rich­tig«, mur­melte er, »gerade so wie meine Mut­ter sie macht in Ilmenau, ›unter den Lin­den‹, wo der Brun­nen vor der Türe steht.« Als­dann ver­zehrte er im Schweiße sei­nes Ange­sichts elf Kar­tof­fel­klöße, wie eine Faust groß, sank dann mit para­die­si­schen Emp­fin­dun­gen zurück in die Kis­sen und schlief vier­und­zwan­zig Stun­den hin­ter­ein­an­der weg. Er wachte auf mit einem Gefühle, als wenn seine Glie­der von Stahl und seine Gelenke Sprung­fe­dern wären, stand auf, klei­dete sich an und ging noch des­sel­bi­gen Tages auf die Elefan­tenjagd.

Ludwig Bechstein – Wo Stutzel, der Hund, begraben liegt

In Win­ter­stein, einem gro­ßen Dorfe am Fuß des Insel­bergs, das frü­her auch von lau­ter Berg­leu­ten bewohnt war, liegt ein zer­trüm­mert Schloß, das die Her­ren von Wan­gen­heim erbaut und lange besa­ßen, eine der ältes­ten Fami­lien Thü­rin­gens, davon vor­nehm­lich Fritz von Wan­gen­heim mit gro­ßen Rit­terehren genannt wurde, der­selbe, der nie vor einem Feinde geflo­hen, und von dem sich die­s­er­halb der junge Land­graf Fried­rich der Ernst­hafte in Eng­land zum Rit­ter schla­gen ließ.

Nahe bei der Ruine hin­ter einet Scheuer am Abhang eines Hügels ragt aus dem Rasen, halb ein­ge­sun­ken, ein nied­ri­ger Grab­stein empor, mit fast ver­lösch­ter Schrift, Denk­mal eines treuen Hun­des. Die­sen besaß ein Jäger­meis­ter von Wan­gen­heim, und nach ihm des­sen Witwe, im sieb­zehn­ten Jahrhun­dert; der Hund ging mit Brie­fen am Hals­band ganz allein nach Frie­den­stein auf das Schloß zu der Lan­des­herr­schaft, und auch wie­der zurück, und leis­tete durch seine Treue vie­len Nut­zen. Als er end­lich starb, erhob die Frau gro­ßes Herze­leid, ließ den Hund in einen Sarg legen, klei­dete ihre ganze Die­ner­schaft schwarz und stellte ein fei­er­li­ches Leichenbe­gängnis an. Man erzählt in Win­ter­stein, sie habe es erzwun­gen, daß der Hund auf dem Got­tes­acker beer­digt wor­den sei, allein Pfar­rer und Gemeinde hät­ten sich also sehr dawi­der gesetzt, daß er habe wie­der aus­ge­gra­ben wer­den müs­sen, wor­auf er an der Stelle ver­scharrt wor­den, wo er jetzt liegt. Scherz­haft hat sich im Ort das Sprich­wort gebil­det: In Win­terstein liegt der Hund begra­ben, und scherz­haft erzäh­len sich noch die Leute dort, es habe die Her­rin des Hun­des von ihrem Gesinde die größte Betrüb­nis, Wei­nen und Weh­kla­gen um den Hund erheischt; eine Köchin aber sei nicht zu Trä­nen zu brin­gen gewe­sen, des­halb habe sie auch kein Trau­er­kleid emp­fan­gen. Als aber die Her­rin in die Küche gekom­men, wo eben die Köchin Zwie­beln schnitt, davon ihr die Augen trän­ten, habe jene gerührt gespro­chen: Nicht wahr, nun weinst Du doch noch um den guten Stut­zel! und ihr wil­lig­lich ein Trau­er­kleid geschenkt. Die Grab­schrift des Hun­des ist zwar nicht son­der­lich, doch mag sie hier auf­ge­führt wer­den, denn an Ort und Stelle wird sie kaum noch ein Wan­de­rer entzif­fern:

1650 war der Hund begra­ben dass ihn nicht sol­len fres­sen die Raben Stut­zel war sein Name genannt bei Fuers­ten und Her­ren wol bekannt wegen sei­ner Treu und Mun­ter­keit so er sei­nen Herrn und Frauen geweiht schickt man ihn hin nach Frie­den­stein so lief er hur­tig gar allein gut hat er sein Sach aus­ge­richt drum hat er die­sen Stein gekriegt.

Henning Kreitel – »warten auf erneut. Lyrik und Photographie«

Gele­sen von Diet­mar Ebert

 

Hen­ning Krei­tel hat mit war­ten auf erneut als Lyri­ker debü­tiert. Für die­sen schön gestal­te­ten Lyrik-Band hat er seine Erfah­run­gen als Pho­to­graph genutzt. Der 1982 in Wei­mar Gebo­rene hat an der Kunst­aka­de­mie in Stutt­gart Pho­to­gra­phie stu­diert. Er lebt heute in Ber­lin, hat euro­pa­weit aus­ge­stellt und war als Pho­to­graph an den Bän­den Uff’n Bier (2015) und Gespal­tene Welt (2016) im Mit­tel­deut­schen Ver­lag betei­ligt. In war­ten auf erneut offe­riert er seine Dop­pel­be­ga­bung als Pho­to­graph und Lyri­ker. Der schmale Band ist ein sehr gelun­ge­nes Debüt und ein Ver­spre­chen auf Künf­ti­ges. Er lebt von der Kor­re­spon­denz, die seine fili­gra­nen Gedichte mit den zar­ten, fein­sin­ni­gen Pho­to­gra­phien des Mor­gen-und des Abend­him­mels ein­ge­hen.

Hen­ning Krei­tel begibt sich mit sei­nem Lyrik-Debüt in drei­fa­cher Weise auf die Spu­ren der Roman­tik. Er führt kon­tras­tie­rend zwei Kunst­gat­tun­gen zu ein­an­der, er setzt durch poe­ti­sche Reduk­tion ganz auf das Frag­men­ta­ri­sche sei­ner Lyrik, und er beschrei­tet kon­se­quent den »Weg nach innen«. So ver­eint der Band 37 sehr schlanke, hai­kuar­tig anmu­tende lyri­sche Gebilde von hoher poe­ti­scher Sen­si­bi­li­tät.

Es scheint, als sei zwi­schen den Ver­sen ein Schwei­gen ein­ge­schrie­ben, als sei der ein­zelne Vers an die Grenze des Sag­ba­ren gekom­men. Der nächste und der über­nächste Vers set­zen meist neu oder anders an, und sehr oft gelingt es Hen­ning Krei­tel Gegen­sätze ins Gedicht zu ban­nen. Diese aus einer Art »Innen­schau« gewon­nen Gegen­sätze wer­den nicht auf­ge­löst oder syn­the­ti­siert, sie sto­ßen sich hart im poe­ti­schen Raum, allen­falls spen­den die Photo-Frag­mente auf der Nach­bar­seite einen Abglanz von Schön­heit und Trost, der das Aus­hal­ten der Gegen­sätze ein wenig erleich­tert.

Wer mag, kann dies als »innere Zer­ris­sen­heit« des lyri­schen Ich deu­ten, und im Grunde wohnt Hen­ning Krei­tels lyri­schen Gebil­den ein »Gedan­ken­krei­sel« inne, der die Dua­li­tät von Kör­per und Geist in immer neuen Bil­dern zu fas­sen sucht. Zugleich ist den frag­men­ta­ri­schen Gedich­ten das Spiel zwi­schen Offen­le­gen inne­rer Wirk­lich­keits­fa­sern und deren Ver­kap­se­lung oder Ein­ige­lung ein­ge­schrie­ben. In einem der schöns­ten Gedichte des Ban­des heißt es:

igel­stach­lich ein­ge­rollt
geschützt – ich
– mit ver­lo­re­nem schlüs­sel
unknack­bar.
gekrin­gelt
ver­fliegt die zeit
wur­zel­los-ich
wird lan­den
irgendwo

Die­ses lyri­sche Frag­ment ver­an­schau­licht exem­pla­risch Hen­ning Krei­tels Methode der poe­ti­schen Reduk­tion. Nur die abso­lut not­wen­di­gen Worte wer­den behut­sam gesetzt und zu Bil­dern ver­dich­tet.

Es ist den Lesern anheim gege­ben, das Schwei­gen zwi­schen den ein­zel­nen Frag­men­ten, viel­leicht sogar zwi­schen den ein­zel­nen Ver­sen mit Gedan­ken und Bil­dern zu fül­len, vor allem aber einen poe­ti­schen Raum auf­zu­span­nen, der zwi­schen den pho­to­gra­phi­schen und lyri­schen Frag­men­ten besteht. Der innere Kern von Hen­ning Krei­tels lyri­schen Frag­men­ten ist eine »Macht­un­fä­hig­keit« sei­nes lyri­schen Ich. Deren Kon­se­quenz lau­tet: war­ten auf erneut.

 

  • Hen­ning Krei­tel: war­ten auf erneut. Lyrik und Pho­to­gra­phie, Mit­tel­deut­scher Ver­lag Halle (Saale) 2017.

Fragen an Torsten Unger

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Ich bin in Erfurt gebo­ren und lebe heute noch dort. Davon kann jeder Ber­li­ner nur träu­men.

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Gegen das Leben hilft nur Kunst.

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Vor jedem neuen Buch fülle ich Notiz­hefte solange mit mei­nen Recher­chen, bis das Thema reif zur Ernte ist.

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?

Ich bin ein Gele­gen­heits­dich­ter. Ich ver­passe sel­ten eine Gele­gen­heit.

5. Ihr Lieb­lings­ort − in Thü­rin­gen oder anderswo?

Das Dub­lin von James Joyce.

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Das Thema »Auf den Spu­ren von Faust« hat mich end­lich gefun­den, nach­dem es mich seit vier­zig Jah­ren ver­folgt hat.

7. Ihr Lieb­lings­buch?

»Brief­wech­sel Goe­the-Schil­ler«,

Goe­the, »Gesprä­che mit Ecker­mann«,

Michail Bul­ga­kow, »Der Meis­ter und Mar­ga­rita«,

Wal­ter Ben­ja­min, »Ein­bahn­straße«,

und rund hun­dert andere.

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Nur das, was ich bis­her noch nicht geschrie­ben habe.

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Meine Fehl­schläge und Miss­erfolge. Aus Erfol­gen habe ich noch nie etwas gelernt, ein Tritt in den Hin­tern dage­gen ist ein Schritt nach vorn. Nach Goe­the: Und so lang du das nicht hast/Dieses Stirb und Werde!/Bist du nur ein trü­ber Gast/Auf der dunk­len Erde.

10.Welches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Die Uhr­ma­cher­kunst.

11. Was ist für Sie Stil?

Die Kunst der Wahr­heit und Wahr­heit mit Kunst.

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Meine Fami­lie.

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Nur wer die Gähn­sucht kennt, weiß, was ich leide.

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

The sin­ger, not the song  (Rol­ling Stones).

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

Ich ver­traue auf die Gnade der zwei­ten Chance.

Karl Emil Franzos – »Paulinzelle«

Außer mei­nem Dich­ter­paar stieg noch ein gro­ßer Haufe Men­schen aus, denn wer durch Thü­rin­gen kommt, hält hier an und bleibt von einem Zug zum andern; dage­we­sen sind sie dann, und gese­hen haben sie’s in ihrer Art, und die meis­ten von ihnen wür­den nicht mehr sehen, wenn sie drei Wochen dort blie­ben; die Leute haben also recht. Aber auch ich schien mir nicht töricht, wenn ich den Troß den Dau­er­lauf auf der stau­bi­gen Straße antre­ten ließ und gemäch­lich hin­ter­drein ging. Ein Kirch­höf­lein liegt am Wege, klein und arm­se­lig; seit Jahr­hun­der­ten begra­ben die Dörf­ler dort ihre Toten, und es ist noch sehr viel Platz, denn Paulin­zelle »Ort: Paulin­zella, Bezirk: Stadt­ilm, Fürs­ten­tum: Schwarz­burg-Rudol­stadt«, hat nur »24 Häu­ser, 117 See­len un etli­ches Viech­zeug«, wie mir ein statt­li­cher Bauer sagte, der des­sel­ben Weges ging. »Vom Viech­zeug«, fügte er bei, »wäre no mehr zu gebrau­chen, aber Men­schen sind grad genug« – es war eine indi­vi­du­ell nicht unrich­tige Mei­nung, denn er hatte »bis heut elf lebige Kin­der, aber mor­gen sind’s zwölfe«. Ehr­fürch­tig besah ich mir den Mann, der ein Zehn­tel der gesam­ten Bevöl­ke­rung des Dorfs geleis­tet hatte, und fragte dann, wovon die Leute in Paulin­zelle leb­ten. »Die­ses«, erwi­derte er mit jener halb erns­ten, halb schalk­haf­ten Lehr­haf­tig­keit, die man unter den Bau­ern die­ses Gaus so häu­fig fin­det, »is ver­schie­den. Der Herr Fried­rich Schulze« – er deu­tete auf ein statt­li­ches Haus abseit vom Wege – »lebt von dene Orgeln, die er bauet, das hoch­fürst­li­che Ober­forst­amt aus unse­rem Steu­er­säck­lein, und wir andern, nor der Herr Men­ger nech, wir müs­sen so in Nöd­hen vom biß­chen Acker und biß­chen Viech­zeug und eini­gem Torf­ste­chen leben dhun. Frü­her«, fuhr er fort, »hat’s o (auch) no etwas Wein­bau gege­ben, aber das hat die Pol’zei ver­bo­ten, denn die armen Essig­händ­ler, die wol­len o leben.« Ja, sagte ich, schon Luther habe in ähn­li­chen Wor­ten den Wein von Paulin­zelle gerühmt. Wor­auf er: »Mit Ver­laub, aber wenn Se sol­ches wis­sen, denn soll­ten Se ›la‹ sagen, un nech ›le‹, Paulin­zella. So steht’s im Kir­chen­buch un o an der Stat­schon un is so rich­tig. Näm­lich: ers­tens Pau­lina un zwei­tens Zella. Die Pau­lina, das war nu also so ’ne Gadohl’sche, da ist nichts wei­ter zu sagen. Aber Zella, das heißt Se in einer alten Spra­che – ob’s nu latei­nisch is oder römisch oder gar Klos­ter­spra­che – ’ne Kir­che. Paulin­zella.« Ich dankte und fragte dann, wovon der Herr Men­ger lebe. »Von der Ruine«, war die Ant­wort. »Denn er is der Gast­wirt hier, der hat was von der Sach, wir nech!« Nun, meinte ich, den Stolz und Ruhm hät­ten sie doch alle. Er lächelte. »Mech machet’s nech stolz, mech machet’s demü­tig­lich. Wenn ech so seh, wie se lau­fen un schwit­zen, un wenn se dort sind, sagen se ›Ah!‹ un schaun auf d’Uhr und jagen red­hur, beim Men­ger ä Würst­chen un wie­der schwups in ’n Zug, da denk ech immerzu: Herre Gott, du bist gerecht! Uns hast du d’Arbeit zuged­heilet un dene die Narr­heit!« Ob denn nicht wel­che, fragte ich, über Nacht blie­ben. »Ja«, erwi­derte er, »Geschäfts­rei­sende«, wor­un­ter er aber Leute ver­stand, die einen ver­stän­di­gen Zweck ver­folg­ten, zum Bei­spiel Künst­ler, die Wald und Ruine mal­ten, und Som­mer­frisch­ler, die hier »bil­l­ech rodhe Backen« krie­gen. »Ohne Geschäft«, fügte er bei, »wär’s do gar zu närr’sch«, und holte mich dann aus, was ich hier wollte, denn hin­ter mir her brachte der Sta­ti­ons­bote mein Kof­fer­chen. Ich war aber dun­kel wie ein Diplo­mat, der nach etwas gefragt wird, was er sel­ber nicht weiß, denn ob ich »zu närr’sch« war oder aus »Gschäft« die Ruine in Wor­ten abmalte, stand noch nicht fest, das hing davon ab, wie sie auf mich wirkte. Diese Zurück­hal­tung machte den Meh­rer von Paulin­zelle sehr nach­denk­lich, und er mus­terte mich nun scharf, bis wir vor dem Gast­hof Abschied nah­men.

Ich ließ mir ein Zim­mer anwei­sen, dann im Gar­ten vorm Haus ein Früh­stück rüs­ten und sah nun zu, wel­che Schat­ten der bevor­ste­hende Rück­marsch der Frem­den­ar­mee vor­auswarf. Der Karle, der Kell­ner­bursch, zog über seine sau­be­ren Hemd­är­mel einen schmie­ri­gen Frack, auch Min­chens Erschei­nung – sie trägt aber die­sen nied­li­chen Namen schon recht lange – gewann durch eine vor­ge­bun­dene Schürze nicht son­der­lich, dann brach­ten sie Bier, Kaf­fee, Schin­ken­brote und warme Würst­chen her­bei; es ist die Sorte, die man in ganz Mit­tel­deutsch­land Wie­ner, in ganz Öster­reich aber Frank­fur­ter nennt, denn so ist der Mensch: selbst die Würste müs­sen einen Namen von weit­her haben, sonst schme­cken sie nicht. Alles wie auf einem Bahn­hof; auch Pho­to­gra­phien und Ansichts­kar­ten wer­den ja jetzt ins Coupé gereicht. »Wir haben zwan­zig Arten Grüße aus Paulin­zelle«, sagte der Karle stolz; die Ruine ist auf allen, nur ist sie hier gelb, dort blau und hier wie­der rot bemalt; auf einer bil­det sie sogar einen grü­nen Klecks, weil das Mond­schein ist. Auch die Sprü­che sind ver­schie­den, einige blit­zen nur so von Witz, eig­nen sich aber eigent­lich mehr zur Ver­sen­dung in geschlos­se­nem Kuvert, denn es ist kaum zu sagen, wie­viel Zart­ge­fühl und keu­scher Humor bereits im Dienste die­ser noch jun­gen Indus­trie ste­hen. Nun aber kam das Heer gezo­gen. Als Vor­hut ein alter, ner­vö­ser Herr, der seine Frau und drei Töch­ter vor sich her­trieb: »Der Zug! … der Zug!« Aber Ansichts­kar­ten kauf­ten die Fräu­lein doch in flie­gen­der Hast und zogen dann im Lau­fen den Blei­stift. Nun das Haupt­korps; drei Minu­ten sah und hörte man nichts als kau­ende hoch­rote Men­schen, die über die Hitze klag­ten; nur eine Gruppe schwelgte im Nach­genuß der Ruine: ein dicker, ält­li­cher Herr mit sei­ner jun­gen Frau und einem gleich­falls jün­ge­ren Herrn mit roter Kra­watte und geöl­tem Haar. Der Alte schwelgte eigent­lich nur in Würst­chen, sie aber sagte: »Herr Meyer, war das nu nich ein­fach gött­lich?« – wor­auf der geölte Meyer: »Gnä­dige Frau! es war dop­pelt gött­lich! Aber was sag­ten Sie nur, als wir zwi­schen den Säu­len stan­den, es war rei­zend, ich möchte es mir auf­schrei­ben.« Er zog sein Notiz­buch her­vor. »Ich sagte«, erwi­derte sie mit gespitz­tem Munde, »es sei alles im edels­ten roman­ti­schen Stil!« – »Herr­lich!« rief Meyer notie­rend, und auch der glück­li­che Besit­zer von so viel Bil­dung meinte bewun­dernd: »Trud­chen, wo hast du denn das wie­der her?« Ich hätte es ihm sagen kön­nen, aus dem Baede­ker hatte sie’s, nur steht dort: »im edels­ten roman. Stil«, und das ist die Abkür­zung für »roma­nisch« … Meine Rei­se­ge­nos­sen aber? Ganz bang spähte ich umher: soll­ten sie in der Ruine zurück­ge­blie­ben sein, wohin ich nun wollte? Gott­lob, da stan­den sie kau­end im Gewühl. Aber nun hat­ten sie auch mich erspäht und tra­ten auf mich zu: »Wo waren Sie denn? Nun haben Sie den Schluß nicht gehört! Aber Sie kom­men wohl mit?« Ich bedau­erte, ich bliebe hier. Die Frau starrte mich ver­blüfft an, mußte nun aber fort­stür­zen. »Der Mensch bleibt in Paulin­zelle«, hörte ich sie ihrem Gat­ten sagen, »Max, das ist ein Roman!« Glück­li­che Frau, der aus den beschei­dens­ten Kei­men auf Schritt und Tritt Dich­tun­gen ersprie­ßen!

Als alles stille war, ging ich zu der Ruine. Rechts vom Gast­hof führt der Weg ins Wald­tal hin­ein. Zunächst trifft man auf eine nied­rige, zer­fal­lene Mauer, die Grenz­mauer des Klos­ters. Dann geht es, sacht anstei­gend, am Amts­haus vor­bei, und wie man um seine vor­sprin­gende Ecke biegt, da steht’s vor einem wie aus der Erde gewach­sen: das herr­li­che, säu­len­ge­tra­gene West­por­tal in einer reich geglie­der­ten Gie­bel­wand und ein gewal­ti­ger Turm. Tritt man durchs Por­tal ins Mit­tel­schiff mit den ragen­den, hohe Mau­ern tra­gen­den Säu­len, so stei­gert sich nur der Ein­druck, aber das schönste Bild bie­tet sich erst dem ent­zück­ten Auge, wenn man von der Ost­seite her das Ganze über­schaut. Hier erst ver­mag man die edlen Ver­hält­nisse der Säu­len wie der gan­zen Anlage recht zu erken­nen. Es ist alles so licht und schön, stolz und schön, ernst und schön; ich wie­der­hole immer das­selbe Wort; ich weiß hier kein ande­res. Die klare Schön­heit ist’s, die einen vor allem fes­selt, doch nein, in noch stär­ke­ren Bann zwingt die Stim­mung, die der Raum atmet, das Gemüt: der fei­er­li­che und doch lichte Ernst, die wei­he­volle Anmut. Und was diese Stim­mung noch mehrt: rings tiefste Stille und kein Laut des Lebens, kein Haus, nur über­all Wald, der ernste, ernste Tan­nen­wald. Es ist wie im Mär­chen: da stehst du allein im tie­fen Forst, und was du hörst, ist nur das leise, klin­gende Rau­schen sei­ner Nadeln, aber was du siehst, ist ein Wun­der­bau an Wucht und Schön­heit. Frei­lich, brö­ckelnde Wucht, ver­sehrte Schön­heit, aber weil du selbst nur ein armer schwa­cher Mensch bist, so greift dir viel­leicht gerade dies am tiefs­ten ins Gemüt. Ehr­fürch­tig ward auch mir zumut, als säh ich einen Herr­li­chen, der sich aus der Welt geflüch­tet hat, in der Stille zu ver­blu­ten … Ich werde den Ein­druck die­ser ers­ten Stun­den nie ver­ges­sen; nur eine Ruine auf deut­scher Erde hat so tief auf mich gewirkt; sie ist rei­cher, schö­ner, inter­es­san­ter; sie beschwört ganz andere Erin­ne­run­gen her­auf, gewiß; aber so ein­heit­lich, so das Herz auf­wüh­lend ist die Wir­kung nicht – dort ist’s eben eine Sym­pho­nie und hier ein Cho­ral … Die Sonne rückte höher, zuwei­len klang der Hall eines Uhr­glöck­chens durch die große Stille, zag­haft und leise, als wüßte es, daß man hier die Zeit nicht nach Stun­den mißt; ich ach­tete nicht dar­auf … Erst als von fern ein lei­ses Don­nern an mein Ohr schlug und dumpf anwuchs, horchte ich auf; nun ein lang­ge­zo­ge­ner, gel­len­der Pfiff; seuf­zend erhob ich mich – der zweite Zug, dies­mal von Arn­stadt her, bald waren sie da. Ich bin kein Men­schen­feind, kein Men­schen­ver­äch­ter – hier hätte ich das fröh­li­che Schwat­zen nicht ertra­gen. Ich ging heim; nah dem Gast­hof begeg­ne­ten sie mir, dies­mal ein noch grö­ße­rer Haufe, wohl Ame­ri­ka­ner unter Cook­scher Füh­rung; »make haste, if you please«, mahnte der Leit­ham­mel, und dabei lief die arme Herde ohne­hin schon im Trab.

So habe ich es in die­sen bei­den Tagen gehal­ten; ich kam, wenn die andern gin­gen, und ging, wenn sie kamen. Viele Stun­den, aber sie waren mir reich aus­ge­füllt. Nun, wo das Gesamt­bild fest­stand, suchte ich die Ein­zel­hei­ten zu erfas­sen, nun, wo ich die Stim­mung unver­tilg­bar im Gemüt trug, zu erkun­den, woher sie rührte. Das ist nur bei Fal­schem und Klei­nem gefähr­lich, bei Gro­ßem und Ech­tem erhöht es die Freude.

[…]

In den Pau­sen, wo die Frem­den die Ruine besa­hen, war ich im Wald oder guckte mir die Häu­ser von Paulin­zelle an. Ein merk­wür­di­ger Anblick, denn es ist fast kei­nes dar­un­ter, das nicht auf Qua­dern ruhte oder mit­ten zwi­schen Zie­geln und Fach­werk Steine mit ein­ge­mei­ßel­tem roma­ni­schem Orna­ment auf­wiese. So nament­lich auch das Haus des Meh­rers von Paulin­zelle; als ich es ges­tern bei sin­ken­der Sonne besah, trat der Besit­zer her­vor. Er begrüßte mich freund­lich und ent­schul­digte sich sogar, daß er mich nicht ein­zu­tre­ten bitte, doch sei eben das Zwölfte ange­kom­men. Dann fragte er, was ich den Tag über gemacht hätte. Die Ruine ange­se­hen, war meine Ant­wort, sie sei ja so schön. Nun er, wie lang ich blei­ben wolle, etwa zur Erho­lung beim Herrn Men­ger? Dabei fiel mir wie­der, wie am Mor­gen, der prü­fende, lau­ernde Zug in sei­nem Gesicht auf. Nein, sagt ich, Som­mer­fri­sche wollt ich hier nicht hal­ten, aber wie lang ich bliebe, wüßt ich noch nicht. Da löste sich die Span­nung in sei­nem Gesicht, und er nickte mit so ver­gnüg­tem Schmun­zeln vor sich hin, als wollt er sagen: »Nun hab ich dich; es ist also so, wie ich gedacht habe.« Was er meinte, wußte ich aber nicht und kam auch noch nicht ins klare, als er nun die Rede auf die ver­schie­de­nen Kon­fes­sio­nen brachte und plötz­lich fragte, wie ich über die »Ghadol’schen« dächte; alle Leute sag­ten, und auch in sei­ner Zei­tung stehe es, man tue ihnen jetzt sehr viel zuliebe. Wor­auf ich: dage­gen wäre nichts zu sagen, wenn nur ande­ren dabei kein Leid geschehe. Er räus­perte sich, setzte zum Reden an, schwieg aber wie­der. Dann gab er mir das Geleit zur Ruine zurück, die ich noch im Licht der Abend­sonne sehen wollte, und meinte dabei: »Es is do sehre wun­der­bar; jetzt findt sie jeder scheene. Immer war das nech so.« Sein Groß­va­ter, sein Vater hät­ten noch Her­ren gekannt, die gesagt hät­ten: »Schade um die schö­nen Steine!« Und ob nicht wie­der sol­che Zei­ten kom­men könn­ten? »Mög­lich«, sagte ich und meinte das ernst. Dar­auf er: »Nu ebe drum! Nu ebe drum! Da muß man sich so was do sehre über­le­gen dhun, eh man’s anfan­gen dhut!« – »Was?« Da lachte er wie­der schlau und emp­fahl sich. Was ich nach sei­ner Mei­nung in Paulin­zelle vor­hatte, sollte ich erst heute erfah­ren.

[…]

Aber dann sah ich mir die Ruine selbst an und wurde wie­der still und bewegt im Gemüt. Man wird mit der Freude gar nicht fer­tig und erlebt zudem an den Ein­zel­hei­ten immer neue Ent­de­cker­won­nen. Ich hatte so die Emp­fin­dung, als müßte ich hier wochen­lang blei­ben, und dachte zwi­schen­durch – so ist der Mensch –, wohin ich nun gehen wolle. Ich hatte ja nach Wes­ten gewollt, aber ein bestimm­tes Ziel tauchte mir nicht auf. Dann ging ich wie­der umher und ent­deckte an einer der Säu­len aber­mals ein neues Orna­ment – so ein­fach und dabei so schön! Ich zog mein Notiz­buch her­vor und zeich­nete es mir ab wie andere vor­her. Mit mei­nem Zeich­nen ist’s ja nicht weit her, aber mir erhöht’s die Freude des Genie­ßens – für den Augen­blick und in der Erin­ne­rung.

Wie ich aber so krit­zelnd dastand, hörte ich Schritte – es war der Meh­rer von Paulin­zelle. Ordent­lich tri­um­phie­rend guckte mich der alte Mann an: »So, jetzt hab ich dich, jetzt kannst du nicht mehr leug­nen!« Er trat auf mich zu: »Immer flei­ßig, Herre! Ja, da is viel zu dhun!« Ich: es sei nur so Spie­le­rei zu mei­nem Ver­gnü­gen. »Na! na!« Warum er mir das nicht glaube? Dar­auf er, man habe ja schon lange davon gespro­chen und es kom­men sehen, und nun sei es da. Natür­lich, wenn man alles auf­baue, sogar »alde pohl­sche un französ’sche Schlös­ser«, warum Paulin­zelle nicht. Nun, wenn es nur nicht aus dem Steu­er­sä­ckel gehe, so habe auch kein Mensch was dage­gen. Frei­lich, für die Arbeit wür­den wohl wie­der viel Wel­sche bei­gezo­gen wer­den, und da seien wüste Kerls drun­ter, das wisse er noch vom Bahn­bau her. Aber nur eins sei wirk­lich schlimm: natür­lich schenke man dann das Klos­ter den »Ghadol’schen«, die krieg­ten ja jetzt alles – und was die dann in der evan­ge­li­schen Gegend damit anfin­gen? So also reflek­tierte sich in die­sem Hirn die Kunde von der Restau­rie­rung der Mari­en­burg und Hoh­kö­nigs­burg im Ver­ein mit der Devise: »Zen­trum ist Trumpf!« Nun, ich konnte ihn beru­hi­gen, ich war kein Bau­meis­ter und nicht dazu hier. Und zum Beweis nahm ich auch gleich Abschied von ihm. Ich muß sagen, er wünschte mir recht freu­dig glück­li­che Reise.

Auf dem Heim­weg über­dachte ich mir die Sache. Die Mari­en­burg, das geht an; ob’s über­all recht gemacht wird, das ist eine andere Frage, aber im gan­zen kann man – ich hab’s ja gese­hen – ja und amen dazu sagen. Und von der Hoh­kö­nigs­burg, die ich nicht kenne, will ich gern das glei­che anneh­men. Aber Paulin­zelle? – um Him­mels wil­len, das wäre ja fast so töricht und fre­vel­haft wie der Auf­bau des Hei­del­ber­ger Schlos­ses, mit dem jetzt immer wie­der gedroht wird. Und wie ich dran dachte, stieg der herr­li­che Bau vor mei­nem Aug auf, und ich stand wie­der im Schloß­hof vor dem Otthein­richs­bau und schaute wie­der von der Ter­rasse ins Neckar­tal nie­der. Mein Herz schwoll vor Sehn­sucht … Und was spricht dage­gen? Heut Paulin­zelle und mor­gen das Hei­del­ber­ger Schloß – weiß Gott, so Klu­ges ist mir nicht immer im Leben ein­ge­fal­len.

Und dabei bleib ich nun. Noch heut fahr ich nach Hei­del­berg.

Paulin­zelle, im Som­mer 1901

Friedrich Lienhard – »Jugendjahre«

Drei Jahre hin­durch war ein Thü­rin­ger Wald­haus meine Hei­mat. Der Wald hat Seele. Der Wald mit sei­nen Geheim­nis­sen bot dem Erschöpf­ten Bal­sam. Wald und Welt stell­ten sich ja schon in mei­nen Erst­lings­wer­ken in Gegen­satz. Aus Wald­wan­de­run­gen ist das erste Buch ent­stan­den, das mein eigent­li­ches Gepräge trägt: die »Was­gau­fahr­ten« (1895); fast gleich­zei­tig die Dra­men »Gott­fried von Stras­burg« und »Odi­lia«. Ein Dich­ter und eine Hei­lige waren hier behan­delt, meine zwei liebs­ten Lebens­zu­stände. Die­sen elsäs­si­schen Stof­fen ent­spra­chen dann in Thü­rin­ger Wald­ein­sam­keit das »Thü­rin­ger Tage­buch« (1903) mit der »Wart­burg­tri­lo­gie«. Gott­frieds Zusam­men­stoß kehrt wie­der im »Hein­rich von Ofter­din­gen«; das Hei­li­gen­pro­blem der Elsäs­se­rin Odi­lia wie­der­holt sich in der Thü­rin­ge­rin Eli­sa­beth, ergänzt durch »Luther auf der Wart­burg«.

So suchte sich, gestal­tend und rhyth­mi­sie­rend, meine Seele gegen die Außen­welt auf einer stil­len Lebens­burg zu behaup­ten. Im Stich gelas­sen von einer im Sinn­li­chen wüh­len­den Umwelt, suchte der Ein­sied­ler Bestä­ti­gung bei den Meis­tern der Von­velt. Dies ist der Ent­ste­hungs­grund des sechs­bän­di­gen Wer­tes »Wege nach Wei­mar« (1905–1908). Der Lebens­be­griff »Wei­mar« trat in Gegen­satz zum Lite­ra­tur­be­griff »Ber­lin«.

So ist auch mein dra­ma­ti­sches Rin­gen zum guten Teil Selbst­be­frei­ung. Wie schon »Eulen­spie­gel« ins Freie gestrebt, ohne »Münch­hau­sens« unbit­tres Lächeln zu fin­den; wie »König Arthur« in Ent­ar­tungs­zei­ten sein könig­li­ches Men­schen­tum wahrt: so schmie­det »Wie­land der Schmied« seine Flü­gel, und »Odys­seus« erringt sein Ithaka.

Im Jahre 1906 war ich nach Straß­burg gezo­gen, um den krän­keln­den Vater in der Erzie­hung der Stief­ge­schwis­ter zu unter­stüt­zen. Aber die Thü­rin­ger Wald­klause wurde dane­ben bei­be­hal­ten. Und so wech­selte, bis in den Krieg hin­ein, mein Woh­nen und Schaf­fen zwi­schen Elsaß und Thü­rin­gen.

Aus die­sem Faden­spin­nen und den damit ver­knüpf­ten Erleb­nis­sen ergab sich mein Kul­tur­ro­man »Ober­lin« (1910), des­sen Keim schon in den »Wegen nach Wei­mar« steckt.

Mut­ter Natur ist lis­tig genug, durch Geg­ner­schaf­ten Kräfte zu üben. Sie hat auch mir gegen­über die­sen Kniff in Anwen­dung gebracht, wofür ich ihr dank­bar bin. Ich habe nicht sel­ten die Fäuste geballt, wenn man allen­falls meine Gesin­nung gel­ten lieh auf Kos­ten des Künst­lers; wenn man ver­suchte, mein Rin­gen um orga­nisch gewach­se­nes Den­ken, um edel­na­tür­li­ches Dich­ten, um Geschlos­sen­heit der Lebens­ge­stal­tung etwa als eine Art Mora­lis­mus zu bemän­geln, wäh­rend man die Mora­lis­ten Ibsen und Strind­berg anhim­melte. Deutsch­land war vor dem Kriege durch Aus­län­de­rei um seine bes­ten Instinkte geprellt. Nun, wir wer­den uns nach die­sen furcht­ba­ren Erschüt­te­run­gen mit mehr Anmut und Würde über unser deut­sches Geis­tes­gut ver­stän­di­gen. Und ich hoffe, daß neben den Hel­den­hai­nen sich Hal­len der Freund­schaft auf­bauen wer­den, wo man in still­wir­ten­den Lebens- und Arbeits­ge­mein­schaf­ten an der Reichs­seele mit­schaf­fen und das Grals­ge­heim­nis ver­kün­den wird.

Ich erlebte die ers­ten Wochen des Welt­kriegs in Thü­rin­gen, die nächs­ten im Elsaß. Alter und Gesund­heit erlaub­ten keine sol­da­ti­sche Mit­wir­kung. In Schrif­ten und Auf­sät­zen wurde für die deut­sche West­mark gewirkt. Dafür zogen meine jun­gen Stief­brü­der hin­aus. Einer steht als Jäger­leut­nant in den Kar­pa­then; ein and­rer ist bei Ypern gefal­len. Daß ein drit­ter sei­nem Siech­tum erle­gen, nach­dem uns der Vater schon frü­her ver­las­sen; daß auch sonst aller­lei Men­schen­leid das muntre Häuf­lein von einst heim­suchte: das gehört nicht wei­ter hier­her. Tod und Tra­gik schrei­ten jetzt mit and­rem Schritt­maß über die Erde.

Doch von schlicht­mensch­li­chen Freu­den möge zur Abrun­dung noch zu plau­dern gestat­tet sein!

Ich habe mir zum fünf­zigs­ten Geburts­tag sel­ber das beste Geschenk zuge­führt, indem ich die oft in die­sen Blät­tern genannte Elsäs­se­rin heim­führte. Nach zwölf Dia­ko­nis­sen­jah­ren war sie in Pri­vat­kran­ken­pflege über­ge­gan­gen und grade in Sedan tätig, als der Welt­krieg sie und mich zu tren­nen drohte. Mit Mühe gelang es, die elsäs­si­sche Fran­zö­sin her­über­zu­ho­len. In der Eli­sa­be­then­stadt Eisen­ach wur­den die Trau­ringe gekauft; auf dem Straß­bur­ger Rat­hause die stan­des­amt­li­che Trau­ung vor­ge­nom­men: Elsaß und Thü­rin­gen grüß­ten sich auch hier.

Am Abend zuvor hatte die Fest­vor­stel­lung mei­nes »Odys­seus auf Ithaka« statt­ge­fun­den; unter Geschen­ken an meine Getreue brachte der andre Tag ein Bild der Pene­lope. Am glei­chen Sonn­tag trug mir die Uni­ver­si­tät in fei­er­li­cher Leder­kap­sel den Ehren­dok­tor­ti­tel ins Haus: so wurde der Miß­klang, mit dem ich einst Hoch­schule und Geliebte ver­las­sen hatte, an dem­sel­ben Tage in Har­mo­nie ver­wan­delt. Die kirch­li­che Trau­ung voll­zog sich im Pfarr­hause von Jung-Sankt-Peter. Und aber­mals eine sin­nige Fügung: der­selbe Geist­li­che, in des­sen Kirch­lein im Hoch­lands­dorf Büst ich einst als blut­jun­ger Stu­dent zum ers­ten und ein­zi­gen Male den Talar getra­gen hatte, legte nun unsre Hände seg­nend inein­an­der.

Dan­kend nahm ich die Liebe an, die zu jenem Geburts­tag von vie­len Sei­ten her­an­strömte. Denn ich hatte die Emp­fin­dung: das gilt nicht dei­ner Per­son, das gilt weit mehr einer der For­men und Mög­lich­kei­ten des deut­schen Ide­als, dem ich zu die­nen suche. In sol­chem Sinne ließ ich den Mit­ar­bei­tern der Fest­schrift – die eines jun­gen Göt­tin­ger Gelehr­ten per­sön­lichs­tes Werk war –, anknüp­fend an einen brief­li­chen Zuruf des ver­stor­be­nen Ernst von Wil­den­bruch aus sei­ner »Villa Ithaka« in Wei­mar, fol­gen­des Dank­wort zuge­hen:

Einer schrieb mir ein­mal, ein Dich­ter, der sich in Wei­mar
Spät noch ein Ithaka schuf, aber nicht lange genoß:
»Ihnen Gutes wün­schen, heißt Gutes wün­schen den Deut­schen«…

Freunde, mich rührte das Wort, wie mich kein zwei­tes gerührt.
Laßt mir auch heute den Stolz, zu sagen: Indem ihr mich ehr­tet,
Habt ihr das Ganze geehrt, denn ihr habt Deutsch­land gemeint!

 

Ich hatte das Glück, meine Elsäs­se­rin noch mei­ner ältes­ten thü­rin­gi­schen Freun­din und Ver­trau­ten zufüh­ren zu dür­fen: Adel­heid von Schorn. Die bei­den Frauen schlos­sen sich rasch ins Herz. Doch die Grei­sin ver­ließ uns schon am 7. Dezem­ber 1916.

Gewiß besagt ja der Name der Stifts­dame Adel­heid von Schorn, in diese hoch­ge­spannte Zeit gewor­fen, wei­ter nichts Belang­rei­ches. Ihre bei­den Bücher – »Das nach­klas­si­sche Wei­mar« und beson­ders »Zwei Men­schen­al­ter« – haben einen Ehren­platz in uns­ren Erin­ne­rungs­wer­ten. Aber das Wert­vollste an ihrer Gesamt­erschei­nung war doch die Seele: das Men­schen­tum.

Sie war eine Per­sön­lich­keit. Ich kannte sie seit mehr als sech­zehn Jah­ren. Die Bekannt­schaft wurde zuletzt eine enge Freund­schaft. Wenn ich nach Wei­mar kam, war mein ers­ter Gang an den Fern­spre­cher: Anmel­dung bei »Tante Adel­heid«. Ihr galt mein ers­ter und mein häu­figs­ter, ja fast täg­li­cher Besuch. Ihre Stube war über­voll von Zei­chen der Freund­schaft erle­se­ner Men­schen. Und über­all Blu­men zwi­schen den Bild­nis­sen und der sorg­sa­men Büche­rei.

Darin sah eine Her­rin im wah­ren Sinne des Wor­tes. Denn sie wußte ihr Leben zu meis­tern; und zwar in ein­fa­chen, gra­den Linien, mit einer an das Grie­chi­sche gemah­nen­den Archi­tek­tur. Aber gründ­lich ein­ge­deutscht; ohne jeden undeut­schen Bei­geschmack.

Sie war ihrer selbst und ihrer ruhig beherrsch­ten Umwelt unbe­dingt sicher. So weckte sie Ver­trauen; es ging Wärme, Fes­tig­keit, Klar­heit von ihr aus. Sie war ein Talent des Zuhö­rens und der kla­ren Bera­tung. Durch ihre her­über­wir­kende Ruhe war man gezwun­gen, sich deut­lich zu fas­sen; so klärte man sich schon durch die Aus­spra­che. Unbe­weg­lich, ein wenig ange­lehnt, saß sie in ihrer wei­ten luf­ti­gen Klei­dung, hatte ihre fei­nen, schlan­ken Hände über der Decke gefal­tet, schaute mit unbe­stech­li­chen Bli­cken und geschlos­se­nem, schma­lem Munde den Besu­cher an und lauschte mit Teil­nahme. Die Augen hat­ten, durch die seit­li­che Nei­gung, etwas Prü­fen­des. Dann klang ihre wei­che, gute Stimme, die aber manch­mal von einem kur­zen, har­ten Auf­la­chen und einer kräf­ti­gen Bemer­kung durch­bro­chen wer­den konnte. Ver­stie­gen­hei­ten lehnte sie ab; Lüge und Umne­be­lun­gen jeder Art waren ihr zuwi­der; Sen­ti­men­ta­li­tät erst recht. Ihr Grund­zug war har­mo­ni­sche Geschlos­sen­heit und Beherrscht­heit des Cha­rak­ters; und im Bunde damit eine schöne Güte.

Geis­tig war die Freun­din eines Franz Liszt und der Fürs­tin Witt­gen­stein auf zwei Lebens­mächte ein­ge­stellt: auf Bay­reuths Kunst und auf den Bis­marck­schen Reichs­ge­dan­ken. Ich habe sie als »Tante Adel­heid« in mei­nen »Spiel­mann« ein­ge­führt. Helene Böhlau hat ihr, unter dem Namen Mage­lone von Gel­dern, in der »Ise­bies« ein Denk­mal gesetzt. Daß mir Wei­mar kein Lite­ra­tur­be­griff wurde, daß ich viel­mehr das, was ich unter die­sem sym­bo­li­schen Namen zusam­men­zu­fas­sen pflege, von gan­zem Her­zen erlebt und errun­gen habe: daran hat Adel­heid von Schorn, die Enke­lin der Elsäs­se­rin Okta­vie von Berck­heim und die Tante eines Hein­rich von Stein, das wesent­li­che Ver­dienst.

Das Erb­be­gräb­nis der Fami­lie Schorn auf dem voll und reich hügelan blü­hen­den Fried­hof von Wei­mar grenzt an die Begräb­nis­stätte der Fami­lie Goe­the. Mai­glöck­chen aus dem Bezirk des edlen Kunst­his­to­ri­kers und sei­ner eben­bür­ti­gen Gat­tin wach­sen durch das Git­ter hin­durch auf das Goe­the­ge­lände hin­über. Anmu­tige Hul­di­gung der Gegen­wart an die große Ver­gan­gen­heit!

Durch den Thüringer Wald …

Durch das Altenburger Land …

Palmbaum – literarisches Journal aus Thüringen 1–2018

Editorial

 

Lite­ra­tur­zeit­schrif­ten haben in der Regel nur ein kur­zes Leben. Sie sind Zwit­ter, halb Zei­tung, halb Buch. Den einen zu wenig tages­ak­tu­ell, den ande­ren schon zu sehr dem Zeit­ge­sche­hen ver­pflich­tet. Ein spek­ta­ku­lä­res Pro­gramm mag ihnen für den Augen­blick Auf­merk­sam­keit besche­ren, ja man­chen sogar Ruhm, weit über ihr Bestehen hin­aus – wie den Horen Schil­lers oder dem Athe­näum der Roman­ti­ker. Oder sie haben eine potente Insti­tu­tion im Rücken wie Sinn und Form die Ber­li­ner Aka­de­mie der Künste.

Der Palm­baum ist nur ein lite­ra­ri­sches Jour­nal aus Thü­rin­gen. Umso erstaun­li­cher, dass es mit die­sem Heft sein 25-jäh­ri­ges Bestehen fei­ern darf. Wir haben 25 Stam­m­au­toren aus ganz Deutsch­land ein­ge­la­den, der Zeit­schrift ein paar auf­mun­ternde Worte zu schrei­ben. Von Wil­helm Bartsch und Tho­mas Böhme reicht die Schar der Gra­tu­lan­ten über Kers­tin Hen­sel, Wulf Kirs­ten und Rei­ner Kunze bis zu Lan­dolf Scher­zer, Kath­rin Schmidt und B. K. Tra­ge­lehn. Her­aus­ge­kom­men ist ein wun­der­bar abwechs­lungs­rei­ches Lese­buch, das Lust auf die nächs­ten 25 Jahre macht.

Zudem brin­gen wir neue Lyrik u.a. von Chris­tian Rosenau, Christa Cibulka und Phil­ipp Kampa. Im Prosa-Block fin­den Sie Roman-Aus­züge von Rolf Schnei­der und Wal­traud Bon­diek sowie eine Geschichte von Doris Wirth.

Ulrich Kauf­mann hat Sig­rid Damm nach den Hin­ter­grün­den ihres jüngs­ten Buches befragt, Det­lef Igna­siak erin­nert an den 250. Todes­tag von Winckel­mann und Gün­ter Schmidt gedenkt des Schil­ler-Bio­gra­fen Rein­hard Buch­wald.

Den Ein­band des Jubi­lä­ums­hef­tes hat dies­mal Gerda Lepke mit einer Thü­rin­ger Land­schaft gestal­tet – der 25. Palm­baum-Gra­fik seit 2005.

Las­sen Sie sich neue Bücher von unse­ren Rezen­sen­ten emp­feh­len und lesen Sie auch das Pro­gramm der Thü­rin­ger Lite­ra­tur­tage sowie die lite­ra­ri­schen Höhe­punkte des Pfingst­fes­ti­vals auf Schloss Etters­burg. All dies kün­det vom Reich­tum der hie­si­gen Lite­ra­tur, deren Podium wir noch lange sein wol­len. Schrei­ben Sie uns, was Sie sich von uns wün­schen.

Jens-F. Dwars

 

Rezen­sion im »Palm­baum« von Diet­mar Ebert zu Hen­nig Krei­tel »war­ten auf erneut. Lyrik und Pho­to­gra­phie«

Zur Web­site: www.palmbaum.org

Fragen an Michael Kirchschlager

1.     Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Fami­lie und Archi­tek­tur. Beson­ders die Bur­gen haben es mir ange­tan. Ich war an der Ret­tung der Run­ne­burg betei­ligt, seit 2006 ret­tet und kon­ser­viert meine Fami­lie die Keme­nate zu Schwal­lun­gen, einen spät­ro­ma­ni­schen Wohn­turm auf Bau­res­ten der Zeit um 1050.

2.     Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Manch­mal die blanke Freude, manch­mal die blanke Wut, zumeist inne­rer Antrieb, fast eine Getrie­ben­heit.

 

3.     Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Ich sammle Wör­ter, Namen und mache mir Noti­zen über schöne Natur­be­ge­ben­hei­ten, die ich immer wie­der auch und beson­ders in meine Kin­der­bü­cher ein­flie­ßen lasse. Wir haben uns schon zu weit von der Natur ent­fernt. Das muß sich ändern! Beson­ders schön finde ich, wenn gefro­re­nes Eis bricht oder Eis­plätt­chen in einem See anein­an­der­sto­ßen. Das ist Musik.

 

4.     Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?

Ich schreibe nie wenn ich kör­per­lich am Burg­turm in Schwal­lun­gen arbeite und an unse­rer Burg­mauer mör­tele; da genieße ich die Kraft­an­stren­gun­gen des Kör­pers. Dort schöpfe ich Kraft fürs Schrei­ben. In der Frühe schreibe ich Lite­ra­ri­sches, His­to­ri­sches zu jeder Stunde. Ich brau­che auch einen gesun­den Zeit­druck.

 

5.     Ihr Lieb­lings­ort – – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Wie gesagt, ich bin gern auf den Bur­gen unse­res Lan­des. Genie­ßen tue ich auch die kla­ren Seen Deutsch­lands, wie den Stech­lin­see, den Gru­ben­see, den Schön­see. Nicht zu ver­ges­sen unsere Wäl­der!

 

6.     Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Im Thü­rin­ger Wald, der geschän­det war von gräu­li­chen Maschi­nen …

7.     Ihr Lieb­lings­buch?

Da gibt es Viele. Aben­teu­er­ro­mane, Hel­den­sa­gen, keine Kri­mis.

8.     Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Ja, meine frü­hen Kri­mi­nal­ro­mane bezeichne ich heute als Jugend­sün­den. Obwohl es immer noch Fans dafür gibt.

9.     Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Ein kri­mi­na­lis­ti­sches Sach­buch; aber eigent­lich sind es die leuch­ten­den Kin­der­au­gen und das Kin­der­la­chen bei mei­nen Dra­chen­rit­ter­le­sun­gen.

10.  Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Archäo­lo­gie.

11.  Was ist für Sie Stil?

Etwas Per­sön­li­ches.

12.  Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Da gibt es Meh­rere, aber es ist kein Poli­ti­ker dabei. Henry Maske ist ein groß­ar­ti­ger Mann.

13.  Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Haha, der war gut! Nein, ich lese gerne und viel, auch wenn die Augen nicht mehr so rich­tig wol­len.

 

14.  Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

Volks­lie­der finde ich schön, wenn sie aus Kin­d­er­keh­len stam­men. Ansons­ten höre ich eher laute Musik…

 

15.  Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

Ich möchte etwas Ver­nünf­ti­ges für diese Welt leis­ten. Des­halb schreibe ich. Ich kann auch nichts Ande­res,.

Hans Fallada – »Zweikampf im Weizen«

Auf Rit­ter­gut Bre­denau hat­ten wir einen Inspek­tor, der hieß Schö­nekerl, und einen Ele­ven namens Edmund Ranft, Manch­mal stimmt es mit den Namen, manch­mal stimmt es nicht, hier stimmte es. Inspek­tor Schö­nekerl war ein Kerl von einem Mann, groß und stark, mit einem roten, blü­hen­den Gesicht, einem Nacken wie ein Stier und einer Stimme wie ein Nebel­horn. Der Edmund Ranft dage­gen stellte sich dar als ein schmäch­ti­ger Jüng­ling, blaß, mit brau­nen Augen und brau­nem Haar, ein hal­bes Mäd­chen. Unnö­tig zu sagen, daß die bei­den sich nicht rie­chen konn­ten.

Nun ist ein Inspek­tor ein gro­ßer Mann, ein hoch­ge­stell­ter Mann, er hat Befehls­ge­walt über acht­zig Leute oder hun­dert oder zwei­hun­dert (dar­un­ter die Ele­ven) – ein Eleve aber ist ein Gar­nichts eine Art Renn­tier, er hat zu lau­fen, wenn der Inspek­tor ruft, zu sprin­gen, wenn er brüllt, das Maul zu hal­ten, wenn er don­nert. Der Inspek­tor konnte sei­nen Ranft fein mer­ken las­sen, daß er ihn nicht rie­chen konnte, der Eleve dage­gen hatte stille zu sein und höf­lich zu tun und Knick­schen zu machen und nichts als zu parie­ren.

Inspek­tor Schö­nekerl genierte sich kei­nen Deut, er schickte Ranft um drei Uhr mor­gens in den Pfer­de­stall, dann ließ er ihn in der Mit­tags­pause auf den Fut­ter­bo­den gehen und Säcke nach­zäh­len und war­tete nur ab, bis abends Ranft um neun erschla­gen in sei­ner Klappe lag, um ihn zu einer kal­ben­den Kuh zu schi­cken. Wir sag­ten zu Ranft: »Mensch, such dir eine andere Lehr­stelle. Hier hältst du es nicht durch.« Aber das sanfte Mägd­lein Ranft hatte Ener­gie. »Keine Bohne«, sagte er, »Den Spaß soll ich dem machen – ? So blau!« Und lief wei­ter und sprang und machte seine Die­ner­chen und dachte, er schaffte es.

Er hätte es viel­leicht auch geschafft, denn inner­lich war er dem dicken Schwein von Inspek­tor weit über­le­gen, wenn nicht die Sache mit Wrunka gekom­men wäre. Ich weiß nicht, wie Wrunka wirk­lich hieß, ob Wrunka über­haupt ein Name ist, genug, sie kam aus dem Schle­si­schen zu uns und wurde unsere Meie­ris­tin. Die vorige Meie­ris­tin hatte Rosi­nen im Kopf gehabt, sie hatte Besit­zer und Inspek­tor rum und dumm gere­det, bis wir aus unse­rer guten Milch piek­fei­nen Camem­bert mach­ten, den uns nach­her kein Mensch abkaufte (schließ­lich füt­ter­ten wir den Schwei­nen Camem­bert). Wrunka hin­ge­gen machte einen schlich­ten Back­st­ein­käse, einen Mager­käse., der nach nichts aus­sah, aber packte man ihn eine Woche in salz­was­ser­ge­tränkte Tücher, so wurde da ein Käse draus – kurz, der Laden klappte. Nun, Ranft hatte die Auf­sicht beim Mel­ken im Kuh­stall, an den Kuh­stall stößt die Meie­rei, in der Meie­rei wird die Milch abge­ge­ben bei der Meie­ris­tin, Ranft hatte die Auf­sicht beim Milch­ab­ge­ben, und Wrunka sah ganz und gar nicht übel aus, eine dunkle Schön­heit und wie sie lachen konnte! Außer­dem läßt sich der Name .»Wrunka« ver­dammt zärt­lich aus­spre­chen, schon die­ser Name ist die reine Ver­füh­rung.

Warum Schö­nekerl sich auch mit die­ser Geschichte zu befas­sen hatte, ist klar, Schö­nekerl hatte eine Frau. eine stän­dig ver­weinte, zit­ternde Frau, und zwei stän­dig geohr­feigte, brül­le­ri­sche Kin­der, Schö­nekerl war fut­ter­nei­disch, und darum befaßte er sich mit der Sache: Eines frü­hen Mor­gens um fünf erfüllte er den Kuh­stall mit dem Gebrüll einer Nebel­tute, und Ranft wurde bei der Milch abge­löst. Kein Kuh­stall, keine Meie­rei, keine Wrunka mehr, dafür Außen­dienst, auf den ent­fern­tes­ten Schlä­gen, beim Dung­fah­ren und Getrei­de­ha­cken zwei Kilo­me­ter vom Hof, vier Kilo­me­ter vom Hof.

Man hat es ja in den Natur­ge­schichts­bü­chern gele­sen, ein Schmet­ter­ling wit­tert ein gefan­ge­nes Weib­chen stun­den­weit und fin­det zu ihm, Tier­lein gesellt sich zu Tier­lein: Kaum war Inspek­tor Schö­nekerls Pfer­de­schwanz hin­ter der nächs­ten Wal­de­cke ver­schwun­den, so setzte sich Ranft in Trab und rannte zu sei­ner Wrunka, zwei­mal am Vor­mit­tag inspi­ziert kein Inspek­tor die Außen­schläge. Die Leute grins­ten und hal­fen dem Ele­ven noch dazu ist ein Rit­ter­gut mit sei­nen Scheu­nen und Stäl­len ein Schup­pen eine unüber­sicht­li­che Sache, wenn der Inspek­tor viel­leicht auch Feuer roch, Rauch und Flam­men bekam er seit jenem Über­fall im Kuh­stall nicht mehr zu sehen.

Sicher aber roch er das Feuer. Unter des Inspek­tors Fens­ter lag ein gro­ßer Gras­gar­ten mit vie­len Obst­bäu­men, in andern Jah­ren hat­ten wir dort das Jung­vieh gerä­dert. In die­sem Jahr erging plötz­lich die Order: »Der Schlapp­schwanz, der Ranft, kann noch immer nicht mähen, Ranft, Sie mähen den Gras­gar­ten.« »Jawohl, Herr Inspek­tor«, sagte Ranft und holte sich eine Sense.

Ranft stand im Gras­gar­ten und befaßte sich mit der Mähe­rei. Es stand da ein schö­nes kräf­ti­ges Gras, gar nicht schwer zu mähen aber darin hatte der Inspek­tor nun wirk­lich recht: Vom Mähen hatte Edmund Ranft keine Ahnung. Mal ging die Sense in die Erde, mal in einen Obst­baum mal fie­len auch ein paar Grä­ser um, und zuwei­len tat sich oben das Fens­ter auf und der Inspek­tor legte los. Ranft war am ers­ten Mor­gen grade dabei, seine Sense, die durch Erde, Stein und Baum­rinde ewig stumpf war, zu wet­zen. da ertönte von oben dies Gebrüll. Ranft paßte nicht auf, oder er kriegte einen Schreck, und schon lief es schön rot über seine Hand: Ranft hatte sich den Dau­men durch­ge­wetzt.

Tief hin­ein in die Dau­men­kuppe durch den hal­ben Nagel ging der Schnitt Etwas blaß lehnte Ranft die Sense sacht gegen einen Baum, der Inspek­tor oben prus­tete los und warf das Fens­ter zu. Ranft ging auf den Hof und ließ sich den Dau­men ver­bin­den, der Inspek­tor aber erzählte in der Küche sei­ner ver­heul­ten Frau den Spaß und schickte Ranft dann von neuem an seine Mähe­rei. Am Abend hatte sich Ranft dann auch noch den andern Dau­men durch­ge­wetzt, aber das war kein Grund für Kran­ken­ur­laub. »Wer­den Sie ler­nen, Sie Roß, den Wetz­stein rich­tig anzu­fas­sen. So faßt man einen Wetz­stein an …!

Im gan­zen aber kamen weder Inspek­tor noch Eleve auf ihre Kos­ten bei die­ser Meie­rei. Ranft zwar lernte es mit der Zeit eini­ger­ma­ßen, aber sein »Jawohl, Herr Inspek­tor« klang gar nicht mehr so wie frü­her, und in unsern Krei­sen führte er läs­ter­li­che Reden von »dem Schö­nekerl eins besor­gen«. Der Inspek­tor sei­ner­seits ent­deckte, daß auch ein unter sei­nen Fens­tern arbei­ten­der Ranft keine völ­lige Sicher­heit bot, schließ­lich mußte er doch zwei­mal täg­lich aufs Feld rei­ten, und sicher fand sich immer so ein Aas, das dem Ranft einen Wink gab, die Luft sei jetzt rein.

Wie Wrunka selbst zu der gan­zen Sache stand, das war schwer aus­zu­ma­chen, rein vom Lie­bes­stand­punkt war Ranft sicher der bes­sere Part­ner und Schö­nekerl nur ein voll­ge­sack­tes Schwein, aber schließ­lich war der Inspek­tor der­je­nige, wel­cher. Wel­cher näm­lich die Löhne aus­zahlte und die Milchtan­tieme berech­nete und der einem armen, allein­ste­hen­den, hilf­lo­sen Mäd­chen viel Scha­den tun konnte. Wenn Schö­nekerl schon lange Feuer roch, so roch es in letz­ter Zeit der Ranft nicht weni­ger … »Wenn ich den Bul­len mit der Wrunka erwi­sche –!« drohte er düs­ter.

Die Wei­zen­ernte kam uns in die­sem Som­mer nach einer vier­zehn­tä­gi­gen Dürre wie ein Gewit­ter über den Hals, es war nicht nach­zu­kom­men, so rasch hin­ter­ein­an­der wurde Schlag um Schlag reif. Bin­der und Able­ger mäh­ten vom Mor­gen­grauen bis in die Nacht, aber es half alles nichts, schließ­lich mußte jeder, der nur eine Sense hal­ten konnte, antre­ten zum Wei­zen­mä­hen auf dem Gro­ßen Wei­sel.

Es war eine sche­ckige Mäh­mann­schaft, die dort am frü­hen Mor­gen zusam­men­kam: junge Och­sen­knechte und wack­lige Alten­tei­ler, der buck­lige Schwei­ne­meis­ter, der Guts­schmied, zwei städ­ti­sche Elek­tri­ker, die grade im Her­ren­haus eine neue Licht­lei­tung leg­ten, und natür­lich auch mit uns jün­ge­ren Beam­ten der Eleve Edmund Ranft.

»Na,. nun ist es gut, Ranft, daß du im Gras­gar­ten mähen gelernt hast«, sag­ten wir.

»Ach rutsch!« ant­wor­tete Ranft wütend. Er sah nicht gut aus, das Ränf­t­lein, er sah käse­weiß aus, und seine brau­nen Augen wirk­ten schwarz, so fins­ter sah er. Sicher war er wie­der die ganze Nacht unter­wegs gewe­sen, hatte hin­ter der Wrunka spio­niert. Ob er nun wütend war, weil er was gese­hen hatte oder weil er immer noch nichts gese­hen hatte, gleich­viel, er steckte so voll Wut, daß wir kein Wort wei­ter zu ihm sag­ten, son­dern ihn sei­nem Mähen über­lie­ßen.

Wir waren sie ja alle nicht mehr gewöhnt, diese Mäh­ar­beit im schwe­ren Win­ter­wei­zen. Um sechs Uhr früh war es los­ge­gan­gen und um halb sie­ben schien uns die Früh­stücks­pause um acht schon end­los fern, und als sie dann schließ­lich doch da war, wären die meis­ten von uns sicher ganz gerne wie­der ins Bett gegan­gen, so weh taten die Kno­chen. Aber das Aas von Schö­nekerl war so schlau gewe­sen, uns einen rich­ti­gen Tage­löh­ner mit­zu­schi­cken der das Mähen gewohnt war, und der stand Punkt halb neun wie­der auf und sagte: »Na, denn man wie­der los!« Und mähte uns voran, und wir muß­ten nach, es half alles nichts. Wir konn­ten es uns so leicht machen, wie wir woll­ten, wir konn­ten den Schwad so schmal neh­men, daß es eine Schande war, immer kam der Moment, wo man nicht mehr mit­kam, wo der Hin­ter­mann brüllte: »Paß Ach­tung, Nach­bar!«, und seine Sense nur noch ein paar Zen­ti­me­ter hin­ter unse­rer Hacke zischte. Und dabei brannte die Sonne wie ein höl­li­sches Feuer, und unser Gau­men war tro­cken wie eine stau­bige Land­straße, und von Zeit zu Zeit wurde es schwarz in unserm Hirn, und wir dach­ten nichts mehr und mäh­ten nur so hin in einem Tau­mel, und dann wurde plötz­lich alles feu­er­rot, und wir dach­ten wie­der: Ich kann nicht mehr! O Gott, wird es denn nie zwölf?

Aber erst ein­mal wurde es elf, und kurz nach elf kam der Inspek­tor Schö­nekerl zu uns auf den Gro­ßen Wei­sel gerit­ten, Schö­nekerl, schön hoch zu Roß, in blü­ten­wei­ßem Hemd, rot-braun gebrannt … und da brach er los wie ein Platz­re­gen, als er unsere Mäh­leis­tung und unsere Mäh­künste sah. Es pras­selte nur so von »stin­ken­den Faul­tie­ren«, von »Trot­teln«, von »Schlapp­schwän­zen«, von »Nacht­müt­zen«. Aber im Grunde hat­ten wir andern nicht viel aus­zu­ste­hen, er nahm sich gleich nach den ers­ten zehn Sät­zen sei­nen Freund Ranft vor die Binde, und was der da zu hören bekam, war wirk­lich selbst für Schö­nekerl eine saf­tige Leis­tung.

Aber viel­leicht hatte Ranft wirk­lich diese Nacht was zu sehen gekriegt, dies­mal hielt er das, Maul nicht, son­dern sagte ganz ver­nehm­lich: »Halt die Klappe, däm­li­cher Hund!« »Wie?!« schrie der Inspek­tor. der viel­leicht nicht ganz ver­stan­den hatte oder sich nicht getraute zu ver­ste­hen.

»Hab gesagt. daß ich Sie noch nie habe mähen sehen«, sagte Ranft brum­mig.

»Was?!« schrie der Inspek­tor, und nun ging es los: … in Ranfts Jah­ren und was so ein Schnö­sel sich ein­bil­dete …, und so ein Gewit­schel und Geprit­schel mit der Sense mache ihn krank … Und plötz­lich brüllte er: Weg, Sta­chu, nimm den Gaul! Mir die Sense! Dir wol­len wir’s zei­gen. fau­ler Kno­chen! Du mähst vor und ich mäh nach … Und wehe dir –!«

Nun ging es los. und das mußte man schon sagen, eine feine Fahrt legte der Ranft vor, und einen Schwad nahm er wie der Stärkste, alles, was recht war. Ein Schlapp­schwanz war der Jüng­ling nicht, aber einen Rochus hatte er im Bauch, darum konnte er so mähen. Doch hin­ter ihm der Inspek­tor, der konnte auch mähen, und wäh­rend der Ranft immer wort­los wei­ter­zog wie eine Loko­mo­tive, brüllte der Inspek­tor hin­ter ihm unun­ter­bro­chen: »Du fau­ler Kunde du! Dir will ich es zei­gen! Nimm deine Haxen in acht., ich mäh dir deine Haxen ab! Bei den Mädels bist du ein Kerl, was, aber hier …«

Es war schon ein Thea­ter, und wir gin­gen eigent­lich nur so ein biß­chen hin­ter­her und fiddel­ten mit unsern Sen­sen, daß das Kind einen Namen hatte, und wünsch­ten inbrüns­tig, daß der Ranft die Tour durch­hielt bis oben an die Chaus­see, wo wir anhal­ten muß­ten … Und er hielt durch, einen phan­tas­ti­schen Murr hatte der Ben­gel und mit all sei­nem Geschrei und sei­nen Viechs­kräf­ten war ihm der Inspek­tor nicht ein­mal näher als einen hal­ben Meter auf die Pelle gerückt.

Da stan­den wir nun oben und wetz­ten unsere Sen­sen und gin­gen lang­sam wie­der zurück zum Anfang des Schwads, und die ganze Zeit schimpfte der Schö­nekerl den Ranft und ver­höhnte ihn. Der Inspek­tor sah blau­rot ange­lau­fen aus, der Schweiß lief nur so über sein Gesicht, und sein blü­ten­wei­ßes Hemd war klatschnaß. »Dir wol­len wir’s zei­gen. du Schmacht­lap­pen, dir will ich schon deine Haxen abmä­hen –!«

Dem Ranft ging die Brust auch wie ein Bla­se­balg, aber Farbe hatte er nicht ein Fit­zel­chen bekom­men, und er konnte ganz ruhig sagen: »Haxen abmä­hen –! Mähen Sie mal vor, und ich will Ihnen die Haxen abmä­hen!« (Das »Herr Inspek­tor« sparte er sich schon.)

Er sagte das ganz leise und fried­lich, aber uns blieb die Spu­cke weg, wir dach­ten, der Inspek­tor haute ihn mit einem Schlag zur Erde. Aber nichts davon. »Das ver­such nur, du Wei­ber­knecht«, brüllte er, »Das ver­such nur! Nicht auf einen Meter kommst du an mich, du Mut­ter­söhn­chen. Weg da, los, ich mäh vor!«. Und wie­der ging es los, den end­lo­sen Gro­ßen Wei­sel hin­auf, vorne Schö­nekerl, hin­ten nach Ranft, und schließ­lich wir, ziem­lich außen vor. Der Inspek­tor legte höl­lisch los, das hatte er nun doch gemerkt, daß es hier um seine Ehre und sein Anse­hen ging, viel sagte er auch nicht mehr, nur manch­mal schrie er noch: »Du Schwäch­ling …, Haxen …, komm ran, wenn du eine Traute hast…«

Und hin­ten nach der Ranft, nun ich kann wie­der nur sagen: wie eine Dampf­ma­schine, sicher hatte er über­haupt keine Ahnung. was er tat, mähte ganz mecha­nisch und sah nur vor sich die

brau­nen schi­cken Reit­stie­fel von dem Schö­nekerl in der weiß­gel­ben Wei­zen­stop­pel. Die Sense zischte, und der Wei­zen seufzte leise, wenn er sich umlegte. und es war heiß zum Ver­re­cken, und sicher war, daß Ranft auf­holte, lang­sam all­mäh­lich auf­holte. Gegen sol­che Viechs­mä­he­rei kam eben auch der Schö­nekerl nicht an mit sei­nen Bären­kräf­ten, weil er nicht die rich­tige inner­li­che Wut hatte, bei Schö­nekerl war es doch nur Geblub­ber.

Aber ebenso sicher ist es, daß Ranft den Schö­nekerl bis zur Chaus­see doch nicht ein­ge­holt hätte, soviel gab auch die Wut nicht her, und oben wären sie beide aus­ge­pumpt gewe­sen und hät­ten nichts mehr ange­ben kön­nen, also, das Ren­nen wäre sicher tot aus­ge­gan­gen. Da aber rei­tet doch den Schö­nekerl der Teu­fel, er fühlt sich so sicher, er muß wie­der mit Stän­kern anfan­gen und dreht sich um und schreit: »Was nimmst du denn für einen Schwad, Hund ver­fluch­ter, ist das … Oh …« sagte der Inspek­tor plötz­lich ganz sanft und leise.

Sein Mund war rund wie ein Osterei und blieb offen, die Sense rutschte ihm aus den Hän­den, und er sackte sanft hin auf die Erde.

Und »Oh…« sagte auch Ranft und sah ver­blüfft seine Sense an, deren fun­kelnde Schneide einen brei­ten roten Strei­fen hatte.

Und dann sah er und sahen wir nach dem Schuh des Inspek­tors, und der Schuh war auf­ge­tan wie ein Mund, und es lief rot dar­aus Wir stan­den alle atem­los, wie die Schafe, wenn‘s don­nert, und nun war der Inspek­tor auch schnee­weiß, genau wie der Ranft, Aber dann rich­tete er sich auf, und eine ganz hüb­sche Por­tion von der alten Pol­te­rei lag schon wie­der in sei­nem Ton, als er ein biß­chen schwäch­lich sagte: »Hast du ver­damm­ter Trot­tel mir wahr­haf­tig die Haxe durch­ge­mäht. Na, warte –«

Aber Eleve Edmund Ranft war­tete nicht mehr auf Wei­te­res. Er schmiß seine Sense hin, daß es klap­perte, er schmiß Wetz­stein und Leib­rie­men und das Wetz­faß dazu, auch er sagte: »Oh, ich ver­damm­ter Trot­tel –!« Und lief fort.

Als wir auf den Hof kamen mit dem ver­wun­de­ten Inspek­tor, war er schon fort mit all sei­nen Sachen, nicht ein­mal der Wrunka hatte er adieu gesagt. Die hatte er sich gleich mit den Haxen, mit dem Ele­ven­pos­ten, mit den land­wirt­schaft­li­chen Aus­sich­ten, mit dem

Durch­hal­ten abge­mäht auf alle Zeit und Ewig­keit.

Was der Inspek­tor Schö­nekerl sich über den Trot­tel noch amü­siert hat, trotz der durch­ger­mäh­ten Haxe –!

Ohrdruf

Nach dem Hei­li­gen Wil­li­brord (um 658–739), der in der Gegend um Ohr­d­ruf gegen Anfang des 8. Jahr­hun­derts mis­sio­nierte, kam Boni­fa­cius im Som­mer 719 erst­mals nach Thü­rin­gen, um »die wil­den Völ­ker Ger­ma­ni­ens zu besu­chen und zu erfor­schen, ob die unbe­bau­ten Gefilde ihrer Her­zen von der Pflug­schar des Evan­ge­li­ums zu beackern seien und den Samen der Pre­digt auf­neh­men woll­ten«. 724/25, nun mit einem Schutz­briefs des Fran­ken­herr­schers Karl Mar­tell, war er wäh­rend sei­ner zwei­ten Mis­si­ons­reise in Ohr­d­ruf, wo er in der Nähe eines heid­ni­schen Quell­hei­lig­tums – ver­mut­lich am heu­ti­gen Boni­fa­ti­us­platz – das erste thü­rin­gi­sche Klos­ter grün­dete. Der Turm der 1945 zer­stör­ten Kir­che ist der Nach­fol­ge­bau der von ihm errich­te­ten Kapelle. Der Über­lie­fe­rung nach »umleuch­tete himm­li­sche Klar­heit sein Lager, und er ward der Zuspra­che eines Engels gewür­digt«, wes­halb er das Klos­ter dem Erz­engel Michael weihte. Abt des Klos­ters war einige Zeit Boni­fa­cius‹ Mit­strei­ter Wig­bert (um 670–738). Auch Wuni­bald (701–61) könnte sich in Ohr­d­ruf auf­ge­hal­ten haben, da ihn Boni­fa­cius 739 für die Mis­si­ons­ar­beit nach Thü­rin­gen ver­pflich­tete. 777 weihte der Main­zer Erz­bi­schof Lul­lus (um 710–86), eben­falls ein Schü­ler von Boni­fa­cius, in unmit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft des Klos­ters, beim spä­te­ren Glei­chen­schloss Ehren­stein, die Peters­kir­che, der 980 ein Chor­her­ren­stift ange­schlos­sen wurde. Otto der Große machte 961 auf sei­nem Weg zur Kai­ser­krö­nung in Rom dort Sta­tion und urkun­dete hier. 1184 brannte das Stift ab und wurde nicht wie­der auf­ge­baut. In der Sage, die den Stadt­na­men her­lei­tet, ist es Boni­fa­tius, der sein Ohr auf die Erde legt und es rau­schen hört, in der Sagen­erzäh­lung »Ohr druff« (1838) von Lud­wig Bech­stein dage­gen ein ein­fa­cher Mönch. Im ers­ten Band von Gus­tav Frey­tags Roman­zy­klus »Die Ahnen« (1872–1880), des­sen 2. Teil »Ingraban« im Jahr 724 in der Gegend von Ohr­d­ruf spielt, ist Boni­fa­tius eine lite­ra­ri­sche Figur.

Der aus dem nahe gele­ge­nen Wöl­fis stam­mende Phi­lo­soph und Schrift­stel­ler Wolf­gang Hei­der (1558–1626) besuchte die Schule in Ohr­d­ruf und Mag­de­burg, wo der Lehr­dich­ter Georg Rol­len­ha­gen sein Leh­rer war. Nach sei­nem Stu­dium in Jena wurde Hei­der einer der wirk­sams­ten phi­lo­so­phi­schen Leh­rer sei­ner Zeit, der dem Natur­rechts­den­ken in Deutsch­land den Weg ebnete. Eine sei­ner Vor­le­sun­gen über poli­ti­sche Moral kün­digte Hei­der mit im Ges­tus den Grund­ge­dan­ken der Schil­ler­schen Antritts­vor­le­sung von 1789 vor­weg­neh­men­den Wor­ten an: »Non tan­tum scho­lae, sed etiam vitae, et huic maxime qui­dem doci­bet.« (Nicht für die Schule, son­dern in beson­de­rem Maße für das Leben soll gelernt wer­den).

Aus der beim Michae­lis­klos­ter bestehen­den Schule ging 1564 das Gym­na­sium Glei­chense her­vor, des­sen berühm­tes­ter Schü­ler (1695–1700) Johann Sebas­tian Bach war, der nach dem Tod sei­ner Eltern zu sei­nem Bru­der Johann Chris­toph Bach (1671–1721) über­ge­sie­delt war. Ohr­d­ru­fer Super­in­ten­dent war zu die­ser Zeit der Päd­agoge und wis­sen­schaft­li­che Schrift­stel­ler Johann Abra­ham Kro­meyer (1665–1733), ein Enkel von Johann Kro­meyer.

1610 wurde Georg Niko­laus Eras­mus in Ohr­d­ruf gebo­ren. Nach einem Stu­dium der Theo­lo­gie wurde er 1641 Pre­di­ger in Laage bei Güs­trow, wo er 1679 starb.

Der 1629 gebo­rene Johann Mat­thäus Jun­ker  war nach sei­nem Stu­dium in Jena und Leip­zig zunächst Notar und Hof­ad­vo­kat in Wal­ters­hau­sen und schließ­lich Kanz­lei­sub­sti­tut in Ohr­d­ruf. Er starb um 1703 in Wal­ters­hau­sen.

1667 wurde Johann Georg Doeh­ler in Ohr­d­ruf als Sohn des dama­li­gen Bür­ger­meis­ters der Stadt gebo­ren. Er stu­dierte von 1686–1690 Jura in Jena, Alt­dorf bei Nürn­berg und Leip­zig. 1692 wurde er Hof­ad­vo­kat in Eisen­ach und nach sei­ner Pro­mo­tion 1705 Vor­mund­schafts­kom­mis­sar. Von 1771–1776 war er Rat des Land­gra­fen von Hes­sen-Roten­burg, spä­ter Hof- und Jus­tiz­rat in Mei­nin­gen; ab 1719 Gym­na­si­al­pro­fes­sor in Hild­burg­hau­sen und nach einem Auf­ent­halt in Frank­furt am Main Kon­sis­to­ri­al­rat und Gym­na­si­al­in­spek­tor in Gera.

Johann Chris­toph Frö­bing wurde 1746 in Ohr­d­ruf gebo­ren, stu­dierte Theo­lo­gie in Göt­tin­gen, war Haus­leh­rer, ab 1776 Kon­rek­tor der Neu­städ­ter Stadt­schule in Han­no­ver, ab 1795 Pfar­rer in Lehrte und ab 1799 Dia­kon in Mark-Olden­dorf, wo er 1805 starb.

Der 1738 in Gotha gebo­rene Johann Fried­rich Krü­gel­stein starb 1813 in Ohr­d­ruf. Nach sei­nem Medi­zin­stu­dium war er ab 1761 Land­phy­si­cus in Ohr­d­ruf und wurde 1766 durch Fürst Hein­rich August Wil­helm von Hohen­lohe zum Hof­me­di­kus ernannt. Er war Bür­ger­meis­ter von Ohr­d­ruf, der zwi­schen 1788–1792 für die Sys­te­ma­ti­sie­rung des Ohr­d­ru­fer Stadt­ar­chivs Sorge trug und sich als Chro­nist der Stadt ver­dient machte. 1810 wurde er zum Her­zog­li­chen Rat ernannt.

1860 wurde hier Richard Muther gebo­ren. Nach einem Stu­dium der Phi­lo­lo­gie, Geschichte und Kunst­ge­schichte in Ber­lin und Leip­zig war er Assis­tent am König­li­chen Kup­fer­stich­ka­bi­nett der Hof­bi­blio­thek Mün­chen. Ab 1895 wirkte er als Pro­fes­sor in Bre­sa­lau. Er starb 1909 im nie­der­schle­si­schen Wöl­fels­grund, Nie­der­schle­sien (heute: Międ­zy­górze, Polen).

Aus Ohr­d­ruf stammt der 1892 gebo­rene Karl Theo­dor Weigel, der als Jugend­li­cher Mit­glied des Wan­der­vo­gels war, sich 1915 als Frei­wil­li­ger im Ers­ten Welt­krieg mel­dete und nach Kriegs­ende 1918 Lehre als Buch­händ­ler im Ver­lag Erich Mat­thes in Har­ten­stein absol­vierte. 1921 grün­dete er einen Ver­lag und eine Buch- und Kunst­hand­lung in Bad Harz­burg, die 1928 in Kon­kurs ging. Ab 1930 war Weigel Redak­teur der »Bad Harz­bur­ger Zei­tung«. Weigel wurde 1931 Mit­glied der NSDAP, 1934 Gau­pres­se­amts­lei­ter im Gau Süd­han­no­ver-Braun­schweig und 1936 Lei­ter »Haupt­stelle für Sinn­bild­for­schung«. 1937 trat er in das SS-For­schungs­amt »Ahnen­erbe« ein. Nach Kriegs­ende wurde er bis 1947 von den alli­ier­ten Trup­pen inter­niert, lebte dann bis zu sei­nem Tod 1953 als Ver­tre­ter in Det­mold.

Anfang des 20. Jahr­hun­derts wurde auf dem Muschel­kalk­pla­teau hin­ter der Stadt ein Trup­pen­übungs­platz ein­ge­rich­tet, auf Rein­hard Buch­wald und Hein­rich Wei­nel im Ers­ten Welt­krieg Dienst taten. Der bal­ten­deut­sche Schrift­stel­ler Wer­ner Ber­gen­gruen (1892–1964), der 1933 Ohr­d­ruf besuchte, schrieb in sei­nem noch heute lesens­wer­ten Buch »Deut­sche Reise« von 1934 über Ohr­d­ruf sar­kas­tisch: »Die Stadt … ist nicht groß, aber von jener unver­hält­nis­mä­ßi­gen Geräu­mig­keit, die Trup­pen­übungs­plätze eigen zu sein pflegt.«

Seit Ende 1944 bestand in Ohr­d­ruf eine Außen­stelle des KZ Buchen­wald mit zum Schluss 11.000 Häft­lin­gen. Am 7.3.1945 wurde Fred Wan­der nach Ohr­d­ruf über­stellt. Über den sich anschlie­ßen­den Todes­marsch gibt er in »Der sie­bente Brun­nen« (1971) Aus­kunft. Am 5.4.1945 wurde das Lager S III, des­sen Insas­sen kurz zuvor auf einen wei­te­ren Todes­marsch geschickt wur­den, von Gene­ral Dwight D. Eisen­hower (1890–1969) befreit. Für den spä­te­ren ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten (1953–1961) war es die erste Kon­fron­ta­tion mit den Schre­cken des NS-KZ-Sys­tems: »Ich habe die­sen Besuch in der Absicht gemacht, um als Augen­zeuge die­nen zu kön­nen, wenn es in der Zukunft einen Ver­such geben sollte, diese Dinge als Pro­pa­ganda abzu­tun.« Gene­ral George S. Pat­ton (1885–1945) bekräf­tigte in sei­nem Erin­ne­rungs­buch »Krieg, wie ich ihn erlebte« (1950): »Es war das Fürch­ter­lichste, was man sich vor­stel­len kann.«

Eben­falls aus Ohr­d­ruf stammt die 1923 gebo­rene Ursula End­erle, die für den Rund­funk und als Aus­lands­kor­re­spon­den­tin der DDR arbei­tete. Sie ver­öf­fent­lichte vor­wie­gend Rei­se­bü­cher.

Der 1953 in der sowje­ti­schen Gulag-Stadt Workuta gebo­rene Ser­gej Lochtho­fen, der mit als Fünf­jäh­ri­ger mit sei­ner Fami­lie in die DDR über­sie­delte, besuchte die Schule der rus­si­chen Gar­ni­son in Ohr­d­ruf. Über diese Zeit gibt er in sei­nen Büchern »Schwar­zes Eis« (2012) und »Grau« (2014) Aus­kunft.

Fragen an Katrin Sommer, Inhaberin der Buchhandlung »Lesezeichen« in Schmalkalden

Der Wind des Orkans »Frie­de­rike« hat sich über Nacht gelegt. Kurz nach 7 Uhr setzt auf der Auto­bahn kurz hin­ter Wei­mar hef­ti­ger Schnee­fall ein. Bald liegt die linke Spur weiß ver­schneit und leer neben mir. Die Sicht beträgt nur noch wenige Meter. An Hell­wer­den ist vor­läu­fig nicht zu den­ken. Als ich die Auto­bahn bei Wal­ters­hau­sen ver­las­sen darf, atme ich auf. In Tam­bach-Dietharz ist die Straße nach Schmal­kal­den gesperrt und ich trete nach einem kur­zen Blick auf die Uhr zäh­ne­knir­schend die Heim­fahrt an. Am Abzweig nach Fried­rich­roda biege ich doch kurz­ent­schlos­sen nach links ab und sehe schon die nächste Baum­sperre in greif­ba­rer Nähe. Doch trotz des Schnees im Thü­rin­ger Wald und eini­ger Sat­tel­schlep­per, die mir auf eis­glat­ter, unge­räum­ter Straße ent­ge­gen­sch­lin­gern, komme ich nur mit einer vier­tel Stunde Ver­spä­tung in Schmal­kal­den an.

Es ist Frei­tag, der 20. Januar 2018. Ich bin um 9 mit Kat­rin Som­mer, der Inha­be­rin der Buch­hand­lung »Lese­zei­chen« ver­ab­re­det. Sie wurde 2017 mit dem Deut­schen Buch­hand­lungs­preis aus­ge­zeich­net. Den ver­gibt ein­mal jähr­lich die  Staats­mi­nis­te­rin für Kul­tur und Medien (z. Zt. Monika Grüt­ters) in Koope­ra­tion mit der Kurt Wolff Stif­tung und dem Bör­sen­ver­ein des Deut­schen Buch­han­dels e.V.. Aus­ge­zeich­net wer­den inha­ber­ge­führte Buch­hand­lun­gen, die sich durch ein her­aus­ra­gen­des Sor­ti­ment, beson­dere Ver­an­stal­tungs­rei­hen, inno­va­tive Geschäfts­mo­delle oder Enga­ge­ment im Bereich der Lite­ra­tur- und Lese­för­de­rung aus­zeich­nen. Frau Som­mer lässt den Samo­war kochen und berei­tet mir erst ein­mal eine Tasse Tee. Wir set­zen uns an einen klei­nen Tisch und ich fühle mich, von Büchern umge­ben, die für mich immer etwas Trost­spen­den­des haben, wie zuhause.

J. K.: Seit wann gibt es Ihre Buch­hand­lung und seit wann arbei­ten Sie in ihr?

K. S.: Wir haben unser zehn­jäh­ri­ges Jubi­läum in die­sem Jahr gefei­ert, das heißt, ich habe die  Buch­hand­lung gemein­sam mit mei­nem Mann vor zehn Jah­ren gegrün­det. Ursprüng­lich war die Buch­hand­lung an einem ande­ren Stand­ort. Dort musste jedoch eine Sanie­rung des Gebäu­des vor­ge­nom­men wer­den und wir sind nach vier Jah­ren an den jet­zi­gen Stand­ort in die Wei­de­brun­ner Gasse 12 gezo­gen. Das ist unser Traum­ort. Sowohl von der Größe als auch vom Charme des Hau­ses.

J. K.: Wie kamen Sie zum Buch und was bedeu­tet es für Sie, Buch­händ­le­rin zu sein?

K. S.: Ich bin tat­säch­lich ein Quer­ein­stei­ger. Ursprüng­lich habe ich Deutsch und Geschichte stu­diert und unter­richte auch immer noch am Phil­ipp-Melan­chthon-Gym­na­sium Schmal­kal­den, wo ich eine halbe Stelle als Leh­re­rin habe. Der Buch­la­den war immer ein Traum von mir. Über bestimmte Pro­jekte denke ich ein paar Jahre nach, manch­mal auch Jahr­zehnte und dann setze ich sie um. Ich habe dann an der Deut­schen Buch­hand­lungs­schule in Frank­furt einen Lehr­gang absol­viert. Und das Ergeb­nis war, dass wir die  Buch­hand­lung »Lese­zei­chen« gegrün­det haben.

J. K.: Ich würde gern kurz abschwei­fen und fra­gen, wel­che Rolle für Sie als Buch­händ­le­rin und Leh­re­rin das Lesen an der Schule spielt und ob man die Schü­ler für das Lesen begeis­tern kann?

K. S.: Der Lehr­plan lässt hier viel offen…

Ein Herr betritt die Buch­hand­lung. Frau Som­mer stellt uns kurz vor. Pro­fes­sor Joa­chim Dim­an­ski aus Halle arbei­tet am Lehr­stuhl für visu­elle Kom­mu­ni­ka­tion der Hoch­schule Schmal­kal­den. Wir plau­dern ein wenig über die Arbeit des Thü­rin­ger Lite­ra­tur­ra­tes und die Arbeit an der Hoch­schule. Pro­fes­sor Dim­an­ski erwähnt, dass die Buch­hand­lung ein guter Ort ist, um sich aus­zu­tau­schen und zu bera­ten. Ich erzähle von unse­rer Idee, inha­ber­ge­führte Buch­hand­lun­gen zu besu­chen und die Buch­händ­le­rin­nen und Buch­händ­ler über ihre Arbeit zu befra­gen, wobei ich nicht aus­schließe, dass es auch gute Buch­händ­ler in einer Tha­lia-Buch­hand­lung gibt.

Pro­fes­sor Dim­an­ski sagt: »Das kann schon pas­sie­ren, aber das hier ist die beste Buch­hand­lung Thü­rin­gens. Mit Blick auf die Buch­hand­lun­gen ist Halle im Ver­gleich zu Schmal­kal­den ein kal­tes Pflas­ter.

Ich äußere die Ver­mu­tung, dass Kat­rin Som­mers Buch­hand­lung in Schmal­kal­den neben der Biblio­thek einer der weni­gen Orte ist, an denen das Lesen und die Kul­tur einen fes­ten Platz haben und frage, ob in der Buch­hand­lung auch Ver­an­stal­tun­gen statt­fin­den.

K. S.: Wir ver­an­stal­ten auch Lesun­gen in der Buch­hand­lung, aber meist an ver­schie­de­nen ande­ren Orten in der Stadt. Das hängt vor allem damit zusam­men, dass in der Buch­hand­lung selbst nur etwa 25 Besu­cher Platz fin­den, zu den Lesun­gen aber oft mehr Leute kom­men. In unse­rer Reihe »Frei­tags­soiree« liest Ste­fan Schwarz, zu des­sen Lesung wir 60 Besu­cher erwar­ten. Im März kommt der Erfur­ter Lite­ra­tur­kri­ti­ker Diet­mar Jacob­sen, der Neu­erschei­nun­gen des Buch­mark­tes vor­stel­len wird oder im Mai Regina Hol­land-Cunz, die Rei­se­im­pres­sio­nen lesen wird. Sie alle hel­fen, unsere Buch­hand­lung popu­lär zu machen und zu hal­ten.

Pro­fes­sor Dim­an­ski:  Das Schöne ist ja auch, dass die­ser Makel der Mino­ri­tät »kleinste Buch­hand­lung Thü­rin­gens«, »kleinste Gale­rie Deutsch­lands« – ich bemerke die Bil­der an den Wän­den, die nicht von Rega­len gefüllt wer­den – »kleins­ter Kon­zert­saal« Exklu­si­vi­tät atmet. Die Buch­hand­lung bie­tet Platz für 25 Per­so­nen. Wenn hier etwas statt­fin­det, bemüht sich jeder Inter­es­sent, einen der weni­gen Plätze zu fin­den. Das hat auch sein Gutes.

J. K.: Gibt es ein treues Publi­kum in Schmal­kal­den?

K. S.: Es gibt ein Stamm­pu­bli­kum, das eigent­lich immer kommt und sich auch über­ra­schen lässt. Die meis­ten ver­las­sen sich auf meine Aus­wahl.

Pro­fes­sor Dim­an­ski, der im Begriff ist zu gehen, fragt noch, wer zu den Mit­glie­dern des Lite­ra­tur­ra­tes gehört. Als ich unter ande­rem die lite­ra­ri­schen Museen erwähne, sagt er, dass es an sei­nem Lehr­stuhl immer Inter­esse daran gibt, geeig­nete The­men für stu­den­ti­sche Abschluss­ar­bei­ten im Bereich typo­gra­phi­sche, gra­phi­sche und farb­li­che Gestal­tung von Räu­men mit wis­sen­schaft­li­chen und künst­le­ri­schen Inhal­ten zu fin­den und dass lite­ra­ri­sche Museen hier sicher ein­be­zo­gen wer­den könn­ten. Wir tau­schen unsere Kar­ten und stel­len die  Funk­tion der Buch­hand­lung als Ort der Begeg­nung und des Aus­tau­sches prak­tisch unter Beweis. Pro­fes­sor Dim­an­ski ver­ab­schie­det sich.

J. K.: Wie sieht ein typi­scher Arbeits­tag bei Ihnen aus?

K. S.: Mon­tag bis Mitt­woch bin ich am Vor­mit­tag in der Schule und komme dann in die Buch­hand­lung, wo ich mei­nen Mann ablöse, der das glei­che Modell ver­folgt. Er unter­rich­tet wie ich am Gym­na­sium und die Stun­den­pläne lie­gen so güns­tig, dass wir uns in die Zei­ten tei­len kön­nen. Die Buch­hand­lung ist bis 18 Uhr geöff­net und wir haben einen Ruhe­tag am Mon­tag. Das wird von den Leu­ten akzep­tiert.

J. K.: Was freut Sie als Buch­händ­le­rin und was betrübt Sie?

K. S.: Was mich freut, ist dass man in die­sem Beruf Leute glück­lich machen kann. Das ist eine schöne Phi­lo­so­phie. Die meis­ten Men­schen, die zu uns kom­men, sind auch auf ein Gespräch da. Ich frage die Kun­den, z.B. wenn sie auf der Suche nach einem Geschenk sind, immer sehr lange nach Infor­ma­tio­nen über die Leute, die sie beschen­ken wol­len, um das rich­tige Buch für sie zu fin­den. Es ist mir wich­tig, dass sie wie­der­kom­men und mir sagen, wie das Geschenk ange­kom­men ist. Was ich ein wenig bedrü­ckend finde, ist die vor­an­schrei­tende Inter­net­ment­a­li­tät der Leute. Das effek­tive Kau­fen im Inter­net halte ich für bedenk­lich. Nicht nur mit Blick auf die Exis­tenz der Buch­lä­den, son­dern auch aus sozia­len Grün­den. Hier geht eine ganze Menge ver­lo­ren an Inter­ak­tion. Gerade in den klei­nen Städ­ten trägt das zur Ver­ödung der Innen­städte bei. In Schmal­kal­den wird das schon ersicht­lich.

Inzwi­schen ist es 10 Uhr. Eine Kun­din betritt die Buch­hand­lung, um bestellte Bücher abzu­ho­len. Sie gesteht, dass sie ihre Buch­wün­sche bei Ama­zon recher­chiert hat, aber sie doch lie­ber bei Frau Som­mer kau­fen möchte. Dass noch nicht alle Bestel­lun­gen ein­ge­gan­gen sind, ver­drießt sie über­haupt nicht. Man ver­ab­re­det sich für die kom­mende Woche.

J. K.: Sehen Sie in der zuneh­men­den Digi­ta­li­sie­rung des Buch­mark­tes eine Bedro­hung für das Buch?

K. S.: Die E-Book-Bran­che hat in den letz­ten Jah­ren kaum noch zuge­legt und liegt etwa bei sechs Pro­zent. Ich emp­finde das nicht als Bedro­hung, schon gar nicht bei uns in der Pro­vinz. Die Zahl der Kun­den, die bei uns E-Books erwer­ben möch­ten, ist höchst über­schau­bar. Mit Blick auf die ver­gan­ge­nen Jahre haben wir einen eher gleich­blei­ben­den Kun­den­stamm. Unsere Kun­den pos­tu­lie­ren, dass sie das hap­ti­sche Erleb­nis brau­chen und blei­ben uns treu. Sie sagen immer wie­der, dass sie Bücher vor dem Kauf in die Hand neh­men und durch­blät­tern möch­ten.

J. K.: Wie und wo erfah­ren Sie von neuen Büchern? Nach wel­chen Kri­te­rien wäh­len Sie aus der Fülle der Neu­erschei­nun­gen aus?

K. S.: Meine Haupt­in­for­ma­ti­ons­quel­len sind die Buch­mes­sen und die Vor­schauen, die die  Ver­lage mir schi­cken. Und indem ich natür­lich auch die Presse beachte oder MDR Kul­tur höre. Ich wähle die Bücher für meine Buch­hand­lung nach per­sön­li­chem Gefal­len aus. Was ich gut finde, kann ich am bes­ten an die Lese­rin und den Leser ver­mit­teln. Dane­ben weiß ich, wel­che Autoren eine Fan­ge­meinde unter mei­nen Kun­den haben und die kaufe ich dann des­we­gen ein.

J. K.: Wel­che Erfah­run­gen haben Sie mit Best­sel­ler­lis­ten? Hal­ten Sie sich daran, indem sie ein Regal damit bestü­cken?

K. S.: Best­sel­ler­lis­ten behalte ich im Auge. Man kann es sich nicht leis­ten, bestimmte Dinge nicht vor­rä­tig zu haben. Aber mein Regal heißt eher »Aktu­el­les« oder »Novi­tä­ten«. Darin sind einige, aber bei wei­tem nicht alle Best­sel­ler ent­hal­ten.

J. K.: Wel­che Rolle spielt regio­nale Lite­ra­tur in Ihrer Buch­hand­lung?

K. S.: Regio­nale Lite­ra­tur wird nach­ge­fragt. Schmal­kal­der sind unglaub­lich patrio­tisch. Alles was in irgend­ei­ner Form mit Schmal­kal­den zu tun hat, wird von ihnen auch nach­ge­fragt, gewollt und in Menge gekauft. Des­we­gen habe ich Titel, die mit Schmal­kal­den zu tun haben, immer vor­rä­tig. Es gibt kleine Ver­lage, wie den Hein­rich-Jung-Ver­lag, die regio­nale Lite­ra­tur edie­ren, inter­es­sante Sachen, sowohl geo­gra­phisch als auch his­to­risch. Die habe ich auch ganz gern da.

J. K.: Wie ist das Spek­trum Ihrer Kun­den mit Blick auf das Alter?

K. S.: Schmal­kal­den ist ein Ort mit einer Alterstruk­tur, die eher über 50 ange­sie­delt ist. Aber ich habe auch junge Leute, ein­fach dadurch, dass ich an der Schule unter­richte. Aber die über 50jährigen sind in der Mehr­heit.

J. K.: Kom­men denn in der Schule manch­mal auch Schü­ler und schla­gen vor, über ein Buch zu spre­chen?

K. S.: Das mache ich in den 11. und 12. Klas­sen, dass ich die Schü­ler frage, was sie inter­es­siert oder ob sie eine Idee haben, über wel­che Bücher wir spre­chen kön­nen. Oder ich biete ihnen eine kom­men­tierte Aus­wahl an und sie kön­nen ent­schei­den, was behan­delt wird. In den unte­ren Klas­sen finde ich es wich­tig, dass der Leh­rer eine Aus­wahl trifft.

J. K.: Wie finan­zie­ren Sie die Lesun­gen?

K. S.: Wir haben als Spon­so­ring-Part­ner die Rhön-Renn­steig-Spar­kasse, die uns über ihre Kul­tur­stif­tung bei den Lesun­gen mit einem Bei­trag unter­stützt. Wir ver­su­chen, die Kos­ten nied­rig zu hal­ten, in dem wir uns Ver­an­stal­tungs­räume suchen, die wir miet­frei nut­zen kön­nen. Dar­über hin­aus finan­zie­ren wir die Lesun­gen über die Ein­tritts­gel­der, wobei die Lesun­gen nicht kos­ten­de­ckend sind. Ich betrachte die Ver­an­stal­tun­gen immer auch als Wer­be­maß­nah­men für die Buch­hand­lung. Es gibt in der Regel einen Bei­trag in der Zei­tung dar­über, es gibt Mund-zu-Mund-Pro­pa­ganda und so ver­bu­che ich das als Wer­be­etat. Schön ist es, wenn es eine Plus-minus-Null-Ver­an­stal­tung wird. Das hält einen natür­lich davon ab, bestimmte Autoren ein­zu­la­den, deren Hono­rar­for­de­run­gen zu hoch für unser Bud­get lie­gen.

J. K.: Wie­viele Ver­an­stal­tun­gen füh­ren Sie im Jahr durch?

K. S.: Ich ver­an­stalte durch­schnitt­lich eine Lesung im Monat, mit Aus­nahme der Som­mer­mo­nate, so dass es pro Jahr zehn Ver­an­stal­tun­gen sind. Mehr würde ich auch nicht durch­füh­ren wol­len.

J. K.: Gibt es Dinge, die Sie sich heute oder per­spek­ti­visch für den Buch­han­del wün­schen?

K. S.: Den Buch­hand­lungs­preis, den Monika Grüt­ters initi­iert hat, finde ich gut, vor allem mit Blick auf die Publi­city, die in Zusam­men­hang mit dem Preis ent­steht. Damit ver­bin­det sich eine öffent­li­che Wert­schät­zung für den Buch­han­del. Ich hoffe, dass diese Initia­tive fort­ge­führt wird und der Preis län­ger­fris­tig Bestand hat.

J. K.: Sind durch den Buch­hand­lungs­preis neue Kun­den zu Ihnen gekom­men?

K. S.: Tat­säch­lich sind neue Kun­den gekom­men, die im Inter­net gese­hen hat­ten, dass wir den Buch­hand­lungs­preis 2017 erhal­ten haben, und die sich dar­auf­hin sag­ten, dass sie ein­mal nach Schmal­kal­den fah­ren müss­ten, um die Buch­hand­lung zu besu­chen. Von den Schmal­kald­ern war es vor allem das Stamm­pu­bli­kum, das uns auf den Preis ansprach. Sonst kamen vor allem Tou­ris­ten, die über den Preis auf uns auf­merk­sam gewor­den waren.

J. K.: Ich danke Ihnen für den Tee und das Gespräch.

Fragen an Annette Seemann

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Thü­rin­gen, Wei­mar, ist »Die Zweite Hei­mat« für mich seit 2002. Die erste war Frank­furt am Main. Von Goe­the zu Goe­the, und so geht es bei mir um das anknüp­fende Ver­bin­den. Von West nach Ost, aber erst 2002, daher nicht so wie mit dem klei­nen Flori Have … im Lied vor der Wende. Zwar auch ein deut­scher Fall für die Kin­der spe­zi­ell, aber auch eine Chance für uns alle: Hier anzu­kom­men als Men­schen mit sehr aus­ge­präg­ten Inter­es­sen, die sol­che mit ebenso aus­ge­präg­ten Inter­es­sen und sehr guten Kennt­nis­sen und gro­ßer Lei­den­schaft tra­fen. Ein deut­scher Glücks­fall, in die­sem Fall. Und dann gibt es diese see­len­be­rüh­rende mensch­li­che Land­schaft, Tos­kana des Nor­dens wurde ein­mal gesagt.

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Reden – Lesen – Schrei­ben, mehr kann ich eigent­lich gar nicht. Dann nur noch Schwei­gen.

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Mein klei­ner Kalen­der ver­zeich­net klein­tei­lig alle To Dos, hilft mir,mein viel­glied­ri­ges, viel­the­ma­ti­sches Leben zu orga­ni­sie­ren, aber das lite­ra­ri­sche Schrei­ben, bei mir doch meist ein Sach­buch­schrei­ben, das orga­ni­siert lei­der der Kalen­der nicht.

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?

Meist der Mor­gen, falls er nicht mit Pro­jekt­sit­zun­gen etc. zuge­bun­kert ist, was emi­nent als emi­nent trau­rig emp­fun­den wird, lei­der oft nicht zu ändern. Und damit sind was und wer schon genannt. Ist der P. eigent­lich ein ver­hin­der­ter Messi? Fast mag es mir so vor­kom­men. Nein, ich habe es gern schnell und erle­digt. Die nächs­ten Auf­ga­ben schreien ja schon bit­ter­lich.

5. Ihr Lieb­lings­ort – – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Falls eine Stadt genannt wer­den sollte, doch Wei­mar, Wei­mar und Wei­mar. Wenn anderswo, dann in Europa Vene­dig oder Lis­sa­bon oder Faial auf den Azo­ren. Ich zögere, wem ich den Apfel zuwer­fen soll.

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Wo könnte man auf die Idee kom­men, ein Kin­der- und Jugend­buch über die Her­zo­gin Anna Ama­lia zu schrei­ben, wenn nicht in ihrer Biblio­thek?

7. Ihr Lieb­lings­buch?

Für mein Kind-Ich: König Babar, für mein frü­he­res Ich: Der Par­zi­val von Wolf­ram von Eschen­bach, für mein Jetzt-Ich: Goe­thes Wahl­ver­wandt­schaf­ten.

In einem Jahr reden wir wie­der.

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Da halte ich es mit der Piaf »je ne reg­rette rien, ni le bien, ni le mal, tout ça mèst bien égal …«

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Als meine Über­set­zung von Carlo Goz­zis Thea­ter­stück Il re cervo (König Hirsch) in freien Ver­sen als Weih­nachts­mär­chen am Ham­bur­ger Tha­lia-Thea­ter auf­ge­führt wurde und 28 mal vor aus­ver­kauf­tem Haus en suite gespielt wurde. Bei der Pre­miere mit Mann und Kin­dern dabei gewe­sen zu sein.

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Geschichte, Kunst­ge­schichte, die Geschichte alles Wis­sens.

11. Was ist für Sie Stil?

Sprach­be­herr­schung: geschmack­voll, knapp, prä­zise, gleich­zei­tig vari­an­ten­reich, dem Gegen­stand ange­mes­sen.

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Jesus

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Lesen ist die Vor­aus­set­zung fürs Schrei­ben in mei­nem Fall.

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

Der Mond ist auf­ge­gan­gen

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

Zu viele immer abwech­selnd, aber doch als Osti­nato: Carpe diem!

Neudietendorf

Gus­tav Adolph von Got­ter  erwarb 1734 in Neu­die­ten­dorf Land, das er schon 1743 an die Herrn­hu­ter Brü­der­ge­meine wei­ter­ver­kaufte. Von Got­ter 1738 bestall­ter Pfar­rer war Johann Andreas Heyn, den Got­ter, als die­ser mit dem Gothaer Kon­sis­to­rium Schwie­rig­kei­ten bekam, 1744 nach Ber­lin emp­fahl, wo er dem dort wei­len­den spä­te­ren würt­tem­ber­gi­schen Her­zog Carl Eugen auf­fiel und durch die­sen dort­hin ver­mit­telt wurde. Im sel­ben Jahr hei­ra­tete er  Johanna Rosina Sutor; bei­der Toch­ter Johanna Chris­tiana ist dann die Mut­ter von Fried­rich Höl­der­lin. Die dar­auf ent­stan­dene und von Niko­laus Graf von Zin­zen­dorf durch seine Besu­che beför­derte pie­tis­ti­sche Gemeinde wurde 1763 von Her­zog Fried­rich III. kon­zes­sio­niert. Von beson­de­rem Inter­esse ist der »Got­tes­acker«, in sei­ner Schlicht­heit »ein getreues Spie­gel­bild der Denk- und Lebens­weise und der geleb­ten Gemein­schafts­form« (H. Ben­ne­cken­stein). Johann Georg August Gal­letti aus Gotha war von der Viel­sei­tig­keit der Gemeine beein­druckt: »Mehr als 30 Fabri­ken ver­schie­de­ner Art fin­det man hier, u.a. eine Sie­gel­lack­fa­brik.« Die wirt­schaft­li­che Tätig­keit der Brü­der­ge­meine wirkt bis heute nach, wenn auch die berühm­ten Sie­gel­la­cke nicht mehr her­ge­stellt wer­den, dafür aber der berühmt-berüch­tigte Kräu­ter­li­kör »Aro­ma­tique«.

Auf Leo­pold Fried­rich Gün­ther von Goeckingk machte Neu­die­ten­dorf 1778 »einen leb­haf­ten Ein­druck«. Nova­lis‹ Vater stand der Brü­der­ge­meine nahe. Dass er seine Kin­der in Neu­die­ten­dorf kon­fir­mie­ren ließ, ist nicht belegt. Dar­über schrieb die Ame­ri­ka­ne­rin Pene­lope Fitz­ge­rald in ihrer Novelle »The Blue Flower« (1995). Am 15. 4. 1798 kam Sophie Mereau, die durch die Her­kunft ihres Ehe­man­nes sich auch öfter in Gotha auf­hielt, »in hei­te­rer und poe­ti­scher Stim­mung«, wie sie in ihrem Tage­buch fest­hielt, nach Neu­die­ten­dorf. Am meis­ten war Anne Ger­maine de Staël , die Neu­die­ten­dorf 1808 besuchte, von der Brü­der­ge­meine beein­druckt. Theo­dor Fon­tane hat von Neu­die­ten­dorf zwar kaum etwas gese­hen, den­noch dort am 9.4.1871 viel erlebt, als sein Zug, der ihn auf den Schau­platz des Deutsch-Fran­zö­si­schen Krie­ges brin­gen sollte, dort Auf­ent­halt hatte und in der Bahn­hofs­re­stau­ra­tion deut­schen und ent­las­sene fran­zö­si­sche Offi­ziere auf­ein­an­der tra­fen. Beschrie­ben hat Fon­tane seine Ein­drü­cke im Kriegs­buch »Aus den Tagen der Okku­pa­tion. Ein Reise durch Nord­frank­reich und Elsass-Loth­rin­gen« 1871.

»Die­ten­dorf. Wer kennt nicht die Erzäh­lung vom Kes­sel­fli­cker, der in das Bett eines Prin­zen gelegt wurde. Ein ähn­li­ches Mär­chen­wun­der hat auch über Sta­tion Die­ten­dorf gewal­tet, als es die­sen Drei-Lehm-Katen­bau zum mit­täg­li­chen Spei­se­platz der thü­rin­gi­schen Eisen­bahn erhob …«

Aus der 1850 in Neu­die­ten­dorf ein­ge­rich­te­ten »Mäd­chen­an­stalt« ging ein Lyzeum her­vor, das 1869–74 Frieda und Mar­ga­re­the von Bülow besuch­ten, 1876–78 auch die schö­nen und rei­chen, aus Dres­den kom­men­den Schwes­tern Marie und Mar­tha Thie­ne­mann, die spä­te­ren Ehe­frauen von Ger­hart und Carl Haupt­mann.

Johann Chris­toph Sachse (1762–1822), der Ver­fas­ser einer Auto­bio­gra­phie »von unten«, die Goe­the unter dem Titel »Der deut­sche Gil Blas … Oder Leben, Wan­de­run­gen und Schick­sale Johann Chris­toph Sach­ses, eines Thü­rin­gers. Von ihm selbst ver­fasst« 1822 her­aus­ge­bracht hat. Sachse lebte seit 1799 als Biblio­theks­die­ner in Wei­mar, wo Goe­the sich immer wie­der für ihn ver­wen­dete, auch als die­ser mit der Jus­tiz in Kon­flikt kam.

Frieda von Bülow (1857–1909), die als Roman­au­torin die Genre-Bezeich­nung »Kolo­ni­al­ro­man« prägte, ver­lebte ihre Kind­heit bis 1869 im tür­ki­schen Smyrna/Izmir, wo ihr Vater preu­ßi­scher Kon­sul war. Spä­ter lebte sie in Ingers­le­ben, Ber­lin und Deutsch-Ost­afrika, wo ihr Bru­der in der Schutz­truppe diente. Nach dem Tod des Bru­ders kehrte sie nach Deutsch­land zurück und lebte in den letz­ten bei­den Jah­ren ihres Lebens in Dorn­burg.

Ihre jün­gere Schwes­ter, Mar­ga­re­the von Bülow, (1860–1884), lebte 1869–1876 und 1878–1881 in Neu­die­ten­dorf und Ingers­le­ben. Bei­den Orten setzte sie mit dem Roman »Aus der Chro­nik derer von Rif­fels­hau­sen« 1887 ein lite­ra­ri­sches Denk­mal.

Ernst Wil­helm Püschel lebte 1920–1929 in Neu­die­ten­dorf und schrieb Stü­cke für Frei­licht­auf­füh­run­gen. Sein Groß­va­ter Fried­rich Jansa (1869–1945) ver­legte in Neu­die­ten­dorf das auf­la­gen­starke und 1941 von den Nazis ver­bo­tene »Evan­ge­li­sche Sonn­tags­blatt«.

Der 1871 in Dor­pat gebo­rene Roman­schrift­stel­ler und Poli­ti­ker Her­man Anders Krü­ger starb 1945 in Neu­die­ten­dorf. Er war der Sohn eines Pre­di­gers der Brü­der­ge­meine, stu­dierte inLeip­zig und war von 1909–1913 Lite­ra­tur-Pro­fes­sor an der Tech­ni­schen Hoch­schule Han­no­ver. Für die Natio­nal­li­be­rale Par­tei saß er von 1919–1929 im Gothaer bzw. Thü­rin­ger Land­tag. Ab 1914 wohnte er in der Berg­straße 9 in der Villa »Krü­ge­rei« in Neu­die­ten­dorf.

Her­mann Anders Krü­ger kaufte das abge­le­gene Grund­stück 1902. Als er 1914 nach Neu­die­ten­dorf über­sie­delte, ließ er sich diese Jugend­stil­villa errich­ten, von der aus er nach dem Ers­ten Welt­krieg aktiv ins poli­ti­sche Leben ein­stieg und in der Nazi­zeit zurück­ge­zo­gen lebte und starb. Mar­tin Ander­sen-Nexö , der Krü­ger in den 1920er Jah­ren öfter besuchte, schrieb über sein Haus: »Dort ver­sam­mel­ten sich der Ade­lige mit dem Kom­mu­nis­ten, der Sozia­list mit dem Natio­na­lis­ten und ver­leb­ten mit dem Libe­ra­len Krü­ger ver­gnügte Stun­den.« Der schöne Park ist heute in gutem Zustand und öffent­lich zugäng­lich. An der Mauer ver­weist ein Jugend­stil­me­mo­rial auf den gefal­le­nen Sohn der Krü­gers. 1995 erwarb die Gemeinde die Villa von den Erben. Dar­auf zog ein Bera­tungs-, Schu­lungs- und Begeg­nungs­zen­trum ein, das von dem »Ver­ein Prof. Her­mann Anders Krü­ger e.V.« getra­gen wird und sich dem sozia­len Enga­ge­ment des Patrons ver­pflich­tet fühlt, sich aber auch kul­tu­rel­len Belan­gen gegen­über öff­nen möchte.

Fragen an Udo Scheer

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?
Die hei­mi­sche Enklave auf dem Bader­berg.

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?
Die vor­ge­nom­mene Auf­gabe.

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?
Nein, es wäre als Quelle zu gering.

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?
Schreib­klau­sur kennt keine »Büro­zei­ten«, mit­un­ter aber begeis­tert Kobolz schie­ßende Zeit­teu­fel­chen.

5. Ihr Lieb­lings­ort – in Thü­rin­gen oder anderswo?
Für nur einen Lieb­lings­ort ist der blaue Pla­net mir viel zu ein­ma­lig.

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?
Bei Carl Graff, einem ver­trau­ten, engen Freund. (Vor­aus­sicht­lich im Som­mer ´18 zwi­schen Buch­de­ckeln.)

7. Ihr Lieb­lings­buch?
Eins wäre eine Ein­engung.

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?
Nein, höchs­tens dafür feh­lende Skri­ben­ten­zeit.

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?
Das Ja-Wort mei­ner Frau (1971) und die Bestei­gung des Olymp (1995).

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?
Tech­ni­ken von Poli­ti­kas­tern und Lüken­press­lern.

11. Was ist für Sie Stil?
Erha­ben­heit wie Erbau­ung gegen Sprach­ver­fall.

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?
Das kann ich so pau­schal nicht beant­wor­ten.

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?
»Man« kann­wil­lundwerde ich nicht bewer­ten. Aber an mir dia­gnos­ti­ziere ich durch­aus eine Buch­sta­ben­all­er­gie gegen­über der Flut des gedruck­ten Bana­len. Zum Glück gibt es ein wirk­sa­mes Gegen­mit­tel: Bücher, die Außer­ge­wöhn­li­ches eröff­nen.

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?
Viel­leicht die Zeile: »Genie­ßen war noch nie ein leich­tes Spiel« in Kon­stan­tin Weckers »Wenn der Som­mer nicht mehr weit ist«. – Kein Schla­ger, aber auch noch kein Volks­lied.

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?
Diverse in der Spann­breite zwi­schen: »10 Mil­lio­nen Deut­sche sind natür­lich düm­mer als 5 Mil­lio­nen Deut­sche.« (Hei­ner Mül­ler) und: »Da es sehr för­der­lich für die Gesund­heit ist, habe ich beschlos­sen, glück­lich zu sein.« (Vol­taire)

Gabriele Reuter – »Ibsen in Weimar«

Hätte Herr von Loën noch gelebt, wäre Wei­mar sicher eher mit den Wor­ten des gro­ßen Nor­we­gers bekannt gemacht wor­den. Sein Nach­fol­ger, Herr von Vigneau war weni­ger geneigt, neue fremd­ar­tige Erschei­nun­gen in sei­nen Kreis zu zie­hen. Schon war in Ber­lin die lite­ra­ri­sche Welt in hef­tigs­ter Erre­gung im Kampfe für und wider Ibsen. Die »Gespens­ter« und »Nora« bil­de­ten den Stoff zu den wil­des­ten Welt­an­schau­ungs­de­bat­ten – und wir in Wei­mar hat­ten zu Beginn des Jah­res 1889 immer noch nichts von Hen­rik Ibsens Dra­men gese­hen. Das war ein arm­se­li­ger Zustand. Frau von Mey­en­dorf, die geist­volle Rus­sin und Freun­din Liszts, sprach dem Groß­her­zog zuerst von der Not­wen­dig­keit, nicht all­zu­sehr in Kul­tur­fra­gen hin­ter Ber­lin zurück­zu­blei­ben, und regte eine Auf­füh­rung der »Frau vom Meere« an. Der Befehl von oben erging, ihm mußte sich auch Herr von Vigneau beu­gen, und er erwarb für Deutsch­land das Recht der Erst­auf­füh­rung der »Frau vom Meere«. Wie er geäu­ßert haben soll, mit der Absicht, dem wei­ma­ri­schen Publi­kum ein für alle­mal den unheim­li­chen Neu­ling und geis­ti­gen Revo­lu­tio­när zu ver­lei­den. Wir hat­ten eine recht gute Auf­füh­rung, Hide­gard Jeni­cke war vor­züg­lich, denn sie legte in die Dar­stel­lung der sehn­suchts­vol­len Frau ihr gan­zes rei­ches Men­schen­tum und alle Wün­sche in die Frei­heit und Weite hin­aus, die auch ihr unge­stü­mes Herz durch­rau­schen moch­ten. Der Erfolg war stark und ehr­lich. Man war gefan­gen von dem Men­schen­fi­scher – gerade die­ses Drama konnte man ver­ste­hen in einer Stadt, wo viel Geis­ti­ges sich nach Befrei­ung sehnte, und doch von Lie­bes­pflich­ten gehal­ten in erns­ter Selbst­ver­ant­wor­tung frei­wil­lig in der Enge aus­hielt. In mir rührte es alle tiefs­ten und geheims­ten Kämpfe auf.

Trotz des Publi­kums­er­fol­ges hatte ich das Gefühl, bei der Ani­mo­si­tät der Inten­danz gegen Ibsen, werde er kaum von dem schö­nen Erfolg erfah­ren. Und so war es auch in der Tat. Ich sah den Dich­ter vor mir, wir er ein Jahr zuvor, beim Mün­che­ner Schrift­stel­ler­tage, am Neben­tisch geses­sen und ich mich in die Beob­ach­tung sei­nes merk­wür­di­gen Kop­fes hatte ver­tie­fen dür­fen. Und ich wagte es und schrieb ihm, der zu der­sel­ben Zeit der Erst­auf­füh­rung sei­nes Wer­kes in Chris­tia­nia bei­gewohnt hatte. Ich sagte ihm gleich zu Anfang mei­nes Brie­fes, daß ich bis­her weder ein Stück von ihm gese­hen noch etwas von ihm gele­sen habe; danach möge er mein Urteil bewer­ten. Mög­lichst sach­lich schil­derte ich die Leis­tun­gen der Schau­spie­ler, mei­nen eige­nen Ein­druck und den Erfolg beim Publi­kum. Ich erhielt in der eigen­ar­tig abge­zir­kel­ten Hand­schrift Ibsens sehr schnell einen freund­li­chen, doch kon­ven­tio­nel­len Dank.

Das Stück wurde wie­der­holt und fiel dann in die Ver­sen­kung. Einige Wochen spä­ter kam meine gute Freun­din Jeni­cke in volls­ter Auf­re­gung zu mir gestürzt.

»Stel­len Sie sich vor, Ibsen hat die Absicht, von Ber­lin aus nach Wei­mar zu kom­men. Und der Inten­dant will ihm zu Ehren ‚Die Maus‘ von Paill­cron geben, weil er nicht geneigt ist, das Reper­toir zu ändern! Wei­mar ist ewi­ger Lächer­lich­keit ver­fal­len, wenn man an dem Tage, an dem Ibsen in Wei­mar weilt, ‚Die Maus‘ von Paill­cron gibt!«

Ich mußte jetzt schon bei die­ser Vor­stel­lung lachen.

»Nein, das geht wirk­lich nicht!«

»Wir müs­sen uns an den Groß­her­zog wen­den«, sagte die Jeni­cke. »Aber Sie begrei­fen, ich kann nichts tun hin­ter dem Rücken des Inten­dan­ten!«

»Und ich kenne weder Frau von Mey­en­dorf noch sonst jemand, der das Ohr des Groß­her­zogs besitzt … Halt – mir fällt etwas ein! Es gibt eine alte Dame – die ist in ihrer Jugend Blü­ten­ta­gen vom Groß­her­zog Carl Alex­an­der geliebt wor­den – in allen Ehren natür­lich, sie hat ihm ein paar­mal Briefe an Fäd­chen aus ihrem Fens­ter gelas­sen und er hat sie auf­ge­fan­gen – außer­dem haben sie beide als Kin­der bei Goe­the zusam­men Oster­eier gesucht« Sie wis­sen, wie treu unser alter Herr an sei­nen Jugend­er­in­ne­run­gen hängt. Er besucht die alte Dame noch immer und hat ihr oft ver­si­chert, wenn sie ihm je einen Wunsch aus­spre­chen würde, könnte sie einer Erfül­lung sicher sein! Die alte Dame muß heran und ihren Wunsch aus­spre­chen« Es ist wie im Mär­chen!«

Ich stülpte mei­nen Hut auf und rannte vol­ler Eifer in die Schil­ler­straße, wo die Gym­na­si­as­ten mit den klei­nen Pen­si­ons­back­fi­schen zu pous­sie­ren pfleg­ten, wo auch die grau­haa­rige Dame sicher ein­mal auf und ab gewan­delt war und den schüch­tern-vor­neh­men Gruß des jun­gen Fürs­ten­soh­nes in Emp­fang genom­men hatte.

Ja – sie ver­si­cherte mir noch­mals, den Wunsch habe sie nie­mals aus­ge­spro­chen, denn die Freund­schaft des alten Herrn sei ihr lie­ber gewe­sen als alle erfüll­ten Wün­sche. Als ich ihr aber die schreck­li­che Sach­lage mit der »Maus« und »Ibsen« schil­derte, war sie gleich bereit, sich für Wei­mars Ehre ein­zu­set­zen. Wir ver­faß­ten gemein­sam den Brief an den Groß­her­zog, sie unter­schrieb und sandte ihn ins Schloß.

Ibsen kam – und auf dem Thea­ter­zet­tel stand: die »Frau vom Meere«. – Wir tri­um­phier­ten. Übri­gens wird man wohl auch von ande­rer Seite das Unziem­li­che die­ser »Maus« ein­ge­se­hen haben.

Am Abend nach der Vor­stel­lung sollte bei einem nor­we­gi­schen Ehe­paar, Jugend­be­kann­ten des Dich­ters, ein Emp­fang statt­fin­den. Ich kannte die Leute per­sön­lich nicht, doch da sie mög­lichst viele Ver­eh­rer ihres gro­ßen Lands­man­nes ver­sam­meln woll­ten, wurde ich durch Ver­mitt­lung der Jeni­cke auf­ge­for­dert, zu erschei­nen – selbst­ver­ständ­lich durfte die alte Dame nicht feh­len.

Die Auf­füh­rung war nicht so gut gewe­sen wie die erste. In dem Wun­sche, ihr Bes­tes für den Dich­ter zu geben, hat­ten die Schau­spie­ler alle ein wenig im Spiel über­trie­ben, wodurch die ver­schei­erte, ver­träumte, absei­tige Stim­mung, die über der ers­ten Auf­füh­rung ruhte, emp­find­lich gestört wurde. Doch als ich kam, die Jeni­cke abzu­ho­len und sie so strah­lend vor Glück sah, dem Ver­ehr­ten per­sön­lich gegen­über­tre­ten zu dür­fen, wagte ich nicht, ihr das zu sagen. Sie trug einen gro­ßen Strauß rosa und wei­ßer Hya­zin­then, den sie mit einem brei­ten rosa Band umschlun­gen hatte, auf das ihr eine junge Ver­eh­re­rin kleine Land­schaf­ten vom Mee­res­ufer gemalt hatte. Daß sie sich die­ses Ban­des ent­äu­ßerte, war eine mäd­chen­hafte Hul­di­gung, deren Wert Ibsen wohl kaum zu schät­zen wußte.

Ich war durch Freunde in der Gar­de­robe etwas län­ger zurück­ge­hal­ten wor­den und betrat den Emp­fangs­raum bei den Nor­we­gern erst, als Dar­stel­le­rin und Dich­ter sich schon begrüßt hat­ten.

Inmit­ten eines Halb­krei­ses der hohen wür­di­gen, wei­ma­ri­schen Geis­tes­spit­zen, dem schö­nen Sän­ger Herrn von Milde, dem Dich­ter Ölschlä­ger mit dem pracht­vol­len Voll­bart, dem schlan­ken, ein wenig nach vorn geneig­ten geist­rei­chen Biblio­the­kar Herrn von Boja­now­sky und eini­gen ele­gan­ten Her­ren vom Hofe stand die stäm­mige Gestalt Hen­rik Ibsens, im schwar­zen Rock, mit der stren­gen, gewal­ti­gen Stirne, dem gesträub­ten Haar, dem fein-ver­knif­fe­nen Munde und dem Schif­fer­b­art, im Arme, ver­le­gen und unge­schickt, als trüge er ein Tauf­kind, den weiß und rosa Hya­zin­then­strauß hal­tend, des­sen rosen­rote Schärpe samt ihren Mee­res­land­schaf­ten lang an ihm her­un­ter­wallte. Die alte Dame, die sich harm­los als eine der wich­tigs­ten Per­so­nen des Abends fühlte, befand sich neben dem Dich­ter. Sie trug ein alt­mo­di­sches Sei­den­kleid, eine Spit­zen­barbe über den fal­schen, immer zer­zaus­ten Schei­teln und sprach, da sie ziem­lich taub war, mit lau­ter Stimme auf Ibsen ein, der ihren Wort­schwall gedul­dig und ohne etwas zu erwi­dern über sich erge­hen ließ.

Und nun kam ich auch noch dazu und stellte mich ihm als die Brief­schrei­be­rin vor. Sein Gesicht erhellte sich freund­lich. »O –» sagte er mit sei­ner hohen, fei­nen Stimme, die so selt­sam über­ra­schend wirkte, »Sie haben mir die­sen Brief geschrie­ben? Ich danke Ihnen. Es war ein sehr merk­wür­di­ger Brief! Sehr merk­wür­dig für eine Frau – man hatte den Ein­druck: es muß sich alles so ver­hal­ten haben!«

Die alte Dame äußerte ihre Zwei­fel, ob ein jun­ger Mensch wie ich wohl die Tiefe die­ser Dich­tung erfas­sen könnte?

Da lächelte mir Ibsen recht ver­trau­lich zu – und es war, als ob ein Son­nen­strahl über eine Gra­nit­wand glitte – und ant­wor­tete leise, zu mir hin:

»Sie hat mich schon ver­stan­den. Sie hat mich gut ver­stan­den!«

Und dann leb­haf­ter:

»Ich habe Sie schon ein­mal gese­hen? In Mün­chen?«

»Ja – in Mün­chen, auf dem Schrift­stel­ler­tag – aber es ist schon über ein Jahr her – daß sie das noch wis­sen, Herr Dok­tor?«

Er lächelte wie­der und sagte: »Ich habe mich damals nach Ihnen erkun­digt und hörte, Sie seien eine Wie­ner Schau­spie­le­rin – und Sie sind doch augen­schein­lich etwas ganz ande­res!«

»Ach ja – etwas ganz ande­res«, wie­der­holte ich mit einem inner­li­chen Seuf­zer, der ein klei­nes Lachen wurde, und bemerkte: an mei­nem Tische habe eine Wie­ner Schau­spie­le­rin geses­sen, dadurch erklärte sich das Miß­ver­ständ­nis. Meine eige­nen Ver­su­che auf dem Felde der Lite­ra­tur ver­schwieg ich klüg­lich und zog mich zurück, denn ich war ja ein ganz unbe­deu­ten­des, älte­res jun­ges Mäd­chen, und man schien es schon von sei­ten der wür­di­gen Män­ner mit Ver­wun­de­rung und Miß­bil­li­gung zu betrach­ten, daß der große Gast sich so lange mit mir unter­hielt.

Im Ver­laufe des Abends suchte ich mich soviel wie mög­lich in Ibsens Nähe auf­zu­hal­ten und lauschte auf all die Phra­sen, die ihm zu Ehren, den man bis dahin so scharf ver­ur­teilte, heute geformt wur­den. Einen Schau­spie­ler hörte ich sagen, ob der Meis­ter mit sei­ner Auf­fas­sung der Rolle ein­ver­stan­den sei? Er bekam die Ant­wort: »Ich habe mir etwas ganz ande­res gedacht – aber es war inter­es­sant zu sehen, was Sie aus dem Cha­rak­ter gemacht haben.«

Inter­es­sant war es auch, wie er ein­mal mit weni­gen kur­zen Wor­ten das land­läu­fige Rezi­tie­ren von Gedich­ten ver­ur­teilte. »Gedichte müs­sen gespro­chen wer­den – nicht dekla­miert.« Einen Rat, den ich unse­ren vie­len jun­gen Rezi­ta­to­rin­nen wei­ter­gebe.

Wäh­rend man sich an einem auf­ge­stell­ten Büfett stärkte und nach­dem Sekt gereicht wor­den war, begann der nor­we­gi­sche Gast­ge­ber eine Rede zu hal­ten, die viel­leicht scherz­haft sein sollte, aber ein wenig ent­gleiste. Er begann: in Ber­lin werde jetzt ein gro­ßer Wal­fisch gezeigt, den der Volks­witz »den Mann vom Meere« genannt habe. Auch wir hät­ten heute einen gro­ßen Gast aus dem Nor­den unter uns – drum: Ein Hoch dem Mann vom Meere!

»Also als ein gro­ßer Wal­fisch soll ich leben!« ant­wor­tete der Dich­ter gut­lau­nig, und man stieß an, lachend, um über die wun­der­li­che Wen­dung fort­zu­kom­men.

Ibsen hatte schon ein Diner beim Groß­her­zog und die Thea­ter­auf­füh­rung hin­ter sich. Wäh­rend sich die nor­we­gi­sche Sän­ge­rin, die frü­her eine Zeit­lang bei Beh­mers gewohnt hatte, im Neben­zim­mer hören ließ, saß er auf einem Sofa, drehte die Dau­men immer lang­sam umein­an­der und – schlief ein. Es sollte ihm keine lange Ruhe gewährt wer­den, die alte Dame saß neben ihm und schrie ihm plötz­lich in die Ohren: »Herr Dok­tor – ein Gedicht von Ihnen!« Er schrak auf, blickte mich hilf­los an und sagte ver­wirrt: »Von mir? Das erin­nere ich mich nicht.!« »Es ist ein altes nor­we­gi­sches Volks­lied«, bemerkte ich, die das Lied von der Sän­ge­rin oft gehört hatte. Als sie ein neues begann, fragte er schein­bar ernst­haft: »Ist das auch von mir?« Die Nor­we­ge­rin kam her­ein, setzte sich dem Dich­ter gegen­über, war­tete beschei­den und doch gespannt auf ein Wort der Aner­ken­nung. Er drehte die Dau­men wei­ter umein­an­der, pein­li­ches Schwei­gen. Eine Dame in hel­lila Seide nahm sich der Sache an und über­schüt­tete die Künst­le­rin mit Schmei­che­leien, bat sie um Fort­set­zung.

Da öff­nete Ibsen plötz­lich die Augen, reckte sich auf und rief laut: »Auch noch dekla­mie­ren? Bitte – nur nicht!«

Seine Lands­män­nin hatte den Humor, herz­lich zu lachen. Er ent­schul­digte sich auch sofort: »Mein lie­bes Kind – Sie kön­nen ja sin­gen, soviel Sie wol­len – ich meine – nur nichts von mir!«

Er mochte genug haben! Wer in die­sem gan­zen Kreise wußte in Wahr­heit etwas von sei­nen gigan­ti­schen Novel­len – wer kannte nur seine Haupt­werke? Viel­leicht die Nor­we­ger – sonst nie­mand.

Als er dann in den Wagen stieg, lie­fen wir, die Sän­ge­rin und ich, hin­un­ter auf die Straße, ihn noch ein­mal zu sehen – doch er schaute nicht rechts, nicht links.

»Der kleine, große Mann,« sagte sie bewegt, »wir wol­len alle so viel von ihm – und er wollte so gar nichts von uns …«

Eine Gedenktafel für Gabriele Reuter in Weimar

Man kann Gedenk­ta­feln als Hel­den­ver­eh­rung begrei­fen. Mag sein, dass das man­chem zu pathe­tisch erscheint.  Die Stadt Wei­mar räumt auf ihrer Web­site ein, dass es in Wei­mar eine kaum über­schau­bare Zahl von Gedenk­ta­feln gibt. In einer Liste ohne Anspruch auf Voll­stän­dig­keit wer­den die wich­tigs­ten auf­ge­führt.

Im Lesen und Gegen­le­sen der Wei­mar-Texte, die weit zahl­rei­cher sind, als es je Gedenk­ta­feln geben wird, zeigt sich, dass die Autorin­nen und Autoren, die über Wei­mar schrie­ben, trotz und bei aller Hel­den­ver­eh­rung (nach Goe­the), die­sen in Wei­mar lang­an­hal­ten­den Zustand der Ver­eh­rung nur durch Iro­ni­sie­rung und die Beschrei­bung des Mensch­li­chen, meist All­zu­mensch­li­chen, zu ertra­gen ver­moch­ten. Wie etwa Lily Braun, die sich von der höfi­schen Gesell­schaft gleich­sam erdrückt fühlte oder Gabriele Reu­ter, die in ihren Erin­ne­run­gen »Vom Kin­den zum Men­schen. Die Geschichte mei­ner Jugend« (1921) und der darin ent­hal­te­nen Betrach­tung über »Ibsen in Wei­mar« ein lite­ra­ri­sches Glanz­stück vor­legte.

Wer sich auf diese Hin­weise ein­lässt, wird auf die viel­fäl­ti­gen, vor allem lite­ra­ri­schen Bezüge der Stadt zu ihrer Geschichte auf­mer­kam gemacht und erhält kleine Denk­an­stöße, sich mit der einen oder ande­ren Per­son etwas näher zu befas­sen oder Quer­ver­bin­dun­gen zwi­schen Malern, Musi­kern, Mäze­nen und Dich­tern her­zu­stel­len.

Dabei ist klar, dass längst nicht alle lite­ra­ri­schen Bezüge, um nur bei die­sen zu blei­ben,  zwi­schen der Stadt und ihren Bewoh­nern in Gedenk­ta­feln auf­schei­nen kön­nen. Etwa der von Gabriele Reu­ter beschrie­bene Auf­ent­halt Ibsens in Wei­mar wäre zu doku­men­tie­ren, die Woh­nung der pla­to­ni­schen Freun­din des Her­zogs, die die »Maus« vom Spiel­plan ver­ban­nen half und der »Frau vom Meere« zu ihrem Recht ver­half, oder nur Gabriele Reu­ters ver­schie­de­nen Woh­nun­gen in Wei­mar.

Die »Lite­ra­tur­land-Thü­rin­gen-Web­site« möchte weni­ger zum »vir­tu­el­len Geden­ken« anre­gen, als zur Beschäf­ti­gung mit der lite­ra­ri­schen Land­schaft und ihre rea­len Orte. Um das zu ver­ste­hen, braucht man nur ein­mal über den his­to­ri­schen Fried­hof Wei­mars zu gehen.

Ein Grab oder eine kleine Gedenk­ta­fel, wie die für Gabriele Reu­ter in der Frei­herr-vom-Stein-Allee 5, ist für den Spa­zier­gän­ger, für den Pas­san­ten gemacht. Sie ver­weist am his­to­ri­schen Ort auf einen Aus­schnitt sei­ner Geschichte.

Den Anstoß zu einer Gedenk­ta­fel für die Schrift­stel­le­rin Gabriele Reu­ter gab Lothar Wekel, der Vele­ger des Ver­lags­hau­ses Römer­weg und der Wei­ma­rer Ver­lags­ge­sell­schaft. Dank sei­ner Initia­tive gibt es sie nun an dem Ort, an dem Gabriele Reu­ter am längs­ten in Wei­mar lebte. Mit die­ser Idee eng ver­bun­den ist die Arbeit von Annette See­mann, die mit ihrer in der Wei­ma­rer Ver­lags­ge­sell­schaft erschie­ne­nen Gabriele-Reu­ter-Bio­gra­phie einen wich­ti­gen Bei­trag zur aktu­el­len Reu­ter-For­schung geleis­tet hat.

Was Wei­mars Kul­tur in Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart ver­bin­det, ist das mäze­na­ti­sche Han­deln. Was wäre eine Idee ohne ihre finan­zi­elle Unter­set­zung durch groß­zü­gige Spen­der? Zu dan­ken ist den Nach­fah­ren Gabriele Reu­ters, dem Ver­lags­haus Römer­weg und dem Sor­op­ti­mist Club Wei­mar, die das Ent­ste­hen der Gedenk­ta­fel alle unter­stütz­ten.

Ruhla

»Ruhla, im nord­west­li­chen Teile des roman­ti­schen Thü­rin­ger Wal­des gele­gen, erin­nert in Betreff sei­ner eigen­tüm­li­chen land­schaft­li­chen Lage an einen ringsum von hohen, bewal­de­ten Ber­gen umge­be­nen Alpen­ort.«                              (Alex­an­der Zieg­ler, 1867)

Der Stadt­name geht auf die den Ort tei­lende Ruhl zurück, seit dem 17. Jahr­hun­dert Erb­strom genannt. Tat­säch­lich war seit 1640 die Seite rechts des Baches gotha­isch, die links eisenach­isch, seit 1741 wei­ma­risch. Erst 1921 wur­den beide Teile zusam­men­ge­schlos­sen. Daran erin­nert heute ein Gedenk­stein am obe­ren Ende der par­al­lel zur Haupt­straße ver­lau­fen­den Köh­ler­gasse, der ältes­ten Straße der Stadt mit wich­ti­gen Dich­ter­häu­sern.  Jede Stadt­seite hatte seine eigene Kir­che, die Tri­ni­ta­tis­kir­che (1682–86) für die rechte, die Con­cordia­kir­che (1660/61), die ein­zige Win­kel­kir­che Deutsch­lands, für die linke. Über den »Rüh­ler Kir­chens­triet« (1908) schrieb der Mund­art­dich­ter Arno Schlot­hauer das gleich­na­mige Volks­stück.

Seit alters her war im Tal der Ruhl Eisen­ge­werbe ansäs­sig. Seit dem 17. Jahr­hun­dert bestimm­ten Mes­ser­schmiede das Pro­fil, danach die Her­stel­ler von Meer­schaum­pfei­fen, seit Mitte des 19. Jahr­hun­derts mehr und mehr die Uhren­in­dus­trie. Die seit 1890 zuerst für den ame­ri­ka­ni­schen Markt pro­du­zierte Taschen­uhr »Faer­less« (»Rüh­ler Kart­öf­fel«) war die erste maschi­nell in Serie gefer­tigte Uhr der Welt.

Aus Ruhla stammt der Kom­po­nist Fried­rich Lux (1820–95), des­sen Haupt­werk die heute ver­ges­sene Volks­oper »Der Schmied von Ruhla« (1882) ist. An sei­nem Geburts­haus in der Köh­ler­gasse 45 erin­nert eine Gedenk­ta­fel an ihn.

Die Volks­oper von Lux geht zurück auf die Sage vom »Schmied von Ruhla«. Land­graf Lud­wig II. (reg. 1140–72), der Enkel Lud­wigs des Sprin­ger, soll ganz das Gegen­teil sei­nes Groß­va­ters gewe­sen sein. Er war freund­lich, und gütig gegen­über jeder­mann, was aller­dings viele Adlige aufs schänd­lichste aus­nutz­ten. So erho­ben sie eigene Steu­ern und gaben vor, im Auf­trage des mil­den Land­gra­fen zu han­deln. Als sich Lud­wig wäh­rend einer Jagd in die Gegend von Ruhla ver­irrte, bat er in einer Wald­schmiede um Nacht­quar­tier. Er stellte sich als Jäger des Land­gra­fen vor. Ob der Schmied diese fal­sche Angabe durch­schaute oder das fol­gende zufäl­lig geschah, wis­sen wir nicht. Der Schmied ver­fluchte den Land­gra­fen. Seine Stimme war dabei so laut, dass Lud­wig kei­nen Schlaf fin­den konnte und hören musste, wie der Schmied bei jedem Schlag auf den Amboss vor sich hin­sprach: »Land­graf, Land­graf, werde hart, hart wie die­ses Eisen! Deine Edel­leute schmei­cheln dir ins Ange­sicht und brand­schat­zen dein Volk. Land­graf Lud­wig, werde hart, werde hart!« Aus dem jun­gen, leicht­gläu­bi­gen und gut­mü­ti­gen Land­gra­fen wurde ein stren­ger aber gerech­ter Fürst, der mit sei­nen Edel­leu­ten scharf ins Gericht ging. Als er erfuhr, dass einige der Adli­gen Bau­ern das letzte Zug­vieh weg­ge­nom­men hat­ten, bestellte er sie zu sich auf die Neu­en­burg und sprach: »Wohlan, was ihr von mei­nem Volke gefor­dert, das soll euch zuteil wer­den!« In Ket­ten muss­ten die auf­rüh­re­ri­schen Jun­ker paar­weise einen Pflug durch ein gro­ßes Brach­feld zie­hen. Er selbst, immer an die Worte des Schmieds von Ruhla den­kend, trieb sie dabei an. Der so berei­tete Acker hieß von Stund an »der Edel­acker«. Die bestraf­ten Adli­gen schwu­ren dem Land­gra­fen heim­lich Rache. Lud­wig trug darum stets eine Rüs­tung und erhielt so den Bei­na­men »der Eiserne«.

Der Lie­der­dich­ter Hart­mann Schenk wurde 1634 in Ruhla gebo­ren. Aus sei­ner Feder stammt das Lied »Nun Gott Lob, es ist voll­bracht« (1664). Er wurde mit einer Por­trät­ta­fel in den Ruh­laer Dich­ter­hain auf­ge­nom­men.

Aus Ruhla stammt der 1803 gebo­rene Erzäh­ler und Lyri­ker Lud­wig Storch. Storch zählt zu den Pio­nie­ren des his­to­ri­schen Romans und wurde in den 1840er bis 1860er Jah­ren viel gele­sen. Seine Gedichte haben lange gewirkt: »Thü­rin­gen, du hol­des Land,/Wie ist mein Herz dir zugewandt!/Deiner Berge Häup­ter ragen/Auf gen Him­mel kühn und stolz,/Die die Eich’ und Buche tragen/Und der Tanne schlan­kes Holz.« Von Storch stammt die Bezeich­nung »Grü­nes Herz Deutsch­lands« für Thü­rin­gen. Noch heute gut les­bar ist Storchs »Wan­der­buch durch den Thü­ring­erwald« aus dem Jahr 1842. Sein Geburts­haus liegt in der Köh­ler­gasse 29. Auch er wird mit einer Por­trät­ta­fel im Dich­ter­hain geehrt.

1822 wurde in Ruhla der spä­tere Rei­se­schrift­stel­ler Alex­an­der Zieg­ler als Sohn eines  Unter­neh­mers gebo­ren. Nach­dem er das Gym­na­sium in Eisen­ach besucht hatte, stu­dierte er in Jena. 1846 unter­nahm er seine erste Nord­ame­rika-Reise. Seine Bücher »Skiz­zen einer Reise durch Nord­ame­rika unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung des Staa­tes Wis­con­sin«, 2 Bde. 1848) und »Meine Reise im Ori­ent« (2 Bde. 1855) wur­den wich­tige Vor­la­gen für Karl May (1842–1912). Heute noch inter­es­sant ist sein »Neu­es­tes Rei­se­hand­buch für Thü­rin­gen«, das er gemein­sam mit Hein­rich Schwerdt 1864 ver­öf­fent­lichte. Sein Geburts­haus liegt in der Unte­ren Lin­den­straße 17, wo noch heute eine Gedenk­ta­fel an ihn erin­nert. Spä­ter wohnte er in der Villa Urso Mon­tana am Ber­mberg 1, unweit davon liegt der Dich­ter­hain, in den auch sein Por­trät Ein­gang fand.

Die Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin Ger­trud Alex­an­der (Ps. GGL Alex­an­der) wurde 1882 in Ruhla gebo­ren. Durch Clara Zet­kin, die Alex­an­der 1907 ken­nen­lernte, schloss sie sich der lin­ken Sozi­al­de­mo­kra­tie und spä­ter den Kom­mu­nis­ten an, für deren Zei­tung »Rote Fahne« sie schrieb und erbit­tert die Moderne bekämpfte. Seit 1930 lebte sie in Mos­kau, wo sie 1967 starb. Ihr Geburts­haus liegt in der Köh­ler­gasse 31, wo eine Gedenk­ta­fel an sie erin­nert.

Franz Steh­mann, der sich spä­ter Donat nannte, wurde 1891 als Sohn eines Meer­schaum­pfei­fen­schnit­zers gebo­ren. Mit 16 Jah­ren heu­erte er auf einem Über­see­damp­fer an und ging in Bra­si­lien von Bord. Über seine Aben­teuer in Bra­si­lien und Para­guay schrieb er drei Aben­teu­er­bü­cher, von denen das 1926 erschie­nene »Para­dies und Hölle. Aben­teu­er­li­che Schick­sale eines Deut­schen unter Hin­ter­wäld­lern, Dia­man­ten­su­chern, India­nern, Ein­sied­lern und Ver­bre­chern« das bekann­teste ist. Donat starb 1960 in Santo Ângelo in Bra­si­lien.

Jakob van Hoddis in Thüringen

Uber die sie­ben Jahre, die Jakob van Hod­dis in Thü­rin­gen ver­brachte, ist bis­her kaum etwas bekannt gewor­den. Überlie­fert ist ledig­lich der bei Paul Pört­ner abge­druckte Brief David Baum­gardts (1890–1963), wonach Hod­dis Anfang 1919 (Fe­bruar oder März) bei ihm in Erfurt, Hoch­hei­mer Straße 51 auf­tauchte, abge­ris­sen, »schwer ver­wahr­lost« und ver­stört. Er hatte einen Tages­marsch zu Fuß zurück­ge­legt. Das am Rande des Thü­rin­ger Wal­des gele­gene Dorf Fran­ken­hain, wo er seit 1915 in Pri­vat­pflege lebte, liegt etwa 30 bis 40 km ent­fernt. Nach ei­nigen Tagen, Baum­gardt hatte Hod­dis in einem klei­nen Gast­hof ein­quar­tiert, brachte ihn sein jün­ge­rer Bru­der nach Fran­ken­hain zurück. Die­ser Aus­bruchs­ver­such blieb der einzi­ge, den Hod­dis zwi­schen 1915 und 1922 unter­nahm.

Nach­dem die Elgers­bur­ger Heil­an­stalt 1915 auf­ge­löst wur­de, ver­mit­telte der Anstalts­arzt Dr. Moritz Bruhn sei­nen Pfleg­ling Hod­dis einem sei­ner Bekann­ten, dem »Rek­tor« Emil Sieg­ling (1872 — 1946) in Fran­ken­hain. Er lebte mit sei­ner Fa­milie im Schul­haus; anfäng­li­che Beden­ken, solch einen sonder­lichen jun­gen Mann in die Fami­lie auf­zu­neh­men, wußte Dr. Bruhn zu zer­streuen. Er beschei­nigte Hod­dis völ­lige Harmlo­sigkeit. — Der Auf­ent­halt in Elgers­burg ist bis­her nir­gendwo er­wähnt wor­den. Nach­zu­tra­gen bleibt, wann Hod­dis dahin ein­geliefert wurde.

Eli­sa­beth Sieg­ling, eine heute in Arn­stadt lebende Toch­ter Emil Sieg­lings, erzählte, wie Hod­dis im Hause ihrer Eltern leb­te. Anfangs bewohnte er ein sepa­ra­tes Zim­mer im ers­ten Stock. Da er aber nachts unab­läs­sig im Zim­mer auf und ab lief und nicht müde wurde, den Tisch hin und her zu rücken, erhielt er ein Zim­mer im Erd­ge­schoß, wo sich auch die Schul­räume be­fanden. Tags­über ging er meist spa­zie­ren. Wegen der gro­ßen Geschwin­dig­keit, die er dabei ent­wi­ckelte, nann­ten ihn die Leute im Ort den »Schnel­läu­fer«. Die alten Dorf­be­woh­ner er­innern sich noch heute der vehe­men­ten Spa­zier­gänge, stets den Stock im gewin­kel­ten Arm, fast immer die glei­che Tour, im gro­ßen Bogen um den Ort herum. Er lief aber auch unent­wegt um ein Kie­fern­wäld­chen oder quer­feld­ein, immer allein. Höchs­tens ein­mal in Beglei­tung sei­ner Mut­ter, die ihn ab und an besuchte. Manch­mal beglei­tete er auch den Rek­tor nach Ohr­d­ruf. Seine stän­dige innere Unruhe trieb ihn auch bis in die Gegend von Elgers­burg. Dort saß er ein­mal in den Jah­ren des Ers­ten Welt­krieges in einer Kies­grube oder in einem Stein­bruch und schrieb, wie er es stän­dig tat, auf Zet­tel. Die Arbei­ter glaub­ten, in ihm einen Spion zu sehen. Der schwer­hö­rige Hod­dis hörte ihre Anrufe nicht und wurde dar­auf­hin geohr­feigt. Zufäl­lig ka­men Leute vor­bei, die den »Spion« kann­ten und die »Verwechs­lung« rich­tig­stell­ten. Von die­sem Zwi­schen­fall erzählte Hod­dis selbst den Sieg­lings kein Ster­bens­wort. Sie erfuh­ren es erst von ande­ren Leu­ten.

Von sei­nen Aus­flü­gen brachte Hod­dis gewöhn­lich Steine, Glas­scher­ben und ähn­li­che Dinge mit nach Hause. Seine Fun­de ver­wahrte er in einem Kar­ton, der hin und wie­der geleert wurde. Er fragte dann sehr beküm­mert: »Wo sind meine Edel­steine hin?«

Anfangs hatte Hod­dis stets etwas Geld bei sich. Da er jedoch inner­halb kur­zer Zeit alles weg­schenkte, meist an arme Leute, die er im Wald beim Holz­sam­meln traf, erhielt er spä­ter pro Tag eine Mark, für die er sich regel­mä­ßig Ziga­ret­ten kaufte.

Kör­per­li­che Arbeit hat Hod­dis in Fran­ken­hain nicht verrich­tet. Das Gärt­ner­da­sein ist eine Legende. Frau David­sohn hatte geglaubt, ihr Sohn könne sich an der Gar­ten­ar­beit der Sieg­lings betei­li­gen. Der erste Ver­such zeigte, daß dies nicht mög­lich war. Beim Jäten zog er alle Pflan­zen mit her­aus, hielt sie hoch und fragte: »Ist das Unkraut?«

Wurde Hod­dis ange­spro­chen, ant­wor­tete er meist nur mit ja oder nein. Ebenso ein­sil­big ver­hielt er sich zum Bei­spiel auch, wenn er dem Rek­tor nachts auf dem Schul­hofe begeg­nete, den er, wenn die Haus­tür ver­schlos­sen war, durch einen Sprung aus dem Fens­ter erreichte. Er sagte dann nur »guten Abend« und ging ohne jedes wei­tere Wort ins Haus zurück. Ver­sam­mel­ten sich die Schü­ler vor Unter­richts­be­ginn auf dem Hof, gesellte er sich oft dazu. Sobald er jedoch merkte, daß einer der umstehen­den Schü­ler ver­suchte, ihn zu fop­pen, lief er blitz­schnell davon. Nach sei­nem Alter befragt, ant­wor­tete er prompt, und das mit den Jah­ren unver­än­dert: «Acht­und­zwan­zig!« Die Nach­richt vom Tode sei­nes Bru­ders, der an der Front gefal­len war, nahm er völ­lig teil­nahms­los hin. Als 1916 eine Toch­ter Emil Sieg­lings kon­fir­miert wurde, schenkte er ihr einen Spiel­zeug­bau­kas­ten. Oft stand er in der Küche vorm Ofen, als fröre ihn, plötz­lich schlug er eine laute Lache an.

Den Sieg­lings war bekannt, daß Hod­dis lite­ra­risch gear­bei­tet hatte, auch von dem Pseud­onym (in sei­nem Hut befan­den sich noch die Initia­len J. v. H.) wuß­ten sie. 1922 schien die Pflege aus hygie­ni­schen Grün­den nicht län­ger zumut­bar. Nach sei­nem Weg­gang wur­den alle seine Skrip­ten, die sehr ver­schmutzt ge­wesen sein sol­len, ver­brannt. Erhal­ten hat sich aus die­ser Zeit, soweit zu sehen war, nur eine Ein­tra­gung im Poe­sie­al­bum von Eli­sa­beth Sieg­ling aus dem Jahre 1915.

Wäh­rend sei­ner Jahre in Fran­ken­hain wurde Hod­dis nicht müde zu erklä­ren: »Ich habe am Wann­see Rosen gepflückt und weiß nicht, wem ich sie schen­ken soll.«

Fragen an Frank Quilitzsch

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Thü­rin­gen ist der Ort, an dem ich am längs­ten lebe und wo ich die meis­ten Freunde und Bekann­ten habe.

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Die Unzu­frie­den­heit mit der Welt und mit mir selbst und die Freude, sie zu for­mu­lie­ren.
3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Von 1981 bis 1991 habe ich regel­mä­ßig Tage­buch geführt (23 Bände). Seit­dem nur noch auf Recher­che­rei­sen.
4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?

Ein was…? Ich schreibe nur in der Frei­zeit und im Urlaub, in der Regel täg­lich ein bis zwei Stun­den am frü­hen Mor­gen. Was mich vom Schrei­ben abhält? Mein Brot­job (Kul­tur­re­dak­teur), die Liebe und das Leben.
5. Ihr Lieb­lings­ort – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Da gibt es drei: der ehe­ma­lige und lange Zeit rus­sisch besetzte  Flug­platz Nora (der mich zur Selbstausein­an­der­set­zung ani­miert, siehe »Thü­rin­ger Stim­men«),  meine Lauf­stre­cke ent­lang der Gera (sie erhält mich fit) und die Ofen­bank von Lan­dolf S. (da kann man noch visio­när träu­men).
6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

In China. Aber ich bin sicher, dass das noch nicht mein letz­tes ist…
7. Ihr Lieb­lings­buch?
»Tran­sit« von Anna Seg­hers.
8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Ich bereue nur das, was ich (noch) nicht zustande gebracht habe und glaube, schrei­ben zu müs­sen.
9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Mein Hör­buch »Dinge, die wie ver­mis­sen wer­den«, das ich mit Iris Ber­ben und Tho­mas Thieme« in einem Ber­li­ner Ton­stu­dio auf­ge­nom­men habe.
10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Die Ent­ste­hung des Lebens und der Sinn unse­res (kurz­zei­ti­gen) Daseins.
11. Was ist für Sie Stil?

In auch für andere annehm­ba­rer Weise zu sich selbst zu ste­hen.
12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Eine wirk­lich bedeu­tende, die wich­ti­ger wäre als alle ande­ren, habe ich bis heute nicht ken­nen gelernt.
13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das Biss­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Noch lie­ber als dass ich schreibe, lese ich. Was bedeu­tende Autoren geschrie­ben haben, ist für einen, der sich sel­ber beim Schrei­ben ernst nimmt, Ori­en­tie­rung, doch uner­reich­bar.
14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

Das »Herbst­lied« von Hans-Eckardt Wen­zel.
15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

Schreib das auf, Qui­litzsch!

Ilmenau

Ursprüng­lich gehörte Ilmenau den Käfern­bur­gern (spä­te­ren Schwarz­bur­gern), deren Was­ser­burg Rudolf von Habs­burg 1289 zer­stö­ren ließ. Spä­ter ver­kauf­ten diese ihren Besitz an die Hen­ne­ber­ger. Nach deren Aus­ster­ben 1583 fiel Ilmenau an die säch­si­schen Wet­ti­ner, 1660/61 bei einer Erb­tei­lung end­gül­tig an deren Haus Sach­sen-Wei­mar.

Min­des­tens seit 1444 wurde in der nahen Sturm­heide nach Sil­ber geschürft. Die »Sage vom Berg­mönch« bezieht sich auf diese Zeit. Bis Ende des 17. Jahr­hun­derts flo­rierte der Berg­bau, wenn­gleich die Aus­beute in kei­ner Weise mit der in den Gru­ben von Saal­feld oder gar des säch­si­schen­Frei­berg ver­gli­chen wer­den kann. So genügte 1739 ein ein­zi­ger Damm­bruch, den Erz­ab­bau zum Erlie­gen zu brin­gen. Und als 1752 ein ver­hee­ren­der Brand die Stadt fast voll­stän­dig zer­störte, glaubte kaum noch jemand an ihren Wie­der­auf­stieg. Die Stadt ver­armte und wurde von kor­rup­ten Beam­ten regiert. Des­halb erhielt Anna Ama­lia am 1. 2. 1768 »Gerechte und erheb­li­che Beschwer­den einer armen Bür­ger­schaft«. Doch wurde diese »Ilmen­auer Empö­rung« von ihr kur­zer­hand durch eine mili­tä­ri­sche Straf­ex­pe­di­tion nie­der­ge­schla­gen.

Auf der 1500 in Nürn­berg erschie­ne­nen Rom-Pil­ger­karte (»Das ist der Rom­weg von mey­len zu mey­len mit punc­ten ver­zeych­net – von einer stat zu der andern durch deutz­sche Land«) von Erhard Etz­laub ist auch Ilmenau ein­ge­zeich­net, führte doch die Route von Erfurt über Arn­stadt und den Thü­rin­ger Wald nach Coburg und  Nürn­berg.

Mar­tin Luther wird diese Karte für seine Rom-Reise (1510/11) benutzt haben, zumal ihr Her­aus­ge­ber zur sel­ben Zeit an der Uni­ver­si­tät Erfurt als Arzt und Astro­nom gelehrt hatte, als Luther dort stu­dierte. Zudem war Luthers Gön­ner Johann von Stau­pitz 1506 auf glei­cher Stre­cke unter­wegs. Luther brach mit sei­nem Beglei­ter (»Muss jemand zur Besor­gung irgend­ei­nes Geschäf­tes fürs Klos­ter aus­ge­schickt wer­den, so sol­len zwei gehen. Ein unnö­ti­ges Wort soll bei ihnen nicht zu hören sein«) vor Mitte Novem­ber in Erfurt auf und wird am zwei­ten Tag bis Frau­en­wald gekom­men sein. Georg Ernst bestellte nach Ein­füh­rung der Refor­ma­tion im Hen­ne­ber­ger Land 1544 den spä­te­ren berühm­ten Wit­ten­ber­ger Theo­lo­gen Johann Förs­ter (1495–1558) zum Ilmen­auer Visi­ta­tor. Por­trät-Medail­lons erin­nern am Kirch­platz an Förs­ter und Luther. 1558 starb Eli­sa­beth von Bran­den­burg in Ilmenau. Andreas Liba­vius (um 1550–1646), der Ver­fas­ser des ers­ten sys­te­ma­ti­schen Che­mie­bu­ches, der »Alchi­mia« von 1597, war 1581 bis 1586 Leh­rer in Ilmenau.

Johan­nes Musäus ist der Uren­kel des aus Vetschau in Bran­den­burg stam­men­den Theo­lo­gen Simon Musäus (1521/29–1576/82), der 1558–1561 Pro­fes­sor in Jena war. Des­sen Sohn Johan­nes Musäus (1549–1619) begrün­dete in Mei­nin­gen den Thü­rin­ger Zweig der Fami­lie und sein Sohn Johan­nes Musäus (1582–1654) hei­ra­tete die aus Ilmenau kom­mende Sybilla Sturm. Er war dort­selbst 1616–1612 Schul­rek­tor. Sie sind die Eltern von Musäus, auf den die Jenaer Linie zurück­geht und in dem der Urur­groß­va­ter von Johann Karl August Musäus zu sehen ist. Musäus‹ gleich­falls in Lan­ge­wie­sen gebo­re­ner Bru­der Peter Musäus (1620–1674) wurde nach Ordi­na­ria­ten in Rin­teln und Helm­stedt 1665 ers­ter Theo­lo­gie-Prof. an der neu­ge­grün­de­ten Uni­ver­si­tät Kiel. Musäus in Ilmenau gebo­rene Schwes­ter Sabina Musäus (1607–76) hei­ra­tete den Lan­ge­wie­se­ner Johann Zim­mer­mann, bei­der Uren­ke­lin Bar­bara Katha­rina Jahn ist die Mut­ter des Lan­ge­wie­sen­der Schrift­stel­lers Wil­helm Heinse.

Die Schwes­ter der Dich­te­rin Sido­nia Hed­wig Zäu­ne­mann, Mar­tha Pau­lina Zäu­ne­mann, hei­ra­tete im Juni 1735 Gott­fried Poly­carp Kunad, der noch im Dezem­ber 1735 als Wei­ma­ri­scher Stadt-, Land- und Berg­amts­phy­si­kus nach Ilmenau bestellt wurde. Sido­nia Hed­wig Zäu­ne­mann kam nun öfter nach Ilmenau. Weil sich aber eine sol­che Reise für eine ledige Frau nicht ziemte, ritt sie in Män­ner­klei­dern und scheute weder Nacht noch Wäl­der: »Der finstre Tan­nen­wald hat mich gar nicht erschrecket;/Vielmehr sein sanft Geräusch die größte Lust erwecket;/Versuchts! Es reiste sich des Nachts in Wäl­dern schön:/Ich hab’s erst nicht geglaubt, nun hab’ ich es gesehn.«

Das älteste Ilmen­auer Berg­werk befand sich zwi­schen Wen­zels­berg und Lin­den­straße. Am 23. und 30. 1. 1737 fuhr S. H. Zäu­ne­mann als erste Frau darin ein: »Wes­we­gen soll denn nicht ein Frauen-Bild auf Erden/Durch Leder, Licht und Fahrt ein küh­ner Berg­mann werden?/Auch diese Tat muss rühm­lich sein!/Glück auf! ich fahre freu­dig ein.« Kurz dar­auf erschien die poe­ti­sche Repor­tage »Das Ilme­n­aui­sche Berg­werck« (1737), mit der Zäu­ne­mann der Dich­tung nicht nur ein neues Thema erschloss, son­dern auch sozi­al­kri­ti­sche und die Frau­en­eman­zi­pa­tion betref­fende Fra­gen stellte.

Goe­the ver­brachte in Ilmenau und Umge­bung mehr als 200 Tage. Damit nimmt die Stadt in sei­ner Lebens­to­po­gra­phie nach Wei­mar, Frank­furt, Jena, Rom und Karls­bad den 6. Platz ein. Goe­thes ers­ter Auf­ent­halt war von einem Brand und wegen der Ver­fol­gung einer Räu­ber­bande ver­an­lasst. Spä­ter wurde er als Lei­ter der Berg­bau- sowie der Kriegs- und Wege­bau­kom­mis­sion dort tätig. Schließ­lich hatte er sich auch um die Neu­ord­nung des Ilmen­auer Steu­er­we­sens zu küm­mern. Trotz aller Küm­mer­nisse und Ent­täu­schun­gen, mit denen die Ilmen­auer Pflich­ten ver­bun­den waren, emp­fand er die dort gewon­ne­nen Ein­drü­cke und Erfah­run­gen als gro­ßen Gewinn. Die natur­wis­sen­schaft­li­chen For­schun­gen erfuh­ren hier wesent­li­che Impulse und trotz aller zeit­li­cher Belas­tun­gen wurde immer wie­der an poe­ti­schen Wer­ken gear­bei­tet. So am Roman »Wil­helm Meis­ters Lehr­jahre« (1795), der in ein­zel­nen Abschnit­ten sehr direkt an das »hei­tere Land­städt­chen« erin­nert.

Nach der Ein­stel­lung des Berg­baus 1796 hielt sich Goe­the viele Jahre von Ilmenau fern. Erst im Som­mer 1813 reiste er wie­der dort­hin. Er folgte der Ein­la­dung Carl Augusts, sei­nen 64. Geburts­tag in Ilmenau zu fei­ern und ver­lebte »sie­ben ver­gnügte Tage« in erin­ne­rungs­rei­cher Umge­bung. Auch sei­nen letz­ten Geburts­tag ver­brachte der 82jährige in Ilmenau, dies­mal in Gesell­schaft bei­der Enkel­söhne. Ein Mann, der sich Johann Fried­rich Krafft nannte, bat Goe­the 1778 von sei­ner Hei­mat­stadt Gera aus um Unter­stüt­zung. Tief beein­druckt von des­sen Schick­sal, wurde ihm diese gewährt. Ab Mai 1779 ver­fasste er für Goe­the Berichte über die Miss­stände in Ilmenau. Krafft küm­merte sich auch um das Fin­del­kind Peter im Baum­gar­ten (1761–1794), des­sen Erzie­hung Goe­the über­nom­men und den er, genau wie Krafft, in Ilmenau unter­ge­bracht hatte. Da Kraffts Iden­ti­tät nie gelüf­tet wurde, umweht ihn und sein unbe­kann­tes Schick­sal bis heute etwas Geheim­nis­vol­les. Harald Ger­lach hat Krafft zum Hel­den eines sprach­lich dich­ten Pro­sa­tex­tes (»Steck­brief«, 1978) gemacht.

Goe­the stimmte als Mit­glied des Gehei­men Con­si­li­ums am 13. 2. 1776 dem Vor­ha­ben zur Revi­ta­li­sie­rung des Ilmen­auer Berg­baus zu und bekam 1777 die Lei­tung der Berg­bau­kom­mis­sion über­tra­gen. In enger Zusam­men­ar­beit mit sei­nem spä­te­ren Minis­ter­kol­le­gen Chris­tian Gott­lob Voigt war er von nun an 20 Jahre lang mit Pro­ble­men des Berg­baus befasst. Von Anfang an gab es große Schwie­rig­kei­ten. In lang­wie­ri­gen Ver­hand­lun­gen muss­ten juris­ti­sche, tech­ni­sche und finan­zi­elle Kom­pli­ka­tio­nen besei­tigt wer­den. Erst am 24. 2. 1784 wurde der »Neue Johan­nes­schacht« eröff­net. Aus die­sem Anlass hielt G. eine län­gere Rede. Trotz gro­ßer Anstren­gun­gen gab es in der Fol­ge­zeit immer wie­der Hin­der­nisse, die kaum über­wun­den wur­den. 1796 ereig­nete sich erneut eine Kata­stro­phe. In der Nacht vom 22. auf den  23.10. stürzte der Mar­tin­rö­der Stol­len in sich zusam­men, was gewal­tige Was­ser­ein­brü­che auch anderswo ver­ur­sachte. Am Ende musste Goe­the ein­se­hen, dass die jah­re­lan­gen inten­si­ven Anstren­gun­gen ver­geb­lich waren.

Char­lotte von Stein besuchte G. am 5./6. 8. 1776 erst­mals in Ilmenau, wo sie mit ihm zum Her­mann­stein wan­derte und sie gemein­sam auf dem Kam­mer­gut Unter­pör­litz zu Mit­tag speis­ten. Fortan ist sie Adres­sa­tin zahl­rei­cher Briefe aus Ilmenau und Emp­fän­ge­rin von Gedich­ten und Zeich­nun­gen. Her­zog Carl August war neben sei­nem Groß­va­ter Her­zog Ernst August der ein­zige Wei­ma­rer Fürst, der in lebens­lan­gem Kon­takt zu Ilmenau stand., was vor allem mit sei­ner Jagd­lei­den­schaft zu tun hatte, aber auch mit den Pro­ble­men, die ihn die Revi­ta­li­sie­rung des Ilmen­auer Berg­baus berei­te­ten.

Johann Gott­fried Her­der kam erst­mals 1780 nach Ilmenau. An J. G. Hamann schrieb er: »Die Gegend ist so herr­lich, die Luft so leicht und rein, Berge, Täler und die Fich­ten­wäl­der, die auf jenen zum Him­mel stei­gen, so erqui­ckend.« Nach der Ent­frem­dung mit Goe­the war Kne­bel Her­ders engs­ter Freund. 1799 und Anfang Mai 1800 kam Her­der nach Ilmenau, um die­sen zu sehen. Zum letz­ten Besuch brachte Her­der Jean Paul mit, den Kne­bel 1796 in Wei­mar schät­zen gelernt und der ihn schon 1799 in Ilmenau auf­ge­sucht hatte. Nun traf Jean Paul in Ilmenau mit sei­ner Ver­lob­ten, Karo­line von Feuch­ters­le­ben, und deren schwie­ri­ger Halb­schwes­ter zusam­men. Nach­dem beide Ilmenau vor­fris­tig ver­las­sen hat­ten, war die Ver­lo­bung gelöst.

Carl Wil­helm Voigt (1752–1821) war wei­ma­ri­scher Berg­rat und wis­sen­schaft­li­cher Schrift­stel­ler. Voigt trug mit sei­nem Buch »Mine­ra­lo­gi­sche Rei­sen durch das Her­zog­tum Wei­mar und einige angren­zende Gegen­den« (1782) wesent­lich zur geo­lo­gi­schen Erfor­schung des Thü­rin­ger Wal­des bei.

Die Schau­spie­le­rin und Sän­ge­rin Corona Schrö­ter (1751–1802) war von 1776–1798 in Wei­mar enga­giert, wo Schrö­ter der Mit­tel­punkt des Musen­ho­fes und der Star des Hof­thea­ters war und ent­spre­chend umwor­ben wurde. Für Her­zog Carl August, des­sen Avan­cen Schrö­ter stets zurück­wies, war sie »mar­mor­schön und mar­mor­kalt«. Ihre Liebe gehörte Hil­de­brand von Ein­sie­del, der öfter mit der Wei­ma­rer Hof­ge­sell­schaft in Ilmenau weilte; doch konnte sich kei­ner von bei­den zur Ehe ent­schlie­ßen. Corona Schrö­ter ver­brachte das letzte Lebens­jahr zurück­ge­zo­gen und krän­kelnd in Ilmenau, in des­sen Wald­luft sie sich Lin­de­rung für ihr »Brust­ü­bel« erhoffte.

Karl Lud­wig von Kne­bel hei­ra­tete am 8. 2. 1798 in Ilmenau im Haus von C. W. Voigt die von Her­zog Carl August geschwän­gerte Sän­ge­rin Louise Rudorf (1777–1852) und adop­tierte deren Kind. Weil Kne­bel den Her­zog öffent­lich kri­ti­siert hatte, schien es ihm gera­ten, Wei­mar zu ver­las­sen und nach Ilmenau zu zie­hen, wo er bis 1803 blieb. Seine junge Frau machte es ihm weder in Küche noch Stube recht, so dass die Ilmen­auer Jahre dies­be­züg­lich recht tur­bu­lent wur­den. Ent­span­nung fand Kne­bel bei sei­nen Büchern und sei­ner Mine­ra­lien-Samm­lung sowie bei aus­ge­dehn­ten Spa­zier­gän­gen in der Sturm­heide. Kne­bel arbei­tete in Ilmenau an der Lukrez-Über­set­zung, brachte sie jedoch nicht zum Abschluss.

August Thieme (1780–1860) war 1813–1817 Dia­kon in Ilmenau, wo er mit der Wei­ma­rer Regie­rung Schwie­rig­kei­ten bekam, weil er zu sehr betonte, »nicht (nur) für die Hono­ra­tio­ren zu pre­di­gen beru­fen« sei.

Seit 1838 schickte sich Ilmenau an, Kur­bad zu wer­den. Unter den ers­ten Gäs­ten war Johann Peter Ecker­mann. 1840 kurte der spä­tere Gene­ral­feld­mar­schall und begabte Rei­se­schrift­stel­ler Hel­muth Graf von Moltke (1800–1891) in Ilmenau. 1873 und 1874 hielt sich Ernst Keil in Ilmenau. auf. Als ebenso berühm­ter wie rei­cher Mann spen­dete er für die Ilmen­auer Armen­kasse und den Ver­schö­ne­rungs­ver­ein. Noch bekann­ter war Joseph Vic­tor von Schef­fel, der auf Ein­la­dung sei­nes Hei­del­ber­ger Stu­di­en­freun­des und nun­meh­ri­gen Ilmen­auer Jus­tiz­ra­tes Karl Fried­rich Schwa­nitz (1823–1903) vom 5. 4. bis 1. 5. 1878 im Gast­hof »Tanne« in der Lin­den­straße 39 wohnte. Unge­stört konnte sich Schwa­nitz in der Ilmen­auer »Cham­pa­gner­luft« erho­len und zum Gabel­bach hin­auf­wan­dern. Theo­dor Fon­tane fuhr von Kösen aus am 22. 8. 1867 nach Ilmenau, wo er seine lang­jäh­rige Kor­re­spon­denz­part­ne­rin Mat­hilde von Rohr (1810–89) traf und mit ihr an den fol­gen­den Tagen aus­ge­dehnte Spa­zier­gänge unter­nahm und sich über den Gabel­bach zum Kickel­hahn kut­schie­ren ließ. Am 26. 9. 1873 kam er von Erfurt über die Schmü­cke nach Ilmenau, wo er über­nach­tete und am ande­ren Tag nach Schwarz­burg wei­ter­fuhr. Die weni­gen Tage in Ilmenau hat­ten ein lite­ra­ri­sches Nach­spiel. In den iro­nisch-gefärb­ten Plau­de­reien »Von vor und nach der Reise« (1894) erzählt Fon­tane von einem Hof­rat, der nach einem sechs­wö­chi­gen Auf­ent­halt in Ilmenau wie­der nach Ber­lin zurück­ge­kehrt war: »Ja, schöne Wochen! Ich war ein ande­rer Mensch, und nicht ein ein­zi­ges mal hab’ ich von dem herr­li­chen Kickel­hahn­kamm in das Wal­des­meer … nie­der­ge­blickt, ohne die Schön­heit und Tiefe der dort oben ein­ge­rahm­ten Dich­ter­zei­len an mir sel­ber emp­fun­den zu haben.« Sei­ner Frau schlug er vor, den »kör­per­li­chen Ertüch­ti­gungs­kurs« von Ilmenau in Ber­lin fort­zu­füh­ren. Er hielt »drei Regen­tage lang« durch. Das Haus­arzt warnte ihn davor, mit sei­ner »natür­li­chen Bean­la­gung für Asthma und Rheu­ma­tis­mus nicht den Turn­va­ter Jahn zu spie­len … alles bloß, weil sie drau­ßen in Thü­rin­gen ein paar hus­ten­lose Tage gehabt haben« und emp­fahl »Feder­bett, Kamin­feuer, Zei­tung und damp­fen­den Tee­kes­sel«.

Der aus Ruhla stam­mende Ilmen­auer Bür­ger­schul­leh­rer Paul Bleisch (1869–1925) schenkte Ilmenau eine bemer­kens­werte Kul­tur­ge­schichte (»Bil­der aus Ilmen­aus Ver­gan­gen­heit«, 1910, Reprint 1987), in der auch die Lite­ra­tur ihren Platz hat. Und Julius Voigt (1874–1946), von 1903–1918 Ilmen­auer Real­schul­rek­tor, erar­bei­tete in einer bis heute gül­ti­gen Dar­stel­lung die Bezie­hun­gen Goe­thes zu Ilmenau (»Goe­the und Ilmenau«, 1912).

Der Lyri­ker und Libret­tist Fried­rich Hof­mann (1813–1888) kam in den 1870er und 1880er Jah­ren öfter zur Som­mer­fri­sche nach Ilmenau: »Wer nicht die Wäl­der und Höhen kann stei­gen zu won­ni­ger Schau,/Der soll zum Teu­fel gehen und nicht nach Ilmenau.« 1886 zog er ganz hier­her. Sein Wohn­haus befin­det sich in der Fried­rich-Hof­mann-Straße 14, wo heute eine Gedenk­ta­fel an ihn erin­nert.

Der Musi­ker, Maler und Dich­ter Sieg­fried Bur­meis­ter (1906 -1998) fand in den 1950er Jah­ren in Wei­mar Aner­ken­nung als Maler, wurde aber aus poli­ti­schen Grün­den 1964 nach Ilmenau aus­ge­wie­sen. Sein aus Gedich­ten, Apho­ris­men und einen Thea­ter­stück bestehen­des lite­ra­ri­sches Werk blieb weit­ge­hend uner­schlos­sen. Seine Woh­nung befand sich in der Schor­te­straße 50.

Lothar-Günther Buchheim zum 100. Geburtstag – Christoph Schmitz-Scholemann

Sein Lieb­lings­lied war »La Paloma«. Sein Freund Klaus Dol­din­ger spielte es 2007 bei sei­ner Beer­di­gung auf dem Fried­hof von Bern­ried am Starn­ber­ger See. Edmund Stoi­ber, frü­her Minis­ter­prä­si­dent des Frei­staats Bay­ern, nannte ihn einen »Vesuv«. Sein Roman »Das Boot« war ein Welt­erfolg. Der gleich­na­mige Film, für 6 Oscars nomi­niert, ver­half den Schau­spie­lern Jür­gen Proch­now, Her­bert Grö­ne­meyer, Uwe Och­sen­knecht und Mar­tin Sem­mel­rogge zu Welt­ruhm. Lothar Gün­ther Buch­heim, sei­nes Zei­chens Maler und Foto­graf, Ver­le­ger und Roman­cier, war einer der geni­als­ten Pol­ter­geis­ter unter den deut­schen Künst­lern des 20. Jahr­hun­derts. Und, was sie meis­ten nicht wis­sen: Er war Thü­rin­ger. Aber der Reihe nach:

Buch­heim, groß­ge­wor­den im benach­bar­ten Sach­sen, arbei­tete neben dem Schul­be­such als Illus­tra­tor und Autor für Chem­nit­zer Zei­tun­gen. 1935 erschien das erste Buch über ihn: »Lothar-Gün­ther Buch­heim. Ein ganz jun­ger Künst­ler«. Er stu­dierte Kunst in Dres­den und Mün­chen, bevor er sich 1940 als Frei­wil­li­ger zur Kriegs­ma­rine mel­dete. Als Ober­leut­nant und Kriegs­be­richt­erstat­ter gehörte er der »Pro­pa­gan­da­kom­pa­nie« der Waf­fen-SS an. 1944 ent­kam er mit einem der letz­ten deut­schen U-Boote aus der Fes­tung Brest. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg fügte er der schrift­stel­le­ri­schen und künst­le­ri­schen Arbeit eine wei­tere Obses­sion hinzu: Er grün­dete in Frank­furt am Main einen Kunst­buch­ver­lag, des­sen Sitz er spä­ter an den Starn­ber­ger See ver­legte.

Stets prä­sent in der Kunst­szene nach 1945 trie­ben ihn doch die Erin­ne­run­gen an seine Kriegs­er­leb­nisse um. Er brauchte ein Vier­tel­jahr­hun­dert, bis er seine Auf­zeich­nun­gen und Gedan­ken zu dem ful­mi­nan­ten Roman »Das Boot« ver­ar­bei­ten konnte, einem Anti-Kriegs-Epos von mythi­scher Wucht, das ihn zu einem der meist­ge­le­se­nen deut­schen Autoren machte. 1996 grün­dete er die gemein­nüt­zi­gen Buch­heim-Stif­tung. 2001 ent­stand das »Museum der Phan­ta­sie« in Bern­ried, des­sen Direk­tor Bucheim bis zu sei­nem Tod 2007 war.

Bleibt noch die Frage zu klä­ren, wieso Buch­heim ein Thü­rin­ger war. Die Ant­wort ist ein­fach. Er wurde, heute vor 100 Jah­ren, hier gebo­ren. Das Geburts­re­gis­ter der Stadt Wei­mar ver­zeich­net unter Nr. 54/1918, es sei am 7. Februar 1918 vor dem Stan­des­be­am­ten Hüt­tig die Heb­amme Ger­trud Hesse erschie­nen und habe bekun­det,

»dass von der unver­ehe­lich­ten Char­lotte Buch­heim, ohne Beruf, evan­ge­li­scher Reli­gion …in Wei­mar … am 6. Februar des Jah­res 1918, vor­mit­tags um ein­ein­halb Uhr ein Knabe gebo­ren wor­den sei und daß das Kind die Vor­na­men Lothar Gün­ter erhal­ten habe.«

Warum Char­lotte Buch­heim zur Ent­bin­dung aus Chem­nitz nach Wei­mar gereist war? Er habe, erzählte Buch­heim spä­ter, im Hin­blick auf die von der Mut­ter erhoffte lite­ra­ri­sche Lauf­bahn im Schat­ten von Goe­the und Schil­ler zur Welt kom­men sol­len. Sel­ten haben sich die Hoff­nun­gen einer Mut­ter so schön erfüllt.

Fragen an Kathrin Groß-Striffler

1.     Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

In Thü­rin­gen bin ich seit 13 Jah­ren zuhause. Alles ist Stoff: die Stadt Jena und ihre Men­schen, die Kul­tur, die Natur. Der Fisch­rei­her, der mor­gens am Teich gegen­über lan­det. Die kul­tu­rel­len Aus­flüge nach Wei­mar. Die Saa­le­ho­ri­zon­tale, auf der ich wan­dere. Ich als Wessi in Ossi­land, mit allen Miss­ver­ständ­nis­sen, Emp­find­lich­kei­ten, die damit ver­bun­den sind, aber auch der immensen Berei­che­rung. Die auch die Flücht­lings­be­treu­ung bie­tet. Die Liste ist end­los. Ich bin hier, und das ist gut so.

2.     Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Gute Bücher, das, was mir andere Men­schen erzäh­len, Beob­ach­tun­gen, die ich in mir, und nicht in einer Kladde, abspei­chere. Die etwas in mir zum Schwin­gen brin­gen. Die Gefühle in mir aus­lö­sen. Alle Arten von Gefüh­len.

3.     Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Nein, siehe oben.

4.     Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur? Was’n das?

Ich schreibe regel­mä­ßig von früh bis mit­tags und am Nach­mit­tag zwei Stun­den. Aus­nahme: wenn ich als Inte­gra­ti­ons­leh­re­rin unter­richte. Sonst lasse ich mich nicht abhal­ten. Habe an mei­nem Arbeits­com­pu­ter kei­nen Inter­net­an­schluss. Habe kein Handy. Sehr hilf­reich.

5.     Ihr Lieb­lings­ort – – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Unser Haus in Jen­aprieß­nitz.

6.     Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Im Flücht­lings­heim.

7.     Ihr Lieb­lings­buch?

Tho­mas Bern­hard, »Aus­lö­schung«. Alle Sto­ries von Ray­mond Car­ver und Alice Munro.

8.     Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Klar. Habe schon viel Schrott pro­du­ziert. Die Schub­lade und der Müll sind voll davon.

9.     Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Der Döblin-Preis.

10.  Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Die Poli­tik.

11.  Was ist für Sie Stil?

Uff. Stil ist das, was übrig­bleibt, wenn alles Unstim­mige aus­ge­merzt ist.

12.  Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Wüsste ich jetzt nie­man­den.

13.  Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Nee, Lesen ist mein zwei­tes Stand­bein. Und gute Bücher sind wie gute Freunde.

14.  Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

Queen, I want to break free.

15.  Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

Humor ist, wenn man trotz­dem lacht.

Michael Opitz – »Wolfgang Hilbig. Eine Biographie«

Gele­sen von Diet­mar Jacob­sen

Ein Weltliterat aus Meuselwitz

 

Wolf­gang Hil­bigs (1941–2007) Werk zieht mitt­ler­weile eine lange Reihe von Sekun­där­li­te­ra­tur hin­ter sich her. Kaum ein Text die­ses Dich­ters, der, obwohl er der Arbei­ter­klasse ent­stammte und als Schrift­stel­ler Auto­di­dakt war, in der auf Arbei­ter­li­te­ra­tur nach­ge­rade ver­ses­se­nen DDR den­noch nicht ver­legt wurde, blieb unbe­ach­tet, kein Vers unkom­men­tiert. Und den­noch fehlte bis dato ein Gesamt­blick auf das Leben des aus dem thü­rin­gi­schen Meu­sel­witz stam­men­den Autors.

Die­ses Desi­de­rats hat sich nun der 1953 in Ber­lin (Ost) gebo­rene Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und -kri­ti­ker Michael Opitz mit der ers­ten umfang­rei­chen Bio­gra­phie Hil­bigs ange­nom­men. Er hat Freunde und Lebens­ge­fähr­tin­nen des Dich­ters um Ein­bli­cke in ihre Brief­wech­sel mit Hil­big gebe­ten, sich in die neun Akten­ord­ner, die das Minis­te­rium für Staats­si­cher­heit im Laufe von mehr als zwei­ein­halb Jahr­zehn­ten über den unge­lieb­ten Autor füllte, ver­tieft und sich den in 46 Archiv­käs­ten bei der Aka­de­mie der Künste gesam­mel­ten Dich­ter­nach­lass – eine wahre Fund­grube für alle an Wolf­gang Hil­bigs Werk Inter­es­sier­ten – genau ange­schaut. Ent­stan­den ist dabei eine akri­bisch aus den Quel­len gear­bei­tete, Leben und Werk ineins set­zende, umfang­rei­che Stu­die, die das Zeug zum Stan­dard­werk besitzt.

Opitz nähert sich einem der sprachmäch­tigs­ten deutsch­spra­chi­gen Autoren der zwei­ten Hälfte des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts in sechs gro­ßen Kapi­teln, von denen jedes noch ein­mal in fünf Unter­ka­pi­tel zer­fällt. Als Über­schrif­ten sämt­li­cher Abschnitte hat er durch­gän­gig Zitate aus Hil­bigs Tex­ten gewählt. Damit wird von vorn­her­ein unter­stri­chen: Der Mann und sein Werk sind genauso wenig zu tren­nen wie die Welt sei­ner Bücher von der­je­ni­gen sei­nes fami­liä­ren und geo­gra­fi­schen­Her­kom­mens. Wer Hil­big ver­ste­hen will, ohne des­sen Gedichte, Erzäh­lun­gen, Romane und theo­re­ti­schen Ein­las­sun­gen ein­zu­be­zie­hen, ist von vorn­her­ein zum Schei­tern ver­ur­teilt. Denn Leben und Schrei­ben die­ses Man­nes waren prak­tisch eines. Jen­seits sei­ner Schrift­stel­ler­exis­tenz exis­tierte zwar die »Pri­vat­per­son« Wolf­gang Hil­big, doch zu deren Kern drang kaum jemand durch. Und die­je­ni­gen, denen es gelang, den Men­schen hin­ter dem Autor ken­nen­zu­ler­nen, bezahl­ten diese Nähe nicht sel­ten mit Leid und Erschüt­te­rung.

Natür­lich ist es die Kind­heit Hil­bigs, aus der sich vie­les in Hin­sicht auf seine spä­tere Außen­sei­ter­rolle – im Lite­ra­tur­be­trieb wie im gesell­schaft­li­chen Leben – erklärt. Da sein Vater an der Ost­front geblie­ben war, über­nahm der Groß­va­ter müt­ter­li­cher­seits, Kasi­mir Star­tek, der in den 20er Jah­ren als Berg­ar­bei­ter aus sei­ner ost­pol­ni­schen Hei­mat nach Meu­sel­witz gekom­men war, dort gehei­ra­tet und sich nie­der­ge­las­sen hatte, das Amt des Erzie­hers. Er tat dies mit har­ter Hand und – da er selbst Deutsch weder lesen noch schrei­ben konnte – ohne Rück­sicht auf das beson­dere Talent sei­nes Enkels, das sich bereits in des­sen Schul­zeit andeu­tete.

Als Volks­schü­ler schrieb Hil­big Wild­west- und Aben­teu­er­ge­schich­ten im Stile der damals von Hand zu Hand gehen­den Buf­falo Bill -Heft­chen. Ob man diese frü­hen lite­ra­ri­schen Ver­su­che, die das Renom­mee des 13-/14-Jäh­ri­gen unter sei­nen Mit­schü­lern deut­lich auf­bes­ser­ten, tat­säch­lich, wie Opitz das tut, als eine erste Phase in Hil­bigs Gesamt­werk anse­hen kann, scheint mir deren Bedeu­tung – Hil­big selbst hat einen Groß­teil der Texte, die vor 1965 ent­stan­den, spä­ter ver­nich­tet – ein wenig zu hoch zu ver­an­schla­gen. Immer­hin fehlte dem sich mehr und mehr dem Schrei­ben zuwen­den­den jun­gen Mann, der nach Abschluss der ach­ten Klasse eine Fach­ar­bei­ter­aus­bil­dung als Bohr­werk­dre­her absol­vierte und anschlie­ßend in ver­schie­de­nen Beru­fen arbei­tete, von denen der des Hei­zers lite­ra­risch am deut­lichs­ten zu Buche schlug, von Anfang an sowohl das fami­liäre Ver­ständ­nis wie auch die fami­liäre Unter­stüt­zung für jene Rich­tung, in die sich sein Leben ab dem Ende der 50er Jahre ent­wi­ckelte.

Trotz­dem ging Hil­big kon­se­quent den ein­mal ein­ge­schla­ge­nen Weg, der um die Mitte der 60er Jahre herum dann zu Gedich­ten und Erzähl­tex­ten führte, die sich von den roman­tisch inspi­rier­ten Erzäh­lun­gen – Ein­flüsse von Nova­lis und E.T.A.Hoffmann sind deut­lich nach­weis­bar – der spä­ten 50er/frühen 60er Jahre absetz­ten und die Gegen­wart als ihr Thema ent­deck­ten – eine Gegen­wart aller­dings, die in Hil­big Wer­ken immer unter­kel­lert ist von jenen Räu­men, in denen die Schre­cken deut­scher Ver­gan­gen­heit nur dar­auf zu war­ten schei­nen, wie­der her­vor­zu­bre­chen.

Dass er es mit sol­cher­art Tex­ten und der Art und Weise, wie er in ihnen Arbei­ter­le­ben zu einer ein­zig­ar­tig arti­fi­zi­el­len Spra­che brachte, in einem »Arbei­ter-und-Bau­ern-Staat«, als den sich die offi­zi­elle DDR ver­stand, nicht leicht haben würde, war von vorn­her­ein abseh­bar. Die Tat­sa­che, dass bis zu dem epo­cha­len his­to­ri­schen Ein­schnitt in der deut­schen Nach­kriegs­ge­schichte, den die Jahre 1989 und 1990 dar­stell­ten, eine ein­zige selb­stän­dige Publi­ka­tion von Wolf­gang Hil­big in der DDR erschien – der von Franz Füh­mann ent­schei­dend mit auf den Weg gebrachte Band Stimme Stimme 1983 im Leip­zi­ger Reclam-Ver­lag -, spricht in die­ser Hin­sicht Bände.

Im sel­ben Zeit­raum wuchs die Zahl sei­ner im S. Fischer Ver­lag Frankfurt/Main seit 1979 erschei­nen­den Bücher auf sechs: zwei Gedicht-, drei Erzäh­lungs­bände und der Roman Eine Über­tre­tung (1989). Hält man sich dies vor Augen, erscheint die Zuord­nung Hil­bigs zu dem Kom­plex »DDR-Lite­ra­tur« zumin­dest pro­ble­ma­tisch und recht­fer­tigt sich höchs­tens dadurch, dass fast alle seine – auch die nach 1990 geschrie­be­nen und publi­zier­ten – Texte ihre Orte im deut­schen Osten, meis­tens zwi­schen Meu­sel­witz, Leip­zig und Ber­lin – die bei ihm zu M., L. und B. ver­kürzt wur­den -, den Stät­ten also, an denen Hil­big den Groß­teil sei­nes Lebens ver­brachte, besa­ßen. Ihn für die Welt der Lite­ra­tur ent­deckt und ent­spre­chend geför­dert zu haben, kön­nen sich frei­lich am ehes­ten der Frank­fur­ter Ver­lag, dem er bis zum Ende sei­nes Lebens treu blieb, und sein ers­ter Lek­tor Tho­mas Becker­mann auf die Fah­nen schrei­ben – es ist dies kein gerin­ges Ver­dienst.

Natür­lich gefie­len Hil­bigs West­pu­bli­ka­tio­nen weder der ihn seit 1964 obser­vie­ren­den Staats­si­cher­heit – seine mehr­wö­chige Unter­su­chungs­haft von Mai bis Juli 1978 hatte aller­dings weni­ger mit sei­nem Schrei­ben zu tun, wurde aber von der Stasi auch zu Ver­hö­ren genutzt, in denen nach sei­nen West­kon­tak­ten und befreun­de­ten lite­ra­ri­schen Krei­sen in der DDR gefragt  wurde – noch all jenen Kul­tur­ver­ant­wort­li­chen, die in Minis­te­rien, Ver­la­gen, Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und Medien flei­ßig am Bild einer den Auf­bau des Sozia­lis­mus auf ihre Weise unter­stüt­zen­den DDR-Lite­ra­tur bas­tel­ten. Bemer­kens­wert aber ist der Mut, mit dem sich der junge und von sei­nem Werk über­zeugte Autor immer wie­der gegen Kri­tik an sei­nem Schrei­ben und die zahl­lo­sen Ver­su­che, den lite­ra­ri­schen Außen­sei­ter ent­we­der zu dis­zi­pli­nie­ren oder mund­tot zu machen, zur Wehr setzte.

Michael Opitz‹ umfang­rei­che Lebens­be­schrei­bung führt zu den Quel­len von Wolf­gang Hil­bigs ein­zig­ar­tig in der neue­ren deut­schen Lite­ra­tur daste­hen­dem Werk. Der mit Hil­bigs Tex­ten detail­liert ver­traute Autor ver­folgt die Genese von immer wie­der in Gedich­ten, Erzäh­lun­gen und Roma­nen auf­tau­chen­den The­men, Moti­ven, Bil­dern und Figu­ren. Lek­tü­ren, die ihren Ein­fluss hin­ter­lie­ßen, wer­den nam­haft gemacht, Hil­bigs poe­ti­scher Ansatz, der Lite­ra­tur als über­setzte erlebte Rea­li­tät begriff, an zahl­rei­chen Bei­spie­len ver­deut­licht.

Dass Hil­big im Unter­schied zu Zeit­ge­nos­sen und Schrift­stel­ler­kol­le­gen wie Vol­ker Braun, Hei­ner Mül­ler oder Christa Wolf zu kei­nem Zeit­punkt sei­nes Lebens an die Refor­mier­bar­keit des in der DDR prak­ti­zier­ten Sozia­lis­mus glaubte – er, mit Opitz‹ Wor­ten, den Bit­ter­fel­der Weg in die andere Rich­tung beschritt -, machte ihn zu jener Kas­par-Hau­ser-Exis­tenz, als der er sich, wie einige Stel­len in sei­nem Werk bele­gen, selbst ver­stand. Wer Hil­bigs opus magnum, den Roman Das Pro­vi­so­rium (2000) gele­sen hat, weiß, dass sich an die­ser Situa­tion auch nach sei­ner Aus­reise in die Bun­des­re­pu­blik im Novem­ber 1985 nicht änderte. Wolf­gang Hil­big war und blieb ein Außen­sei­ter. Hei­misch zu wer­den gelang ihm weder in den uto­pi­schen Gefil­den eines Staats­so­zia­lis­mus, in dem Ver­spre­chen und Rea­li­tär immer wei­ter aus­ein­an­der­drif­te­ten, noch in den Hal­len einer Waren­welt, die alle Bedürf­nisse zu befrie­di­gen wusste, nur nicht jenes nach einem sinn­erfüll­ten, lebens­wer­ten Dasein, wie er es suchte und letzt­lich nur am Schreib­tisch fand.

 

  • Michael Opitz: Wolf­gang Hil­big. Eine Bio­gra­phie. Frankfurt/Main: S. Fischer Ver­lag 2017, 663 Sei­ten, 28,- Euro, ISBN 978–3-10–057607-1

Weida

Aus dem Reichs­mi­nis­te­ri­alen­ge­schlecht der Vögte von Weida gin­gen die Fürs­ten von Reuß her­vor. Ihr Sitz war bis 1427 die gut erhal­tene, sich inmit­ten Weidas befin­dende Oster­burg. Dadurch gilt Weida als »Wiege des Vogt­lan­des«. Eli­sa­beth von Weida (1460–1532), Toch­ter des Weidaer Vogts Hein­rich XXI., war die bedeu­tendste Äbtis­sin des Stifts Gern­rode. Mit dem Geschlecht ver­ban­delt war ver­mut­lich auch der spä­tere Erfur­ter Domi­ni­ka­ner­pre­di­ger Mar­cus von Weida (um 1450–1516), der in sei­nen Trak­ta­ten (»Spi­gell des ehli­chen ordens«, 1487) immer wie­der auf die Bedeu­tung des Glau­bens für die Erlan­gung der Gnade Got­tes hin­wies und damit Mar­tin Luther vor­griff.

Der 1643 in  Plauen gebo­rene Theo­loge und Astro­nom Georg Samuel Dörf­fel starb 1688 in Weida. Dörf­fels Haupt­werk »Betrach­tung des Gro­ßen Come­ten« (1681) wurde von dem Leip­zi­ger »Lite­ra­tur­papst« Johann Chris­toph Gott­sched (1700–66) als bedeu­ten­des wis­sen­schaft­lich-lite­ra­ri­sches Buch sei­ner Zeit gewür­digt. – Dörf­fel war von 1684 bis zu sei­nem Tod Super­in­ten­dent in Weida. Ein Epi­taph mit ganz­fi­gu­ri­gem Por­trät erin­nert in der Mari­en­kir­che an ihn, dane­ben am alten Pfarr­haus befin­det sich eine Gedenk­ta­fel für ihn.

Karl Erd­mann Hering wurde 1856 in Weida gebo­ren. Er besuchte das Gym­na­sium in Gera und reiste spä­ter als Kauf­mann durch Europa und Afrika. Lange Zeit lebte er in Alex­an­dria und ab 1907 in Ber­lin. Er war zunächst mit Lust­spie­len (»Strafe muss sein«, 1893; »Ren­dez­vous«, 1897) erfolg­reich, bevor er in der Nach­folge von G. Ebers in Ägyp­ten spie­lende Romane (»Die Orden des Prin­zen Riza«, 1904; »Ram­ses der Zweite«, 1909) ver­fasste.

Der Dra­ma­ti­ker, Erzäh­ler und bedeu­tende Sagen­samm­ler Paul Quen­sel, der spä­ter auch unter dem Pseud­onym Alex­an­der Wie­den schrieb, wurde 1865 in Weida gebo­ren. Bekannt wurde er mit der Musi­ker­ko­mö­die »Das Alter« (1903), die von 50 Thea­tern bis hin nach Ber­lin auf­ge­führt wurde. Von Quen­sels umfäng­li­chem heute ver­ges­se­nen erzäh­le­ri­schen Werk sind die »Drei Novel­len« (»Der Mücken­jä­ger«, »Meis­ter Zins­er­ling«, »Der Letzte«, 1912) erwäh­nens­wert, die in einem fik­ti­ven »Wie­den­bruck« (hin­ter dem sich Weida ver­steckt) spie­len; auch der Roman »Am Tage Mar­ga­re­tae« (1935), ange­sie­delt im 17. Jh., spielt teil­weise in Weida und auf der Oster­burg. Quen­sel starb 1951 in Wei­mar, sein Grab befin­det sich auf dem his­to­ri­schen Fried­hof.

1925 traf sich in Weida (»Weidaer Kon­fe­renz«) der Eng­län­der Aleis­ter Crow­ley (1875–1947) mit deut­schen Okkul­tis­ten und ließ sich zum »Welt­hei­land« aus­ru­fen. Mit dabei Albin Grau (1884–1971), Pro­du­zent des ers­ten deut­schen Hor­ror­films »Nos­fe­ratu. Sym­pho­nie des Grau­ens«, der 1922 unter Regie von Fried­rich Wil­helm Murnau ent­stand.

Für den 1955 in Weida gebo­re­nen Lie­der­ma­cher und DDR-Oppo­si­tio­nel­len Ste­fan Kraw­c­zyk war die Stadt sei­ner Kind­heit und Jugend »eine der tris­tes­ten der Welt«. In dem auto­bio­gra­phi­schen Roman »Das irdi­sche Kind« hat er 1993 die klei­nen Leute der Mozart­straße und des Schre­ber­ber­ges ein­drucks­voll beschrie­ben, auch die harte Arbeit vie­ler Weidaer im Uran­berg­bau, von denen nicht wenige wie sein Vater früh star­ben.

Artern

Die Stadt Artern erlangte durch ihre Salz­werke einige Bekannt­heit. 1743 wurde die Arterner Saline eröff­net, der seit 1783 als kur­säch­si­sche Sali­nen­di­rek­tor Hein­rich Ulrich Eras­mus von Har­den­berg (1738–1814), der Vater des Dich­ters Nova­lis, vor­stand. 1850 ließ sich Leo­pold von Buch (1774–1853), der Freund Alex­an­der von Hum­boldts und in sei­ner Zeit ein weit­hin geschätz­ter Geo­loge und Rei­se­schrift­stel­ler, die Arterner Saline zei­gen. Die Kul­tur­ge­schichte der Gegend beschrieb der Eis­le­ber Hei­mat­for­scher Her­mann Größ­ler (1840–1910) in sei­nem »Füh­rer durch das Unstrut­tal von Artern bis Naum­burg«, der 1904 erschien.

Der Theo­loge und Refor­ma­tor Johan­nes Loni­ce­rus (eig. Lonit­zer) wurde 1499 in Artern gebo­ren. Johan­nes Seusse, 1566 in Artern gebo­ren, war ein neu­la­tei­ni­scher Dich­ter und Gön­ner­freund von Wis­sen­schaft­lern und Künst­lern. Er war bekannt mit dem Astro­no­men Johan­nes Kep­ler, dem Kom­po­nis­ten Hein­rich Schütz und dem Dich­ter Mar­tin Opitz.

Von Novem­ber 1799 bis April/Mai 1800 hielt sich Fried­rich von Har­den­berg in Artern auf und wurde dort auf Grund sei­ner »vor­treff­li­chen Anla­gen und sei­nem uner­mü­de­ten Fleiß« am 7. 12. zum Sali­nen-Asses­sor ernannt. Von hier aus wan­derte Nova­lis in den Kyff­häu­ser und begann mit der Nie­der­schrift des Romans »Hein­rich von Ofter­din­gen«. Im Januar 1800 schloss er in Artern die »Hym­nen an die Nacht« ab, die 1800 erschie­nen. Er wohnte in einem 1964 abge­bro­che­nen Saline­haus, an des­sen Stelle sich heute ein Sta­dion befin­det. An der Sol­quelle erin­nert eine Gedenk­ta­fel mit einem Zitat aus »Hein­rich von Ofter­din­gen« an Nova­lis, ebenso ein 2002 errich­te­ter Gedenk­stein bei der ehe­ma­li­gen Saline.

Mit Artern eng ver­bun­den ist auch der Name von Goe­thes Vor­fah­ren. Zwar ahnte Goe­the, dass seine Vor­fah­ren väter­li­cher­seits im Raum zwi­schen Artern und Son­ders­hau­sen behei­ma­tet waren, doch blie­ben seine eige­nen Nach­for­schun­gen erfolg­los. Der Arterner Bür­ger­meis­ter ver­si­cherte ihm, alle Unter­la­gen seien beim gro­ßen Stadt­brand 1683 ver­nich­tet wor­den. So erfuhr er nicht, dass sein Urgroß­va­ter Hans Chris­tian Göthe (1633–1694) als Hof­schmied, Zunft­meis­ter und Rats­de­pu­tier­ter in Artern lebte und des­sen Ehe­frau Sybille Wer­ner die Toch­ter des Leh­rers Johan­nes Wer­ner war, der 40 Jahre lang in Artern gelebt hatte.

Bei­der Sohn Georg Fried­rich Göthe wurde Schnei­der und ging von Artern aus nach Frank­reich und spä­ter nach Frank­furt am Main. Noch viel weni­ger konnte Goe­the ahnen, dass er auch Vor­fah­ren hatte, die in Wei­mar leb­ten und bis zum Maler Lucas Cra­nach d.Ä. zurück­rei­chen. Ebenso musste ihm unbe­kannt blei­ben, dass er auch über seine Mut­ter mit Thü­rin­gen ver­bun­den war und ein Ahn aus dem Gothai­schen kam.

Dass Stamm­haus der Arterner Goe­thes befin­det sich in der Harz­straße 10, an dem eine 1929 ange­brachte Gedenk­ta­fel an sie erin­nert: »Goe­the­ah­nen beschlu­gen der­einst hier Pfer­den die Hufe,/während ihr Nach­fahr durchs All präch­tig das Flü­gel­ross ritt.« Der Qued­lin­bur­ger Schrift­stel­ler Paul Burg (1884–1948) schrieb 1924 den Roman »Sie sind’s, die Ahnen mei­nes Hau­ses«, in dem er die Geschichte vom ältes­ten bekann­ten Ahnen bis zur Geburt Johann Wolf­gang Goe­thes frei erzählt.

Wei­tere Schrift­stel­ler, die in Artern gebo­ren wur­den sind Carl Koh­lis (1857–1910); Ewald Lud­wig Engel­hardt (1879–1976), Otto Engel­hardt (1884 in Artern-1965), Johann Chris­toph Krause (1749–1799), Johann Chris­toph Kunze (1744–1807), Marie Char­lotte Sie­den­topf (1879–1968) und Richard Unge­wit­ter (1868–1958).

Saalfeld

Das 899 erst­mals urkund­lich erwähnte Saal­feld war eine karo­lin­gi­sche Königs­pfalz, deren Kapelle sich an der Stelle der heu­ti­gen Dorf­kir­che von Graba befand. Über König Hein­rich II. kam Saal­feld an Ezzo von Loth­rin­gen und an des­sen Toch­ter Richeza (995‑1063), die als Gemah­lin Mieszkos II. Köni­gin von Polen war und in Saal­feld ver­starb. 1056 gab sie Saal­feld an das Erz­bis­tum Köln und damit an das Reich. Der Geschichts­schrei­ber Lam­pert von Hers­feld (vor 1028-vor 85) stand zur Zeit Riche­zas in engem Kon­takt zum Saal­fel­der Bene­dik­ti­ner­klos­ter (heute steht dort das Schloss) und hat die­ses auch besucht. Seine in den »Anna­les« (1078) dar­ge­stellte Sicht auf Hein­richs IV. »Gang nach Canossa« (1077) ging in die dt. His­to­rio­gra­phie ein und wirkt bis heute nach.

Wenn auch die 1180 gegrün­dete Stadt, die hohe Ein­nah­men aus der Saale­flö­ße­rei und dem Berg­bau erzielte, keine Freie Reichs­stadt wurde, so ver­fügte sie aber lange Zeit über reichs­städ­ti­sche Pri­vi­le­gien. Den­noch fiel Saal­feld 1389 an die Wet­ti­ner, was aber dem mit dem Berg­bau ver­bun­de­nen wirt­schaft­li­chen Auf­schwung kei­nen Abbruch tat. Berühmt wur­den die Saal­fel­der Schnitz­al­täre. 1470–1520 exis­tier­ten in Saal­feld sechs Schnitz- und drei Maler­werk­stät­ten. Die bekann­tes­ten Schnit­zer sind Valen­tin Len­den­streich (gest. 1506) und der Rie­men­schnei­der-Schü­ler Hans Gott­walt von Loh († 1543). – Nach dem Tod Ernst des From­men wurde Saal­feld Resi­denz­stadt des Her­zog­tums Sach­sen-Saal­feld (1680–1745). An der Stelle des Bene­dik­ti­ner­klos­ters wurde ein Barock­schloss (heute Land­rats­amt) erbaut, des­sen berühmte Kapelle besich­tigt wer­den kann. 1745 fiel das Her­zog­tum Sach­sen-Coburg an Saal­feld, wurde nun aber zuneh­mend von Coburg aus regiert. Die Saal­feld-Cobur­ger Her­zo­gin Auguste Caro­line Sophie gelang die Ver­hei­ra­tung ihrer drei Töch­ter Antoi­nette, Juliane und Vic­to­ria nach Würt­tem­berg, Russ­land und Eng­land. Aus der Ehe der letz­te­ren mit Edu­ard von Kent ent­spross die berühmte Köni­gin Vic­to­ria. ­­

Der 1488 in Augs­burg gebo­rene Huma­nist und Theo­loge Kas­par Aquila starb 1560 in Saal­feld. Ab 1521 unter­stützte er Luther durch seine Hebräisch­kennt­nisse bei der Über­set­zung des Alten Tes­ta­ments. Luther schickte ihn 1527 als ers­ten Super­in­ten­den­ten an die Saal­fel­der Johan­nis­kir­che. Nach­dem er Saal­feld wegen der Schrift »Wider das Inte­rim« (1548) ver­las­sen musste, kehrte er 1552 hier­her zurück. Heute erin­nert eine Gedenk­ta­fel an der Johan­nis­kir­che an ihn.

Cas­par Sagit­ta­rius war von 1668–1671 Rek­tor in Saal­feld, des­sen erste Stadt­ge­schichte er schrieb. Chris­tian Zeid­ler folgte ihm bis 1684 im Rek­toramt. Er erlebte in Saal­feld seine pro­duk­tivste Zeit als Schuldra­ma­ti­ker. Doch sind die meis­ten sei­ner hier ver­fass­ten Texte (»Albrech­tus ani­mo­sus, Her­zog Albrecht der Teut­sche Roland«, 1677) nicht erhal­ten.

Der 1725 in Saal­feld gebo­rene Theo­loge Johann Salomo Sem­ler begrün­dete in Saal­feld die »his­to­risch-kri­ti­sche Theo­lo­gie des Pro­tes­tan­tis­mus« begrün­dete, mit der er zwi­schen Got­tes Wort und den Buch­sta­ben der Bibel zu unter­schei­den suchte. Einer­seits griff er die Ortho­do­xie an, ande­rer­seits wagte er noch nicht den Weg in eine rigo­rose Auf­klä­rung. Seit Haupt­werk, der »Ver­such einer nähern Anlei­tung in der Got­tes­ge­lehr­sam­keit« erschien 1757.

Josias Fried­rich Chris­tian Löff­ler wurde 1752 in Saal­feld gebo­ren. Er war wir Sem­ler ein bedeu­ten­der Theo­loge, der an den Francke­schen Stif­tun­gen in Halle pie­tis­tisch erzo­gen wurde, sich in Ber­lin mit Moses Men­dels­sohn befreun­dete und Leh­rer von Alex­an­der und Wil­helm von Hum­boldt wurde. Er war der Haupt­ver­tre­ter der Auf­klä­rung in Thü­rin­gen.

Der 1807 in Saal­feld gebo­rene Wil­helm Lud­wig Füß­lein ver­fasste 1861 »Geschich­ten aus der Hei­li­gen Schrift für die Kin­der­stube« und 1863 »Erin­ne­run­gen aus dem Saalthale. Sechs Erzäh­lun­gen«, bei denen es sich um span­nende Kri­mi­nal­ge­schich­ten han­delt, die viel vom Leben des Vol­kes im frü­hen 19. Jahr­hun­derts berich­ten und lokal genau ein­zu­ord­nen sind.

Die 1851 in Zie­len­zig gebo­rene Mar­the Renate Fischer lebte ab 1899 in Thü­rin­gen. 1914 zog sie nach Saal­feld, wo sie bis kurz vor ihrem Tod 1925 lebte. Heute erin­nert an ihrer eins­ti­gen Woh­nung in der Knoch­straße 36 eine Gedenk­ta­fel. Ihr Grab auf dem Saal­fel­der Fried­hof ist erhal­ten und ihr lite­ra­ri­scher Nach­lass befin­det sich im Thü­rin­ger Hei­mat­mu­seum Saal­feld.

Erwin Stritt­mat­ter (1912–1994) wohnte vom Som­mer 1936 bis zum Herbst 1945 in Saal­feld, zum Teil in der Nähe von Saal­feld. Am 12. 6. 1945 kehrt er aus dem Krieg nach Saal­feld zurück und wohnte für einige Zeit bei sei­ner geschie­de­nen Frau.

Der Schrift­stel­ler Tho­mas Bern­hard (1931–1989) wurde 1942 für meh­rere Monate mit der »Kin­der­land­ver­schi­ckung« in einem Heim für schwer erzieh­bare Kin­der nach Saal­feld geschickt. Der 9-jäh­rige hatte zu Hause die Schule geschwänzt und auf den fort­wäh­ren­den »Lie­bes­ent­zug« mit »Bett­näs­sen« reagiert. Das Saal­fel­der Heim wurde für Bern­hard eine »Stätte der höchs­ten Ver­zweif­lung«. Zum Frück­stück wurde sein nas­ses Bett­la­ken im Spei­se­saal zur Schau gestellt. Unschwer vor­stell­bar, dass diese »Erzie­hungs­hölle« lebens­lange Nar­ben hin­ter­lie­ßen. 1978 besuchte Bern­hard von Leip­zig aus das Heim, wo zu sei­nem neu­er­li­chen Schre­cken noch immer Kin­der unter­ge­bracht waren. In der Erzäh­lung »Ein Kind« von 1982 hat Bern­hard seine Saal­fel­der Zeit beschrie­ben. Heute befin­det sich in dem Gebäude (Am Stei­ger 10) ein Jugend­be­geg­nungs­zen­trum, an dem eine Gedenk­ta­fel an Bern­hards Auf­ent­halt erinn­ernt, davor eine an Bern­hard erin­nernde Bank­gruppe, die 2011 ein­ge­weiht wur­den.

Der Schrift­stel­ler Ror Wolf wurde am 29.6.1932 in Saal­feld (Saale) als Richard Wolf gebo­ren. Spä­ter gab er sich den Künst­ler­na­men Ror Wolf und wählte das Pseud­onym Raoul Tran­chi­rer. Nach dem Abitur 1951 durfte er nicht stu­die­ren. Er absol­vierte eine Lehre als Beton­fach­ar­bei­ter in Unter­wel­len­born. 1953 sie­delte er in die Bun­des­re­pu­blik über.

Lutz Rathenow – »Der Elefant auf dem Trampolin. Gedichte zum Größerwerden«

Lach- und Sach­ge­dichte

Gele­sen von Jens-F. Dwars

 

Ich bekenne es gern: Der »Eis­bär aus Apolda« von 2006 gehört zu mei­nen meist gelieb­ten Kin­der­bü­chern. Die Verse von Lutz Rathe­now waren wun­der­bar ver­rückt und die Zeich­nun­gen von Egbert Her­furth kon­ge­nial.

Auch in ihrem neuen Band bie­dern sich beide, Autor und Gra­fi­ker, den Kin­dern (und deren Eltern) nicht an, indem sie sich »nied­lich« geben. Es sind Gedichte zum Grö­ß­er­wer­den für kleine und große Kin­der, die als Gleich­be­rech­tigte zu Sprach­spie­len und Aben­teu­ern in der Phan­ta­sie ein­ge­la­den wer­den. Mit anar­chi­scher Freude fei­ern sie das Absurde und sind alles andere als kor­rekt:

Oster­ha­sen erge­ben bei Ver­sa­gen
einen ordent­li­chen Bra­ten.
Schlachte lie­ber kei­nen Weih­nachts­mann,
da man ihn schwer ver­spei­sen –
und sich dies nie ver­zei­hen kann.

Da wird mit Lust gepo­pelt und ein Meer aus Trä­nen geweint, um darin fröh­lich zu schwim­men. Auch nach­denk­li­che Töne gibt es:

Der gibt sich stark, super­stark.
Der sagt, er kann Bäume ver­set­zen.
Nur Zart­heit darf er nicht zei­gen.
Jede Berüh­rung kann ihn ver­let­zen.

Und doch: ein Text wie der »Eis­bär aus Apolda«, der nach Ober­volta will, sich per­ma­nent bei der Bestel­lung einer Fahr­karte ver­has­pelt, um am Ende sei­ner Sprach­reise wie­der in Apolde zu lan­den und sich ein­zu­ge­ste­hen, dass es daheim doch am schöns­ten ist, solch Gleich­nis fehlt dem neuen Band, lei­der. Man­ches wirkt zu schnell fer­tig. So wün­schen wir Lutz Rathe­now, dass ihm dem­nächst mehr Zeit fürs Dich­ten bleibt.

 

  • Lutz Rathe­now: Der Ele­fant auf dem Tram­po­lin. Gedichte zum Grö­ß­er­wer­den. Mit Illus­tra­tio­nen von Egbert Her­furth. Leiv Leip­zi­ger Kin­der­buch­ver­lag, Leip­zig 2017.

Fragen an Bernd Ritter

Frage 1: Was ver­bin­det Sie mit Thü­rin­gen?

Der Klang der zum Glück noch leben­di­gen Mund­ar­ten in den Orten der Täler zwi­schen den Ber­gen.

Unser Thü­rin­gen! Meine Frau und ich, wir woh­nen und arbei­ten seit über 20 Jah­ren hier.

Leb­ten wir beide gemein­sam so glück­lich in Tim­buktu, wäre Tim­buktu unser Thü­rin­gen.

 

Frage 2: Was mich zum Schrei­ben bringe…

Das Schrei­ben ist für mich ein Aben­teuer. Ich will eine Geschichte erzäh­len und beginne plan­voll. Das geht einen Satz lang gut, einen zwei­ten, viel­leicht sogar einen drit­ten. Dann, plötz­lich, sehe und höre ich mich Worte set­zen, die ich lange Zeit ver­drängt oder

ver­leug­net oder ganz ein­fach ver­ges­sen hatte. Man erfährt viel über sich, wenn man ande­ren eine Geschichte erzählt.

 

Frage 3: Ob ich ein Tage­buch führe…

Ich schreibe täg­lich, notiere aber oft aber nur ein Wort oder einen Gedan­ken oder einen Satz. Ein Dia­rium schreibe ich nicht.

 

Frage 4: Feste Schreib­stun­den? Zwang von außen?

Nein. Da fiele mir nichts ein. Viel­leicht konnte ich des­halb das Schrei­ben nie zu mei­nem Beruf machen.

Was mich vom Schrei­ben abhält? Das Leben!

Ob ich ein Pro­kras­ti­na­teur bin? Ja, auch das. Manch­mal glückt mir in Gedan­ken eine ganz tolle wort­ge­wal­tige For­mu­lie­rung, so dass ich dar­über in Glücks­ge­füh­len schwelge und schwelge und schwelge – und die Nie­der­schrift ver­schiebe…

 

Frage 5: Mein Lieb­lings­ort in Thü­rin­gen oder anderswo?

Die Park­bank in Höhe der Begräb­nis­in­sel am Teich des Eng­li­schen Gar­tens hin­ter dem Her­zog­li­chen Museum Gotha und der Wald um die Back­ofen­lö­cher im Lauch­agrund bei

Bad Tab­arz.

 

Frage 6: Wo habe ich das Thema zu mei­nem letz­ten Buch gefun­den?

Gilt sowohl für meine Erzäh­lung »Geis­tes­plage« (ver­öf­fent­licht 2007) als auch für den Text, der mich seit fast 10 Jah­ren beschäf­tigt: Wie gehen wir mit Ver­lus­ten um? Ver­luste an Uto­pien, an Illu­sio­nen, an Träu­men, an Nai­vi­tät, an Potenz…

In der Fürs­ten­gruft in Wei­mar sah ich einen Kin­der­sarg hin­ter Schil­lers Sar­ko­phag und in Gotha bemerkte ich ein Fens­ter, in wel­chem Ker­zen fla­cker­ten: eine Kerze für jedes Jahr, das seit dem Gemäl­de­dieb­stahl auf Schloss Frie­den­stein unge­nutzt ver­gan­gen war…

 

Frage 7: mein Lieb­lings­buch?

Immer und immer wie­der: Robert Musils »Der Mann ohne Eigen­schaf­ten«

 

Frage 8: Ob ich schon ein­mal etwas lie­ber nicht geschrie­ben hätte?

Ja, da gibt es ein paar Texte, nicht viele – zu mei­nem Glück und See­len­heil -, aber immer­hin.

Es sind Texte, die um die Gunst einer Jury oder eines Lek­tors buhl­ten. Ver­ges­sen!

 

Frage 9: Mein größ­ter Erfolg?

Meine Erfolge haben mit dem Lite­ra­tur­be­trieb nichts zu tun. Ich habe meh­rere Bäume gepflanzt, ein Haus gebaut und sehr erfolg­reich mei­nen gene­ti­schen Code wei­ter gege­ben.

 

Frage 10: Wel­ches Wis­sens­ge­biet mich neben Lite­ra­tur noch inter­es­siert.

Psy­cho­lo­gie: Wahn­sinn und Gesell­schaft. Wer ist ver­rückt und was ist nor­mal?

 

Frage 11: Was ist Stil?

Mein Allein­stel­lungs­merk­mal – im Ide­al­fall. Ein rohes Ei – Form und Inhalt las­sen sich nicht ohne Scha­den tren­nen.

 

Frage 12: Die bedeu­tendste Per­sön­lich­keit in Thü­rin­gen oder anderswo?

Mar­tin Wal­ser mit all sei­nen groß­ar­ti­gen lite­ra­ri­schen For­mu­lie­run­gen und wider­sprüch­li­chen Aus­sa­gen – oder bes­ser: zum Wider­spruch rei­zen­den Aus­sa­gen.

 

Frage 13: Ob ich lese?

Ich lese täg­lich. Auch mal wie­der Romane, die ich vor Jahr­zehn­ten bereits gele­sen hatte: z.B. »Alex­an­ders neue Wel­ten« von Fritz Rudolf Fries

Einen Text ohne Inter­pre­ta­ti­ons­hilfe zur Kennt­nis zu neh­men – quasi jung­fräu­lich –, wie köst­lich!

 

Frage 14: Mein Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

Schla­ger? Volks­lied?

»Wer die Rose ehrt« von RENFT – aber ist das ein Schla­ger? Viel­leicht ein wenig Volks­lied, für uns, damals, in den 1970er Jah­ren…

 

Frage 15: Mein Lebens­motto:

Wenn du was erle­ben willst, musst du auf die Welt kom­men.

Nordhausen

Nord­hau­sen war von 1220 bis 1802 eine freie Reichs­stadt. Ihr vor­an­ge­gan­gen war eine alt­t­hü­rin­gi­sche Sied­lung und ein karo­lin­gi­scher Reichs­hof, in dem Hein­rich I. eine Burg errich­tet hatte. Heute steht dort die seit 1130 erbaute Stadt­pfarr­kir­che zum Hei­li­gen Kreuz. 1263 ver­an­stal­tete der meiß­ni­sche Mark­graf und Min­ne­sän­ger Hein­rich der Erlauchte (1215–1288) in Nord­hau­sen ein fest­li­ches Tur­nier, was den hohen Rang des Ortes, auch in der Kul­tur, schon im Mit­tel­al­ter bezeugt. Bis zum Ende des 13. Jahr­hun­derts sie­del­ten sich zudem vier Mönchs- und Non­nen­or­den (Fran­zis­ka­ner, Augus­ti­ner, Domi­ni­ka­ner und Zis­ter­zi­en­se­rin­nen) in der Stadt an. Von den Klos­ter­ge­bäu­den ist allein der Wal­ken­rie­der Hof bei der Wai­sen­straße erhal­ten. 1802 fiel Nord­hau­sen an Preu­ßen. Damals reimte ein Lokal­poet: »Weint! Das Wet­ter, wel­ches wir seit Jahren/Fürchteten, bricht über uns herein./Weint, Nord­hau­sens Bür­ger! Was wir waren,/Werden wir nicht fort von heut’ an sein.«. Bekannt wurde N. auch durch die Tabak­ver­ar­bei­tung und die Brannt­wein-Pro­duk­tion von »Nord­häu­ser Dop­pel­korn«.

Mat­hilde (um 895–968) ent­stammte dem Geschlecht des Sach­sen­fürs­ten Widu­kind und wurde die zweite Gemah­lin (909) König Hein­richs I. (gest. 936). Sie ist die Mut­ter Kai­ser Ottos des Gro­ßen (912–73) und der in N. gebo­re­nen Köni­gin Ger­berga (915–69), Gemah­lin des franz. Königs Lud­wig IV. Schon am 13. 5. 927 über­trug Hein­rich Teile sei­nes Erb­be­sit­zes, dar­un­ter Nord­hau­sen (das in die­ser Urkunde erst­mals erwähnt wird) und Qued­lin­burg (spä­te­rer Wit­wen­sitz Mat­hil­des), auf seine Gemah­lin. Mat­hilde weilte oft in Nord­hau­sen, wo sie ein Kano­nis­sen­stift (wohl das ein­zige in Thü­rin­gen) grün­dete, dem auch lite­ra­tur­ge­schicht­li­che Bedeu­tung zukommt. Hier ent­stan­den zwei Mat­hilde-Viten (also Lebens­be­schrei­bun­gen der Stif­te­rin), die in ihrer Fröm­mig­keits­pa­ne­gy­rik Bezug neh­men zur von Ven­an­tius ver­fass­ten Rade­gunde-Vita. Die Mat­hilde-Viten sind wie die ganze Lite­ra­tur der otto­ni­schen Zeit in latei­ni­scher Spra­che abge­fasst und sind an den säch­si­schen Hof adres­siert. Die um 973 im Auf­trag Ottos II. (des­sen Gemah­lin Theo­phanu eben­falls mit N. in Bezie­hung stand) geschrie­bene »erste Vita« (in der Mat­hilde als Per­so­ni­fi­ka­tion des Glücks dar­ge­stellt wird) könnte aus der Feder einer N.er Kano­nisse (ver­gleich­bar mit der zur sel­ben Zeit schrei­ben­den Hrots­vith von Gan­ders­heim, der ers­ten dt. Dich­te­rin) stam­men und ist der erste in Thü­rin­gen geschrie­bene lite­ra­ri­sche Text! Die »zweite Vita« wurde um 1002 im Auf­trag Hein­richs II. ver­fasst. Das Königs­paar befin­det sich unter den 1270 für den Chor des Nord­häu­ser »Domes« geschaf­fe­nen Stif­ter­fi­gu­ren, ebenso wer­den sie im 1370/1400 geschaf­fe­nen Chor­ge­stühl gezeigt, Mat­hilde auch als Ganz­fi­gur im baro­cken Hoch­al­tar (1726) und in den far­bi­gen Glas­fens­tern (1931).

Der Theo­loge und Refor­ma­tor Jus­tus Jonas (eig. Jodo­cus Koch) wurde 1493 in Nord­hau­sen gebo­ren. Er starb 1555 in Eis­feld. Er über­setzte Luthers und Melan­chthons latei­ni­sche Schrif­ten kon­ge­nial ins Deut­sche und schrieb selbst Kir­chen­lie­der.

Mar­tin Luther kam 1516 nach Nord­hau­sen, um das Augus­ti­ner­klos­ter zu inspi­zie­ren. Er musste die Mön­che mehr­fach ermah­nen und auf ihre Pflich­ten hin­wei­sen. Schon 1522 wurde Lorenz Süße dort ers­ter evan­ge­li­scher Pre­di­ger. Zwei Jahre spä­ter nahm der Rat der Stadt die Refor­ma­tion offi­zi­ell an. Luther: »Ich weiß keine Stadt am Harze oder sonst, wel­che sich dem Evan­ge­lio so bald unter­wor­fen als die Stadt Nord­hau­sen.« Am 22. 4. 25 pre­digte er in der St.-Blasii-Kirche über die »Zwölf Arti­kel«. Erst als er auf der Kan­zel stand, erfuhr er von den Bau­ern­un­ru­hen. Des­halb reagierte er hef­tig, was die Nord­häu­ser mit einem Sturm der Ent­rüs­tung quit­tier­ten. Diese Erfah­rung ver­an­lasste ihn zum Abbruch der Reise ins thü­rin­gi­sche Auf­stands­ge­biet und zum Ent­wurf des Pam­phlets »Wider die räu­be­ri­schen und mör­de­ri­schen Rot­ten der Bau­ern«. Als die­ser harte Text am 10. 5. über­eilt gedruckt wurde, hatte der Krieg längst begon­nen.

Tho­mas Münt­zer hielt sich ver­mutl. vom 14.7.–26.9. 1522 in Nord­hau­sen auf. Dar­auf las­sen zwei Briefe schlie­ßen, die an ihn abge­schickt wur­den, doch nichts über eine etwaige Tätig­keit in Nord­hau­sen aus­sa­gen.

Michael Mey­en­burg (genannt »König von Nord­hau­sen), der 1555 in Nord­hau­sen starb, wirkte in der Stadt als Bür­ger­meis­ter. Freund­schaft­lich ver­bun­den war er mit Jus­tus Jonas, mit dem er sich kon­spi­ra­tiv in der Rats­apo­theke traf, Johan­nes Bug­en­ha­gen, Georg Spa­la­tin und vor allem mit Phil­ipp Melan­chthon, der ihn schon 1525 in Nord­hau­sen auf­ge­sucht hatte und der, als Wit­ten­berg im April 1547 von den Kai­ser­li­chen besetzt wurde, zusam­men mit Luthers Witwe Katha­rina und deren Kin­dern zu Mey­en­burg nach Nord­hau­sen floh. Lucas Cra­nach d. J. wid­mete Mey­en­burg 1558 ein Epi­taph, das in der St.-Blasii-Kirche (Ori­gi­nal seit 1945 ver­schol­len) in einer Kopie aus dem Jahr 1927 zu sehen ist.

Johann Span­gen­berg (1484–1550) wirkte als Theo­loge und Kopf der Nord­häu­ser Refor­ma­tion. Er war von 1524 bis 1546 Pfar­rer an der St.-Blasii-Kirche und Rek­tor der ange­se­he­nen Latein­schule, an der spä­ter Michael Nean­der, Andreas Fabri­cius  und Johan­nes Cla­jus lehr­ten. Span­gen­berg, der mit Mey­en­burg und Melan­chthon befreun­det war,  fühlte sich dem Huma­nis­mus ver­pflich­tet und wies ihm im evan­ge­li­schen Schul­we­sen einen fes­ten Platz zu. Er gab Lehr­bü­cher für den Latein­un­ter­richt, Vers­leh­ren und Gram­ma­ti­ken her­aus. Sein Sohn Cyria­kus Span­gen­berg wurde 1528 gebo­ren und stu­dierte bei Melan­chthon in Wit­ten­berg. Im Elsass, wohin er auf­grund von theo­lo­gi­schen Stei­tig­kei­ten an sei­ner ers­ten Wir­kungs­stätte in der Graf­schaft Mans­feld ging, ver­öf­fent­lichte er das Werk »Von der Edlen und Hoch­be­rümb­den Kunst der Musica« (1598), mit dem er die bedeu­tendste zeit­ge­nös­si­sche Dar­stel­lung zu die­sem Thema lie­ferte.

Johan­nes Gigas, der 1514 in Nord­hau­sen gebo­ren wurde, wurde von Span­gen­berg geför­dert. Er stu­dierte bei Luther und Melan­chthon in Wit­ten­berg Theo­lo­gie. Er ver­fasste zahl­rei­che theo­lo­gi­sche Werke, von denen die »Kate­chis­mus-Pre­dig­ten« (1577) das ganze 17. Jh. hin­durch wirk­ten.

Fried­rich Chris­tian Les­ser wurde 1692 in Nord­hau­sen gebo­ren, wo er 1754 starb. Er war Theo­loge, His­to­ri­ker und Ver­fas­ser von Gele­gen­heits­ge­dich­ten. Leo­pold Fried­rich Gün­ther von Goeckingk aus Ell­rich hatte häu­fig in Nord­hau­sen zu tun. Zu sei­nen Auf­ga­ben gehörte die Kon­trolle des unter preu­ßi­scher Ver­wal­tung ste­hen­den Wal­ken­rie­der Hofes. 1775 ver­mählte er sich dort mit Sophie Marie Phil­ip­pine Vopel (1745–1781), der Toch­ter eines ehe­ma­li­gen Ober­amt­manns, dem »Nant­chen« in den »Lie­dern zweier Lie­ben­den« (1777), mit denen Goeckingk der lite­ra­ri­sche Durch­bruch gelang und die zum Vor­bild für Goe­thes »Buch Suleika« (»West­öst­li­cher Divan«) wur­den.

Johann Gott­fried Schna­bel (1692-nach 1744) ließ 1732 den 1. Band sei­ner »Wun­der­li­chen FATA eini­ger See-Fah­rer«, spä­ter kurz als »Insel Fel­sen­burg« bezeich­net, in Nord­hau­sen erschei­nen. Ob Sch. aller­dings je in der Stadt weilte, ist nicht bekannt. Doch steht diese Robin­so­nade, für Arno Schmidt (1914–1979) »eines der wich­tigs­ten Werke unse­rer Lite­ra­tur«, damit in einer Bezie­hung zu Nord­hau­sen. Inzwi­schen sieht auch die For­schung in Schna­bels Werk den »erfolgreichste(n) deutsche(n) Roman der ers­ten Hälfte des 18. Jahr­hun­derts«. – Fried­rich August Wolf, des­sen Vater Leh­rer an der Nord­häu­ser Mäd­chen­schule war, besuchte 1769–1776 das Nord­häu­ser Gym­na­sium. Sein Leh­rer war dort Chris­tian August Heyse (1764–1829), der Ver­fas­ser einer weit ver­brei­te­ten deut­schen Schul­gram­ma­tik und Groß­va­ter von Paul Heyse. – Lud­wig Storch besuchte von 1821 bis 1823 das Gym­na­sium in Nord­hau­sen.

Ida Seele wurde 1825 hier gebo­ren. Sie war eine Nichte von Lud­wig Storch. Sie wirkte als Kin­der­gärt­ne­rin und Kin­der­buch­au­torin. Nach Frö­bels Vor­bild grün­dete sie einen Kin­der­gar­ten, der aber von den preu­ßi­schen Behör­den bald wie­der geschlos­sen wurde. Spä­ter eröff­nete sie Kin­der­gär­ten in Darm­stadt und Ber­lin. Ab 1879 lebte sie wie­der in Nord­hau­sen, wo sie bis zu ihrem Tod 1910 lebte. Ihre »Erzäh­lun­gen für Kin­der von zwei bis sie­ben Jah­ren« (1862) waren ein gro­ßer Erfolg und beein­fluss­ten die Ent­ste­hung von Büchern für Vor­schul­kin­der in ganz ent­schei­den­dem Maße. Ein 2007 wie­der auf­ge­stell­tes Grab­denk­mal beim Kin­der­gar­ten in der Ufer­straße 1 erin­nert an sie.

Eng mit dem Kin­der­gar­ten ver­bun­den war auch Thekla Naveau, die 1871 in Nord­hau­sen starb. Sie ist die Autorin des weit­hin wirk­sa­men Buches »Frö­bel-Spiele. Lie­der und Verse für Kin­der­gar­ten, Ele­men­tar­klasse und Fami­lie« (1870).

Der spä­ter am Wei­ma­rer Goe­the-und-Schil­ler-Archiv wir­kende Bern­hard Suphan wurde 1845 in Nord­hau­sen gebo­ren. Seine Haupt­leis­tung ist die Edi­tion von Her­ders »Sämtliche(n) Werke(n)«, das in 33 Bän­den von 1877 bis 1913 erschien.

Der Lyri­ker und Erzäh­ler Hell­muth Unger wurde 1891  hier gebo­ren und begann mit expres­sio­nis­ti­schen Gedich­ten in Erschei­nung zu tre­ten. Spä­ter schrieb er popu­läre Romane über die Ärzte Robert Koch (1929) und Rudolf Virchow (1953).

Eben­falls aus Nord­hau­sen stammt der Kin­der- und Jugend­buch­au­tor Her­bert Kranz (1891–1973). Mit sei­nen Aben­teu­er­bü­chern, dar­un­ter die »Kranz-Bände« (1953–1959) um die Phan­ta­sie­gesell­schaft »Ubi­que Ter­rarum«, deren Mit­glie­der über­all auf der Welt hel­fend ein­grei­fen, und his­to­ri­schen Erzäh­lun­gen (»Die Stimme der Ver­gan­gen­heit«, 1960–1964) hat Kranz die Jugend­li­te­ra­tur des Wes­tens ent­schei­dend mit­ge­prägt.

Rudolf Hagel­stange wurde 1912 in Nord­hau­sen gebo­ren. Er ist der bedeu­tendste Schrift­stel­ler Nord­hau­sens im 20. Jahr­hun­dert. Er starb 1984 in Hanau.

1945 kehrte er aus dem Krieg in das zer­störte Nord­hau­sen zurück, das am 3. und 4. April anglo-ame­ri­ka­ni­sche Bom­ben nahezu voll­stän­dig zer­stört hat­ten. Dabei fan­den 8800 Men­schen den Tod. Hagel­stange betrau­erte den Ver­lust in sei­nem Gedicht »Schwer­mü­tig Lied« (1946). Nach dem Ende  des Zwei­ten Welt­kriegs gehörte er zu den Mit­be­grün­dern des Kul­tur­bun­des in Nord­hau­sen, lehnte aber die ihm von Johan­nes R. Becher ange­bo­te­nen grö­ße­ren Auf­ga­ben ab.

In die­ser Zeit ent­stand sein berühm­ter Sonett-Zyklus »Vene­zia­ni­sches Credo«, der ihn als Lyri­ker von Rang aus­wies. 1946 ging er in den Wes­ten. Am Ende sei­nes Lebens ent­stan­den die mit Nord­hau­sen ver­bun­de­nen Romane »Das Haus oder Balsers Auf­stieg« (1981) und »Der Nie­der­gang. Von Balsers Haus zum Käthe-Koll­witz-Heim« (1983) sowie die Auto­bio­gra­phie »Trä­nen gelacht. Steck­brief eines Stein­bocks« (1977). Heute erin­nert eine Gedenk­ta­fel an sei­nem Geburts­haus in der Oskar-Cohn-Straße 4 an ihn.

Erwäh­nen lässt sich noch der Kin­der- und Jugend­buch­au­tor Alex­an­der Jesch, der seit 1969 in Nord­hau­sen lebte, wo er 1996 starb.

Ebenso der 1938 in Nord­hau­sen gebo­rene Rolf Kal­muc­zak, der mit über 100 Pseud­ony­men Romane, Kin­der- und  Jugend­bü­cher, Hör­spiele, Dreh­bü­cher, und Gro­schen­ro­mane schrieb. Mit einer Gesamt­auf­lage von 14 Mil­lio­nen ver­kauf­ten Exem­pla­ren gehört er zah­len­mä­ßig zu den erfolg­reichs­ten deut­schen Schrift­stel­lern gehört.

Römhild

Das vor­mals hen­ne­ber­gi­sche Röm­hild war 1680–1710 Resi­denz einer eige­nen ernes­ti­ni­schen Linie. Ein­zi­ger Regent: Her­zog Hein­rich (1650–1710), Sohn Ernsts d. From­men, der das im Kern spät­go­ti­sche und um zwei Höfe grup­pierte Schloss Glücks­burg (1465–91) nach 1676 zu einer beschei­de­nen Barock­re­si­denz aus­bauen ließ und darin trotz gerin­ger finan­zi­el­ler Mit­tel eine bemer­kens­werte Hof­kul­tur unter­hielt. Das von ihm ange­regte ein­zig­ar­tige Buch »Her­zog Hein­richs Fürst­li­che Bau-Lust«, das 1698 erschien, ermög­licht eine genaue Rekon­struk­tion der Röm­hil­der Feste und Thea­ter­auf­füh­run­gen.

Bert­hold von Hen­ne­berg, * 1441 oder 1442 auf der Har­ten­burg bei Röm­hild gebo­ren,  war spä­ter Kur­fürst und Erz­bi­schof von Mainz. Er war der Sohn von Graf Georg I. von Hen­ne­berg-Röm­hild. Er besuchte als ers­ter deut­scher Fürs­ten­sohn eine Uni­ver­si­tät. 1464 war er Kano­ni­ker am Main­zer Dom­stift, 1484 Bischof und 1494 wurde er Kanz­ler. Er mahnte grund­le­gende Kir­chen­re­for­men an. Der Kle­rus bezich­tigte Bert­hold »aller Untu­gend voll« zu sein. Das Reich wollte er erneu­ern, setzte aber nur die Ein­rich­tung des Reichs­kam­mer­ge­richts und eine neue Steuer­ord­nung durch. Sein zwei­tes Anlie­gen war eine all­ge­meine Volks­bil­dung. Um die Men­schen vor schlech­ten Büchern zu schüt­zen, setzte Bert­hold 1486 als ers­ter auf die Bücher­zen­sur, was sei­nem Anse­hen unter den Huma­nis­ten Scha­den zuge­fügt hat. Unter den Kri­ti­kern war auch Cro­tus Rubia­nus, der 1508 auf dem Röm­hil­der Schloss Prin­zen­er­zie­her war.

Lucas Mai, einer der bedeu­tends­ten nach­re­for­ma­to­ri­schen Dra­ma­ti­ker wurde 1522 in Röm­hild gebo­ren. Der neu­la­tei­ni­sche Dra­ma­ti­ker und Lyri­ker Jacob Rose­feldt starb nach sei­ner Fol­te­rung durch Söld­ner am 9. 11. 1634 in Röm­hild. Johann Cas­par Wet­zel  wirkte in Röm­hild als Dia­kon und Archi­dia­kon und ver­fasste hier sein Haupt­werk sowie eine »Kurtz­ge­faßte Kirch-, Schul- wie auch Brand­his­to­rie der Stadt Röm­hild« (1735). Johann Peter Uz, (1720–1796), der bedeu­tendste deut­sche Ana­kre­on­ti­ker, lebte von Mai 1752 bis Okto­ber 1753 als Sekre­tär einer kai­ser­li­chen Exe­ku­ti­ons­kom­mis­sion in Röm­hild. Sein Freund war der Amt­mann Johann Peter Grötz­ner, in des­sen jün­gere Schwes­ter Utz sich ver­liebte und die als Cli­mine in seine Verse ein­ge­gan­gen ist. Eine Gedenk­ta­fel am Grötz­ner­schen Haus erin­nert an Utz. Harald Ger­lach schrieb über ihn und seine Zeit 1988 in Röm­hild die Novelle »Abschied von Arka­dien«.

Johann Hein­rich Gott­lob Heu­sin­ger, der 1767 in Röm­hild gebo­ren wurde, wirkte als Päd­agoge, Phi­lo­loge und Schrift­stel­ler. Der Schrift­stel­ler Gün­ter Dei­cke ver­brachte 1925–1930 in Röm­hild einen wich­ti­gen Teil sei­ner Kind­heit. Der Lyri­ker, Erzäh­ler, Dra­ma­ti­ker, Essay­ist und Rund­funk­au­tor Harald Ger­lach (1940–2001) wuchs 1948–1958 in Röm­hild auf, wo der Vater den im Schloss unter­ge­brach­ten Jugend­werk­hof lei­tete, der Dreh- und Angel­punkt von Ger­lachs Erzäh­lung »Das Grau­pen­haus« ist. 1962 kehrte Ger­lach für eine Zeit nach Röm­hild zurück, spä­ter arbei­tete er an den Thea­tern von Erfurt und Rudol­stadt. Nach sei­nem Tod in Lei­men wurde er auf dem Röm­hil­der Fried­hof bei­gesetzt. Sein Grab befin­det sich in der Nähe der Fried­hofs­ka­pelle.

Schmalkalden

Schmal­kal­den ent­stand im 9. Jahr­hun­dert am Beginn einer wich­ti­gen Pass­straße über den Thü­rin­ger Wald. Der anfangs den Würz­bur­ger Bischö­fen gehö­rende Ort fiel ver­mut­lich noch vor 1115 an Lud­wig den Sprin­ger. Zur Siche­rung der land­gräf­li­chen Herr­schafts­an­sprü­che wurde Schmal­kal­den zur Stadt erho­ben und die Burg Walt­aff gebaut. Doch schon 1203, wäh­rend der Kämpfe zwi­schen dem Stau­fer Phil­ipp von Schwa­ben und sei­nem wel­fi­schen Gegen­spie­ler Otto IV., wurde Schmal­kal­den zer­stört.

Als die Thü­rin­ger Land­gra­fen Schmal­kal­den dar­auf wie­der­auf­bau­ten, errich­te­ten sie sich eine Stadt­re­si­denz, den spä­te­ren Hes­sen­hof. 1227 nahm darin Lud­wig IV. Abschied von sei­ner Gemah­lin Eli­sa­beth und begab sich auf den Kreuz­zug.

Im Erd­ge­schoss des Hes­sen­ho­fes ent­stand durch die Hand eines unbe­kann­ten Meis­ters ein aus 26 Sze­nen bestehen­der Bil­der­zy­klus zum Vers-Roman »Iwein« (um 1200) von Hart­mann von Aue (etwa 1165-um 1210), der im 19. Jahr­hun­dert bei Restau­rie­rungs­ar­bei­ten ent­deckt wurde. Ver­mut­lich wurde der bebil­derte Raum, der heute im Kel­ler des Gebäu­des liegt, ursprüng­lich als Gerichts­stätte genutzt. Ver­mut­lich hat die­ser bedeu­tende, in mit­tel­hoch­dteut­scher Spra­che schrei­bende und aus dem Breis­gau stam­mende klas­si­sche Dich­ter Thü­rin­gen nie besucht.

Doch wird man sein Werk am Land­gra­fen­hof gekannt haben, denn nach­fol­gen­den Dich­tern wie Wolf­ram von Eschen­bach, der den »Iwein« in sei­nem Werk erwähnt, galt er als Leit­bild höfi­schen Erzäh­lens. Der im »Iwein« ver­ar­bei­tete Stoff gehört zum Sagen­kreis um König Artus und war im Mit­tel­al­ter sehr beliebt. Iwein selbst ist einer der Tafel­run­den­rit­ter. Man kann davon aus­ge­hen, dass die Schmal­kal­de­ner Fres­ken, die umfäng­lichs­ten ihrer Art in Mit­tel-Deutsch­land in enger Bezie­hung zur Lite­ra­tur­pflege am Land­gra­fen­hof stan­den, wenn auch der Auf­trag­ge­ber nicht bekannt ist. Als die Fres­ken im 19. Jh. ent­deckt wur­den, war ihr Zustand schon sehr schlecht. Aus die­sem Grunde kön­nen sie nicht besich­tigt wer­den. Zugäng­lich ist aber eine Kopie in nach­ge­bau­ter Umge­bung im Kel­ler des Muse­ums Schloss Wil­helms­burg.

Nach dem Tod des letz­ten Land­gra­fen fiel Schmal­kal­den an die Hen­ne­ber­ger. Obwohl die Refor­ma­tion schon 1525 in die Stadt ein­zog, blie­ben die Gra­fen noch beim alten Glau­ben. Des­halb schlos­sen sich unter Füh­rung des säch­si­schen Kur­fürs­ten Johann Fried­rich I. und des hes­si­schen Land­gra­fen Phil­ipp am 27. 2. 1531 in Schmal­kal­den die Pro­tes­tan­ten zum anti­kai­ser­li­chen Schmal­kal­di­schen Bund zusam­men, der bis 1543 acht Mal in Schmal­kal­den tagte. Nach dem Aus­ster­ben der Hen­ne­ber­ger 1583 fiel Schmal­kal­den an Hes­sen. Nach dem Deut­schen Krieg 1866 kam die Stadt zu Preu­ßen. Anstelle der zer­stör­ten Burg Walt­aff ließ Land­graf Wil­helm IV. von 1585 bis 1590 Schloss Wil­helms­burg errich­ten, das heute die am bes­ten erhal­tene Renais­sance-Anlage Thü­rin­gens ist. Wil­helm IV. nutzte Wil­helms­burg als Som­mer- und Jagd­re­si­denz. Beson­ders oft hielt sich hier sein Nach­fol­ger Moritz der Gelehrte (1572–1632) auf. Der kul­tu­rell stark enga­gierte Land­graf machte die Wil­helms­burg zum frü­hen Thea­ter­zen­trum in Thü­rin­gen.

Lite­ra­risch bedeu­tende Per­sön­lich­kei­ten ver­sam­mel­ten sich in Schmal­kal­den wäh­rend des Fürs­ten­kon­gres­ses, den Johann Fried­rich I. 1537 als Ant­wort auf auf die Ein­be­ru­fung eines Kon­zils durch den Papst ein­be­rief. Der Kon­gress sollte das wei­tere Vor­ge­hen der Pro­tes­tan­ten abste­cken und ihren Weg durch die Bibel begrün­den. Des­halb wur­den neben den 18 Fürs­ten auch 38 Theo­lo­gen nach Schmal­kal­den gela­den. Neben Mar­tin Luther waren dies neben ande­ren Phil­ipp Melan­chthon, Georg Spa­la­tin, Georg Bug­en­ha­gen, Niko­laus von Ams­dorf, Jus­tus Jonas, Johan­nes Lang, Jus­tus Menius und Fried­rich Myco­nius.

Mar­tin Luther kam am 7. 2. 1537 nach Schmal­kal­den und pre­digte schon am Fol­ge­tag in der 1437–1509 erbau­ten Stadt­kir­che St. Georg. Er brachte die »Schmal­kal­di­schen Arti­kel« mit, die den Bruch mit dem Papst besie­gel­ten: »Darum müs­sen wir des­sen ganz gewiss sein und dür­fen nicht daran zwei­feln. Sonst ist alles ver­lo­ren, und Papst und Teu­fel und alles behält wider uns den Sieg und das Recht.« Luther erkrankte in Schmal­kal­den der­art, dass er den Tod vor Augen hatte. Am 26. 2. reiste er Rich­tung Tam­bach ab. Ver­mut­lich lös­ten die schlech­ten Wege des Thü­rin­ger Wal­des die Nie­ren­steine und ret­te­ten ihm das Leben. Eine Gedenk­ta­fel am Luther­platz 7 erin­nert an Luthers Auf­ent­halt und Quar­tier beim hes­si­schen Rent­meis­ter Bal­tha­sar Wil­helm, der schon 1524 mit einer evan­ge­li­schen Streit­schrift (»Prac­tica oder Pren­osti­ca­tion auff tzu­künfftig Tzey­ten«) her­vor­ge­tre­ten war.

Johann Steu­er­lein, der 1546 in Schmal­kal­den gebo­ren wurde, war ein Lie­der­dich­ter (»Das alte Jahr ver­gan­gen ist«, 1588) und Kom­po­nist. In Schmal­kal­den gebo­ren wurde Eben­falls Lie­der­dich­ter war Johann Born­schü­rer , der 1625 hier gebo­ren wurde. Er wirkte als Pfar­rer in ver­schie­de­nen Orten um Schmal­kal­den. Er schrieb 1676 das Tau­flied »Gott Vater, höre unsre Bitt/teil die­sen Kin­dern Segen mit«.

Der His­to­ri­ker Chris­toph Cel­la­rius, der eigent­lich Kel­ler hieß, wurde 1638 in Schmal­kal­den gebo­ren. Nach sei­nem Stu­dium in Jena und Gie­ßen war er ab 1663 der erste Rhe­to­rik- und Geschichts-Pro­fes­sor in Halle an der Saale, wo er auch die Biblio­thek und das Francke­sche Semi­na­rium ver­wal­tete. Er bemühte sich um eine deut­sche­Un­ter­richts­spra­che. In sei­ner »His­to­ria Uni­ver­sa­lis« (1709) glie­derte er die Geschichte erst­mals in Antike, Mit­tel­al­ter und Neu­zeit.

Johann Georg Pforr, der 1612 in Schmal­kal­den gebo­ren wurde und 1687 hier starb, ent­stammte einer alt­ein­ge­ses­se­nen Schmal­kal­der Kauf­manns­fa­mi­lie und war mehr­fach Bür­ger­meis­ter von Schmal­kal­den. Er ver­fasste eine Chro­nik »Beschrei­bung etz­li­cher denck­wür­di­gen Geschich­ten«, die die Zeit 1400–1600 behan­delt und weit über Schmal­kal­den und Thü­rin­gen hin­aus­reicht.

Johann Con­rad Geist­hirt, 1672 in Schmal­kal­den gebo­ren, war ein Poly­his­tor und Chro­nist mit enzy­klo­pä­di­schem Anspruch. Seine »His­to­ria Schmal­cal­dica« (1881–1889)  ist das reich­hal­tigste Werk der hen­ne­ber­gisch-hes­si­schen His­to­rio­gra­phie. Über seine »Schmal­cal­dia Lite­rata« (1720) urteilte der His­to­ri­ker Vol­ker Wahl 1989, dass sie »der erste Ver­such einer land­schaft­lich begrenz­ten Per­so­nen­ge­schichte [sei], die ein nahezu voll­stän­di­ges Bild des im 16. und 17. Jahr­hun­derts dort täti­gen Gelehr­ten­stan­des bie­tet«.

In dem heute zu Schmal­kal­den gehö­ren­den Dorf Fam­bach war Johann Ernst Wag­ners ältere Schwes­ter seit 1782 Pfarr­frau. Die Besu­che beim Dort­chen gehö­ren zu Wag­nes glück­lichs­ten Kind­heits­er­in­ne­run­gen. Seine Liebe zu Frie­de­rike, »einem schö­nen Dorf­kinde«, spie­gelt sich in der engel­haf­ten Mat­hilde im Roman »Wil­li­balds Ansich­ten des Lebens«. 1788 lernte Wag­ner in Fam­bach sei­nen Freund Fried­rich Mosen­geil ken­nen.

Mühlhausen

Einem in Mühl­hau­sen ansäs­si­gen Reichs­mi­nis­te­ri­alen­ge­schlecht ent­stammt der Deutsch­or­dens­pries­ter und erste Bischof des Sam­lan­des (Königs­berg) Kris­tan von Mühl­hau­sen (+ 1295). In Mühl­hau­sen wur­den die Kom­po­nis­ten Johann Eccard (1553–1611) und Johann Rudolf Ahle (1651–1706) gebo­ren. Johann Sebas­tian Bach war 1707–1708 Orga­nist an der Divi-Bla­sii-Kir­che. Fer­ner stam­men aus Mühl­hau­sen der Phy­si­ker und Arzt Gott­fried Chris­toph Bei­reis (1730–1809), den Goe­the 1805 in Helm­stedt besuchte, der bedeu­tende preu­ßi­sche Archi­tekt Fried­rich August Stü­ler (1800–65, des­sen Geburts­haus sich in der Her­ren­straße 1 befin­det, und der in den USA bekannte Brü­cken­bauer Johann August Röb­ling (1806–69, an des­sen Wir­ken ein Denk­mal auf dem Unter­markt erin­nert. Von hier stam­men auch der His­to­rien- und Kir­chen­ma­ler Carl Gott­fried Pfann­schmidt (1819–87) und der Bau­haus­ar­chi­tekt (Ber­li­ner Luft­brü­cken­denk­mal) Edu­ard Lud­wig (1906–60).

Die Viel­tür­mig­keit, die gut erhal­tene Innere Stadt­mauer und die immer wie­der von Frem­den geprie­sene Geschlos­sen­heit der Dach­land­schaft erin­nern an die große Ver­gan­gen­heit Mühl­hau­sens als Freier Reichs­stadt, zu der ein beträcht­li­ches Land­ge­biet gehörte. Nach­dem die Stadt aber 1802 an Preu­ßen gefal­len war, wurde der schon begon­nene Abstieg in die Pro­vin­zia­li­tät noch beschleu­nigt. Zudem fand Mühl­hau­sen kaum Anschluss an die moder­nen Ver­kehrs­wege und wurde wenig indus­tria­li­siert. Da an der Stadt auch der Bom­ben­krieg vor­über­ge­gan­gen ist und in der DDR-Zeit wenig abge­bro­chen wurde, ver­fügt sie heute über eine der am bes­ten erhal­te­nen Alt­städte Thü­rin­gens.

Walt­her von der Vogel­weide nahm ver­mut­lich am 6. 3. 1198 in Mühl­hau­sen an der Hul­di­gung Phil­ipps von Schwa­ben zum deut­schen König durch die Reichs­fürs­ten teil, womit der ver­häng­nis­volle Thron­streit zwi­schen Stau­fern und Wel­fen begann und Thü­rin­gen zum Kampf­platz wurde. Im Zusam­men­hang mit die­sem Ereig­nis steht Walt­hers zwei­ter »Reichs­ton­spruch«, den er in Mühl­hau­sen gedich­tet haben könnte:

Ich hört ein Was­ser rau­schen;
den Fisch­lein konnt ich lau­schen;
ich schaute, was erfüllt die Welt;

Sie wäh­len Kön’ge, ord­nen Recht,
sie set­zen Her­ren ein und Knecht,
Wie steht im deut­schen Lande die Ord­nung! Wel­che Schande,
dass selbst die Mücke wird regiert,
doch deine Ehre sich ver­liert!

Wachs­mut von Mühl­hau­sen, 1267 wird der Sohn eines »Vast­mude de Mul­hu­sen« genannt, die­ses Indiz und seine Reim­spra­che ver­wei­sen den Min­ne­sän­ger nach Nord­thü­rin­gen. So wird er wohl in der Mitte des 13. Jahr­hun­derts in Mühl­hau­sen gelebt und gedich­tet haben. Wachs­mut stand als Minis­te­riale ver­mut­lich dem Laza­rus­or­den nahe,was sein Sohn bezeugt, der in Brei­ten­bich nörd­lich von Mühl­hau­sen ein Ordens­haus besaß. Die »Große Hei­del­ber­ger Lie­der­hand­schrift« kennt von Wachs­mut fünf Lie­der. Auf eines bezieht sich sein Bild:

Deine hell strah­len­den Augen
haben einen Pfeil
in mein Herz geschos­sen,
dass ich gar nicht anders mehr kann,
als mit Ver­gnü­gen dein eif­ri­ger Die­ner zu sein.

Dar­auf zielt die Dame auf den ihr erge­be­nen Rit­ter mit einem gol­de­nen Pfeil.

Diet­rich Schern­berg, auch Theo­do­ri­cus Schern­bergk, bezeugt 1483–1502 als Notar und Vikar an der Johan­nes­ka­pelle auf dem Blo­bach, ist der erste nament­lich fass­bare Thea­ter­dich­ter Thü­rin­gens, als sol­cher Ver­fas­ser des effektrei­chen Teu­fels­bünd­ner­spiels »Von Frau Jut­ten«, wel­ches 1480 erst­mals auf­ge­führt wurde. Dabei stützte sich Schern­berg auf die seit dem 13. Jahr­hun­dert ver­brei­tete Legende von der »Päps­tin Johanna«, die erst durch Schwan­ger­schaft »ent­tarnt« wurde. Am Ende des Stü­ckes wird Jutta von einem von Chris­tus gesand­ten Erz­engel dem Teu­fel ent­ris­sen. Das Stück ent­hält Angriffe auf das Papst­tum und ist mit Recht in die Nähe der Refor­ma­tion gerückt wor­den. So sah der erste Edi­tor (1565) des Stü­ckes, der Mühl­hau­se­ner Super­in­ten­dent Hie­ro­ny­mus Tile­sius (1529–66), in ihm »ein will­kom­me­nes Pam­phlet, um gegen die Reka­tho­li­sie­rung der Freien Reichs­stadt auf­zu­tre­ten und auf die gra­vie­ren­den Fol­gen pries­ter­li­cher Ehe­lo­sig­keit hin­zu­wei­sen«.

Tho­mas Münt­zer, um 1490 in Stol­berg am Harz gebo­ren, wurde am 27. 5. 1525 vor Mühl­hau­sen hin­ge­rich­tet. Münt­zer, erst Par­tei­gän­ger, dann schärfs­ter Wider­sa­cher Mar­tin Luthers, ent­stammt ver­mut­lich einer begü­ter­ten Fami­lie, doch ist über sei­nen Lebens­weg bis 1523 kaum Siche­res bekannt. Sein mög­li­ches Geburts­jahr wurde aus der 1506 in Leip­zig erfolg­ten Imma­tri­ku­la­tion erschlos­sen. Zeit­ge­nös­si­sche Bild­nisse exis­tie­ren nicht.

Münt­zer ist für Mühl­hau­sen die zen­trale his­to­ri­sche Bezugs­fi­gur, wenn­gleich sein Bild all­ge­mein und seine Rolle in Mühl­hau­sen nach 1989 zurecht­ge­rückt wurde. Er kam Mitte August 1524 nach Mühl­hau­sen, gewis­ser­ma­ßen auf der Flucht, und wurde bereits am 27. 9. aus­ge­wie­sen. Ebenso wie der ehe­ma­lige Zis­ter­zi­en­ser­mönch Hein­rich Pfeif­fer, der sich seit 1523 in der Stadt auf­hielt und mit dem sich Münt­zer ver­band. Mit ihren »Elf Arti­keln« ver­such­ten beide, den Stadt­rat zu radi­ka­li­sie­ren. Erst Ende Februar 1525 kehrte Münt­zer nach Mühl­hau­sen zurück und wurde Pfar­rer an der Mari­en­kir­che. Am 27. 4. ver­ließ er sein Amt und schloss sich einem Bau­ern­hau­fen an.

Jus­tus Menius kam 1542 als Visi­ta­tor nach Mühl­hau­sen und setzte die Refor­ma­tion prak­tisch gewalt­sam durch. Er wirkte zwei Jahre als Pfar­rer an der Divii-Bla­sii-Kir­che. Lud­wig Helm­bold, der 1532 in Mühl­hau­sen gebo­ren wurde und 1598 hier starb, war Dich­ter und Theo­loge, des­sen Lie­der (»Von Gott will ich nicht las­sen«, 1563; »Nun lasst uns Gott dem Her­ren Dank sagen«, 1575) von J. von Burgk und J. S. Bach ver­tont wur­den. Der aus West­fa­len stam­mende Lie­der­dich­ter Phil­ipp Nico­lai (1556–1608) war sein Schü­ler.

Der Dra­ma­ti­ker und Recht­schreib­re­for­mer Johan­nes Gir­bert, der um 1597 in Jena gebo­ren wurde, starb 1671  in Mühl­hau­sen. Er ließ in Mühl­hau­sen Schuldra­men auf­füh­ren und ver­fasste sein lin­gu­is­ti­sches Haupt­werk »Die deut­sche Gram­ma­tica oder Sprach­kunst« im Jahr 1653, in dem die Groß­schrei­bung von Sub­stan­ti­ven, Satz­an­fän­gen und Eigen­na­men gefor­dert wird, was die Dru­cker dank­bar annah­men, um die Majus­keln bes­ser nut­zen zu kön­nen.

Der Dich­ter Georg Neu­mark wuchs von 1624 bis 1632 in Mühl­hau­sen auf, wo sein Onkel Gott­fried Plath­ner das höchste poli­ti­sche Amt beklei­dete, wäh­rend der Vater eine Tuch­ma­che­rei und einen Gast­hof betrieb. Warum die­ser mit sei­ner Fami­lie nach Mühl­hau­sen umzog, ist nicht bekannt.

Veit Lud­wig von Secken­dorff besuchte in Mühl­hau­sen die Schule, nach­dem man sei­nen aus alt­frän­ki­schem Adel stam­men­den Vater wegen Kon­spi­ra­ti­ons­ver­dachts hin­ge­rich­tet hatte. Dadurch wurde Ernst der Fromme auf den begab­ten Kna­ben auf­merk­sam und holte ihn nach Gotha.

Fried­rich Gott­lieb Klopstock hatte ver­wandt­schaft­li­che Bezie­hun­gen zur Mühl­hau­se­ner Kauf­manns-Fami­lie Lut­teroth, deren Haus, Felch­taer Straße 10, erhal­ten ist. Die aus Lan­gen­salza stam­mende Chris­tiane Schmidt, die Schwes­ter von Klopstocks Mut­ter Anna Schmidt, war mit dem Mühl­hau­se­ner Rats­herrn Chris­tian Lut­teroth ver­hei­ra­tet. Es ist zu ver­mu­ten, dass der junge K. in sei­ner Lan­gen­sal­zaer Zeit seine Mühl­hau­se­ner Ver­wand­ten besuchte und diese sogar mit dem Eis­lau­fen bekannt machte.

Gott­fried Demme, der spä­ter unter dem Pseud­onym Karl Stille schrieb, wurde 1760 in Mühl­hau­sen gebo­ren. Nach sei­nem Phi­lo­so­phie­stu­dium in Jena wirkte er ab 1785 als Sub­rek­tor am Gym­na­sium in Mühl­hau­sen. Zwi­schen 1796 und 1801 war er Pfar­rer und Super­in­ten­dent. Er führte neue Gesang­bü­cher ein und schrieb zahl­rei­che Lie­der, unter sei­nem Pseud­onym auch Romane.

Wil­helm Gott­lieb Tile­sius von Tilenau wurde 1769 in Mühl­hau­sen gebo­ren, wo er 1857 starb. Er lehrte an der Uni­ver­si­tät Leip­zig und nahm als Arzt und Zeich­ner an der Welt­um­seg­lung des Rus­sen Adam Johann von Kru­sens­tern teil. Dar­über schrieb er eine mehr­bän­dige »Reise um die Welt in den Jah­ren 1803–06«, die zwi­schen 1808 und 1813 erschien.

Erwäh­nen läßt sich der 1828 hier gebo­rene Mund­art­dich­ter Georg Wolff, der 1919 auch hier starb. Der 1820 in Bretsch in der Alt­mark gebo­rene Lyri­ker und wis­sen­schaft­li­cher Schrift­stel­ler Karl Wil­helm Oster­wald starb 1887 in Mühl­hau­sen,

Fried­rich Heb­bel kam auf sei­ner »Hun­ger­wan­de­rung« von Mün­chen nach Ham­burg im März 1839 nach Mühl­hau­sen In dem hier geschrie­be­nen Gedicht »Win­ter­reise«

Wie durch so man­chen Ort
bin ich nun schon gekom­men,
Und hab’ aus kei­nem fort
Ein freund­lich Bild genom­men.
Man prüft am frem­den Gast
Den Man­tel und den Kra­gen
Mit Bli­cken, wel­che fast
Die Liebe unter­sa­gen,

reflek­tiert Heb­bel seine bit­tere Not. Ernst von Wolzo­gen, der 1868 bis 1870 das Gym­na­sium »in dem net­ten alten Städt­chen mit der anmu­ti­gen Umge­bung« besuchte, weil er sei­nem nach Mühl­hau­sen ver­setz­ten Leh­rer folgte, wohnte Am Blo­bach 4.

Georg Böt­ti­cher, des­sen Vor­fah­ren väter­li­cher­seits aus Mühl­hau­sen stam­men, kam im August 1870 bei sei­nem Onkel Stadt­rat Carl Gus­tav Schotte, Ehe­mann der Schwes­ter sei­nes Vaters, unter, nach­dem er Paris wegen des Deutsch-Fran­zö­si­schen Krie­ges hatte ver­las­sen müs­sen. Er ver­suchte in Mühl­hau­sen, seine Tätig­keit als Mus­ter­zeich­ner fort­zu­set­zen und Fach­ar­ti­kel zu plat­zie­ren, die ihn schließ­lich mit der Firma Engel­hard in Mann­heim in Ver­bin­dung brach­ten, wohin er Anfang 1871 zog.

Paul Schre­cken­bach kannte Mühl­hau­sen gut. Sein Stu­di­en­freund Ama­deus Palme war seit 1890 Dia­kon an der Mari­en­kir­che, 1920–1932 Mühl­hau­se­ner  Super­in­ten­dent. In des­sen Woh­nung am Unter­markt 4 betrieb Schre­cken­bach Stu­dien für sei­nen Münt­zer-Roman »Die Mühl­häu­ser Schwarm­geis­ter«, der 1924 erschien, den bei­der Freund P. Burg voll­endete. Mühl­hau­se­ner war der spä­ter in Ber­lin lebende Jugend­buch­au­tor Hans-Joa­chim Har­tung (1923–77). Wich­tigs­ter Chro­nist des lite­ra­ri­schen Mühl­hau­sen ist der 1936 in Nie­der­schle­sien gebo­rene und seit 1945 in Mühl­hau­sen behei­ma­tete Die­ter Fech­ner.

Sieg­fried Pitsch­mann, der 1930 in Grünberg/Niederschlesien gebo­ren wurde und 2002 in Suhl starb, gehörte zu den »lei­sen« Autoren der DDR und ist im 20. Jahr­hun­dert der bedeu­tends­ten Schrift­stel­ler, des­sen Name sich mit Mühl­hau­sen ver­bin­det. Er kam im Februar 1945 als Ver­trie­be­ner nach Mühl­hau­sen, wo er bis 1957 blieb. Er absol­vierte eine Lehre beim Uhr­ma­cher­meis­ter Arthur Rost (1880–1962) in der Lin­sen­straße 13, wo sich bis heute ein Uhren­ge­schäft befin­det. Von 1951 bis 1958 war er mit Elfriede Stölcker ver­hei­ra­tet, von der er sich nach sei­ner Bekannt­schaft mit Bri­gitte Rei­mann schei­den ließ. Pitsch­mann wohnte in Mühl­hau­sen in der August-Bebel-Straße 53 in einer Dach­ge­schoss­woh­nung. Sein Grab befin­det sich auf dem Neuen Fried­hof an der Eisen­acher Land­straße.

Fragen an Matthias Biskupek

1. Was ver­bin­det Sie, nicht nur beim Schrei­ben, mit Thü­rin­gen?

Ich sehe Thü­rin­gen, wenn ich beim Schrei­ben aus dem Fens­ter gucke. Ich sehe es auch aus diver­sen Zug­fens­tern. In Ber­lin sehe ich natür­lich kein Thü­rin­gen vorm Fens­ter son­dern einen Wein­berg und einen Was­ser­turm.

 

2. Was bringt Sie zum Schrei­ben?

Der Mor­gen. Wenn ich gefrüh­stückt habe und mich über die Feh­ler in der Tages­zei­tung auf­ge­regt habe, wenn ich mei­nem lei­den­den Rücken etwas Sport ange­tan habe, bleibt mir nix ande­res übrig, als eine täg­li­che, im Netz ein­seh­bare Notiz, zu schrei­ben.

Ach ja, und wenn ich einen rei­zen­den Auf­trag habe …

 

3. Füh­ren Sie Tage­buch oder ähn­li­che Auf­zeich­nun­gen, die Ihnen beim lite­ra­ri­schen Schrei­ben hel­fen?

Siehe Frage 2. Auf Rei­sen habe ich immer ein Büchl dabei. Das ist manch­mal klein, manch­mal sehr klein. Da schreibe ich Daten, Zei­ten, Preise und manch­mal Sen­ten­zen hin­ein. Ganz sel­ten lese ich wie­der in die­sen Büchls.

 

4. Haben Sie feste Schreib­stun­den? Was/wer hält Sie vom Schrei­ben ab? Sind Sie ein Pro­kras­ti­na­teur?
Zu Fra­ge­satz 1:  Ja, siehe Frage 2. Zu Fra­ge­satz 2: Bei­spiels­weise das Aus­fül­len von Fra­ge­bö­gen. Zu Fra­ge­satz 3: Nö.

 

5. Ihr Lieb­lings­ort – – in Thü­rin­gen oder anderswo?

Da gibt es einen wun­der­ba­ren Text von mir – wenn ich meine Texte spä­ter lese, sind sie immer wun­der­bar – auf der Seite des Thü­rin­ger Lite­ra­tur­rats unter »Dich­ters Wort an Dich­ters Ort«.

 

6. Wo haben Sie das Thema zu Ihrem letz­ten Buch gefun­den?

Das war mathe­ma­tisch bedingt. Ich war wenige Jahre vom Ren­ten­be­ginn ent­fernt und schrieb also »Der Rent­ner­lehr­ling«

 

7. Ihr Lieb­lings­buch?

Viel zu viele und lei­der oft schlechte.

8. Haben Sie schon ein­mal etwas bereut, das Sie geschrie­ben haben?

Bestimmt, kann mich aber nicht erin­nern

 

9. Was war für Sie Ihr größ­ter Erfolg?

Das ist pri­vat.

 

10. Wel­ches Wis­sens­ge­biet inter­es­siert Sie neben der Lite­ra­tur am meis­ten?

Klatsch – aber ist das ein Wis­sens­ge­biet?

 

11. Was ist für Sie Stil?

Nichts dass ich wüsste.

 

12. Wer ist für Sie die bedeu­tendste Per­son in Thü­rin­gen oder anderswo?

Sol­cher­lei Fang­fra­gen beant­worte ich nicht.

 

13. Hat man neben dem Schrei­ben noch Lust auf Bücher und Lesen – oder hal­ten Sie es mit Kurt Tuchol­sky: Das biß­chen, was ich lese, schreib ich mir selbst?

Der Fra­ge­stel­ler weiß doch sel­ber, dass Tuchol­sky die­ses Satz nur aus Koket­te­rie prägte. Denn für einen guten Apho­ris­mus ver­kauft der Schrift­stel­ler seine Oma. Frage beant­wor­tet?

 

14. Ihr Lieb­lings­schla­ger oder Lieb­lings­volks­lied?

Siehe Frage 12.

 

15. Haben Sie ein (Lebens-)Motto?

Siehe Fra­gen 12 und 14.

Sibylle Berg – »Zwischen Apokalypse und Hoffnungsresten«

Sibylle Bergs Romane des letz­ten Vier­tel­jahr­hun­derts

Gele­sen von Diet­mar Jacob­sen

 

War­nung vor dem Unter­gang

Der Roman, mit dem die 1962 in Wei­mar gebo­rene Sibylle Berg ins neue Jahr­tau­send ein­stieg, »Ende gut« (2004), war eine End­zeit­ge­schichte, eine apo­ka­lyp­ti­sche tour de force und (Schre­ckens-) Vision der euro­päi­schen Gegen­wart vor dem Hin­ter­grund öko­lo­gi­scher Kata­stro­phen, isla­mis­ti­schen Ter­rors und ame­ri­ka­ni­schen Super­macht­ge­ba­rens. Frei­lich: Die gro­ßen und klei­nen Schre­cken unse­rer Welt gab es bereits in den vor­he­ri­gen Büchern der heute in Zürich leben­den Autorin. Wer immer sich auf Bergs Wel­ten ein­ließ, watete wahr­lich nie im Glück, son­dern fand sich in einer Art Vor­hölle, die die Men­schen sich gegen­sei­tig berei­te­ten ohne Anse­hen von Per­son, Alter und Her­kunft. Allen­falls ein, zwei Aus­er­wählte sta­chen aus dem jewei­li­gen mensch­li­chen Gru­sel­ka­bi­nett her­vor, wur­den aber umso schnel­ler von den all­seits herr­schen­den gna­den­lo­sen Ver­hält­nis­sen wie­der ein­ge­holt, je unbe­ding­ter ihr Aus­bruchs­ver­lan­gen war. Und auch, wenn die frü­hen Bücher von Sibylle Berg neckisch-neu­gie­rig­ma­chende Namen tru­gen wie »Sex II« (1998), »Ame­rika« (1999) und »Gold« (2000), also mit schein­ba­ren Glücks­ver­hei­ßun­gen lock­ten,  meis­tens ging in ihnen  alles – Anstand, Ehr­lich­keit und Exis­tenz – schnell den Bach hin­un­ter .

An die­ser abgrund­dunk­len Kon­tras­tie­rung mensch­li­chen Mit­ein­an­ders hält auch »Ende gut« fest. Nur blickt die­ses Buch etwas wei­ter als ledig­lich hin­ter die Gar­di­nen und in die Köpfe der klein­bür­ger­li­chen Nach­bar­schaft. Weil am Beginn eines neuen Zeit­al­ters, gar eines neuen Jahr­tau­sends, Bilan­zie­run­gen wie Aus­bli­cke durch­aus ange­bracht sind, über­treibt Berg hier ein­mal den aktu­el­len Zustand der Welt, um auf glo­bale Gefähr­dun­gen auf­merk­sam zu machen. Und ihr fällt kein Grund ein, warum gerade die­je­ni­gen geret­tet wer­den soll­ten aus dem all­ge­mei­nen Unter­gang, die ihn selbst von lange her vor­be­rei­tet haben.

Die ca. 40-jäh­rige Hel­din des Romans, abge­klärt und allein, wenig mehr hof­fend und inner­lich ein­ver­stan­den mit den Gewal­ten, die alles Leben um sie her lang­sam auf­zeh­ren, zu müde zur Revolte, aber einen klei­nen Fun­ken von Lebens- und Lie­bes­gier wie eine letzte Hab­se­lig­keit bewah­rend, tau­melt durch die Kulis­sen des wie­der­ver­ei­nig­ten Deutsch­lands zu einer Zeit, die kei­nes­wegs so weit in der Zukunft liegt, wie der Leser es sich gele­gent­lich wohl wün­schen mag. Alle Bedro­hun­gen unse­rer Gegen­wart sind in Bergs Dys­to­pie kon­kre­ter, ja eigent­lich unaus­weich­lich gewor­den. Seu­chen wüten. Extre­mis­ten bom­ben. Ideo­lo­gen ver­ne­beln das Den­ken. Es geht offen­sicht­lich auf das Ende zu und Erlö­sung bleibt aus, weil Liebe fehlt.

Schön ist das wahr­lich nicht. Aber wahr könnte es wer­den, denn alles, was Sibylle Berg in ihre fata­lis­ti­sche Roman­welt ein­baut – bis hin zum Atom­krieg – ist in sei­ner fata­len Ten­denz in unse­rer Gegen­wart ange­legt. Ein­ge­streut in ihren Text, damit er sich nicht im Spe­ku­lie­ren ver­liert, hat die Autorin übri­gens so genannte »Info­hau­fen«, die das Erfun­dene in Rich­tung auf das Vor­ge­fun­dene öff­nen, Inseln eines wenig beru­hi­gen­den Fak­ti­schen inmit­ten all des fik­tio­na­len Grau­ens.

Doch es gibt in »Ende gut« auch einen Flucht­punkt. Denn nach einer lan­gen Odys­see durch das kol­la­bie­rende Deutsch­land fin­det Bergs Prot­ago­nis­tin in einem stum­men (!) Mann end­lich den Gefähr­ten, auf den sie ihr gan­zes bis­he­ri­ges Leben lang ver­geb­lich gewar­tet hatte. Es geht nicht um Liebe in die­ser Bezie­hung – des­halb wohl ist sie auch halt­ba­rer -, son­dern um Sicher- und Gebor­gen­heit. Auf einem fin­ni­schen Insel­chen fin­det sich sogar ein neuer Lebens­raum, den man nicht mehr erobern muss, wie es der her­ge­brachte Stil der Gat­tung zu sein scheint, son­dern ein­fach nur still und unauf­fäl­lig bezie­hen kann. Platz zum War­ten auf das Ende, das pri­vate und das der vom Men­schen gemach­ten Welt. Ein – für Sibylle Berg mehr als unge­wöhn­li­ches – Happy-End? Wohl weni­ger. Aber der Roman endet mit dem Wort »gut« – und das ist ja schon etwas.

 

Flucht aus Wei­mar

Alles andere als gut sieht es auch im Leben von Max und Anna aus, den bei­den jugend­li­chen Hel­den aus Bergs nächs­tem Buch »Habe ich dir eigent­lich schon erzählt …« (2006). Die bei­den 14-Jäh­ri­gen leben in der DDR, genauer gesagt in einem Wei­mar, wie es die Erin­ne­rung an ihre eigene Kind­heit und Jugend der Autorin dik­tiert: eine kleine, enge, graue, pro­vin­zi­elle, Krea­ti­vi­tät behin­dernde Stadt in einem lang­wei­li­gen Land, einem win­zig klei­nen Teil Euro­pas, der sich vor sei­nen Nach­barn hin­ter Sta­chel­draht ver­steckt. Zwar gibt man hier vor, das Erbe nur der aller­bes­ten Tra­di­tio­nen der Deut­schen ange­tre­ten zu haben, doch Selbst­ver­trauen ist lei­der Man­gel­ware. Und im Namen einer Idee, an die nie­mand mehr so rich­tig glaubt, bespit­zeln sich viele Ein­woh­ner des Lan­des sogar gegen­sei­tig.

»Habe ich dir eigent­lich schon erzählt …« ist ein Buch für Jugend­li­che unse­rer Tage. Viel­leicht tut sich Sibylle Berg genau die­ser Adres­sa­ten wegen ein­mal nicht so schwer mit dem Thema »Liebe«. Denn natür­lich kom­men ihre zwei Hel­den zusam­men und machen sich gemein­sam auf die Flucht aus den unleb­ba­ren Zustän­den, die sie in Wei­mar umge­ben, als wür­den sie in eiser­nen Ket­ten lie­gen. Und weil Anna und Max jung genug sind, um sich stau­nend und mit allen Sin­nen der sich ihnen plötz­lich eröff­nen­den Gefühls­welt hin­zu­ge­ben, bekommt auch ihre unschul­dige Liebe, die jeden der bei­den im jeweils ande­ren sich selbst erken­nen lässt, etwas Zukunfts­träch­ti­ges und lässt sie gemein­sam viele schwie­rige Situa­tio­nen, die sich ihnen auf der Flucht nach Rumä­nien, von wo aus sie ille­gal in das Land ihrer Träume, die Tür­kei, zu gelan­gen hof­fen, über­win­den.

Ein «Mär­chen für alle« hat Sibylle Berg das schmale Buch genannt. Und ein Mär­chen mit glück­li­chem Aus­gang ist es auch. Nicht jedes erzählte Detail darf man glau­ben. Nicht auf jeder Seite über­zeugt der Text. Ein­ge­fleischte Berg-Leser wer­den sich von sei­nem Anfang ange­zo­gen füh­len, Leser, denen Sibylle Berg mit die­sem Roman zum ers­ten Mal begeg­net, eher von sei­nem Schluss. Kri­ti­sche Leser wer­den ver­mer­ken, dass es der Autorin nicht immer gelingt, das Rede­wech­sel­spiel zweier 14-Jäh­ri­ger adäquat  des Alters in Szene zu set­zen. Man­ches , was die bei­den äußern, klingt wirk­lich zu alt­klug. Aber ansons­ten ist da viel in die­sem Buch, womit Sibylle Berg in den Roma­nen davor eher geizte: Mensch­lich­keit und Über­le­bens­wil­len, Fan­ta­sie und Freund­lich­keit, Hoff­nung und eben Liebe.

 

Kein Glück. Nir­gends

Nach­dem  »Habe ich dir eigent­lich erzählt …«  end­lich ein­mal ein Berg-Text war, den man mit einem Lächeln im Gesicht ver­las­sen konnte, ste­hen bereits in ihrem nächs­ten, ein gutes Jahr spä­ter ver­öf­fent­lich­ten  Roman »Die Fahrt« (2007) wie­der Men­schen »… unkla­ren Alters mit einer gro­ßen Lebens­mü­dig­keit« im Mit­tel­punkt. In 79 kur­zen Kapi­teln nimmt uns Sibylle Berg mit in das Leben von 36 Haupt­per­so­nen  an unter­schied­lichs­ten Schau­plät­zen auf der gan­zen Welt. Man begeg­net Fre­de­rick und Fatma, Svenja und Susanti, Mr Ling (ohne Punkt hin­ter dem Mr) und Frau Katz, Nus­rat und Parul und so wei­ter und so fort. Nicht nur, weil einige die­ser Figu­ren in meh­re­ren Kapi­teln auf­tau­chen – Spit­zen­rei­ter sind die Damen Pia, Helena und Miki mit 8 bzw. 9 Auf­trit­ten -, son­dern auch, weil sich Lebens­wege kreu­zen, die glei­chen Situa­tio­nen aus dem Fokus mal der einen, mal der ande­ren Per­son erzählt wer­den, darf sich das Ganze Roman nen­nen, auch wenn es den tra­di­tio­nel­len Rah­men die­ses erzäh­le­ri­schen Gen­res um eini­ges sprengt.

Man könnte sogar von einem »Rei­se­ro­man« – bes­ser viel­leicht noch: »Rei­se­patch­work« -spre­chen, denn die meis­ten von Sibylle Bergs Hel­din­nen und Hel­den sind per­ma­nent auf Achse. Tau­chen mal in Europa auf, mal in Asien. Füh­len sich in Thai­land ebenso fehl am Platz wie in den New Yor­ker Hamp­tons. Bekom­men keine Luft in Bom­bay, kei­nen Mann in Bish­kek und kei­nen Fuß auf den Boden des ame­ri­ka­ni­schen Traums in Venice Beach, Flo­rida. Kurz und gut: »Die Fahrt« ist voll von Figu­ren, wie ihre Autorin sie immer wie­der in ihren Büchern auf­tre­ten lässt: Sucher, die nichts fin­den, trost­lose »Erwach­se­nen­ma­schi­nen«, Tou­ris­ten unter­wegs zu sich selbst ohne je anzu­kom­men.

Mit sei­nem ers­ten und dem abschlie­ßen­den Kapi­tel umrahmt der Roman die vie­len klei­nen Bin­nen­ge­schich­ten, aus denen er besteht. »Die Fahrt« beginnt in Reyk­ja­vik und dort geht sie auch zu Ende. Trau­ert in kapi­tel 1 der Islän­der Gun­ner Gustaf­son um seine Frau Gabri­ella, so hat er sein Haus 350 Sei­ten spä­ter an Frank und Ruth ver­mie­tet, die sich nach vie­len indi­vi­du­el­len Irr­we­gen getrof­fen und beschlos­sen haben, fortan ihr klei­nes Glück abseits der gro­ßen Städte, der vie­len Men­schen und all jener Ideen zu fin­den, die sie nur ein­sa­mer, nicht zufrie­de­ner gemacht haben. Doch Frank ist krank und stirbt in Ruths Armen, bevor sich bewahr­hei­ten kann, was bei­den wie die späte Summe aus all ihren Erfah­run­gen erschien – dass es zum Glück nichts Gro­ßes braucht, nichts von außen an den Men­schen Her­an­ge­tra­ge­nes, son­dern nur die har­mo­ni­sche Zwei­sam­keit, das Sich-mit­ein­an­der-Wohl­füh­len zweier Men­schen, für die alles andere dann in weite Ferne rückt.

Nur die wenigs­ten von Bergs Figu­ren erhal­ten die Chance, zu sol­chen Erkennt­nis­sen durch­zu­drin­gen. Die Welt der vie­len ande­ren dreht sich im Kreis und sie dre­hen sich mit. Het­zen von Ort zu Ort, um über­all das­selbe zu fin­den. Fra­gen sich in der Fremde, warum sie die Hei­mat ver­las­sen haben, und in der Hei­mat, wel­che Fremde vol­ler uto­pi­scher Ver­spre­chen sie als nächs­tes pro­bie­ren soll­ten. Nir­gendwo gefällt es ihnen. Über­all kon­sta­tie­ren sie Umwelt­zer­stö­rung, Chaos und Schmutz – Schmutz, der wie eine alles gleich­ma­chende Kruste die Erde bedeckt.

Sibylle Berg gebär­det sich als zor­nige Pro­phe­tin in die­sem Roman. Kaum etwas besteht vor ihrem Blick auf unse­ren Pla­ne­ten. Alle Wege, die sich ihren Figu­ren eröff­nen, füh­ren letzt­end­lich in zuge­müllte Sack­gas­sen. Was immer man auch pro­biert – es miss­lingt. Nicht ein­mal einem Tsu­nami halb­wegs heil ent­kom­men zu sein, ist Grund für Freude – das nächste Unglück lau­ert bereits um die Ecke. Aber sind all die halb­ver­rück­ten Sinn­su­cher nicht selbst schuld? All  die Ruck­sack­tou­ris­ten und Kib­buz-Jün­ger in bereits fort­ge­schrit­te­nem Alter? Die Lika­tier zu Füs­sen ebenso wie die Anhän­ger des uralten ame­ri­ka­ni­schen Traums oder jenes neue­ren Ver­spre­chens, auf­grund des­sen man sich in die Maschen des welt­wei­ten Net­zes wirft? Gehör­ten denen nicht zuerst die Levi­ten gele­sen?

Sicher­lich betreibt die Autorin auch stille Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik. Wo die Gewin­ner der Glo­ba­li­sie­rung und ihre Ver­lie­rer zu suchen sind, ist ihr schon klar – da, wo sie das aus­sichts­lose Leben Letz­te­rer beschreibt, wirkt ihr Buch im Übri­gen am authen­tischs­ten und inten­sivs­ten. Aber sie hütet sich, mit Lösun­gen hau­sie­ren zu gehen. Allzu viel wurde auf die­sem Markt schon feil­ge­bo­ten und nichts davon hat sich wirk­lich bewährt. Es gibt eine Art Glück, sehr fra­gil, immer gefähr­det. Aber schon, wenn man den Weg zu ihm hin­aus­po­saunt in die Welt, hört es auf zu exis­tie­ren.

Nach dem – fast happy enden­den – Mär­chen Habe ich dir eigent­lich schon erzählt … (2006) kehrt Sibylle Berg mit ihrem bis dato umfang­reichs­ten Roman nicht nur zu ihren ästhe­ti­schen Wur­zeln zurück, son­dern auch zu alten Über­zeu­gun­gen: Kein Glück. Nir­gends. Noch wei­ter hat sie ihre geo­gra­fi­schen Hori­zonte hin­aus­ge­scho­ben, in »Die Fahrt« umfasst ihr Blick prak­tisch die gesamte Welt. Doch über­all sieht es fins­ter aus – mit Aus­nahme eines win­zig klei­nen Punk­tes, wo »nur vier Stun­den ein schwa­ches Licht« leuch­tet. Nur sehen es die meis­ten nicht.

 

Leben mit einem Mann ohne Eigen­schaf­ten

Nach­dem man glück­li­che Paare in den Büchern Sibylle Bergs lange ver­geb­lich suchte (Aber wer suchte die schon bei die­ser Autorin?) – in der Regel leb­ten und lieb­ten, hoff­ten und harr­ten, sehn­ten und beweg­ten sich ihre Hel­den immer anein­an­der vor­bei -, erschien 12 Jahre nach ihrem lite­ra­ri­schen Debüt plötz­lich ein Bezie­hungs­ro­man aus Bergs Feder: »Der Mann schläft« (2009).  Es ist die Geschichte einer Ich-Erzäh­le­rin, der aus hei­te­rem Him­mel ein männ­li­cher Gefährte in den Schoß fällt, der weder Vor- noch Nach­na­men trägt, nicht schön ist, aber auch nicht häß­lich, kaum dem ent­spricht, »was man gemein­hin als Kleinod bezeich­nete«, aber flei­ßig Bezie­hungs­punkte sam­melt, indem er der ein­sa­men Schrei­be­rin von Gebrauchs­an­lei­tun­gen (!) das Gefühl gibt, sie sei nichts als lie­bens­wert. Im Übri­gen ver­bringt er viel Zeit im Bett – und das gewöhn­lich schla­fen­der­weise, wie der Buch­ti­tel ja bereits andeu­tet.

Das muss ein in den Berg­schen Fata­lis­mus und den sich dar­aus ent­wi­ckeln­den Schreib­fu­ror ver­lieb­ter Leser erst ein­mal schlu­cken. Doch nach­dem man sich ein paar Dut­zend Sei­ten lang ver­wun­dert die Augen gerie­ben hat ob die­ser schein­bar radi­kal neuen Sicht auf die Dinge des Lebens, errei­chen  einen schon bald beru­hi­gende Signale. Denn gut geht auch diese so har­mo­nisch begin­nende Geschichte nicht aus. Obwohl es auf einer der zwei Zeit­ebe­nen, die Sibylle Berg gekonnt auf­ein­an­der zulau­fen lässt, bis die erin­nerte Ver­gan­gen­heit mit dem letz­ten Kapi­tel die erzäh­le­ri­sche Gegen­wart erreicht, ziem­lich men­schelt, wird nur allzu bald klar, dass das Aben­teuer »Paar­be­zie­hung« zu dem Zeit­punkt, da es erzäh­le­risch reani­miert wird, schon längst vor­bei ist. Von einem Gang vor die Tür wäh­rend eines gemein­sa­men Asi­en­ur­laubs kehrt »der Mann« nicht mehr zurück.

Vor­her frei­lich ent­wi­ckelt sich fast so etwas wie eine ideale Zwei­er­be­zie­hung. Fernab jeder puber­tä­ren Auf­ge­regt­heit und auch nahezu jen­seits aller hirn­ver­ne­beln­den Nur-Sexua­li­tät tref­fen da zwei vom Leben bis­her nicht eben mit Samt­hand­schu­hen ange­fasste Men­schen auf­ein­an­der. Und es scheint zu funk­tio­nie­ren. Fast von allein. Oft ohne Worte. Und leise amü­siert ange­sichts der mit ver­ba­len Nich­tig­kei­ten und hoh­len Bezie­hungs­ri­tua­len sich ringsum wei­ter abspie­len­den mensch­li­chen Komö­die unse­rer Tage, die die Erzäh­le­rin desto gelas­se­ner zu ertra­gen scheint,  je enger sie sich in ihr spä­tes Glück ein­spinnt.

Bergs ers­tes Buch nach ihrem Ver­lags­wech­sel  vom Köl­ner ver­lag Kie­pen­heuer & Witsch nach Mün­chen zum Han­ser Ver­lag ist rou­ti­niert erzählt und hat für sein Thema die adäquate Form gefun­den. Den­noch über­zeugt es über weite Stre­cken nicht. Das könnte auch daran lie­gen, dass sein – kei­nes­wegs iro­nisch gespie­gel­ter – Gegen­stand es in die Nach­bar­schaft von Tex­ten rückt, mit denen auf einem Reg­al­brett zu ste­hen eine Zumu­tung für die Autorin dar­stel­len dürfte. Liebe macht blind, sagt man. Im Falle von »Der Mann schläft« tut sie ein Übri­ges: Sie ent­schärft eine Prosa, an der wir bis­her immer gerade ihre kom­pro­miss­lose Unver­söhn­lich­keit bewun­dert haben.

 

Gegen gute Men­schen ist kein Kraut gewach­sen

Mit »Vie­len Dank für das Leben« (2012) kehrte Berg drei Jahre spä­ter der roman­ti­schen Zwei­er­be­zie­hung den Rücken zu. Schluss war (end­lich) wie­der mit veliebt tuen­den Schnarch­sä­cken wie dem namen­lo­sen Hel­den aus »Der Mann schläft«, der sich meis­tens in der Hori­zon­ta­len auf­hielt und mas­ku­li­nes Impo­nier­ge­habe nicht zu ken­nen schien. Unter Ein­satz ihrer gan­zen Schwarz­seh­kunst und mit einer Haupt­fi­gur, wie sie von allen momen­tan auf  Deutsch Schrei­ben­den wohl nur Sibylle Berg hat ein­fal­len kön­nen, kehrte sie zu ihren Wur­zeln zurück.

Die Haupt­fi­gur in »Vie­len Dank für das Leben« trägt  den Namen Toto, was ein biss­chen nach ita­lie­ni­schem Neo­rea­lis­mus und ein biss­chen nach das Leben über­trei­ben­der Clow­ne­rie klingt. Von bei­dem hat die Geschichte, die im kal­ten Som­mer des Jah­res 1966 in der DDR beginnt, tat­säch­lich etwas. Wie bereits in »Habe ich dir eigent­lich schon erzählt« malt Sibylle Berg die Welt, in die sie selbt hin­ein­ge­bo­ren wurde, grau in grau. Es riecht durch­drin­gend nach Kohl und mit dem leicht zugäng­li­chen Anti­de­pres­si­vum Alko­hol hel­fen sich viele der auf­tre­ten­den Figu­ren dar­über hin­weg, dass der Traum von einem neuen, bes­se­ren Leben und die in des­sen Namen gebaute Wirk­lich­keit immer wei­ter aus­ein­an­der­drif­ten: »Der  glück­li­che Volks­kör­per wollte sich nicht ein­stel­len …«.

Aber auch Bergs Held Toto ist alles andere als voll­kom­men. Als Herm­aphro­dit ver­bringt er die ers­ten Jahr­zehnte sei­nes Lebens als Mann, spä­ter, wenn es ihn – mehr aus Zufall denn gewollt – in den west­li­chen Teil Deutsch­lands ver­schla­gen hat – wagt er den Neu­an­fang als Frau. Doch das ändert nichts daran, dass Toto, wo immer er/sie auch auf­taucht, ein Fremd­kör­per ist, zuver­läs­sig gehasst von all jenen, denen er/sie eigent­lich nur Gutes tun will.

»Vie­len Dank für das Leben« bedient sich der rei­chen For­men­spra­che, die Sibylle Berg in den vor­her­ge­hen­den zwei Jahr­zehn­ten für sich ent­wi­ckelt hat und die ihre Bücher wie­der­erkenn­bar macht. Kurz­bio­gra­fien von Neben­fi­gu­ren wer­den schlag­licht­ar­tig in den Text ein­ge­blen­det, der die Welt  aus stän­dig wech­seln­den Per­spek­ti­ven ein­fängt. Und bereits die Kapi­tel­über­schrif­ten – mehr als die Hälfte der Buch­ab­schnitte trägt schlicht die Titel­zeile »Und wei­ter.« – ver­mit­teln das Gefühl einer Hoff­nungs­lo­sig­keit, der nicht zu ent­kom­men ist. Um Plau­si­bi­li­tät schert sich Sibylle Berg bei all dem wenig, ver­mei­det weder Kli­schee noch Kol­por­tage, trägt dick auf, um nur ja kei­nen Zwei­fel daran auf­kom­men zu las­sen, was sie von den gro­ßen Plä­nen zur Ver­bes­se­rung der Mensch­heit hält, die immer wie­der auf Null zurück­ge­setzt wer­den, um beim nächs­ten Anlauf erneut und noch gran­dio­ser zu schei­tern.

Nein, gegen die Men­schen, so erfährt man, ist kein Kraut gewach­sen. Oder mit den Wor­ten der Autorin selbst: «Dege­ne­riert mögen sie sein, von Tumo­ren zer­setzt, doch die ster­ben nicht aus, die gewöh­nen sich an alles. Die Men­schen.«

 

Was macht das Leben span­nend auf der Ziel­ge­ra­den?

Bergs Hel­den in ihrem bis dato letz­ten Roman »Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand« (2015 ) hei­ßen Ras­mus und Chloe. Zwan­zig Jahre sind der Thea­ter­re­gis­seur, mit dem es lang­sam bergab geht, und die Anti­qua­rin mit­ein­an­der ver­hei­ra­tet und eigent­lich scheint alles in bes­ter Ord­nung zu sein. Doch wäh­rend eines Auf­ent­halts in einem Land der Drit­ten Welt – Ras­mus will hier Thea­ter mit jugend­li­chen Lai­en­schau­spie­lern machen – beginnt Chloe, über ihre Ehe nach­zu­den­ken. Im Grunde scheint die Sache noch zu funk­tio­nie­ren wie eh und je – allein der Sex ist nicht mehr ganz so pri­ckelnd, wie er am Anfang war. Aber ist das so wich­tig, wenn man sich liebt? Kühlt nicht jede Bezie­hung irgend­wann ein­mal ab? Und sollte man nicht eher dank­bar sein, wenn die Hor­mone einen nicht mehr in jede Venus­falle locken?

Aber wer denkt schon so ratio­nal, wenn er Mitte 40 ist, anfängt, Spie­gel zu mei­den, auf­ge­hört hat, seine Geburts­tage zu fei­ern, und sich ohne­hin von den Kran­ken­kas­sen ver­ra­ten fühlt: »Es wird schlech­ter, egal, was uns die Kran­ken­kas­sen erzäh­len von einem erfüll­ten Alter. Es wird schlech­ter, anstren­gen­der, die Augen ver­sa­gen, das Gehör fällt aus, die Osteo­po­rose nagt. Die Men­schen sind für die soge­nannte zweite Lebens­hälfte nicht gemacht. Wie sehr auch alle bekräf­ti­gen, wie groß­ar­tig das Leben sei mit die­sem ent­span­nen­den Wis­sen, über das sie im Alter ver­fü­gen, die Wahr­heit ist: Kei­ner braucht alte Men­schen mit ihren Weis­hei­ten. Die Jun­gen wün­schen sich nur, dass die Alten ver­schwin­den, und damit haben sie recht.«

Nicht unbe­dingt poli­tisch kor­rekt, wie Chloe denkt. Aber das ken­nen die Leser ja von den Hel­din­nen Bergs und viel­leicht liest man diese Autorin auch gerade des­halb so gern, weil sie kein Blatt vor den Mund nimmt, gerne auch ein­mal über­treibt und Rea­les in Gro­tesk-Sur­rea­les kip­pen lässt. Schön fühlt sich das »War­ten auf den Tod«, als das Bergs Hel­din ihr Leben begreift, jeden­falls nicht an, wenn beide Part­ner nur noch mehr oder weni­ger still vor sich hin mas­tur­bie­ren und ihr über­ra­gen­des, von gegen­sei­ti­gem Ver­ste­hen getra­ge­nes Mit­ein­an­der letz­ten Endes schuld daran zu sein scheint, dass man eigent­lich nie »sexu­ell die Sau raus­las­sen« kann.

Da kommt Benny gerade recht. Der Mas­seur aus dem Mor­gen­land mit sei­nem per­fek­ten Kör­per gibt Chloe all das, wonach sie sich gesehnt hat. Zwar lässt er intel­lek­tu­ell ein paar Wün­sche offen, doch die kann sie sich ja spä­ter von ihrem Mann erfül­len las­sen. Im Moment jeden­falls ist sie kom­plett über­wäl­tigt von die­ser viel­leicht letz­ten Lei­den­schaft ihres Lebens, wen­det ihrem schal gewor­de­nem Ehe­glück den Rücken zu und kann von Benny auch dann nicht las­sen, nach­dem sie mit Ras­mus wie­der in Deutsch­land ist. Also wird der Lover nach­ge­holt und es beginnt eine merk­wür­dige Ménage a trois, in der der Ehe­mann schließ­lich der­je­nige ist, der dem wil­den Trei­ben der bei­den ande­ren vom Nach­bar­zim­mer aus zuhö­ren muss.

»Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand« ist ein Roman, der viele The­men und  Motive, die man aus der Roman­welt Sibylle Bergs bereits kennt, noch ein­mal bün­delt. Wit­zig, ele­gant, ein biss­chen por­no­gra­fisch, ein biss­chen pro­vo­kant, nichts­des­to­trotz wun­der­bar les­bar und zum Nach­den­ken anre­gend. Keine Welt­erklä­rung aus dem Geiste des Nihi­lis­mus wie sein Vor­gän­ger »Vie­len Dank für das Leben« – aber streit­bar und weise. Als moder­ner Ehe­rat­ge­ber frei­lich taugt das Buch weni­ger. Denn wel­che Erkennt­nis soll man aus der Geschichte schon zie­hen? Geht es doch Chloe mit ihrem neuen Lover nicht anders als mit allen ande­ren vor­her – am Ende steht die Ent­täu­schung: »Nun geh schon, denke ich, geh schon […] Die Haus­tür schlägt hin­ter ihm zu. Ich beginne auf­zu­räu­men. In zwei Wochen darf Ras­mus nach Hause.«

 

Von Bay­reuth bis Bang­kok – ein etwas ande­rer Blick auf die Welt

»Wun­der­bare Jahre« hat Sibylle Berg ihr bis dato letz­tes Buch über­schrie­ben. Es ist kein Roman, son­dern eine Samm­lung von Rei­se­re­por­ta­gen, bei denen es sich haupt­säch­lich um über­ar­bei­tete Kolum­nen der Autorin aus den letz­ten zwei Jahr­zehn­ten han­delt. Allein von nai­ver, tou­ris­ti­scher Welt­be­sich­ti­gung mit wegen all des Exo­ti­schen weit auf­ge­ris­se­nen Augen kann hier bei­leibe nicht die Rede sein. Man zögert sogar, Bergs Texte mit her­kömm­li­chen Rei­se­be­rich­ten gleich­zu­set­zen, weil einem unterm Strich die Lust aufs Rei­sen mehr genom­men denn gemacht wird.

Vom Bay­reu­ther Fest­spiel­haus bis in die Kabine eines jener Oze